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Full text of "Jahrbuch für romanische und englische Literatur"

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JAHRBUCH 


FÜR 


| ROMANISCHE mo ENGLISCHE 
LITERATUR 


UNTER BESONDERER MITWIRKUNG 


voN 


FERDINAND WOLF 


? 
HERAUSGEGEBEN 


VON 


Dr. ADOLF EBERT, 


PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT MARBURG, 


ZWEITER BAND. 





BERLIN, 


FERD. DÜMMLER’S VERLAGSBUCHHANDLUNG 
und A. ASHER & Co. 


1860. 


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Inhalt. 


Seite 
L’Eneide de Henri de Veldeke et Le Roman d’Eneas, attribué à 
Benoit de Sainte-More; par Alexandre Py . . 1 
Die spanischen Sprichwörter als Element der Verskunst betrachtet; 
von José Amador de los Bios . . . . . 46 


Le dit du Magnificat von Jean de Condé; von à Adolf Tobler . . 82 
Kritische Anzeigen: 
English and Scottish Ballads, selected and edited by F. J. Child; 


angezeigt von Adolf Wolf . . . . 106 

The Works of Shakespeare ed. by Dres angerigt von Tycho 
Mommsen . . + . 115 
Miscelle: Real, Real ! von Felis Liebrecht . 5 + + + + + . + 119 


Ein weiterer Beitrag zur Geschichte der romantischen Poesie; von 


Felix Liebrecht . . . . . . . . 121 
Virués’ Leben und Werke; vom Freiherm + von Münch . … + … 139 
Der erste historische Roman im spanischen Süd-Amerika; von Ferd. 

Wolf . ,.. ne + + + + + 164. 
Das Neueste zur Ossian-Frage; von Dr. Heller een. 183 


Kritische Anzeigen: 
The Ballads of Scotland, edited by W. E. Aytoun; angezeigt 


von Adolf Wolf. . . . . 204 
A volume of ocabulariess edited by Th. Wright angezeigt von 
A. v. Keller . . . . 221 


Du poème du Cid dans ses analogies avec la chanson de Ro- 
land, par E. Baret; angezeigt von W. L. Holland . . . . 225 

La Satire en France au moyen-âge par C. Lenient; angereigt von 
Eugène Talbot . . . . 227 

À Glossarial Index to the printed english literature of the thir- 
teenth century, by H. Coleridge . . . . . . . . . . 236 





, 


IV Inhalt. 


Seite 
Zur Geschichte der catalanischen Literatur; von Adolf Ebert . . 241 
Der catalonische Cauçoner d’amor der Pariser Bibliothek; von Karl 
Bartsch. . . . 280 
Guiceiardini’s Unedirte Werke; erster Artikel: seine  Considerazioni 
und Ricordi; von Enrico Cornet .. 0... 293 
Die Quellen des „Barlaam und Josaphat“; : von | Feliz Liebrecht . 314 
Jnedita aus dem Breviari d’amor; von Dr. Sachs. . . . . . . 335 
Kritische Anzeigen: 
La vie de Saint Thomas par Garnier de Pont Sainte-Maxence, 
publ. par Hippeau; angezeigt von Alexandre Peÿ . . . . 358 
Miscellen: Ueber den Roman de la Poire; von W.L. Holland. . 365 


Jahresberichte: 
Die englische Nationalliteratur im Jahre 1859; von Dr. H. Beta 369 
Die Nationalliteratur der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika 
in den Jahren 1858 und 1859; von F. A. March. . . . . 393 
Die italienische Nationalliteratur im Jahre 1859; von Justus Grion 404 
Die spanische Nationalliteratur in den Jahren 1858 und 1859; 


von Jose Amador de los Rios . . . . . 2: 2 2 2.0.4612 
Bibliographie des Jahres 1859 . . . . . . . . . ... . . 436 


Register. . 2 . . CE . . . . . . . . . , . . . . 487 








L’Eneide de Henri de Veldeke et Le Roman 
d’Eneas 


attribué à Benoit de Sainte-More. 


Dans la préface de son excellente édition de Veldeke, 
L. Ettmüller, après avoir établi qu’une Enéide française a 
dû servir de modèle à l’Enéide allemande, exprimait le re- 
gret que cette oeuvre importante pour l’histoire de deux 
littératures n’eüt pas été retrouvée: nous ne pouvons donc 
dire, ajoutait-il, dans quelle mesure le minnesinger a imite 
le trouvère; mais nous ne doutons pas qu’il ne l’ait suivi 
fidèlement dans la conduite générale du poëme. , Das fran- 
zösische Gedicht ist bis jetzt noch nicht wieder aufgefun- 
den; es läfst sich daher auch nicht sagen, wie Heinrich 
zu seinem Vorbilde sich verhalte; wahrscheinlich jedoch 
ist er ihm im Ganzen treu gefolgt“. Heinrich von Vel- 
deke, XIX, 

Au moment où Ettmüller écrivait sa préface (le jour 
de la Saint Conrad, 1851), l’existence du roman d’Eneas 
n’avait encore été signalée au monde littéraire que par 
quelques lignes de M. P. Paris, dans son précieux travail 
sur les Manuscrits de la Bibl. Royale, et nous ne sommes 
pas étonné que cette rapide mention eût échappé au savant 
allemand. Depuis, au mois de mai 1856, nous avons pu- 
blié de ce poëme une analyse ') qui, bien que succincte et 
tracée uniquement en vue d’une comparaison avec Virgile, 





1) Essai sur li romans d’Eneas, d’après les manuscrits de la Bibliothèque 
. imp., Paris, Firmin Didot. 
II. 1. 1 


2 Pey 


suffirait déjà pour montrer que les conjectures d’Ettmüller' 
étaient parfaitement fondées. Aujourd’hui nous allons étu- 
dier la composition attribuée à Benoit de Sainte-More, non 
plus dans ses relations avec l'original latin, mais dans ses 
rapports avec l’imitation allemande; et il ressortira de ce 
rapprochement, que non seulement Henri de Veldeke a re- 
produit fidèlement l’ensemble (das Ganze) du roman fran- 
çais, mais encore qu’il en a copié et traduit fort exacte- 
ment presque tous les détails. 

Afin de permettre le plus tôt possible à nos lecteurs 
d'apprécier la valeur de cette assertion, nous aborderons 
sur le champ l'examen comparatif des deux poëmes; et 
remettant à un moment plus opportun toute considération 
générale, nous donnerons seulement ici l'indication de nos 
sourcés. 

Nos citations du Roman d’Eneas seront prises dans le 
mahuscrit 7535 (Cangé) de la Bibliothèque Impériale, le 
meilleur, selon nous, le plus complet et probablement le 
plus ancien texte que nous possédions de ce roman. 

Les passages de l’Enéide allemande que nous croirons 
devoir mettre en regard, seront empruntés à l'édition de 
Veldeke dont nous avons parlé plus haut: Dichtungen des 
deutschen mittelaliers, Bd. VIII. Heinrich von Veldeke. Leip- 
zig, G. J. Göschen. 1852. 8°. 


Benoit de Sainte More entre en matiere un peu au- 
trement que Virgile. Quand Ménélas, dit-il, eut mis le 
siège devant Troie, il ne quitta pas la ville qu’il ne l’eût 
prise. Entres dans ses murs par trahison, les Grecs mi- 
rent tout à feu et à sang; ils n’épargnèrent ni prince, ni 
duc, ni comte. Cependant Eneas, averti par sa mère Vé- 
nus, parvint à s'échapper. Il sortit de la cité en flammes, 
tenant son fils par la main, et faisant porter derrière lui 
son vieux père. Pendant le trajet, beaucoup de Troyens 
s’etaient joints à lui, et, quand il fut arrivé sous un grand 
arbre, 1l s’arrêta et demanda à ses compagnons s'ils vou- 
laient gagner sous sa conduite quelque terre hospitalière, 
ou s'ils préféraient retourner sur leurs pas pour venger 


u 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 3 


leurs amis et leurs parents, Trop peu nombreux et trop 
découragés pour prendre ce dernier parti, ils se décident 
à suivre Eneas. Une étoile leur montre le chemin et les 
conduit au rivage, où ils tronvent vingt barques apparte- 
nant aux Grecs. Ils s’y précipitent, et bientôt ils sont en 
pleine mer. 

Henri de Veldeke débute exactement de même, et 
nous retrouvons dans son récit tous les traits principaux 
du poëte français. Dans le minnesinger comme dans le 
trouvère, Eneas réunit autour de lai trois mille guerriers 
„trois mille escus“ „drü tüsent schilde“, il trouve sur le 
rivage „XX bones barges Que li Griu orent guerpies, Bien 
aornées et garnies“ „Dö vant her zwênzich Kiele, Wol 
bereit und gespiset.... Die Griechen liezen sie dä“; enfin 
dans les deux poëmes le prince troyen tient à ses compa- 
gnons le même langage et en reçoit la même réponse plus 
prudente qu’heroique: 


„Nu saget mir üwern mut, 


Demanda lor communement Waz üh dar umbe dunke güt; 
S'il se vauront à lui tenir, Ob wir lebende wellen hinnen komen 
Et bien et mal od lui sofrir; Oder wider kéren 

U s’il vauront retorner ens, Und sterben mit êren 

Venger la mort de lor parens; Und unser frunt rechen. 

Près est de faire lor plaisir, Swaz ir wellet sprechen, 

Del retorner et del sofrir. Daz ü allen lieb si, 

Mius s’en volrent od lui fuir, Des is mir getorret stän bi, 
Que retorner ens por morir; Des helfe ich à, ob ich mach.“ 
Car n’ert mie grans lor effors, Ir iegelicher des erschrach, 

Tost les aroient li Griu mors. Do ez an daz sterben solde gân: 
Cil dient tot del repairier, Dö dühte sie daz baz getän, 


Ne del combatre n'ont mestier. Daz sie daz lant rûmden 
(f°.83, recto, colonne c. vers 43 Denn sie sich d& versümden 
et sqq.) Und rüm dä erworben, 
D& si umbe erstorben. 
(Ed. cit. p. 19, v. 27 et sqq.) 


Dans le passage qu’on vient de lire, Henri de Veldeke 
paraphrase un peu son modèle; il va maintenant le résu- 
mer, sans cesser pour cela de le suivre pas à pas. Il dé- 
crira moins longuement que Benoit de Sainte-More, la tem- 
pête excitée par Junon, mais il la fera, comme lui, cesser 

* 


4 Pey 


d’elle-m&öme le quatrième jour, sans l’intervention de Nep- 
tune. Comme lui aussi, il racontera tout autrement que 
Virgile l’arrivée d’Enee à Carthage. La gracieuse appa- 
rition de Vénus à son fils est supprimée par les deux poëtes 
du moyen-äge; suivant eux le chef troyen reste sur le 
rivage et se borne à envoyer à la découverte dix cheva- 
liers commandés par Ilionée. Ceux-ci arrivent à la ville 
que bâtissait alors Didon. Veldeke renonce à décrire la 
cité nouvelle; „il est forcé d’abreger et ne peut repro- 
duire tous les développements où Virgile est entré à ce 
sujet : 

Ez wäre ze sagenne alze lank 

Umbe die borch märe, 

Wie si gebüwet wäre. 

Des Virgiliüs der helt 

In sinen büchen dar von zelt, 

Des scholen wir vil lâzen 

Unde nâch der mâzen 

Die rede harde korten“. (p. 26, v. 14 et sqq) 


Ce passage semble formel et pourrait faire croire que 
Veldeke a eu sous les yeux l’épopée latine; nous y voyons 
au contraire une preuve de plus que notre minnesinger n’a 
jamais consulté d’autre Enéide que le Roman d’Eneas. 
C’est dans Benoit de Sainte More et non dans Virgile que 
se trouve cette longue description qu’il se dit oblige d’e- 
courter. Virgile a tracé en quinze vers le tableau de Car- 
thage naissante (I, 425-—440); Benoit en a consacré près 
de deux cent cinquante aux merveilles de la ville afri- 
caine; et bien que le minnesinger ait laissé de côté la plu- 
part des inventions du trouvère, il a fait encore à son mo- 
dèle des emprunts assez nombreux et surtout assez carac- 
téristiques pour que nous puissions indiquer à coup sûr la 
source où il a puisé. Quand il peint la cité assise entre 
la mer et de grands fleuves (Daz mer gienk einer site etc. 
p. 27 v. 11 et sqq.) et si forte qu’elle ne craignait nulle 
armée terrestre (Daz si niene vorhte ein bast Allez erdi- 
sche here), quand surtout il décrit les sept portes gardées 
chacune par un comte (ein grêve richer) commandant à 
trois cents chevaliers qui en avaient le fief (dar abe heten 








Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 5 


sie l&hen) il est évident que Veldeke n’imite pas le poëte 
romain; en revanche nous lisons au f°. 84 de notre ma- 
nuscrit: 


Li mer li bat une partie; 

Jà par iloc n’ert asalic. 

De l’autre part sont li vivier, 
Et li marois grans et plenier. 
Li mur erent espes et haut 
Qu'il ne cremoient nul assalt. 
VII. maistres des tors i avoit; 
I. quens sor cascune manoit; 
Son fie i tenoit et sa terre. 
Se ä la vile sordoit guerre, 
Cascun conte estovoit servir, 
Et .VIIe. chevaliers tenir. 


Certes l’imitation est flagrante; maïs poursuivons notre 
analyse. Accueillis fort gracieusement par Didon, les mes- 
sagers d’Eneas reviennent vers leur maître qui s’avance à 
leur rencontre et les interroge sur le résultat de leur mis- 
sion : 


Q’aves trové? — Mult bien — Et Her sprach: ‚waz habet ir funden?‘ 


quoi ? » Allez güt.“ ‚unde waz?‘ 
— Cartage. — Parlastes al roi? „Kartäg6.“ ‚waz is daz?‘ 
— Nenil. — Porcoi?— N’i a signor. „Es is ein borch here.“ 
— Que dont? — Dido maintient ,Dorch got, saget mère, 
lonor. Is si verre?‘ „Nein, s’is nâ.“ 
— Parlastes vous od li? — Oil. ‚„Fundet ir den kunich d&?‘ 


— Manace nous? — Par foi, nenil. 


— Et que dist donc? — Promet nous 
bien. 

— Seur serons? — N’i criembron 
rien; 

Ce dist la dame tyriane, 

S’en ceste tere libicane 

Voles remaindre et sojorner 

Vos nes restraindre et ratorner, 

Ne vous estuet doter de rien; 

Car el vous asséure bien. 

Par nous vous offre le sojor 

Laiens avolc li en sa tor; 


„Da nis kuneges niht.“ „Wie denne 
867° 

„Dä is diu frouwe Didô.“ 

‚Gesprächet ir si?‘ „jä wir täten.“ 

‚Wie fundet ir si?‘ „Wol beraten“. 

‚Waz enbütet sie uns?‘ „Allez güt.“ 

‚„Meinet sie cz?‘ „Jä si tüt, 

Sie enphienk uns mit minnen 

Und wil üch des brengen innen, 

Daz ir ir willekomen sit, 

Sö ir mit ir wellet sin. 


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Lâzet sis gewalden, 


6 Peÿ 


Ses services ne vous falra Si wil üch wol behalden 
Tant com prandre le vous plaira. In ir selber palas.“ 
(F°. 85, r, c, 13 et sqq.) (p. 32 v. 26 et sqq.) 


Eneas se rend sans retard à l’aimable invitation de la 
reine. Couvert de riches vêtements, monté sur un superbe 
palefroi, il s’avance, à la tête de sept vingt chevaliers, par 
les rues de la cite libicane; bourgeois, dames et chevaliers 
le regardent passer: 

N° estavoit mie demander Sine dorften niht frâgen, 


Qui de la compaigne estoit sire; Welich der here wäre: 
Sans ce que nus d’alsl’oist dire, Eneas der märe 


Conissoient trestot le roi. Was so schöne dä bevoren 
Li uns le mostre l’altre al doi; Daz er lihte was erkoren. 
Mult estoit biax et avenans, (p. 35 v. 22 et sqq.) 


Et chevalier furnis et grans; 
A tous resambloit li plus bel. 
(f9. 85 verso, a, 40 et sqq.) 


Didon avait quitte son palais pour venir au devant 
des étrangers: elle reçut Eneas avec cordialité et s’entre- 
tint longuement avec lui. Cependant, le prince troyen avait 
envoyé „son cambelain“ (sinen kamerdre) chercher sur les 
vaisseaux son fils Ascanius et des présents pour la reine. 
Venus, qui voit emmener l’enfant, est prise d’une secrète 
terreur, et pour prévenir un changement dans les disposi- 
tions jusqu'ici si bienveillantes des Carthaginois, elle com- 
munique à Ascanius, par un baiser, la faculté d’inspirer 
de l’amour à ceux qui l’embrasseront après elle. Puis elle 
s'éloigne, après avoir recommandé que personne ne le bai- 
sât, de peur d’atténuer ou de détruire la vertu qu’elle ve- 
nait de mettre en lui. En arrivant auprès de son père, 
l'enfant vole dans ses bras; la reine le prend à son tour 
dans les siens et l’accole; , mortel puison la dame i boit. 

Dans Virgile, comme tout le monde le sait, la sollici- 
tude maternelle de Vénus a recours à un tout autre expé- 
dient: elle substitue Cupidon à Ascagne qu’elle emporte 
endormi dans les bois sacrés d’Idalie. Mais on ne peut 
nier que l'invention mise par le trouvère à la place du 
merveilleux classique qu’il s’interdit autant que possible, ne 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 7 


soit fort ingénieuse, et l’on ne doit pas s’étonner que le 
minnesinger l’ait adoptée à son tour. 

Arrivé au commencement du second livre de l’Enéide, 
Benoit de Sainte-More pendant quelque temps suit son mo- 
dèle d’assez près; seulement il supprime l’épisode de Lao- 
coon, et résume en une quarantaine de vers la destruction 
de Troie, la mort de Priam, la fuite d’Enee et la mort de 
son père, c'est-à-dire tout le troisième livre de Virgile, et 
une grande partie du livre précédent. En revanche, il s’ar- 
rête avec complaisance sur les amours de Didon et d’Enee, 
et traduit à peu près tout le quatrième livre. Il se con- 
formait en cela à l’esprit et au goût de son siècle. Aussi 
Henri de Veldeke a-t-il obéi aux mêmes tendances: mais 
en les exagérant encore, de sorte qu’où le poëte français 
abrège l’épopée latine, le poëte allemand l’écourte; où le 
trouvère la développe, le minnesinger la paraphrase et l’am- 
plifie. Il serait curieux, au point de vue littéraire et esthe- 
tique d’examiner comment le caractère de Didon a été 
tracé par trois écrivains de pays et de siècles si différents, 
de comparer par exemple les plaintes et les imprécations 
que Virgile prête à la malheureuse reine avec celles que 
mettent dans sa bouche Benoit et Veldeke; mais une pa- 
reille étude nous entrainerait trop loin, et pour ne pas sor- 
tir des limites de notre sujet, nous nous bornerons à signa- 
ler dans cet épisode les passages importants pour la solu- 
tion du problème historique qui nous occupe. 

Dans le Roman d’Eneas la reine avoue à sa soeur 
sous trop de détours son amour pour le chef troyen; la 
Didon allemande y met plus de façons; quand il lui fallut 
le nommer, elle prononça d’abord: E, et puis long-temps 
après: NE, et enfin contrainte par l’amour, elle acheva: 
AS. Cette idée plus bizarre que spirituelle appartient - elle 
à Henri de Veldeke? Feuilletons son poëme, tournons une 
centaine de pages, et nous verrons Lavinie se servir du 
même procédé pour confesser à sa mère le nom de celui 
qu’elle aime. Plus pudique encore que Didon, elle ne peut 
parler, mais elle écrit; elle trace d’abord un E, puis un 
N, puis encore un E, enfin au comble de l’angoisse, elle 


8 Peÿ 


forme un A et un S. Sa mère regarda et lut: „I y a 
ici Eneas! Notre minnesinger se répète; mais cette fois 
il ne nous est plus possible de conserver la moindre illu- 
sion sur son originalité, car voici ce que nous lisons au 
même endroit dans Benoit de Sainte-More: „Dont n’a nom 
Turnus tes amis?“ demande la mère irritee; 

Nenil, dame jo vous plevis. 

— Et coment dont? — Il a nom: E; 

Dont sospira, puis redist: NE; 

D’ iloc à piece noma: AS; 

Tot en tramblant le dist et bas. 

La roine se porpensa 

Et les sillebes assambla: 

Tu m’as dit E et NE et AS, 

Ces letres sonent ENEAS! 

Veldeke n’a pas non plus imaginé l’épitaphe qu’il a 

placée sur la tombe de Didon; il n’a fait ici encore que 
traduire son modèle, comme il est aisé de s’en convaincre. 


I. epitaife i ont escrit. Die buchstaben sprächen sô: 
La letre dist qu’ iloques gist „Hie liget frouwe Didö, 
Dydo qui por amor s’ocist; Diu märe und diu riche, 
Onques ne fu mieldre paaine, Diu sich sö jämerliche 
S’ele n’eust amor soltaine; Dorch minne zü tôde erslüch.* 
Mais ele ama trop folement, Daz was wunderlich genüch. 
Savoir ne li valut nient. Sô wise sô si was |). 

(£°. 89, v. b. 59 et sqq.) (p. 80, v. 9 et aqq.) 


C’est également à l’exemple du trouvère que le min- 
nesinger supprime, ou peu s’en faut, le cinquième livre de 
V’Eneide, et qu’il résume en une quinzaine de vers le dé- 
part d’Enee de Carthage, son arrivée en Sicile et les jeux 
funèbres en l’honneur d’Anchise. Une peinture de moeurs 
antiques, une description de cérémonies et de fêtes payennes 
ne pouvait guères être goûtée au moyen-äge; par con- 
tre une descente aux enfers était en ce temps-là un sujet 
fort populaire, comme l’atteste Le Voyage de St. Brandan 





1) Il nous semble que ce dernier vers serait assez obscur (quoique très 
facile à entendre grammaticalement) si le texte français ne venait le com- 
menter. Il nous semble aussi qu'il devait faire partie de l’épitaphe, et que 
la ponctuation de ce passage devrait être modifiée, Nous soumettons cette 
observation aux savants allemands plus compétens que nous sur ce point, et 
qui ont sur nous l'avantage de pouvoir recourir au manuscrit. 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 9 


aussi bien que la divine Comédie. Le sixième livre sera 
donc traduit à peu près in extenso par nos poëtes du XII° 
siècle, et nous aurons ici matière à plus d’un rapproche- 
ment instructif. 

Le récit de Virgile est présent à toutes les mémoires: 
On se rappelle la visite d’Enee à la prêtresse de Cumes, 
les effets mystérieux de l'inspiration prophétique sur la 
Sibylle, la fureur étrange qui s'empare d’elle à l’approche 
du dieu, son visage qui se décompose, ses cheveux qui se 
hérissent, sa poitrine qui se soulève haletante... 


nn + . Cui talia fanti 
Ante foras, subito non vultus, non color unus, 

Non comptae mansere comae; sed pectus anhelum, 
Et rabie fera corda tument, majorque videri, 

Nec mortale sonans, afflata est numine quando 

Jam propiore Dei. (VI. v. 46 et sqq.) 


Ce tableau saisissant semble avoir frappé Benoit de 
Sainte - More et il a cherché à le reproduire; mais chez 
lui l'aspect effrayant de la prêtresse n’est plus le résultat 
passager de l’émotion à laquelle elle est en proie, c’est son 
extérieur habituel; la Sibylle est devenue une espèce de 
monstre : 


Ele seoit devant l'entrée, 

Tote quenue, eschavelée; 

La face avoit tote palie, 

Et la car et noire et froncie. 

Paors prandoit de son regart, 

Fame sambloit de male part. (90, r, b. 13.) 


Veldeke vient à son tour et copie ce bizarre portrait, 
en renchérissant considérablement sur l'original; c’est un 
des passages où il a montré le plus d'imagination: „La 
dame était assise dans un temple (in einem betehûs), comme 
le dit Virgilius; ses cheveux étaient longs et gris et dure- 
ment emmêlés.... Elle avait un livre à la main et lisait 
quand Eneas s’approcha d'elle. Une mousse frisée lui pen- 
dait hors des oreilles.... ses yeux étaient enfoncés pro- 
fondément sous ses sourcils, qui longs et gris lui tombaient 
sur le nez.... noire et froide était sa bouche ... ses dents 


10 


Pey 


serrées étaient longues et jaunes.... son cou et sa gorge 


noirs et plissés etc.“ 


Ce hideux personnage conduit Enée, dès qu'il s’est 
muni du rameau d’or, à l’entrée de l’Averne, et lui donne, 


pour le préserver des émanations infernales, un onguent 


inconnu à la Sibylle de Virgile: 


I. ongement li a done 

Que ele avoit o soi porté; 

Ainc puis qu'il en santi l’odor, 

N’ot mal d’icele fort puor. 
(90, v. a. 18 et sqq.) 


D6 gab sie ime ein krüt 
Si sagetim daz ez glit was 
Wider den helleschen stank. 


Einer salben gab sim ouch, 


‘ Güt unde türe 


Wider dem hellefüre u. s. w. 
(p. 88, v. 22 et sqq.) 


Eneas, après avoir passé le Léthé que Veldeke ap- 
pelle Obliviö et que Benoit se dispense de nommer, se 


trouve en présence de Cerbère: 


Cerberus est d’infer portiers: 
Garder l'entrée est ses mestiers. 
Molt par est lais à desmesure 
Et de mult orible faiture. 
Gambes et piés a tos velus 

Et les ortels a tos crocus; 

Tels ongles a com uns grifons, 
Et est couez com uns gaignons. 
Agu dos a et recorbé 

Et le ventre gros et enflé: 

Une estrume a desor l’eskine, 
Et maigre et sece la poitrine; 
Espalles grailes et bras fors, 
Les mains a teles com un tors. 
Trois testes a tel com un chien. 
Onques ne vi si laide rien. 
Com chiens abaie par costume; 
De sa boce salt une escume: 
Une erbe en naist mortele et laie, 


Nus hom n'en boit à mors nel traie. 


Quant Cerberus vit cels venir, 
Forment comenca à glatir; 
Trestos infers en resona; 

De maltalent se hireca; 


Cerberum si funden 
Der helle portenäre. 


Dô was her sö freisliche getän, 
Daz ir ez niht geloubet. 
Her hete driu houbet 
Groz und egisliche. 
Sin lib was im bewassen al 
Mit nateren und mit slangen. 
Nü wir ez sagen müzen, 
Wande wirz an den büchen lesen, 
Daz die nagele solden wesen, 
Daz wären cläwen vile scharf. 
Den schüm her üz dem munde warf 
Heiz unde bitter unde sür 
Her is ein ubil nächgebür. 
Der helle torwarde 
Der zornde vile harde, 
Dô her die menschen gesach. 
Niht langer her ne lach, 
Zornliche her üf sprank. 
Sin &dem freisliche atank, 
Wite ginete im der munt, 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. Il 


Les coloevres se comovoient Her was gestalt alsam ein hunt 
Qui environ son col estoient; Hinden unde vorne. 
Ne cessoient d’aguilloner, Her strübete sich vor zorne. 
Ne de fermir ne de trambler. Die nateren und die slangen, 
Si grant paor ot Eneas, Da her mite was bevangen, 
N’osa avant aler un pas. Sie bliesen unde gullen, 

(f°. 91, r, a, 11 et sqq.) Freisliche si bullen, 


Sô daz diu helle erwagete, 

Und als der tüvel jagete, 

Grözlich das gescrei was. 

Dé ervorhte sich Enèas. 
(p. 97 et 98.) 


Virgile apaise Cerbère en lui jetant un gâteau de miel. 
Nos poëtes du moyen-âge emploient un procédé encore plus 
simple. La prêtresse prononce „tout bellement entre ses 
dents“ „vile lise, in ir munt“ un charme qui endort le 
monstre. Le laissant devant la porte „colcies tos en roorte“ 
„gewunden alse ein schibe“, la Sibylle et son compagnon 
pénètrent en enfer. 

Eneas rencontre Didon qui se détourne, les Grecs qui 
fuient à son approche et arrive enfin près d’Anchise qui 
lui montre ses descendants. C’est d’abord Silvius qui em- 
pruntera son nom aux forêts où s’écoulera son enfance: 


Silvius, Albanum nomen, tua posthuma proles: 
Quem tibi longævo serum Lavinia conjux 
Educet silois etc... 


En une selve ci naistra, 
Et Silvius à nom ara. 

L’etymologie du nom de Silvius, affirmee positivement 
par Denys d’Halicarnasse, a été à peine indiquée par Vir- 
gile. Benoit de Sainte-More l’a pourtant saisie, et mise 
en lumière avec une certaine netteté Henri de Veldeke 
au contraire, soit qu’il ne l’ait pas comprise, soit plutôt à 
cause de l’impossibilité où il se trouvait de faire passer 
dans sa langue le jeu de mots sur lequel elle repose, le 
entièrement laissée de côté. 


Silviûs sal her genant sin 

Dä obene üf der erden 

Und sal geboren werden 

In einer wiltnisse: 

Daz wizzest vil gewisse. (p. 108, v. 22 et sqq.) 


12 Pey 


De Silvius, le trouvère passe à Silvius Eneas, puis à 
Romulus, à Jules César, et termine à César Auguste sa 
rapide revue des héros romains, sans dire un mot ni des 
Décius, ni des Gracques, ni des Fabius, ni des Scipions. 
Le minnesinger est plus laconique encore et s’arrête à Ro- 
mulus; il sépare assez brusquement Eneas d’Anchise et le 
fait sortir de l'enfer, sans nommer les portes ,eborine“ et 
„cornine*. Mais il a soin de nous apprendre que la Si- 
bylle ne quitta pas Eneas sans prendre congé de lui: , Mit 
urloub sie von ime schiet“; aïnsi le dit la chanson, ajoute-t- 
il, „Alsus saget uns daz liet“: ce qui est parfaitement 
vrai, comme on va le voir: 

Tant l’a la prestresse mené 

Que à sa gent l’a asamblé; 

Puis a congié del vassal pris; 

Si s’an revait en son pais. (f. 92, r, b. 52 et sqq.) 

De retour parmi ses compagnons, le chef des Troyens 
arrive avec eux en Lombardie où régnait le roi Latin. 
Trente chevaliers vont de sa part porter au souverain du 
pays de riches présents: 


Une corone et un mantel, Ein scepteum und ein cröne, 
Et un ceptre et un anel Ein mantel und ein vingerlin 
Que li dona par druerie Und einen koph goldin, 
Dydo quant el devint s’amie; Der des kuneges Meneläi was. 
Et une cope à chiers emax Meneläüs het in ime gegeben, 
Que li dona rois Menelax, Dö her ze ime was gesant, 
Par desos Troie, à un rivage, Dô her ze Troie an den sant 
Quant à lui ala à message. Zaller ériste quam. 

(F9. 92, v. a. 56 et sqq.) (p. 113, v 31 et sqq.) 


Les messagers furent très bien reçus par le roi Latin 
qui s’empressa d'offrir à Eneas la main de sa fille, au grand 
mécontentement de la reine. Les Troyens sont connus pour 
leur mauvaise foi, dit Amate à son époux. Eneas traitera 
Lavine comme il a traité Didon, il l’abandonnera après 
l'avoir déshonorée. — Latinus reste inebranlable; et la reine 
furieuse envoie à Turnus (le marquis suivant Benoit, le duc 
selon Veldeke) un messager pour le prévenir de ce qui se 


passe et l’engager à chasser les Troyens du pays. Le chef 
des Rutules n’est que trop porté à suivre ce conseil; mais 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 13 


il Jui manque un prétexte pour engager la lutte. Un in- 
cident fortuit le lui fournit. 

Près de Laurente était un „castel fermé“ „ein vestez 
hüs“ appartenant à un homme de haut parage nommé Ty- 
rus. Sa fille Silvia avait un cerf si bien apprivoisé qu'il 
couchait dans la chambre de sa maîtresse, mangeait le pain 
dans sa main, buvait le vin dans son hanap et s’agenouil- 
lait & ses pieds: 

Tant ert li cers de bone orine, ren 
Que la nuit servoit al mangier; Und als der here Tyrreüs 


Si ert en liu de candelier, Obe sime tische saz, 

Devant le pere à la pucele. Der hirz diende im alser az. 

Mervelle estoit li teste bele, Über sin houbet vorne 

Quant uns grans chierges li ardoit Kleibte man im an sin horne 

Sor cascun rain que il avoit; Kerzen die branden; 

Et dès que li sire bevoit, rn 

Si se levoit li cers tot droit. Her rihte sich üf 86 her trank: 
(f?.93, v. c. 2 et sqq.) Her was gelèret den site. 


(p. 132, v. 4 et sqq.) 


C'est la mort de ce cerf tué par le fils d'Enée qui 
est, dans nos poëmes du moyen-âge aussi bien que dans 
l’Enéide, le signal des hostilités entre les deux peuples. 
Mais si Benoit et son imitateur sont d'accord avec Virgile 
sur la cause et les principales péripéties de cette lutte san- 
glante, ils la peignent sous des couleurs fort différentes et 
en exagérant singulièrement les proportions. Aux cris de 
Silvia, ses frères accourent à la tête des vilains de la con- 
trée et fondent sur les vingt écuyers qui accompagnent 
Ascanius. Ceux-ci envoient chercher des renforts au camp, 
et cent chevaliers (Veldeke dit trois cents) arrivent à leur 
secours. Le fils aîné de Tyrus est tué ainsi que Dans Ga- 
lesus et les vilains s’enfuient dans le château où ils sou- 
tiennent un véritable siège. Le pont avait été levé (Die 
valporten heten si üf gezogen) et du haut des murs, ils 
lançaient des épieux aigus (Si worfen grôze steine Und 
schozzen vaste mit den bogen); mais enfin les traits leur 
manquèrent et ils furent obligés de s’enfuir par une poterne. 
Les assaillants penetrerent dans le château, le pillèrent, et 
ravagerent tout le pays. Ils chargerent de blé mille som- 


14 Peÿ 


miers, dit Benoit; ils enlevèrent beaucoup de grain et de 
farine, de viande et de vin et en remplirent plusieurs voi- 
tures, ajoute Veldeke; tout -ce butin fut porté dans la for- 
teresse qu'Enée depuis son arrivée avait eu le temps de 
bâtir et qui se trouva dès lors approvisionnée pour long- 
temps: 


Adont furent il si garni Ir borch sie dä spisten 
Que à un an tot acompli Vil näch zeime järe, 
Se pueent il bien maintenir Swem ez leit wäre. 
Et .I. grant siege bien tenir. (p. 137, v. 40 et qq.) 


(£°. 94, r, c, 48 et sqq.) 


A la nouvelle de ces actes de violence, Turnus con- 
voque ses barons; ils accourent au nombre de „XI vins mil- 
liers“ suivant le trouvère, de cent quarante mille „hundert 
tüsent, und vierzich tüsent dar zö“ selon le minnesinger. 
„Mezentius i vint premiers“ avec son fils Lausus et mille 
chevaliers; puis Aventinus fils d’Hercule qui „Del quir 
.I. lion ot escu“ „Unde het eins lèwen hüt gemachet ze 
sime schilde“. Il amenait ,M. chevaliers, Estre la geude, 
les archers“ „Tüsent ritter, Sunder schutzen unde füzhere“. 
Venait ensuite le duc de Prenestine, et le sire de Palatine, 
et Messapus fils de Neptune: les chevaliers de celui-ci 
étaient montés sur de rapides coursiers venus des bords de 
la mer et nés de cavales fécondées par le vent: 


Si concoivent totes del vent. Die mutter die sie tragent 
se es ee ee Die enphânt si von dem winde. 
Molt seroient de grant pris, Si wären maneger marke wert 
S’il vivoient .IX. ans ou .X.; Mohten si leben zehen jär. 


Mais ne vivent que sol .IIT. ans. Sine lebeten aber neheine wis 
Langer danne vier jär. 


L’enumeration qui suit est assez curieuse pour que 
nous la transcrivions toute entiere: 


Vint i Claudus .I. rices quens Do quam Claudjüs der wol getäne, 
Qui fu sire des Aubiens ! }; Her was hère ze Sabiâne. 


1) Peut-être devrions nous lire au lieu de „des Aubiens“ de Saubiens ; 
c'est du moins ce qui semble ressortir de la traduction de Veldeke, d’accord 
ici avec Virgile: 

Ecce Sabinorum prisco de sanguine, magnum 
Agmen agens Clausus. VII, 706. 


Henri de Veldeke et Wenoit de Sainte-More. 


Venu i sont li Sabarin, 

Kt li Puillain et li Latin, 

Li Negien et li Puillau, 

Et li Hongrois et li Toscan; 

Cil de Naples, cil de Salerne, 

Et cil i vinrent de Valterne; 

Ne sai que acontaisse plus, 

Car tant en asambla Turnus 

Que gens à pie, que chevaliers, 

C’on les prisa .VII.xx milliers. 
(f°. 94, v.c 48 et sqq.) 


15 


Dar nâch quämen die Barbarine, 
Die Pulloise und die Latine, 
Die von Nâplis, von Salerne, 
Von Calabrie, von Volterne, 
Die von Genue, die Pisäne, 
Die Ungere und die Veneziäne, 
Und dar zü manich riche man, 
Des ich genennen niene kan, 
Manich helt lussam. 
Umb daz here daz dä quam 
Is uns diu zale wole kunt: 
Sibenwarb zweinzich tûsunt 
Was es dô es quam ze samen. 
(p. 145, v. 13 et qq.) 


Camille vint la dernière „Qui de Volscane estoit roïne“ 
„Diu Kunegin von Volcäne*; Benoit de Sainte-More et 
son imitateur peignent fort en detail les traits de la jeune 


fille, son costume, ses armes, 
son cheval lui-même qui est 
qu’on puisse imaginer. 


Onques ne fu tant gente beste: 
Le cors ot tot blanc et la teste, 
Le topet noir, et les orelles 
Ot ambes .Il. totes vermelles; 
Le col ot bai, et fu bien gros, 
Les crins indes et vers par flos. 
Tote ot vaire l’espalle destre, 
Et ot bien grille le senestre. 
Le pis devant ot loninés, 
Et fu tos bruns par les costés; 
Et fu tos noirs desor les alves; 
Les .IT. gambes devant sont falves, 
Les .lI. derier roges com sans; 
Les .IIII. piés avoit tos blans. 
Noire ot la coe une partie, 
L’autre blance tote crespie. 

(£°. 95, r, b. 23 et sqq.) 


Turnus tient conseil. 


Mezentius l’engage 


les harnais de son cheval et 
bien le plus singulier animal 


Daz winster öre und der mane 

Waren im wiz als der sne. 

Im waz daz zewese ôre 

Und der hals swarz als ein rabe. 

Daz houbet was im al röt 

Und wol geschaffen genüch, 

Und ein bein röt und ein büch, 

Der ander büch was ime vale 

Al daz bein hin ze tale. 

Im glizzen die siten 

Als ein wilder phäwe. 

Diu ein gofe was aphelgrawe, 

Rehte als ein lébart 

Harde ez besehen wart, 

Dö siz geriten brahte dare. 

Der zagel was im einvare 

Crisp und swarz als ein bech. 
(p. 148, v. 17 et sqq.) 


% 


a ne COM- 


mencer les hostilités contre les Troyens qu’apr&s les avoir 
fait d’abord ,araisoner“ puis défier. Mais Messapus répond 
que ces formalités sont inutiles envers des gens qui ont 


16 Pey 


déjà pris un châtel et tué plus de cent habitants, et son 

avis prévaut. Pendant ce temps Eneas, qui s'attendait à 

être attaqué, travaillait à rendre imprenable la forteresse 

qu’il avait bâtie et que les Troyens appelaient Montauban : 
Li casteax fut en blanche terre; Die borch stunt an einer stat 


Et por ce disent Troïan Uf einem wizen steine, 
Que il aroit nom Montauban. Des nanden si algemeine 
(f?.95 v. c. 25.) Die edelen Troiäne 


Die nüwen borch Albäne. 
(p. 157, v. 4 et qq.) 

Mais ni les hauts murs du chäteau, ni les fosses pro- 
fonds qui l’entouraient ne pouvaient rassurer Venus sur le 
sort de son fils; elle voulut avoir pour lui des armes di- 
vines et alla trouver Vulcain, son seigneur ,qui molt ert 
sages de forger“. Ici le trouvère et le minnesinger in- 
serent le récit des amours de Mars et de Vénus que Virgile 
n'avait pas cru devoir recommencer après Homère. Puis 
ils nous montrent Vulcain forgeant pour Eneas des armes 
dont un guerrier antique eût été peut-être fort embarrassé, 
mais qui en revanche convenaient merveilleusement à un 
chevalier du XIT siècle. 

C'était d’abord un haubert , treillis d'argent“ et ,mail- 
liés menu“, puis des „jenoillieres« d’or et d’argent, puis un 
„elme cler“ orné de pierres précieuses et „liste d’or“. L’ecu 
etait fait „D’une coste d’un grant pisson Qui est en mer: 
cetus a non“ et garni d’une „bogle d’un vert topasse“; 
l’epee était si tranchante que lorsque Vulcain, pour l’es- 
sayer, en déchargea un coup sur son enclume large de 
sept pieds, épaisse de neuf, et que trente boeufs n’aurai- 
ent pu remuer, le bon brant d’acier coupa la ,forgeure“ en 
deux et s’enfonca dans la terre: 

S'il ne l’eust si bien tenue 
Il ne l’éust jamais véue. 

Cette assertion du poëte français parut sans doute un 
peu hasardée à Henri de Veldeke; car il ne l’a point re- 
produite et s’est borné à dire que l’épée forgée par Vul- 
cain surpassait les plus fameuses épées, la précieuse Ecke- 
sas, et l’illustre Mimink, l'excellente Nagelrink, et Haltecleir 
et Durendart. 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 17 


Un bon chevalier ne pouvait se passer d’une longue 
et forte lance: Vulcain en fit une dont ni écu ni haubert 
n’auraient soutenu le choc, et Venus l’orna d’un gonfanon 
qui lui avait été donné par Mars et qui avait été ouvré 
par Pallas luttant contre Arachné. Puis elle envoya por- 
ter ces armes merveilleuses à son fils et lui fit recomman- 
der en même temps d’aller solliciter le secours du roi Evan- 
dre. Eneas obéit. 

Les Arcadiens célébraient en ce moment une fête en 
l’honneur d’Hercule vainqueur de Cacus. A la vue d’hom- 
mes armés qui s’approchent du rivage, ils se croient me- 
nacés et Pallas „le damisel“ marche au devant des enva- 
hisseurs, un dard à la main. Mais Eneas 


Dont tandi son bras vers la rive, Die heten alle genomen 


Et mostra lor .I. rain d'olive; Aller ritter gelich 

Ce estoit dont à icel tens Einen olèes zwich. 

Signe de pais entre paiens. Daz bezeichent den fride 
(£9. 97 r, a, 17 et sqq.) Unde was in den ziten side 


Witen uber manich lant, 

Swer daz hete in siner hant, 

Im ne schadete nieman niet 

Des phlach diu heidensche diet. 
(p. 169 v. 24 et sqq.) 


” Ce passage est intéressant au point de vue des trans- 
formations successives de la fable Virgilienne. Le poëte 
romain parlant d’un usage familier à tous ses lecteurs, s’est 
contenté de dire qu'Enée présente à Pallas un pacifique 
rameau d’olivier: 

Paciferaeque manu ramum praetendit olivae; 


Benoit croit devoir expliquer un symbole peu connu sans 
doute en son temps; et Veldeke, se defiant plus encore de 
l'intelligence de son public, commente le commentaire, et 
développe en six vers les deux vers de son modèle. 

Dans l’Enéide classique Enée est très amicalement reçu 
par Evandre qui a connu Anchise et reçu de lui des pré- 
sents à l’époque où Priam vint en Grèce, accompagné de 
plusieurs chefs troyens, pour redemander sa soeur Hésione. 
Il en est de même dans nos poömes du moyen-âge avec 

u 1. 


& 


18 Peÿ 


cette seule différence que c’est le prince arcadien qui lui- 
même a été à Troie, 
En mon vivant à Troie fui, Ich gedenke wol daz ich was 
Ze Troie in dem lande, 
et que les dons faits au père de Pallas ne sont plus pré- 
cisément les mêmes: 


‚.. Ancisses conui ja bien Her gab mir ein vil güt horen, 
Ton pere, il me dona un chien, Daz beste daz ich je gewan. 
I. arc et un bon couire à or, Dar zü gab mir der edele man 


Et .X. saietes et un cor; Ein gûten brakken und ein swert 
Sor tos les altres m’onora, Und gesteines maneges phundes wert, 
Et molt del sien m'abandona.  Unde einen güten bogen 

(£?. 97, r, b, 24 et sqq.) Gab mir der edele herzoge, 


Strâlen hiezer mir vor tragen 

Und einen kocher wol beslagen 

Mit rôteme golde. 

Wan daz ichs niene wolde, 

Her hete mir michel güt gegeben. 
(p. 170, 40 et sqq.) 

Encore un passage caractéristique; Virgile avait dit 

simplement : | 

Ille mihi insignem pharetram, Lyciasque sagittas, 

Discedens, chlamydemque auro dedit intertextam, 

Frenaque bina, meus quae nunc habet aurea Pallas; 
Benoit de Sainte-More a renchéri sur Virgile, et Henri de 
Veldeke sur Benoit de Sainte-More. 

Evandre n’hesite pas à faire alliance avec les Troyens; 
et, comme il est trop vieux pour commander lui-même ses 
troupes, il met à leur tête son fils Pallas, après l'avoir 
armé chevalier. 

Cependant Turnus avait appris par ses espions le dé- 
part d’Eneas: comptant avoir meilleur marché des Troyens 
en l’absence de leur chef, il fit mander „ses conestables“ 
et alla mettre le siège devant Montauban. Mais le châ- 
teau était bien fortifié, et le bouillant roi des Rutules röda 
tout un jour autour de ses murs sans pouvoir rien entre- 
prendre contre ses défenseurs. Furieux de n’avoir paint 
réussi à les attirer dans la plaine, il brûla leurs vaisseaux 
qui étaient attachés au rivage, et ne se retira qu'après 
avoir posé lui-même les sentinelles qui devaient surveiller 


Henri de Veldöke et Benoit de Sainte-More. 19 


les assiégés. Ceux-ci de leur côté se tenaient préts à re- 
pousser toutes les attaques. Ils avaient confié la garde 
des portes à deux amis, deux bons chevaliers, Nisus et Eu- 
ryalus. Au milieu de la nuit, Nisus dit à son compagnon: 
Les ennemis sont fatigués et endormis; je veux aller en 
l’ost pour les ,damagier“ de mon mieux „in schaden swaz 
ich mach“, „je revenrai à toi molt tost“ „Sö kome ich 
her wider in“. La réponse d’Euryalus mérite d’être trans- 
crite en entier: 


. . . Jo ne remanrai pas, War umbe sprechet ir daz? 

En cest afaire sels n’iras. Ir solt âch verdenken baz, 
Comment remanras tu sans moi, Mich dunket daz ir missetät. 
Et jo comment irai sans toi? Wir sin ein fleisch und ein biät 
Dont n’es tu jo, et jo sui tu? (Sprach her), liebe frunt min, 
Jo quit que as le sens perdu:  Ichn weiz wie daz mohte sin, 
Une ame somes et .I. cors; Wie wir daz ane geviengen, 
Une moitié ira là fors, Daz wir halbe hin üz giengen 


Com puet l’altre caiens remaindre! Unde halbe belieben hie inne. 
Dès or me puis jo de toi plaindre: Daz dûhte mich unminne. 
Tu me guencis, ne me tiens mie Nû uns got hät ein lib gegeben, 


Amor et droite compaignie. Wir soln beide ensament leben 
Ne tu n’iras en l’ost sans moi, Und ouch ensament sterben. 
Ne jo ne remanrai sans toi. Wir soln daz beide werben, 


(f?. 97. v,b, 45 et sqq.) Daz dunket mich baz getän, 
Unde solen danne gân, 
Daz wir minen hèren venden. 
Wil uns got dare senden, 
Her minnet uns deste baz. 
(p. 182, v. 7 et sqq.) 


Les deux amis prennent congé d’Ascanius et partent 
pour le camp des Rutules où ils pénètrent sans obstacle. 
Ils massacrent troïs cents ennemis suivant Benoit, deux cents 
seulement selon Veldeke et arrivent au pavillon de Rau- 
mes le sage devin, „der warsage wise“. 


Mais la nuit ot tant bu de vin, Unsanfte erwacte in Nise, 
Que tot en ot son sens torblet, Anders danne ers gerde. 


Et tot son savoir obliet. Mit dem scharphen swerde 
Cil qui les autres devinot Daz houbet her im abe scriet: 
De soi méisme rien ne sot Dazn heter vor gesaget niet. 


Que sa mort li fust si procaine, D& was diu wisheit al verloren. 
Mais bien avoit dit la semaine, Her het des £bendes dä bevoren 
Que ce savoit il bien sans faille, S6 vil getrunken wines, 

2 # 


20 Pey 


Qu'il ne moroit pas em bataille; Daz her selbe sînes 


Ne menti pas, il a voir dit; Al betalle vergaz. 

Car ains que li bataille fust, Jedoch heter gesaget daz 

Li fist Nisus le cief voler, Her in der wochen worde erslagen. 

Ci ne sot il prou deviner. Ich han in selden hôrt geclagen. 
(£°. 98, r, a, 46 et sqq.) (p. 183, v. 36 et sqq.) 


Au moment où les deux Troyens allaient se retirer, ils 
sont aperçus par le comte Volsens qui venait de Laurente 
avec cent chevaliers: Euryalus est pris et Nisus qui est 
parvenu à s'échapper, s'arrête et se demande si son ami 
est tué ou captif: 


Mais jo quit bien veraiement 
N'est encore mors mes amis: 

Jo sent mon coer, il est tos vis; 
Se il sentist dolor mortel, 

Mes cuers le sentist altretel. 

De ce raisonnement un peu subtil, et que Veldeke, 
remarquons-le en passant, n’a pas essayé de traduire, Ni- 
sus conclut qu’Euryalus est encore vivant et revient sur 
ses pas pour le délivrer. Il est accablé par le nombre et 
périt avec son ami. 


Le lendemain matin, les Rutules sortent de leurs ten- 
tes et montrent aux Troyens les têtes de Nisus et d’Eu- 
ryale. Les assiégés repoussent plusieurs assauts. Brava- 
des et mort de Romolus beau-frère de Turnus. Exploits 
et mort des deux géants, Pandarus et Becias. Le roi des 
Rutules pénètre dans le chastel et s’y trouve un moment 
renfermé. Mais les Troyens ouvrent les portes pour laisser 
rentrer quelques-uns des leurs qui étaient restés dehors; 
et Turnus en profite pour s'échapper. Le lendemain matin 
la bataille recommence. Arrivée d’Eneas et de Pallas. 
Celui-ci voyant fuir les Troyens leur adresse de sanglants 
reproches: 

Mult estes prou al grant besoing, Welt ir ze Troie swimme? 
Et qui vous maine en altre terre Daz is michel tumbheit, 
Grant. cose puet par vous con- Want daz mere is vile breit, 
querre! Ir moget üch Ithte ertrenken. 
Vous ne feriés pas coardie Ir solt üch baz bedenken, 


Ne malvaisté por perdre vie; Güter hande lûte: 
Porquant s’en i fuient .C. jà Ichn weiz waz daz bedüte, 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 


Por un tot sol de cels de là 
Que querés vous en cele mer? 
Revolés vous à Troie aler? 
Vous n’i passerés pas si tost; 
Mais retornés arier en l’ost. 
Se vous entres en cele mer, 
Petit vous i pores fier; 
Ni a rien fors de forterece. 
Mais or mostrés votre proece; 
Quant vous volés en mer noier, 
Si vous venés ancois vengier; 
Quant une mort eskiverés 
Et em pior entrer volés. 
Ames vous mieus asooler 
Les grans pissons en cele mer 
De vo carogne et de vos cors 
Que paistre les oisiax ca fors? 
(£°. 99, v, c, 18.) 


21 


Daz ir &rhaften tôt fliet 
Und üch zeim schantlichen ziet. 
Dorch welhe rede tAt ir daz? 
Gunnet ir den vischen baz 
Daz si üwer fleisch ezzen, 
Helide vermezzen, 
Dan den vogelen wilden 
Hir üze an deme gevilde? 
War zü is à daz gût? 

(p. 203, v. 34 et sqq.) 


Après avoir ainsi gourmande les Troyens, Pallas marche 


à la rencontre de Turnus. 


Les lances des deux guerriers 


se rompent et tous deux sont démontés à la fois; ils tirent 


leurs épées et en échangent de rudes coups. 


Le fils 


d’Evandre fait voler en éclats les pierres qui ornent le 
casque de son adversaire; mais celui-ci enfonce son glaive 


sous le haubert de Pallas: 


Desos l’auberc li a botée 
Amont el cors tote s’espee; 
Pallas chai, que navre fu. 
Mors est ne li puet mais caloir 
Qui que puisse la feme avoir, 


Ou soit Turnus ou Eneas. 
(£°. 100, r, a, 28 et sqq.) 


Her stach Pallase daz swert 

Underm halsberge in den lib, 

Sö daz herm lant unde wib 

Immer mer mit fride liez: 

Töten hern dar nieder stiez. 
(p- 206, v. 16.) 


Le vainqueur voit briller au doigt du mourant un 


anel „ein vingerlin“: 


Que Eneas li ot done 

Por son gent cors por s[a] bonté; 

D'or i avoit bien plus d’un once 

“Od un lion fait d’un jagonce. 
(f?. 100, r, a, 46 et sqq.) 


Daz gab ime Enèas 
Dorch trouwe und dorch fruntschaft, 
Daz was röt goldin; 
Mit einem edilen steine, 
Daz was ein smaragdüs grüne. 
(p. 207, v. 14.) 


22 Peÿ 


Il l’en dépouille; mais un jour il s’en repentira, car 
cet anneau sera la cause de sa mort. 

On sait comment Virgile soustrait Turnus à la colère 
d’Enee en le faisant éloigner du champ de bataille par sa 
soeur Juturné. Le trouvère français, qui n’a nulle part fait 
mention de ce personnage, emploie un autre expédient que 
naturellement Henri de Veldeke ne se fera pas scrupule de 
Jui emprunter. 

Tandis que Turnus s’emparait du fatal anneau, un 
archer, caché dans une nef, lui décocha une flèche qui le 
blessa légèrement: furieux, il s’élança dans le bateau et tua 
celui qui l’avait féru. Mais le poids du guerrier avait im- 
primé à la nef légère une forte secousse; le câble qui la 
retenait au rivage se rompt, le vent se met à souffler, et 
voilà Turnus emporté en haute mer. Il ne toucha terre 
qu'au quatrième jour, sous les murs de la cité où demeu- 
rait son père (Dardanus dans notre ms., Dampnus dans 
Veldeke, Daunus dans Virgile). 

Pendant l’absence de leur chef, les Latins opposent 
& Eneas une vigoureuse resistance. Mort de Lausus. Mort 
de Messentius. La nuit sépare les combattants et le len- 
demain Aventinus vient demander une trève qui lui est 


accordée avec empressement. On brûle les morts de part 


et d'autre. Pallas est mis sur une bière: 


Qui molt fu rice et molt fu chiere; Die lin boumin waren 


D’ivore furent li limon Und von helfenbeine. 
Taillié à or desi en son . + 
De soie fu li cordéis. Sidin wären diu seil. 

(f?. 101, r, a, 55.) (p. 216, v. 30.) 


Avant de se separer de Pallas, Eneas lui adresse de 
touchants adieux: 


Tant par esties biax ier matin! 
So siel n’avoit si gent meschin; 
Em poi d’ore te voi mué, 
Noirci et tot descoloré; 

Ta blanchor est tote rogie, 

Et ta color tote persie. 

Dolce jovente, gentix cose, 

Si est de toi com de la rose: 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 


Car puis que li rose est coillie, 
Li solax l’a molt tost matie. 

Cette gracieuse comparaison qui a été sans doute in- 
spirée à Benoit par les beaux vers de Virgile: Qualem vir- 
gineo demessum pollice florem etc., ne se retrouve pas dans 
Henri de Veldeke qui a en général abrégé tout ce pas- 
sage; il a en revanche traduit assez exactement les plain- 
tes d’Evandre et de sa femme et la description des hon- 
peurs funèbres rendus au jeune héros: 


De bon basme l'ont il bien oint, 


Por ce que puis ne porisist 
El cief li misent le corone 
Que ses peres li rois li done 


Al temple as dex l’en ont porté 


An in streich man dar nâ 
Balsam und arômatà 


Ein goldine krône 

Sazte man im üf daz houbet. 
Dö heten sie den wigant 

In ir templum getragen. 


Après les < cérémonies d'usage, Pallas est porté sous 
une voûte ,gewelbe“ et placé dans un sépulcre près duquel 
on mit „deux vaissiax® „zwei vaz“: 


Li uns fu d’or mervelle biax 

I. sestier tient et nient mains, 

Cil fu de basme trestos plains. 

Li altre fu d’une sardine 

Qui tos fu plains de terbendine. 
(f?.102, r, b, 36 et sqq) 


Der eine was von golde, 
Und was vol balsame getän. 
Der ander was ein edel stein; 
Der stein was inuen hol 
Unde was alöes vol 
Unde zerbentine. 

(p. 224, v. 34 et sqq.) 


Une lampe fut suspendue au dessus: 


D’or estoit tote la chaaine; 
La lampe estoit de basme plaine; 
Ce fu mervillose riquece. 
De besto en estoit li mece, 
Une piere que on alume; 
Tel matere a et tel costume, 
Jä nule fois n’estaindera 
Ne nule fois ne deffera. 
(£°. 202, r, c, 17 et qq.) 


Diu lampade was ein jachant, 
Daz ole daz dar inne was 
Daz was balsam vile güt. 
Diu ketene was röt golt. 
Eine wiken tet man dar in 
Seltseine unde schöne, 
Von eime best&öne, 
Einem edelen steine, 
Niht ze gröz noch ze kleine. 
Der stein is vile türe, 
Her brinnet in dem füre 
Immer und immer, 
Sö daz her nimmer 
Niht erleschen ne mach. 

(p. 225, v. 38 et sqq.) 


24 Peÿ 


„Cette möche, continue Veldeke, brülait encore quand 
le tombeau de Pallas fut retrouve deux mille ans apres, 
lors de l’expedition de l’empereur Frédéric en Lombardie; 
le vent qui pénétra alors dans le caveau l’éteignit“ Le 
fait ainsi raconté par notre minnesinger est évidemment fa- 
buleux; mais n’est-il pas curieux de rencontrer le même 
récit dans plusieurs chroniques du XV* siècle et notam- 
ment dans le Dominicain Felix Faber? Voici en effet ce 
que nous lisons dans son Evagatorium in terrae sanclae 
peregrinationem, III, 54: In chronica Martini recitatur, 
quod tempore Henrici II (notons en passant cette diffé- 
rence de date), corpus Pallantis gigantis fuit Romae in 
specu inventum incorruptum, cujus vulneris hiatus, ubi fu- 
erat vulneratus, quatuor pedes et semis habebat, corpus al- 
titudinem muri vincebat, lucernaque ardens ad ejus caput 
inventa est, quae nec flatu exstingui poterat nec liquore, 
sed cum stilo foramine subtus flammam facto exstincta est, 
per illud foramen aëre interducto. Hunc Turnus dicitur 
occidisse, et hoc ipsius epitaphium erat: 


Filius Evandri Pallas quem lancea Turni 
Militis occidit, more suo jacet hic. 


L’authenticite de cette épitaphe ne mérite pas d’être 
discutée: mais il pourrait très bien se faire que sous Fré- 
deric Barberousse ou sous Henri II on eût découvert à 
Rome quelque antique sépulture, et qu’ainsi un événement 
réel ait été le fondement de la fable si facilement accueil- 
lie par les crédules historiens du moyen-âge. Peut-être aussi 
l’ont-ils tout simplement puisé dans Henri de Veldeke, 
prenant au sérieux une fiction de poëte. Ce qu’il y a de 
certain c’est que Benoit de Sainte-More ne fait pas la 
moindre mention de cette prétendue découverte. 


Après les funérailles de Pallas, le trouvère nous ra- 
mène à Laurente où Latinus entouré de ses barons tient 
conseil. Vive altercation de Turnus et de Drances. Le 
premier reproche au second que son écu et son haubert 
n’ont jamais été percés et qu’il se fie plus à la rapidité de 
son cheval qu’à son épée: 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 2 


Ceval avés corant molt tost, . . . üwer ros is sô getän, 

N'a si isnel en tote l’ost; Swenne irz rüret mit den sporen, 

Mais vous l’avés si bien apris, Ez loufet allen den bevoren, 

S'il voit armes, tost est restis; Die à zû sprengen 

Mais molt est bien duis de fair, Die verre und ouch die lenge: 

Ne s’em puet nus à lui tenir. Ez mach üch vile wol getragen 
(f?. 163, r, c, 11.) Und kan baz fliehen danne jagen. 

(p. 233, v. 28.) 


Au milieu de la discussion, on vient annoncer que les 
Troyens marchent contre la ville. L’assemblee se sépare et 
l’on court aux armes. Turnus rencontre Camille, et l’en- 
gage à tenir tête à l'ennemi devant les murs, tandis que 
lui-même irait se mettre en embuscade dans une „sapoie“. 
Quand les Troyens virent les Amazones s’avancer vers eux, 
ils crurent que c’etaient autant de déesses: pleins de respect 
et de frayeur, ils se laissèrent d’abord chasser et tuer sans 
résistance. Mais une flèche lancée par Orcomenus ayant 
renversé une des „mescines* nommée Larine, ils connurent 
leur erreur et reprirent l'offensive. Tarchon poussa même 
l’audace jusqu’à provoquer Camille en l’insultant grossière- 
ment; il paya de sa vie sa témérité Elle massacra 
un grand nombre de Troyens jusqu’à ce qu'enfin elle tom- 
bât à son tour sous la flèche d’Arrons au moment où elle 
dépouillait le prêtre Corès de son beau casque. Une de 
ses pucelles chätia le meurtrier; mais la mort de l’héroïne 
mit fin au tournoi. Les combattants se séparèrent, après 
avoir conclu une trève de huit jours. 


Pendant la nuit Eneas vint asseoir son camp sous les 
murs même de Laurente: les tentes des Troyens étaient 
magnifiques, surtout celle de leur chef: 


I. aigle d’or ot en som mis Der knoph der was guldin, 
Que on véoit par le païs. Dar üffe saz ein guldin are. 


Le pavillon d’Eneas ressemblait à un chastel. Grande 
fut la stupéfaction des Latins, le lendemain matin quand ils 
P’apergurent: | 


Li gent quide ce soit donjons; Sie wänden daz ez wäre 
Tot ont oi par le cite Ein borch, daz ne was ez niet. 
Que Troïen sont molt dolte Sie sprächen näch wäne, 


Qui la nuit ont tel castel fait.  Daz die Troißne 


26 Peÿ 


Worben mit der gotes kraht, 
Wande sie an einer naht 
Ein solhe borch heten geworht. 


Cependant Turnus pleurait la mort de Camille et pré- 
sidait à ses funérailles. Son , gentil cors“ fut mis sur une 
riche bière, enveloppé d’une „kiute de paile“ et envoyé 
dans son pays où il arriva après quinze jours de voyage. 
Le monument funèbre qu’on lui éleva est depeint fort mi- 
nutieusement par notre trouvère qui en fait une des sept 
merveilles du monde. C’est un des endroits où Benoit de 
Sainte- More a montré le plus d'imagination; c’est aussi 
un de ceux qu’Henri de Veldeke a reproduits le plus fidèle- 
ment. Ne pouvant transcire ici toute cette longue et cu- 
rieuse description, nous en citerons seulement la fin: 


Une liste ot d’or el tombel, 
Letres i ot fait à noiel. 

Sen epitafe i ont escrit, 

La letre sone, li vers dit: 

» Ci gist Camille, li pucele, 

Qui molt fu pros et molt ert bele, 
Et molt ama cevalerie, 

Et sel maintint tote sa vie; 
Em porter armes mist s’entente, 
Ocise fu desos Laurente.“ 
Desor la tombe, en milieu droit, 
Une caïne d’or pendoit; 

En le puelie estoit botee, 

D’iloc venoit aval doblée. 

A l'un des ciès de le caaine 
Pendi li lampe, qui fa plaine 
D’un chier oile de tel maniere, 
Qui molt jetoit clere lumiere. 
Cele lampe fu alumée ; 

Tosjors ardra mais adurée, 

Ne ja li fus n’estaindera; 
Tosjors iloques ardera, 

Se on ne le brise ou abat. 

Ele ert d'un jagonce gernart, 
N’ot de son grant si chier vaissel 
En tot le monde, ne si bel. 

Li altres ciés de le kaaine, 

Qui le lampe conduist et maine, 


Uf den sark und der neben 
Worden ir vers gescreben 
Mit gesmelze sardône 

An deme steine schône 

Mit vil güter scrihte, 

Nü höret daz getihte, 

Ob irs habet willen: 

„Hie liget frowe Kamille 
Diu märe und diu riche, 
Diu sich sö manliche 
Ritterschefte underwant, 
Daz nie man ne vant 

Ir gelichen noch ne sach. 
Deheines werkes sie ne phlach, 
Wande si übete ritterschaft 
Und hete gröze heres kraft 


Und wart vor Laurente erslagen. 


Ir frunt müzen sie wol klagen.“ 
Dö sie daz heten getän 

Und her üz solden gän, 

E danne sie üz giengen, 

Ein lampadem sie dä hiengen, 

Daz solt ir wizzen äne wän: 

D& was balsamum in getän 

Sö türe und sÖ höre, 

Daz her wol immer mere 

Bran unde gab lieht 

Unde enminrete iedoch nieht. 


EEE 





Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 


À un piler de travers vint. 
I. colons d'or en som le tint, 
Soldés estoit sor le cimaise, 
De le tombe ert asses en aise; 
Jamais li lampe ne carra, 
Tant com li colons le tenra, 
Tos tans ades bien le tenroit 
Se une cose nel toloit. 
Le destorbier vous voel conter 
Qui fait alques à redonter. 
I. archier ot de l’autre part, 
Tresjetes fu par grant esgart; 
En droit le colon ert assis 
Sor un perron de marbre bis; 
Son arc tot entese tenoit, 
Et cele part visoit tot droit. 
Li boions ert si empenés, 
Et si derciés et acesmés, 
Que le colon debot ferist, 
Tantost com li corde traisist. 
Li archiers puet longes viser, 
Et tos tans mais l’arc enteser, 
Ja n’en istera li boions, 
Ne n’ara garde li colons, 
Se uns las ne destent premiers 
Qu’ est par engin aparillies. 
Cis las est fais de bone soie, 
Ne quit que on jamais tel voie; 
A rejetoire ert afaities, 
Et estoit si aparilliés, 
Qu’il tenoit l’arc tendu tos tens; 
Mais s’il venist .I. po de vens 
Qui soflast le rejeteore, 
Il destendit en icele ore, 
Et li archiers donques traisist 
Al colombel, si l’abatist; 
Dont fust li caaine rompue 
Et la lampe lues abatue. 

(f?. 105, v, b, 31 et sqq.) 


Solich was der wieche. 

Ez meisterde ein Crieche 
Und der wise G&ometras, 
Der ein listich man was; 
Her schüf ez alser wolde. 
Diu ketene was von golde, 
D& diu lampade bi hienk. 
Nü höret wie herz ane vienk 
Der meister, der des alles wielt. 
Ein tübe die ketene hielt, 
Diu gienk dorch ir munt 
(Daz is genûgen wole kunt), 
Daz sie hielt daz liehtvaz. 
Uf eime steine sie saz, 
Gefüchlich dar gehouwen. 


Sie lühte der frouwen, 


Daz was un listechlich rät. 
Ein edel jachant granât 

Was diu lampade vile gût, 
Dorchlühtec rôt als ein blût, 
Als ich à wol gesagen kan. 
Dä stunt ein bilde als ein man 
Gesniten an Aner want. 
Einen bogen heter an der hant, 
Gespannen algereite. 

Daz was mit listecheite. 

Der bolz was gesetzet an, 
Her ne weich niender dan, 
Ezn was ze nider noch ze hô 
Und was gemachet alsô, 
Swenne sö man wolde 

Daz her schiezen solde 

Diu tüben diu ob ime saz, 
Sö viel das liehtvaz 

Unde erleschete daz lieht. 
Anders ne mohtez nieht 
Geleschen noch gevallen. 


_ 


(p. 254, v. 9 et sqq.) 


27 


Chaque parti avait enseveli ses morts, et la lutte al- 


lait recommencer, quand Turnus déclare qu’il veut mettre 
un terme à la guerre, en provoquant son rival à un com- 
bat singulier. Le roi Latin cherche à l’en détourner, mais 
rien ne peut fléchir le bouillant guerrier. On envoie un 


28 Peÿ 


messager à Eneas, et il est décidé que le terrible duel 
aura lieu dans huit jours (dans quinze suivant Veldeke). 

C’est au moment où Latinus et Amate supplient Tur- 
nus de renoncer à son funeste projet que, dans Virgile, 
Lavinie parait pour la première et la dernière fois. Au 
lieu des cinq ou six vers que le poëte romain avait con- 
sacrés à cette rapide et gracieuse apparition, nous trouvons 
dans nos poëtes du moyen-âge un long épisode où la jeune 
fille joue un tout autre rôle que dans l’Enéide. La chaste 
et timide Lavinie est devenue une sensible chätelaine, digne 
de siéger dans les plus brillantes cours d’amour du XII° 
siècle: Enée lui-même a fait de grands progrès dans la 
galanterie chevaleresque et ne serait pas incapable de soute- 
nir une tenson contre les plus subtils troubadours. Nous 
pouvons être choqués de cette transformation, mais nous 
aurions tort de nous en étonner, et M. Ettmüller a par- 
faitement raison, quand il fait à ce sujet l’observation sui- 
vante: „Hätte freilich Virgil seinen pius Aeneas und seine 
Lavinia so mit und gegen einander reden und gebaren las- 
sen, wie sie in der deutschen Eneide dies thun, Augustus 
und sein Hof würden ihn nicht für einen Heros gehalten, 
sie dagegen für eine Närrin erklärt haben. Aber die höfi- 
schen Ritter und Edelfrauen des Mittelalters redeten und 
handelten so, wie Heinrich beide reden und handeln läfst, 
und so waren auch in deren Augen dieser Aeneas und 
diese Lavinia ganz tadellose Leute.“ Veldeke est donc 
fort excusable d’avoir travesti à la mode de son temps 
les personnages classiques; il l’est d’autant plus que 
selon toute apparence les veritables heros n’ont point 
posé devant lui et qu’il n’a eu d’autres modèles que la 
Lavinie et l’Eneas de Benoit, chez lesquels la métamor- 
phose était déjà complète. Notre trouvère en effet a con- 
sacré plus de 1400 vers aux amours du prince troyen avec 
la fille de Latinus. (Cet épisode est la partie la plus ori- 
ginale et à certains égards la plus intéressante de tout le 
poöme; mais comme nous l'avons publié in extenso dans 
notre Essai sur le roman d’Eneas, nous nous bornerons ici 
& un rapide resume. 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 29 


La reine est dans sa chambre avec Lavine: , Fille, 
lui dit-elle, il faut donner votre amour à Turnus qui va 
se battre pour vous.“ — „Mon amour? qu’est ce que cela?“ 
demande la pucelle; et la mère fait de l’amour une telle 
description que Lavine effrayée s’ecrie: „Est donc amors 
infermetés? (Frowe, is denn minne ungemach?).“ — „Nenil, 
mais molt petit en falt. (Nein si, niwan ndhen bi)“!'). — 
La jeune fille déclare qu’elle ne veut point aimer, puisque 
aimer fait souffrir. , Cette souffrance est douce, répond la 
reine, et ce mal porte avec lui son remède: 


Garde el temple com faitement 
Amors est painte soltiument : 
Et tient dos dars en sa main 
destre, 

Et une boiste en le senestre. 
Li uns des dars est d'or en som 
Qui fait amer; l’altre de plom 
Ki fait hair diversement; 
Si navre amors et point forment. 
Ensi est pains tos par figure, 
Por bien demostrer se nature: 
Li dars mostre qu’il puet navrer, 
Et li boiste qu’il set saner. 
Sor lui n’estuet mire venir 
A le plaie qu’il velt garir; 
Il tient le mort et le santé 
Lues resane quant a navre, 

(£9. 106, v, b, 15 et sqq.) 


Dü häst dicke wol gesehen, 
Wie der here Amör stêt 

In dem templö, dâ man in gêt 
Engegen der ture inne, 

Daz bezeichnet die Minne, 

Diu gewaldech is ubr alliu lant. 
Ein buhsen hät her an der hant, 
In der ander zwene gêre: 

D& mite schüzet er vil se@re, 
Als ich dir sagen wolde. 

Ein ger is von golde, 

Des phleget her alle stunde. 
Swer sö eine wunde 

Dâ mite gewinnet, 

Vil starklich er minnet 

Und lebet mit arbeite. 

Der ander ger is blien 

Von deme tün ich dir kunt: 
Swer dä mite wirdet wunt 


1) Dies Gespräch zwischen Mutter und Tochter, welches von den deut- 
schen Literarhistorikern, von Gervinus wie von Vilmar, aus Veldeke’s Eneit 
nicht blofs als besonders bedeutend, sondern auch als unzweifelhaft originell- 
deutsch hervorgehoben wird, erlaube ich mir, im französischen Original aus 
dem oben erwähnten Essai des Herrn Verfassers am Schlusse dieses Aufsatzes 
wegen seiner literaturhistorischen Bedeutung vollständig mitzutheilen. Ger- 
vinus sagt davon: „Was auch Veldeke hier in seinem französischen Originale 
gefunden haben mag, diese Scenen sind sein Eigenthum, wenn nicht völlig 
dem Stoffe, doch ganz der Behandlung nach, die in allen Stücken deutsch 
ist“; der Leser wird bei einer Vergleichung finden, wie sehr dieser Ausspruch 
der Beschränkung bedarf: „in einigen Stücken oder Zügen deutsch“ sollte es 
heifsen. Auch hier zeigt sich wieder und entschuldigt jenen Irrthum, dafs 
die mittelalterliche Literatur, und zwar bei allen Völkern, im Allgemeinen in 
einem geringeren Grade einen nationalen Charakter hat, als die moderne. 

Der Herausgeber, 


30 Peÿ 

In stn herze enbinnen, Dazn wissent niht alle lûte. 
Der is der rehten minnen Merke in allenthalben: 
Iemer ungehörsam, Si bezeichent die salben, 
Her hazet unde is ir gram. Die diu Minne ie hät gereit. 
Swaz sö von minnen geschiht, Diu senftet al die arbeit 
Des ne lustet in niht. Und machet ez allez gût, 
Wil dü nü wizzen rehte, Swen din Minne wunt tüt, 
Waz diu buhse bedüte, Daz si in geheilet, 


(p. 264, v. 18 et sqq.) 


Lavine persiste dans son refus d’aimer Turnus et sa 
mère la quitte après l’avoir menacée de la tuer, si jamais 
elle’s’avisait ,d’atorner son coeur“ vers le traitre de Troie !). 
Restée seule la jeune fille regardait par la fenêtre d’une 
tour, quand Eneas vint à passer soudain: 


Amors l’a de son dart ferue, DÔ schöz si frouwe Venüs 
en Mit einer scharphen sträle, 
Voille u non, amer l’estuet. Sö daz si müste minnen, 


Si wolde oder enwolde. 


Elle fremit, tremble, devient rouge et päle; et des 
qu’elle peut parler, elle decrit ce qu’elle eprouve dans un 
long monologue qu’Henri de Veldeke a traduit presque 
tout entier. Tandis que la demoiselle se lamentait, Eneas 
repassa, retournant & son camp; et comme il ne leva pas 
les yeux vers la tour oü se tenait Lavine, elle soupira et 
tomba pâmée. Elle demeura à la fenetre jusqu’au soir, 
regardant le chemin par où son ami avait disparu à ses 
regards. 


A 


Le liu par ü il s’en ala; Den wech den her hine reit: 
Molt li sembloit la voie bele. Der düht si deste baz getän. 

La nuit venue elle s’alla coucher, mais elle ne put dor- 
mir, et le lendemain matin, elle était si changée et si dé- 
colorée que sa mère lui demanda ce qu’elle avait. La- 
vine voulut d’abord dissimuler; mais bientôt elle fut obli- 
gée d’avouer qu’elle aimait, et qu’elle aimait Eneas. Colère 


1) Daz dû din herze keres 
An den bösen Troiän. (p. 266, v. 4 et 6). 
Est-il possible de traduire plus exactement ? 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 3 


de la reine. Pour guérir sa fille de cet amour, elle va 
jusqu’à formuler contre le prince troyen une odieuse ac- 
cusation. 


Cis siecles prinderoit tost fin, Phlâgen alle die man 


Se tot li home qui i sont Des bôsen sides des her phliget, 
Estoient tel par tot le mont; ns 
su. . Diu werlt müste schier zergän 
en Inner hundert jären. 

N’as tu oi com faitement Nü hästü wol vernommen daz, 
Il mena Dido malement? Wie unrehten lôn 


Onques feme n’ot bien de lui Her gab der frouwen Didôn? 
Non aras tu si com je quite, on os se ee 

D'un traïtor, d’un sodomite. Von ime quam nie wibe gâût, 

(f?. 108, r, c, 40 et sqq.) Tohter, noch ouch dir ne tAt. 
(p. 283, v. 4 et sqq.) 


Naturellement la pucelle ne croit pas un mot de ce 
que la reine vient de lui dire; et dès que sa mère irritée 
est sortie de la chambre, elle se décide à écrire à Eneas 
pour lui faire connaître ses sentiments. 


Adont leva de le fenestre Död nam des richen kuneges kint 
Et a pris enke et parchemin; Tinten unde permint, 
Si a escrit tot en latin. Welt ir nû hôren waz si screib 
La letre dist qui ert el brief: In scônem lâtine? 
Salus mandoit el premier cief Ez enbütet Lavine 
A Eneas son chier ami, etc. Enöase dem richen 

(f?. 108, v, c, 35 et sqq.) Ir dienest innechlichen, u. 8. w. 


(p. 286, v. 19 et sqq.) 


La lettre écrite, elle la plia „molt étroit“ „Gefüchliche 
sie in vielt“ et la roula autour d’une flèche; puis elle ap- 
pela un archer (Eneas passait en ce moment sous les rem- 
parts avec quelques-uns des siens): , Archer, dit-elle, m’est 
avis que les Troyens abusent de la trève pour examiner 
nos murs et les endroits où ils pourront nous attaquer; 
lance leur donc cette flèche, sans faire mal à personne ,ne 
à home, ne à ceval“ („Salt dû deheinen wunden Der rosse 
noch der lüte“), c’est seulement pour les avertir de ne point 
tant approcher. L’archer obéit; la flèche tomba aux pieds 
d’Enee qui la ramassa et trouva la lettre. En même temps 
il aperçut la demoiselle qui le regardait tendrement; il 


nn rn 


82 Peÿ 


devina sans peine que c'était elle qui lui écrivait, et l’amour 
entra dans le coeur du héros. Pendant toute la journée 
les deux amants échangèrent des oeillades et s’envoyèrent 
des baisers, et quand Eneas fut forcé par la nuit de re- 
tourner à son pavillon, il ne put goûter un instant de som- 
meil. Jusqu'au lendemain matin il ne cessa de soupirer et 
de se plaindre de l'Amour qui le tourmentait ainsi: , Jus- 
qu'ici, disait-il, je ne savais ce que c'était qu’aimer: 

Se jo éusse tel corage Ich wiste wol daz frou Didö 

Vers la roine de Cartage, Von minnen leit gröze nôt, 

Qui tant m’ama qu’el s’en ocist, Dö si ir selben tet den tôt 


Jà mes cors del sien ne partist, Wär mir dö zer selber stunt 
Ne la guerpisse à mon vivant, Zehen teil sô von minnen kunt, 


Se je seusse d’amor tant Als ich sider hän vernomen, 
Com ai dès ier matin apris. Ichn wäre nie von ir komen. 
(£°. 109, v, b, 1 et sqq.) (p. 296, v. 10 et qq.) 


Quand le jour parut, Eneas était si faible qu’il ne se 
put lever. Ses compagnons furent très inquiets et Lavine 
qui s'était mise de bonne heure à sa fenêtre fut très afllı- 
gée et irritée de ne le point voir paraître. Peu s’en fallut 
qu’elle n’ajoutät foi aux insinuations calomnieuses de sa 
mère. Enfin vers l’heure de none (Soentre none, üf die 
nône) le héros se leva et s’achemina vers la tour. Lavine 
se repentit de ses soupçons: 


Trop ai parlé comme dervee; Ich vorht daz im diu Minne 
Jo quit qu’Amor m'a encusée Al min rede habe gesaget. 
De ce que tant en ai mesdit. ne 
En Wie sanfte mir daz täte, 
Biaus dols amis, se vous plaisoit, Müste ichz ime gebüzen 


Nus piés iroie à votre tref; Mit minen baren füzen 
Molt me seroit bon et soef. Woldich ze sime gezelde gân. 
(£9. 110, r, a, 49 et sqq.) (p. 304, v. 30, 305, v. 2 et sqq.) 


Les deux amants passèrent cette journée comme la 
précédente à se faire de loin ,de doux semblants“ et lors- 
que le soleil se coucha, et qu’ils dürent se séparer: 

Molt lor fu gries li departie. Daz was ein michel arbeit 
Den gelieben beiden. 

Enfin la trève expira: les Latins sortent de la ville 
pour assister au combat de Turnus et d’Eneas, et le vieux 
roi fait marquer l'emplacement où il doit avoir lieu: 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 33 


I. paile ot estendu el pré; An der wisen Ôf daz gras, 
Desor sont li deu aporte, Ein phelle drüf geleget was; 
Et les ydles que il creoient, a + + 
Desore qui jurer devoient. Sin gote dar üffe lägen, 


Dar üffe sie solden sweren. 


Lavine assiste du haut d’une tour à ces préparatifs et 
se reproche de n'avoir point envoyé à Eneas quelque gage 
de son amour: 


Molt ai, fait ele, éu mal sens, 
Ne sui mie de bon porpens, 
Que mes amis nen a me mance; 
Il en ferist molt mius de lance; 
U se li éusse envoié 
Ma guimple, bien fust emploie; 
Molt en trencast hui miex s’espée; 
Turnus en recéust colée. 
Porpensée me sui trop tart. 
Avoir déust de moie part 
Alcune ensaigne à cest besoing. 
Mais se il de m'amor a soing, 
Ci me verra à la fenestre, 
Molt en devra plus hardis estre, 
(f?. 110, r, 0, 52 et sqq.) 


Dans Henri de Veldeke Lavine regrette successive- 
ment de n’avoir pas envoyé à Eneas le ruban qui retient ses 
cheveux (hdrbant) ou sa guimpe (rise)!') ou sa manche 
(mouwe) ou sa bague (vingerlin) ou la ceinture (borden) 
qui serre sa taille. Son monologue est beaucoup plus de- 
veloppé (87 vers) et placé un peu plus tard, au moment 
où commence réellement le combat singulier d’En&e contre 
Turnus. 

Les préliminaires et les conditions du traité sont à 
peu près les mêmes chez le trouvère, et par conséquent 
chez le minnesinger, que dans l’Enéide latine: mais suivant 


1) Rise signifie-t-il bien une guimpe? c’est ce que nous n’oserions ga- 
rantir. Tout ce qu’on peut affirmer c'est que ce mot designait un ornement 
de la tête ou du cou susceptible d'être attaché à la hampe d’une lance, 
comme il ressort du passage même que nous avons sous les yeux: ' 

Heter aber mine rise 
Nü ze disen stunden 
An sinen schaft gebunden.... 


2 Peÿ 


eux, ce n'est point la nymphe Juturne qui rallume la guerre; 
c’est tout simplement un chevalier de la cité qui fait honte 
à ses compagnons de laisser ainsi Turnus s’exposer pour 
eux tous et engage de nouveau la lutte en tuant un Troyen. 
La mêlée devient générale, Latinus s’enfuit: 


Entre ses bras porte ses dex, Her nam sinen liebsten got, 

Il ne les tenoit mie à tex Der andern aller her vergaz, 
Qu'il li péussent rien valoir, Hern konde niht gedenken baz, 
Ne nul garant par als avoir; Wan als im sin zageheit riet: 
En tost fuir mius se fioit Hern trouwete genesen niet, 


Qu'en tos les dex que il portoit. Daz herm gehelfen mohte, 

(£?. 110, r, b, 50 et sqq.) Her hüb sich ze flohte. 

(p. 312, v. 34 et sqq.) 

Eneas, sans armes, se jette entre les combattants et 
crie à ses soldats de cesser cette lutte impie; mais il est 
blessé au bras. Ascanius et ses barons l’emportent dans 
sa tente, et appellent Yapis „un bon mire qui estoit en 
Post“. Celui-ci ne put d’abord retirer de la blessure le 
fer de la flèche; il résistait aux tenailles et aux ferrements 
„Et Eneas crioit forment“. Yapis eut alors recours au 
„dytan“, et lorsqu'il Peut détrempé et fait boire au blessé, 
„la sajete s’en est volée“ et la plaie fut guérie. 

Li dytan est de grant vertus; 

Et li kievreus a tel nature, 

Quant navrés est, tot à droiture 

Cort al dytan, à sa mecine, 

Soit de foelle soit de racine: 

Très qu'il en a le col passé, 

Il a le mal tot oblié; 

Et se li fers li est el cors, 

Par ce l’en estuet aler fors. 
(f?. 111, r, a, 56 et sqq.) 

Virgile explique autrement la guérison d’Enee; il en 
fait honneur à Vénus qui va elle-même cueillir sur le mont 
Ida le dictame (non illa feris incognita capris Gramina) 
et enveloppee d’un nuage, distille sur la plaie les sucs bien- 
faisants. Quant à Veldeke, il bannit de son récit tout 
merveilleux: Läpis (sic) retire tout naturellement avec une 
pince le fer de la plaie, applique sur la blessure un onguent, 
et le héros n’éprouve plus de douleur. 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 3 


Cependant Turnus s’&tait empressé de mettre à profit 
l'absence de son rival. Dès qu’il l’avait vu disparaître du 
champ de bataille, il s'était élancé sur son cheval, et dé- 
tordant son enseigne, il s'était mis à faire des Troyens 
un grand carnage. Neptanabus (personnage inconnu à Vir- 
gile) avait osé le défier, mais il avait payé de sa vie son 
audacieuse provocation. Le retour d’Eneas mit seul un 
terme aux exploits du chef des Rutules. Les Troyens re- 
prennent le dessus, et Turnus évite son redoutable adver- 
saire, 

Car molt li ert mal à fuir, Hern wolde sterben dannoch, 

N'il ne voloit encor morir. Unde flouch, ungerne jedoch. 
Mais quand il voit les murs de Laurente menacés par les 
vainqueurs qui déjà lancent dans la ville des torches in- 
cendiaires, il est saisi de honte, et, rassemblant ses barons, 
il leur déclare qu’il va combattre Eneas: 

Mius voil em bataille morir E danne ich die schande 

Que vis ne recreans fair. Dole in diseme lande 

Von ime an minem libe, 

Oder daz her mich vertribe, 

Ich wil & kiesen den tôt. 
Yl court donc vers la ville et va s'offrir à son rival: aussi- 
tôt la melde cesse, et les troupes des deux nations se ran- 
gent de chaque côté, laissant entre elles une grande place. 

Le combat de Turnus et d’Eneas se passe d’abord 
comme tous les duels chevaleresques. Les deux adversaires 
sassaillent à coups de lances et se démontent mutuelle- 
ment; puis ils tirent leurs épées et continuent la lutte à 
pied. Le glaive de Turnus se brise; il fuit, poursuivi par 
Eneas. Une pierre énorme s'offre à sa vue, il la saisit et 
la jette contre son ennemi; mais celui-ci n’est pas atteint, 
et de sa lance qu’il avait ramassée, il perce la cuisse du 
Rutule. L’infortuné, renversé sur le sol, demande merci, 
et en signe de sa défaite, présente son casque au vain- 
queur !). C’est alors qu’Eneas voit briller l’anneau de Pal- 
las au doigt du suppliant, et cette vue lui rend toute sa 


1) Ce détail intéressant a été omis par Veldeke. 
3 Là 


36 Pey 


colère. „Je t’aurais fait grâce de la vie, lui dit-il, mais 
cet anneau me rappelle Pallas que tu as occis; je ne te 
tuerai pas, mais je vengerai Pallas. En parlant ainsi, il 
le frappa du glaive que Vulcain avait forgé, 


Em prist le cief, Pallas venja.  Daz houbet her im abe släch. 
(£°. 111, v, c, 4.) (p. 331, v. 38.) 


L’Eneide était finie; et il semble que le trouvère et 
son imitateur auraient dû s'arrêter la; mais les romanciers 
du moyen-äge n’ont pas l’habitude de quitter si brusque- 
ment leurs personnages. Ils nous font donc assister aux 
suites du combat, et nous montrent Eneas concluant la 
paix avec Latinus et promettant d’epouser sa fille, dans 
hait jours, selon Benoit, dans quinze suivant Veldeke; après 
quoi, il retourna dans son camp, sans entrer dans Laurente. 

Quand Lavine vit qu’Eneas s’eloignait sans la venir 
saluer, elle en fut affligée et plus encore blessée: 


Molt par lui est de moi petit; 

De fol plait me sui entremise; 

N'a so[ilng de moi en nule guise. 

Or ara par le nom de moi 

Sa terre et le regne le roi; 

Et se il a tote l’onor, 

Asses li est pou de m’amor. 

Il est tenans de m’irete; !) 

Assets m'en menra plus fierté, 

Tornera moi en val desos; 

Il en ara les castiaus tos; 

Je ne m’arai de coi aidier. 

Si me demenra grand dangier; 

Et s’il m'aime ne poi ne grant, 

Tos tans me fera il semblant 

De grant orguel et de fierte. 

Asses m’ara tost reprové 

Que de s’amor fui prins altiere etc. 
(f?. 111, v,c, 34 et sqq.) 


Dans Veldeke Lavine tient un langage moins fier et 
son monologue est beaucoup moins long. Elle ne se pré- 
occupe pas de l’avenir, elle n’entre pas dans ces considé- 


1) Ce vers et les huit suivants nous ont été fournis par les manuscrits 
7516, et 6787. Le no. 7585 était ici évidemment incomplet. 





Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 87 


rations qu'on pourrait presque appeler politiques, et se 
plaint seulement de l’indifférence qu’on lui témoigne dans 
le moment. Il pense sans doute, se dit-elle, qu’il n’a pas 
besoin de se déranger et qu’il me verra bien assez plus 
tard: 

Her denket Ifhte in sinem mât: 

Lebe dir sanfte, ez is dir güt, 

Lâ dir sin niht ze gâch, 

Du gesihst si dicke her nâch. (p. 333, v. 33.) 

Eneas de son côté regrettait d’avoir fixé à un terme 

si éloigné son mariage avec Lavine; il se reprochait sur- 
tout de n'avoir pas été voir la pucelle après la bataille: 


Molt grant folie fis sans faille, Als schiere als ich den sige gewan, 
Que jo, loes apres la bataille, Daz ich zü ir niene reit, 


En es le pas n'alai à li; Daz was ein michel bösheit 
Meffais li sui, pardon li pri. Unde sal mich immer rouwen. 
(f?. 112, r, a, 59 et sqq.) (p. 334, v. 36 et sqq.) 


Ces regrets et ces reproches occupent dans Benoit plus 
de cent soixante vers; ils sont moins développés dans Vel- 
deke qui parait avoir eu moins de goût que le poëte fran- 
çais pour les subtilités de la métaphysique amoureuse. En 
revanche le minnesinger raconte avec plus de détails que le 
trouvère les cérémonies et les fêtes qui accompagnèrent le 
mariage d’Eneas avec Lavine. Nous trouvons même ici 
chez lui un petit épisode que nous avons cherché en vain 
dans les manuscrits français: Eneas demande à Latinus, peu 
de jours avant les noces, la permission de venir voir sa fian- 
cée; entrevue des deux amants; Eneas donne à la jeune fille 
un anneau d’or, et de retour dans son camp, il lui envoie 
encore plusieurs bijoux. Fureur d’Amate quand elle voit 
approcher une union qui lui est odieuse; après avoir éclaté 
en invectives, elle va se jeter sur sou lit, où elle resta 
jusqu’à ce que la mort vint lui glacer le coeur. Cet épi- 
sode qui compte à peu près deux cents vers a-t-il été 
imaginé par Veldeke? ce n’est assurément pas impossible, 
et nous ne voudrions pas prétendre, malgré la stérilité dont 
il a fait preuve dans tout le cours du poëme, qu’il füt ab- 
solument incapable d’inventer quelque chose. Mais la fin 
du roman offre dans plusieurs de nos manuscrits des la- 


3% Pey 


cunes considérables ou de notables divergences. Nous li- 
sons par exemple dans le no. 6737 qu'avant son mariage 
Eneas envoya à Lavine un anneau gage de son amour; 
et que celle-ci à son tour fit porter a son dru un saphir 
et un diamant, en joignant à ce cadeau des commentaires 
mystiques sur ces pierres symboliques. Cette correspon- 
dance entre les deux amants, cet échange de présents dont 
il n’est point question dans les no. 7535 et 7515, nous 
rapproche singulièrement du récit de Veldeke. Quant à 
la mort d’Amate elle est racontée par Virgile, et l’on pour- 
rait croire que notre minnesinger s’est inspiré ici directe- 
ment de l’épopée latine; mais cette hypothèse nous parait 
en contradiction avec les résultats du scrupuleux examen 
auquel nous venons de nous livrer, et nous aimons mieux 
supposer que Veldeke a eu entre les mains une copie du 
Roman d’Eneas plus complète que toutes celles que nous 
avons pu consulter. 

Lorsque le prince troyen eut épousé Lavine, continue 
Benoit, il fut l’homme le plus joyeux du monde, 


Et Lavine recuidoit bien Nû dûhte frowen Lavinen 
Que nule feme n’éust bien Die lieben brüt sine, 

Fors li; nus hom ne péust dire, D6 sie ir lieben man 

Que nule cose en fust & dire, Näch ir willen gewan 

Que il n’eust tot acompli. Und trüte baz danne ir lib, 
(9.112, v,a, 24 et #qq.) Si dühte daz alliu wib 


Ane froude wären, 

Die solher minne enbären, 

Die si hete zaller zit 

Ane hüte und äne strit. 
(p. 348, v.29 et sqq.) 

Les deux poëmes se terminent par une généalogie des 
descendants d’Eneas; l’énumération est moins longue dans 
Benoit que dans Veldeke; il s'arrête à Romulus tandis que 
son imitateur remonte jusqu’à Julius César, qui fut assas- 
sine à Rome par les sénateurs „Senätöre ez täten“, et 
jusqu'à l’empereur Augustus sous qui vint au monde le 
fils de dieu: 


Sin gnâde sal es walden 
Und sal uns gesterken 
An solichen werken, 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 3% 


Als uns ser sèle gût af. 
en in nomine domini. 


Le ms. 7535 termine le Roman d’Eneas par ce vers: 
Signor furent par tot le mont 
(£°. 112, verso, col. b, 12.) 


et commence immédiatement le Roman du Brut: 


Qui velt oïr et velt savoir 

De roi en roi et d’oir en oir 
Qui cil furent et d’ont il vinrent 
Qui Engleterre primes tinrent etc. 


Le no. 6737 nous offre la finale suivante: 
L'istoire faut, il n’i a plus 
Que à metre fuce en mémoire. 
Or nous doinst Dieus du ciel la gloire 
Da cerubim et serafin; 
Ci est li romans à sa fin. 
Explicit. 


Ce qui frappe tout d’abord dans le Roman d’Eness, 
pour peu qu’on soit au courant des habitudes de nos vieux 
poëtes, c’est que l’auteur entre en matière absolument 
ex abrupto, sans annoncer le sujet qu’il va traiter, sans 
indiquer les sources où il puise ou les autorités aux- 
quelles il s’en réfère, sans faire le moindre appel à la cu- 
riosité et à l’attention de ses lecteurs ou de ses auditeurs. 
De cette absence complète des préliminaires accoutumés 
on a conclu avec une certaine vraisemblance que ce poëme 
n’était pas une composition indépendante, mais seulement 
une suite du Roman de Troie!) qui le précède dans la 
plupart des manuscrits, et dont il ne fait jusqu’à un cer- 
tain point que continuer et achever le récit. Ceci étant 
admis, et les deux poëmes étant rapportés à un même 
écrivain, nous connaissons l’auteur de l’Eneide française; 
il s’est nommé plusieurs fois dans le Roman de Troie: 


1) Le Roman de Troie, malgré son importance et son intérêt, attend 
encore un éditeur; il en a été donné de nombreux extraits par M. From- 
mann dans le curieux travail qu'il a publié récemment sous ce titre: Herbort 
von Fritzlar und Benoit de Sainte-More. Stuttgart 1857. 


40 Peÿ 


Mais Benéois de Sainte More 

L’a translate et fait et dit, 

(Ms. 7535, f°. I. rect., col. c,17 et 18) 

Jo n’en sai plus, ne plus n’en dist 

Benéois qui cest romans fist. 

(Ibid. 83, r, b, 28 et 29). 
Chose étrange! ce même Benoit qui, dans son premier ou- 
vrage, cite à chaque pas ses deux autorités, Dares et 
Dictys, ne nomme pas une seule fois Virgile dans le se- 
cond; de sorte qu’on pourrait croire qu’il a travaillé sur 
une version française ou bien encore sur un remaniement 
en prose latine de l’Enéide, si la fidélité avec laquelle il 
traduit certaines expressions, certains détails de style ne 
prouvaient jusqu’à l'évidence qu’il a eu réellement sous les 
yeux le texte original. Veldeke au contraire invoque sou- 
vent le témoignage de Virgile que selon nous il n’avait 
pas consulté, et les mots: „Sö saget Virgiliüs der märe“, 
„sö zelt Virgiliûs der helt“ reviennent fréquemment dans 
ses vers. Parfois aussi il s’en réfère à une autorité ano- 
nyme qu’il appelle simplement le livre „das büch“ et sur 
laquelle il s’explique assez catégoriquement à la fin de son 
poëme: 

Das is genügen kuntlich, 

Als ez dû tihte Heinrich, 

Derz üzer welschen büchen las, 


Da ez von latine getihtet was 
Al näch der wärheide. 


Ob daz gelogen niene was, 
Sö wil her unscholdich sin: 
Al is ez welsch und latin 
Ane missewende. (p. 354). 

Quel est ce „welschez büch“ oü, de son propre aveu, 
notre minnesinger a puisé fous les détails de son récit? 
Le premier éditeur de Veldeke, Müller a cru que s'était un 
poëme italiens son second éditeur a soutenu avec raison 
que ce devait être un poëme français; et nous venons dire 
à notre tour, sans craindre d’être contredit par nos lec- 
teurs: ce livre welche c’est le Roman d’Eneas: Heinrich’s 
Vorbild ist wieder aufgefunden. 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. a 


Quant à cette autre question que Louis Ettmüller se 
posait avec le regret de ne pouvoir la résoudre: Dans quelle 
mesure le minnesinger a-t-il imilé le trouvère (wie Hein- 
rich zu seinem Vorbilde sich verhalte)? nous croyons y 
avoir suffisamment répondu par l’analyse comparative qu’on 
vient de lire, et nous nous contenterons ici de résumer 
en peu de mots les résultats de notre travail. 

Au premier abord l’Enéide allemande semble plus lon- 
gue que le Roman d’Eneas; celui-ci n’a que 10,417 vers, tan- 
dis qu’elle en renferme 13,268. 

Cependant Henri de Veldeke écourte la plupart du 
temps l’oeuvre du trouvère. Benoit avait écarté l’interven- 
tion des dieux et en général le merveilleux payen, mais il 
avait conservé et traduit même avec une certaine complai- 
sance un certain nombre d’allégories classiques; celles-ci 
ont été à leur tour éliminées par notre minnesinger. Voyez 
par exemple ce portrait de la Fortune: 

Fortune torne en molt poi d’eure, 

Qui rit al main al vespre pleure; 

Al soir est laide, al matin bele, 

Si com el torne sa roele: 

Qui ele met un jor desus 

L’autre le retrebuce jus; 

De tant com el l’a mis plus halt 

Tant prent il aval grignor salt. 
Ou bien encore celui de la Renommee: 


Fame est molt mervillose cose; 
Ele ne fine, ne repose: 

Mil bouces a dont el parole, 
Mil oels, mil eles dont el vole, 
Mil oies dont ele orelle, 

S’ele ot dire nule mervelle 

Que ele puist avant nonchier. 
Ele ne fine de gaitier: 

Se d’une rien set tant ne quant 
De molt petit fet ases grant etc. 


Ou cette description des portes de l’Enfer: 
Deus grans portes a en infer, 
N’a en l’une ne fust ne fer; 


Li une porte ert eborine, 
Et l’autre apres si est cornine; 


42 Peÿ 


Par ces portes issent li songe: 
Et cil qui tornent à mensonge 
Vienent par le porte eborine, 
Li voir issent par le cornine. 


Tout cela a disparu de l’Enéide allemande. Il en est 
de même de plusieurs passages de Virgile justement célèbres, 
de plusieurs traits fameux que le trouvère, comme s’il en 
avait senti la beauté, s’est efforcé de traduire de son mieux, 
par exemple le magnifique „intentant omnia mortem“ qui 
achève si bien le tableau de la tempète: 

Et ciels et mers lor promet mort; 
et le „forsan et haec olim meminisse juvabit“ qu’il rend 
ainsi : 

Ca avant vous delitera 

Quant il vous en rememberra; 
Ne les cherchez pas dans Henri de Veldeke, il les a im- 
pitoyablement supprimés. Comment se fait-il donc qu'après 
tant de suppressions et nous pourrions dire de mutilations, 
son poëme offre encore un plus grand nombre de vers que 
le poëme de Benoit? 

D'abord il faut reconnaître que, si Veldeke abrège le 
plus souvent son modèle, il l’amplifie aussi de temps en 
temps. Il n’introduit pas d'idées nouvelles, mais il em- 
ploie plus de mots pour exprimer les mêmes idées. Il 
n'imagine point de faits, il n’invente pas d'incidents, mais 
il développe, il explique et commente. Quelquefois, comme 
dans le portrait de la Sibylle, il surcharge une peinture 
déjà complète et multiplie les détails. Ailleurs il abuse de 
l’énumération, et donne la liste de toutes les pierres pré- 
cieuses qui devaient orner le bouclier d’Enee: émeraude, 
rubis, topaze et sardoine, crysolithe et améthyste, grenat 
et saphir, il n’en oublie pas une, tandis que Benoit avait 
dit seulement: 

D'un vert topasse fu li bocle; 
Sus en l’orle ot .I. escarbocle, 


Qui par nuit jete tel clarté, 
Come solax el mois d’este. 


Ensuite il emploie très fréquemment un procédé qui en- 
traîne nécessairement dans la forme, indépendamment de 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 43 


tonte amplification du fond, d’assez notables longueurs: ce 
procédé consiste à couper en plusieurs alinéas des discours 
que les personnages de Benoit débitent tout d’une haleine. 
Citons comme spécimen le monologue de Lavine au mo- 
ment où Eneas s’avance contre Turnus. Dans le roman 
français la jeune fille se reproche en une quinzaine de vers 
qui ne font qu’une seule et même tirade de n'avoir point 
envoyé à son amant une de ses manches ou sa guimpe. 
Chez le minnesinger, la pucelle reprend sept fois haleine 
pour prononcer son monologue qui, grâce à ces , dit-elle 
et „reprit-elle“, grâce aussi, il est vrai, à un nouvel abus 
de l’énumération, dure, comme nous l’avons fait remarquer 
plus haut, pendant quafre-vingt-sept vers: „Ö wè, sprach 
si, ich tumbe....“ „Si sprach: het her min härbant!.. .“ 
„Aber sprach diu junkfrouwe: hete her doch mine 
mouwe ...“ „Heter, sprach si, min vingerlin....“ „Si sprach 
zem andern worde: heter nü disen borden....“ „Si sprach: 
word En£as erslagen....“ „Si sprach: ich bin des aber 
gewis....“ | 

Enfin le vers de Veldeke, souvent matériellement plus 
court que celui de Benoit, est, au point de vue du sens, 
presque foujours beaucoup moins rempli. Voilà comment 
son Enéide quoique renfermant moins de choses et étant 
en réalité notablement plus courte que l’Enéide française, 
compte cependant près de 3000 vers de plus. 

On voit par ce qui précède à quoi se réduit le talent 
d'invention dont Henri a fait preuve dans son principal 
ouvrage: son style et sa versification ont-ils plus de va- 
leur, c’est ce que ses compatriotes décideront avec plus 
d'autorité que nous; mais autant que nous en pouvons ju- 
ger, le plus grand, le seul mérite peut-être de ce minne- 
singer c’est d’avoir ouvert la voie parcourue ensuite glo- 
rieusement par d’autres, d’avoir été en un mot le précur- 
seur des Wolfram et des Gottfrid. Mais voici que ce mé- 
rite même lui est reproché comme un crime par l’auteur 
d’une savante et utile publication: „Es kommt bei Hein- 
rich von Veldeke noch besonders in Anschlag, dafs er der 
erste war, der ein französisches Vorbild auf deutschen Bo- 


44 Peÿ 


den führte, und mit seiner Nachahmung der ganzen höfi- 
schen Unnatur und Albernheit Bahn brach. Er schuf nicht 
einen Stil, sondern eine Manier, die wie alle Modesachen 
der naturgemälsen Entwicklung Einhalt that, und auf Ab- 
wege lenkte, auf welche die deutsche Poesie seitdem im- 
mer wieder zurückgeworfen ist... Die Blüthe, welche von 
Veldeke datirt wurde, ist in Wahrheit ein Verfall, da mit 
ihm die Herrschaft des Auslandes über das Einheimische 
zur Geltung gelangte“ (Deutsche Dichtung im Mittelalter, 
p- 868). Isarröt est sévère: mais nous y voyons moins 
un jugement sérieux et réfléchi qu’une boutade inspirée par 
un sentiment facile à deviner. Il n’y a pas long-temps 
qu'un écrivain éminent déplorait ici même, à propos du 
Poëme du Cid, l'influence exercée sur les appréciations de 
certains critiques par les suggestions de l’amour propre na- 
tional. Qu'il nous soit permis à notre tour de regretter 
qu'un savant aussi consciencieux que M. K. Gödeke se 
soit laissé égarer par un patriotisme malentendu, au point 
de méconnaître la grandeur d’une des plus belles époques 
littéraires de l’Allemagne, et de rabaisser l’admirable mou- 
vement poétique auquel nous devons le Parzival, le Titurel 
et le Tristan. . 


Paris. Alexandre Pey. 


Zu Seite 29. 


Turnus est pros, sel dois amer. 
— Je ne m’i sai pro atorner. 

— Et tu l’apren. — Dites le moi 
Que est amor? — Ne sai par foi; 
Je ne t'en puis nient descrire. 

— Qu'en sarai donc se ne l’oi dire? 
— Tes cuers t’aprenra à amer. 

— Si n’en orai altrui parler? 

— Tu nel soras ja par parole. 

— Tos tans en quit dont estre fole. 
— Ains en poras tost estre aprise. 
— Confaitement, et en quel guise? 
— Comence, asses en saras puis. 
— Et je comment, quand je ne truis 


Qui me die que est amors? 
— Je te dirai de ses dolors, 
De sa nature que j'en sai; 
Bien me sovient que je amai; 
À paine en puet dire nient 
Qui n’a amé et qui n’en sent. 
S’or avoies une infermeté 
Mieus saroies p- .crice 

Des angoisses que sentiroies 
Et des dolors que aroies; 
Qui t'en vouroit donc demander 
N’en saroies mieus raconter, 
Qui en seroies bien chertaine 
Que je qui en seroie saine, 


Henri de Veldeke et Benoit de Sainte-More. 


O je mieus le diroie asés? 

— Est dont amors infermetés? 

— Nenil, mais molt petit en falt, 

Une fièvre quartaine valt; 

Pire est amor que fievre ague; 

N'est pas retor quant on en sue. 

D’amors estuet sovent suer, 

Et refroidir, fremir, trambler, 

Et sospirer et baailler, 

Et perdre tot boire et manger, 

Et dejeter et tressaillir, 

Muer color et espasmir, 

Giendre, plaindre, palir, penser, 

Et soglotir, vellier, plorer; 

Ce li estuet faire sovent 

Cil qui bien aime et qui s’en sent. 

Tels est amors et sa nature. 

Se tu viels metre ta cure, 

Sovent t’ogtavra endurer 

Ce que tu m’os ci raconter, 

Et asses plus. — N'en ai que faire, 

— Porquoi? — N'en puis nient mal 
traire. 

— Cil mals est dols, ne l’eschiver. 

— Ainc de bon mal n’oi parler. 

— Amors n’est pas de tel nature 

Com altres mals. — Je n’en ai cure. 

— Et jà est ce tant dolce cose. 

— Je n’en ai soing. — Or te repose: 

Tu ameras encor ce croi; 

Si n’en feras nient por moi. 


Ne m'en poras longes deceoir. 
Sel puis savoir ne apercevoir 
Que ton coeur voelles atorner 

Al traitor de Troie amer, 

A mes dos mains t’estuet morir. 
Ce, ne poroie je sofrir. 

Turnus t'aime, si te velt prandre, 
Vers lui dois tu d’amor entendre; 
Ames le, fille. — Je ne sai. 

— Je t'ai mostre. — Et je m’esmai. 
— De coi? — Del mal, de la dolor 
Qui tostans va sivant amor. 

— Et jà est ce tels soatume, 
Soef trait mal qui l’acostume. 

Se il ia un poi de mal, 

Li bien s’ensuit tos par ingal: 
Ris et joie vient de plorer 

Et grans depors vient de pasmer, 
Grans liece vient de sospir, 
Fresce color vient de palir; 
Baisier vienent de baaillier, 
Embracemens vient de vellier; 
Encore suit li grant dolcors 

Qui tost sane les mals d’amors, 
Sans erbe boire et sans racine, 

A cascun mal fait se mecine; 

Ni estuet metre ongent n’entrait. 
La plaie saine que il fait; 

Se il te velt un poi navrer, 

Bien te sara apres saner. 

Garde el temple com faitement ... 


46 Amador de los Rios 


Die spanischen Sprichwörter 
als Element der Verskunst betrachtet '). 


Wenn wir nach der Untersuchung, wie das Idiom La- 
tiums seine alte Herrschaft über die Menge verliert, indem 
es zur todten Sprache herabsinkt, innehalten, um das be- 
ständige Bestreben der Vulgär-Sprachen, aller der ihnen 
vorausgehenden Kulturelemente sich zu bemächtigen, ins 
Auge zu fassen, so mufs unsere Aufmerksamkeit die Frage 
fesseln, was in jenem fernen Zeitalter waren und sein muls- 
ten die refranes, adagios, verbos, palabras, retrayres, 
exemplos, fablillas, proloquios oder die Sprichwörter (pro- 
verbios) des Volkes (denn mit allen jenen Namen wurden 
sie während des Mittelalters bezeichnet). 

Unter drei verschiedenen Gesichtspunkten aber bieten 
sie sich dem Studium der Kritik dar: 1) unter dem der 
Sprache, 2) der ästhetischen Form, 3) des Inhalts. In al- 
len diesen Beziehungen erscheint die Geschichte der Lite- 
ratur interessirt, denn in allen entdecken wir zahlreiche 
Spuren des Wegs, den dieselbe durchlief, von jenem Au- 
genblicke an wo die Volkspoesie die Gesänge des rohen 
und unwissenden Volkes formulirt, bis zu dem, wo zu ei- 
nem Erbgut der Gelehrten die vom Volke selbst adoptirten 
Mittel der Darstellung werden. 

Wir werden indessen nicht in die Versuchung kom- 
men, die Sprichwörter als einzige Quelle der poetischen 
Formen zu betrachten, eine Theorie, welche, weil allzu an- 
mafsend, ihre Bedeutung bereits verloren hat, indem sie 
von den modernen Schriftstellern vergessen, ja bisweilen 
selbst verächtlich zurückgewiesen wird. Diese Theorie 
stellte der Benedictiner Sarmiento in seinen Memorias para 
la historia de”l]a poesia?) auf, ohne Zweifel mit Rücksicht 
auf die Achtung, welche Juan de Valdes in dem Didlogo 
de las lenguas den Sprichwörtern zollte, indem er sie dort 


!) Excurs aus der noch ungedruckten Historia critica de la literatura 
espanola (Parte I, tomo II) des Verf. 


3) Numero 404. 





Die spanischen Spriehwörter. 47 


als den wahren Prüfstein der Eigenthümlichkeit der casti- 
lischen Sprache bezeichnete. Aber wenn „unter diesem Ge- 
sichtspunkt die Sprichwörter am meisten sich dadurch em- 
pfehlen, dafs sie im Volke geboren und unter den alten 
Weibern hinterm Herde aufgewachsen sind“, wie sich der 
Marques von Santillana ausdrückte, der erste, welcher daran 
dachte jenen zerstreuten Schatz zu sammeln !): so vergesse 
man nicht, dafs dieses Volk und diese alten Weiber durch- 
aus irgend eines Typus oder eines Musters bedurften, wo- 
nach sie sich richteten, als sie den Maximen, Rathschlä- 
gen und Sentenzen, die in den Sprichwörtern niedergelegt 
sind, Gestalt gaben, und dafs in der Ueberlieferung dieser 
Typus existirte, von der Menge mit Liebe gepflegt, wie 
eine von den Vorfahren überkommene geistige Erbschaft. 
Doch mufs, wenn schon nicht als Entstehungsgrund (prin- 
cipio) der Verskunst, dieses kostbare Kulturelement als ein 
Spiegel unsere Blicke fesseln, in welchem die Form der 
Volkspoesie in derselben Weise und mit derselben Kraft 
sich reflectirt und abzeichnet, als wie dort die Sprache zur 
Anschauung kommt, indem die eine wie die andre der Er- 
fahrang und dem gesunden Verstande des Volkes als recht- 
mäfsiger Dollmetsch dienen. Unter jenem dreifachen Ge- 
sichtspunkte also verdienen die castilischen Sprichwörter 
eine ausgezeichnete Stelle in den Untersuchungen der An- 
fänge der vaterländischen Literatur, und in keiner andern 
Absicht nehmen wir uns vor sie zu prüfen. 

Vor der Bildung der Vulgärsprachen sind in der Spra- 
che und der Verskunst der Gelehrten die Axiome, Senten- 
zen, Aphorismen und Maximen, die sich bald auf die Re- 
ligion, bald auf die Wissenschaft, bald auf die Moral be- 
ziehen, niedergelegt worden, indem alle diese Lehren sich 
darboten als eine. Frucht der Studien der Gelehrten und 
als ein Band zwischen der Wissenschaft derselben und je- 
ner instinktmäfsigen Neigung des Volks, auch ohne die nö- 
thige Urtheilskraft, seine intellectuelle Lage zu verbessern. 


1) Siehe seine Obras, von mir herausgegeben, p. 504, und die Origenes 
de la lengua espafiola von Mayans, Tomo II am Ende. 


48 7” Amador de los Rios 


Wobl wissen wir, dafs die Form des Sprichwortes (refran) 
oder des Spruches (adagio) eine den Menschen überhaupt 
eigenthümliche ist, die sie von Generation zu Generation 
als ein kostbares Erbe überliefern; auch dürfen wir in die- 
ser Beziehung nicht vergessen, dafs so gelehrte Männer, 
wie Juan de Mal-Lara, ihren Ursprung in das fernste Al- 
terthum verlegen, namentlich wo sie von den castilischen 
handeln: aber obwohl wir zugestehn, dafs das Sprichwort 
der erste Ausdruck der Wissenschaft und der Philosophie 
aller Völker sein mufste, denn anders zu denken würde 
absurd sein, mufs man doch beachten, dafs, indem ein Zeit- 
alter dem andern diese Erstlinge der Beobachtung und Er- 
fahrung vererbte, es ihm auch die Verpflichtung aufzule- 
gen schien, ihre Form zu verbessern und zu vervollkomm- 
nen, unter welchem Titel allein der Niefsbrauch legitimirt 
werden konnte. Nichts anderes geschieht in Betreff des 
griechischen und römischen Alterthums, wie sehr auch der 
Verfasser des Diälogo de las lenguas zu behaupten sich 
bemüht, dafs die Sprichwörter, welche jene Idiome als Mit- 
tel des Ausdrucks haben, „unter gelehrten Leuten entstan- 
den, und in Büchern von grofser Weisheit gefeiert worden 
wären“. 

Das Sprichwort, stets volksthümlich, entsteht, wo im- 
mer der Instinkt der Selbsterhaltung die Erfahrung zur 
Lehrerin nimmt; es wächst unter dem Volke als eine na- 
türliche Formel des Beweisgrundes, worin das Gedächtnifs 
die Kunst oder Gewohnheit zu denken ersetzt; es pflanzt 
sich fort in der Nation als der ächte Ausdruck des ge- 
meinsamen Bewulstseins, die Fehler verbessernd und die 
Meinung der Menge erleuchtend und lenkend; zuletzt ge- 
langt es dahin, dem Alter gewissermafsen ein Priester- und 
Lehrerthum zu verleihen, indem es dasselbe mit dem dop- 
pelten Heiligenschein der Tugend und Wissenschaft um- 
gibt. | 

In dem dem Grabe nahen Alter wirkt mit gröfserer 
Kraft der Instinkt der Erhaltung; und wenn es der Ueber- 
zeugung von seinem nahen Ende sich nicht verschliefsen 
kann, strebt es das ganze in der Schule des Lebens mit 


Die spanischen Sprichwôrter. 49 


Kosten erworbene Kapital der Jugend zu übermachen, da- 
mit sie, sein Andenken segnend, die Gefahren des Lebens 
vermeide oder die Lehren seiner reichen Erfahrung prak- 
tisch ausfübre. Nachdem die ersten von der Menschheit 
gewonnenen Begriffe also vergliedert worden sind, das Ur- 
theil eines jeden Volkes über das Gute und Schlechte, über 
das Gerechte und Ungerechte, das Nützliche und Unnütze, 
das Nothwendige und Ueberflüssige mehrfach bestätigt, die 
Lehre in der Gestalt, welche am meisten die Vernunft be- 
friedigt und am besten dem ungebäldeten Gedächtnisse sich 
anbequemt, abgezogen und aufbewahrt worden: kommt der 
Augenblick, in welchem die Literatur und die Wissenschaft 
in neue Regionen sich erhebend mit einem glänzenderen 
Gewande alles bekleiden, was sich vordem von Kunstfer- 
tigkeit entblôfst und ohne einen andern Schmuck zeigte, 
als die Einfalt der Wahrheit, welche ihm seinen Werth 
gab. Auf solche Weise entstanden, wurden überliefert und 
vervollkommneten sich die Sprichwörter, welche, nach Juan 
de Mal-Lara!), Aristoteles „Reliquien alter Weisheit“ nannte, 
auf dem Boden von Griechenland und Rom, ebenso wie sie 
unter den orientalischen Völkern nach dem Ausspruche 
der heil. Schrift entstanden waren und sich vervollkommnet 
hatten. Aber nachdem die Literatur der Griechen und 
Römer auf den Gipfel ibres Glanzes sich erhoben, ver- 
mehrten auch die Sprichwörter durch die Schönheiten einer 
ebenso geglätteten als treffenden Ausdrucksweise ihren 
Werth, und wurden nun von den Gelehrten in ihren Kreis 
gezogen, die in ihren Werken sie verherrlichten, bald ih- 
ren Werth einfach aufweisend, bald durch gelehrte Com- 
mentarien sie erläuternd. Aber weil die äufsern Formen 
sich verändert, ward darum nicht auch das Wesen der in 
den Sprichwörtern niedergelegten Lehre verfälscht, denn, 
obschon erläutert und erklärt von den Philosophen und 
Dichtern, wurden sie von Neuem zum ständigen Gebrauch 
- des Lebens verwandt. „Obgleich“, sagt Mal-Lara, „die 
Sprüche, welche das Volk hat, voll der tiefsten Philosophie 


1) Philosophia vulgar, preémbulo II. 
IL 1. 4 


so Amador de los Rios 


sind, wurden sie doch vulgares genannt, weil sie in das 
Volk übergegangen und in allgemein verständlichen Wor- 
ten ausgedrückt waren, und zwar der Art, dals es unnö- 
thig ist, dasselbe aus dem Munde des Lehrers selbst zu 
bôren“ ’). 

Weit entfernt also, unter den Gelehrten entstanden zu 
sein, wie der Verfasser des Diälogo de las lenguas annimmt, 
entsprofsten die Sprichwörter der Griechen und Römer viel- 
mehr dem Schoofse des Volks, und verschönert später durch 
glänzende literarische Formen, wurden sie von Neuem ein 
Erbgut der Menge, von Jahrhundert zu Jahrhundert bis 
zu den entferntesten Generationen wandernd. 

Auf keinem andern Wege auch pflanzen sie sich fort 
und bürgern sich ein unter den Völkern des Mittelalters, 


1) „Aunque las proposiciones que el vulgo tiene (decia Mal-Lara) sean 
de lo mas intimo de la philosophia, llamäronse vu/gares, por dadas ya al 
vulgo y puestas en vocablos resgebidos y entendidos comunmente, en tal 
manera que no es menester oir aquello de la boca del mismo maestro.“ 
Philosophia vulgar, preämb. I. Dieses selbe Gesetz erkennen unzweifelhaft 
die Sprichwörter in allen Sprachen an, mögen wir sie bei den Indern, He- 
bräern und Chaldäiern, bei den Persern und Arsbern, oder bei den Griechen 
und Römern betrachten. In der Bibel mit dem Namen maschäl, von den 
Arabern mit dem mistlon bezeichnet, bei den Bewohnern des hellenischen 
Archipelagus napoıuia, bei den Römern adagium und proverbium genannt, 
haben sie in allen Ländern denselben Ursprung und dieselbe Entwicklung. 
In Spanien, obwohl wir später noch darlegen werden, wie und auf welchem 
Wege sie der Formen sich bemächtigten, mit welchen sie auf unsere Zeit ge- 
kommen sind — konnten sie nicht in einer besondern Weise erscheinen: dies 
beweist, abgesehn von vielen andern philosophischen Gründen, der Name re- 
fran, welcher vor allen andern, die sie im Mittelalter führten, sich erhalten 
hat. Das Wort refran, welches unmittelbar aus dem lateinischen referant 
entspringt, zeigt die relacion, referencia oder trasmision einer Maxime oder 
eines Ausspruchs (dicho) an, welcher den unmittelbaren Vortheil des Indivi- 
duums zum Gegenstand hat, das ihn wiederholt und das, von dem Eifer der 
Selbsterhaltung geleitet, in dem fremden Beispiel eine heilsame Lehre (refe- 
rirend [refiriendo — indem es berichtet, oder bezieht]) sucht. Einen identi- 
schen Gebrauch hatten das lateinische adagium (quasi circum agium) und die 
Sprichwörter der erwähnten Völker. 

(Dagegen sagt Diez (Etymol. Wörterb. 284): „Refranh (prov.) ist von 
refranher, sowie refrain vom altfr. refraindre, wohin schon Raynouard sie 
ordnet, beide Verba von (lat.) re-frangere wiederholt brechen, romanisch 
auch moduliren, herabstimmen und dergl.“ Vgl. über diese Etymologie aufser 
Raynouard, Lexique III, p.838, Heyse, Studia Romanensia, Berolini 1852, 
p. 6 f. und Wackernagel, Altfr. Lieder und Leiche, p. 181. Das spanische 
refran aber wird unseres Erachtens dieselbe Abstammung als das prov. refranh, 
durch dieses wahrscheinlich sogar vermittelt, haben. Anm. des Herausgebers.) 


Die spanischen Sprichwörter. si 


nachdem in kläglichen Verfall die grofse Literatur gesun- 
ken, die ihren Stamm und ihre Wurzel in dem Sänger des 
Achill erkannte. Unter den Gelehrten erbält sich die Form, 
in welche sie in der Epoche ihres gröfsten Glanzes sich 
kleideten, wie von dem einen zum andern Zeitalter die Er- 
innerung an die durch die antike Kultur hervorgebrachte 
Kunst sich bewahrt und mittheilt, deren ferner Schimmer 
allmälig sich schwächt, bis er den Blicken des Volkes voll- 
kommen verschwindet. Aber indem die, welche Gelehrte 
sein wollten, keine andere Autorität, als die durch die 
Zeit erkannte, begriffen und keinen andern Verstand als 
den von geachteten Namen beschirmten, verfielen sie in das 
Extrem, unter die Aegide des Alterthums das ganze Ge- 
schlecht (linage) der Sentenzen, Maximen und Aphoris- 
men zu. stellen, welche sie denn hauptsächlich unter den 
Namen des Cato und des Seneca einreihten. Die Disticha 
des erstern und die Proverbia des andern, welche das 
Merkwürdigste, was das Mittelalter in der Moral, der Po- 
litik und der Religion besafs, mochte es nun wirklich von 
den Griechen und Römern stammen, oder ein Kind der 
christlichen Bildung sein, in sich schlossen, waren also die 
Niederlage und das Arsenal gleichsam, zu dem die Gebil- 
deten ihre Zuflucht nahmen, um in jener praktischen Phi- 
losophie sich zu unterrichten, welche eine Tochter des na- 
türlichen Instinkts der Erhaltung, eine Schülerin der Er- 
fabrung und eine Lehrerin des Lebens ist. Aber nachdem 
der Augenblick gekommen, wo die lateinisch-kirchliche Li- 
teratur in einem eigenthümlichen Geist die Kunstformen 
entwickelt, welche sie seit der Epoche des Juvencus und 
Prudentius adoptirt hatte, streben die Gelehrten nicht al- 
lein jene geschätzten Repertorien mit den Früchten ihrer 
Beobachtung und Erfahrung zu bereichern, sondern sie klei- 
den auch in neue Formen sowohl die aus dem Alterthum 
herstammenden Maximen und Lehren, als die, welche sie 
ihren eigenen Betrachtungen verdanken. Dieses Streben 
drang in die Schulen ein, die in Mitten der Dunkelheit 
jener Jahrhunderte gegründet wurden, um die Tradition der 
Studien zu erhalten; und während Johann von Mailand in 
A* 


52 Amador de los Bios 


seiner Medicina Salernitana alle die Grundsätze dieser Wis- 
senschaft, welche die übereinstimmende Meinung der Ge- 
lehrten für richtig erklärt hatte, vereinte'), wurden von 
allen Seiten die Sprichwörter und Aphorismen, die man 
aus den übrigen Wissenschaften gewann, compilirt, oder, 
schon geschmückt mit dem neuen Gewande der lateinisch- 
kirchlichen Literatur, von Jugend auf dem Gedächtnifs als 
einer der kostbarsten Schätze der Wissenschaft anvertraut. 
Nicht minder fanden die von den Befähigten (discretos) also 


“ausgeschmückten Sprichwörter in den historischen Werken 


Platz, indem sie ihnen nicht wenig Ansehn durch die Kraft 
der Lehre liehen, ein Beispiel, welches später von den Chro- 
nisten, die in den romanischen Sprachen schrieben, nach- 
geahmt werden sollte. Ihre allgemein anerkannte Nützlich- 
keit war folglich der Hauptgrund der Achtung, die sie er- 
langten, und das einzige Vehikel, welches sie von Genera- 
tion zu Generation hin führte, sie in jedem Lande acclima- 
tisirend vermittelst eines neuen und besondern Kolorits, 
den Anforderungen seiner Bildung und dem Charakter sei- 
ner Sitten entsprechend. 

Diesen Gesetzen unterworfen erscheinen die Sprich- 
wörter oder Sprüche der Gelehrten auf dem Boden der ibe- 
rischen Halbinsel. Sie sind zwar nicht in so grofser Zahl 
auf die Nachwelt gekommen, als wohl nöthig wäre, um 
vollkommen zu erkennen, was sie waren und in Bezug auf 
die Wissenschaften, von welchen sie sich nährten, vorstell- 
ten; trotzdem aber eröffnen schon die, welche bis auf un- 
sere Tage überliefert worden sind,_uns einen bequemen 
Weg, um die innige Verbindung ihrer Formen und derjeni- 
gen, welche die mit dem Reim schon geschmückte latei- 
nische Dichtung zeigte, zu erkennen. Diese ehrwürdigen 
Ueberreste sammelte Mosen Pedro Valles in seiner reichen 
Coleccion de refranes castellanos, und obgleich er in sei- 
nem Buche, weil er kein eigentliches ästhetisches Ziel dort 
verfolgt, nicht alle die in den lateinischen Sprichwörtern 
gebrauchten Versmalse umfalst, so genügen doch sonder 


1) Tiraboschi III, p. 403 ff. Ginguené I, p. 126. 


a 
Die spanischen Sprichwôrter. 53 


Zweifel die von ihm uns aufbewahrten, um unsere Beobach- 
tungen zu beweisen. Betrachten wir einmal die folgenden 
Gresundheitsregeln, welche in Versen von 16, 15, 14, 13 
und 12 Silben, deren Hemistichien reimen, ausgedrückt sind: 
1. Post pisces nuces | post carnes caseum manduces. 
2. Caseus est sanus | si dat avara manus. 
3. Post prandium dormire | post coenam mille passus ire '). 
4. Stercus et urina | medicis sunt prandia prima. 
5. Übi deficit physicus | incipit medicus. 
Ubi deficit medicus | incipit clericus. 
6. Surge, puer, mane| si vis vivere sane. 
Quia per multum dormire | non potes ad alta subire. 
Oder die folgenden, nicht weniger der Betrachtung 
werth wegen ihrer Reimweise: 
41. Qualis vita | finis ita. 
2. Qui vadit plane | vadit sane. 
3. Si Papa studeret | Papa indigeret, u. 8. w. 

Und man glaube nicht, dafs diese der lateinisch -kirch- 
lichen Literatur zu dankende Formulirung der Sprichwör- 
ter nicht zu derselben Zeit sich entwickele als die Vers- 
kunst und der Reim, welche von den Clerikern par excel- 
lence cultivirt wurden. Die in der ersten Hälfte des 12. 
“ Jahrh. geschriebene Historia Compostellana bezeugt uns 
wiederholt, dafs die Sprichwörter bereits ebenso im Schmucke 
der Verse und derselben Reimweise existirten wie die von 
Valles gesammelten; das bekunden unter andern, die wir 
anführen könnten, die beiden folgenden: 


Non durat | quem mors prosternare curat. 

Octo dies durat | quod nos dolor ejus adurat. Lib. I, cap. 6. 

Sunt colla fracta | multa propter bona facta. Lib. II, cap. 86. 

Es scheint also bewiesen, dafs die von den Gelehrten 
gepflegten Kunstformen mit ihrem Gewand die in jenen 
fernen Zeiten hervorgebrachten Sprüche und Sprichwörter 
schmückten, indem sie also ihre Aufbewahrung in dem Ge- 
dächtnifs und ihre Fortpflanzung in den Schulen, in wel- 


1) Dieses Sprichwort wurde folgendermafsen in das Castilische übertra. 
gen: Despues de comer dormir & de cenar pasos mill. Ich fand es in sei- 
ner Sammlung. 


54 Amador de los Rios 


chen Kreisen sie vorzugsweise Ansehen und Beifall finden 
mufsten, erleichterten. 

Mit dieser Entwicklung und Anwendung des Vers- 
mafses und der kunstmälsigen Reime fiel die Bildung der 
Vulgärsprachen zusammen, welche, ehe sie dahin kaınen 
geschrieben zu werden, erst als rechtmäfsiger Dolmetsch 
der Kultur, die ihnen ihre Existenz gegeben, anerkannt 
werden mulsten. Kein Kulturelement aber wird man fin- 
den können, das enger mit dem geistigen Leben der Menge 
verknüpft wäre; keines gab es, das mit mehr Kraft nicht 
allein ihre Instinkte und Neigungen, sondern auch ihre Ideen 
und ihren Glauben in Betreff aller Gegenstände und Ein- 
richtungen, die sie umgeben, zu offenbaren im Stande wäre. 
Das spanische Volk hatte seine politische Lage nicht ver- 
ändert; seine Bedürfnisse, seine Beschäftigungen, seine Hoff- 
nungen waren dieselben: der Krieg, im Namen seines Got- 
tes und seiner Freiheit geführt, fuhr fort, wie in früheren 
Jahrhunderten, das edelste Geschäft seiner Könige und 
Magnaten, wie seiner Hidalgos und Steuerpflichtigen zu 
sein; und doch waren die in den Gebieten Aragoniens und 
Cataloniens, Castiliens und Navarras gesprochenen Idiome 
nicht mebr die Sprache Latiums, deren durch so viele Jahr- ‘ 
hunderte, der Barbarei zum Trotz, erhaltene Herrschaft 
fast zur nämlichen Zeit bei allen Völkern des Südens von 
Europa verfiel. Es mulste also jene praktische Moral, 
welche die Handlungen der Christen, sowohl in den Tagen 
des Glücks als des Unglücks, nicht minder in Betreff’ der 
Religion als der Politik, regelte, mit den neuen Sprach- 
formen sich’ offenbaren, welche in einem jeden der Staaten, 
die das Reich der Christen ausmachten, sich bildeten. Und 
obgleich es nicht möglich ist irgendwie anzunehmen, dals 
während der Gährungsperiode, welche von dem Augenblick 
an, wo die lateinische Sprache von der Menge vergessen 
zu werden anfängt, bis zu dem, wo sich die Vulgärspra- 
chen bilden, verfliefst, das spanische Volk dieser Art von 
Philosophie entbehrt hätte, halten wir es doch für natürlich, 
dafs erst, als auf eine unzweideutige Weise die Physionomie 
der entstehenden Idiome sich feststellte, der Ausdruck der 


Die spanischen Sprichwörter. 5 


Sprichwörter des Volkes radical sich veränderte, um auf 
dasselbe den heilsamen Einflufs auszuüben, welchen sie in 
allen Jahrhunderten und bei allen Nationen erlangt haben. 
Ohne Zweifel hatten sie nicht nöthig sogleich von 
Beginn an, wie die Volkspoesie, einer Kunsttechnik (arti- 
ficio) sich zu fügen, welche dieser die absolute Nothwen- 
digkeit des Gesanges auferlegte; aber entstanden um als 
Werkzeug zu dienen der Religion, wann sie ermahnt und 
tröstet, der Politik, wann sie voraussieht, der Moral, wann 
sie lehrt und räth, der Vernunft, wann sie erkennt und 
scheidet, der Gesundheitslehre, wann sie hilft und vorbeugt, 
der Verwaltung, wann sie berathschlagt, der Oekonomie, 
wann sie überlegt und wählt: mit einem Worte bestimmt, 
den intellectuellen Zustand der Nation als ersten Ausdruck 
der Erfahrung und der Philosophie vollkommen abzuspiegeln, 
streben sie von dem Augenblick an, wo sie sich in die ro- 
manischen Sprachen kleiden, in kurzen, energischen und ent- 
schiedenen Ausdrücken die Summe eines grofsen Gedankens 
zu ziehen (à consignar en breves — — términos la suma 
de un gran concepto), welchem ohne Discussion beige- 
pflichtet werden soll, und dessen Ausspruch sich die Men- 
schen von klarem Verstand wie die von beschränkten Fä- 
higkeiten gleichermafsen zu unterwerfen haben. Ihr Aus- 
druck, welcher elliptisch, treffend und epigrammatisch sein 
mufste um seine natürlichen Resultate hervorzubringen, mit 
der Tendenz zugleich fortzudauern und ausschliefslich 
in dem Gedächtnifs zu herrschen, suchte die Mittel sich 
in seiner Integrität zu erhalten: und um dem Gesetz zu 
genügen, welches ihn zu fortschreitender Vervollkommnung 
antrieb, nahm er zu der beginnenden Kunst des Volkes 
seine Zuflucht, sich von ihr ihre anspruchslosen Reize zu 
borgen, oder er folgte auch schon dem Beispiele der Gelehr- 
ten, wie die Volkspoesie selbst, und ahmte die von der la- 
teinisch-kirchlichen Literatur adoptirten Formen nach, um 
auf die angezeigte Weise die Rathschläge der Ueberliefe- 
rung oder die Lehren der Wissenschaft aufzubewahren. 
Das Versmafs und der Reim begannen also den spa- 
nischen Sprichwörtern, seit den ersten Tagen ihrer beider- 





56 Amador de los Rios 


seitigen Existenz in den Volkssprachen, Schmuck und An- 
sehen zu verleihen, indem die Sprichwörter in ihrer Ge- 
schichte denselben Weg wie die Volkspoesie verfolgten, und 
später alle Umgestaltungen, welche die gelehrte Dichtung 
erfährt, abspiegelten. So kam es, dafs dieser Schmuck 
bald direct aus der Nachahmung des Lateinischen hervor- 
ging, bald vermittelst der Gesänge der Menge (was das 
Leichteste und Thunlichste scheint) den retraires und fa- 
bliellas sich mittheilte; letztere boten dieselben Züge dar, 
welche wir in den ersten geschriebenen Denkmälern der 
castilischen Poesie erkennen, ein unverwerflicher Beweis von 
der Ursprünglichkeit beider Formen und mehr als alles, 
von der Ungerechtigkeit und Verblendung, womit man 
verfuhr, als man ihren Ursprung in fremden Civilisationen 
suchte. 

Der gelehrte Juan de Mal-Lara kannte nicht die er- 
wähnten Erstlinge der Volksmuse, und hatte folglich zu 
der Erforschung des Ursprungs ihrer Verskunst und ihres 
Reimes nicht hinaufsteigen können; und dennoch sagt er 
bei der Beschreibung beider in den Sprichwörtern: 

„Wer will behaupten, dafs die in den Sprichwörtern 
so gewöhnlich gebrauchten Consonanzen und Assonanzen 
kein Homioptoton sind, welches von gleichen Casus bedeu- 
tet, wie: 

Alquimia provada | tener renta é non gastar nadae. 

Und: Aborreci el cohambro | & me nacié en el ombro ...? 

Ist nicht auch ein Homioteleuton, ein Zusammenklang von 
gleichlautenden Wörtern, das folgende: 

Al nino su madre castiguelo, limpielo y härtelo ...? 
Es gibt auch in den Sprichwörtern einen Rythmus, wel- 
ches eine Art von Sangbarkeit bedeutet (que es una ma- 
nera de cantar) ... und dies ist das Neue (novedad), wo- 
durch das Sprichwort besonders charakterisirt und von 
den anderen Arten der Sprüche (dichos) unterschieden 
ist* !). 

Resultate also ein und derselben Kultur, mufsten die 


1) Philosophia vulgar, preémbulo IV. 


Die spanischen Sprichwörter. 67 


Volks-Poesie und -Philosophie sich wechselseitig ihre For- 
men mittheilen, und einander mit ihrem Glanz erleuchten: 
die Poesie war bestrebt den Nationalgeist lebendig zu er- 
halten, indem sie auf den Glauben und das Gefühl sich 
stützte und die Sitten abspiegelte; dasselbe war bei der 
Volksphilosophie der Fall, während sie zugleich danach 
trachtete, die Irrthümer und Fehler des Volkes zu verbes- 
gern, dessen Aufmerksamkeit sie stets auf die Vorstellung 
von seinen Rechten und Pflichten richtete. Ein lebendiger 
Protest gegen alles was die edlen Gefühle von Grofsen und 
Kleinen verletzt oder beleidigt, schritten Poesie und Phi- 
losopbie nach ein und demselben Ziele, wenn auch auf ver- 
schiedenem Pfade, mit männlicher Energie jedes Symptom 
der Unterdrückung zurückweisend und jedes Aergernifs 
verurtheilend. 

Wenn aber die Wirkung der Volkspoesie lebhafter 
und mächtiger war, zu bestimmten Zeiten die patriotische 
Begeisterung zu entzünden, so war die der Sprichwörter 
sicherlich nicht weniger fruchtbringend und erhaben; be- 
rufen, in der Gesellschaft einen beständigen und allgemeinen 
Einflufs auszuüben, nahmen sie alle Formen des Vernunft- 
schlusses an, indem sie zu gleicher Zeit in allen Farben 
der frischen und kühnen Phantasie der Menge schillerten. 
Bald historisch, apologetisch, sentenziös und lehrreich, bald 
didactisch, überzeugend, Trost spendend und beschreibend 
(es scheint uns passend, dies zu erwähnen), bezeichnen sie, 
während sie sichere Regeln für alle Lagen des Lebens und 
alle Klassen des Staates aufstellen, in einer hellen und kla- 
ren Weise die Entwickelung der Sprache, deren gramma- 
tischer und selbst rhetorischer Ausdruck in ihnen reiche 
und mannichfaltige Schätze niederlegte; sie offenbaren zu- 
gleich, bei ihrer angezeigten Verbindung mit der Volks- 
poesie, die fortschreitende Vervollkommnung der von der 
Kunst, die sie zu veredeln beiträgt, adoptirten Formen; 
und endlich bieten sie einen Hauptmalsstab der allgemeinen 
Würdigung des Volkes, indem sie es in einem jeden der 
zur spätern Gründung der spanischen Nation berufenen Ge- 
biete vollkommen charakterisiren. Ein und dieselbe Religion 


58 Amador de los Rios 


und folglich auch dieselbe Moral bekennend, unablässig an- 
getrieben von ein und demselben politischen Gedanken, in 
demselben Kriege beschäftigt, von fast gleichen Sitten und mit 
nicht unähnlichen Gesetzen, endlich unter einem analogen 
Klima, legten die Spanier — und wir halten diese Beob- 
achtung für gerechtfertigt — in fast identischen Sprichwör- 
tern eine Menge von Ideen nieder, welche sich verbrüdernd 
oder aus allen jenen Verhältnissen entspringend in den ver- 
schiedenen christlichen Reichen ein und demselben Bedürf- 
nifs, demselben Wunsch oder derselben Hoffnung gentgten. 

Gemeinsam war auch allen Regionen der Halbinsel die 
kunstmälsige Ausdrucksweise (expresion artistica) der 
Sprichwörter des Volkes, so sehr auch der im Osten seit 
der Mitte des 12. Jahrhunderts rücksichtlich der Pflege der 
lyrischen Kunstpoesie zugelassene Einfluls mit den proven- 
zalischen Troubadours jene Art von Verwandtschaftsband 
knüpfte, welches man bei der Zeichnung der Bildung der 
romanischen Sprachen anerkennen mufs. Aber wenn auf 
dem Boden Cataloniens die äufsern Formen der Kunst 
Dank den angezeigten Zufällen sich etwas verändern konn- 
ten, so wurde hingegen ein genauer Einklang in allen den 
Provinzen bewahrt, wo sich das Castilische fand, indem 
auch die alten Sprichwörter das ursprüngliche Gepräge je- 
ner Nationalität, die ihnen das Leben gab, zeigen und eine 
vollkommene Aehnlichkeit in ihren Versmafsen und ihren 
Reimen mit den ältesten Denkmälern der geschriebenen 
Poesie darbieten. 

Aber wir lernen durch das Studium der castilischen 
Sprichwörter nicht allein jene werthvolle Einheit der Kunst- 
formen kennen, wenn wir sie mit den erwähnten Denkmälern 
vergleichen: ohne sie würden wir auch unzweifelhaft jeder 
Kunde darüber entbehren, was in jenen fernen Zeiten ge- 
wisse flüchtige, kurze und vergängliche Gesänge (cantares) 
der Menge waren, deren wesentlich lyrischer Ausdruck sich 
immer im Tumulte der Volksleidenschaften zugleich mit 
dem momentanen Eindruck, welcher sie hervorruft, verliert. 
Durch sie ist es uns ferner möglich gemacht zu erweisen, 
dais aufser den in der geschriebenen Dichtung und in der 


Die spanischen Sprichwôrter. 50 


Volkspoesie gebrauchten Versmafsen noch andere metrische 
Combinationen existirten, welche, theils entsprungen aus 
der gemeinsamen Quelle der Kirche, deren Hymnen man- 
nichfaltige Beispiele darboten, theils der durch die Gelehr- 
ten autorisirten Versbildung selbst entstammt, obgleich sie 
sich auflösten oder von Neuem nach dem Gesetz des Ge- 
sanges sich formten (bien que descomponiéndose 6 amol- 
dändose de nuevo à la ley del canto), einen, und wahrlich 
nicht verächtlichen Theil des metrischen Reichthums der 
castilischen Muse ausmachten. 

Diese Betrachtungen, welche ohne Zweifel auf die 
Geschichte der Volkspoesie aller Nationen, ganz insbeson- 
dere aber der südlichen, leicht Anwendung finden könnten, 
führen uns von selbst darauf, die mannichfachen Versmalse 
ins Auge zu fassen, in welche unsere Vorfahren die Sprüche 
und Sprichwörter (adagios y refranes) kleideten und zwar 
zu dem Zweck, sie ohne irgend welche Mühe und Schwie- 
rigkeit dem Gedächtnisse einzuprägen, in welchem ihre 
nützliche Weisheit ganz von selbst Frucht tragen mulste. 
Grofs ist die Zahl der metrischen Combinationen, welchen 
wir nach so vielen Jahrhunderten noch, in denen sie, um 
sich der fortschreitenden Entwicklung der Kunst anzupas- 
sen, allmälig sich verändern mulsten, in diesen merkwür- 
digen Denkmälern begegnen. Kein Versmals der Volks- 
oder der. Kunstdichtung fehlt in einem so mannichfaltigen 
Repertorium; und sie erscheinen fast immer mit prächtigen 
Reimen geschmückt, welche in derselben Art als die der 
Leoninischen Verse gestellt sind, damit sie, dem Gedächt- 
nifs ein Anreiz und Haltpunkt, den gewünschten Erfolg ei- 
nes so naturwüchsigen Unterrichts verbürgten. Ein ähnli- 
cher Kunstgriff, welcher der Sentenz immer eine gewisse 
Eintheilung zu geben erlaubte, besteht darin, dafs die Ex- 
position der Lehre in die erste Halbzeile eines jeden Ver- 
ses gesetzt wird, ihre Bestätigung aber in die zweite: dies 
findet sich in der Regel in den Sprichwörtern beobachtet, 
welche jenen Schmuck der neu-europäischen Dichtung zei- 
gen, bald mit vollkommener Consonanz reimen, bald nur 
die einfache Assonanz haben. Und es ist bemerkenswerth, 


60 Amador de los Rios 


dafs nicht allein in den Versen von gleichen Silben, deren 
Halbzeilen also vollkommen gleich sind, dieses Gesetz be- 
obachtet wird, sondern auch in den ungleichsilbigen Ver- 
sen, deren Halbzeilen um eine Silbe gewöhnlich differiren: 
was nur beweist, dafs, nachdem dieser Schmuck einmal 
zugelassen war, eine solche poetische Form der Natur der 
Sprichwörter ganz gemäfs erschien. 


Indem wir nun die Bildung der Sprichwörter darlegen 
wollen, und zwar durch Beispiele, welche unsere Beobach- 
tungen anschaulicher machen sollen, wollen wir mit den 
siebzehnsilbigen Versen beginnen, welche, wie die fünfzehn- 
und dreizehnsilbigen an die lateinischen Hexameter uns er- 
innern; ihre erste Halbzeile zählt 8, die zweite 9 Silben in 
folgender Weise: 


1. Quando el villano est& rico | nin tiene pariente nin amigo. 
2. Si s’ perdieron los aniellos | aqui fincaron los dediellos. 
3. Mas quiero asno que me lieve | que caballo que me derrueque. 
4. De mala mogier te guarda | é de la buena non fies nada. 
5. Di tu secreto & tu amigo | é seräs siempre su captivo. 
6. Dos amigos de una bolsa | el uno canta é el otro llora. 

7. Al coneio é al villano | despedägale con la mano. 

8. Quien es farto del ayuno | non tiene coibdado ninguno. 

9. Mas vale flaco en el mato | que gordo en el papo del gato. 
10. Daca el gallo toma el gallo | fincan las plumas en la mano. 
11. Camino de Santiago | tanto anda el coxo como el sano. 

12. Non veo maior dolor | que muchas manos en tajador, 


Ehe wir von andern Versmafsen Beispiele geben, müs- 
sen wir bemerken, dafs immer, wenn der Reim der beiden 
Halbzeilen ein männlicher oder stumpfer ist, jede eine Silbe 
weniger hat, ohne dafs der Vers darum seine Geltung ver- 
liert, oder seine Natur verändert —: eine allgemeine Re- 
gel allerdings, welche nicht allein die Sprichwörter, son- 
dern gleichermafsen die Werke der gelehrten Dichtung 
trifft, in wie weit es da die Stellung der Consonanzen nur 
zuläfst. 


Die sechsehnsilbigen Verse oder Octonarien, wie sie 
der gelehrte Antonio de Nebrija nennt, sind ganz gleich 
vielen von denen, welche man in dem Poema de los Reyes 





Die spanischen Sprichwörter. 


61 


magos und in der Crönica 6 Leyenda de las Mocedades 


del Cid findet, wie die folgenden Beispiele zeigen: 
El obispo de Sanct Jago | ora l’espada ora 1’ blago '). 


Quien bien sirve bien desirve | quien bien desirve bien sirve. 


Guarte d’ome mal barbado | & de viento acanalado. 


Abäxanse los estrados | é 4lçanse los establos. 


Lo que la vejez cohonde | non ha manto que lo adobe. 


Ballestero que atal tira | presto tiene la mentira. 
La mogier que poco vela | tarde face lunenga tels. 
Quien solo come su gallo | solo ensille su cavallo. 
Non sirvas & quien sirvi6 | ni pidas 4 quien pidié. 
Judio faz tahabula | sinon perdido has la mula. 
Delibra, moro, delibra | quarteron por media libra. 
Quien tiene fijo varon | non dé voces al ladron. 


Diese Form, welche zur Zeit Nebrija’s mit dem Na- 
men pié de romances bezeichnet wurde, ist die gewôhn- 
lichste in unsern Sprichwôrtern, wie sie denn auch fort- 
dauernd die volksthümlichste blieb: dies ist von allen Kri- 
tikern anerkannt. Nicht waren es eben so sebr die fünf- 
zehnsilbigen Verse, wenigstens sobald als Berceo die Kunst- 
metrik festgestellt; doch kommen sie in dem Poema del 
Cid zahlreich vor, wie die Octonarien, und sind auch in 
den Volkssprichwörtern häufig; 7 Silben zählt ihre erste, 8 
ihre zweite Halbzeile, z. B.: 


4. Sanan las cochilladas | é non las malas palabras. 


Vecinas 4 vecinas | 4 las veces dan farinas. 


? 


2 

3. Quien come é condessa | dos vegadas pone mesa. 
4. Non juego & los dados | mas fago peores varatos. 
5. El lobo é la golpeja | todos son de una conseja. 
6. Que placer de marido! | la cera ardida y él vivo. 
7. Tras paret nin tras seto | non digas el tu secreto. 
8 


Tocöse Marihuela | € el colodriello de fuera. 


9. Sanct Johan es venido | mal aya quien bien nos fizo. 
Si me vistes, burléme | si non me vistes, calléme. 


11. La moger algarera | nunca faze luenga tela. 


Quien burla al burlador | cien dias gana de perdon. 


Ohne grofse Schwierigkeit begreift man, dafs diese 
metrische Form dem lateinischen Hexameter von gleichem 


1) Anspielung auf den Bischof Pedro Gelmirez von welchem man auch 


sagte: „El obispo de Sanct Jago ballesta et cayado.“ 


Historia Compostelana. 


S. über ihn La 


62 Amador de los Rios 


Numerus genau nachgebildet ist, in dessen zweitem He- 
mistich Sarmiento den Ursprung der Octonarien zu ent- 
decken glaubte !). 

Dasselbe bemerkt man in den folgenden, in Pentame- 
tern geschriebenen Sprichwörtern, welche in der Mitte und 
am Ende reimen: 


1. En vino nin en moro | non pongas tu thesoro. 

O comet é non gimades | 6 gemit € non comades. 
A mi fijo logano | non me lo cerquen quatro. 

A dö te quieren mucho | non vayas & menudo. 
En casa del ferrero | cuchiello mangorrero. 
Obispo por obispo | sealo Don Domingo ?). 
Juego face cocina | que non moga fardida. 

. Duerme con tu enemigo | é non con tu vecino. 

9, Quien malos pasos anda | malos polvos levanta. 
10. Por casa nin por vinya | non tomes mogier ximia. 
11. Ensauöse el villano | et figo del su panno. 

12. La tierra que me sé | por madre me la hé. 


Die Beispiele von dreizehnsilbigen Versen sind nicht 
so gewöhnlich in der geschriebenen Poesie; doch finden sie 
sich in dem Poema del Cid, indem sie bald an die Cho- 
liamben bald an die Hexameter des betreffenden Numerus 
erinnern, und häufig genug in den Sprichwörtern. Sie be- 
stehen aus einer Halbzeile von 6, und einer von 7, oder 
aus einer von 5, und einer von 8 Silben, gereimt, wie die 
folgenden zeigen: 


anmnmwm 


Mandan al gato | & el gato manda en su rabo. 
Barba mojada | tömela enxuta en la cama. 

La muger loca | por los cabos merca toca. 
Non face poco | quien se deffiende de otro. 
Grano & grano | finche la gallina el papo. 
Entre guerra € paz | el que matan y se yaz. 
Esse pierde feria | que non tiene que venda. 
Refilat, tortero | que el fuso es de madero. 
Obras son amores | & non buenas razones. 


DANSE RE RE 


1) Mem. para la hist. de la poesia, num. 414. 

2) Dieses Sprichwort, welches seinen Ursprung der berühmten Anekdote, 
an die es erinnert, verdankt, scheint dem Sinne nach vielleicht schon vor 
der Zeit, auf welche es sich bezieht, existirt zu haben, und zwar in dieser 
Form: \ 
Atanto por atanto | &bito lleve el manto. 








Die spanischen Sprichwörter. 63 


10. De ome heredado | non te verés vengado. 
11. Fijo non avemos | é nombre le ponemos. 
12. En el aldegüela | mas mal ha que non suena. 


Die Verse de arte mayor oder von vier Cadenzen, so 
wie sie Alfons der Weise in seinen Céntigas anwendet, 
und die gelehrten Dichter des 14. und 15. Jahrh. sie ge- 
brauchen, erscheinen auch mit dem Reim am Schlusse der 
ersten und zweiten Halbzeile: 


1. Bien sabe la rosa | en que mano posa. 

2. Conseya d’orrella | non vale una arbella. 

3. Onra sin provecho | aniello en el dedo. 

4. Ama, sodes, ama | mientras el niuo mama. 

5. Sirve & senor noble | magüer sea„pobre. 

6. Tü bamba, yo bamba | non hay quien nos tanga. 
7. Tiempo tras tiempo | é agua tras viento. 

8. La casa es mohina | que non ha farina. 

9. Esperame, muerto | que verzas te cuezo. 
10. Quien te enriqueciö? | quien te gobernd. 

11. Quien yerra é enmienda | 4 Dios se acomienda. 
12. Tres maravedis: | quân alto que ys! 


Und dasselbe ist der Fall bei den elfsilbigen, deren 
Theilung allerdings nicht so leicht ist. Gleichwohl schliefst 
der Reim, gemäfs der besonderen Bildung dieser Verse, 
bald eine Halbzeile von 5, bald eine von 7 Silben, mit ent- 
sprechendem Endreim: im erstern Falle ist der Vers ein 
saphischer, im zweiten ein eigentlicher Elfsilbler. Als Bei- 
spiele mögen dienen: 


De luengas mares | pocas son las artes. 
Llorarte, abuelo, | agora que non puedo. 
A ome bueno | non busques abolengo. 
Burla, burlando | vase el lobo al asno. 
Muera Samson | & cuantos con él son. 
A ruyn moguelo | ruyn capigayuelo. 
Non hay mejor bocado | qu’el furtado. 
Lo que la loba face | al lobo aplace. 

9. Quien 4 una castiga | & ciento hostiga. 
10. Donde no est& su dueno | est4 el su duelo. 
11. Dueña que mucho mira | poco fila. 

42. Bien come el catalan | si se lo dan. 


LASTRSRE 


Die zehnsilbigen Verse theilen sich in gleiche Halb- 
zeilen, wie die Verse von 16, 14 und 12 Silben: 


64 : Amador de los Rios 


1. Alla van leyes | do quieren reyes !). 

2. Non hay reyna | sin su vesina. 

3. Sofrir cochura | por fermosura. 

4. Amor de niua | agua en cestilla. 

5. Mas vale trague | que Dios vos salve. 

6. Yo que me callo | piedras apaño. 

7. Bien canta Marta | cuando estä farta. 
8. Amor de monjas | fuego de estopas. 
9. Ome que presta | sus barbas messa. 

10. De luengas vias | luengas mentiras. 


Die neunsilbigen Verse, weniger gebräuchlich auf dem 
spanischen Parnafs, theilen sich naturgemäfs in zwei Grup- 
pen von À und 5 Silben, die in ihrer Stellung wechseln, 
wie uns die folgenden zeigen: 


1. Grand tocado | é chico recabdo. 
2. Datle, datle | peor es furgatle. 
Dios é vida | componen villa. 
Cada gorrion | con su espigon. 
Non todas veces | pan & nueces. 
De padre santo | fijo diablo. 
Todas las aves | con sus pares. 
De tales bodas | tales tortas. 


Mögen nun die Achtsilbler als Halbzeilen der Octo- 
narien, oder als jambische Dimeter, oder als eine Ablei- 
tung von der zweiten Halbzeile des fünfzehnsilbigen Hexa- 
meters betrachtet werden, sie finden sich in den Sprich- 
wörtern in zwei ganz gleiche Theile getheilt, beide mit 
Assonanz oder Consonanz geziert, folgendermalsen: 


ann m 


De ora en ora | Dios mejora. 
Oy venido | é cras garrido. 
Jura mala | en piedra caya. 
Parto malo | é fija en cabo. 
Muera gata | € muera farta. 
A sol puesto | obrero suelto. 


em nn 


1) Die alten Chronisten versichern, dafs zu diesem Volkssprichwort Ver- 
anlassung gab die Bevorzugung, welche zur Zeit Alfons’ VI. der römischen 
Liturgie vor der spanischen wurde, trotz der Feuer- und Eisenprobe, in wel- 
cher der gothisch-spanische, sogenannte mozarabische Ritus den Sieg davon 
getragen. Uebrigens müssen wir bemerken, dafs in der Sammlung des Mar- 
ques von Santillana, welcher wir das Sprichwort entlehnen, ohne Zweifel die 
Sprache desselben modifieirt erscheint, obschon es seine ursprüngliche künst- 
lerische Form bewahrt hat. In der Crönica general ist es ein elfsilbiger Vers 
folgender Gestalt: Do quieren reyes, allä van las leyes. (fol. 312, col. 4). 








Die spanischen Sprichwörter. 65 


7. Quien destaxa | non baraxa. 

8. Cara en canto | & vitia en pago. 

9. Mula blanca | 6 vieja 6 manca. 
10. Mas da el duro | que el maduro. 


Wenn die Consonanz eine stumpfe ist, schwindet na- 
türlich eine Silbe in der ersten wie in der zweiten Halb- 
zeile, z. B.: 

1. Antes quebrar | que doblar. 
2. Mas vale saber | que aver. 
3. Quien juré | non me engaño. 
4. Ojo allé | que feria va. 


Häufig sind die gebrochenen Verse (de pié quebrado) 
oder Monometer, welche mit den Achtsilblern sich verbin- 
den, wie folgt: 

1. Zorrilla que mucho tarda, 
caza aguarda. 

2. Es tenida por mas casta 
la mas cauta. 

3. Toro, trucha, gallo 6 barbo, 
todo en mayo. 

4. Quien de los suyos se alexa 
Dios le dexa. 

5. Entre gabiella et gabiella 
fambre amariella. 


In diesem letzten Verse findet die von Nebrija und 
Encina (in der Gramätica und der Poética Castellana) auf- 
gestellte Regel in Betreff‘ einer überzähligen Silbe (silaba 
perdida) ihre Anwendung. 


Die Siebensilbler, weniger gewöhnlich als die vorigen, 
haben einmal den Reim nach einer Halbzeile von A, ein 


ander Mal nach einer von 3 Silben, mit entsprechendem 
Endreim: 

Nuestro goço | en el pogo. 

Sobre brevas | non bevas. 

De la mala | te guarda. 

À rey muerto | rey puesto. 

Non fies | nin porfies. 

Los fijos | son nascidos. 

Mas vieja | mas pelleja. 


Es verbinden sich diese Verse mit denen von 5 Sil- 


ben, indem sie das Vermafs jener Volksliedchen bilden, 
IL 1. 6) 


neonPpupn 


Amador de los Rios 


welche in neuerer Zeit den Namen Seguidillas 


haben: 


Cochiello de mugeres, 
corta si quieres. 

Non sabe la golpeja 

con quien trebeja. 

Quien s’assaua en la boda, 
pierdela toda. 

Dende quieres à tienes 

el tercio pierdes. 

Pierde el asno los dientes, 
é non las mientes. 

Quien mala muger cobra, 
siervo se torna. 


empfangen 


Und nicht weniger bemerkenswerth sind die Secks- 
silbler, welche dasselbe allgemeine Gesetz in der Stellung 
der Reime beobachten, so wie folgt: 


1. 
2 


3. 
4. 
5. 


Und andere von derselben Art. 


Su alma | en su palma. 
Qual eres | tal medres. 
O monge | 6 calonge. 
Madexa | sin cuenda. 
Si tuerta | non vuestra. 


Mitunter sind die 


Verse von fünf Silben in der Weise geordnet, dafs sie eine 
vollständige kleine Strophe bilden, welche ein einziges 
Sprichwort einschliefst; z. B.: 


Derramadora 
de la farina, 
allegadora 

de la ceniza. 


Und nicht selten geschieht dasselbe mit den Monome- 
tren, wovon das folgende Sprichwort ein Beispiel ist: 


Fijo fuyste, 
padre seräs: 
qual feciste, 
tal avräs ’). 


1) In der angezogenen Sammlung des Marques von Santillana lautet 


dieses Sprichwort: 


Fijo eres, 
padre seräs; 
qual ficieres, 
tal avrés. 


Die spanischen Sprichwôrter. 67 


Nun, welcher Beweise bedarf es noch, dafs die Sprich- 


_ wörter, volksthümlich par excellence, im ganzen Mittelalter 


demselben Wege folgen, welchen wir die Volkspoesie wan- 
deln sehen von dem Augenblick an, wo es uns gewährt 
ıst, ihre Kunstformen zu würdigen, bis zu ihrer vollkom- 
mensten Entwickelung? ... Und wir sagen „während des 
Mittelalters“, denn, mit Ausnahme von sehr wenigen, sind 
alle Sprichwörter, die wir gegeben haben, aus der Samm- 
lung genommen, welche der gelehrte Marques von Santil- 
lana auf Befehl des Königs Don Juan I. — demnach vor 
dem J. 1454, in welchem der genannte Fürst starb — an- 
legte; und nicht wenige gibt es darunter, welche von den 
Schriftstellern des 14. Jahrh. als alte Sprüche (antiguas 
fabliellas) angeführt werden, und unter derselben Bezeich- 


nung auch in Chroniken und Abhandlungen des 13. Jahrh. 
sich finden !). 


Ausgabe seiner Werke von 1852, pag. 512. — Wir entlehnen es aus 
dem Valerio de las Historias, tit. IV, cap. 1. — Als Beispiel andrer Lied 
chen, sei das folgende angeführt: 

Estella, la bella, 
Pamplona, la bons, 
- Olite y Tafalla 
la flor de Navarra. 
Oder dieses, welches eine anmuthige Redondilla ist: 
Ni en invierno viñadero, 
ni en otoño sembrador, 
ni con nieve seas baquero, 
ni de ruynes seas señor. 

Oder dieses, älter noch, als die vorhergehenden: 

Amor de fraire 
non dura guaire; 
é si dura guaire, 
mala por al fraire. 


1) Ein ausländischer Schriftsteller unsrer Tage, welchem Fleifs und auch 
Glück in der Erforschung unsrer Geschichte nicht abgesprochen werden kann, 
widerspricht Sarmiento, wo dieser sich auf die Sprichwörter zum Beweise 
des Alters des Romanzen-Versmafses beruft, und versichert, dafs gar kein 
Sprichwort in Trochäen von 14, 15 oder 16 Silben existire, dessen sprach- 
licher Ausdruck über das 14. Jahrh. zurückgehe ( Dozy, Recherches sur l’hi- 
stoire politique et littéraire d'Espagne p. 620). Uns erscheint diese Behaup- 
tung sehr gewagt, da die Zeugnisse für das Gegentheil reichlich vorhanden 
sind. Unter andern unverwerflichen wollen wir das Libro de los Castigos 
citiren, welches von dem König Sancho el Bravo im 13. Jahrh. geschrieben 
wurde; in diesem merkwürdigen Tractate, der noch immer den Gelehrten un- 


bekannt geblieben, liest man unter vielen andern als alt bezeichneten Sprich- 
wörtern: 


5* 


68 Amador de los Rios 


Und wenn diese adagios, verbos, palabras und retrai- 
res auch nach den verschiedenen Modificationen, die sie 





1. Nin & juego nin & veras | con tu sefior partas peras. 
2. Las manos en la rueca | é los ojos en la puerta. 
3. EI buen esfuerzo vence | mala ventura. 
4. Ome apercibido | medio combatido. 
Cap. 1, 19, 21 und 83. — In den Esiablimientos de Sancti Jacobi, einem 
Codex aus der Mitte oder vielleicht dem Anfange desselben 13. Jahrh., wird 
das alte Sprüchlein (fablilla) eitirt: 
Non podemos seer meiores | de nuessos antecesores. 
Real Academia de la Hist., fond de Benevivere. — Der berühmte D. Juan 
Manuel, welcher in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts blühte, sprach 
in dem Libro de los Castigos zu seinem Sohne D. Fernando: ,,Palabra é re- 
trayre antigua es de Castiella que 
Quien bien sirve, bien desirve: quien desirve, bien sirve.* 
Cod. 8. 34 de la Bibl. nac. cap. IV, fol. 35. — Und abgesehen von den 
Versen, welche den Apologen und Beispielen des Grafen Lucanor nachfolgen 
— nachgeahmt während des 14. Jahrh. von allen Pflegern der symbolischen 
Kunst — finden wir in dem zweiten und dritten Theile des genannten Bu- 
ches unter den 150 gelehrten Sprüchen auch einige Volks- Sprichwörter. Sol- 
che sind: 
1. El rey rey, gobierna | el rey non rey, non gobierna. 
2. Quantos nombran la verdat | non andan por sus carreras. 
Ebensowenig ist zu vergessen das unzweideutige Zeugnifs, welches uns 
der Erzpriester von Hita rücksichtlich des Alters der versificirten und auch 
gereimten Sprichwörter gibt; dieser Schriftsteller, welcher in seinen Poesien 
eine grofse Anzahl von volksthümlichen Sprüchen und Sprichwörtern aufhäuft, 
deren Weisheit seinen merkwürdigen Lehren zum wahren Schmelz dient, 
überliefert uns unter vielen andern die folgenden: 
El encantador malo | saca la culebra del forado. 
El sabio vencer al loco | con consejo, non es poco. 
Quando te dan la cablilla | acorre con la soguilla. 
Moco malo, mogo malo | mas val enfermo que sano. 
Fas conseyo de amigo | fuye loor de enemigo. 
Escarba la gallina | € falla su pepita. 
Do non te quieren mucho | non vayas & menudo. 
Mas vale suelta estar | la viuda que casar. 
Pan € vino jueja | que non camisa nueva. 
10. Non hay encobierta | que & mal non revierta. 


sang panNMm 


Das mit No. 3 bezeichnete Sprichwort findet sich in einigen Codices in 


der folgenden Weise: Quando te dan la crabiella | prenla con tu soguiella 
(Bibl. de Salazar, Acad. de la Hist. cod. A. 2). Wie in ihm, so erscheinen 
auch in den übrigen die ursprünglichen Versmafse der Volkspoesie, von dem 
Siebzehnsilbler bis zu dem Zwölfsilbler, gebraucht. Nach der allgemeinen 
Ansicht beendete der Erzpriester von Hita sein Buch in der Aera von 1381, 
dem Jahr 1348; und da er jedes Mal, wann er eins der angeführten Sprich- 
wörter citirt, anmerkt, dafs es ein antiguo retrayre, vieja fablilla, verbo oder 
palabra sei, so scheint es uns erlaubt, zu schliefsen, dafs sie mindestens ein 
halbes Jahrhundert in der Gestalt existirt haben mufsten, in welcher er sie 
wiederholt. Ferner, da andrerseits es unzweifelhaft ist, dafs der König D. 
Sancho zur Unterweisung seines Sohnes die Autorität der Sprichwörter des 
Volkes anzieht, und auch sie als alt bezeichnend, wiederholte Beispiele von 
Versen von 14, 15 und 16 Silben, gereimten und reimmäfsigen (rimados y 
por rimar) darbietet, so halten wir den Schlufs nicht für irrig, dafs Herr 


Die spanischen Sprichwörter. 69 


unzweifelhaft in ihren grammatischen Formen erfahren ha- 
ben, noch so unzweideutige Spuren ehrwürdigen Alters bo- 
wahren, dafs sie als Prüfstein der castilischen Sprache auf- 
gewiesen worden sind, weil geboren und aufgewachsen un- 
ter den alten Frauen am Spinnrocken hinter dem Herde: 
warum sollen sie da bei dem Studiam der Kunstformen 
unsrer Dichtung nicht in Betracht kommen? Und wie 
kann, nach dieser Untersuchung, die Kritik irgend einen 
Zweifel noch rücksichtlich des Ursprungs dieser poetischen 
Elemente hegen, und sich der Gefahr aussetzen, in ta- 
delnswerthe Irrthümer zu gerathen, da sie von dem Wege 
sich entfernt, den sie bei solcher Forschung uns vorzeich- 
nen?... Wiederholen wir es mit all der Zuversicht, die 
uns die Ueberzeugung historischer Forschung einflößt: wenn 
wir, bei der Prüfung der Erstlinge der geschriebenen Poe- 
sie unter dem blofs künstlerischen Gesichtspunkte, in ihr 
auf das Gepräge der lateinisch-kirchlichen Literatur ach- 
ten, welche, obschon entartet und von ihrem alten Glanze 
herabgesunken, noch klar und genau ihre edle Abkunft 
verräth, so finden wir, indem wir alle in den castilischen 
Sprichwörtern aufgehäuften Versmafse nach der Reihe 
durchgehen, nicht allein den handgreiflichen Beweis solchen 
Einflusses, und begründet auf so mannichfache gerechte An- 
sprüche, sondern wir entdecken zugleich, mit einem einzigen 
Blick die äufsere Geschichte der Kunst umfassend, in den 
Sprichwörtern die wunderbare Uebereinstimmung, welche 
sie in ihren Versmafsen mit den von den Gelehrten ange- 
wandten bewahren. | 

Von den Octonarien oder den sechszehnsilbigen Ver- 


Dozy dies Mal an seiner gewohnten Gründlichkeit es fehlen liefs (falté à su 
gravedad acostumbrada), indem er einen Satz aufstellte, welcher sich nicht 
halten läfst. Die castilischen Sprichwörter, von denen die literarischen Denk- 
mäler des 13. und der Anfänge des 14. Jahrh. uns Kunde geben, zeigen 
in ihrem Ausdruck dieselben Charakterzüge, als die um die Mitte des 15. 
Jahrh. von dem Marques von Santillana gesammelten, indem endlich noch 
bemerkt werden mufs, dafs zur Zeit des Erzpriesters von Hita schon die in 
grofsen Versen verfafsten und die in Versmafsen von neun oder weniger Sil- 
ben eingeschlossenen durch die Namen reiraeres grandes und proverbios chi- 
cos unterschieden wurden. Unter den letztern erwähnt er: 

1. A mal fecho | ruego é pecho. 

2. Romero fito | saca gatico etc. 
welche dieselbe Formel in der Sammlung des Marques haben. 


70 Amador de los Rios 


sen an, welche in dem Poema de los Reys d'Orient und 
in dem de las Mocedades del Cid gebraucht sind, bis zu 
den Dimetern und Monometern (von 8 und 4 Silben), wel- 
che Jorge Manrique cultivirte; von den Versen von 17, 15 
und 13 Silben, die, eine Kopie der lateinischen Hexameter, 
in nicht sehr gefälliger Verbindung in dem Poema des 
Helden von Vivar') sich finden, bis zu den leichten und 


1) Die Versbildung dieses merkwürdigen Gedichts beruht vorzüglich auf 
der Nachahmung der Pentameter, neben welchen in ihm die Verse von 17, 
15 und 18 Silben, die aus den Hexametern sich herleiten, häufig vorkom- 
men. Damit man sie mit den Versen, die in den Sprichwörtern gleichen 
Numerus haben, vergleichen kann, will ich hier einige Beispiele hersetzen. 
Von 17 Silben: 

A la exida de Vivar | ovieron la corneia diestra. 

Que perderfe los averes | € mas los oios de la cara. 
Mas el criador vos vala | con todas sus virtudes sanctas. 
Afevos doüa Ximena | con sus fijas do vä legando. 

Las armas sedien prisas | & sedien sobre los cavallos. 
Ala vaya Alvar Faüez | 6 Alvar Salvadores sin falla. 

Von 15 Silben, welche zahlreicher sind: 

Burgeses & burgesas | por las finiestras son puestas. 
Vélanme tus virtudes | gloriosa sancta Maria. 
Rezava los matines | 4 buelta de los albores. 

Por malos mestureros | de tierra sodes echado. 

Con aquestas mis dueñas | de quien yo so servida. 
Cras & la mañana | pensemos de cavalgar. 

Que de dia nin de noche | non les diesen arrebata. 

Von 13, mit Halbzeilen von 5 und 6 Silben, wie in den Sprichwörtern: 

Fincé los ynoios | de corazon rogaba. 

De todo conducho | bien los ovo bastidos. 

Ferlo he amidos | de grado non abrie nada. 

Con vuestro conseio | bastir quiero dos archas. 

Por Rachel é Vidas | apriesa demandava. 

Las archas adonchas | prendet seis cientos marchos. 
Exido es de Burgos | é Arlanzon ha pasado. 
Moros d moras | avienlos de ganancia. 

Und wir sagten: sie erscheinen in nicht sehr gefälliger Verbindung; denn 
in Wahrheit der Unterschied, welcher zwischen diesen Versmafsen und denen 
von 12 Silben besteht, ist ein aufserordentlicher, um so mehr als sie ein und 
denselben Ursprung haben. Eine solche Verschiedenheit der Versmafse ent- 
sprang aber ohne Zweifel aus der verschiedenen prosodischen Natur der ca- 
stilischen und der lateinischen Sprache. Diese rechnete mit langen und kur- 
zen Silben, welche ihren Versfüfsen alle erdenkliche Biegsamkeit gaben und 
so einen Vers von 12 oder 13 Silben einem andern von 14, 15 bis 17 gleich- 
machten, während alle in vollem Sinne Hexameter waren. Die castilische 
Sprache dagegen hatte einzig den Accent, um die Beweglichkeit und den 
Tonfall der Verse zu bestimmen, indem der Werth der Silben durchaus gleich 
war. Daher kam es denn natürlich, dafs die Nachahmung der lateinischen 
Hexameter, für die bei der Menge allein das Gehör bürgte, gesonderte Vers- 
mafse hervorrief, zwischen welchen eine Harmonie nicht bestand, noch irgend- 


Die spanischen Sprichwôrter. 71 


anmuthigen Refrains von 5 Silben; von den Pentametern 
des erwähnten Gedichts bis zu den Versen von zwei Ca- 
denzen des Juan del Encina; alle die Combinationen fer- 
ner, welche Alfons der Weise zuliefs und ausführte, alle 
welche Don Juan Manuel und der Erzpriester von Hita ver- 
suchten, alle welche an dem Hofe Enrique’s III. und Juan’s 
II. Beifall ernteten, sie sämmtlich erscheinen in den Sprich- 
wörtern des Volkes niedergelegt, indem sie das Bürger- 
recht also unter den Gelehrten und Ungelehrten erhielten. 
Sogar von den Elfsilblern, welche allein auf dem Gebiete der 
Kunstpoesie, schon seit dem Beginne des 16. Jahrh., glän- 
zen, bieten sich sehr viele Beispiele in den castilischen 
Sprichwörtern dar, indem die Stellung ihrer Reime, welche 
dem im Allgemeinen in Bezug auf die übrigen Versmaße 
beobachteten System unterworfen sind, keinen Zweifel dar- 
über läfst, dals, wenn sie den nationalen Weisen’) sich 
auch nicht leicht anbequemen konnten, sie doch würdige 
Dolmetscher der Moral, der Religion und selbst der Poli- 
tik waren; wie sie denn von den Bemühungen des Königs 
Alfonso, seines Neffen Don Juan Manuel, des Micer Fran- 
cisco Imperial, des Fernan Perez de Guzman und des 
Marques von Santillana, welche alle in dem 13., 14. und 
15. Jahrh. jenes Versmals cultivirten, volle Rechenschaft 
geben ?). 

Eben dieser Reichthum poetischer Formen und ihre 
vollständige Identität mit den in den Denkmälern unserer 
Literatur gebrauchten, im Verein mit dem ehrwürdigen 
Alter der grammatischen Formen, veranlafsten ohne Zwei- 
fel den Benedictiner Sarmiento den Satz aufzustellen — 
dessen wir im Beginne dieser Abhandlung gedachten — 
dafs die Poesie den Ursprung der von ihm erkannten Vers- 
mafse den Sprüchen und Sprichwörtern der Menge ver- 
danke. Aber nicht allein übersah der so fleifsige For- 


wie bestehen konnte. Das ist der Grund, warum alsbald alle diese Verse 
streben für sich verschiedene Spezies zu bilden, indem sie sich von Tag zu 
Tag mehr von ihrem gemeinsamen Ursprung entfernen. 

1) Sarmiento, Mem. para la Hist. de la poesia, nüm. 616. 

2) Den Beweis dieser Angabe wird die Historia critica de la literature 
espaüola, welcher diese Arbeit angehört, liefern. 


72 Amador de los Rios 


scher, als er einen solchen Satz aufstellte, die wahrhaft 
literarische Ueberlieferung, sondern er verfiel auch in ein 
merkwürdiges Mifsverständnifs, als er die Art und Weise 
erklären wollte, wie sich die gröfseren Versmalse von 10, 
12 und 14 Silben, die einzigen welche er mit denen von 
11 in seinen Studien umfafst, bilden mulsten '). Er stellt als 
allgemeinen Satz nämlich hin, dafs die genannten Versmalse 
aus der Vereinigung von zwei redondillos menores hervor- 
gingen — eine Bezeichnung, welche er den Versen von 5, 
6 und 7 Silben gibt, indem er sich rücksichtlich der letz- 
ten auf die Autorität des Nicolas Antonio beruft, der die 
Pentameter des Berceo mit dem Namen endechas dobladas 
belegte. Aber vergessen wir auf einen Augenblick, was 
uns die Geschichte in Betreff der Herkunft der Pentame- 
ter und der Verse de arte mayor lehrt; lassen wir einmal 
unberücksichtigt die vollkommene Aehnlichkeit, welche zwi- 
schen den lateinischen und castilischen Zehnsilblern be- 
steht), und räumen wir ein, dafs die erwähnten Versmalse, 
weil sie ausgleichen Silben bestehn, statt ganz natürlich, auch 
in gleiche Hemistichien zu zerfallen, sich aus der Gruppi- 
rung zweier redondillos menores bilden — alles dies zuge- 
geben, fragen wir: wie constituiren sich nun die Hexame- 
ter von 17, 15 und 13 Silben? wie die Elfsilbler, sowohl 
die eigentlichen als die saphischen, sowie sie in den Sprich- 
wörtern erscheinen? wie die Neunsilbler, welche, weil sie 
in unsrer Poesie wenig im Gebrauche sind, nicht zur Ver- 
gessenheit verurtheilt zu werden verdienen? 

Aber auch das sei zugegeben, dafs diese letzten, so- 
gar mit den besonderen Merkmalen, welche sie in den 
Sprichwörtern des Volkes kennzeichnen, aus Versen von 
18 Silben hervorgingen, oder dafs sie nach Sarmiento’s Theo- 
rie vielmehr Redondillen sind, welche zu zwei verbunden 
jenes Metrum resultiren. Was unmöglich bleibt mit Still- 
schweigen zu übergehen, was die angezeigte Theorie ver- 
nichtet, ist, dafs weder die Hexameter noch die Elfsilbler, 


1) Memorias $. VII. 
?) S. zu diesem Zweck Horaz’ Oden, die vierzehnte des U. und die 
erste und zweite des III. Buchs. 


Die spanischen Sprichwörter. 73 


welches auch ihre Bildung sei, eine solche Zusammenfü- 
gung oder Verdoppelung von Redondillen zulassen: zusam- 
mengesetzt aus ungleichen Hemistichien, Theil eines mehr 
oder weniger vollkommnen Ganzen, geben sie weder bei 
ihrer Zusammenfügung noch bei ihrer Auflösung nur eine 
entfernte Idee von der angeführten Theorie; im Gegentheil 
weisen sie in einer entschiedenen Art auf die wahren Ty- 
pen zurück, welche die lateinisch-kirchliche Literatur, die 
Erbin der grofsen römischen, bewahrt und überliefert hat 1). 

Wenn also die Theorie des Sarmiento nicht pafst, noch 
auch passen kann auf alle dıe Fälle, welche die Sprich- 
wörter selbst, auf die er sie zu gründen strebt, darbieten: 
wie soll sie uns da befriedigen in Betreff der Versmaßse 
überhaupt, die er erwähnt?... Was erfolgt, ist vielmehr 
dafs die Octonarien ebenso wie die Pentameter, die Zehn- 
silbler wie die jambischen Dimeter leicht und bequem in 
in ibre gleichen Hemistichien sich theilen lassen, in der 
lateinischen Metrik ebensowohl als in der castilischen, in- 
dem diese Theilung vollkommen sich in den Versen de 
arte mayor vollzieht, mag man ihnen nun den Ursprung 
zuerkennen, welchen Nebrija, oder welchen Encina ihnen 
zuertheilt in den oben genannten Werken. Die Theorie 
des berühmten Benedictiners vereinzelte ganz die Kunst- 
formen der spanischen Poesie und löste sie so zu sagen 
aus der literarischen Ueberlieferung; so nahm sie ihnen 
alle Legitimität, ohne dafs doch zu ihrer Bevollmächtigung 
der ebensowenig begründete Versuch genügt hätte, den 
Stamm und die Wurzel der von Gebildeten wie von Unge- 
bildeten cultivirten Metren in die Sprichwörter zu setzen. 

Das Studium dieser ächten Denkmäler der spanischen 
Kultur kann logisch uns nur zur Bestätigung der wahrhaft 


1) Lo que no es posible pasar por alto, lo que destruye la indicada 
teoria es que ni los exämetros, qualquiera que sea su nümero, ni los ende- 
casilabos, qualquiera que sea su extructura, consienten semejante acomoda- 
miento 6 duplicacion de redondillos: compuestos de hemistiquios desiguales, 
parte de un todo mas 6 menos perfecto, ni al componerse, ni al descompo- 
nerse, dan remota idea de la citada teoria, refiriéndose por el contrario de 
una manera terminante & los verdaderos tipos, que guarda y trasmite la li- 
teratura latino -eclesiästica, heredera de la gran literatura romana. 


74 Amador de los Rios 


historischen Theorie von dem Ursprung und der Entwick- 
lung der Kunstformen der alten castilischen Dichtung füh- 
ren: für jene von den für diese anerkannten Quellen ver- 
schiedne zu suchen, hiefse die Ueberlieferung läugnen; an- 
zunehmen aber, dafs die Sprichwörter genannte Formen 
früber als die Dichtuug aufwiesen, und sie derselben zu 
einer bestimmten Zeit mittheilten, das hiefse die Ueber- 
lieferung und die Philosophie zugleich läugnen. Die Völ- 
ker bedürfen, wie die Kinder, an ihrer Wiege Gesänge; 
wenn sie der Kindheit entwachsen, streben sie, ohne jene 
selben Gesänge zu vergessen, ihr Leben vermittelst einfa- 
cher Maximen und nützlicher Rathschläge, Kinder ihrer 
Erfahrung, zu regeln; und obgleich man, streng genom- 
men, das spanische Volk in jenem Zeitalter als ein ur- 
sprüngliches Volk nicht betrachten kann, so bringen es 
doch die grofsen Wechselfälle, die es umgeben, und vor 
allem der merkwürdige Umstand ein neues Idiom reden zu 
müssen, in einer gewissen Weise in jenen Zustand, wo denn 
alle Elemente seiner ererbten Bildung demselben Gesetz 
unterworfen sind. Die Entwickelung von ihnen mufste des- 
halb langsam und allmälig sein, sowie sie allmälig ent- 
springende Bedürfnisse befriedigte; so läfst sich in kei- 
ner Weise begreifen, dafs die Sprüche und Sprichwörter 
des Volks der Formen der Volkspoesie sich bemächtigten, 
ohne dafs die letztere sie vorher adoptirt hatte. 

Ebenso wenig könnte man auf eine andere Art sich 
jene von uns beobachtete Einheit des Ausdrucks zwischen 
der Dichtung und Lebensweisheit erklären; noch weniger 
aber liefse sich begreifen, wie die Gelehrten, während sich 
die Sprichwörter von ihrer Unterweisung nährten, unauf- 
hörlich zu diesen unerschöpflichen Quellen der Moral und 
der Politik ihre Zuflucht nehmen, um ihren Schöpfungen 
eine aufsergewöhnliche Frische zu geben. Diese Bemer- 
kung findet ihren schlagenden Beweis in den schon citir- 
ten Werken Alfons’ des Weisen, seines Sohnes Sancho 
und seines Neffen Juan Manuel, des Erzpriesters von Hita, 
und ein Jahrhundert später in den nicht weniger berühm- 


Die spanischen Sprichwörter. 75, 


ten Werken des Marques von Santillana. Dieser so be- 
rühmte Magnat nahm unter verschiedenen andern Sprüchen 
zum Thema und Schmuck seiner Kompositionen folgende 
Sprichwörter: Los paredes han oydo; Uno piensa el bayo 
é otro el que lo ensilla; Tan lueñe de ojos, tanto de co- 
razon; und Uso face maestro '); und beschenkte die Phi- 
losophie des Volkes mit vortrefflichen Maximen und Sen- 
tenzen, unter welchen allgememen Beifall fanden: La mu- 
ger buena corona es del varon, La sciencia non embota el 
fierro de la lanza, und andere, nicht weniger würdig sei- 
nes grolsen Rufes und seiner reichen Erfahrung ?). 

Die Sprichwörter, also dem doppelten Verkehr mit 
dem Volke und mit den Gebildeten unterworfen, gelangten 
in das 16. Jahrhundert, um hier von denen, welche sich 
als Dichter berühmten, theilweise modificirt zu werden, in- 
dem sie zugleich aber die Aufmerksamkeit ausgezeichneter 
Gelehrten auf sich zogen, die nach dem Beispiele des Don 
Inigo Lopez de Mendoza allen Fleifs darauf verwandten, 
jene zerstreuten Schätze zu sammeln. Der erste, welcher 
in der erwähnten für die Literatur so glänzenden Epoche 
dem Marques von Santillana nacheiferte, war Mosen Pero 
Valles, den wir bereits citirt haben; dieser fleifsige Ara- 
gonier brachte 4300 reine castilische Sprichwörter (ada- 
gios), mit einigen wenigen italienischen und catalonischen, 
zusammen; er gab sie mit Einleitungen und einigen Erklä- 
rungen am Ende, von ungefähr 8 Sprichwörtern, zu Sara- 


1) S. Proverbios, cap. 2, p. 38 der Werke; das Decir gegen die Ara- 
gonier, welches mit genanntem Sprichwort beginnt p. 255; das Liebeslied, 
welches anfängt: 

Ha bien errada opinion 

Quien dice: tan lexos d’ojos, 

Tan lexos de corazon ... 
p. 452 der Werke; Coplas al muy excelente y muy virtuoso Seüor don Al- 
fonso rey de Portugal, Strophe 6, p. 261. 


2) Das erste Sprichwort verdankt man der 44. Strophe der Proverbios 
(p. 45 der Werke); das zweite, welches unter der Form: No embota el saber 
la lanza al guerrero, und der: Letras non embotan las armas erscheint, ist 
aus dem an den Fürsten Enrique gerichteten Prolog derselben Proverbios ge- 
nommen (p. 24). 


76 Amador de los Rios 


gossa im Jahre 1549 heraus. Während Valles zu dem 
Gedächtnifs der Menge seine Zuflucht nahm, um dieses 
herrliche Unternehmen zu vollenden, und in seinen Sprich- 
wörtern eine furchtbare Waffe gegen die führte, welche 
argwöhnten, dafs in Aragonien nicht dieselbe Sprache als 
in Castilien gesprochen wäre: machte der „griechische Com- 
thur“, Hernan Nunez ‘), schon berühmt durch seine Com- 
mentarien zu dem Juan de Mena und mehr noch durch 
sein grofses Ansehn in dem Vortrag der humanen Wissen- 
schaften, zu Salamanca lobenswerthe Anstrengungen um 
die alten Sprichwörter des Volkes zu sammeln, indem er 
sie um hohen Preis sich verschaffte und noch in den letz- 
ten Jahren seines Lebens sich daran machte, sie zu glos- 
siren. Der Tod gestattete ihm aber nicht, sein Vorhaben 
zu Ende zu führen: die Sprichwörter, welche unter seinem 
Namen gehen, kamen 1555 heraus „con gran copia de 
lenguas extrañas, como portugueses, gallegos, asturianos, 
catalanes, valencianos, franceses, toscanos y asi mismo mu- 
chos tan desnudos, como nascieron, harto vergonzosos y 
de mal exemplo“ ?), indem andern Gelehrten das Unterneh- 
men der Glossen und Commentare vorbehalten blieb. 
Dieses nahm wenige Jahre nachher Juan de Mal-Lara 
in Angriff, ein Schüler eben desselben griechischen Com- 
thurs, und mit nicht wenigem Glück: seine Philosophia 
vulgar, ein sehr reiches Repertorium, in welchem über 
10,000 castilische Sprichwörter glossirt werden, bei deren 
Erklärung er „viele alte Männer und Frauen“ (muchos 
viejos y vigas)*) zu Rathe zog, legte nicht allein von 
der ungeheuren Belesenheit des so verehrten Humani- 
sten in den Dichtern, Geschichtschreibern, Rednern, Phi- 
losophen und Kosmographen des Alterthums ein volles 


1) Er wurde deshalb der griechische Comthur gewöhnlich genannt, „weil 
er zum mächtigen Geschlechte der Guzmans gehörig, Comthur des heil, Ja- 
cob ward, während seine eigenen Gaben und Fortschritte ihn in seiner Zeit 
zum ersten griechischen Gelehrten seines Landes machten.‘ Ticknor, Ge- 
schichte der spanischen Literatur, übersetzt von Julius, II, p. 270. 

Anm. des Herausgebers. 

2) Mal-Lara, Philosophia vulgar, preämb, XI. 

3) Preémbulo XIII. 





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Die spanischen Sprichwôrter. 77 


Zeugnifs ab, sondern rechtfertigte auch die den Sprich- 
wörtern im Allgemeinen beigelegte Wichtigkeit vollkom- 
men. Von dem gewöhnlichen Wege der Sammler, die ihm 


. vorausgegangen waren, sich entfernend setzte er an die 


Stelle der alphabetischen Ordnung eine andere vernünfti- 
gere und mehr philosophische, indem er nach den Mate- 
rien schied und in Tausende und Hunderte jenen ganzen 
zahlreichen Apparat von Sprichwörtern theilte, in welchen 
er die kostbarsten Elemente der spanischen Kultur erkannte. 
Mal-Lara aber vermochte ebenso wenig sein Werk zu be- 
endigen, dessen erster Theil, Philipp II. gewidmet und im 
Jahre 1568 der Presse übergeben, der einzige ist, welcher 
auf uns gekommen. 

Unterdessen sammelte in Valencia aus vielen Schrift- 
stellern und mündlichem Verkehr eine nicht verächtliche 
Zahl von „refranes de mesa, salud y buena crianza“ der 
fleifsige Lorenzo Palmireno, und gab sie in dem folgenden 
Jahre 1569 heraus !). Nachdem nun einmal die Aufmerk- 
samkeit der Gelehrten auf einen so reichen Schatz volks- 
thümlicher Philosophie gelenkt war, wurden auch verschie- 
dene Versuche gemacht, um in den alten Literaturen mehr 
oder weniger glückliche, mehr oder weniger plausible Pa- 
rallelen aufzusuchen; und 18 Jabre nach dem Erscheinen 


1) Wir müssen bemerken, dafs dies nicht die einzigen Sammlungen von 
Volkssprichwörtern waren, welche in dem 16. Jahrh, entstanden. Wir ken- 
nen unter andern der Erinnerung werthen Sammlungen jenes Zeitalters die 
folgenden: 1) Refranes glosados por Mosen Dimas Capellan (Toledo 1510, 4. 
gedruckt von Juan Varela); 2) Formulas adagiales latinas y españolas por 
Juan Ruiz de Bustamante (Zaragoza 1551, 8. gedruckt von Estevan de Na- 
gera); 8) Siete centurias de adagios castellanos (Ms. fol.) por Juan de Melo, 
toledano, con un prölogo de Ambrosio de Morales; 4) Proverbios morales de 
Alonso Guajardo Fajardo de Cördoba, gedruckt ebenda von Gabriel Bejarano, 
1585, 8. — Der Verfasser des Dialogo de las lenguas erklärt auch, dafs er 
bei seinem Aufentbalte in Rom ein starkes Heft voll sammelte, indem er 
darauf seine Hauptbeobachtungen in Betreff der Anfänge der castilischen Spra- 
che gründete. In der Bibliothek von Salazar existirt ein Codex, signirt M. 
142, welcher von fol. 229 an keine geringe Zahl volksthümlicher Sprüche 
enthält, gesammelt im J. 1541 von einem Forscher aus Valladolid; und in 
derselben Akademie bewahrt man verschiedene Hefte von Sprichwörtern auf, 
obgleich schon aus einer uns näher liegenden Epoche. Traurig, dafs aus der 
Bibliothek des Escurial das Manuscript j. L. 16 verschwunden ist, welches, wie 
aus den alten Indices hervorgeht, eine zahlreiche Sammlung von Volkssprich- 
wörtern enthielt, vielleicht noch älter als das angegebene 16. Jahrhundert. 


OO en rn - + 


78 Amador de los Rios 


des Werkes von Palmireno veröffentlichte der Licentiat 
Alfonso Sanchez de la Ballesta sein Diccionario de voca- 
blos castellanos aplicados & la propiedad latina (Salamanca 
1587), in welchem er eine grofse Menge von Volkssprich- 
wörtern erklärte, indem er sie mit den von den Schrift- 
stellern des Zeitalters des August gebrauchten verglich. 
250 Sprichwörter unterwarf um dieselbe Zeit einer gleichen 
Probe der Magister Fernando de Benavente, indem er sie 
in lateinische Verse brachte; ein Beispiel, welches im An- 
fang des 17. Jahrh. von Alfonso de Barros in seiner Perla 
de Proverbios morales (Madrid 1601) nachgeahmt, die Pro- 
verbios concordatos des berühmten Magisters Bartolome 
Ximenez Paton, eines der ausgezeichnetsten spanischen Hu- 
manisten, (Baeza 1615; Lisboa 1617) hervorrief. Aber wer 
den gröfsten Eifer in dieser Gattung der Studien zeigte, 
nach der Mitte des erwähnten Jahrhunderts schon, war 
ohne Zweifel der Licenciat Gerönimo Martin Caro y Cejudo, 
welcher unter Benutzung aller Arbeiten, die in Spanien ge- 
macht worden waren, und im Hinblick auf die gerühmte 
Sammlung des Erasmus in seinen Refranes castellanos y 
latinos glosados (Madrid 1695) einen ausgezeichneten Dienst 
dem Studium der castilischen und lateinischen Sprache zu 
leisten vermochte. Cejudo betrachtete indessen die casti- 
lischen Sprichwörter nur von der Seite der grammatisshen 
und rhetorischen Form, obwohl er auch einige Erklärun- 
gen über ihren Sinn gab: so verblieb der Ruhm, ihre wahre 
pbilosophische Bedeutung erkannt zu haben, doch dem 
Sevillaner Juan de Mal-Lara. 

Damit sei aber nicht gemeint, als hätte ein so ausge- 
zeichneter Humanist verkannt, dafs das philologische Stu- 
dium der castilischen Sprichwörter überhaupt das Studium 
der Geschichte der Sprache ist: in Betreff dieses Punk- 
tes fügte er, nachdem er von ihrer Structur gehandelt, und 
die Vorzüge der Volkssprichwörter dargelegt, hinzu: „Los 
refranes aprovechan para el ornato de nuestra lengua y 
escriptura; son como piedras preciosas salteadas por las 
ropas de gran prescio, que arrebatan los ojos con sus lum- 
bres: y su disposicion da 4 los oyentes gran contento; y 


Die spanischen Sprichwörter. 79 


como son de notar, quedanse en la memoria“ !). An ei- 
ner andern Stelle sagt er noch: „Los refranes en la ora- 
cion concertados lucen mucho, no como en tablilla de pla- 
tero adonde no estän las pieras y joyas de oro para her- 
mosura, sino para guarda“?). Unmöglich war es fürwahr, 
dafs ein Schriftsteller, der sich ganz dem Unterrichte in 
den humanen Wissenschaften gewidmet hatte, die Frage 
der Form — ein so wichtiger Punkt bei den Gelehrten 
des 16. Jahrhhunderts — aus den Augen liefs; aber der 
wesentlichste Theil der spanischen Sprichwörter, worin 
„wir der lateinischen, griechischen und toskanischen nicht 
bedürfen ®), welcher dazu beitrug, das Gemüth zu höheren 
Dingen zu erheben“, war die Lehre (doctrina). Ausge- 
hend von dem Grunde der spanischen Bildung, gleich der 
Volkspoesie, die politische und Kulturgeschichte eines gro- 
fsen Volkes reflectirend, mufsten die Sprichwörter das 
Vorrecht haben, Leben und Farbe allen Kunstproductionen 
zu geben, indem sie gleichermafsen die Werke der Beredt- 
samkeit und der Geschichte befruchteten und zur beson- 
dern Eigenthümlichkeit der unsterblichen Schöpfungen un- 
sers sehr reichen Theaters beitrugen. Aber als die Volks- 
Dichtung und -Philosophie gemeinschaftlich es zu begrün- 
den halfen, hatten sich schon die ursprünglichen Formen 
der castilischen Sprichwörter merkwürdig verändert, ob- 
wohl sie nach allen Seiten noch herrliche Anzeichen ihres 


1) Preämbulo IX. 

2) Preämbulo X. 

8) Der gelehrte Sarmiento will durch das Zeugnils des bertihmten Sal- 
masius, dessen Worte er citirt, beweisen, dafs die spanischen Sprichwörter 
„alle an Grôfse übertreffen“ (No. 419). Wir glauben, dafs Mal-Lara’s Be- 
hauptung eine gröfsere Genauigkeit für sich hat, weil sie weniger ehrgeizig 
ist und die Bildung der übrigen Völker nicht beleidigt. In Betreff dieses 
Punktes urtheilen wir, dafs es einen philosophischen Vorzug nicht geben kann, 
Die Sprichwörter sind ein treuer Spiegel des intellectuellen Zustandes einer 
jeden Nation; und sie werden um so vollkommener sein, jemehr sie sich mit 
dem genannten Zustand in Uebereinstimmung befinden, dadurch dafs sie alle 
Elemente, welche zu seiner Bildung beitragen, in Betracht ziehen; sie sind 
der unwillkürlichste Ausdruck der Erfahrung; überall kleiden sie sich in die 
Hüllen der menschlichen Schwäche, und. dienen in ihrer mannichfaltigen Um- 
gestaltung den verschiedenen Civilisationen als Band, indem sie durch ihre 
Aehnlichkeit oder Verschiedenheit anzeigen, was die Völker Gemeinsames oder 
Widerstreitendes haben, sei es in der Religion oder Politik, der Moral und 
den Sitten, oder der Gesetzgebung oder dem Klima. 


80 Amador de los Rios 


ehrwürdigen Alters und ihrer edlen Herkunft darboten. 
Waren auch ihre ursprünglichen Charakterzüge in gewis- 
ser Weise verdunkelt, so fuhren sie doch fort die verschie- 
denen Wandlungen der spanischen Literatur abzuspiegeln 
— bis zu deren traurigem Verfalle; eben dieser Fortgang 
aber trennte sie von Tag zu Tag mehr von ihren ersten 
Quellen — und diese Betrachtung ist es, welche uns be- 
wegt, an dieser Stelle die Feder niederzulegen: denn un- 
sere Forschungen gingen ja vorzugsweise dahin, vermittelst 
der Sprichwörter die Beziehungen aufzuweisen, welche sie 
mit dem Kunstausdruck (expresion artistica) der Volks- 
poesie während der ersten Jahrhunderte ihrer Existenz be- 
wahren. Dafs dies bis zur Evidenz bewiesen ist, ist nicht 
zu bezweifeln, wenn man die zahlreichen Beispiele, die wir 
angeführt haben, ins Auge falst: keins von den in dem 
ganzen Mittelalter gekannten und versuchten Versmafsen 
mangelt in dem so mannichfaltigen Verzeichnisse: alle ge- 
ben eine vollständige Idee von ihrem Ursprung, und alle 
offenbaren die auf einander folgenden Epochen, welche der 
spanische Geist durchlief, bis er seine vollkommene Reife 
und Entwickelung erlangte. Die Einheit aller dieser Kunst- 
Elemente ist darum der vollgültigste Beweis ihrer wechsel- 
seitigen Legitimütät und die beredteste Verurtheilung jeder 
Theorie, welche nicht zur einzigen Grundlage die unbeug- 
same Wahrheit der Geschichte hat‘). 





1) Wir wollen nicht diese Studie beendigen, ohne bewiesen zu haben, 
bis zu welchem Punkt die Einheit des Ausdrucks in Betreff der refranes, pa- 
labras oder fabliellas des Volkes in allen Marken, welche vor Alters die 
iberische Halbinsel theilten, geht, indem es danach unmöglich ist daran zu 
zweifeln, dafs alle ihre Formen aus ein und derselben Quelle entspringen. In 
dieser Absicht wollen wir hier nur einige gallizische, portugiesische und ca- 
talonische Sprichwörter, die in den ursprünglichen Versmalsen unsrer Volks- 
poesie, vom Siebzehnsilbler an bis zum Achtsilbler, ausgedrückt sind, an- 
ziehen: 


Gallizische: 


Deus nos dia con que riamos | € non sejan filhos acharros. 
Mal vay & o passariño | que anda en mao do meniüo. 
La fazenda do erego | da-la Deus e leva o demo. 

Non ha tal feitigio | como o bon servicio. 

O lusto é o viüo | fay o vello meniüo. 

Millor he pan duro | que figo maduro. 


CE 


Die spanischen Sprichwôrter. 81 


7. De ruyn madera | nunqua bos estela. 
8. Quem mata arbela | mays sabe quels. 
9. Pedra de Ygreja | oro goteja. 

10. Bem pagado | vay o pato. 


Portugiesische : 


1. Quando a Roca ten capelo | colle a vela é vayte 4 Roselo. 
2. A cortiza ardelhe o manto | é fincalhe o quebranto. 

3. Salata ben salata | poco aceto é ben oleata. 

4. Outre come as nozes | € eu tefio as rozes. 

5. Iano de noviella | pontro de yegua viella. 

6. O carro que canta | & seu dono avanta. 

7. Onde ay muyto risso | ay pouco sisso. 

8. Quem ten bon viño | ten bon amigo. 

9. De la ouca | manja ne pouca. 
10. Acho o cego | nin dynheyro. 


Catalonische und valenzianische: 


Non dones tant & Sant Pere | que apres aglies d’anar arrere. 
Home royx 6 gos cerrut | avant mort que conegut. 

Pera, presec € melé | volen lo vi fellé. 

El noy é el orat | digüen la veritat. 

Per amor del bou | liepa lo Ilop el jou. 

Ni piedra redona ! ni gent de Girona. 

Qui non bat en Juliol | non bat quan vol. 

Qui ten corps bel | non cal mantel. 


9 NI O tR © NS m 


10. Barba roxa | molt vent porta. 

Eine so merkwürdige Uebereinstimmung, welche ein und denselben gemein - 
schaftlichen Ursprung rücksichtlich der von den romanischen Sprachen adop- 
tirten metrischen Formen voraussetzt, weist in entschiedener Art eine jede 
Theorie zurück, die über diesen Punkt ihre Grundlage nicht in der Geschichte 
sucht. Auch aufserhalb unsers Spaniens könnte auf den Ursprung der stid- 
lichen Literaturen ein so nützliches vergleichendes Studium Anwendung fin- 
den; und es ist unzweifelhaft, dafs es rücksichtlich der provenzalischen wie 
italienischen und auch der französischen Poesie befriedigende Resultate erge- 
ben würde. Die ältesten Sprichwörter aller dieser Sprachen haben in ihrem 
Ausdruck viele Berührungspunkte mit den spanischen fabliellas und re- 
traeres. 


Madrid. José Amador de los Rioe. 


(Aus der spanischen Handschrift übersetzt von dem Herausgeber.) 


m 1 . 6 


82 Tobler 


Le dit du Magnificat 


von 


Jean de Condé. 


Die im Folgenden mitgetheilte, bisher noch nicht edirte, 
ja nicht einmal bekannte altfranzösische Erzählung habe 
ich der Handschrift B. III, 18 der casanatensischen Biblio- 
thek in Rom enthoben. 

Das bezeichnete Buch enthält auf etwa 200 nicht be- 
zifferten Pergamentblättern (das Blatt zu 4 Spalten, die 
Spalte zu 38 Zeilen) in ordentlicher, dem 14. Jahrhundert 
gehöriger Schrift: 1) den Roman von der Rose, Anfang '): 
Adsit principio sancta maria meo. Chi commenche li rou- 
mans de le roze et premierement commenche mestre guil- 
laumes de lorriz iusques a faus sanblant. Et mestre iehan 
de meun fist tout le remanant en apries. 

Mainte gens dient que en songes 
N’a se fables non et mencongnes, 
Mais on poet teil songe songier 
Qui ne sont mie mencongnier, 
Ains sont apries bien apparant, 
Si em puis bien traire a garant 
.I. aucteur qui ot non Maccobes, 
Qui ne tint pas songes a lobbes, 
Anscois escript la uision 
Qui auint au roi Cypyon u. s. w. 
Schlufs: Par grant ioliuete cueilli 
Le fleur dou biau rosier fueilli 
Ensi oi la rose viermeille 
À tant fu iours et ie mesueille 
Explicit li Roumans de le roze 


2) Siebenunddreifsig kürzere Gedichte theils erzählen- 
den theils unterweisenden Inhalts, von deren gröfserem 
Theile ich auch Abschrift genommen habe. Von ihnen ge- 
hören einundzwanzig mit Sicherheit Jean de Conde an, da 
er als Verfasser in denselben genannt wird; ein Stück nur 
nennt Jehan de Batery als seinen Verfasser, während die 
übrigen fünfzehn keine Hinweisungen auf Dichter enthalten. 


4 1) Oben an der Seite steht: Bourdelot 798; vergl. Keller's Romvart 
. 404. 


- 


Le dit du Magnificat. 8 


Ehe ich über die Jean de Condé angehörigen Stücke 
genaueren Bericht erstatte, seien ein paar Stellen, die über 
den Dichter selbst einige Auskunft geben, hier mitgetheilt. 
Die erste, aus dem Beginn des dit dou leurier, lautet: 


. . Et par ytant mes cuers s’aoorde 


A commenchier se iel sai faire 
Et dire aucun plaisant affaire; 
Nature en a mon cuer fonde, 


40 Fius fus Bauduin de Conde, 


45 


S’est bien raisons k’en moi apere 
Aucunne teche de mon pere 

Et .I. petitet de son sens, 

Et a ce est bien mes asens 

K’en ce chemin le uoel poursiure, 
Et non mie pour lui consiure, 
Car ie me peneroie en uain, 

K’en moi n’a pas tant de leuain 
Qui mon cuer faice si leuer 


50 K’a tel sens le puisse esleuer; 


Mais s’il plaist dieu le roi manant 
Que ie truisse aucun remanant 
Apries lui, mout ioians en iere 

Et en ferai ioie pleniere ... 


Die andern entnehme ich dem dit dou boin conte Wil- 


15 


27 


54 


96 


Pour cou doiuent pluiseur sans faindre 
Le boin conte Willaume!) plaindre 

Qui tenoit Haynnau et Hollande 

De sa mort est defaute grande .... 
Fieus fa au boin conte Jehan 

Qui mainte painne et maint ahan 

Eut pour se (l. sen) pays a deffendre.... 
(Will) C’ert li peres des menestres, 

Cil doiuent bien iestre espierdu, 

Quant il ont leur pere pierdu ... 

Et dieus consaut la bonne dame 

La contesse de sa souffrance 

Sereur giermainne au roi de France...?) 


1) Regierte 1802-1887. 
2) Johanna von Valois, Schwester Philipps VI. 


6” 


84 Tobler 


111 .III. filles saiges et senees 

Eurent noblement assenees 

L’ainsnee estoit empereys ') 

Femme a l’empereur Loeys, 

L'autre ot le conte de Juler (od. Viler) 

Vaillant conte et biau baceler 

La tierce n’estoet trop lonc querre 

Elle est roinne d’Engletierre...?) 
121 Son fil hoir de tous ses pays?) 

Ki n'iert mie de lui hays 

Assena bien et hautement 

Honnestement et gentement 

A bielle et boinne et sans beubant 

Qui iert fille au duc de Braibant. 

Or est quens en liu de son pere.... 
165 Jehans de Condet qui estoit 

De son maisnage et qus uiestoit 

Des robes de ses esquijers. 

Li gentieus quens des Hainnuiers 

Lui a dou sien donne maint don... 
186 L'an de grasce mil et .III. 

Et .XX XVII. au jour sieptime 

De guin en cele nuit hautisme 

Dou saint espir l'ame rendi....“) 





1) Margaretha vermählt mit Ludwig von Baiern. 
2) Philippa vermählt mit Eduard II. 
5) Wilhelm IV. 


*) Diese biographischen Mittheilungen bieten eine Reihe ganz neuer 
Aufschlüsse. Dafs Jean de Condé ein Sohn Baudouins, des bekannten Dit- 
Dichters, war, wufste man nicht, wie denn über sein Leben überhaupt nichts 
bekannt war, die Zeit selbst nur vermuthet, und, wie sich jetzt zeigt, falsch 
vermuthet ward. In dem neusten, 1856 erschienenen Bande der Hist. litt. 
de France setzt Le Clerc, in dem vortrefflichen Artikel über die Fabliaux, 
Jean de Condé unter die Trouvères des XIII. Jahrhunderts, während er doch, 
wie wir nun sehen, der ersten Hälfte des folgenden angehört. Und nur dreier 
Gedichte desselben wird dort gedacht; es sind nämlich: Du Clerc qui se 
cacha derrière le coffre, Le sentier battu und der Débat entre les Chanoinesses 
et les Bernardines. (Hist. litt. de France XXIII, p. 115). — Auch von Bau- 
douin hatte P. Paris in dem Artikel über die Dits (ebendas. p. 267) nur ver- 
muthen können aus einer Stelle des Dit des Hiraus, dafs er aus dem Henne- 
gau stammte (und zwar aus der Stadt Condé) — eine Vermuthung, die nun- 
mehr zur Gewifsheit wird. — Interessant ist noch, dafs wir auch hier wie- 
der einem Beispiel davon begegnen, wie sich die poetische Begabung und 
Kunstfertigkeit in einer Familie fortpflanzt, eine Erscheinung, die bei den 
nordfranzösischen Trouveres in einer auffallend häufigen Weise sich zeigt, 
worauf ich schon an einem andern Orte hingewiesen habe. (Gött. Gel. Anzei- 
gen 1857, p. 1500). Anm. des Herausgebers. 





Le dit du Magnificat. 85 


Die 21 Stücke, als deren Verfasser Jean de Condé 
sich nennt, sind nun die folgenden: 


“A. Ci apries s’en sieut li dis dou lyon') (3 Spalten). 
Anfang: Hons d’armes, d’onneur couuoiteus 
Ne doit mie iestre rihoteus 
Ne orghelleus ne mal querans 
Ne a ses uoisins sourquerans 
A tort, car son honte feroit... 


Die lobenswerthen Eigenthümlichkeiten im Wesen des Löwen 
werden dem Ritter zur Nachahmung empfohlen. Siehe den An- 
fang von 21. 


Schlufs: Pour cou uous di ciertainnement 
Que plus a de droiture em bieste 
Qu'il n’ait en gent, trop sont rubieste. 
Jehan de Conde bien |’ afinne, 
Qui chi endroit don lion finne. 
Explicit. li dis dou lyon. 


*5. C’est li dis dou roi et des hiermittes (54 Spalte). 

Anfang: Ki bien set dire et recorder 
Bien y doit son cuer acorder, 
Si que, quant li biens est repris, 
K’ exemples y puist yestre pris 
A ciaus qui le recort oront, 
Qui en aucun tamps s'em poront 
Amender et de mal retraire. 
Pour ce uoet .I. conté retraire 
Jehans de Conde sans atendre 
V on puet boin exemple prendre. 


Ein König trifft auf einem Ritte ärmlich gekleidete Eremiten, 
steigt vor ihnen demüthig vom Pferde und kniet ehrerbietig nie- 
der. Seine Begleiter lassen durch den Bruder des Königs die- 
sem ihre Unzufriedenheit über seine Erniedrigung ausdrücken. 
Am andern Morgen schickt der König vor seines Bruders Haus 
den Hornbläser; jener weils, dafs das Verurtheilung zum Tode 
bedeutet, und wirft sich mit Weib und Kindern weinend vor dem 
König auf die Erde, der ihm an dem raschen Wechsel seines 
Schicksals die Hinfälligkeit irdischer Gröfse zeigt und ihn be- 
gnadigt; die Höflinge lehrt er an einem kostbaren und einem 


1) Von den mit * bezeichneten besitze ich eine Abschrift. 


86 Tobler 


ärmlichen Kästchen, von denen das erstere Moder und Gebein, 
das letztere Edelsteine und Spezereien birgt, dafs innerer Werth 
sich oft unter ärmlicher Hülle und gar nicht immer unter reicher 


Schale finde. 


Schlufs: Et cil qui cest recort oront 
Boin exemple prendre y poront. 


6. Ch’est li dis des .III. mestiers d'armes (4 Spalten). 


Anfang: Noble ordene est de ceualerie 
Si doit iestre sans tricerie 
Sans laskete et sans foiblece 
Plainne d’onnour et de noblece ... 


Inhalt didaktisch. 
Schlufs: Jehans de Conde, qui chi finne 
Sen dit, le tiesmoingne et afinne. 
Amen. explicit. 


7. Ch’est li dis de boine chiere (2 Spalten). 


Salemons dist en ses prouierbes 

Qui (l. qu'il) vient (I. vaut) miex au pore (Il. potaige?) 
d’erbes 

Appieller gens en carite 

Qu’il ne face donner plente 

D'un viel.. auoek haynne.,. 

Jehans de Condet le recorde, 

Qui au dit Salemon s’acorde. 


Empfehlung heitern freundlichen Wesens gegen Gäste. 


Schlufs: Qui le sien ioieusement donne 
Il est courtois et bien apris 
S'en a de’ tous boins los et pris. 
Explicit. li dis de boine ciere. 


9 C’est dou fighier (34 Spalte). 
Anfang: Quant boins ouuriers deuient wiseus, 
= C’est pour lui vsaiges nuiseus ... 
Pour cou dist Jehans de Conde . . 


Inhalt nach Art von No. 4. 


Schlafs: Ce deuons prijer de cuer fin. 
Amen. Explicit. C. et .XXX. viers. 


10, C'est li dis dou miroir (34 Spalte). 


Anfang; Trop est li siecles peruiertis .., 


Le dit du Magnificat. 87 


Schlufs: Que cils exemples t'en afourme 
Que Jehans de Condet t'a dit, 
Qui chi endroit finne sen dit. 

Explicit. C. et. XXX. viers. 


11. C’est li recors d’armes et d’amours (7 Spalten). 


Anfang: Or sont il .II. mestiers ensanle 
Schlufs: Che dist bien Jehans de Conde, 

Mais qui a le cuer abonde 

Des .II., on uoit bien auenir 

Qui (L qu'il) le font a honneur nenir. 

Bien ait don qui les maintenra 

Et cou que i’ai dit retenra. 

Explicit. CC. et .LXX. viers. 


17. Apries. Li dis des rikeces c'on ne puet auoir (2 Sp.). 


Anfang: Fols est qui uoet tendre a auoir, 
S’aquerre ne puet et auoir... 
Dont Jehans de Condet reprent 
Tous ciaus qui sont de tel maniere, 
Schlufs: Qui y uoet rewarder a droit: 
Et par tant m'en tais ci endroit. 
Explicit, IIIL.x<. II lingnes. 


18. Li dis dou sens emprunte (2 Spalten). 


Anfang: Jehans de Condet ciertefie 
C’on uoit messerer mainte fie... 
Schlufs: Et a tant uoel men dit finer. 
Explicit. IIIL-.=<. et .VIII. viers. 


19. C’est li dis dou frain (2 Spalten), 


Anfang: Li coers des gens sont si hastant 
Que souffrir ne uoellent pas tant ... 
À telle gent sieruir s’acorde 
Jehans de Condet et recorde 
Vne parolle mout notaule 
Que Tierenses nous fait estaule 
Vns maistres de philosophie .., 
Schlufs: Si pri c’as entendans souffie 
Cou qu’en ai dit a ceste fie, 
Explicit, IIIL.x=. viers. 


21. C’est li dis dou chien (A Spalten), 


Anfang: Par exemples de oreatures 
Et par regarder leur natures 
Se poet on ensengnier et duire, 


88 Tobler 


Schlufs: Si con Jehans de Conde conte 
Qui ci endroit finne son conte, 
V boin exemple poront prendre 
Cil qui l’oront dire et reprendre. 
Explicit. 


22. Chi apries s’en sieut li dis de seurte et de confort 
(3 Spalten). 
Anfang: Noble coze est d’auoir confort . .. 
Pour cou nous dist en ses recors 
Jehans de Conde . . 
Schlufs: Et chi endroit finne men dit. 
Explicit. 


*23 Chest li dis de loliette (2 Spalten). 

Anfang: C’est sieruiches biaus et courtois 

De retraire aucun sieruentois 

Par deuant preudomme a se table. 
Jnhalt nach der Art des vierten Stückes. 
Schlufs: Jehans de Condet, qui chi finne 

Ses (lies: sen) sieruentois, le nous afinne. 

Explicit. 


*24. C’est li dis dou cheualier a le mance (59 Spalten). 


Anfang: Saiges est qui sa langhe atempre 
En biel parler, et tart et tempre 
Est bielle parolle en saison. 


Inhalt: Ein Ritter aus der Champagne, schön von Gestalt 
und wohlberedt, aber allem edeln ritterlichen Wesen fremd und 
von seinen zwei Brüdern deshalb auf eine Besitzung (en Tieraisse 
sour la riuiere d’Oize) verbannt, verliebt sich in die Gemahlin 
eines reichen und liebenswürdigen Ritters. Auf das Geständnis 
seiner Neigung erwiedert sie, um ihn auf immer fern zu halten, 
dafs sie ihn zu ihrem Freunde annehmen werde, sobald er alle 
seine Nachbarn an Kühnheit und Edelsinn übertroffen habe, und 
gibt ihm auf seine Bitte einen Aermel von einem Gewande zum 
Pfande und zur Erinnerung. Ihn macht die Liebe zu einem 
neuen Menschen und auf einem von zehn Rittern veranstalteten 
Turnier geht er unter dem Namen des Ceualier a le mance, 
denn den Aermel trägt er als Abzeichen am Helme, als Sieger 
hervor und zwar unter den Augen seiner Dame, die nicht um- 
hin kann, ihn gegen die Schmähungen andrer Damen in Schutz 
zu nehmen, und seiner zwei Brüder, welche sich mit ihm aus- 


Le dit du Magnificat. œ _ 


söhnen. Den andern Tag gibt er allen Anwesenden ein glän- 
zendes Fest, so dafs Alles seines Lobes voll ist und die Dame 
mit Besorgnifs die Zeit nahen sieht, wo der Umgewandelte das 
Recht haben wird auf die Erfüllung des unbesonnenen Verspre- 
chens zu dringen. Mit gleichem Erfolg besucht er andre Tur- 
niere, so oft er von einem hört; und wie er endlich sicher ist, 
dafs er mit keinem seiner Nachbarn in weitem Umkreise den 
Vergleich zu scheuen hat, tritt er vor seine Dame mit beschei- 
denem Bitten um den verheilsenen Lohn. Sie entgegnet, er sei 
belohnt genug dadurch, dafs sie ihn aus dem elendesten in den 
wackersten Ritter verwandelt habe. Mit unterthänigen Worten 
ersucht er sie, zu bedenken, dafs sie ihm denn doch verschuldet 
sei, erbietet sich aber durch weitere Thaten sich ihr noch wür- 
diger zu machen und beurlaubt sich mit ruhigen Worten aber 
Verzweiflung im Herzen. Der Besuch eines alten Ritters, der 
ihm von seiner freundlichen Beherbergung bei jener Dame erzählt 
(ein Todkranker könnte von der Erinnerung an sie gesunden, 
meint er), gibt ihm neuen Muth im Dienste der Liebe auszuhal- 
ten, und er bricht auf nach dem heiligen Lande, ohne von der 
Geliebten Abschied zu nehmen, der es immer schwerer wird die 
in ihrem Herzen erwachte Neigung zu unterdrücken. Nachdem 
der Ritter von Sur aus die Sarazenen mit Glück bekämpft hat, 
tritt er in Jerusalem in des jungen Bauduin Dienste. Wohl ein 
Jahr lang nach der plötzlichen Abreise ihres Verehrers hat die 
Dame sich ihre Härte vorgeworfen, da stirbt ihr Gemahl und 
bald bricht auch sie unter dem Vorwande einer kleinen Reise 
mit wenig Geleite nach dem Morgenland auf und kommt nach 
Jerusalem. Im Gewande eines jungen Ritters frägt sie nach 
dem Geliebten, findet ihn aber nicht mehr; der König hat ihn 
der Stadt Sur zum Beistand geschickt und da liegt er auf den 
Tod krank. Sie eilt hin, wird als junger Landsmann zu dem 
Sterbenden geführt und grüfst ihn von der Dame, die ihm den 
Aermel gegeben. Diese Erinnerung gibt ihm, wie jener Alte 
gesagt, neues Leben und unter der sorgsamen Pflege der Ge- 
liebten, die sich ihm Tags darauf zu erkennen gibt, gesundet er 
bald vollkommen und vermählt sich mit der lange Ersehnten. 
Schlufs: Et a tant mes contes ci finne, 

Dieus, qui pooirs ne poet finner, 

Laist Jehan de Condet finner 

À lai, par cui est prise fins 

De ces uiers amoureus et fins. 

Explicit dou ch’Fl a le mance. 


90 Tobler 


27. Li castois dou iouene gentil homme (24 Spalte). 
Anfang: Hons de gens de uaillance estrais 


Les poins de nature mestrais, 
Se le mal en ton cuer assanles. 


Moralische Betrachtung. 


Schlufs: Atant uoet sen castoi finner 
Jehans de Condet, qui reprent 
Celui qui ot et riens n’aprent. 
Bien fera li hons a reprendre 
Qui chi ne uora warde prendre. 
Explicit. 


28. Ch’est li dis de boin non (21 Spalte). 


Anfang: Chieus qui set loquense am(pl)oijer 
A biaus dis faire et rimojjer, 
Fet boin, quant sen tamps y desploie ... 
Et pour cou ne se uoet retraire 
Jehans de Condet . .. 
Schlufs: Et a cou ai mis mon racort 
Que du bien faire as boins recort. 
Explicit, 


32. C’est li dis dou mariage de hardement et de lar- 
gece (6 Spalten). 


Anfang: Nobles hons, qui a honneur tens 
Et le non de prouecce atens, 
Escoutes si oras le uoie 
Qui l’omme a prouecce conuoie . . 
Et pour cou fait .I. nouuiel conte 
Jehans de Conde qui nous conte . . 

Schlufs: Chieus ki les poet auoir ensamble 
Doit bien paruenir, ce me samble, 

Au non de prouecce par droit. 





A tant ferai fin chi endroit. 
Explicit. 


“33. C’est li dis dou bon conte Willaume (5 Spalten). 


Anfang: Morrir c'est usaiges communs, 
Aussi muerent pluiseur comme vns, 
Se doit on pau plorer la mort . .. 
Auf den Tod Graf Wilhelms des Guten von Hennegau und 
Holland im Jabre 1337. 
Schlufs: Jehans de Condet qui estoit 
De son maisnage . .. 


Le dit du Magnificat. 91 


À oou que cascuns sans boisdie 
Pater noster pour l’ame en die. 
Explicit. 


*34. De l'amant hardi et de l'amant cremeteus (A Sp.). 

Anfang: En le douche saison iolie 

Que toute creature est lie 

Par droit de nature et ioieuse 
Et que naist la flours en la pree, 
Kantent oysiel main et uiespree 
Et mainnent vie glorieuse. 

Der Dichter erzählt in Strophen von der Art der obigen ein 
Zwiegespräch (jeu parti) zwischen zwei Frauen, deren Streit 
über den Vorzug der beherzten oder der schüchternen Liebe der 
herzugerufene Dichter (Jehan de Conde, je croi le cuer ayes 
fonde en amoureus entendement) zu Gunsten der letzteren ent- 
scheidet. 

Schlufs: Se g’ai bien ma raison prouuee, 

C’est par auis et par assai. 
Explicit, del amant hardi 
et del amant cremeteus. 


*35. C’est li dis dou leurier (40; Spalte). 

Anfang: Ki sens a de biaus mos trouuer 

Moustrer le doit et esprouuer . . . 
Jehans de Conde qui reprent 
Celle[e] gent villainne et diuierse . .. 

Inbalt: Ein junger Edelmann, wohlgesittet und gut unter- 
richtet, verliebt sich in ein schönes aber hochmüthiges Fräulein; 
dieses weist seine Erklärung mit Mifstrauen zurück und verlangt 
auf die Betheurung seiner Redlichkeit hin zur Probe, dals er 
7 Jahre lang im Kampfspiel und Kriege sich tummle, und sich der 
Freigebigkeit befleifse, dann wolle sie seine Freundin werden; 
auch verspricht sie ihm jedes Jahr einen Kufs zur Aufmunte- 
rung; er geht gern darauf ein, schlägt sich die ganze Zeit durch 
wacker, wo sich nur Gelegenheit bietet, und gibt all seine Habe 
an die Genossen seines ritterlichen Lebens hin. Aber nach ver- 
flossener Frist will das Fräulein von dem Verarmten und Ver- 
schuldeten nichts mehr wissen. Da bezahlt er mit den spärlichen 
Ueberbleibseln seines Reichthums, mit Geräth und Rossen seine 
Gläubiger, entläfst seine traurenden Diener und begibt sich mit 
seinem letzten Pferde und einem Hunde in die Einsamkeit. Das 
erstere verliert er bald durch einen Sturz. Verzweiflung fafst 


92 Tobler 


ihn und nachdem er die ganze Geschichte seines Unglücks auf 
Pergament geschrieben an einen Baum am Wege befestigt hat, 
irrt er wahnsinnig im Walde, bis er in einer verlassenen Einsie- 
delei seine Wohnung aufschlägt. Der Hund ist der treue Be- 
gleiter seines Herrn, der traurige Zeuge seines Wüthens gegen 
sich, er sorgt auf der Jagd für seinen Unterhalt und wacht bei 
ihm, wenn er schläft. Umsonst und mit eignem Schaden versu- 
chen Freunde, den Irrsinnigen aus seinem bekannt gewordenen 
Aufenthalt mit sich zu nebmen, sie verbreiten die Kunde von 
seinem kläglichen Zustand und dessen Ursache. Die Wortbrü- 
chige hat inzwischen einen Knecht geheirathet, der all ihr Gut 
mit Trunk und Spiel vergeudet und sie milshandelt, bis sie zu- 
letzt einem vornehmen Priester in ein fremdes Land folgt. Drei 
Jahre oder mehr hat der Arme so gelebt, da sieht eine in sei- 
ner Quelle sich badende Fee ihn von seinem Hunde bewacht 
nebenan schlafen, sein Schicksal rührt sie, sie bedeckt ihn mit 
der Hälfte ihres Mantels und bindet ihm allerlei gemischte Kräu- 
ter mit ihrem Schleier über die Stirne, heftiger Schweils bricht 
ihm da hervor, worauf sie ihn mit einem Kraut reibt und mit 
kaltem Wasser sein Gesicht kühlt. Geheilt erwacht er, erhält 
von der gütigen Fee ein Gewand, das Glück in allen Unterneh- 
mungen bringt und vor Verwundung schützt, und einen Ring, der 
seines Trägers Kummer und Groll stillt, ihm Gunst erwirbt und 
die Nähe von Gift oder Zauber anzeigt. Er verläfst darauf den 
Wald und findet bei einer freundlichen, über seine Genesung 
hocherfreuten Base eine herzliche Aufnahme; sie speist, kleidet 
und pflegt ihn auf’s beste und setzt ihn, da die zwei Kinder ih- 
res verstorbenen Mannes nicht mehr leben, zum Erben ein. Wer 
ihn kennt, freut sich seiner Rückkunft; eine junge reiche Dame, 
die ihn schon seit lange liebt, bietet ihm ihre Hand, worauf er 
mit Freuden eingeht. Nach gefeierter Hochzeit nimmt er sein 
früheres Gesinde wieder in Dienst, läfst sich zum Ritter schla- 
gen und das Geschenk der Fee bewährt sich auf manchem Tur- 
nier. Des Hundes wird bis zu seinem Ende nicht vergessen; 
dann läfst ihn sein Herr begraben und ihm die Inschrift setzen: 

Chi gist li leuriers, qui sauua 

De mort son maistre et li trouua 

‚III. ans et plus sa soustenauche ; 

Che doit bien iestre en retenance. 

Schlufs: Et chius ot si biel recouurier. 
Chi finne li lais dou leurier. 
Amen. Explicit, 


Le dit du Magnificat. 3 


*36. Chest li dis dou magnificat (12 Spalten). 

Diese Erzählung, deren Text wir nun vollständig mitthei- 
len wollen, stimmt im Wesentlichen mit des Strickers „kü- 
nig im bade“ (bei o. d. Hagen, Gesammtabenteuer IIL, 409) 
der sich nach Scherer, St. Gallische Handschriften S. 33, 
auch in St. Gallen in einer Handschrift findet. V. d. Ha- 
gen bespricht am angeführten Orte S. CXV andre deut- 
sche Bearbeitungen, sowie diejenige der Gesta Romanorum 
c.59 und eine von Warton, Ellis und Swan im Auszuge 
mitgetheilte englische des XIV. Jahrhunderts. Condé’s Ge- 
dicht scheint aber in unmittelbarer Weise keinem der an- 
geführten weder den Ursprung gegeben zu haben noch zu 
danken; vielmehr stehen die Darstellungen alle so ziemlich 
selbständig neben einander. Als neuere Darstellung mag 
hier angeführt werden die 23. Novelle des Padre Cesari 
(Si riferisce un portento operato da Dio per ricondurre in 
cervello un re, il quale diceva che nemmeno la divinità 
poteva ritorgli il regno), welcher darin sagt, dafs sie von 
S. Antonino arcivescovo di Firenze (gestorben 1459) nella 
seconda parte della sua teologia erzählt werde; sie steht 
wirklich in der secunda pars totius summe maioris beati 
Antonini, Venetiis 1503, titulus III. cap. II. $.4. pag. CXIII, 
und beginnt mit den Worten: Unde legitur de quodam 
tyranno superbo, quod cum audisset pluries decantari in 
ecclesia illud: „Dispersit superbos mente cordis sui, depo- 
suit potentes de sede et exaltavit humiles® ( Lucas I, 51), 
vocavit clericos et mandavit eis, ut deberent radere de libris 
suis illos versus, quia falsi erant, dicens, de sede sui do- 
minii a nullo posse deponi. 


Ch’est li dis dou magnificat, 


Par orguel et par fol cuidier 

Voit on maint cuer de sens widier 
Voire de la uraie science 

Qui tient nette la conscience, 

5 S’est trop plains de sourcuidement 
Li cuers dont sens fait widement, 
Puisc’ orgieus et cuidiers remainnent, 
Le cuer a lor uolente mainnent 
Et le desreent et desuoient 


94 


10 


15 


20 


25 


30 


35 


40 


45 


50 


Tobler 


Et en teil chemin le conuoient 
Que tels hons cuide tant ualoir 
Que il en met en noncaloir 

Moult de biens ne autrui n’adengne 
Nes a dieu obeir ne daingne, 
Tant est fols et desmesures. 

N'a soing de fais amesures, 

Et com plus d’auoir li abonde 

Et plus est poissans en ce monde, 
Plus s’enorguillist et sourcuide 

Et tant plus urais sens de lui wide; 
Et quant cuide iestre plus parfont, 
Le tresbusce dieus en .I. mont, 
Si que sans mes releuer kiet 

En ynfier, celui trop meskiet. 
Mais cui dieus par orguel abat 
En ce monde, castie et bat, 

En quel mescief qu'il soit ceus, 
Quant dou mesfait est pierceus, 
Encor puet il par bien ouurer 

Le regne des cieus recouurer. 

Et teus ne piercoit pas son fait 
Qui si compere son mesfait, 

Que dieus li est misericors 

Et li sauue l’ame et le cors 

Pour aucuns biens qu’en lai auoit, 
Que dieus connissoit et sauoit. 
Vns biens puet bien .c. maus estaindre, 
Et em puet on mierci ataindre, 
Ensi con ores en ce conte 

Que Jehans de Conde nous conte. 


En Sezile ot iadis vn roi 

Plain d’orguel et de grant desroi; 
En lui auoit haute piersonne, 
.I. frere auoit roi d’Arragonne 
Et vn autre duc de Baiuiere. 
Tant iert sa contenance fiere 
Et tant iert doutes et cremus 
Que ses marchisans faisoit mus, 
Car nus ne s’osoit esleuer 
Contre lui pour lui a greuer. 
Et de ce trop s’enorguelli 


Anm. Die Handschrift hat: Zeile 10 connoient, 20 eant, 27 mesciet, 


87 bien fehlt. 


55 


60 


65 


40 


75 


85 


90 


95 


Le dit du Magnificet. 


Et trop grant beubant scuelli. 

Et comment qu'il fast orgilleus 
Et par son orguel mieruilleus, 
En lui .II. boinnes viertus ot: 
Millour iusticier on ne sot 

Plus droiturier ne plus estable, 
Ne nul prince plus caritable 

As poures ne mieudre aumonnier, 
Dou sien estoient parconnier, 

IL donnoit a le poure gent 
Viande dras or et argent; 

Mais par sa grant outrecuidance 
Fist sens hors de son cuer widance, 
Si con uous dirai chi apries, 

Se de moi uoles iestre pries. 

.I. iour en sa capielle estoit 

Et d’oir viespres s’aprestoit; 


* Quant vint au magnificat dire, 


En cantant oy ce vier lire 
Deposuyt potentes de 

Sede, viers ciaus a regarde, 

En son cuer ot grant mautalent 
Et de ces mos son cuer dolent. 
Li viers si dist en teil maniere, 
La sentence en est moult planiere: 
Dou siege mist ius les poissans 
Et fu les humles essaucans. 
Ains qu'il ysist de sa capielle, 
Priestres et clers o soi apielle 
Et commanda, plus ne desissent 
Ce uier et que hors l’esmesissent, 
V il en aroient viergongne, 

Car ce li sanloit tout mencongne 
Et cose qui ne pooit iestre, 

Car il estoit de si grant iestre 
Et si redoutes et si fors, 

Et si grans estoit ses esfors, 
Que dieus ne hons ne li poroit 
Greuer, ne croire ne uoroit, 

Que pourete auoir peust 

Pour riens que nuls dire seust, 
Li rois ot pensee trop folle 

Et dist outrageuse parolle, 

Et dius cierement li meri 

Et le uier sonr lui aueri; 

Car anscois la semainne issant 


Ann. 


100 


105 


110 


115 


120 


125 


130 


135 


140 


106 dun, 108 tranfigure, 120 cambreles, 129 mue, 180 remue. 


Tobler 


N'ot il .I. denier ualissant 

Et tres grant pourete souffri; 

Fols fu qui viers dieu mesoffri. 
Tierch iour apries baignier couuint 

Le roi, si grant talent l’en vint. 

En sa cambre en caut baing entra, 

Vns angles laiens se moustra, 

Qui de par dieu y fu tramis; 

En la fourme don roi s’est mis 

Et de viaire et de figure, 

Et le musart roi transfigure, 

En autre point fu conuiertis. 

Li angles ot ses dras viestis 

Et dist que trop s’estoit baignies; 

De ses uarles fa compaignies, 

Qui en la court le uont conduire; 

N dist k’ou bos s’ira deduire; 

Ses gens montent et uont ensamble, 

Car lor sires moult bien lor samble. 

Et li fols rois, qui conuoitoit 

Le baing, par lui se delitoit, 

Tant que li bains fu refroidies. 

Quant vit ses cambrelens widies, 

Crie haut con sauuaige bieste 

Et fait ciere amere et rubieste, 

Apries aighe caude se dierue, 

Mais il ne troeue qui le sierue. 

Li cambrelen sont reuenu 

Et mout mierueilleus deuenu 

Dou caitif qu’en la cuue troeuent, 

Laidement hors issir l’en roeuent; 

Dieus li ot sa fourme muee 

Et sa poissance remuee; 

Mout le laidengent et maudient 

Et laides parolles li dient. 

„Que c’est“ font il „sire ribaus? 

Trop fustes outrageus et baus, 

Quant uous ou baing no roi entrastes, 

A male heure uous y moustrastes.“ 

»» Comment“ fait il „,„me maudissies? 

Vostre roi ne reconnissies? 

Outrageus estes et musart.“‘ 

„Nostre roi!“ font il „mais le hart! 

Nos rois ua deduire et esbatre, 

Mar uous osastes chi embatre.“ 


EEE © 


II. 


Anm. 


145 


150 


155 


160 


165 


170 


175 


180 


166 


Le dit du Magnificat. 


Ahiers fu par bras et par mains, 

Des paumees, ce fu dou mains, 

De poing et de bastons le batent 

Et souuent a tiere l’abatent, 

Asses le batent et fourmainnent 

Et hors de la salle l’en mainnent 

Et uont apries les ciens huiant. 

Li caitis rois s’en ua fuiant, 

Vne piece d’unne flassaire ) 

Trouua qui li fu neccessaire; 

Des genous iusk’a la boudinne 

Non mie iusgu’a la poitrinne 

Fu de la flassaire couuiers, 

Et li sourplus fu descouuiers. 

Fuiant s’en uait tous esgares 

Mout mal viestis et mal pares; 

Em peu d’eure est ius abatus 

Et si a este bien batus. 

L’aumosne em pluiseurs lius rouua, 

Onques en .III. iours ne trouua 

Qui li uausist donner dou sien; 

Puisqu’il ne uoloit faire bien, 

Qui grans iert et gros, honnissoient, 

Que riens li donront, ce disoient, 

S’alast gaaignier et ouurer. 

Ensi ne pooit recouurer 

Dont il eust sa soustenance, 

Malgre lui faisoit astenance ; 

Il ne fust nus qui le ueist 

Qui de riens nule le creist 

Qu'il desist, tant ert desconnus 

Et si aloit descaus et nus. 

Et li rois angles gouurenoit 

Son roiaume et con rois regnoit, 

Qui la fourme dou roi ot prise, 

Et cascuns l’aimme et crient et prise. 
Li poures rois s’esmierueilloit 

Pour quoi ensi ‘le traueilloit 

Fortunne, qui li ert contraire; 

À la painne trop a retraire 


Qui, 176 Sa. 


97 


1) Scheint gleichbedeutend und gleicher Herkunft mit filatere oder fila- 
tire, Chans. des Saxons I, 73 „portent filateres cors sainz et crucifiz“, vgl. 
Tristan I, 196, Büfserkleid. 


1. 


7 


Anm. 


190 


195 


200 


205 


210 


215 


220 


225 


195 


Tobler 


Que lonc tans sousfrirent si membre, 
En son cuer point ne se ramembre 
Dou grant orguel et de l’outraige 
Qu’il pensa en son fol coraige 

Et dist com musars et vilains 

Par deuant clers et capelains 
Askeus a canter deffendi 

Le uier, et dins bien l'en rendi 

Le guerredon apries le fait, 

Car trop comparra son mesfait. 
Lors pensa k’en Baiuiere yroit 

Et au duc son frere diroit 

Son grant meskief et sa misere 

Et a quel pourete mis ere. 

I s’en ala nus et descaus 

Quel tamps que fust v frois v caus, 
Qu'il n’ot fors la poure flassaire; 
Fortunne est trop sen auersaire. 
Mout se plaignoit et doulousoit, 
Et nuls croire ne le uoloit, 

Il ot mainte iournee dure 

Mainte angoisse et mainte froidure, 
Ainsqu’il fust uenus a son frere 
Celui qui dus de Baiuiere ere. 

A grant painne en sa court entra 
Et au duc son frere moustra 

Sa pourete et son mescief, 

Tout li conta de cief en cief, 

Con fortunne l’ot tresbuscie 

Et ne sauoit par quel pecie, 

Si li prioit qu’il li uausist 

Aidier et pas ne li fausist. 

Mais tant l’auoit dieus desconnut, 
Que li dus point ne le connut, 
Ains dist qu’il estoit faus menteres 
Ne onques n’ot este ses freres, 
Qui iert rois poissans de Sesille. 
Hors de sa court et de sa uille 

Le fist bouter villainnement, 

Que puet pierceuoir plainnement 
Que toudis ua de mal em pis. 

On li disoit tous les despis; 

Bien uit, riens ne conquerroit la. 
Viers Aragonne s’en ala. 

A l’aler mist mainte iournee; 


son misere, 197 nuls, 199 pouire. 





Anm. 


230 


235 


240 


245 


250 


260 


265 


270 


229 


Le dit du Magnificat. 99 


Cascan iour li est aiournee 
Painne et dolour et mesceance. 
Dont ce fu? par se mescreance. 
Quant a son frere fu uenus, 
Pour fol et dierues fu tenus; 
Car li rois ne le connut pas 
Anscois le fist isniel le pas 
Widier et cacier de sa tiere. 

Or ne set mais confort v querre, 
Or a la pensee espierdue, 

Car toute esperance a pierdue 
D’auoir miex nul iour que soit mais, 
Grans fa ses dieus et ses esmais. 
Dou soleil fu noircis et tains 

Et de pourete si atains 

Qu'il n’ot fors le cuir et les os; 
De tous ciaus estoit tenus s08 
À cui il disoit son affaire. 

Si faite penitance faire 

Li couuint . VII. ans tous entiers, 
Maintes uoies et mains sentiers 
Ala que de confort n’ot point. 
En teil maniere et en teil point 
Que ie uous ai dit ca de seure 
Enmi les cans seoit vne eure, 
Ses pies regarde ensanglentes 

Et creues, lors s’est dementes 
Con fourmenes crueusement; 

Em plorant dist piteusement 
„Vrais dieus pius et misericors, 
Que i’ai grant mescief de men cors, 
Qui tant eut hautece et auoir! 

V desierui ie a auoir 

La misere que j'ai souffierte 

Qui donnee m’est et offierte 

Par uo consent, de ce sui fis? 
Je ne sai v le pecie fis, 

Je sui poures.descaus et nas 
Sanglens ramprosnes desconnus 
Hales magres et decreues 
Traueillies lasses et greues 

S’ai fain et soif par tantes fois, 
Et n'en fait nuls fors ses buffois. 
Car il n'en prent nului pitie, 
Trop m'a li mondes despitie, 

Et painne, 248 Mainte uoies et maint sentiers, 265 nuls. 


7* 


100 


Ann. 


275 


280 


285 


290 


295 


300 


305 


310 


315 


Tobler 


Qu’a moi aidier ne puis atraire. 

Pour miex aidier ne sai v traire.“ 
Li rois ensi se dementoit 

Des grans anguisses qu’il sentoit 

Et dou monde dont est hays. 

Il se pensa k’en son pays 

Riroit pour son pain a rouuer, 

Car pis n’i pooit il trouuer 

Qu’il auoit trouue autre part. 

Erranment de ce liu se part 

Et viers son pays s’en reua, 

La uoie forment li greua. 

Acompli ierent li .VII. an 

Sour l’espres de son grant ahan. 

Quant il fu uenus en son regne 

V li angles en son liu regne 

Il s’est tantost trais viers la court, 

V li bienfais largement court. 

Errant o les poures s’est mis 

Con cieus qui iert las et famis, 

Plourant et grant duel demenant. 

Dou regne li ua souuenant 

De quoi il fu ia rois et sire, 

Et ore le relief desire. 

Li rois angles, qui mangie ot, 

Dou fol roi la uenue sot, 

C’iert drois qu’il sauoit tout son iestre; 

Seoir uait a vne feniestre 

Et son aumonnier appiella. 

» Vois tu“ fait il „ce poure la? 

Dou relief ne li donne rien, 

Je li uoel faire grignour bien, 

Si le m’amainne ca par main, 

Car donner li uoel de ma main 

Pour le plus mesaisie qu’i uoie.“ 

Li aumosniers tint la sa uoie, 

Toute l’amousne a departie, 

Que riens n’en ot en sa partie 

Li fols rois, s’em ploura asses 

De ce qu’il estoit trespasses. 

Li aumouniers com bien apris 

Par le main le poure homme a pris 

Et dist que li rois le mandoit 

Et l’amener li commandoit. 


288 en son liu repaire, 305 amainnes a. 


Le dit du Magnificat. 101 


Il douta mout c’on ne l’eust 
Rauise et c’on nel deust 
Destruire v en aighe v en fu 
320 Pour ce que il iadis rois fu, 
Et l’aler n’osa refuser 
Ne s'en set comment escuser. 
Par deuant le roi est uenus 
Et si pauerous deuenus 
325 Que li corps de dolour li tramble, 
L’ame s’en doit partir, ce samble. 
Li rois demande „qui es tu, 
Que uoi si pourement viestu? 
Ton iestre me uoelles despondre.“ 
330 Chius ne li pot .I. mot respondre, 
Car le cuer mal asseur a, 
Tant c’un peu se rasseura, 
Puis dist „sire, ie me connui, 
Je vi le iour; mais ie non hui; 
335 K’adont connoistre me cuidoie, 
Mais ie ne uoi que dire doie, 
Qui me connoisse maintenant.‘ 
Li rois angles sa main tenant 
Seul a seul auoec lui l’en mainne 
340 En la soie cambre demainne, 
Puis li dist „amis, or me dis, 
Tu ies mout poures et mendis; 
Fus tu onques nul iour plus rices? 
Tu ies dur e wileus v nices.“ 
345 „„Sire‘‘‘ fait il „„ie le diroie 
Par si que ia n’en mentiroie, 
Si n’en cuidoie pis ualoir.*“ 
„Mais la doutance en noncaloir“ 
Dist li angles ,,car tu n'as garde.‘ 
350 Et cieus viers la tiere regarde. 
1 Dire *“ dist il „„‚ciertainnement 
Je tinch ia de mon tenement 
. Cest roiaume et si en fui rois 
À grant honnour et con grans rois; 
355 Or le uous uoi iestre or endroit, 
Ne sai, s’est a tort v a droit, 
Car la raison ne sai connoistre.* “ 
„Comment peus tu si descroistre‘* 
Dist li angles ,,de tel hautece 
360 De teil force et de teil riquece 


Anm. 848 Fu, 344 wireus, 358 pues tu ensi. 


103 


Anm, 


eu Et en telle desconneu. 


radirtes a. 


365 


370 


373 


380 


385 


390 


395 


400 


368 Quant en la, 385 und 886 Et .VII. ans si grant painne 
Hinter eu und hinter desconneu erkennt man ein 


Tobler 


Et a teil pourete uenir? 

Comment poroit cou auenir?“ 
„„Sire““ fait il „„ce puet bien iestre, 
Quant il plaist au haut roi celiestre. 
Contre ce que diex faire uoet 

Hons mortels contrester ne puet.““ 
Dist li angles „pas nel desis, 

Quant tu la deffense fesis 

À deposuyt potentes, 

Dont castijes durement es. 

Les parolles bien entendis 

Et a tes priestres deffendis, 

Que de oe uier se repossaissent 

Ne iamais canter ne l’osaissent. 

Car dieu ne homme ne doutoies, 

Si fors et si poissans estoies, 

Que ta tierre bien ne tenisses 

Ne que a pourete uenisses. 

Dieus t'a moustree sa poissance, 
S'en dois bien auoir connissance; 
Chi endroit m'enuoia pour toy 

Pour donner dou pecie castoy.“ 

an Las<“ dist il „„fu ce li pecies 
Par quoi fu ensi tresbuscies 

Et . VII. ans si grant painne eus 
Et ai este desconneus 

Que nuls ne me reconnissoit? 
C'est ce que plus me honnissoi 
„Oil“ dist li angles „sans doute; 
Faite as ta penitance toute; 
Dieus a eu de toi pitie, 
Comment qu'il t’eust despitie, 
Pour cou que iustices tenoies 

A droit et que tu maintenoies 
Ta justice par uerite 

Et donnoies par carite 

As poures dou tien largement. 
J'en yrai sans atargement 

Et te remetrai en ta fourme 

Et en ton regne et si t’enfourme 
K’orguel de ton cuer desrachinnes, 
N’i laisse brance ne rachinnes, 


t «66e 


| 


Le dit du Magnificat. 103 


Et dieus tes pecies te pardonne 

Et uraie esperance te donne. 
405 Or te garde de mescreance 

Et te tiens en uraie creance 

Et maintiens ton roiaume a droit 

Si com preudons et ci endroit 

Le te rench et mec en tel point, 
410 Com estoies, n’en faurss point, 

À l’eure que tu te baingnas. 

Ton orguel et ton desdaing as 

Bien compare et ie men uois.“ 

Lors s’esuanuy’) cors et uois. 
415 Li rois a ses dras reuiestis 

Que li angles ot desviestis, 

De tous maus fu garis et sains, 

À dieu rent grasces et as sains. 

En autel fourme et biaus et gens 
420 Qu'il iert deuant, entre ses gens 

Est reuenus en son palais; 

Illuec trouua et clers et lais 

Qui demandent k’iert deuenus 

Li poures qui la iert uenus. 
425 Il dist qu’il s'en estoit ales 

Et par autre uoie auales 

Si li ot s’aumonne donnee. 

Li rois a se uoie ordenee 

En bien, s’amenda son affaire 
430 Et si s’enforca de bien faire, 

Si con li contes le recorde. 

Dieus moustra sa misericorde 

À lui pour cou qu'il soustenoit 

La poure gent et qu'il tenoit 
435 Droituriere et loyal iustice. 

Au monde sont maint homme rice 

Par cui fais on doit opposer, 

Que ne les doie deposer 

Dieus dou haut siege parmenable 
440 Sans recouurier, car caritable 


Anm. 418 et ases sains, 488 Qui, 


1) Lat. e- oder exvanuit ergibt buchstäblich (nur oxytonirt) afz. esuanuy, 
und von diesem Perfect aus ist die spätere Infinitivform évanouir und was 
dazu gehört gebildet worden. Ebenso verhält sich engenouir (s. meine Be- 
merkung zu Z. 45 des prov. Alex. Germania 1857, 4) und ähnlich épanouir. 
Dies als Zusatz zu Diez Wörterb. 8. 625. 


104 


445 


450 


455 


460 


465 


470 


Tobler 


Ne sont ne iustice ne tiennent, 

Mais en teil guise se maintiennent 

Qu'il cassent les drois et les lois, 

Tant font de tours et de beillois !) 

Et asses tollent et peu donnent, 

À telles oeures s’abandonnent, 

Tant sont orgilleus et despiert, 

Par lor fais moustrent en apiert 

Qu'il ne doutent ne dieu ne homme. 

Dieus, qui de tous fais set la somme, 

Trebuce orguel ou fons d’infier 

O le dyable Lucifier, 

S’il n’est marcis par repentance 

En ce monde et par penitance. 

La iert li guerredons rendus, 

Con lonc tans qu’il soit atendus. 

Mais infiers est si peu doutes 

Que nous ueons asses de tes 

Qui tiennent par fais et par dis 

Qu’ infiers ne soit ne paradis; 

Car ne doutent dieu ne dyable. 

Et c'est bien cose anemiable 

De ciaus qui si sont desuoyie, 

S’en la fin ne sont rauoyie; 

Dou haut siege despose sont 

Et en infier lor sieges ont. 

Et dieus nous uoelle desuoijer 

Dou mal et au bien rauoyier 

Si que tenir puissons la uoie 

Que l’ame deuant dieu conuoie. 
Amen. Explicit. 


!) Gleich prov. beslei, 8, Diez Wb. unter bis, aber in concreterer Be- 
deutung »Sündliche Handlung“, vergl. Brut IL. S. XCVIIT: Ohi, queil duel et 
queil belloi, und Partonop. 5760. 


Dr. Adolf Tobler. 


Anzeigen: Child, English and Scottish Ballads. 105 


Kritische Anzeigen. 


Neue Sammlungen von Volksballaden Grofsbritanniens. 


I. 


English and Scottish Ballads. Selected and edited by Francis James 
Child. Boston. Little, Brown & Co. 1857. VoL I—IV. 8°. 


Die letzten Jahre waren der Sammlung der ächten, alten 
Nationalgesänge und ihrer kritischen Herausgabe sehr günstig. 
Bei fast allen Völkern Europa’s that sich das Bestreben kund, 
diese kostbaren Vermächtnisse früherer Zeiten, so lange es noch 
möglich, zu sammeln und durch die Herstellung möglichst gerei- 
nigter Texte für die Zwecke der Wissenschaft brauchbar zu ma- 
chen. Wir wollen hier beispielsweise nur an das erinnern, was 
Duran, Depping und mein Vater, Ferdinand Wolf, für die spa- 
nische, Mila y Fontanals für die catalonische, Almeida - Garrett 
für die portugiesische, Grundtvig und Gesjer für die dänische und 
schwedische, Vuk Stefanovic für die serbische, Uhland endlich, 
Erk, Simrock und andere für die deutsche Volkspoesie geleistet 
haben. Die Balladen der Engländer und Schotten nehmen, wie 
jedem Kenner dieses Zweiges der Volksliteratur wohlbekannt ist, 
einen hervorragenden Platz unter den Volksliedern der europä- 
ischen Nationen ein; trotz vieler Sammlungen und sehr schätz- 
barer gelehrter Arbeiten fehlte es aber bisher noch immer für 
diese beiden, auch in ihren poetischen Hervorbringungen so nahe 
verwandten Nationen an einer umfassenden und kritischen Aus- 
gabe ihrer ächten, alten Volksballaden. Wir freuen uns daher 
desto mehr, die Aufmerksamkeit des gelehrten, deutschen Publi- 
kums jetzt auf zwei bedeutende Sammlungen lenken zu können, 
die sich ausdrücklich die Erreichung dieser Aufgabe zum Ziele 
setzten; ob und in wiefern sie dasselbe erreichten, wollen wir 
hier untersuchen. Die erste, grôfsere, die wir zunächst besprechen 
wollen, ist die oben angezeigte Sammlung des Anglo- Amerikaners 
Child, welche die ächten alten Balladen der Engländer sowohl, 
als der Schotten umfalst; die andere, der wir einen zweiten Ar- 
tikel vorbehalten, ist die des Herrn Aytoun, der sich auf die Bal- 
laden Schottlands, seines engeren Vaterlands, beschränkt. 

Herr Child äufsert sich selbst in einer kurzen Vorrede zum 
ersten Bande über den Zweck und Umfang seiner Sammlung fol- 
gendermalsen: „Sie soll die umfassendste von allen bis jetzt 
erschienenen sein, sie wird nahezu Alles, was von alten (ancient) 


106 Anzeigen: 


englischen und schottischen Balladen bekannt ist, nebst einer 
reichlichen Auswahl von solchen späteren Datums bringen. Von 
mündlich überlieferten (traditional) Balladen, die in verschiedenen 
Formen erhalten sind, werden alle bedeutenden Versionen mitge- 
theilt, und kein ächtes Ueberbleibsel alten Gesanges ward, wenn 


es durch den Verlauf der Zeit auch noch so sehr verstümmelt 


oder verschlechtert zu uns gelangte, dieserhalb ausgeschlossen, 
wenn man nur denken konnte, dals es für den sich mit der Er- 
forschung von Volksdichtungen Beschäftigenden von Werth sein 
könne. Natürlich mufste bei einem so umfassenden Plane auch 
Manches aufgenommen werden, was für den flüchtigeren Leser 
von geringem Reize ist. Um soviel wie möglich aus diesem An- 
lasse entspringenden Vorwürfen zu begegnen, wurden die ein 
minder allgemeines Interesse gewährenden Stücke in einen am 
Schlusse jeden Bandes befindlichen Anhang verwiesen.“ Die Samm- 
lung ist auf acht Bände berechnet, von denen bis jetzt nur die 
ersten vier erschienen sind, das Erscheinen der folgenden aber 
ist in sehr kurzer Zeit zu gewärtigen, der letzte Band wird eine 
Abhandlung über die Geschichte der Balladendichtung enthalten. 
Der Herausgeber theilt dann in der Vorrede seine in den vor- 
liegenden vier Bänden befolgte Eintheilung der Balladen mit, 
worauf wir später zurückkommen werden; über sein Verfahren 
in Bezug auf die Herstellung eines möglichst kritischen Textes 
spricht er sich dahin aus, dals er sich nach der Wahl der authen- 
tischsten Abdrücke strenge an dieselben hielt; sah er sich genö- 
thigt, eine Lesart wieder aufzunehmen, die ohne genügenden 
Grund verlassen worden war, so führte er die Varianten am 
untern Rand der Seite an, was er auch in allen Fällen that, wo 
er von andern Herausgebern gemachte Veränderungen verzeich- 
nen mufste. Nur war ihm zu seinem grölsten Bedauern die Be- 
nutzung der berühmten, ehemals im Besitze des Bischofs Percy 
befindlichen Handschrift, über deren Existenz und Aechtheit die 
böswillige Beschränktheit eines sonst verdienstvollen und gelehr- 
ten Kritikers so viele Zweifel erhoben hatte, nicht gestattet, da 
die jetzigen Besitzer derselben ihre Einsicht auch den berühm- 
testen englischen Gelehrten verweigern. Wir können Herrn Child 
im Allgemeinen das Zeugnifs nicht versagen, dafs er in der That 
die neuesten und besten Abdrücke dem Texte der Balladen zu 
Grunde gelegt hat und meistens wohl mit feinem und richtigem, 
von gründlichen Studien unterstütztem Urtheil von den verschie- 
denen Versionen einer Ballade die älteste und beste auch als 


Child, English and Scottish Ballads. 107 


solche erkannt und vorangestellt hat, der dann die seiner Ansicht 
nach wichtigsten und schönsten der übrigen nachfolgen. Doch 
scheint rücksichtlich der Auswahl und Mittheilung der letzteren 
kein ganz festes Prinzip ihn geleitet zu haben, da er oft sich dar- 
auf beschränkte, eine oder zwei — mit Uebergehung von wichti- 
gen und bedeutenden — zu geben, andere Balladen dagegen in 
5 bis 6 Versionen vorführt, ohne dafs dazu eine innere Nothwen- 
digkeit vorhanden wäre. 

Den einzelnen Balladen geben kurze Einleitungen voraus, 
die sich hauptsächlich auf die bibliographische Geschichte und die 
verschiedenen Versionen einer jeden beziehen, und ihre Verwandt- 
schaft mit den ähnlichen Volksliedern anderer Nationen beleuch- 
ten. Dieser letztere Punkt ward aber absichtlich, mit wenigen 
Ausnahmen, nur oberflächlich behandelt, und der Herausgeber be- 
schränkte sich darauf, das hierüber von seinen Vorgängern Ge- 
sagte zu wiederholen, und die berühmtesten Sammlungen anderer 
Nationen rasch zu durchfliegen; auch werden im Appendix einige 
meist von Jamieson herrührende Uebersetzungen skandinavischer 
und germanischer Volkslieder zur Vergleichung mit ähnlichen 
englischen und schottischen Balladen gegeben. Dem ersten Bande 
geht noch ein ausführliches, sehr dankenswerthes Verzeichnils 
aller irgendwie bedeutenden Sammlungen englischer und schotti- 
scher Balladen und darauf bezüglicher Werke voraus, wobei auch 
die Volksliedersammlungen der verwandten germanischen Natio- 
nen einigermalsen berücksichtigt sind. Am Schlusse jeden Bandes 
befindet sich ein Glossar zur Erklärung der veralteten Ausdrücke 
und Provincialismen, insbesondere bei den schottischen Balladen. 

Die in den vorliegenden vier Bänden enthaltenen Balladen 
hat der Herausgeber dem Stoffe nach in fünf Bücher getheilt, 
ohne aber bei Befolgung dieser Eintheilung mit grofser Strenge 
zu verfahren, die seiner Ansicht nach hier ebenso zweckwidrig 
als nutzlos wäre. Das erste Buch enthält nun gröfstentheils Rstter- 
Romanzen und Sagen von den volksthümlichen Helden Englands; 
das zweite Balladen, die sich auf den Vo/ksaberglauben beziehen, 
wie z. B. auf den an Feen, Elfen, Zauberei und Geister; das 
dritte Buch umfalst tragische Liebesballaden; das vierte andere 
tragische Balladen; das fünfte endlich nicht-tragische Liebesbal- 
laden. Natürlich ist ein grofser Theil des englischen und schot- 
tischen Balladenvorrathes in diesen fünf Büchern noch nicht ent- 
halten. Wir glauben aber, dafs diese Eintheilung eine unrichtige, 
oder wenigstens eine nicht streng durchzuführende, noch in der 


108 Anzeigen: 


Natur der Sache selbst begründete ist. Unserm Bedünken nach, 
und wir können uns hier für die schottischen Balladen wenig- 
stens auf die bewährtesten Autoritäten, wie Walter Scott, Mother- 
well, Chambers, denen in neuester Zeit noch Aytoun beitritt, be- 
rufen, werden vielmehr sowohl die englischen als schottischen 
Balladen am besten in 1. romantische, 2. historische und 3. hu- 
moristische eingetheilt. Bedeutendere Unterabtheilungen bilden 
dann noch für England die Robin- Hood ballads, für Schottland 
die Borderballads. Alle in den bis jetzt vorliegenden Bänden der 
Child’schen Sammlung enthaltenen Balladen gehören aber in die 
Classe der romantischen Balladen. Nur sind die im ersten Buche 
mitgetheilten Ritterromanzen und Sagen von den volksthümlichen 
Helden Alt- Englands grôfstentheils keine eigentlichen Balladen, 
wie Child selbst auch in der Vorrede zum Theil zugiebt '), son- 
dern metrical romances, längere, von schon mehr höfischen Kunst- 
Dichtern herrührende, oder doch solchen nachgeahmte Ritter- 
gedichte. Als zu den Balladen im eigentlichen Sinne gehörig 
kann in diesem ersten Buche höchstens „King Arthur’s Death“ 
bezeichnet werden (Th. I, S. 106 ff.), welches Gedicht einen volks- 
thümlichen Gegenstand noch in ziemlich volksmäfsiger Weise be- 
handelt, wenn es auch wohl wahrscheinlich eher grôfseren epi- 
schen Gedichten und alten Chroniken als frischem Volksgesang 
seinen Ursprung verdankt. Dagegen Balladen, wie „The Legend 
of King Arthur“ (Th. I, S. 116 ff.), „Sir Lancelot du Lake“ (ebd. 
S. 125 ff.), „The Legend of Sir Guy“ (ebd. S. 130 ff.) u. a. m. 
sind Produkte der sogenannten Balladmongers aus der Zeit der 
Königin Elisabeth, und noch später, wie eines Thomas Deloney, 
Richard Johnson, Elderton u. a., deren es in der englischen Bal- 
ladenpoesie leider nur zu viel gibt. Zuerst auf einzelnen Blät- 
tern, broadsides, gedruckt, dann in kleinen Sammlungen, soge- 
nannten Garlands, oft unter den absonderlichsten Titeln vereinigt, 
wurden sie seitdem bis auf unsere Zeit von Alterthumsfreunden 
immer wieder auf’s Neue abgedruckt, und bilden den Haupt- 
bestandtheil oft sehr voluminöser und mit schätzbarer Genauig- 
keit veranstalteter Sammlungen, wie z.B. das mit gewissenhaf- 
tester Treue und Sorgfalt von dem rühmlichst bekannten J. Payne 


1) Er sagt nämlich auf Seite XI: Einige der längeren Stücke in diesem 
Buche sind keine Balladen und bedürfen einer Entschuldigung. Sie wurden 
aufgenommen, bevor der Umfang dieses Werkes genau abgegrenzt worden war. 
Zwei oder drei andere wären passender in den Anhang verwiesen worden. 


Child, English and Scottish Ballads. 109 


Collier herausgegebene Book of Roxburghe-Ballads (London, 
1847, 4°) blofs aus solchen besteht, und wie deren die Percy 
Society in ihren Publications mehrere veröffentlicht hat, Diese 
durchaus mit Unrecht als Balladen im eigentlichen Sinne, d.h. 
lyrisch-epische Produkte des noch rein objectiv schöpferischen 
Gesammt-Volkes, bezeichneten Hervorbringungen von Kunst- 
Dichtern des XVI. und XVII. Jahrhunderts, den Grubstreet- 
scribblers, die oft schon in einem sehr bewufsten Gegensatze 
zur eigentlichen Volkspoesie stehen, haben ihren gewifs nicht ab- 
zuleugnenden literar- und kulturgeschichtlichen Werth, aber Volks- 
lieder sind sie nicht, und vom poetischen Standpunkte aus be- 
trachtet, ist ihr Werth auch in den meisten Fällen gleich Null. 
Sie scheinen aber in England, das viel weniger ächte, eigentliche, 
noch jetzt im Munde des Volkes fortlebende Balladen, als Schott- 
land, besitzt, noch immer eines, wenigstens nach unserem Dafür- 
halten, unverdienten Ansehens zu geniefsen: hat ja noch der 
strenge, aber bornirte Kritiker Ritson in den seine Ancient Songs 
and Ballads etc. (London 1792) einleitenden Observations die 
Ballade Fair Rosamond, ein Opus des bereits erwähnten Deloney, 
weit über die alte Ballade von der Chevy- Chase gesetzt, ähnlicher 
Mifsgriffe von ibm hier zu geschweigen. Das zweite Buch ist von 
Herrn Child, wie bemerkt, den auf Volksaberglauben sich bezie- 
henden Balladen gewidmet. Hier tritt denn die Unhaltbarkeit 
seiner Eintheilung recht schlagend vor Augen: viele der in die- 
sem Buche gegebenen Balladen würden sich ebenso passend in 
eines der andern Bücher eintheilen lassen, Cospatrick (Bd. I, 
S. 270 ff.) z. B. vielleicht richtiger in’s fünfte Buch (nicht-tra- 
gische Liebesballaden), denn nach Aytoun’s Ansicht, der wir voll- 
kommen beipflichten, ist die von David Herd (Ancient and mo- 
dern Scottish Songs etc. Edinburgh 1769, I, 143) unter dem Namen 
Bothwell gegebene Version, die Child für ein blofses Fragment 
erklärt, nicht nur ganz vollständig, sondern auch weit ächter und 
besser, als die von Sir Walter Scott in seiner „Minstrelsy of the 
Scottish border“ (Ausg. v. 1833, III, 263 ff.) mitgetheilte Ballade 
Cospatrick, die schon verwässert, unnôthig weitschweifig ist, und 
verdächtiges Beiwerk enthält, das fast an moderne Interpolation 
glauben lassen könnte (manche Verse sind beinahe wörtlich aus 
der berühmten Ballade von Tamlane entnommen, so z.B. Vers 
76 bis 84); die in dieser Ballade auf das Zauberwesen bezügli- 
chenStellen scheinen uns nun ebenfalls zu den leicht auszuscheiden- 
den späteren Einschiebungen zu gehören. Wollte Child aber con- 


110 Anzeigen: 


sequent sein, so mulste er alsdann die in seinem dritten Buche 
(Bd. II, S. 98 .; der Text ist nach Jamieson, Popular Ballads 
Edinburgh, 1806) abgedruckte berühmte schottische Ballade Fair 
Annie of Lochroyan ebenfalls ins zweite Buch aufnehmen, da in 
Scoti’s Version derselben (Minstr. III, 199) auch Hexen- und 
Zauberwesen eine bedeutende Rolle spielt. Mit demselben Rechte 
dürften auch die Balladen Clerk Saunders, Sweet William’s Ghost, 
The gay goss hawk u. a. m. in das zweite Buch gehören, da auch 
in diesen Aberglauben verschiedener Art, Geister, redende Thiere 
u. 8. w., vorkommt. Noch weniger liefs sich eine strenge Son- 
derung zwischen dem dritten und vierten Buche treffen, von denen 
jenes tragische Liebesballaden, dieses andere tragische Balladen 
enthalten soll. Oder ist vielleicht die schöne Ballade von Young 
Benjie (Bd. II, 298 ff. nach Scott, Minstr. III, 10) nicht ebenso 
gut unter die tragischen Liebesballaden zu rechnen? Solcher Bei- 
spiele liefsen sich hier noch viele anführen, da ohnehin sich von 
selbst ergibt, dafs diese Eintheilung auf beinahe blofs äufserlichen, 
willkürlichen Gründen beruht. 

In den einzelnen Büchern sind, nach der Aeufserung des 
Herausgebers in der Vorrede, die Balladen mit einiger Aufmerk- 
samkeit auf chronologische Ordnung gereiht, wobei das wahr- 
scheinliche Alter der zu Grunde liegenden Begebenheit, nicht aber 
das wirkliche Alter des Liedes, das nur aus formellen oder sprach- 
lichen Gründen zu bestimmen wäre, über die Reihenfolge ent- 
schied. Dafs aus dieser Anordnung durchaus kein wissenschaft- 
licher Gewinn gezogen werden kann, brauchen wir wohl kaum 
zu bemerken; denn in wie wenigen Fällen läfst sich bei diesen 
meist gar keinen historischen Hintergrund habenden Balladen sol- 
chermafsen das Alter angeben. Viel wichtiger, aber auch ungleich 
viel schwieriger wäre es gewesen, die Balladen chronologisch nach 
der Zeit des Enistehens zu ordnen, soweit Form und Sprache 
auf dieselbe schliefsen lassen; Ritson hat in seinen „Ancient Songs“ 
und seinem „Robin Hood“ einen Versuch hierzu gemacht; in dem 
ersteren dieser Werke, das bei den vorliegenden Bänden der 
Child’schen Sammlung zunächst allein zu berücksichtigen ist, theilt 
er aber fast nur aus handschriftlichen Quellen oder alten Drucken 
entnommene Balladen mit, hier war eine Zeitbestimmung daher 
immer mit ziemlicher Gewifsheit möglich; nun ist es aber bekannt, 
dals gerade von den schottischen Balladen, d. h. von den poetisch 
bedeutendsten nur sehr wenige in Handschriften oder älteren 
Drucken existiren, der bei weitem gröfste Theil sich aber blofs 


Child, English and Scottish Ballads. 111 


durch mündliche Fortpflanzung bis auf unsere Zeit erhielt, wie 
soll hier das Alter ermittelt werden? Bei den historischen gibt 
die Zeit der besungenen Begebenheit noch einen Anhaltspunkt; 
bei den romantischen fehlt es aber hieran gänzlich, Sprache und 
Form der durch mündliche Ueberlieferung zu uns gekommenen 
Balladen lassen durchaus keinen auch nur einigermalsen sichern 
Schlufs auf die Zeit der Entstehung zu, denn diese beiden werden 
in den meisten Fällen modern sein, ohne dafs man dieserhalb zu 
der Behauptung berechtigt wäre, die Balladen selbst seien erst in 
moderner Zeit entstanden; hier können auch in denselben vor- 
kommende Anspielungen auf Sitten, Trachten u. s. w. nicht für 
entscheidend gelten, da auch diese in viel späterer Zeit erst ein- 
geschoben werden konnten, wie es z.B. bei der berühmten Bal- 
lade Sir Patrick Spens (beiläufig bemerkt bei Child unrichtig 
im vierten Buche, Bd. III, S. 147 ff, während sie zu den Ahistori- 
schen Balladen gehört) der Fall war, der man ihr bis gegen das 
Ende des XIII. Jahrhunderts zurückreichendes Alter streitig ma- 
chen wollte, weil in einigen Versionen derselben Schuhe mit Kork- 
absätzen erwähnt werden, die damals noch nicht getragen wurden. 
Die genaue Bestimmung des Alters der Balladen kann selbst nach 
den gründlichsten Specialforschungen nur in sehr seltenen Fällen 
mit einiger Wahrscheinlichkeit gelingen, auf der andern Seite hin- 
gegen wird sich ein einigermalsen geübtes Ohr in der Frage, ob 
eine Ballade ächt oder unächt, alt oder modern sei, kaum je täu- 
schen lassen, und ganz abgesehen von so leicht zu erkennenden 
Nachahmungen, wie z. B. Hardyknute (von der Lady Wardiaw) 
werden Imposturen, wie die von Allan Cunningham, in den 
„Remains of Nithsdale and Galloway song by R. H. Cromek“ 
(London, 1810) oder von Sheldon in der „Minstrelsy of the 
english border“ (London, 1847, 4°) schnell erkannt und nach 
Gebühr gewürdigt werden. 

Wir wollen nun noch des Herausgebers Verfahren bei eini- 
gen einzelnen Balladen besprechen, wo wir uns damit nicht ein- 
verstanden erklären können. Die im I. Bande (S. 310 ff.) ohne 
einen Zweifel an deren Aechtheit mitgetheilte Ballade Clerk Col- 
vill, or the mermaid (nach Herd, 1. 1. I, 217) können wir wenig- 
stens in der vorliegenden Form nicht für ächt halten, wenn auch 
der Stoff derselben ein in den Volksliedern der germanischeu 
Nationen sehr oft behandelter ist. Die zwei Balladen Lady Isabel 
and the elf-knight (Bd. I, S. 313 ff.) und The water o’Wearie's 
Well (ebd. S. 316 ff.), beide aus den „Ancient Ballads and Songs 


112 Anzeigen: 


of the North of Scotland, hitherto unpublished. By Peter Buchan, 
Edinb. 1828, 8°. 2 Vol.“ (I, 22 und II, 201) entnommen, sind (ins- 
besondere die letztere) nichts als theilweise interpolirte Versionen 
von May Colvin (Child, II, 272 ff.), sie wären daher auch nur 
als solche bei derselben anzuführen gewesen !); nur die Absicht, 
seine Eintheilung durchzuführen, verleitete den Herausgeber, diese 
beiden Balladen wegen des in den angeführten zwei Versionen 
hervortretenden elfischen Charakters der Hauptperson aus ihrem 
natürlichen Zusammenhange gerissen zu geben. — Haben wir 
oben die Aechtheit einer von Herrn Child als alt mitgetheilten 
Ballade bezweifelt, so müssen wir andererseits eine von ihm nicht 
für ächt gehaltene gegen diese Anschuldigung in Schutz nehmen; 
er hält nämlich das nach Motherwell’s Minstrelsy (S. 124) gegebene 
Fragment Sir Roland (I, 341 ff.) für eine moderne Composition, 
wobei er sich hauptsächlich auf den Umstand zu stützen scheint, 
dafs der erste Herausgeber dasselbe nicht ausdrücklich als alt 
erklärte. Diese auch stofflich interessante Ballade besitzt aber alle 
Kriterien des Alters und der Aechtheit in hohem Grade, und wir 
stehen nicht an, dieselbe für eine werthvolle Bereicherung des 
schottischen Balladenschatzes zu halten, welcher Ansicht auch 
Herr Aytoun in seinem später zu besprechenden Werke (II, 
S. 345 ff.) beipflichtet. — Die Zusammenstellung der einzig schönen 
Ballade The twa brothers (Bd. II, 219 nach Jamieson’s Pop. ball. 
I, 59) mit der unter uns durch Herder so berühmt gewordenen 
Edward, Edward (ebd. 225 ff., nach Percy’s Reliques), als be- 
handelten sie einen nabe verwandten Stoff, nämlich vorsätzlichen 
Verwandtenmord, erscheint uns, sowie Jamseson’s willkürliche Ver- 
änderung des Hauptcharakters der ersteren Ballade durch Inter- 
polation einer Strophe, gänzlich ungerechtfertigt, und wir müssen 
trotz der von Herrn Child versuchten Widerlegung vollkommen 
Motherwell (a. a. O. $S. 60) beistimmen, der Jamieson wegen sei- 
nes Mifsverständnisses und willkürlichen Verfahrens scharf tadelt. 
Von der Ballade The cruel Mother theilt der Herausgeber nicht 
weniger als sechs Versionen mit (Bd. II, S. 262 —271 und App. 
372— 378); nur glauben wir, dafs er hier in der Wahl der von 
ihm vorangestellten, die darum wohl auch als die beste gelten 
soll, Lady Anne (nach Scott, Minstr. III, 18) nicht glücklich 


1) Siehe auch, was William Motherwell in der ausgezeichneten Einlei- 
tung seiner Minstrelsy, Ancient and Modern, Glasgow, 1827, 4°. S. LXX. 
über diese Ballade sagt. 


Child, English and Scottish Ballads. 113 


gewesen sei, da gerade diese offenbare Spuren späterer Einschieb- 
sel an sich trägt. Die drei Balladen The wearie coble 0’ Cargill 
(Bd. II, S. 30 ff.), Bonnie Annie (ebd. S. 47 ff.) und William 
Guiseman (ebd. S.50 ff.) hätten nach unserm Dafürhalten nicht 
aufgenommen werden sollen, da sie alle drei mehr oder weniger 
stark im Bänkelsängerton gehalten sind. The enchanted ring 
(Bd. I, S.53 ff., aus Buchan, 1.1. I, 169 ff.) ist so stark inter- 
polirt worden, dafs diese Ballade nicht für ächt gelten kann, wie 
denn überhaupt alle von Buchan herausgegebenen Balladen, wo 
sie nicht durch andere Sammlungen eine gewisse Sanction erhal- 
ten, immer mit einigem Milstrauen aufgenommen werden müssen, 
wie dies auch Herr Child selbst (I, 8. IX) zugibt. Auch die Bal. 
laden The Child of Elle (Bd. Ill, S. 224 ff.) und Sir Aldingar 
(ebd. S. 234 ff.) haben in der Form, die uns allein erhalten ist, 
so viele Zusätze und Ausschmückungen erlitten, dals man sie 
nicht mehr unter die ächten, alten Balladen rechnen kann; eben 
dieser Vorwurf allzu starker Interpolation trifft auch Sir Hugh Le 
Blond (ebd. 244 nach Scott, Minstr. II, 51). Der passendste 
Platz für dieselben wäre allenfalls der Appendix gewesen, in wel- 
chem der Herausgeber ohnedem viele von balladmongers verfer- 
tigte Produkte mittheilt. — Schwer zu erklären ist, warum die be- 
rühmte, in vielen Versionen existirende Ballade Johnie of Brai- 
dislee in den vier Bänden der Child’schen Sammlung noch nicht 
vorkommt, da sie doch offenbar nicht zu den historischen oder 
Border-Ballads gerechnet werden kann. 

Eine der interessantesten und schönsten altenglischen Bal- 
laden ist The Nutbrowne Maide (bei Child, Bd. IV, 8. 144 ff.), 
obwohl sie strenge genommen nicht unter die eigentlichen Bal- 
laden zu zählen wäre, da sie mehr aus einem halbdramatischen 
Dialoge zwischen zwei Liebenden besteht, und wohl schon frühe 
eine Umarbeitung erlitten haben dürfte; wenigstens können wir 
uns nicht entschliefsen, die einleitenden ersten 50, ebenso wie 
die letzten 12 Verse für ächt und ursprünglich zu halten, wenn 
auch diese Zusätze schon sehr frühe geschehen sein müssen, da 
sie schon in Arnold’s 1502 gedruckten Chronicle, worin dieses 
Gedicht zum ersten Mal erschien, vorkommen. Laneham in sei- 
ner berühmten „Letter from Killingworth* (1575) erwähnt diese 
Ballade als ein selbständiges Buch, auch soll in einem Oxforder 
Bücherverkaufscatalog von 1520 The Not-Broon Mayd, Preis einen 
Pfennig, angeführt werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach war diese 
Ballade, wenu auch keine ältere Form derselben bekannt ist, zu 

IL. 1. 8 


a14 Anzeigen : 


Arnold’s Zeit schon alt, da er in sein Werk nur für alt Geltendes 
aufnahm. Nach langer Vergessenheit ward sie 1707 in der Zeit. 
schrift The Muse's Mercury zum ersten Male wieder abgedruckt, - 
und lieferte dem Dichter Prior den Stoff zu seinem Gedichte 
Henry and Emma. Seitdem erschienen mehrere Ausgaben, die 
neueste und beste ist die von dem gelehrten Alterthumsforscher 
Thomas Wright veranstaltete (The Nutbrown Maid. From the 
earliest edition of Arnold’s Chronicle. London. 1836. 16°.), der 
auch Herr Child hauptsächlich folgte. Im XVI. Jahrhundert machte 
man den lächerlichen Versuch, die alten volksthämlichen Balladen 
aus der Gunst des Volkes dadurch zu verdrängen, dafs man sie 
in frommen Liedern parodirte: auch das nufsbraune Mädchen 
wurde so behandelt, wovon Herr Wright in seiner Ausgabe einige 
Proben mittheilt, aus denen man ersieht, dafs sich die Umarbei- 
tung zu frommen Zwecken strenge an die Worte der alten Bal- 
lade !) hielt. Herr Child verspricht diese, sowie mehrere andere 
solcher Parodien in einem der folgenden Bände seiner Sammlung 
mitzutheilen, worauf wir sehr begierig sind, denn aufser dem 
kulturbistorischen Interesse, welches diese frommen Parodien ha- 
ben, ereieht man auch aus denselben, welche Balladen damals 
zu den beliebtesten gehörten, worunter gar viele sein mögen, 
deren Andenken nur so erhalten blieb. 

Dem Erscheinen der folgenden vier Bände, womit das Werk 
abgeschlossen sein wird, sehen wir mit Verlangen entgegen ?). Denn 
wir werden dann ungeachtet mancher von uns gerügter Mängel 
in den bis jetzt erschienenen Bänden, endlich eine möglichst voll- 
ständige Sammlung des bisher in sehr vielen, auf dem Continent 
oft kaum zu erlangenden Werken zerstreuten Balladenschatzes 
Englands und Schottlands besitzen, welche bei ihrem sehr mälsi- 
gen Preise auch den minder Bemittelten zugänglich sein, und die 
weitere Verbreitung und Bekanntwerdung dieser herrlichen Lieder 
der Vorzeit uns so nahe verwandter Völker befördern wird. — 
Druck und äufsere Ausstattung des Werkes, das einen Theil einer 
grolsen, in Boston erscheinenden Sammlung der englischen Dich- 
ter bildet, sind vollkommen befriedigend. 


1) Die Parodie führt den Titel: „New Nut brown Maid“ in black letter 
mit dem Colophon: „Thus endeth the boke of the newe Notbrowne Mayd 
vpon the passion of Cryste.“ Imprynted at London by John Skot ete. 8. a. 
Wieder abgedruckt für den Rozdurghe Club 1820 von George Isted. 

?) Sie sind indessen erschienen; in London bei Trübner und Co. vor- 
räthig. Der Herausg. 


Wien, im Februar 1859. Adolf Wolf. 


Dyce, The works of Shakespeare. 115 


The works of William Shakespeare. The Text Revised by the Rev, 
Alexander Dyce. In Six Volumes. London, Edward Moxon; 
Dover Street. 1857. demy 8°. 


Die Vorrede, welehe zehn Seiten umfalst, enthält zunächst 
die Mittheilang der Ansicht Bolton Corney’s über das Vorwort 
zur ersten Folioausgabe (A), deren Original bekanntlich seit kur- 
zem für 700 Rthir. von der Berliner Bibliothek angekauft worden 
ist. Den ersten Absatz dieses Vorworts schreibt Corney, und mit 
ihm Dyce, einem der vier Verleger, Edward Blount, zu, wäh- 
rend die beiden andern von Heminge und Condell seien. Von 
diesem Blount, der auch sonst als Schriftsteller auftrat, rühre die 
ungewöhnliche Incorrectheit der ersten Folioausgabe her; er sei 
der eigentliche Herausgeber derselben. — Dyce macht dann, of- 
fenbar mit Recht, Malone’s Meinung (1790) wieder geltend, dafs 
die Angabe jenes Vorworts (Blount’s) von der Unvollständigkeit der 
Quartausgaben im Ganzen genommen falsch sei, da A selbst 
zum grofsen Theil nur auf diesen berube. Einzig in Bezug auf 
Henry V. und Merry Wives of Windsor ist die Behauptung der 
A-Vorrede richtig. Dyce stimmt mit W. N. Lettsom (Vorrede zu 
Walker’s Shakespeare’s Versification p. XVII) darin überein, dafs 
für den Herausgeber von A Quartausgaben und Abschriften un- 
gefähr gleichen Werth mit Autographen hatten, wenn sie nur die 
einmal current gewordenen Bühnenexemplare der Schauspieler- 
gesellschaft waren, zu welcher Shakespeare gehört hatte. Der 
Herausgeber glaubt, es habe 1623 kein einziges Originalmanu- 
script eines Shakespeare’schen Stückes mehr existirt; habe doch 
selbst das von Winter’s Tale, einem der spätesten Stücke, im 
August 1623 gefehli. In Betreff des kritischen Verfahrens, z.B, 
beim Hamlet, stimmt Dyce Collier dahin bei, dafs nur eine eklek- 
tische Benutzung der ältesten Texte zum Ziele führe. In einer 
Note werden die drei letzten Vertheidiger der ersten Folio: Horne 
Toohe, Knight, Keightley, aufgeführt. Dagegen sehen Dyce, Hun- 
ter u. A. in der ersten Folio einen der liederlichsten und schlech- 
testen Drucke der Zeit. Rec. stimmt vollkommen bei. 

Hierauf spricht der Herausg. sich über die berühmten von 
Collier entdeckten handschriftlichen Emendationen der Perkins- 
Folio aus, und erkennt, trotzdem dafs die meisten irrig oder un- 
nötbig seien, einen Theil als wirkliche Verbesserungen an. Ge- 
gen Collier behauptet er, dafs dieser durch sein Patronisiren der 
Correcturen en masse die Opposition hervorgerufen habe, ob- 


8 * 


116 Anzeigen : 


gleich er (Dyce) nicht in Abrede stellt, dafs diese mehrfach eine 
unehrliche und unschickliche gewesen sei. Dies Urtheil ist wohl 
nicht zu hart. Er schliefst, nachdem er mehrere offenbar ver- 
kehrte Aenderungen des Correctors besprochen hat, mit den Wor- 
ten: „Doch genug von diesen Emendationen with their particles 
of golden ore, and their abundant drofs“. 

Die Ausgabe wurde auf den Wunsch des Verlegers unter- 
nommen. Sie sollte ursprünglich nur den Text geben ohne No- 
ten. Doch, obgleich erklärende Noten überflüssig, da der Leser 
davon oft ebensoviel wisse als der Herausgeber — für manchen 
englischen Leser mag dies richtig sein —, so stellte sich doch 
bald heraus, dals kritische Noten unentbehrlich seien, in denen 
der Herausgeber sein Abweichen von der gewöhnlichen Lesart 
oder seine Wahl begründen könne. Doch habe der Herausge- 
ber, um sie dem Auge derer, die nicht durch Kritik gestört zu 
sein wünschten, zu entrücken, sie nur am Einde jedes Stückes 
hinzugefügt. 

Auch ein Leben des Dichters sollte nach dem anfänglichen 
Plane nicht beigegeben werden, und der Herausg. entschlofs sich 
ungern dazu, da wir so wenig von Shakespeare wissen, dafs es 
keine besonders dankbare Aufgabe sei. Es empfehle sich seine 
Vita wenigstens durch ihre Kürze. 

Am Schlufs der Vorrede dankt der Verf. mehreren Perso- 
nen, die ihn unterstützten, darunter namentlich Lettsom für die 
Mittheilungen aus den noch ungedruckten hinterlassenen Arbeiten 
Sidney Walker’s (welche nach den Proben allerdings sehr beach- 
tenswerth sind); auch aufser Singer seinem Drucker Robson, der 
die Correctur sehr gut verwaltet und auch sonst ihm manchen 
Wink gegeben habe. So hat Robson, wie wir nachher erfahren, 
dem Herausg. auch die Noten des Dr. Delius übersetzt, da er, 
Herr Dyce, kein Deutsch versteht. 

Auf die Vorrede folgt das Leben Shakespeare’s (131 Seiten). 
Wir können uns bei dieser kurzen Anzeige nicht auf die Einzel- 
heiten einlassen. Es sind meist nur kurze factische Angaben 
nach Halliwell u. A.; auch allerhand Anecdoten, zum Theil cu- 
rioser Art. So erzählt der Verf. p. CXXIL, in Stratford lebe 
noch eine gewisse Mary Hornby, geborene Hart, welche von 
Shakespeare’s Schwester Johanna abstammen will. Sie führte 
den Verf. zu Shakespeare’s , Birth-Place“, theilte ihm mit ,,} wri- 
tes plays“, und gab als Titel ihres Productes auf weiteres Be- 
fragen an: „Die Schlacht von Waterloo“; ein anderes, „Das ge- 


Dyce, The works of Shakespeare. 117 


brochene Gelübde*, zeigte sie Dyce im Manuscript vor. Also 
auch da des Propheten Mantel und Hut! Rec., der viele liebe 
Leute und grofse Shakespeare-Enthusiasten in dem hübschen Land- 
städtchen am Avon kennen gelernt hat, vernahm dort nichts von 
diesem irdischen Residuum des Dichters. — Am Ende der Vita 
(p. CXXIV) findet sich die ganz mit unserm Gervinus überein- 
stimmende Bemerkung gegen Lamb und Hazlitt (welche Dyce 
schon in seiner Vorrede zum Marlowe und sonst geäufsert hatte), 
dafs Shakespeare in allen Dingen unermefslich weit über seinen 
Zeitgenossen steht: an schöpferischer Kraft, an psychologischem 
Verständnifs, an Gedankentiefe; in der Entwickelung der Cha- 
raktere, in der Diction, in der Versification u.s.w. Alles voll- 
kommen richtig. Marlowe selbst iet nur ein unmündiges Kind 
gegen Shakespeare. Auch wird darauf aufmerksam gemacht, 
dafs manche der schönsten Stellen bei Zeitgenossen nur auf Ko- 
sten der Natur und Wabrscheinlichkeit ein hohes Interesse in 
Anspruch nähmen, so die von Lamb so sehr gelobte Scene aus 
Ford’s Broken Heart, wo Calantha trotz aller Trauerbotschaften 
zu tanzen fortfährt. 

Nach dem Abdruck des Shakespeare’schen Testamentes folgt 
ein sehr accurates Verzeichnifs der „alten Ausgaben “, welches 
einige Nachträge zu Halliwell’s „Shakespearianis* bringt. Uebri- 
gens sind letztere für den deutschen Forscher auf diesem Gebiet 
dadurch brauchbarer, weil sie auch angeben, wo die „alten Aus- 
gaben“ in England vorhanden sind. Freilich ist das Verzeich- 
nifs, wie Rec. aus eigner Erfahrung weifs, nicht vollständig. 

Dann wird auf etwa 40 Seiten „Nachricht von Shakespea- 
re’s Stücken“ gegeben, die Zeit der Abfassung, die Quellen der 
Fabel u.s. w. betreffend, also ungefähr desselben Inhalts wie die 
Collier’schen „Einleitungen“. — Diese „Nachrichten“ sind, ob- 
wohl kurz, sehr accurat, klar, skeptisch. 

Hierauf etwa 30 Seiten „Addenda und Corrigenda® zu den 
Noten aller Bände. Sodann der Text, sehr sauber und sehr cor- 
rect gedruckt, hinter jedem Stücke die dazu gehörigen Anmer- 
kungen. Die Folge der Dramen ist die der ersten Folio. In 
dem Druck des Textes verdient die Einführung des Accentes auf 
der Silbe ed, wenn diese vollgemessen werden soll, lobender Er- 
wähnung; Dyce hatte schon in seinen späteren Ausgaben (z.B. 
im Marlowe) dieselbe zweckmäfsige Bezeichnung. 

Die Noten stehen oft stark in Widerspruch mit den neueren 
Herausgebern, oft mit Collier, noch öfter mit Knight; obwohl 


118 Auzeigen: 


der Ton gegen frühere Arbeiten (z.B. die Remarks) im Ganzen 
weniger herb ist. Ungewöhnlieh schonend tritt der Herausg. ge- 
gen Halliwell auf; auch gegen Hunter, Lettsom und den ame- 
rikanischen Shakespearianer Grant White verfährt er mit. Achtung. 
Nicht desselben Schicksals kann sich unser Landsmann Dr. De- 
lius rähmen, dessen Verfahren mehrmals in greller Weise be- 
leuchtet wird — und weit härter als Rec. für recht und schicklieh hält. 
Häufig wird er nur mit Knight zusammen als dessen Echo ab» 
gefertigt. Dem Corrector, welchen Collier entdeckt hat, wird al- 
lerdings alle gebührende Aufmerksamkeit zu Theil, doch es 
seheint noch immer, als ob Dyce denselben mit besonderer Un- 
gunst behandle. 

Es ist natärlich, dafs das Werk eines scharfsionigen und 
gelehrten Mannes, der 30 Jahre lang (sein Peele erschien 1828) 
in diesem Fache gearbeitet hat, und umgeben von allen Hilfsmit- 
teln und auf das volle Bewulstsein seiner Muttersprache gestützt, 
nun erst mit dem Endresultat seiner Forsehungen hervortritt, — 
dafs ein solches Werk von grofser Bedeutung ist. Für wie 
schwer er selbst es gehalten hat, ist schon darin ausgesprochen, 
dafs er sagt, er werde sich nie Noten zum Shakespeare zu Dank 
schreiben, wenn auch Andre vielleicht damit zufrieden wären. 
Rec. erkennt darin das Gefühl eines wirklichen Shakespeare- 
Kenners und glaubt, dafs diejenigen am wenigsten die Shake- 
spearekritik — vielleicht die schwierigste die es gibt — zu för- 
dern berufen sind, welche mit Dreistigkeit und Eilfertigkeit dar- 
angehen. Denn die erste Stufe des Wissens ist bekanntlich die, 
dafs man weils, dafs man Nichts weils, und hier, wenn irgendwo 
sonst, kann man den Unberufenen am sichersten daran erken- 
nen, dafs er so thut, als ob er Alles wisse, 

Aber bei alledem können wir nicht läugnen, dafs wir uns 
in mehr als einer Beziehung in unsrer Hoffnung auf den Dyce- 
schen Shakespeare getäuscht gefunden haben. Es ist zwar bei 
Hrn. Dyce der richtige kritische Grundsatz vorhanden, sich zu- 
nächst an die eigentliche erste Quelle zu halten, aber dieser 
Grundsatz ist nicht zur klaren Durchführung gebracht. Denn 
jene ersten und einzigen Quellen des Textes sind — obwohl sie 
ihm — seine Wohnung ist nur wenige Schritte davon entfernt — 
meist in nächster Nähe lagen — keineswegs von ihm mit gehö- 
riger Sorgfalt geprüft worden. Es liefse sich an vielen Stellen 
nachweisen, dals Hr. Dyce wohl gelegentlich einmal nachsah, 
dafs aber auch seiner Textrecension keine vollständigen, genzuen 


) 


Dyce, The works of Shakespeare. 119 


Collationen der besten Quellen zu Grunde liegen. Ich verweise 
jeden philologischen Leser, den die Sache im Detail interessirt, 
auf die von mir vor kurzem gemachte Herausgabe des Doppel- 
textes von Romeo und Julie. — Ganz ebenso ist es mit dem 
zweiten Hauptgrund, der Behandlung der Metrik. Es ist schon 
ein grofser Fortschritt, dafs Walker’s sorgfältige metrische Vor- 
stadien bei Hrn. Dyce so viel gelten. Aber ein ordentliches klar 
erkanntes metrisches Princip (und wie kann die Kritik ohne dies 
bestehen?) vermissen wir auch bei Hrn. Dyce. — Nicht anders 
ist es mit dem dritten Haupterfordernifs der Kritik, der klaren 
vollständigen Erkenntnifs der Grammatik jener Zeit. Auch hier 
finden wir, dafs der Herausg. die wichtigsten Hilfsmittel dafür 
unbenutzt läfst und ein schwankendes Verfahren einhält. Und 
doch konnte man von dem, der sich schon 12 Jahre früher über 
die anerkanntesten Kritiker stellte, viel verlangen. So bleibt, 
trotzdem dals wir in dem Dyce’schen Shakespeare ein jeden: 
Forscher auf diesem Gebiet der Philologie unentbehrliches Hilfs- 
mittel mehr haben, doch gerade von philologischer Seite noch 
das Meiste zu thun übrig. 


Oldenburg, Januar 1859. Tycho Mommsen. 


Real, Real! 


Den Ursprung der Quinas !) beschreibt Camoens in seiner 
Schilderung der Schlacht bei Ourique (Lus. HI, 45. 46. 53. 54) 
und lautet die zweite dieser Octaven wie folgt: 


Com tal milagre os animos da gente 
Portugueza inflammados levantavam 
Por seu Rei natural este excellente 
Principe que do peito tanto amavam. 
E diante do exercito potente 

Dos imigos gritando o Ceo tocavam, 
Dizendo em alta voz: Real, Real, 
Por Afonso, alto Rei de Portugal! 


1) Das portugiesische Wappen besteht aus einem silbernen Schilde, das 
mit fünf blauen Schildchen, die Quinas (d. h. die Fünf) genannt, kreuzweis 
belegt ist; auf jedem derselben befinden sich wiederum fünf in Form eines 
Andreaskreuzes zusammengestellt Pfennige. 


120 Liebrecht, Miscelle. 


Was der eigentliche Sinn dieses Feldrufs Real, Real sei, ist 
bis jetzt, so viel ich weils, noch nicht genügend erklärt worden 
(s. z. B. Antonio de Moraes e Silva, Diccion. da Lengua Portug. 
8. v. Real); doch soll er, wie man gewöhnlich glaubt, den alten 
Portugiesen eigen gewesen sein, die ihn namentlich beim Entfal- 
ten des königlichen Banners ertönen liefsen. Dafs dem jedoch 
nicht so ist, und er vielmehr auch bei andern romanischen Völ- 
kern verbreitet war, sollen nachfolgende Anführungen weisen. 

In der von Francisque Michel herausgegebenen altspanischen 
Crönica rimada (hinter Ferd. Wolf’s Romanzenpoesie der Spanier 
Wiener Jabrb. Bd. CXIV ff.) heifst es V. 64 ff.: 


Mucho plogo a Castellanos quando oyeron este mandado. 
A Sancho Avarca bessan las manos, e jrreal, rreal! llamando 
Por Castilla dan los pregones por tan buen rey que alçaron. 


Hier hören wir also diesen Feldruf unter Castilianern; ebenso 
ertönte er auch unter den Provenzalen; so z.B. heïfst es bei 
Marcabrun (Rayn. IV, 130 £.): 

Ab lavador de Portegal 

E del rei navar atretal, 

Ab sol que Barsalona i s vir 
Ves Toleta l'emperial, 

Segur poirem cridar resal, 

E paiana gen desconfir. 


Dafs er endlich bei den Franzosen bekannt war, zeigt fol- 
gende Stelle aus dem Leben des h. Thomas von Canterbury (ed. 
Becker) S. 152, V. 6 ff. v.o., wo es von den Mördern der Hei- 
ligen heist: 

„—„Iduno s'en sunt parti li serf d’iniquite, 
Parmi l’encloistre ariere s’en erent returné, 
Les espees es poinz, e unt reaus crié.“ 


Deshalb auch wird dies Feldgeschrei im Roman d’Alixandre 
(p. 65 u. 28 ff. ed. Michelant) sogar den Macedoniern beigelegt, 
denn es heifst dort so: 
Tot furent susmonté (là) IIII®, vassal 


Qui traient les espées et escrient rotal 
Et monstrerent l’ensegne au roi Macidonal. 


Felix Liebrecht. 


121 


Ein weiterer Beitrag zur Geschichte 
der romantischen Poesie. 


Immer wieder von neuem drängt sich jedem der die 
dichterischen Erzeugnisse der verschiedenen Völker durch- 
forscht, bei weiterm Fortschreiten auf diesem Gebiete die 
Betrachtung auf, wie schwierig bei gegebener Gelegenheit 
die Gränzlinie zwischen der neuschaffenden Thätigkeit des 
menschlichen Geistes und seiner blofs wiedergebärenden 
Triebkraft zu ziehen sei, oder, um mich deutlicher auszu- 
drücken, wie schwierig sich in jedem einzelnen Falle die 
Entscheidung treffen läfst, ob irgend ein vorliegendes poe- 
tisches Produkt ein ursprüngliches oder ein anderswoher 
entlehntes sei. Es können aber selbstverständlich nur sol- 
che Dichtungen Anlafs zu dieser Frage geben, die eine 
innere oder äufsere Verwandtschaft mit andern besitzen 
oder zu besitzen scheinen. Dafs nämlich diese Verwandt- 
schaft nicht so schlechthin und ohne weiteres Entlehnung 
annehmen lasse, ist hinlänglich bekannt, indem bereits dar- 
auf hingewiesen worden, wie es eine Eigenthümlichkeit des 
menschlichen Geistes sei, selbst in den von einander fern- 
sten Zonen Gleichartiges zu erzeugen'). Wenn also Alexan- 
der von Humboldt von gewissen Urnenverzierungen der In- 
dianer am Orinoko redend sagt: „Diese Verzierungen sind 
ganz denen ähnlich, welche die Wände des mexikanischen 
_Palastes bei Mitla bedecken. Man findet sie unter allen Zo- 
nen, auf den verschiedensten Stufen menschlicher Kultur; 
unter Griechen und Römern, am sogenannten Tempel des 
Deus Rediculus bei Rom, wie auf den Schildern der Ota- 
heiter; überall wo rhythmische Wiederholung regelmäfsiger 
Formen dem Auge schmeichelt. Die Ursachen dieser Aehn- 
lichkeiten beruhen, wie ich an einem andern Orte entwickelt 
habe, mehr auf psychischen Gründen, auf der innern Na- 
fur unserer Geistesanlagen, als sie Gleichheit der Abstam- 


1) S. z.B. meine Bemerkungen zu Dunlop S. XVII f. 
ID. 2. 


122 Liebrecht 


mung und alten Verkehr der Völker beweisen“ '), so ist die- 
ser Ausspruch des grofsen Naturforschers ebenso wahr und 
treffend wie das, was der nicht minder grofse Sprachfor- 
scher bei Gelegenheit eines in dem Märchen von Sneewit- 
chen und sonst noch vorkommenden Zuges bemerkt: „Si- 
cher lassen sich aus andern gleich fernen Gegenden diese 
Beispiele vermehren; aber nicht aus der Mongolei oder Ir- 
land nach Italien und Deutschland brauchten diese Geheim- 
nisse der Gedanken eingeführt zu werden; sie sind unmit- 
telbar der menschlichen Brust entquollen und der epische 
Ausdruck für die den Dichtern aller Völker geläufige Ver- 
gleichung der Schönheit mit Schnee und Blut. Wie ge- 
legen kommt ein solches Zeugnifs denen, die sich Rechen- 
schaft geben wollen von der unbegreiflichen und doch na- 
türlichen Ausbreitung der einfachen Märchenpoesie“?). 
Ich füge hier noch ein anderes Beispiel von der überall 
sich gleich bleibenden Ausdrucksweise menschlicher Ge- 
fühle und Empfindungen hinzu, ein Beispiel, das ich zu 
den merkwürdigsten rechne, die ich kenne. Ein von Talvj°) 
mitgetheiltes Negerliedchen nämlich stimmt in seinem gan- 
zen Inhalt und Gang mit einem Gedichte des Horaz (Carm. 
III, 9) so auffallend überein, dafs unter andern Umständen 
der Gedanke an eine Entlebnung unwillkürlich aufsteigen 
müfste, und als ich es zum ersten Male las, sich einige 
Zweifel an der Treue der Uebertragung bei mir zu regen 
anfingen, die ich erst lange nachher ganz zu beseitigen 
Grelegenheit fand *).“ Die Richtigkeit des hier hinsichtlich 
der Uebereinstimmung dieser beiden Lieder Bemerkten, 
scheint mir so einleuchtend, dafs ich glauben mufs, es sei 


1) Ansichten der Natur. „Ueber die Wasserfälle des Orinoko bei Atu- 
res und Maypures“ (3te Ausg. I, 283 f.). 

?) Vorrede zu meiner Uebersetzung des Basile $. XXIII. 

®) Charakteristik der Volkslieder $. 89. 

*) Ein englischer Staatsmann, der auch durch seine umfassende Gelehr- 
samkeit bekannte Sir George Cornwall Lewis (jetzt Minister des Innern) war 
so gütig, auf meine Bitte die betreffende Stelle aus Bowdich’s Werk aus 
zuschreiben und mir zuzusenden; sie steht dort auf p. 368 und lautet wie 
folgt: „The following is a translation of a long Ashantee song with little or 
no air. The men sit together in a line on one side with their sankos and 


other instruments and the women in a line opposite to them. Individuals 
rise and advance, singing in turn: 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 193 


schon längst darauf hingewiesen worden, obwohl etwas 
darauf Bezügliches bis jetzt noch nicht zu meiner Kennt- 
nifs gekommen ist. 

Ein ferneres und nicht minder anziehendes Beispiel in 
Betreff des in Rede stehenden Gegenstandes ist folgendes, 
wodurch wir wiederum zuerst in weite Ferne, nach Hin- 
terindien geführt werden, um uns dann wie mit einem Zau- 
berschlage in unsere unmittelbare und nächste Heimath zu- 
rückversetzt zu sehen. Dort also, d. b. in Birma, wie ein 
neuerer englischer Reisender !) berichtet, erzählt man fol- 
gende Liebesgeschichte: 


„During the era of Gaunagong [des fünfundzwanzigsten 
Buddha, der 30,000 Jahre alt wurde] there lived in Kambautsa 
four rich men, between whom existed a warm friendship. Three 
of them had each one son, whilst the fourth had an only daugh- 
ter of perfect beauty, and to her each of the three young men 
sent a messenger. The first promised that if she died before 
she was fifteen he would perform her funeral rites with every 
care. To this her parents replied: „It is well“. The second 
sent to say that in the above case he would collect her ashes. 
To this also her parents signified their assent. The third sent to 
say that he would watch her tomb; to which her parents retur- 
ned the same answer as before.“ 

„The damsel did die before she had attained her fifteenth 


ist. woman. My husband likes me too much, 
He is good to me. 
But I cannot like him, 
So I must listen to my lover. 
ist. man. My wife does not please me, 
I tire of her now. 
So I will please myself with another, 
Who is very handsome. 
2d. woman. My lover tempts me with sweet words, 
But my husband always does me good. 
So I must like him well, 
And I must be true to him. 
2d. man. Girl, you pass my wife handsome, 
But I cannot call you wife. 
A wife pleases her husband only, 
But when I leave you,,you go to others. 
Zur ersten Zeile der 4. Strophe bemerkt Sis George: „By „you pass my 
wife handsome“ is evidently meant: „you exceed my wife in beauty.“ 
1) Six Months in British Burmah: or India beyond the Ganges in 1857. 
By Christopher T. Winter. London 1858. Bentley. 
g* 


124 Liebreeht 


year, and her parents desired the young men to bury her as they 
had promised; whereupon the first performed the rites of cre- 
mation, the second collected and removed her ashes, and the 
third kept watch over them in the cemetery, according to their 
respective promises. A jagee, who had come from the Hima- 
laya forests, happening to pass that way at the time, saw the 
young man keeping watch, and inquired the reason of his doing 
so, to which he replied he was watching over the bones of the 
dead. „Would you wish the dead to be restored to life?“ asked 
the jagee. „I would“, replied the youth. Upon this the jagee 
restored the damsel to life in all her pristine beauty of form and 
feature.“ 

„The first rich man’s son said (when he saw her), „I bore 
her corpse to the funeral pile and burnt it, therefore ought she 
not to be mine?“ the second, „I collected her bones, ought she 
not to be mine?“ the third, , whilst I was watching in the ce- 
metery, she returned to life, ought she not to be mine? — But 
what is the use of disputing with each other? Let us submit to 
the decision of princess Thoo-dhamma Isari.* So they all three 
repaired to her presence and related to her the affair. When 
she had heard them she thus gave judgment: „I understand this 
matter; one of you burnt the corpse of the damsel, and went 
his way: the second collected her ashes, and did likewise: but 
the third kept watch over her remains, although the family of 
a watcher in a cemetery is degraded to the seventh generation. 
During his watching also the damsel returned to life; therefore 
ashe deserted her not in death, let him be her partner in life.“ 

Und nun wer, der diese tiefe innige Erzählung liest, 
fühlt sich nicht gleich am Anfang derselben wunderbar 
ergriffen, wie beim unerwarteten Anblick eines lieben Freun- 
des in weiter Ferne? wer, sage ich, erinnert sich nicht 
alsobald des gleich tiefen, gleich innigen Liedes unseres 
Uhland von den drei Burschen „über den Rhein“? jenes 
Liedes, das ebenso, wie die birmanische Liebeserzählung, 
unmittelbar der menschlichen Brust entquollen? 

Dergleichen Gefühle also sind ebenso wahr und allge- 
mein menschlich, bedürfen ebenso wenig der Entlehnung, 
wie dals der Liebende sich getrieben fühlt, den von der 
Geliebten berührten Gegenstand wieder zu berühren und 
Hadloub folgte nur seinem Herzen, wenn er sagt: 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 125 


„Ich nam war, dö daz kindelin erst kam von ir, 

Ich namz zuo mir 

Lieblich ouch dô; 

Ez düchte mich sô guot, wan sis & druchte an sich, 
D& von wart ich 

Sin gar sô frö: 

Ich umbeviengz, wan siz à schöne umbvie, 

Und kust ez an die stat, swä’z von ir kust & was: 
Waz mir doch daz 

Ze herzen gie!“ ’) 


Er brauchte dabei an keine klassischen Vorbilder zu 
denken, wie etwa an Ovid’s Vorschrift: 


„Fac primum rapias illius tacta labellis 
Pocula, quaque bibet parte puella, bibas. 
Et quodcunque cibi digitis libaverit illa, 
Tu pete, dumque petes, sit tibi tacta manus‘ ?). 


Um zu einer andern ganz entgegengesetzten Gemüths- 
stimmung überzugehen, will ich auf Robert Burns’ scherz- 
hafte Zeilen „To a henpeck’d husband“ hinweisen, welche 
so lauten: 


„Curs’d be the man, the poorest wretch in life, 
The crouching vassal to the tyrant wife, 

Who has no will but by her high permission, 
Who has no sixpence but in her possession, 
Who must to her his dear friend’s secrets tell, 
Who dreads a curtain-lecture worse than hell. 
Were such the wife had fallen to my part, 

l'd break her spirit or I’d break her heart, 

Id charm her with the magic of a switch, 

T’d kiss her maids, and kick the perverse bitch.“ 


Man vergleiche nun hiermit das Gedicht Reimar’s von 


Zweter (No. 105. vdHMS. 2, 196): 


„Swä guot man hat ein übel wip 

Und dä bi unverwizzen gar, verfluuchet si der lip! 

D& ist lüzzel &ren bi, sw si der meisterschefte pfliget. 

Noch bezzer waer ein senfter töt 

Dem guoten man ze lidenne, dan ie mer werndiu nöt. 

Ich wil dich, guot man, léren, wie din meisterschaft ir an gesiget: 
Du solt dir dine guete lan entslifen 

Und solt nach einem grozen knütel grifen 


1) No. 4 Str. 8. Ettmüller S. 11. v. d. Hagen’s Minnesinger 8. 2, 281 f. 
2) Ars Amat. I, 575. Vergl. Dunlop S. 34 nebst Anm. 78. 


126 Liebrecht 


Den solt ir suo dem rüggen mezzen 

Je baz und baz, nach diner kraft, 

Daz si dir jehe der meisterschaft, 

Heiz sie dir swern, si welle ir übele vergezzen.“ 

Sollte es nicht scheinen, als hätte der poetische Steuer- 
beamte in Schottland Kenntnifs von den obigen Versen 
unseres Minnesingers gehabt? Es ist jedoch überflüssig zu 
bemerken, dafs dies gewils nicht der Fall war, sondern 
ein Notbschrei geplagter Ehemänner sich durch die Feder 
beider Dichter in Form eines Rathes hörbar gemacht, ein 
Nothschrei, der zu allen Zeiten ertönte und auch dem Ita- 
liener Francesco de Lemene folgendes Sonnet eingab: 

„lo ricorro alla vostra intercessione, 
Glorioso San Rooco, eroe celeste; 
Tengo una moglie senza discrezione, 
La qual à pur la maledetta peste. 

Per guarirmi da cure si moleste, 

Senza la vostra gran benedizione, 
Certo che meglio voi la guarireste 
Con quel, che avete in man, santo bordone. 

Se tai prodigi incomminciate a fare, 
Veggo di giä fallito Sant’ Antonio, 
Chè tutti correrranno al vostro altare. 

Ed io fard tra gli altri testimonio 
Che voi con doppio vanto e singolare 
Guarite dalla peste e dal demonio“ !). 

So weit nun bieten sich, wie wir sehen, bei der Ent- 
scheidung über die Ursprünglichkeit zweier oder mehrer 
einander ähnlicher, ja fast gleicher Dichtungen keine Schwie- 
rigkeiten und rasch ist das Urtheil gefällt: sie sind von 
einander unabhängig geschaffen worden. Nicht immer je- 
doch spricht es sich so ohne Zaudern aus, wie in den ge- 
nannten Fällen, sondern bleibt manchem Zweifel unterworfen 
und zwar besonders in der erzählenden Poesie. Zu vielen 
bekannten Beispielen füge ıch hier noch ein neues. Jeder 
kennt die schöne Parabel von dem Manne, der sich auf 
der Flucht vor einem Thiere in einem tiefen Brunnen birgt. 


1) Ueber die im Mittelalter gestattete und selbst empfohlene Züchtigung 
der Frauen, vergl. Dunlop Anm. 828a. Füge hinzu Roquefort Glossaire s. 
v. Resnable. 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 127 


Die bis jetzt nachgewiesene älteste Quelle nun ist Kalila 
ve Dimna '), woraus ich hier die betreffende Stelle im Aus- 
zuge mit den Worten Silvestre de Sacy’s folgen lasse: 


„On ne peut mieux assimiler le genre humain qu’à un homme 
qui, fuyant un éléphant furieux, est descendu dans un puits, il 
s’est accroché à deux rameaux qui en couvrent l’orifice, et ses 
pieds se sont posés sur quelque chose qui forme une saillie dans 
l’intérieur du même puits: ce sont quatre serpens qui sortent leurs 
têtes hors de leurs repaires; il aperçoit au fonds du puits un 
dragon qui, la gueule ouverte, n’attend que l'instant de sa chute 
pour le dévorer. Ses regards se portent vers les deux rameaux 
auxquels il est suspendu, et il voit à leur naissance deux rats, 
Yun noir, l’autre blanc, qui ne cessent de les ronger. Un autre 
objet cependant se présente à sa vue: c'est une ruche remplie de 
mouches à miel; il se met à manger de leur miel, et le plaisir 
qu’il y trouve lui fait oublier les serpens sur lesquels reposent 
ses pieds, les rats qui rongent les rameaux auxquels il est sus- 
pendu, et le danger dont il est menacé à chaque instant, de de- 
venir la proie du dragon qui guette le moment de sa chute pour 
le dévorer. Son étourderie et son illusion ne cessent qu'avec 
son existence. Ce puits, c’est le monde rempli de dangers et 
de misères; les quatre serpens, ce sont les humeurs dont le mé- 
lange forme notre corps, mais qui, lorsque leur équilibre est rompu, 
deviennent autant de poisons mortels; ces deux rats, l’un noir, 
l’autre blanc, ce sont le jour et la nuit dont la succession con- 
sume la durée de notre vie; le dragon, c’est le terme inévitable 
qui nous attend tous; le miel, enfin, ce sont les plaisirs des sens 
dont la fausse douceur nous séduit et nous détourne du chemin 
où nous devons marcher.“ 


Hiermit nun vergleiche man folgende Stelle des Ma- 
habharata (Holtzmann’s Uebersetzung) *): 
„In diesen Tagen pilgerte 
als Bettler durch die ganze Welt 
Ein Muni, Dscharatkaru genannt, 
vom Hause der Jajawara. 
Er hatte das Gelübde gethan, 
das schwer ist für die Sinnlichen, 
Allein und immer keusch zu sein 
und ohne Haus und Eigenthum. 


1) 8. Dunlop Anm. 72. Füge hinzu Grimm Deutsche Sagen No. 216. 
2) Indische Sagen 2te Aufl. 2, 157 ff. 


128 


Liebrecht 


Er badete in heiligen Wassern 

besuchte jeden Walllahrtsort, 
Kasteite sich und fastete streng, 

dafs er tagtäglich dürrer ward; 
Und seine Heimath war stets da, 

wo ihn die scheidende Sonne traf. 
Nun kam er wandernd eines Tags 

an einen Abgrund breit und tief. 
Darüber war ein Wiranastengel, 

ein schwacher Grashalm, hingeneigt. 
An diesem Rohre über der Tiefe, 

der unergründlich klaffenden, 
War eine Schaar verstorbener Seelen 

kopfabwärts schrecklich aufgehängt. 
An einer Faser haftete noch 

der Stengel in der Erde fest; 
Am Loche aber sals dabei 

mit scharfem Zahne eine Maus 
Und nagte ohne Unterlafs 

am letzten Wurzelfäserchen. 
Wie dieses Dscharatkaru erblickte, 

rief er entsetzt den Menschen zu: 
Wer seid ihr, die ihr aufgehängt 

an diesem Wiranastengel seid, 
Dem schwachen, dessen Wurzeln schon 

die Ratte abgebissen hat? 
Noch eine Wurzel hält euch fest; 

und diese eine Wurzel auch 
Wird von der Maus mit scharfem Zahn 

allmählich langsam durchgenagt. 
Nur weniges ist übrig noch, 

bald reifst die letzte Wurzel durch. 
Dann stürtzt ihr mit dem Kopfe voran 

hinab in diesen tiefen Schlund. 
Von Mitleid ist mein Herz bewegt, 


sprecht, ob ich euch nicht helfen kann. 


Von meiner Bufse will ich euch 

ein Viertel schenken oder auch 
Ein Drittel, wenn ihr euch damit 

aus dieser Noth befreien könnt. 
Nehmt meine halbe Bufse hin, 

Nehmt selbst die ganze, rettet euch. 


Die Aufgehängten. 
Du bist ein guter, frommer Greis, 
den unsre grofse Noth erbarmt, 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 


und der mit seiner Bufse uns 
mitleidig Hülfe bringen will 

Mit Bufse aber kann uns nicht 
geholfen werden, Brahmener; 

wir haben selbst der Bnfse genug 
und sind an Frömmigkeit nicht arm. 

Wir sind der Stamm Jajawara, 
berühmt durch strenge Heiligkeit. 

Den Ort im Himmel, welchen wir 
erworben hatten durch Verdienst 

der Bufse, den verlieren wir, 


weil uns Nachkommenschaft gebricht. 


Zwar lebt noch einer unsres Standes, 

doch nützt uns dieser eine nicht; 
denn Dscharatkaru, unser Sohn, 

für sich zum Unheil wie für uns, 
zieht fastend in der Welt umher 

und hat der Bufse sich geweiht. 
Er hat kein Haus, kein Weib, kein Kind 

und steht allein in dieser Welt. 
Defswegen über der schrecklichen Hölle, 

o Weiser! schweben wir in Angst. 
Der Abgrund, welcher unter uns 

sich öffnet, ist der Hölle Schlund. 
Der Halm, an dem wir hangen hier, 

0 Brahmener, ist unser Stamm. 
Des Grases Wurzeln, welche du 

durchbissen von der Ratte siehst, 
sind unsre Kinder, welche schon 

vom Tode weggenommen sind. 
Die eine Wurzel, die noch hält, 

die auch schon halb durchbissen ist, 
an der wir alle hangen in Angst, 

ist Dscharatkaru, unser Sohn. 
Die Ratte aber, die du siehst, 

die an der letzten Wurzel nagt, 
die ist die Zeit, die mächtige; 

die bringt den Dscharatkaru bald, 
den Thörichten, Unglücklichen, 

der uns mit seiner Bufse nicht 
aus dieser Noth erretten kann, 

allmählig zehrend in den Tod. 
Dann stürzen wie Verbrecher wir 

kopfabwärts in der Hölle Schlund.“ 


139 


130 Liebrecht 


Sind nun, darf man wohl fragen, diese beiden Erzäh- 
lungen (Parabeln) von einander unabhängig entstanden oder 
stammt die arabische aus der indischen? Die grofse Aehn- 
lichkeit der einzelnen Umstände in beiden Darstellungen 
scheint allerdings für letzteres zu sprechen, indem im Ara- 
bischen nur Manches abgeändert und die Anwendung nach 
der verschiedenen Auffassung modificirt sein möchte; in- 
defs genügt diese Annahme noch nicht, um sich entschei- 
dend hierüber äufsern zu können. 

Die Zurückführung dieser Parabel auf den Orient, der 
ursprünglichen Heimath so vieler in Europa umlaufenden 
Dichtungen, erinnert mich an eine Bemerkung Grundtvigs'), 
nach welcher Bäckström die Quelle der Sage von Hilde- 
gard und Taland (Crescentia) ohne hinlängliche Begrün- 
dung im Osten suche. Ich will hier nicht auf eine aus- 
führliche Wiederlegung des von Grundtvig gegen den schwe- 
dischen Gelehrten Angeführten eingehen, um so viel weni- 
ger, als er in gewisser Beziehung Recht haben mag; nur 
das will ich erwähnen, dafs, ganz abgesehen von der, wie 
er selbst sagt, seltenen Sagenströmung von Westen nach 
Osten, auch die künstliche Verschlingung in der von Bäck- 
ström angeführten persischen Erzählung von der Repsima 
keineswegs ein Beweis von deren abgeleiteten Beschaffen- 
heit ist; denn dies ist der gewöhnliche Charakter der Phan- 
tasieschöpfungen des Orients. Dafs die sämmtlichen von 
Grundtvig zusammengestellten Sagen von Anfang an zu- 
sammengehörten d. h. aus einer einzigen Ursage herflossen, 
ist leicht möglich, keineswegs aber gewils; denn ähnliche 
wenn auch ursprünglich von einander verschiedene Stoffe 
üben wechselseitigen Einfluls auf einander aus und gehen in 
einander über, sowie ja auch andrerseits ein und derselbe Stoff 
sich auf die vielfachste Weise verzweigt, so dafs der Spröls- 
ling dem Hauptstamm oft nur sehr wenig ähnlich sieht. 

Grundtvig weist ferner darauf hin, wie jung das per- 
sische Märchen sei; was allerdings richtig ist, doch lälst 
sich schon a priori annehmen, dafs es weiter zurückreichen 


1) Danmarks Gamle Folkeviser I, 208. 





Zur Geschichte der romantischen Poesie. 131 


mufs als die persische Sammlung, in der es sich vorfindet, 
da diese zwar erst im 17. Jahrhundert ins Persische über- 
setzt, jedoch aus ältern türkischen, persischen, ja indischen 
Originalen geschöpft ist'). Und dafs dem so sei, d. h. dafs 
die in Rede stehende orientalische Version der Crescentia- 
sage sich weder so jung noch so alleinstehend erweist, wie 
Grundtvig annimmt und allerdings Bäckström selbst zu 
glauben scheint, zeigt ihr Vorhandensein in einer jedenfalls 
ältern Fassung, nämlich in Tausend und eine Nacht?) und 
mufs ich mich nur wundern, dafs keiner der diesen Sagen- 
kreis besprechenden Gelehrten®) auf dieses arabische Mär- 
chen hingewiesen. Wer kann aber sagen in wie ferne Zeit 
der Ursprung desselben im Orient zurückgehen, und wie 
seine erste Form beschaffen gewesen sein mag? ob nicht 
vielleicht letztere den Schlüssel zur Lösung aller durch die 
nun vorhandenen vielfachen Grestaltungen verursachten Ver- 
legenheiten liefern könnte, wenn wir es in derselben be- 
sälsen? 

Auffallend ist mir übrigens, wenn Grundtvig zur Be- 
streitung der Meinung Bäckström’s, ein so grolses Gewicht 
darauf legt, dafs die persische Wendung der Crescentia- 
sage um 800 Jahre (der Zeitraum ist aber nicht so grofs, 
wie wir eben gesehen) jünger sei als die germanische. Er 
scheint, als er diese Worte schrieb, ganz vergessen zu ha- 
ben, was er selbst kurz vorher über die hinlänglich be- 
kannte Zähigkeit und Langlebigkeit der mündlichen Ueber- 
lieferung gesagt, und mindestens ist diese im Orient ebenso 
grofs wie im Occident. Wenn wir z. B. (um bei dem vor- 
liegenden Gegenstand zu bleiben) nur das Lied „der klei- 
nen Insel im Limfjord“ besäfsen und wir nun nicht an- 
nehmen wollten, dafs es sich 700 Jahre lang (oder wohl 
noch länger) in der Hauptsache unverändert erhalten, nie- 


1) Vgl. Gräfse, Literärgesch. II, 8, 998. 

2) Nacht 497 (Breslau 1836) „Abenteuer eines Kadi’s und seiner Frau“. 

8) Grandtvig hat sie alle angeführt. Von der Hagen (Tausend und eine 
Nacht XIII, 322) hat zwar auf die Crescentiasage hingewiesen, merkwürdi- 
gerweise aber zu Gesammtabenteuer No. VII dieses arabische Märchen ganz 
und gar übersehen. 


132 Liebrecht 


mand könnte uns dann nach Grundtvig’s oben angeführter 
Ansicht deshalb tadeln; und doch sagt er selbst staunend: 
„Ja, wenn zwischen Wilhelm von Malmesbury und unsern 
Tagen nicht ein Zeitraum von 700 Jahren, zwischen sei- 
nem Geburtslande und Jütland nicht die Nordsee läge, so 
könnte es fast scheinen, als ob er seine Angaben dem Liede 
entliehen hätte, wie es jetzt auf der kleinen Insel im 
Limpfjord gesungen wird“'): 

Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin die W orte 
J. W. Wolf’s zu wiederholen, der durch die überraschende 
Uebereinstimmung eines chinesischen und eines flämischen 
Märchens veranlafst ausruft: „Gewils ist dies eins der wich- 
tigsten Beispiele für das Alter der Sage und ebenso für 
die wunderbare, wandellose Jugend, in der sie durch die 
Jahrtausende schreitet. Die arme alte Dienstmagd, die sie 
mir in einem fernen Städtchen Westflanderns erzählte, hatte 
sie in ihren Mädchenjahren schon mit auf die Wanderschaft 
bekommen, lange bevor daran gedacht wurde sie aufzu- 
zeichnen oder doch ins Deutsche zu übertragen.... Aus 
der gemeinsamen Wiege unseres Geschlechtes muls sie also 
nach dem neuen deutschen und dem chinesischen Wohnsitz 
ausgewandert sein, und wer vermag zu berechnen wann! 
Sie mufs sich hier und in China in gleicher Reinheit er- 
halten haben bis auf diese Stunde“ ?). 

Alles hier mit Bezug auf Grundtvig Bemerkte soll kei- 
neswegs dem Werth der Forschungen des gelehrten Dänen 
irgendwie zu nahe treten; denn wenn irgend jemand so 
zolle ich den Resultaten derselben die aufrichtigste Hoch- 
achtung und verfolge dieselben mit grüfster Aufmerksam- 
keit, wie das Gesagte zum Theil beweist?) und räume ich 


1) À. a. O. 8.181. Vgl. S. 183 in. 

2) Beiträge zur deutsch. Myth. II, 43. 

®) Hier noch einige Notizen mit Bezug auf die Einleitung Grundtvig's 
zu der in Rede stehenden Ballade Ravengaard og Memering. — 8.187 
Anm. **). Die spanische Romanze El conde de Barcelona steht jetzt auch 
in Wolf und Hofmann's Primavera y Flor II, 102 ff. — S.188. Ueber den 
toledanischen Juden Valentin Baruch, der die Hist. de Palanus comte de Lyon 
lateinisch bearbeitet haben soll, s. Delitzsch, Zur Geschichte der jüd. Poesie 
8.65 f. — 8.195 Anm.*). Eine Bearbeitung dieser Sage durch Rosenblut 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 133 


gern ein, dafs auf dem Gebiet der Sagen- und Märchen- 
welt mit grofser Behutsamkeit verfahren werden mufs, wenn 
es sich um Quellennachweisung handelt. Freilich sind Irr- 
thümer hierbei nicht von so grolser Wichtigkeit, wie bei 
geschichtlichen Untersuchungen, und man darf z.B. Nie- 
buhr nicht so ohne weiteres beistimmen, wenn er glaubte 
in Rom eine „wahre mündliche Ueberlieferung“ in Betreff 
Tarpeja’s entdeckt zu haben, die also, wie er sagt, „seit 
drittehalbtausend Jahren im Munde des Volkes, welches 
die Namen von Olölia und Cornelia seit vielen Jahrbun- 
derten nicht mehr kennt“, lebt und dadurch, verhielte sich 
dies so, unbestritten historisch würde!). Sehr richtig be- 
merkt jedoch zu dieser Angabe ein ebenso gelehrter wie 
besonnener Geschichtsforscher: „Es wäre wünschenswerth, 
wenn das Vorhandensein derselben (der Sage) von irgend 
einem einheimischen Alterthumsforscher festgestellt würde, 


„Von der Kaiserin zu Rom“ s. in Keller’s Fastnachtspiele Bd. III, 9.1139 ff. — 
8.196 Anm.***) Bäckström’s Angabe ist richtig; s. Gräfse zu den Gest. Rom. 
II, 226. — 8. 199 Anm.*). Ueber die Genovefasage s. Zacher in Ersch und 
Gruber Sect. I, Th. 58, 8. 219— 223; vgl. W. Müller in Pfeiffer's Germania 
Bd. I, 8.437 ff. — 8.202. In Betreff des Todtretens der Svanhild durch 
Rosse will ich bemerken, dafs dies bis jetzt das einzige Beispiel dieser To- 
desstrafe war (vgl. Grimm Rechtsalt. 698); ich kann jedoch jetzt noch einige 
weitere auf dieselbe bezügliche Stellen nachweisen; so heifst es in der 
Herraudhs- und Bosissaga c. 5 (Fornaldarsöger III, 205): 

Tröll ok älfar 

ok töfranörnir, 

büar bergrisar 

brenni thinar hallir, 

hestar trodhi thik, 

hati thik hrimthusfar u. s. w. 
Ferner in einem dänischen Volksliede: 

Christopher hand lod sig icke forsmaa 
[hand lod sin ganger offuer dronningen gaa.] 
Saa giör hand Knud och ligervisf: 
hand lod sin ganger offuer dronningen rie, 
s. Grundtvig 1. c. III, 47 v, 36, 37 und dazu die Anm. 8. 53. Aber auch 
im südlichen Europa scheint man ehedem diese Todesstrafe gekannt zu ha- 
ben, wie aus einem dalmatischen Volksliede erhellt, wo ein beleidigter Ehe- 
mann zu seiner Gemalin sagt: „Dis-moi maintenant, infidele Jela, veux-tu 
que le moulin te broie? veux -tu que les chevaux t'écrasent de leurs pieds?“ 
S. den sehr interessanten Aufsatz „La poésie populaire dans l'ile de Lésina“ 
von der Baronin v. Reinsberg (Ida v. Düringsfeld) in der Revue Britannique. 
pution Franco-Belge. Bruxelles 1858. Avril p. 182b. (Article de l'Edition 
elge). 


!) Röm. Gesch. I, 255 (vgl. III Anm. 524). 


134 Liebrecht 


der sich leichter gegen Täuschung schützen könnte als ein 
Fremder. Alle Erfahrung spricht wider die mündliche 
Ueberlieferung während der Dauer eines Zeitraums, der 
irgendwie dem von Niebuhr erwähnten gleicht“'); denn 
allerdings liegen keine hinlänglich verbürgte Beispiele von 
Sagen vor, die sich einen so langen Zeitraum hindurch im 
Volksmunde erhalten hätten. Ich sage hinlänglich verbürgte, 
denn abgesehen von dem unlängst bekannt gewordenen 
„ältesten Märchen“, welches gegen 5000 Jahre alt sein 
soll, aber „unzweifelhaft in weit höhere Zeit hinaufgeht 
und der Volkssage entnommen ist“?), wer weils das Alter 
der letztern in jedem einzelnen Falle nachzuweisen? aus 
welcher Zeit z. B. stammt das oben erwähnte chinesisch- 
flämische Märchen? aus welcher Zeit „jene merkwürdigen 
Ueberlieferungen“, die noch jetzt unter dem Volke umlau- 
fen und von denen Jakob Grimm so treffend bemerkt: „Sie 
sind, wie sich immer unzweifelhafter herausstellt, die wun- 
derbaren letzten Nachklänge uralter Mythen, die über ganz 
Europa hin Wurzel geschlagen haben und geben reichhal- 
tigen, um so unerwartetern Aufschlufs über verschüttet ge- 
glaubte Gänge und Verwandtschaften der Fabel insge- 
mein“ ®)? Und hiermit übereinstimmend äufsert sich auch 
so eben wieder ein englischer Gelehrter, indem er sagt: 
„How is it that the wandering Bechuanas got their story of 
„Ihe Two Brothers“, the groundwork of which is the same as 
„ The Machandelboom“ and the „Milk-white Doe“, and where the 
incidents and even the words are almost the same? How is it 
that in some of its traits that Bechuana story embodies those of 
that earliest of all popular tales, recently published from an 
Egyptian Papyrus coaeval with the abode of the Israelites in 
Egypt? *) and how is it that that same Egyptian tale has other 
traits which remind us of the Dun Bull in „Katie Woodencloak“, 
as well as incidents which are the germ of stories long since 
reduced to writing in Norse Sagas of the twelfth and thirteenth 


1) G. C. Lewis Untersuchungen über die altröm. Geschichte. Deutsche 
Ausgabe (Hannover 1858) I, 409 Anm. 57. 


2) 8. Zeitschrift f. deutsche Mythol. IV, 244 f. Vgl. 282. 
3) Vorrede zu meiner Uebers. des Basile 8. IX. 
4) S. Zeitschr. f. d. Mythol. IV, 282 f. 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 135 


centaries? How is it that we still find among the negroes in the 
West Indies a rich store of popular tales and the Beast Epic in 
full bloom, brought with them from Africa to the islands of the 
West; and among those tales and traditions, how is it that we 
find a „Wishing Tree“ the counterpart of that in a German po- 
pular tale, and „a little dirty scrub of a child“, whom his sisters 
despise, but who is own brother to Boots in the Norse Tales, 
and like him outwits the Troll, spoils his substance, and saves 
his sisters? How is it that we find the good woman who washes 
the loathsome head rewarded, while the bad man who refuses 
to do that dirty work is punished for bis pride; the very ground- 
work, nay the very words, that we meet in Bushy-bride, another 
Norse Tale? How is it that we find a Mongolian tale, which 
came confessedly from India, made up of two of our Norse 
Tales, „Rich Peter the Pedlar“, and „The Giant that had no 
heart in his body“? How should all these things be, and how 
could they possibly be, except on that theory which day by day 
becomes more and more a matter of fact: this, that the whole 
human race sprung from one stock, planted in the East, which 
has stretched out its boughs and branches, laden with the fruit 
of language, and bright with the bloom of song and story, by 
successive offshoots to the utmost parts of the earth.“ ') 


Wie alt aber auch die Tarpejasage sein möge, selbst 
in ihrer ältesten Gestalt, so enthält sie jedenfalls nur die 
Möglichkeit, keineswegs aber an und für sich und ohne 
weitere Beweise die Wirklichkeit einer historischen Grund- 
lage; sie scheint mir vielmehr zu der eben erwähnten Klasse 
von UÜeberlieferungen zu gehören, die, meist aus Götter- 
mythen entsprungen, sich bekanntlich später in Heldensa- 
gen und noch später oft in Märchen verwandelten. So 
war denn auch eine Tarpejasage in Kleinasien heimisch?) 


!) George Webbe Dasent, D. C. L. Popular Tales from the Norse. With 
an Introductory Essay on the Origin and Diffusion of Popular Tales. Second 
Edition. Enlarged. Edinb. 1859. Edmonston and Douglas. — Es ist dies eine 
Uebersetzung der Märchensammlung von Asbiörnsen und Moe. Aufser andern 
vortrefflichen Beigaben enthält diese zweite Auflage auch eine Sammlung von 
Annanzi-Märchen, welche die Neger mit sich nach Westindien hinüberge- 
bracht haben, die hier aus dem Munde einer westindischen Amme niederge- 
schrieben sind. Annanzi, die Spinne, erscheint in der afrikanischen Märchen- 
welt als besonders kluges Thier und um sie drehen sich Erzählungen, die 
zahlreiche Analogien mit den in Europa umlaufenden darbieten. 


2) Lewis L c. S. 408, Anm, 64. 


136 Liebrecht 


und nicht nur diese, sondern auch viele andere der altrô- 
mischen Geschichte angehörige Sagen fanden sich ander- 
wärts wieder’) und mochten vielleicht noch weiter ver- 
breitet sein, als wir jetzt Kunde haben. Besonders scheint 
die Romulussage den Niederschlag einer religiösen Urmythe 
zu enthalten und einem weitausgedehnten und weitverbrei- 
teten Kreise von Ueberlieferungen anzugehören?). 

Dafs aber selbst unter den ältesten Römern derglei- 
chen ihnen und den Griechen gemeinschaftliche Sagen vor- 
handen sein konnten, darf um so weniger auffallen, als ja 
auch noch im Volksmund der Jetstseit altgriechische Mythen 
leben. Die Anmerkungen zu Grimm’s Märchen zeigen man- 
ches der Art und will ich nur noch ein Beispiel hinzufü- 
gen, nämlich das Märchen von den zwei Brüdern, welches 
in verschiedenenLändern umläuft (Zeitschr. f. d. Myth. II, 165 
Mannhardt German. Mythen S. 216 ff.) und sein Seitenstück 
im alten Griechenland findet. In Pfeiffer’s Germania (II, 242 
zu No. 60) habe ich bereits darauf hingewiesen, aber nur 
nach der unverbürgten Angabe des Natalis Comes, deren 
Quellen ich aber jetzt anzugeben vermag; er hat nämlich 
seine Erzählung aus Pausanias °) und dem Scholiasten des 
Apollonius von Rhodus *) geschöpft. 


1) Man sehe die Parallelen in Plut. Moralia II, 334 ff. ed. Tauchnitz; 
so auch in Betreff des Romulus, Scävola, Curtius, Manl. Torquatus, der Ho- 
ratier und Curiatier u.s.w. Vgl. ferner Lewis a. a. O. II, 70, Anm. 21 hin- 
sichtlich der Fabel vom Bauch und den Gliedern. Die Parallelen sind be- 
kanntlich nicht von Plutarch, dies thut jedoch nichts zur Sache; mehre der 
erwähnten Sagen finden sich auch bei Stobaeus. 


2) Ich werde dies bei anderer Gelegenheit nachzuweisen suchen; zu- 
nächst sehe man über die wunderbare Geburt der Zwillingsbrüder Lewis 
a. a. O. S. 893—894 nebst den Anmerk. 

8) 1, 41,4: „Oo xoÿéw de Too "Tilov urnuaros "Ioıdos vaos xai 
mag” adrov Anöllowos dorı nal Apreudos. AlxaPovr dé par noın- 
cu, anoxrelvavra Aeovra Toy xahovusvov Kidaigwmiov. . . . Meyapsa 
d2 yauov te vx ocyéo Ta Fvyargos xal ws dadoyor EËe The apxis, dar 
tov Kıdamyavıov Asovra axoxtetveu da vaèra Alnagovv Tov ITéloxos 
drigeupnoavra To Imolo xgarzoaı re, xal we éBacikevoe, TO Lego Koin- 
cas ToVTo.“ 

4) Zu I, 517: „Ausvgidas êv Tois Meyagınois iorogei Orı AladFovs 
ö Ilélonos dia Tov Xogvalnııov Yovov puyadevdeis dx av Meyapwr 
Nexero xaTownowv eis Erigav molw' oc à megıenece Adovrı Avuamvo- 
uEvop Ta Meyaga, Ep’ Ov xal Erepoı 7oav ansorakusvos Uno Tov Baoı- 


Zur Geschichte der romantischen Poesie. 197 


Um aber zu Tarpeja zurückzukehren, so will ich noch 
bemerken, dafs Lewis sich vor nicht langer Zeit bemüht 
hat der von Niebuhr erwähnten Sage auf die Spur zu kom- 
men nnd deshalb durch einen befreundeten römischen Arzt 
sorgfältige Nachforschungen veranstalten lassen, die jedoch 
ohne Erfolg blieben). Ist damit nun auch keineswegs 
noch bewiesen, dafs Niebuhr sie nicht wirklich vernom- 
men und sie vielleicht nicht noch vorhanden sei?), so 





lécrs Tüv Meyagéor, xurayavikeras todroy, nal 1%» yhavsar avroë 
eis Tour Jéusvos Togero eis ra Méyaga, nai axayysklorror Tüv axe- 
oraluevov ent Tv Inpav, Ov avroi slow ol xaTayomiouévor, T005- 
xogisas nv nngav nieyEev avrovs. doneg Picas trois Jeois © Baoıkavs, 
ro relevraiov nv yhdooar énédmxer row Pmuois xal ano vôtre Kos 
tovro Ösdusıvev Meyagedoi.“ — Etwas Achnliches auch bei Apollod. III, 
18, 3. 

1) „With respect to the popular legend described by Niebuhr, I have 
made all possible enquiries through people living in that quarter of the 
town, and by their profession and character conversant with the lower or- 
ders; but I have not succeeded in discovering any trace of it and it is cer- 
tain that I could not have failed in verifying it, if it at all deserved the 
name of popular.“ Siehe den ausführlichen Bericht in der Zeitschrift: Notes 
and Qneries. Second Series vol. III, p. 841, wo Lewis auch noch auf einige 
ähnliche Sagen von Bergentrückten nach Grimms Deutscher Myth. und Deut- 
schen Sagen verweist, die sich noch leicht mit zahlreichen Beispielen vermeh- 
ren liefsen. 


2) Kundige Sagensammler wissen sehr gut, dafs der eine oft findet, wo 
der andere trotz aller Bemühung vergeblich sucht. Der Gründe sind man- 
cherlei; es bedarf der Erfahrung und Gewandtheit, aber auch der Zufall thut 
viel und endlich sterben mündliche Ueberlieferungen von Tag zu Tage aus; 
daher die dringenden Aufforderungen zu sammeln, so lange noch Zeit ist, 
In welchem Mafse letztere trotz ihrer obenerwähnten erstaunlichen Langlebig- 
keit dennoch häufig verloren geben, erhellt z. B. ans Grundtvig’s Angabe 
(Bd. IL S. XIV), wonach in Dänemark in ungefähr dreihundert Jahren (die 
älteste dänische Liederhandschrift ist nämlich vom Jahre 1550; s. ebendas. 
8.654, No. 31, 6) fünfundachtzig Lieder aus dem Volksmunde verschwunden 
sind, also etwa alle 3% Jahr ein Lied. Wie viel gröfser mag nun der ver- 
hältnifsmäfsige Verlust reimloser mündlicher Ueberlieferungen sein; und seit 
Niebuhrs Aufenthalt in Rom sind bereits ungefähr 40 Jahre verflossen! Kein 
Wunder daher, wenn die Tarpejasage jetzt nicht mehr im Volksmunde za 
finden sein sollte. — Aecht volksthümlich ist der Zug, dafs Tarpeja in der 
Niebuhr’schen Sage mit Gold und Geschmeide überdeckt ist; so z.B. erzählt 
eine wallonische Sage, wie eine Rittertochter sich für Gold der Schande 
verkaufte und dadurch den Tod ihres Vaters und Bräutigams verursachte, 
dann aber später ihre Leiche am Eingange eines unterirdischen Ganges ge- 
funden wurde. „Seitdem sieht man am Vorabend hoher Feste eine mit Gold 
und Edelsteinen bedeckte Ziege diesen Gang durchrennen“. Wolf, Niederl. Sa- 
gen No. 234. Vgl. Niebuhr 1. c. I, 255 Anm. 682. Seine Bemerkung ist tref- 
fend, sowie er tiberhaupt ein feines Gefühl für Volkspoesie besafs, obwohl 
allerdings oft seine erhitzte Phantasie der Ruhe und Besonnenheit über den 
Kopf wuchs. 


IT. 2. 10 


138 Liebrecht, Zur Geschichte der romantischen Poesie. 


stimme ich doch Lewis und seinem römischen Freunde 
darin bei, dafs sie in ihrer jetzigen Gestalt, wie so viele 
der auf die römische Geschichte bezüglichen Sagen, jeden- 
falls erst aus dem Mittelalter stamme'). Sie gehört also 
ganz eigentlich dem Gebiete der Romantik an, und dieser 
Umstand, abgesehen von dem Interesse des Gegenstandes 
selbst, möge diese die Niebuhrische Mittheilung betreffende 
ausführlichere Erörterung entschuldigen. 

Hiermit schliefse ich diese Bemerkungen, deren Zweck 
es ist einige bekannte Sätze durch neue Beispiele aus dem 
betreffenden Dichtungskreise zu belegen. 


1) 8. Notes and Queries a. a. O. Vgl. Lewis, Untersuch. u. s. w. I, 329 
Anm. 147. 


Lüttich. Felix Liebrecht. 





Freiherr von Münch, Virués Leben und Werke. 139 


Virues’ Leben und Werke. 


Dafs der Hauptmann Christoph von Virues, der Ver- 
fasser des Legendenepos, El Monserrate, von seinen Zeit- 
genossen nicht nur überhaupt als Dichter hochgeschätzt 
wurde, sondern auch insbesondere als einer der Begründer 
des spanischen Nationaldramas ausgezeichnete Anerken- 
nung genofs, darüber läfst die Art und Weise, in der 
Cervantes in dem Canto de Caliope, Galat. libr. 6, in der 
Viage al Parnaso, cap. 3, im D. Quijote, part. 1, cap. 6, 
und Lope de Vega im Laurel de Apolo, silva 4, dann in 
dem Arte nuevo de hacer comedias dieses Dichters erwäh- 
nen, keinen Zweifel übrig. Da nun die Ausgabe der dra- 
matischen Werke dieses Vorläufers Lope de Vega’s (Obras 
tragicas y liricas del capitan Cristoval de Virués, Madrid 
1609) sehr selten geworden ist, und keine der bisher er- 
schienenen verschiedenen Sammlungen spanischer Komödien 
auch nur eine Probe derselben enthält, so kann eine neue 
Ausgabe seiner Gran Semiramis von den Liebhabern und 
Kennern der spanischen Literatur nur mit Dank begrüfst 
werden. Dieselbe erschien, von einem ungenannten Eng- 
länder besorgt, im J. 1858, London und Edinburgh bei 
Williams and Norgate '); und hat uns zu der folgenden 
Untersuchung über die Werke und das Leben Viruee’ die 
Veranlassung gegeben. Ehe wir in dieselbe aber eintreten, 
wollen wir jene neue Ausgabe selbst einer kurzen Kritik 
unterwerfen. 

Im Allgemeinen mufs freilich bedauert werden, dafs 
ihr Herausgeber durch den Mangel an hinlänglicher Vor- 
bildung und den nöthigen literarischen Hülfsmitteln sich 
seinem Unternehmen, den heutigen Anforderungen der Wis- 
senschaft gegenüber, nicht völlig gewachsen zeigt, was er 
auch selbst bescheiden eingesteht. Sein literarischer Ap- 
parat scheint in der That sich auf Schack’s Geschichte 
der dramatischen Kunst und Literatur in Spanien und auf 
Ochoa’s Tesoro del teatro espaüol zu beschränken; der seit 


1) 8. die Bibliographie des vor. Jahrg. No. 810. 
10” 


140 Freiherr von Münch 


1846 zu Madrid erscheinenden Biblioteca de autores espa- 
ñoles erwähnt er zwar und bezeichnet sie sogar mit unbil- 
liger Schärfe als: a grand design unscientifically executed ; 
sie scheint ihm aber zur Benutzung nicht zugänglich ge- 
wesen zu sein, sonst würde er nicht bezüglich der Ana- 
lyse der Dramen des Virués Ochoa (Tom. I, p. 108— 116) 
citiren, sondern sich statt auf diesen Nachdruck direct auf 
Moratin’s Origenes del teatro espanol berufen, wie solche 
in dem 2. Bande der Biblioteca enthalten sind, und sich 
nicht dadurch der Möglichkeit der Mifsdeutung aussetzen, 
als ober, wie es jetzt fast den Anschein hat, Ochoa für den 
Verfasser jener von Moratin herrührenden Analyse ansähe. 
Denselben Umständen, nämlich dem Mangel an hin- 
länglicher Vorbildung und an den nöthigen literarischen 
Hülfsmitteln, ist auch die Selbstüberschätzung des Heraus- 
gebers zuzuschreiben, mit der er durch die Ausgabe des 
vorliegenden Dramas der Literatur einen unermefslichen 
Dienst geleistet, und alle jene, die sich mit der Forschung 
nach den Quellen der klassischen Dichtungen des Alter- 
thums und der Dramen Shakespeare’s beschäftigten, weit 
überboten zu haben glaubt. Das von ihm herausgegebene 
Drama des Virues zeichnet sich nämlich nach seiner Ueber- 
zeugung nicht minder durch hoben ästhetischen Werth als 
durch literarhistorische Bedeutung aus; worauf er aber 
das meiste Gewicht legen zu dürfen glaubt, ist der Um- 
stand, dafs dasselbe als die erste dramatische oder über- 
haupt poetische Bearbeitung der alten prachtvollen Semi- 
ramissage erscheine. Die Richtigkeit der letzteren Be- 
hauptung kann ihm wenigstens in Beziehung auf die spa- : 
nische Literatur, insbesondere auf das spanische Drama 
zugestanden werden; eine ältere Bearbeitung der Semiramis- 
sage ist nicht bekannt!). Das gleichnamige Stück des 
Lope de Vega, dessen der Dichter schon in dem der ersten 
Ausgabe des Peregrino en su patria, Sevilla 1604, beige- 
fügten Verzeichnisse seiner Stücke erwähnt, ist allem An- 
1) Die in Huerta’s Catal. alfab. de comed., Madr. 1785, erwähnte Tra- 


gödie gehört dem XVIII. Jahrhundert an, und ihr Verfasser ist D. Lorenzo 
de Villaroel, marqués de Palacios. 


Virués’ Leben und Werke. 141 


scheine nach später erschienen als die Semiramis des Vi- 
rues, und ist uns leider nicht erhalten, was um so mehr 
zu beklagen, da es uns die Möglichkeit geboten haben 
würde, an der Bearbeitung eines und desselben Stoffes von 
der Semiramis des Virués bis zur Hija del aire des Cal- 
deron hinan uns den Charakter der Anfänge, der Blüthe 
und der vollen Reife des spanischen Nationaldramas recht 
anschaulich zu vergegenwärtigen. Was dagegen den ästheti- 
schen Werth der Semiramis des Virués betrifit, so ist 
derselbe, obwohl ich ihn höher anschlage als Schack, 
gleichwohl ein sehr geringer, indem nur die beiden ersten 
Jornadas wahrhaft dramatische Bewegung zeigen, während 
die dritte in epischer Breite zerfliefst. Um die Mangel- 
haftigkeit der Composition zu bezeichnen, genüge es zu 
erwähnen, dafs der Dichter erst hinterdrein, nach der Er- 
mordung der Semiramis durch ihren Sohn, der Katastrophe 
des .Stückes, in breiter Auseinandersetzung die Jugend- 
geschichte der Heldin erzählen läfst. In der Ausführung 
fehlt es nicht an Zügen wahrer Leidenschaft, und an Stel- 
len von poetischem Schwunge, die über das Talent des 
Dichters keinen Zweifel übrig lassen und die Lobsprüche 
Lope’s und Cervantes’ wenigstens zum Theil rechtfertigen; 
nichtsdestoweniger aber erscheinen sowohl die Semiramis 
als die übrigen Stücke des Virués, selbst die sowohl von 
Moratin als Schack über Verdienst hochgestellte Dido, als 
höchst unvollkommene Producte, die nur als die ersten 
unsicheren Schritte des Genius auf der Bahn des nationa- 
len Dramas Beachtung verdienen ',, Ebenso muls auch 


1) Virues spricht zwar in dem Prölogo der Semiramis das Verdienst an, 
in diesem Stücke zuerst mit zwei bedeutenden Neuerungen aufgetreten zu 
sein. Als die erste bezeichnet er den Umstand, dafs jeder der drei Akte 
seines Stückes an einem andern Orte spiele, und die in ihm dargestellten 
Begebenheiten so vollständig abschliefse, dafs jeder für sich für eine Tragödie 
gelten könne, und als die zweite macht er geltend, dafs die Semiramis das 
erste in 3 Akten abgefafste Stück sei. Was nun die erstere Behauptung be- 
trifft, so mufs zugegeben werden, dafs die Einheit des Ortes zwar allerdings 
in jedem einzelnen Akte mit Glück festgehalten ist, ein Vorzug, den Lope 
de Vega und seine Nachfolger vielleicht zu wenig zu schätzen und sich an- 
zueignen wufsten; die Angabe aber, dafs jeder Akt eine Tragödie für sich 
bilde, wird wohl in unsern Tagen Niemandem begründet erscheinen, wenn 
auch im 1. Akte Menon, im 2. Ninus, im 3. endlich Semiramis zu Grunde 


142 Freiherr von Münch 


die hohe literarhistorische Bedeutung der vorliegenden 
Ausgabe der Semiramis des Virués in Abrede gestellt 
werden; in den Comedias des Juan del Encina, in Lope 
de Rueda, in der Propaladia des Torres Naharro, in den 
Comedias de quattro poetas Valencianos, im Norte de la 
poesia española u. s. w. sind uns hinlängliche Muster und 
Beispiele des spanischen Nationaldramas, wie es sich vor 
Lope de Vega entwickelte, erhalten, um uns ein deutliches 
Bild jener Literaturepoche zu geben. Die Semiramis des 
Virués ist nur ein Specimen jener Gattung mehr, und ent- 
hält nichts, was unsere Kenntnifs in dieser Beziehung ver- 
mehren oder auch nur berichtigen könnte, womit aber die 
Verdienstlichkeit der vorliegenden Ausgabe, wenn auch nur 
in dem Sinne einer quantitativen, nicht qualitativen Berei- 
cherung, einer Zugänglichmachung zu einer minder bekann- 
ten, aber keineswegs unentbehrlichen Quelle des Wissens, 
einer Vermehrung unserer Büchersammlung mit einem 
Curiosum, einer literarischen Seltenheit und dergl. nicht 
bestritten werden soll. 

Wenn nun aber, abgesehen von den in dem Vorher- 
gehenden auf ihr rechtes Maafs zurückgeführten übertrie- 
benen Ansprüchen des Herausgebers, wie sich dieselben in 
seiner Preface zu der von ihm veranstalteten Ausgabe der 
Semiramis des Virués kundgeben, diese letztere selbst 
prüfend ins Auge gefafst wird, so erweist sich dieselbe 
im Allgemeinen allerdings zum Verständnifs und zur Beur- 
theilung des Dichters hinlänglich brauchbar; nichtsdesto- 
weniger leidet sie an vielen Gebrechen, die sich aber so- 
wohl aus dem schon erwähnten Stande der Vorbildung und 
der sonstigen Verhältnisse des Herausgebers als auch vor- 
züglich aus dem Umstande erklären, dafs diese Ausgabe 
nicht nach der Originalausgabe der Obras tragicas y liricas 
del capitan Cristoval de Virus, Madrid 1609, selbst, son- 


geht. Hinsichtlich der zweiten Behauptung aber, dafs Semiramis das erste 

in 8 Akten abgefafste spanische Stück sei, hat bekanntlich schon Moratin 
nachgewiesen, dafs dieser Vorzug, wenn es einer ist, einem im J. 1553 ver- 

fafsten Stücke des Francisco de Avendaño zukomme, obwohl Andres de Ar- 

Cervantes und Virués ihn für sich in Anspruch nehmen (s. Schack I, 
. 298). 


Viruds’ Leben und Werke. 143 


dern nach einer von dieser Originalausgabe genommenen 
Abschrift der Semiramis besorgt wurde. Der Herausge- 
ber drückt sich hierüber so aus: „that his copy was a 
transcript from the original (and only) Edition (of 1609) 
in the Escurial Library, and not the original itself“, 
und unterläfst dabei anzugeben, ob er diese Abschrift 
selbst besorgt, oder auf andere Weise in den Besitz der- 
selben gekommen sei. Im erstern Falle würde er wohlge- 
than haben, seiner Arbeit eine genaue Beschreibung der 
seltenen Originalausgabe der Werke des Virués beizufü- 
gen; in jedem Falle aber scheint bei der Besorgung der 
Abschrift, wie bei dem Abdrucke derselben nicht mit der 
nöthigen Sorgfalt verfahren worden zu sein; denn das 
Büchlein ist trotz der von dem Verfasser angedeuteten Ver- 
besserungen der Abschrift, ja vielleicht in Folge derselben, 
ziemlich reich an Fehlern, die nicht immer als blofse Druck- 
fehler angesehen werden können. Ob der Herausgeber 
Recht gethan, die eigenthümliche Rechtschreibung des Vi- 
rues beizubehalten, statt sie durch jene der spanischen Aka- 
demie zu ersetzen, soll nicht erörtert werden; es möge ge- 
nügen hier die Berichtigung der wichtigsten jener oben er- 
wähnten Druckfehler nach den Angaben der Originalaus- 
gabe zu finden. 
Im Prölogo V.10 u. 11 statt La lies Fa. 
In der Jornada primera: 
V. 136 statt vera lies ora, d.i. vuestra, 


V. 241 - escusarte lies escusarle. 

V.242 - dejasossiego lies desasosiego. 
: V.264 - Harasse lies Hard se. 

V. 566 - Arminon lies armino. 


V.567 - juntoi lies junto. 
V. 681 ist i am Anfange des Verses wegzulassen. 
V. 700 statt al lies el. 
- - éllies le. 
In der Jornada segunda: 
V. 61 statt decidlos lies decildo. 
V.78 - acede lies ecede (excede). 
V. 159 -  dsso lies eso. 


144 Freiberr von Münch 


V. 178 statt pue lies que. 
V.346 - Ai pecho igual, Zelabo, un bivo fuego 
lies Ay pecho igual! 
Zelabo. 
Un vivo fuege. 
In der Jornada tercera: 
V.24 statt par lies pas. | 
V.40 - tiemple lies tiemble. 
V.54 - siel lies fiel. 
V.265 - podran lies podrd. 
V. 305 - cuadrollo lies cuadrallo. 
V.428 - gutos lies gustos. 
V. 630 - le vantando lies levantando. 
V. 661 - quema lies queme. 
V. 690 - is lies Is (siehe Herod. B.I, Cap. 179). 
Der Umstand, dafs Virués den Namen des Flusses Is 
kennt, der meines Wissens nur im Herodot vorkommt, ist, 
wie auch Schack andeutet, ein deutlicher Beweis, dafs 
Virués nicht nur Diodor, Aelian und Justin kennt, sondern 
auch das Geschichtswerk des Herodot benutzt hat; das 
letztere scheint bei dem Herausgeber wohl kaum der Fall 
gewesen zu sein, weil er sonst gewils nicht is hätte drucken 
lassen, was gar keinen Sinn gibt. 


Im Folgenden ist nun unsere Absicht, eine genaue 
Beschreibung der sehr selten gewordenen Originalausgabe 
der Werke dieses merkwürdigen Dichters und eine ein- 
gehendere Erwägung ihres Inhaltes, besonders der lyrischen 
Gedichte, und der Andeutungen zu geben, die diese letztern 
in Bezug auf die Lebensgesehichte ihres Verfassers ent- 
halten. 

Das in der Wiener Hofbibliothek befindliche Exem- 
plar der Originalausgabe der Werke des Virués ist ein 
Band in klein Octav von 278 Blättern oder 556 Seiten und 
mit Custoden und Signaturen versehen. Die Foliirung be- 
giont jedoch erst mit der Jornada primera der Semiramis; 
der vorhergehende Druckbogen entbehrt der Foliirung, und 
enthält Titel, Aprovaciones, Vorrede, Personen und Prolog 


Virués’ Leben und Werke. 145 


der Semiramis. Der Einband ist noch der ursprüngliche, 
und ganz gewils mit der Auflage des Buches gleichzeitig; 
auf dem Rücken des Pergamentumschlages steht die ganze 
Länge desselben einnehmend geschrieben: Comedias Valen- 
cianas, ein deutlicher Beweis, dafs schon damals den Spa- 
niern die Eintheilung der Vorläufer Lope de Vega’s in die 
Valencianer, Sevillaner und Madrider Schule geläufig war. 

Der Titel des Buches ist folgender: 

Obras | tragicas | y liricas del | Capitan Cris | toual 
de Viruês | Madrid 1609, por Alonso Martin, a costa de 
Esteuan Bogia, mercader de libros. 

‘Das nächste Blatt enthält die Tabla de comedias, que 
en este libro se contienen, nämlich: 

La gran Semiramis. 
La cruel Casandra. 
Atila furioso. 

La infelice Marcela. 
. Elisa Dido. 

Unmittelbar an dieses Verzeichnifs schliefst sich jenes 
der Druckfehler (Erratas) an. 

Aprovaciones und Licencias sind dem Büchlein drei 
vorgedruckt; von diesen ist die erste die Aprovacion dd’ 
Mailand, 26. Junius 1604, unterzeichnet Pedro de Buiça 
de la compañia de Jesus, mit der beigefügten Licencia 
ebenfalls dd’Mailand, 26. Junius 1604, unterzeichnet Fr. Au- 
gustin Galamini, Inquisitor von Mailand, dann Al. Bossius, 
Canon. ordin. Theol. für den Cardinal Erzbischof von Mai- 
land, und mit dem fernern Beisatze: vidit Saccus pro Ex- 
celent. Senatu. Mil. 

Nach dem Datum dieser Aprovacion läge eine Mai- 
länder Ausgabe der Werke des Virués vom J. 1604 im 
Bereiche der Möglichkeit, von deren Existenz sich jedoch 
bisher noch keine Spur ergeben hat. 

Die beiden übrigen Aprovacionen sind zu Madrid im 
J. 1608 ausgestellt; die eine (Aprouacion del Ordinario de 
Madrid) unterm 30. Juni, unterzeichnet: El Dotor Cetina, 
die andere (Aprouacion del Padre Presentado) unterm 9. Juli, 
unterzeichnet: El Presentado Fray Juan Bautista. 


ppm 


146 Freiherr von Mtinch 


Die Suma del privilegio, welches sich auf 10 Jahre 
erstreckt, weiset als Ausstellungsort des letzteren Lerma, 
und als Datum den 26. Juli 1608 aus. 

Die Fe de Erratas ist zu Madrid unterm 26. Januar 
1609 ausgestellt und unterzeichnet: El Licenciado Murcia 
de la Llana. 

Die Tasa trägt das Datum Madrid, 18. Februar 1609, 
und ist von Francisco Martinez unterfertigt. 

Diesen Aktenstücken folgt die Vorrede des Verfassers, 
in welcher er von seinen dramatischen Arbeiten angibt, er 
habe sie in seiner Jugend zu seinem Vergnügen gemacht 
(hechas por entretenimiento i en juventud), gleichwohl aber 
zwischen seinen ersten 4 Tragödien und der letzten, Dido 
unterscheidet, indem er von den erstern bemerkt, er habe 
sich bemüht in denselben die Vorzüge der klassischen Dich- 
tung und der neuern Kunst zu verbinden, und sie auf diese 
Weise den Erfordernissen, dıe in seiner Zeit an ein Theater- 
stück gestellt würden, anzupassen, während er über die 
letztere, Dido, sich ausspricht, sie sei mit sorgfältiger Mühe 
im Stile der Griechen und Römer geschrieben. Er be- 
schliefst die Vorrede mit der Bemerkung, dafs er über- 
haupt sowohl in seinen dramatischen als lyrischen Werken 
immer das Nützliche mit dem Angenebmen zu verbinden 
gestrebt habe, wie er dies auch in seinem epischen Gedichte 
Monserrate gethan. 

Der Vorrede folgt die Angabe der in der Semiramis 
handelnden Personen, hierauf der Prölogo dieses Stückes; 
die auf diesen folgende, der Jornada primera der Semiramis 
unmittelbar vorhergehende Seite enthält folgende Bemer- 
kung: „La ortografia, que Îleva este libro, se puso a per- 
suasion del autor del, y no como en la imprenta se usa.“ 

Was nun diese eigenthümliche Orthographie des Virués 
betrifft, so geht dieselbe offenbar von dem Grundsatze aus, 
es solle so geschrieben werden, wie gesprochen wird; sie 
stimmt also in einigen Fällen mit der jetzigen Rechtschrei- 
bung der spanischen Akademie überein, und würde noch 
öfter mit ihr übereinstimmen, wenn Virues bei der Durch- 
führung jenes Principes auf die Etymologie der Wörter 





Viruds’ Leben und Werke. 147 


und die Nothwendigkeit, die Stammsilben unverändert, oder 
doch wenigstens erkennbar zu erhalten, einigermaßen Rück- 
sicht genommen hätte, und überhaupt mit mehr Consequenz 
vorgegangen wäre. Dies geschieht aber gar nicht; die 
Vertauschungen der in Spanien beinahe gleichlautenden 
Consonanten b und v, wie bivir, bolando, buelo statt vivir, 
volando, vuelo kehren regelmäfsig wieder; ebenso wird 
einerseits quando, qual gebraucht, während doch wieder 
andrerseits cuanto und sogar inico statt des älteren iniquo 
oder des modernen inicuo geschrieben wird; und nur darin 
bleibt Virués beharrlich sich getreu, dafs er i für das 
Bindewort y schreibt. 

Der Inhalt der dramatischen Werke des Virués, die 
in der Originalausgabe die Blätter 1 — 204 umfassen, ist 
durch die Analysen Moratin’s und Schack’s so hinlänglich 
bekannt, dafs es einer weitern Erörterung derselben wohl 
nicht bedarf. Um so wichtiger erscheint es dagegen, die 
in den übrigen 74 Blättern des Bandes enthaltene Samm- 
lung seiner lyrischen Gedichte ins Auge zu fassen. Sie 
besteht aus 68 Sonetten, 6 Canzonen und 15 andern grö- 
fsern und kleinern Gedichten, Terzinen, Octaven, Roman- 
zen u. 8. w.!). Alle diese leider weder chronologisch, noch 
nach irgend einem andern System geordneten Gedichte sind, 
wenn auch nicht durch hohen poetischen Werth ausge- 
zeichnet, doch einerseits durch vielfache Aufklärungen über 
den Lebenslauf ihres Verfassers interessant, andrerseits aber 
so gut als unbekannt, indem sie seit ihrem ursprüng- 
lichen Erscheinen nicht wieder aufgelegt, und selbst in 
den verschiedenen Sammelwerken und Anthologien ent- 
weder gar nicht oder nur spärlich berücksichtigt wurden; 
Sedano’s Parnaso espanol enthält z. B. nicht ein Gedicht 
des Virués; Don Adolfo de Castro bringt in seinen Poetas 
liricos de los siglos XVI y XVII (Biblioteca de autores 
espaüoles, Tom. 32 y 42) nur eines, das in der Floresta de 


1) Von den Sonetten sind zwei in italienischer Sprache abgefalst; das 
erste führt die Ueberschrift: Un galan embiö el siguiente sonetto al Capitan 
Virués creyendo, que le era competidor; das zweite ist: Respuesta de Virués 
bezeichnet. 


148 Freiberr von Münch 


varia poesia, 1* parte, enthaltene Sonett: Digo que las pa- 
redes han oidos; nur der fleifsige Böhl de Faber liefert in 
seiner Floresta de rimas antiguas castellanas, 3° parte, No. 
772—781, 10 Gedichte des Virués, die, vom ästhetischen 
Standpunkt betrachtet, allerdings zu seinen bessern gehören, 
dagegen die Persönlichkeit und die Lebensverhältnisse des 
Dichters nur wenig und höchst unbestimmt herausstellen. 
Was sich aus der Sammlung seiner Gedichte in dieser 
Beziehung ermitteln läfst, ist Folgendes. 

Christoph von Virués war zu Valencia geboren; er 
gedenkt in seinen Gedichten mehrmals der Ufer des Turia, 
und nennt ihn: Querido y pairio Turia. Er war der Sohn 
Alonso’s de Virués, eines in seiner Zeit sehr hochgeschätz- 
ten Arztes, der sich auch durch schriftstellerische Arbeiten 
auszeichnete, und die Vorliebe für Kunst und Wissenschaft 
auf alle seine Kinder vererbt zu haben scheint; denn nicht 
nur Christoph, auch dessen Brüder Hieronymus, der dem 
Berufe seines Vaters folgte, und Franz, der sich dem geist- 
lichen Stande widmete, werden von den Literarhistorikern 
nicht nur ihrer gründlichen Gelehrsamkeit wegen gerühmt, 
sondern auch wegen der von ihnen gelegenheitlich abge- 
legten Proben poetischer Begabung lobpreisend hervorge- 
hoben; sogar ihrer Schwester Geronima Agostina Benita 
wird als einer gründlichen Kennerin der lateinischen Sprache 
beifällig erwähnt. 

Wenn es richtig ist, dafs Christoph von Virues, wie 
die Spanier angeben, um das Jahr 1550 geboren ist, so 
hat er sich dem Stande, dem er fürs Leben angehören 
sollte, nämlich dem Soldatenstande, sehr frühzeitig gewid- 
met; denn es unterliegt keinem Zweifel, dafs Virués wie 
Cervantes auf der spanischen Flotte an der grofsen See- 
schlacht von Lepanto (7. October 1571) Theil genommen; 
und wenn auch Ximeno in seinen Escritores Valencianos 
dieser Thatsache nicht ausdrücklich erwähnte, so mülste 
ein Blick auf die Egloga de la batalla naval in der Samm- 
lung der Gedichte des Virués jedes Bedenken darüber be- 
heben. Dieses Gedicht, das meines Wissens noch nirgend 
näher eingehend beleuchtet worden, trägt nämlich so deut- 


Viru6s’ Leben und Werke. 149 


lich das Gepräge, dafs der Verfasser ein Augenzeuge der 
Begebenheit gewesen, dafs sich niemand der Anerkennung 
dieser Thatsache entziehen kann. Um so mehr ist es zu 
bedauern, dafs Don Adolfo de Castro in seinen Poetas 
liricos de los siglos XVI y XVII (Bibliot. de autor. espa- 
ñol. Tom. 32 y 42) nicht statt vieler verhältnifsmäfsig bei 
weitem werthloserer Gedichte diese Egloga aufgenommen, 
und dadurch dem Geschichtsforscher Gelegenheit zur Ver- 
gleichung der Schlachtschilderung des Virués mit dem of- 
ficiellen Berichte Don Juan’s de Austria an Philipp II. ge- 
boten hat, der zu Madrid 1847 von dem spanischen Inge- 
nieur-Obersten Don José Aparici in der Zeitschrift Me- 
morial de Ingenieros veröffentlicht wurde. Auch würde 
man dann von der stereotyp gewordenen Lobpreisung der 
in dem 4. Gesange des epischen Gedichtes des Virues, El 
Monserrate enthaltenen, in 10 bis 12 Octaven zusammenge- 
drängten, höchst flüchtigen Schilderung der Schlacht von 
Lepanto zurückkommen, und sich dafür an das viel farbigere, 
lebensfrische und detaillirte Gemälde halten, das in dieser 
Egloga in mehr als 900 Versen entrollt wird. 

Virus scheint auch in den nächstfolgenden Jahren 
an den Unternehmungen Don Juan’s de Austria im Mit- 
telmeer Theil genommen zu haben; darauf scheint wenig- 
stens das unmittelbar auf die Egloga folgende Sonett De 
la jornada de Navarino hinzudeuten. Es bezieht sich, mit 
Hinblick auf den im vorhergehenden Jahre um dieselbe 
Zeit errungenen Sieg bei Lepanto, auf die im October 1572 
stattgehabte erfolglose Expedition gegen Navarino (s. Thuani 
hist. temp. sui, libr. 54, cap. 24; Vanderhammen, D. Juan 
de Austria, libr. A; Cabrera, Felipe II, lib. 10, cap. 5) und 
folgt hier als eine Probe der Kriegsbulletinpoesie unsres 
tapfern Hauptmanns: | 

Escaramuzas, sitio, bateria, - 
Maquinas y otras grandes diligencias 
Ha avido en Navarino con diferencias, 
Que en varios pechos vario tiempo cria. 


À punto estar de verse otro gran dia, 
Como el de antaïo, y en sus apariencias 
Mayor, si huviera las correspondencias, 
Que el enemigo bravo prometia, 


150 Freiherr von Münch 


No faltö por el de Austria valeroso 
Ni por alguno del cristiano bando; 
El Turco retiröse temeroso: 

En cuya fe el Bazon valiente, osando 
Una galera acometié furioso, 

Y rendida la trajo remolcando. 

Auch dem siegreichen Zuge Don Juan’s de Austria ge- 
gen Tunis, der im October 1573 stattfand (s. Thuani hist. 
temp. sui, libr. 55, cap. 2; Vanderhammen, Don Juan de 
Austria, libr. 4; Cabrera, Felipe II, libr. 10, cap. 11) hat 
Virues ohne Zweifel beigewohnt; dafür zeugt das an Don 
Juan Hurtado de Guevara gerichtete Sonett: De la jornada 
de Tunez. Allein von diesem Zeitpunkte an tritt eine grofse 
Lücke in den Andeutungen über Virues’ Lebenslauf ein; 
wir können aus dem Inhalte seiner Gedichte nur im All- 
gemeinen entnehmen, dafs er vom Jahre 1573 ab nicht 
mehr auf der Flotte, sondern zum Landdienste verwendet 
wurde, und zwar, wie es scheint, ausschliefslich in Italien; 
er erwähnt als Orte seines Aufenthaltes Barletta, Tarent, 
Brindisi, Neapel, Mailand; nach der Romanze: 

Donde comienza la Abruza 

y se acaba la Romania 

con mil levantadas sierras 

eternamente nevadas, 

en la mas fria de todas 

el triste Criseo estaba 

del fiero Marte traido 

entre su aspereza tanta 
zu schliefsen, scheint er sogar einmal in den Abruzzen sein 
Standquartier gehabt zu haben. Gleichwohl dürfte ihm 
von seinen verschiedenen Garnisonen Mailand am wenig- 
sten behagt haben; wenigstens ist die Schilderung des dor- 
tigen Treibens, wie sie das folgende Sonett gibt, keine 
sehr schmeichelbafte : 

&Qu& pensais, que es Milan? ;Pensais de veras 

Que cual es el ruido son sus nuezes? 
No lo pensais, que menos es mil vezes 
De lo que os dan & ver vanas quimeras. 

Immensa confusion de gentes fieras 

Livianas, arrogantes y soezes, 
Sin hacerse justicia, mil juezes, 
Mil, sin una verdad, lenguas parleras. 


Virués Leben und Werke. 161 


Marte y Mercurio en tratos y tumultos 
Son cabezas aqui, pero Epicuro 
Es desta Babilonia el cuerpo y alma; 


Y asi para atrocisimos insultos 
Es bosque & fieras horridas seguro, 
Es mar, que no conoce jamas calma. 

Virués scheint, vorausgesetzt dafs die Angaben Mo- 
ratin’s bezüglich des Erscheinens seiner dramatischen Werke 
auf glaubwürdigen Zeugnissen beruhen, die Mulse des Gar- 
nisonlebens für die Ausbildung seines poetischen Talentes 
benutzt zu haben; denn im Jahre 1579 erschienen Semiramis 
und Cassandra, im Jahre 1580 Atila, im Jahre 1581 Mar- 
cela und Dido, und diesen dramatischen Werken liefs er 
sein Liegendenepos „EI Monserrate“ folgen, welches zum 
ersten Male zu Madrid 1588 — nicht 1587, wie Ximeno in 
seinen Escritores Valencianos fälschlich angibt — und zwar 
gedruckt von Querino Gerardo und dem Prinzen von Astu- 
rien, dem nachherigen König Philipp IIl., gewidmet, er- 
schien; die zweite Madrider Ausgabe dieses Werkes, eben- 
falls von Querino Gerardo gedruckt, folgte 1601, die dritte, 
von Alonso Martin gedruckt und den König Philipp UI. 
gewidmet, 1609 — Notizen, die der Einleitung der vierten, 
1805 erschienenen Madrider Ausgabe des Monserrate ent- 
nommen sind. 

Wie diese Thatsachen den Weg des Dichters feststellen, 
so gewähren uns einige seiner Gedichte, die freilich aus 
viel späterer Zeit herrühren, einige Andeutungen über den 
ferneren Lebenslauf des Soldaten. Der Zeitfolge nach ist 
hier zunächst nachfolgendes Sonett zu erwägen: 

Con bandera tendida la Campana, 
Nombrändose Rey della, Xarra corre, 


Xarra ladron, que se avergüenza y corre 
D'estar sujeto & la nacion de España. 


Con dos mil el rebelde se acompaña, 
À cavallo los mas, y le socorre 
Abruza, donde casa no hay, ni torre, 
Que no le acoja con caricia estrana. 
Ponzonoso animal asi en el seno 


Acoje alguno, y él le da la muerte, 
Que merecida es justo que se llame. 


152 Freiherr von Münch 


De espanto y miedo tuvo el reino lleno, 
A punto estuvo de trocar su suerte; 
Sangre sacôme esta canalla infame. 

Aus Giannone, istor. del regno di Napoli, libr. 34, 
cap. 5 ist zu entnehmen, dafs Virues hier, den Namen in 
Xarra hispanisirend, von Marco Sciarra, dem berüchtigten 
Banditen spricht, der unter den Päpsten Gregor XIIL, 
Sixtus V. und Clemens VIII. mit seinen Raubgenossen ei- 
nen Theil der Romagna und Campanien überschwemmte, 
sich König des letzteren Landstriches nannte und sowohl 
der päpstlichen Regierung, als der Macht der spanischen 
Vicekönige Neapels durch Jahre den hartnäckigsten und 
erfolgreichsten Widerstand leistete. Giannone berichtet von 
zweien unter dem Vicekönige, Don Juan de Züniga, Grafen 
von Miranda, gegen Marco Sciarra unternommenen Expe- 
ditionen, einer im Jahre 1590 von Don Carlo Spinelli ge- 
leiteten und erfolglos gebliebenen, und einem zweiten im 
Jahre 1592 von den Spaniern unter dem Oberbefehl des 
Don Adriano Acquaviva, Grafen von Conversano, ausge- 
führten, und von Clemens VIII. durch eine Truppenab- 
theilung unter Gianfrancesco Aldobrandini unterstützten 
Streifzug, der die Zersprengung des Raubgesindels und 
später auch die Ermordung Sciarra’s durch einen seiner 
Genossen, Namens Battistello, zur Folge hatte. Ob das 
vorliegende Sonett, das eine Verwundung des Virués durch 
Sciarra selbst oder einen seiner Schaaren berichtet, sich auf 
die erste oder zweite Expedition beziehe, ist zweifelhaft; 
nach der Haltung des ganzen Gedichts zu schliefsen, das 
den endlichen Untergang Sciarra’s auf keine Weise auch 
nur andeutet, dürfte es sich auf die erste verunglückte Ex- 
pedition beziehen und daher dem Jahre 1590 angehören. 

Im Jahre 1602 erschien zu Mailand bei Gratiado Fe- 
rioli eine neue, von dem Dichter vielfach gefeilte und ver- 
besserte Ausgabe des Monserrate unter dem Titel El Mon- 
serrate segundo, ein Umstand, der zu der Annahme zu be- 
rechtigen scheint, dafs Virués sich damals zu Mailand auf- 
gehalten habe, wenn nicht das hier folgende Sonett, das 
auf Brindisi hinweiset, diese Vermuthung wieder bezwei- 
feln liefse. Es lautet: 





Viraés Leben und Werke. 153 


A Brindis con la armada viene ufano 
El general Cigala, con intento 
De executar aquel furor violento, 
Que en Rijoles moströ su inicua mano. 


Pero fue su infernal disinio vano, 
Que diönos el favor del cielo aliento, 
Con que en miedo troc6 el atrevimiento 
De emprender lo que tuvo por muy Ilano. 


iO Cigala! £qué emprendes? de qué tratas? 
Tan fieras y inhumanas ambiciones 
Te ofuscan tanto el seso y la prudencia, 


Que despues !) con obras tan ingratas 
De tu madre las santas oraciones, 
Y de la madre Roma la obediencia. 


Der hier erwähnte General Cigala ist der bekannte 
Renegat, Scipio Cigala, der mit seinem Vater in türkische 
Gefangenschaft gerathen zum Islam übertrat, sich zu ho- 
hen Kriegsämtern emporschwang und unter dem Namen 
Sinan Pascha der Schrecken seines Heimathlandes Italien 
wurde, das er, vorzüglich Neapel, mehr als einmal mit 
verheerenden Landungen heimsuchte. Die von Virués er- 
wähnte Landung zu Rijoles in Calabrien fand im Jahre 
1594 statt; einer zweiten erwähnt die Geschichte, die im 
Jahre 1599 bei dem Vorgebirge Stilo, ebenfalls in Cala- 
brien, versucht wurde, und endlich einer dritten im Jahre 
1602 bei Rheggio, die noch verheerender als die beiden 
andern nach dem Zeugnisse de Thou’s (hist. temp. sui, libr. 
127, cap. 14; vgl. Giannone, istor. d. regn. di Napoli, libr. 
35, cap. 1) sich noch dadurch auszeichnete, dafs dem Re- 
'negaten bei dieser Gelegenheit seine Mutter und seine Brü- 
der entgegentraten und ihn, obgleich fruchtlos flehend, zur 
Rückkehr in den Schoofs seiner Familie und der Kirche 
aufforderten. Bei der deutlichen Anspielung, die das vor- 
stehende Sonett auf diesen letztern Umstand enthält, dürfte 
es auf diese dritte Landung zu beziehen sein; zugleich 
scheint es nicht minder deutlich auf die persönliche Bethei- 
ligung des Dichters bei dem Widerstande hinzuweisen, der 


1) Wohl verdruckt statt despojas oder despueyas. 
IL 2. 11 


154 Freiherr von Münch 


dem Renegaten zu Brindisi entgegengesetzt wurde. Da 
diese Kämpfe jedoch erst im September 1602 stattfanden, 
so bleibt es noch immer möglich, dafs Virués seine Aus- 
gabe des Monserrate schon früher in Mailand besorgt habe, 
wenn sie nicht, was jedoch minder wahrscheinlich, in sei- 
ner Abwesenheit erschien. 

Im Jahre 1604 wurden dem Statthalter in den spa- 
nischen Niederlanden, Erzherzog Albrecht, dem Bruder der 
Kaiser Rudolph U. und Mathias, dem Gemahl der Toch- 
ter Philipp II. und Elisabeths von Valois, der Infantin Isa- 
bella Clara Eugenia, von Mailand aus zweimal nach einan- 
der spanische Truppen zugesendet, um bei der Belagerung 
von Ostende verwendet zu werden. Virués gehörte beide 
Male zu den Hauptleuten, die befehligt wurden, die Trup- 
pen durch die Schweiz und Deutschland nach Lothringen 
zu führen und sie dort den Bevollmächtigten des Erzher- 
zogs zu übergeben. Er beschreibt in einer Mailand den 
17. Juni 1605 datirten und an seinen Bruder Geronimo de 
Virues gerichteten Epistel umständlich und in frischer Le- 
bendigkeit sowohl den Weg, den er genommen, als die 
Reize und Gefahren der Reise. Böhl de Faber hat diese 
Epistel, die von Ticknor mit Recht als einer der ersten 
erfolgreichen Versuche der Spanier in beschreibender Poe- 
sie hervorgehoben wird, in seiner Floresta de rimas anti- 
guas castellanas, 3. parte No. 772 aufgenommen, aber gibt 
sie, wie es ihm für seine Zwecke angemessen schien, mit 
vielfachen Aenderungen und Kürzungen. Was die Aende- 
rungen betrifft, so geht er bei denselben oft etwas will- 
kürlich vor. So z.B. ist kein Grund abzusehen, warum 
er die Stelle: 

de los cuales resultan mil ruinas 
in : 
de los cuales resultan las lavinas, 


umgestaltet, wo der Dichter doch sichtlich in diesem und 
den beiden folgenden Versen: 


en que mil pasageros, sepultados 
antes que muertos, en mil partes quedan, 





Viraés’ Leben und Werke. 155 


anf das dreimal sich wiederholende mil Accent legt. Ge- 
gen die Berichtigung der von Virués hispanisirten Orts- 
namen wie Cotaldo, Locera, Artolfo, Rus und Balsuhet 
statt Gotardo, Lucerna, Altorfo, Reus und Waldshut ist 
im Allgemeinen nichts zu erinnern; nur bei einer dieser 
Namensänderungen ergibt sich ein Bedenken. Böhl schreibt 
nämlich: 
bajando fuimos por Ursera y Vasa, 
wo Virués sich ausdrückt: 
bajando fuimos por Ursera y prado. 

Nun gibt es allerdings in jenem Thale eine Ortschaft, die 
Wasen heilst; allein dieselbe liegt viel weiter gegen den 
Vierwaldstätter-See hinauf, während ganz nahe am Fufse 
des Berges sich Andermatt befindet, was viel natürlicher 
von Virues in prado umgewandelt werden konnte, als das 
viel entferntere Wasen. Was Feit betrifft, von dem Böhl 
de Faber in seinen Anmerkungen behauptet, dafs keine 
Karte diesen Ort nachweise, so ist es richtig, dafs es in 
den Karten heut zu Tage, wo die romanische Sprache in 
den südlichen Abhängen der Alpen überall die alten ger- 
manischen Bezeichnungen verdrängt, nicht mehr vorkömmt; 
dagegen ist Faido in der Nähe des Berges Dazio auf allen 
Karten zu finden. Wichtiger als diese Aenderungen er- 
scheinen die Weglassungen und Kürzungen, die Böhl de 
Faber vorzunehmen sich erlaubte. Als die bedeutendste 
derselben mufs jene bezeichnet werden, die sich bei dem 
Verse: 

por plata que derramen & puñados, 
ergibt, von dem Böhl sogleich auf den Vers: 

de la ciudad de Altorfo al fin en barcas 
übergeht, und eine Parenthese des Dichters von 31 Versen 
überspringt, in der dieser als merkwürdigen Zufall angibt, 
dafs er eben jenen Vers: 

por plata que derramen & punados 
niederschreibend, also gerade nachdem er geschildert, wel- 
chen Leiden der Reisende ausgesetzt sei, der die Alpen 
zur Winterzeit überschreite, den Auftrag erhalten habe, 
neuerdings 3000 Mann spanischer Truppen nach Lothringen 

11* 


156 Freiherr von Münch 


zu führen und diese Reise sogleich in der strengsten Jah- 
reszeit anzutreten, und dafs er also selbst die Schrecken 
einer solchen Winterreise habe erleben müssen; worauf er 
in Kürze der Gefahren erwähnend, die er, die Avantgarde 
führend, bei diesem Zuge der eilf Kolonnen (onze tropas) 
durch die Alpen bestanden, zur Beschreibung seiner ersten 
Fahrt zurückkehrt. Diese Auslassung ist darum nicht un- 
wichtig, weil die von Böhl auf diese Weise gekürzte Epi- 
stel nur Eine Reise constatirt, während deren zwei stati- 
gefunden haben, die eine in den Monaten August und Sep- 
tember 1604, die andere im Winter 1604 auf 1605. Ueber 
die Zeit, in der die erste Reise vorgenommen wurde, be- 
lehrt uns nämlich der Dichter selbst durch die Verse: 

— — — fuimos en Bremgarten, dia 

de la sagrada Virgen, de Setiembre, 

(que (&) Don Pedro Ferrer y & mi valiönos 

aqui en un gran peligro, basta) — — 
Hier ist deutlich der 8. September, an dem die Kirche 
das Fest Mariä Geburt feiert, und zwar des Jahres 1604 
bezeichnet; denn da der Dichter uns erzählt, dafs er un- 
mittelbar nach dieser ersten Reise eine zweite im streng- 
sten Winter habe unternehmen müssen, und da er seine 
Epistel vom 17. Juni 1605 datirt, so muls jener Septem- 
ber, in dem er die erste Reise macht, dem Jahre 1604 
angehören. 

Böhl de Faber hat die eben angeführten Verse, viel- 
leicht um über Don Pedro Ferrer, und die von Virués mit 
demselben bestandene Gefahr keine Auskunft geben zu dür- 
fen, folgendermalsen gekürzt: 

— — — fuimos a Bremgarten, dia 

de la sagrada Virgen, de Setiembre 

y desde alli 4 Baden nos pasamos. 
In dieser Beziehung ergibt sich nun unmittelbar aus folgen- 
dem Sonett Al capitan Don Pedro Ferrer mit ziemlicher 
Gewifsheit, dafs dieser letztere einer der Hauptleute gewe- 
sen, die mit Virués den Zug der Spanier über die Alpen 
leiteten; was aber die von beiden am Festtage Mariä durch 
die Anrufung derselben glücklich überstandene Gefahr be- 


Virnés’ Leben und Werke. 157 


trifft, so läfst sich dieselbe nicht näher bestimmen. Der 
Dichter drückt sich darüber so aus: 


Del insolente barbaro la furia 
Clara me es & los ojos y notoria, 
Como cuando por ambos fué esperada. 


Y el punto del peligro de la injuria 
Estoy mirando, todo vuelto en gloria 
De quien en su gran dis fué invocada. 


Noch eine dritte Stelle hat Böhl de Faber in jener mehr 
erwähnten Epistel wegzulassen sich erlaubt; er begleitet 
nämlich den Dichter nur bis zur ercinia seloa, und bringt 
dann, ohne ihm bis ans Ziel seiner Reise zu folgen, gleich 
die Schilderung der Rückkehr. Sollte ihn die doch eben 
nicht sehr bedeutende Schwierigkeit der Wiederherstellung 
der von Virués hispanisirten Ortsnamen dazu bestimmt 
haben? Die weggelassene Stelle lautet: 


aquella tan famosa Irsinia selva, 

la cual dura tres tapas, dos de aldeas, 

la tercera es de Estaufein (Staufen), villa grande, 
desde la cual hasta Plodestein (Blodelsheim) pasase 
segonda vez el Rin, pero tan grande, 

que bien un ora tardase a pasarse; 


& Rulisgein (Kuiakem ) de alli, y 4 Mosch (Moss), postrera 


tapa desta provincia, despues vase, 

de donde a Rus (La Roche), village de Lorena, 
de nuestra commision ultima tapa, 

donde los commisarios, que de Flandes 
embi6 el Archiduque, recibiendo 

la gente & Tan (Than) volvimonos nosotros, 
(Tan de la casa de Austria ilustre villa) 
desde donde 4 Milan por Basilea, 

por ser mas corto y escusar el paso 

de la selva y del Rin, hasta Locera, 

y desde alli se vuelve por el mismo 

camino de Suizos, de Suizos 

fieros, interesados y arrogantes u. 8. w. 


Unmittelbar nach den hier erwähnten Alpenzügen hat Vi- 
rués auf der spanischen Flotte an der Expedition Theil 
genommen, die unter der Führung Don Alvaro’s de Bazan, 
Marques de Santa Cruz, im August 1606 gegen Durazzo 


158 Freiherr von Münch 


in Albanien und Mahometa bei Tunis stattfand (s. Thuani 
bist. temp. sui, libr. 136, cap. 9). Den Beweis dafür liefern 
zwei der Epistel an Geronimo de Virués unmittelbar nach- 
folgende Sonette, deren erstes beginnt: 
Flaco y cansado del camino largo 
De Lombardia, de Alpes y Alemaüa, 


Puéstome habiendo en la aspera montaüa 
Muerte mas de una vez en trance amargo, 


No menos que & Levante el paso alargo 
Hasta la mar, que la gran Bisancio bana, 
En la armada honrosisima de España 
Que al buen Marques de Bazan lleva & su cargo. 


Dafs der Erfolg der Expedition im Ganzen ein unbedeu- 
tender und unfruchtbarer gewesen, wird in den letzten Ver- 
sen des zweiten Sonetts mit diesen Worten angedeutet: 

iAy esperanzas de los hombres vanas! 


Este parto esperabamos gozosos, 
Y fué un raton el parto de estos montes. 


Im Jahre 1609 erschienen zu Madrid, wie schon ausführ- 
lich berichtet worden, die Obras tragicas und liricas des 
tapfern Hauptmanns von Virués, höchst wahrscheinlich 
während er, sei es nun vorübergehend oder bleibend ge- 
wesen, sich selbst in dieser Stadt aufbielt; dafür spricht 
entschieden der Umstand, dafs in der Ausgabe dieser sei- 
ner Werke seine eigenthümliche Orthographie beibehalten 
wurde, was bei dem damaligen Zustande des spanischen 
Buchhandels gewifs nur durch das persönliche Einschreiten 
und Ueberwachen des Verfassers durchzusetzen war. 

Hier enden die spärlichen Umrisse, die sich zur Le- 
bensgeschichte des Hauptmanns von Virués aus seinen 
eigenen Werken ergeben; um die Zeit, den Ort und die 
Art seines Todes bestimmen zu können, liegee keine An- 
haltspunkte vor. Dafs keiner seiner Zeitgenossen dieser 
Daten auf irgend eine Weise gedenkt, ist um so auffal- 
lender und unverdienter, als Virués selbst nicht nur allen 
ibm näher stehenden Personen und Verhältnissen, sondern 
überhaupt allen wichtigen Begebenheiten seiner Zeit ein 
sehr treues Angedenken bewahrte und sie mehr oder we- 


Virués’ Leben und Werke. 159 


niger poetisch verherrlichte. So findet sich unter seinen 
Gedichten bei Gelegenheit des Todes seines Feldherrn, Don 
Juan de Austria, + 7. October 1578, nebst einem Sonett 
eine Canzone an den Grofsinquisitor, Don Geronimo Man- 
rique de Lara, Bischof von Avila, als denjenigen gerichtet, 
der den Tod jenes siegreichen Kämpfers gegen die Feinde 
des christlichen Glaubens am schmerzlichsten empfinden 
mülste; ferner ein Sonett auf den Tod der Königin Anna, 
+ 26. October 1580; ein Sonett aus Anlafs des Erschei- 
nens der Geschichte des Königs Don Jaime von Aragon, 
das er an den Prinzen von Asturien') mit dem Wunsche 
richtet, dafs er seinem grofsen Vater nachgerathend seiner 
Zeit einen ebenso würdigen Geschichtschreiber seiner Tha- 
ten finden möge, als es Miedes dem König Don Jaime 
gewesen; diesem Gedicht schliefst sich eine Canzone an 
Philipp II. und ein Sonett mit dem Titel: A la Inglesa, 
an die Königin Elisabeth von England an, beide wahr- 
scheinlich zur Zeit der Ausrüstung der grofsen Armada 
1587—1588 geschrieben, obwohl dies nicht mit Gewilsheit 
behauptet werden kann; endlich ein Sonett auf den Tod 
Philipp IL, + 13. Sept. 1598, und eine Grabschrift für 
denselben nebst mehreren andern Gedichten an Zeitgenos- 
sen, Angehörige und Freunde. 

Von allen diesen Gedichten folgt hier blos das Sonett 
auf den Tod der Königin Anna und zwar wegen seiner 
seltsamen Auffassung als Dialog zwischen der Königin, dem 
König und dem Tod: 


En la muerte do la Reina, quo fué de parto. 


Muerte. iReina de España! Anna. &Quién me llama? Muerte. Alerta, 
La muerte soy; ven! Anna. 5 Dönde? Muerte. j Al cielo' Anna. | Aÿy,muerte! 
Muerte. (De qu& te espantas? Anna. ;De mirarte! Muerte. ; Advierte, 
Que soy tu bien! Anna. &Porqué? Muerte. La gloris es cierta! 


1) Da Miedes’ Geschichte pes Königs Don Jaime von Aragon in spa- 
nischer Sprache zwar erst 1584, in lateinischer aber schon 1582 zu Valencia 
erschien, so bleibt es zweifelhaft, ob der Prinz von Asturien, an den Virués 
dieses Sonett richtete, der Infant Don Diego, der erst am 21. November 
1582 starb, oder der am 14. April 1578 geborne Infant, nachherige König 
Philipp III. gewesen; die Wahrscheinlichkeit spricht für das letztere. : 


160 Freiherr von Münch 


Anna. |Temo! Muerte. :Notemas! Anna. No es posible! Muerte. ; Abierta 
La porta! Anna. & Cuël es? Muerte. ; Mi trago fuerte! 

Anna. jConsuelo es ese? Muerte. jY venturosa suerte! 

Anna. ; En Dios espero! Muerte. ; Esa esperanza acierta! 


Anna. j À Dios, dulce Felipe! Felipe. ; Ay, mi querida! 
&Dönde vais, y con quien? Muerte. ; Conmigo al cielo! 
Felipe. ; Espera, muerte! Muerte. jNo hay lugar! Anna. iYa parto! 


Felipe. Ya te vas, Anna mia? Anna. iSi! Muerte. j Ya es ida! 
Felipe. ;Liévame & mi tambien! Muerte. :No es ora; el suelo 
Te ha menester! Felipe. iO muerte, o vida, o parto! 


Das Sonett enthält, wie sein Inhalt zeigt, keine Anspielung 
auf die von Zuñiga, Anales de Sevilla, libr. 15, año de 
1580, erzählte Sage, dafs die Königin Anna, die Tochter 
Kaiser Maximilians IL, während einer schweren Krankheit 
Philipp IH. zu Badajoz den Himmel mit Bitten bestürmt 
habe, das für Kirche und Staat so wichtige Leben des 
Königs zu schonen, und dafür das ihre zum Opfer zu neh- 
men, worauf der König wieder hergestellt worden, die Kö- 
nigin aber bald darauf, nur 31 Jahre alt, zu Sevilla ge- 
storben sei, eine Sage, die für die Werthschätzung Phi- 
lipp II. von Seite seines Volkes, das ihn noch Jahrhun- 
derte nach seinem Tode den Grofsen nannte, sehr bezeich- 
nend ist; dagegen ergibt sich aus diesem Sonett, wenn Vi- 
rués anders recht berichtet war, dafs die Königin im Wo- 
chenbett gestorben, worüber sich weder bei Florez noch 
bei Zuüiga eine Andeutung findet. | 
Aulser den Andeutungen, die die lyrischen Gedichte 
des Virués über den Lebensweg des Dichters geben, ge- | 
währen sie aber auch sichere Anhaltspunkte, um über sei- 
nen Charakter und seine Gesinnung urtheilen zu können. | 
Sie zeugen nicht für besondere poetische Begabung, aber 
sie tragen allerorten das Gepräge eines besonnenen, mit 
den Klassikern des Alterthums vertrauten und ihrem Mu- 
ster nachstrebenden Geistes. Mit Vorliebe sich ernsten und 
erhabenen Dingen zuwendend, verschmäht er zu tändeln 
und zu girren, wie es seinen Zeitgenossen geläufig war, 
und selbst seine Liebesgedichte tragen in der Regel mehr 
den Ausdruck der Leidenschaft, als dafs sie sich in sen- 


Virués Leben und Werke. 161 


timentalem Phrasengeklingel ergingen. Als Probe stehe 
hier eine gewils charakteristische Liebeserklärung in fol- 
gender Octave: 


Se, que sois dura, porque no sois vana, 
Que es honestitad vuestra aspereza; 
Sé, que no os moveis de no liviana, 
Y que es santa humildad vuestra altiveza; 
Se, que es vuestra constancia mas que humana, 
Y que es digna de vos vuestra firmeza; 
Y tal de vos, seuora, me enamoro, 
Que aunque deseo beldad, virtud adoro: 


Dafs er, obwohl mit Leib und Seele Soldat, die Schatten- 
seite des heimathlosen Soldatenlebens tief erkannt und em- 
pfunden habe, dafür bürgen aufser den in Böhl de Faber’s 
Floresta, 32parte unter den Nummern 773 und 778 aufge- 
nommenen Sonetten noch viele andre seiner Gedichte; sowie 
andrerseits eine wahrscheinlich auf ein Erlebnifs sich be- 
zıehende Romanze, in der er den Cid seinen Gefährten 
eine Strafrede über verschiedene von ihnen verübte Ge- 
waltthaten und Excesse halten, und sie vor einer solchen 
einen wackern Soldaten entehrenden Handlungsweise war- 
nen läfst, die Ehrenhaftigkeit seiner Gesinnung und ohne 
Zweifel auch seines Verhaltens ans Licht stellt. Seine Ver- 
hältnisse scheinen nicht die glänzendsten gewesen zu sein; 
in einer Canzone an einen hochgestellten, einflufsreichen 
Mann, dessen Namen er jedoch nicht nennt, bewirbt er 
sich um Beförderung: 
— dando alientos al deseo que muestro 


de servir en las altas occasiones, 
' que se le ofrecen al Monarca nuestro. 


eine Bitte, die wahrscheinlich keine Berücksichtigung fand. 
Ueber diese und andre bittere Erfahrungen scheint ihn 
jedoch die Poesie weggeholfen zu haben, die ihm, wie 
jedem ächten Dichter, als das einzig wahre und würdige 
Ziel seines Lebens und Strebens vorschwebte. Wie sehr 
der begeisterte Beifall, den sein Epos El Monserrate ge- 
funden, sein Selbstgefühl kräftigte und erhöhte, und ihm 
vielfach anregend ins Herz drang, dies tritt in mehr als 
einer Stelle seiner Gedichte deutlich zu Tage. Er trug 





162 Freiherr von Münch 


sich sogar mit dem Gedanken, dem Monserrate ein zwei- 
tes Epos folgen zu lassen, und spricht sich hierüber in 
einem Sonette in dieser Weise aus: 
De antigua y grave historia verdadera 
Formé nuevo poema verdadero, 
Siguiendo con Maron y con Homero 
El arte heroico en lo que mas se esmera. 


Si no llegu& donde llegar quisiera 
Por aquel alto celestial sendero, 
Me escuse, que de Espana fué el primero (?) 
Que por él emprendié pasar carrera. 


Pero si del clemente cielo un dia 
Alcanzase mi alma aquel reposo, 
Que tanto huye, y tanto ella desea, 


Yo sé (con su favor), que pasaria 

Mas adelante el alto curso honroso 

Ya conseguido en mas hermosa idea. 
Zur Ausführung dieses Gedankens ist es jedoch nicht ge- 
kommen. Ueberhaupt scheint dem Dichter mehr als Ein 
lieber Wunsch unerfüllt geblieben zu sein; dafür zeugen 
in seinen Gedichten nicht nur die vielen Klagen über 
schmerzliche Enttäuschungen, sondern noch vielmehr die 
zahlreichen Hinweisungen auf den Unbestand der irdischen 
Dinge und die Nichtigkeit der menschlichen Bestrebungen, 
wie sie nur unbefriedigten und unfreiwillig entsagenden Ge- 
müthern geläufig sind. Namentlich verrathen die spätern 
Gedichte eine Stimmung, die sich in unsrer hyperkritischen 
und analysirenden Zeit ohne Zweifel zur vollkommen welt- 
schmerzlichen Negation entwickelt hätte, in jenem conser- 
vativeren Zeitalter aber im Gegentheil den glaubensstarken 
Spanier dem entschiedensten Positivismus der römisch-ka- 
tholischen Religion in die Arme warf. Die katholische Be- 
geisterung, die Virués so glänzend in seinem Monserrate 
entfaltet, tritt zwar in seinen Gedichten weniger ausgeprägt 
hervor, aber gewils ist es bezeichnend, dafs er die Samm- 
lung derselben mit dem folgenden Sonette beschliefst : 

Caido he ya de la sublime cumbre, 
Donde subi con dulce devaneo, 


Siguiendo al pensamiento y al deseo, 
Que iban huyendo de la muchedumbre; 


Virues’ Leben und Werke. 163 


Guiöme en aquel vuelo heroica lumbre 
Con dulce afan de generoso empleo, 
El cual trocado ya le veo 
En duro afan de immensa pesadumbre! 

Errores, confianzas, furias, zelos, 
Ingratitud, envidia, alevosia 
Han cortado las alas & mis vuelos; 

ı Tu, divina piedad, tu ahora cria 
Otras alas en mi, eon que 4 los cielos 
Revuelvo el vuelo por mas cierta via! 


Werden alle diese kleinen Züge zusammengefafst und der 
Lebenslauf unsers Dichters im Ganzen und Grofsen erwo- 
gen, so ergibt sich, dafs in ihm und seinen Gedichten der 
Geist seiner Zeit, und der Ideen, die in ihr seine Nation 
bewegten, sich so vollkommen wiederspiegelt, als es der 
Literarhistoriker nur wünschen kann. Seine Zeitgenossen, 
Cervantes und Lope de Vega, Geister höherer Begabung 
und reicherer Ideenfülle, eilten ihrer Zeit voraus und wufs- 
ten sich wenigstens in einigen Beziehungen über den Stand- 
punkt nationalspanischer Anschauung zu erheben; Christoph 
von Virués dagegen ganz Katholik, Spanier und Soldat, 
tritt uns als der vollkommenste Typus dessen entgegen, 
was ein gebildeter Spanier in den Tagen Philipp IL., der 
Blüthezeit der spanischen Monarchie, war und sein wollte, 
was er empfand und dachte, wonach er rang und strebte, 
wofür er lebte und starb; und das ist es eben, was uns 
die lyrischen Gedichte des tapfern Hauptmanns einer näher 
eingehenden Betrachtung würdig erscheinen liefs. 


Wien. Freiberr von Münch. 


164 Ferdinand Wolf 


Der erste historische Roman im spanischen 
Süd-Amerika. 


Amalia. Por Jose Mérmol. 2. edicion. Buenos Aires, imprenta ame- 
ricana Sancta Clara Num. 62. 1855. 8 Bde in 8. 


Wenn, wie wir jüngst gezeigt haben '), Spanien durch 
die Werke Fernan Caballero’s im Fache des modernen Ro- 
mans sich einen Platz in der Weltliteratur gesichert hat, 
so hat nun auch eine seiner ehemaligen transatlantischen 
Colonien, Buenos Aires, mit dem vorliegenden Romane diese 
Bahn wenigstens betreten. Aus dem Vorworte der Ver- 
leger ersieht man, dafs dieser Roman im Jahre 1852 zu- 
erst erschienen und mit solchem Beifall aufgenommen wor- 
den war, dafs schon nach drei Jahren eine neue Auflage 
nothwendig wurde, in welcher er erst eine Art von Ab- 
schlufs erhalten habe. Denn der Verf. habe damit eine 
Reihe von historischen Romanen eröffnet, in welchen er es 
sich zur Aufgabe mache, die Geschicke von Buenos Aires 
in neuester Zeit, unter der Dictatur des berüchtigten Don 
Juan Manuel de Rosas, in poetischer Form zu schildern; 
eine Form, wie sie hinzufügen, die mit der Wahrheit histo- 
rischer Relationen nicht unverträglich ist, wiewohl diese in 
Europa bereits eingebürgerte Form hier zu Lande eine 
völlig neue sei, ja Herr Märmol sei der erste und bis jetzt 
einzige, der hier in dieser Dichtart sich versucht habe 
(Este sistema, tan comun en la literatura moderna de la 
Europa, es nuevo entre nosotros. El señor Märmol ha sido 
el primero que lo ha empleado, y todavia es el ünico?). 

Der Verf. selbst schickt folgende „Esplicacion“ vor- 
aus. „Der gröfste Theil der historischen Personen dieses 
Romans existirt noch, hat dieselbe politische oder sociale 
Stellung, wie zur Zeit, in der die Ereignisse, die man lesen 
wird, sich zutrugen. — Aber der Verf. nimmt an, und zwar 


1) 8. den vorigen Jahrgang p. 247 ff. 

2) Wir haben aber noch folgenden im Jahre 1854 zu Buenos Aires (als 
Theil der Biblioteca argentina) erschienenen Roman angezeigt gefunden: „La 
familia del Comendador. Novela original de Juan Paula Manso de No- 
ronha*®. 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 165 


mit berechneter Erdichtung (por una ficcion calculada), er 
schreibe sein Werk, als wenn zwischen diesem und jenen 
darin geschilderten Personen schon einige Generationen ein- 
getreten wären. Das ist die Ursache, warum der Leser 
nie die gegenwärtigen Zeiten (los tiempos presentes) ge- 
braucht finden wird, wenn von Rosas, seiner Familie, sei- 
nen Ministern u.s. w. die Rede ist. Der Verfasser hat ge- 
glaubt, dafs dieses System ebenso zukömmlich sei für die 
grölsere Klarheit der Erzählung, wie für die Zukunft des 
Werkes, das bestimmt ist, wie Alles, Gutes oder Schlech- 
tes, was man inBezug auf die dramatische Epoche der argen- 
tinischen Dictatur schreibe, auch von den kommenden Ge- 
schlechtern gelesen zu werden, womit dann das hier ange- 
nommene System, unter einer rückschauenden Form (bajo 
una forma retrospectiva) Personen zu beschreiben, die in 
der Gegenwart noch leben, vollkommen harmoniren wird.“ 

Diese Erklärung ist unterzeichnet: „Montevideo, im 
Mai 1851“. 

Sie ist in der That für den Verfasser und für das Werk 
charakteristisch. Denn nach der Unterzeichnung hatte er 
sein Werk noch als Flüchtling in Montevideo geschrieben, 
fast noch ein Jahr vor der Vertreibung des Rosas (in Folge 
der Schlacht bei Santos Lugares am 3. Februar 1852), und 
gehörte zu der von diesem bis zur Vertilgung verfolgten 
Partei der Unitarier. Ein unter solchen Verhältnissen ver- 
falstes Werk wird daher zwar die realistische Frische des 
unmittelbaren Eindrucks, aber auch die stark subjective 
Auffassung und Färbung des mithandelnden und mitleiden- 
den Parteimannes haben, und mufs, eben weil ihm die ob- 
jective epische Ruhe noch fehlt, weniger den Charakter 
einer freien, künstlerischen Schöpfung, als den mit Erdich- 
tungen durchwebter Memoiren tragen. 

So ist vom rein künstlerischen Standpunkt aus dieser 
Roman wirklich nur ein schwacher Versuch und die von 
ihm eingeschlagene Richtung eine von vorne herein ver- 
fehlte'). Statt das Historische nur als Hintergrund und 





__ ") Es ist ganz dieselbe rohe, unvermittelte Weise, historische Stoffe 
dichterisch zu behandeln, die auch unter uns noch in neuster Zeit einige 


166 Ferdinand Wolf 


Beiwerk des poetischen Gemäldes zu betrachten, wird es 
bei weitem zur Hauptsache gemacht; die erfundene Fabel 
und die Träger derselben, die eigentlich dichterischen Schö- 
pfungen werden von der Erzählung des Thatsächlichen, 
von der Schilderung der wirklichen Zustände und von den 
historischen Porträten ganz zurückgedrängt: überdies sind 
die erfundenen Charaktere nicht frei von Caricatur, die 
Nachahmung von Walter Scott’s Manier in der minutiösen 
Schilderung des Costümes und Beiwerks ist eine bis zum 
Lächerlichen sklavische; der Stil in den sentimentalen Par- 
tien und in den pathetischen Vergleichen bis zum Gongo- 
rismus überschwänglich; kurz der Roman ist als solcher 
ein kaum über die Mittelmäßigkeit sich erhebendes Pro- 
duct eines zwar nicht unbegabten, aber von seinem Stoffe 
noch überwältigten Anfängers. 

Und doch ist dieser Roman nicht nur vom historischen 
sondern auch vom literaturgeschichtlichen Standpunkt aus 
eine bedeutende Erscheinung. Er hat für den Historiker 
den Werth und die Wichtigkeit einer Quelle, des Berich- 
tes eines Zeitgenossen, der, wenn auch mit bestimmt aus- 
gesprochener Parteinahme, doch mit der Unmittelbarkeit 
und Lebendigkeit eines Betheiligten Selbsterlebtes erzählt; 
dadurch und durch die häufige Mittheilung von Documen- 
ten (allerdings sehr unkünstlerisch oft in den Text selbst 
aufgenommen) wird er zu einer nicht zu vernachlässigenden 
Quelle für den Geschichtschreiber der argentinischen Re- 
publik unter der Dictatur von Rosas, und besonders für 
den Biographen dieses letzteren, von dem, dessen Familie, 
Ministern u.s. w., er sehr charakteristische Züge mittheilt, 
die, trotz der Parteifärbung, doch das Gepräge der Por- 
trät-Aehnlichkeit tragen !). 


Roman-Fabrikanten (wie z. B. Belani, Louise Mühlbach u. s. w.) angewandt 
haben. Aber von diesen unterscheidet sich unser Verf. sehr zu seinem Vor- 
theile dadurch, dafs er als Mitlebender erzählt, als Betheiligter schildert und 
daher seinem Bilde eine zwar kunstlose und parteiische, aber lebensvolle Fär- 
bung verleiht. 

1) Mein geehrter Freund, der berühmte Reisende Hr. v. Tschudi, der 
mir gütigst diesen Roman mitgetheilt hat, schrieb mir darüber: „Dieses Werk 
bietet ein doppeltes Interesse, einmal weil es der erste historische Roman ar- 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 167 


Die literaturgeschichtliche Bedeutung des Werkes aber 
liegt darin, dafs es als der erste Versuch in seiner Gat- 
tung zwar, wie bemerkt, noch eine sklavische Nachahmung 
europäischer Muster in formeller Hinsicht ist; aber doch 
schon nationale Spontaneität beurkundet. Ist es doch we- 
niger aus künstlerischem Berufe, als vielmehr aus dem 
Drange entstanden, die, wie der Verf. selbst sagt, „dra- 
matische Epoche der argentinischen Dictatur“ zu schildern; 
trägt es doch in seiner Hast, die Gegenwart schon als 
Vergangenheit darzustellen (bajo una forma retrospectiva), 
in seiner leidenschaftlichen Erregtheit, in seiner Rücksichts- 
losigkeit gegen noch Lebende, und selbst in seinen mit ge- 
schmackloser Uebertreibung gemachten Schilderungen pa- 
triotischer Gefühle und der Eigenthümlichkeiten südame- 
rikanischer Scenerie, ganz den Charakter jener jungen, 
spanisch-südamerikanischen Republiken, die in der That 
als solche noch kaum eine historische Vergangenheit ha- 
ben, in denen noch Alles in ruhelosem Gährungsprocesse 
begriffen ist, das Individuum nur als Parteimann gilt, und 
die von den spanischen Ahnen, den abenteuernden Con- 
quistadoren, nur die schrankenlose Grofssprecherei, die 
Sucht selbst das wirklich Grofsartige durch Gongorismus 
und Culteranismus zu entstellen, ererbt haben. Dieser 
Roman erhält dadurch, dafs er, bei aller Subjectivität der 
Auffassung und Darstellung, doch die nationalen Elemente 
und volksthümlichen Eigenheiten zu objectiviren sucht, ab- 
gesehen von seinem Werthe als quellenmälsiges Material 
der äufseren Geschichte, den höheren, ein literatur- und 
kulturhistorisches Moment der inneren Entwicklung selbst 
zu sein. Es ist daher zu hoffen, dafs diese — kommt sie 
nun nach der Vertreibung des Dictators und der Wieder- 
herstellung gesetzmäfsigerer Zustände unter dem Einflusse 


gentinischer, überhaupt neuer, spanisch-südamerikanischer Literatur ist, zwei- 
tens aber, weil es wirklich ein historisches Document ist. ..... Die Charak- 
teristik der Hauptpersonen, von denen die meisten noch leben und die ich 
zum Theil persönlich kenne, ist wirklich ausgezeichnet, durch und durch 
wahr; die historischen Facta sind unentstellt und in ihrem ganzen Umfange 
ebenfalls durchaus wahr. Kein Historiograph von Rosas’ Schreckensregierung 
darf Märmol’s Amalia ignoriren“. 


168 Ferdinand Wolf 


der gebildeteren Klassen (der Partei der Unitarier) in ei- 
nen ruhigeren Gang und organischen Flufs ohne gewalt- 
same Hemmungen — auch in der versprochenen Fortsetzung) 
des vorliegenden Romans Ausdruck finden und selbst auf 
seine formelle Gestaltung mit mehr künstlerischer Ruhe 
vortheilhaft einwirken wird. 

Der Roman beginnt im Mai 1840; schildert die Zu- 
stände von Buenos Aires und die Kämpfe der beiden Par- 
teien, der Föderalisten unter Rosas und der Unitarier un- 
ter dem General Lavalle?), bis zum October desselben 
Jahres, und schliefst mit der unglücklichen Wendung, wel- 
che für die Partei der Unitarier damals eintrat, als La- 
valle, statt direct Buenos Aires zu überfallen, wo die Uni- 
tarier schon alle Vorbereitungen heimlich getroffen, um sich 
ihm anzuschliefsen, sich plötzlich wieder zurückzog, weil 
er noch erst Verstärkungen aus den übrigen Provinzen an 
sich ziehen wollte; wodurch er nicht nur die Unitarier in 
Buenos Aires der Rache des Rosas preisgab, der nun seine 
Banden, den berüchtigten Club der Mazorca (von seinem 
Bundeszeichen, einem Maiskolben, den Namen führend, der 
von seinen Gegnern aber, seiner Grausamkeit wegen, in 
den Spitznamen Mas-horca oder Masorca, „mehr Galgen“ 
verstümmelt ward) gegen sie losliefs, die auf die scheufs- 
lichste Weise mordeten und plünderten, sondern auch bald 
darauf, im November 1840, von Rosas bei Santa Fe und 
Lujan geschlagen wurde. In dieses historisch-politische 


!) Die Verleger kündigen an, dafs gleich nach der Vollendung des Drucks 
der ,Amalia“ der des „Peregrino“ von demselben Verf. begonnen werden 
solle, wovon bis jetzt nur fünf Gesänge (cinco cantos) bekannt geworden 
seien, dem sie noch „neue Werke“ (nuevos trabajos) desselben Verf. folgen 
lassen zu können hoffen, 


3) Nach dem Principe der Füderalen sollten die einzelnen Staaten der 
argentinischen Republik in ihrer inneren Regierung selbständig und unabhän- 
gig sein, und nur für die auswärtigen Angelegenheiten und die allgemeine 
Landesvertheidigung ein gemeinschaftliches Organ haben; die Unitarier hin- 
gegen vertheidigten das Princip einer kräftigen Centralregierung mit einem 
dem Volke verantwortlichen, allen Provinzen gemeinsamen Oberhaupte; kurz 
die ersteren wollten einen Staatenbund, die letzteren einen Bundesstaat; die 
ersteren faktisch Willkürherrschaft, Pöbelregiment oder Despotie im Innern, 
die letzteren eine der constitutionellen Monarchie sich möglich annähernde 
Gesammt-Republik. 


Der erste histor. Roman im span. Stid-Amerika. 169 


Gemälde sind die Schicksale zweier Liebespaare aus den 
Reihen der Unitarier, als der romantischen Hauptpersonen, 
eigentlich aber nur als Staffage eingefügt, und die tragi- 
schu Katastrophe in dem Schicksale der Heldin, Amalia, 
und ihres Geliebten wird eben durch jene unglückliche 
Wendung in dem ihrer Partei herbeigeführt. 

Da, wie gesagt, der Hauptwerth des Buches und die 
Stärke des Verfassers in der Charakteristik des Rosas und 
seiner Regierung besteht, so wollen wir als Probe, wie mei- 
sterhaft er hierin den Pinsel zu führen weils — indignatio 
fecit poetam — die nachstehende Scene hersetzen, die auch 
in manch anderer Hinsicht, selbst für uns und gerade jetzt, 
ein zeitgemäfses Interesse hat. 

Eben in dem für Rosas so kritischen Momente, als 
das Heer der verbündeten Unitarier unter dem General 
Lavalle Buenos Aires zu überfallen drohte, in der Stadt 
selbst diese Partei kühner das Haupt erhob, und überdies 
der französische Admiral Leblanc als Repressalie für fran- 
zösischen Unterthanen zugefügten Schaden sie noch blockirt 
hielt, dem Dictator daher an Englands Meinung und Vermit- 
telung sehr viel gelegen war, das auch hier, wie überall 
wo es in seinem Interesse ist, sich mit der Gewaltherr- 
schaft verbündet hatte und die Tyrannei unterstützte, liefs 
er den bei ihm accreditirten englischen Minister-Residenten, 
Sir John Henry Mandeville, ersuchen, sich zu einer Be- 
sprechung zu ihm zu verfügen. 


— :„Ist der Engländer gekommen?“ — frug Rosas den ein- 
tretenden Adjutanten. 

— „Er ist hier, Excelentisimo Senor.* — 

— „Was that er, als Sie zu ihm kamen?“ 

— „Er war im Begriff sich niederzulegen.“ 

— „Stand sein Hausthor offen?“ 

— „Nein, Senor.“ 

— ,Oeffneten sie es, als Sie sich zu erkennen gaben?“ 

— „Alsogleich.“ 

— „War der Gringo ’) überrascht? “ 


1) Gringo — ein Wort das sich nicht wohl übersetzen list — ist der 
Spitzname desjenigen, der fremd spricht. Verstümmelt aus Griego, griechisch. 


I. 2- 12 


170 Ferdinand Wolf 


— „Mir schien’s so.“ 

— „Mir schien’s! — Zum Teufel, zu was haben Sie Augen ?.. 
That er eine Frage?“ 

— „Nein. Er hörte die Botschaft Eurer Excellenz an und 
befahl dann, sein Pferd bereit zu machen.“ 

— „Er mag eintreten.” — 

Die Personnage, mit der die Leser nun Bekanntschaft ma- 
chen sollen, ist eine von jenen, wie sie, in Hinsicht auf ihren 
englischen Egoismus, in der brittischen Diplomatie überall häufig 
vorkommen; die aber, in Hinsicht auf das Vergessen ihrer ôffent- 
lichen Stellang und der Manneswürde, nur in einer Gesellschaft 
angetroffen werden könnte, deren Regierung der des Rosas ähn- 
lich wäre; und da dies Letztere nicht möglich ist, so kann man 
wohl sagen, dafs sie nur in Buenos Aires vorkommen konnte. 

Der Ritter Sir John Henry Mandeville, bevollmächtigter Mi- 
nister Englands bei der argentinischen Regierung, hatte von Ro- 
sas erlangt, was dieser seinem Vorgänger, Mr. Hamilton, ver- 
weigerte; d.h. den Abschlufs eines Tractats über die Abstellung 
des Sklavenhandels. Aus diesem Triumph über Mr. Hamilton 
entstanden die ersten Sympathien Mandeville’s für die Person 
des Rosas....... Aber Menschen wie Rosas, diese Ausnahmen 
von der Gattung, die kaum ihres Gleichen auf Erden finden 
(sollte sich indessen nicht ein Gleicher gefunden haben?), wollen 
Niemand zum Freunde, noch selbst eines Menschen Freund 
sein; für sie besteht die Menschheit nur aus Feinden und Die- 
nern, Seien sie von was immer für einer Nation, und mögen 
diese nun in einer höheren Stellung sich ihnen anschliefsen, oder 
in der untergeordneten eines einfachen Bürgers sich ihnen nä- 
hern. 

Die dämonische Macht der Tyrannen — diese geheimnifs- 
volle Kraft, die den Geist der Menschen blendet und lähmt — 
verbunden mit dem unbeugsamen Willen des argentinischen Dic- 
tators begannen den Geist des brittischen Abgesandten für sich 
einzunehmen, und vollendeten mit dessen Beherrschung der, im 
Vertrauen auf seine persönliche Hinneigung zu Rosas, sich nicht 
fürchtete, seine individuelle Verbindung mit ihm zu kultiviren und 
intimer zu machen, ohne die Voraussicht zu erlangen, dafs es 
im Leben gewisse Berührungen gibt, aus denen man stets mit 
gebeugtem Muthe und unterjochtem Willen hervorgeht. 

So einmal moralisch beherrscht, war alles Uebrige dagegen 
unbedeutend; und die persönlichen Demüthigungen kamen bald 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 171 


dazu, das Werk zu vollenden, indem sie aus dem Repräsentan- 
ten des mächtigen Englands den unterwürfigsten Föderalen mach- 
ten, wenn nicht der Mas-horca, so doch jener Anhängerzunft von 
Rosas, deren Mission es war, des Dictators Bürgertugenden in- 
und aufserhalb des Landes zu verbreiten ....... Rosas hatte auch 
vollkommenes Vertrauen zu ihm, d. h. er wufste dafs Mande- 
ville von derselben epidemischen Furcht ergriffen war, wie Alle; 
er zählte auf dessen Intelligenz, wenn es sich um eine politische 
Verwicklung handelte, wie er auf den Dolch seiner Henkers- 
knechte (mas-horqueros) zählte, wenn es galt, ein Opfer seinem 
System zu schlachten. 

Dies war die Personnage, die nun in den Speisesaal ein- 
trat, wo sie Rosas erwartete. Mandeville war ganz schwarz ge- 
kleidet, ein Mann von 60 Jahren, von kleinem Wuchse, mit einer 
breiten und kahlen Stirne, distinguirten Zügen, kleinen blauen, 
aber intelligenten und durchdringenden Augen, die damals ge- 
rade etwas entzündet aussahen, wie auch sein sonst so bleiches 
Gesicht; denn es war schon drei Uhr des Morgens, eine für ei- 
nen Mann dieses Alters sehr vorgerückte Stunde, und er hatte 
sich kurz vorher mit einigen Freunden an der Wärme einer dam- 
pfenden Punschbowle erhitzt. 

— „Kommen Sie, Senor Mandeville“, rief ihm Rosas zu, 
indem er sich von seinem Sitz erhob, ohne jedoch einen Schritt 
za machen, um den englischen Minister zu empfangen, der in 
diesem Augenblick in den Speisesaal trat. 

— „Ich habe die Ehre, mich Eurer Excellenz zu Befehl zu 
stellen“, — erwiederte Mandeville, indem er auf eine elegante, 
ungezwungene Weise grülste und sich Rosas näherte, um ihm 
die Hand zu reichen. 

— „Ich habe Sie incommodirt, Senor Mandeville*, — sagte 
Rosas mit einem sanften, einschmeichelnden Accente, und wies 
ihm mit einer leichten Bewegung der Hand, die ein Franzose 
comme il faut genannt hätte, einen Stuhl zu seiner Rechten an. 

— „Mich incommodirt! O nein, Herr General! Eure Excel- 
lenz gewähren mir im Gegentheil eine wahre Befriedigung, wenn 
Sie mir die Ehre erzeigen, mich zu sich zu rufen. Wie befin- 
det sich die Senorita Manuelita !)? 

— „Sehr wohl.“ 


1) Des Rosas jüngere Tochter und sein Lieblingskind, damals ein Mäd- 
chen von zwanzig Jahren. 
12” 


173 Ferdinand Wolf 


— „Ich hatte schon befürchtet, dafs dies nicht der Fall sei.“ 

— „Und warum das, Senor Manderille? * 

— „Weil sie Eurer Excellenz sonst immer Gesellschaft lei- 
stet während der Speisestunde ').“ 

— „Sie hat sich soeben zurückgezogen.“ 

— „Ach! ich bin sehr unglücklich, nicht um einige Minuten 
früher gekommen zu sein.“ 

— „Auch sie wird es sehr bedauern.“ 

— „O! sie ist die liebenswürdigste aller argentinischen 
Damen.“ 

— „Sie thut wenigstens ihr möglichstes, liebenswürdig zu 
sein.“ 

— „Und ist es in der That!“ 

— „Ich danke Ihnen in ihrem Namen. Uebrigens haben 
Sie keine Ursache, sich über diese Nacht zu beklagen.“ 

— „Warum nicht, General? “ 

— „Weil Sie sie in Ihrem Hause ganz angenehm zugebracht 
haben.“ 

— „Eure Excellenz haben Recht, bis auf einen gewissen 
Punkt.“ 

— „Wie so?* 

— „Eure Excellenz haben Recht, wenn Sie sagen, ich habe 
einige Stunden angenehm zugebracht; aber ich bin nur dann 
vollkommen glücklich, wenn ich mich in Gesellschaft von Per- 
sonen befinde, die zur Familie Eurer Excellenz gehören.“ 

| — „Sie sind sehr liebenswürdig, Senor Mandeville“, — sagte 
Rosas mit einem so feinen malitiösen Lächeln, dafs es ein An- 
derer nicht hätte bemerken können, der minder scharfsichtig und 
minder vertraut mit dem in Betonung und Miene liegenden Aus- 
druck x gewesen wäre, als Mandeville. 

„Wenn Sie es erlauben“, — fuhr Rosas fort, „wollen 
wir es bei diesen Complimenten bewenden lassen und nun von 
etwas Ernsterem sprechen.“ 

— „Mir kann nichts angenehmer sein, als mich mit den 
Wünschen Eurer Excellenz in Harmonie zu setzen“, — erwie- 
derte der Diplomat, indem er seinen Stuhl dem Tische näher 
rückte und mehr aus Gewohnheit als aus besonderer Veranlas- 


1) Rosas pflegte spät nach Mitternacht seine Hauptmahlzeit zu halten, 
wobei ihm seine Tochter Manuela gewöhnlich Gesellschaft leistete, und auch 
diesmal es gethan hatte; aber kurz vorher von ihm entlassen worden war, 
um sich zur Ruhe zu begeben. 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 173 


sung die batistnen Halskrägen seines Hemdes streichelte, nicht 
weilser, wie die Hand, die sie berührte, die auf das sorgsamste 
gepflegt war und deren rosafarbne, fein zugespitzte Nägel das 
beste Zeugnifs von der Race gaben, welcher Mandeville ange- 
hörte; jener angelsächsischen Race, die sich besonders durch die 
Augen, durch die Haare und durch die Nägel kennbar macht. 

— „An welchem Tage gedenken Sie das Paquetbot abge- 
hen zu lassen?“ — fragte Rosas, seinen Arm über die Rück- 
lehne des Stuhles legend. 

— „Für die Legation habe ich die Absendung auf morgen 
bestimmt; aber wenn Eure Excellenz wünschen, dafs ich sie noch 
verschiebe ..... & 

— „Ja, das wünsche ich.“ 

— „Dann werde ich Ordre geben, dafs man so lange Zeit 
damit warte, als Eure Excellenz brauchen, um Ihre Mitgaben 
fertig zu machen.“ 

— „O, meine Mitgaben sind seit gestern fertig geworden!“ 

— „Eure Excellenz werden mir erlauben, eine Frage 
Sie zu stellen? * ' 

— „So viel Sie wollen.* 

— Dürfte ich dann den Beweggrund erfahren, der Sie be- 
stimmt, das Paquetbot zurückzuhalten, da es nicht der ist, dafs 
es auf die Mitgaben Eurer Excellenz zu warten braucht? * 

— „Das ist sehr einfach, Senor Mandeville.* 

— „Eure Excellenz sendet wohl einen Minister mit?“ 

— „Dazu ist keine Veranlassung.“ 

— „Dann vermag ich nicht zu begreifen.....“ 

— „Meine Mitgaben sind fertig; aber die Ihren sind es 


— „Die meinen?“ 

— „Wie Sie gehört haben.“ 

— „Ich glaube Eurer Excellenz gesagt zu haben, dafs sie 
seit gestern fertig gemacht und selbst eingesiegelt sind, und nur 
einige Privatbriefe fehlen mir noch.“ 

— „Ich spreche nicht von Briefen.“ 

— „Wollten Eure Excellenz die Gewogenheit haben, sich 
näher zu erklären.....* 

„Ich glaube, dafs es Ihre Pflicht ist die Regierung Ihrer Ma- 
jestät getreu und durch wahrhafte Daten über die Lage zu un- 
terrichten, in der sich die Angelegenheiten von Rio de la Plata 
beim Abgange des Paquetbotes nach Europa befinden. — Ist es 
nicht so?“ 


174 Ferdinand Wolf 


— „Genau so, Excelentisimo Senor.“ 

— „Aber das haben Sie nicht gekonnt, da Ihnen eben jene 
Daten feblen.* 

— „Ich spreche meiner Regierung von den allgemeinen Fra- 
gen, von den Öffentlichen Ereignissen; aber ich kann sie nicht 
von den Akten unterrichten, die sich auf die innere Politik des 
argentinischen Cabinets beziehen, denn diese sind mir gänzlich 
unbekannt.“ 

„Das ist ganz richtig. Aber wissen Sie auch, was jene 
allgemeinen Fragen für einen Werth haben, Senor Mandeville ? “ 

„Was sie für einen Werth haben?“ — sagte der Mini- 
ster, die Phrase wiederholend, um seinen Gedanken ein wenig 
Zeit zu lassen und nicht eine Antwort auf gut Glück zu wagen; 
denn Rosas hatte schon sein gewohntes Terrain betreten, d.h. 
das Feld der soliden, alles Phrasenwerkes baren Untersuchung, 
worin er die Gesinnung der Anderen gründlich vornahm, wann 
er einen gewichtigen Gegenstand besprach, oder wann sein Ver- 
stand durch plötzliche, scharfe Ausfälle zu unterjochen suchte. 

— „Was sie für einen Werth haben, ja Herr; was sie für 
einen Werth haben für die Regierung, der man solche Allgemein- 
heiten berichtet.” — 

— „Sie haben den Werth... .“ 

— „Keinen, Herr Minister.“ 

— „0! 

— „Keinen. Ihr Europäer habt immer Ueberflafs an sol- 
chen Allgemeinheiten, wenn ihr euch den Schein geben wollt, 
eine Sache von Grund aus zu kennen, die euch völlig unbekannt 
ist. Allein dieses System gibt euch das entgegengesetzte Resul- 
tat von dem, was ihr bezwecktet; denn gewöhnlich generalisirt 
ihr auf falschen Grundlagen.“ 

— „Eure Excellenz will wohl damit sagen ....“ 

— „Ich will sagen, Herr Minister, dafs ihr gewöhnlich von 
dem was ihr nicht versteht, sprecht, wenigstens in Bezug auf 
mein Land.“ 

— „Aber ein fremder Minister kann nicht die individuellen 
Absichten einer Politik wissen, an der er nicht Theil hat.“ 

— „Eben deshalb soll ein fremder Minister, wenn er seiner 
Regierung die Wahrheit berichten will, sich mit dem Lenker jener 
Politik in genaue Verbindung setzen und dessen Erklärungen an- 
hören und würdigen.* 

— „Das ist auch mein Verfahren.“ 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 175 


— „Nicht immer.“ 

— „Dann nur gegen meinen Willen.* 

— „Kann sein! — Aber kennen Sie z.B. den wahren Zu- 
stand, in dem sich die hiesigen Angelegenheiten gegenwärtig be- 
finden? Oder vielmehr — um in solchen Allgemeinheiten zu 
sprechen, die Sie so sehr lieben — in welchem Geiste sind die 
Berichte über mich an Ihre Regierung abgefalst? “ 

— „In welchem Geiste? “ 

— „Ja wohl. Oder noch deutlicher: Schildern Sie mich in 
diesen Berichten in guter oder schlechter Lage? Hoffen Sie den 
Triumph meines Regiments oder den der Anarchie? “ 

— ,O, Senor!“ 

„Das heifst nicht antworten.“ 

„Allerdings.“ 

„Also?“ 

„Also was? Excelentisimo Seüor.“ 

„Also antworten Sie mir.“ 

„In Bezug auf die Lage, in der sich die Regierung Eu- 
rer Excellenz gegenwärtig befindet? * 

— „Ja wohl!“ 

— „Ich glaube....“ 

— „Sprechen Sie freimüthig.“ 

— „Ich glaube, dafs aller Wahrscheinlichkeit nach Eure 
Excellenz triumphiren werden.“ 

— „Aber haben Sie einen Grund für diesen Glauben? “ 

— „Ohne Zweifel.“ 

— „Und der ist, Herr Minister?“ 

— „Die Macht Eurer Excellenz.* 

— ,Bah! das ist eine vage Phrase, über einen Fall wie der, 
von dem wir sprechen.“ 

— „Vage, Senor!“ 

— „Nicht anders; denn wenn ich in der That Macht und 
Mittel habe, so haben auch die Anarchisten Macht und Mittel. 
Ist es nicht wahr?“ 

— „O! Senor!“ 

— „Zum Beispiel, kennen Sie die Lage des Lavalle in 
Entre-Rios? * 

— „Ja, Senor; es ist ihm unmöglich, nach der Schlacht 
von Don Cristöval, in der die Waffen der Föderirten einen 80 
vollständigen Sieg errangen, eine Bewegung vorzunehmen.“ 

— „Trotzdem mufs auch der General Echagüe aus Mangel 
an Pferden sich unthätig verhalten.“ 


176 Ferdinand Wolf 


— ,Aber Eure Excellenz, die alles vermag, wird machen, 
dafs der General die Pferde bekomme, die ihm fehlen.“ 

— „Kennen Sie den Zustand von Corrientes? “ 

— „Ich glaube, dafs, nachdem Lavalle geschlagen worden 
ist, die Provinz Corrientes zur Föderation zurückkehren wird.“ 

— „Inzwischen steht Corrientes in Waffen gegen meine Re- 
gierung, und damit sind schon zwei Provinzen gegen mich.“ 

— „In der That sind es zwei Provinzen, aber....* 

— „Aber was?“ 

— „Aber für die Föderation sind vierzehn. “ 

— „Ol nicht so viele!“ 

— „Wie sagen Eure Excellenz? “ 

— „Dals es heute nicht mehr vierzehn sind; denn man 
kann die Provinzen nicht mehr zu den föderirten rechnen, die 
sich mit den Unitariern im Aufruhr erhoben haben.“ 

„Gewils, gewifs, Excelentisimo Senor, aber der Aufstand 
dieser Provinzen ist von keiner Bedeutung, meiner Meinung nach 
wenigstens.“ 

— „Sagte ich Ihnen nicht, dafs Ihre Allgemeinheiten auf 
falschen Daten gegründet sein würden?“ 

— „Glauben Eure Excellenz? “ 

— „Ich glaube, was ich sage, Herr Minister. Tucuman, 
Salta, La Rioja, Catamarca und Jujuy sind Provinzen von der 
grölsten Bedeutung; und jene Bewegung, von der Sie gesprochen 
haben, ist nichts Anderes als eine wahrhafte Revolution mit vie- 
len Mitteln und mit vielen Menschen.“ 

— „Das wäre eine sehr bedauerliche Sache! “ 

— „Wie Sie sagen. Tucuman, Salta und Jujuy bedrohen 
mich im Norden bis an die Gränze von Bolivia; Catamarca und 
die Rioja im Westen bis zum Fufs der Cordillera; Corrientes 
und Entre-Rios von der Küste aus, und zwar fortwährend. Und 
aufser jenen, Herr Minister? “ 

— ,yAufser jenen?“ 

— „Ja, Senor, das frag’ ich; aber ich will darauf antwor- 
ten, da Sie sich fürchten, meine Feinde aufzuzählen: aufser jenen 
bedroht mich noch Rivera ! ).“ 

— Bah!“ 

— „Er hat nicht so wenig zu bedeuten, wie Sie glauben; 
denn sein Heer rückt jetzt gegen Uruguay an.“ 


1) Der General Rivera, damals Präsident von Montevideo, unterstützte 
die Unitarier. 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 177 


— „Das er nicht überschreiten wird.“ 

— „Das ist wahrscheinlich; aber man mufs annehmen, dafs 
er es überschreiten werde; und: dann sehen Sie mich auf allen 
Seiten von Feinden umgeben, die von Frankreich angehetzt, be- 
günstigt und geschützt werden.“ 

— „In der That, die Lage ist ernst!“ sagte Mandeville, in- 
dem er bei jedem Worte innehielt, in einer wahren Gedanken- 
verwirrung, da er sich nicht erklären konnte, was Rosas damit 
bezweckte, selbst die Gefahren zu enthüllen, die ihn bedrohten, 
was bei der Schlauheit des Dictators nur eine andre, sehr wich- 
tige Absicht baben konnte. 

— „Sie ist sehr ernst!“ — wiederholte Rosas, mit einem 
Gleichmuth und Phlegma, die den Geist des Diplomaten vollends 
in Spannung setzten. — „Und da Sie nun die Elemente dieser 
Gefahr kennen“, — fuhr Rosas fort, — „wollen Sie mir sagen, 
wodurch Sie Ihrer Regierung gegenüber die Hoffnung auf mei- 
nen vollständigen Triumph über die Unitarier begründen wer- 
den; denn Sie zweifeln ja nicht, dafs ich solch einen vollständi- 
gen Triumph erhalten müsse? “ 

— „Wodurch sonst, Excelentisimo Senor, als durch die 
Macht, den Zauber, die Popularität Eurer Excellenz, die Ihr Ruf 
und Ihr Ruhm Ihnen verschafft haben ? “ 

— „Bah! Bah! Bah! — rief Rosas lachend aus, ganz mit 
dem Ausdruck eines Menschen, der einen anderen seiner Unwis- 
senheit wegen bemitleidet oder verachtet. 

— „Ich weils nicht, Herr General“, — sagte Mandeville, 
ganz aufser Fassung gebracht durch dieses unerwartete Resultat 
seiner höfischen Schmeichelei, oder vielmehr des Ausdrucks sei- 
ner Meinungen, — „in welchem meiner Worte, die ich so eben 
die Ehre hatte auszusprechen, die unglückliche Veranlassung zu 
dem Gelächter Eurer Excellenz liegt!“ 

— „In allen, mein Herr Diplomat aus Europa“, — antwor- 
tete Rosas mit unverhüllter Ironie. 

— „Aber, Senor!“.... 

— „Hören Sie mich an, Senor Mandeville; Alles was Sie 
soeben gesagt haben, ist sehr gut um unter dem Volke verbreitet 
zu werden, aber sehr schlecht um es an den Lord Palmerston 
zu schreiben, den doch die Unitarier von Montevideo selbst den 
n„eminenten Minister“ nennen.“ 

— „W.llten Eure Excellenz mir die Ehre erzeigen, mir zu 
erklären, warum?“ 


178 Ferdinand Wolf 


— „Das will ich. Ich habe Ihnen alle die Gefahren auf- 
gezählt, die gegenwärtig ringsum meine Regierung bedrohen, das 
ist, die Ordnung und den Frieden der argentinischen Confôdera- 
tion. Das ist sie doch gewils?“ 

— „Ganz gewils, Excelentisimo Seuor.“ 

— „Und wissen Sie auch, warum ich Ihnen diese Gefahren 
soeben aufgezählt habe? O! Sie haben es nicht begriffen, Sie 
sind über den Grund meiner Freimüthigkeit nicht ins Klare ge- 
kommen, die Sie in Unsicherheit und Verwirrung gesetzt liefs! 
Aber ich will Ihnen dies erklären: Ich habe Ihnen das gesagt 
was Sie gehört haben, weil ich weils, dafs Sie diese Unterre- 
dung zu Protokoll bringen und sogleich an Ihre Regierung ab- 
senden werden; und das ist gerade, was ich am meisten wünsche.“ 

— „Eure Excellenz wünschen dies?* — rief Mandeville, 
nun noch mehr verwundert, als früher intrigirt. 

— „Ich wünsche es, und der Grund ist, dals mir daran 
liegt, dals die englische Regierung jene Umstände durch mich 
selbst erfahre, noch früher als durch die Organe meiner Feinde, 
oder wenigstens zu gleicher Zeit durch beide. Begreifen Sie nun 
meine Absicht? Was würde ich dabei gewinnen, der englischen 
Regierung eine Lage zu verbergen, die sie durch öffentliche und 
officielle Nachrichten auf tausend andern Wegen erfahren mufs? 
Sie verbergen, hiefse Befürchtungen meinerseits zeigen; und ich 
fürchte mich nicht, ich fürchte mich durchaus nicht vor meinen 
gegenwärtigen Feinden.“ 

— „Eben deshalb sagte ich Eurer Excellenz, dafs Sie durch 
Ihre Macht....* 

— „Zum Henker mit der Macht, Senor Mandeville!“ 

— „Aber wenn es night durch die Macht ist ..... wenn 
Eure Excellenz nicht Macht haben ...... & 

— „Ich habe Macht, Herr Minister“, — unterbrach ihn Ro- 
sas auffahrend, wodurch Mandeville vollends alle Hoffnung ver- 
lor, in dieser Nacht Rosas zu verstehen; und ohne zu wissen, 
was er sagen solle, entfuhr ihm das Wort: 

— „Alsdann..... 1“ 

— „Alsdann! Alsdann! Eines ist, Macht haben, und ein 
Anderes, auf die Macht rechnen, um sich aus einer schlechten 
Lage zu befreien. Glauben Sie, dafs Lord Palmerston nicht ver- 
stehe zu addiren und zu subtrahiren? Glauben Sie, dafs, wenn 
er die Zahl der Feinde und der Elemente zusammenzählt, die, 
mit der mächtigen Unterstützung Frankreichs, die Regierung und 


PN 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 179 


das föderale System des Landes bedrohen, der eminente Minister 
viel Vertrauen zu meinem Triumphe fassen werde, selbst wenn 
Sie ihm eine gleiche Summe von Macht zu meiner Verfügung 
entgegenhalten werden? Und glauben Sie dann, dafs er sich viele 
Mühe geben werde eine Regierung zu unterstützen, deren Lage 
es ihm wahrscheinlich macht, dafs sie ihre Existenz nur mehr 
einige Monate oder Wochen behaupten könne? Meinen Sie, im 
Falle Ihre Regierung mich schützen wollte gegen meine von 
Frankreich unterstützten Feinde, dafs man schneller von London 
nach Paris komme und von Paris nach Buenos-Aires, als von 
Entre-Rios nach Retiro, und von Tucuman nach Santa Fe, und 
dafs dies Lord Palmerston nicht wisse? Bah! Senor Mandeville, 
ich ‘habe niemals grofse Dinge von der englischen Regierung in 
meinem Streite mit Frankreich erwartet, aber nun erwarte ich 
noch weniger davon, seitdem die Informationen, die dieser Re- 
gierung zugehen, von Ihnen nach den Berechnungen meiner Macht 
aufgesetzt werden.“ 

— „Aber, Herr General“, — sagte Mandeville, der immer 
weniger Rosas’ Gedanken zu errathen vermochte, — „wenn es 
nicht durch die Macht, durch die Heere, durch die Fööderirten 
am Ende ist, wodurch glauben Eure Excellenz denn, die Uni- 
tarier zu besiegen?“ 

— „Durch sie selbst, Senor Mandeville*, — sagte Rosas mit 
einem wahrhaft deutschen Phlegma, indem er seine durchfor- 
schenden Blicke fest auf das Antlitz des Anderen gerichtet hielt, 
um den Eindruck zu beobachten, den diese Worte durch das 
plötzliche Aufziehen des Vorbangs hervorbrachten, der die ge- 
heimnifsvolle Scenerie seines Gedankens verhüllt hatte. 

— „Ah!“ — rief der Minister, indem sich seine Augen 
ebenso weit öffneten, als seine Einbildungskraft über den unge- 
heuren Kreis sich auszudehnen begann, den jene drei Worte ge- 
zogen hatten, in welchen er die Erklärung fand all der Räthsel 
und Paradoxen, die er einen Moment zuvor noch nicht sich zu 
erklären wulste, trotz seiner Erfahrenheit und des diplomatischen 
Talentes, womit er oft die versteckten Absichten des Rosas zu 
errathen verstand. 

— „Durch sie selbst“, — fuhr dieser ruhig fort. — „Und 
das ist nun mein Hauptheer, meine unwiderstehlichste Macht, 
oder, besser gesagt, die meinen Feinden verderblichste.“ 

— „In der That, Eure Excellenz führen mich da auf ein 
Terrain, an das ich, offen gesprochen, nicht gedacht hatte.“ 


180 Ferdinand Wolf 


— „Das weïfs ich“, — erwiederte Rosas, der sich keine 
Gelegenheit entgehen liefs, Andere ihre Irrthümer oder ihre Un- 
wissenheit fühlen zu machen. — „Die Unitarier“*, — fahr er 
fort, — „haben bis heute nicht erreicht und werden nie errei- 
chen, was ihnen fehlt, um stark und mächtig zu sein, mögen sie 
auch noch so zahlreich sein und noch so gute Unterstützung fin- 
den. Sie haben Männer von grofser Fähigkeit, sie haben die 
besten Militärs der Republik; aber es fehlt ihnen an einem ge- 
meinsamen Centrum der Action; Alle befehlen, und eben des- 
halb gehorcht Niemand. Alle gehen auf dasselbe Ziel los; aber 
jeder auf einem anderen Wege, und daher werden sie es nie- 
mals erreichen. Ferrer gehorcht nicht dem Lavalle, weil er Gou- 
verneur einer Provinz ist; und Lavalle nicht dem Ferrer, weil 
er der Anführer der Unitarier, der General Libertador ist, wie 
sie ihn nennen. Lavalle bedarf der Mitwirkung des Rivera, denn 
Rivera versteht sich auf unsere Kriegsführung ; aber seine Eigen- 
liebe macht ihn glauben, dafs er sich allein genüge, und so ver- 
achtet er Rivera. Rivera mufs seine Operationen im Einverständ- 
nifs mit Lavalle ausführen, denn dieser ist eines der hiesigen 
Parteihäupter und hat ein besseres Officiercorps als Rivera; aber 
Rivera verachtet den Lavalle, weil er ein Montonero ') ist, und 
verabscheut ihn, weil er aus Buenos-Aires stammt (porque es 
porteno). Die Männer der Feder, die Männer des Cabinets, wie 
sie sich nennen, berathen den Lavalle; Lavalle ist geneigt ihrem 
Rathe zu folgen; aber die Männer des Schwerts, die ihn umge- 
ben, verachten jene die nicht im Heere dienen; und Lavalle, der 
nicht zu befehlen versteht, leiht sein Ohr dem Geschrei seiner 
Subalternen, und um diese nicht zu verstimmen, lebt er lieber in 
Anarchie mit den Männern des Wissens, deren es in seiner Partei 
gibt. All die neugebacknen Unitarier in den Provinzen, eben 
deshalb weil sie Unitarier sind, kranken an demselben Uebel wie 
jene; d.h. jeder hält sich für einen Chef, einen Minister, einen 
Gouverneur, und keiner will sich blofs als Soldaten, als Beam- 
ten, als Bürger ansehen. Alsdann, Herr Minister Ihrer Majestät 
der Königin von England, wenn man solche Feinde hat, ist das 
Mittel sie zu verderben, ihnen Zeit zu geben, dafs sie sich selbst 
verderben; und das ist’s was ich thue.“ 


1) Montonera ist die irreguläre Reiterei, hauptsächlich aus den halb- 
wilden Bewohnern der Pampas zusammengesetzt. 


Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 181 


— „O! ganz vortrefflich! Das ist ein herrlicher Plan!“ — 
rief Mandeville ganz aufgeregt. 

— „Erlauben Sie, ich bin noch nicht zu Ende“, — sagte 
Rosas mit demselben Phlegma, — „wenn man solche Feinde 
hat“, — fuhr er fort, — „dann schätzt man sie nicht nach der 
Anzahl, sondern nach dem Werthe, den jede Fraction, jeder 
Kreis, jeder Mann vorstellt; und vergleicht man nun diese Frac- 
tionen mit der gegentheiligen Macht, einer soliden, organisirten, 
wo nur Einer befiehlt und alle Uebrigen gehorchen, wie die Arme 
dem Willen, alsdann wird man zu dem Schlusse kommen, dafs 
der Triumph dieser letzteren Macht gesichert ist, unfehlbar, auch 
wenn sie kleiner schiene im Vergleich mit der Gesammtsumme 
ihrer Feinde in Masse. Verstehen Sie nun völlig, in welcher 
Weise man die Situation meiner Feinde und die meinige wür- 
digen mufs?* — frug Rosas, der nicht einen Augenblick den 
Gleichmuth verloren hatte, womit er seinen originellen Feldzugs- 
plan zu entwickeln begonnen hatte, welcher das Resultat seiner 
ausführlichen Studien war, die er, während seines öffentlichen 
Lebens, über die Feinde gemacht hatte, die ihn bekämpften und 
die, indem sie ihn verderben wollten, selbst ihm jene grofse 
Macht und die Mittel lieferten, die ihm solch ein Ansehen in den 
Augen der Welt gaben, und die er allein nie weder das Talent 
noch die Kraft gehabt hätte, zu erwerben. 


Am 31. October 1840 wurde in der That durch Lord 
Palmerston’s Vermittlung Rosas’ Zwist mit Frankreich bei- 
gelegt und die französische Blokade von Buenos Aires auf- 
gehoben; und im November 1840 wurde, wie bemerkt, 
Lavalle wiederholt von Rosas geschlagen, zur Flucht nach 
Tucuman genöthiget und bei Jujuy überfallen und getöd- 
tet. Nun erst konnte Rosas seiner Blutherrschaft die Zü- 
gel schiefsen lassen, und bis zum Jahre 1843 liefs er ge- 
gen 6000 Menschen (5 Procent der Bevölkerung von ganz 
Buenos Aires) hinrichten; dennoch wurde er abermals durch 
das Suffrage universel!) im Jahre 1849 mit noch unum- 
schränkterer Gewalt wieder gewählt! — 


3) Dies ging so weit, dafs sich in den Pfarren von Buenos Aires Ver- 
eine bildeten, die Parroquiales genannt, die in Procession das Bildnifs des 
Rosas in die Kirche trugen, wo es von den Geistlichen im Ornate empfan- 
gen und auf einem Altare aufgestellt wurde; denn Rosas hatte auch die 


182 Ferdinand Wolf, Der erste histor. Roman im span. Süd-Amerika. 


Man sieht, auch in Amerika gibt es Männer die Stu- 
dien zu machen verstehen; so manche europäische Diplo- 
maten könnten, gleich Herrn Mandeville, zu ihnen noch in 
die Schule geschickt werden; und auch unsere Unitarier 
könnten sich an dem Schicksal der amerikanischen ein Bei- 
spiel nehmen, die erst nach vielen Niederlagen, nachdem 
sie die blutigste Tyrannei erduldet, einsehen lernten, dafs 
eben in ihrer Uneinigkeit und gegenseitigen Scheelsucht die 
grôfste Stärke ihres Gegners bestand, und dafs nur ein 
aufrichtiges Zusammenwirken im Stande war, den Restan- 
rador de las leyes!) — wie Rosas von seinen fanatischen 
Anhängern und den Revolutionsmüden genannt wurde — 
zu besiegen und zu verjagen ?). 


Geistlichkeit, mit Ausnahme der Jesuiten, völlig gewonnen. Unser Verf. sagt 
davon mit gerechter Indignation: „En los brazos de los federales — de los 
federales dignificados con la casaca de nuestros generales, & con el barton 
de nuestros magistrados, pero plebeyos y corrompidos de corazon — el re- 
trato del dictador fué conducido hasta los templos, y recibido en la puerta 
de ellos por los sacerdotes en sobrepelliz: paseado por entre las naves bajo 
el Santo Palio, y colocado en el altar al lado del Dios crucificado por los 
hombres“. 

1) Durch welche Art von Gesetzen er die Ruhe herstellte, beweist z.B. 
das berüchtigte Hunger-Gesetz (Ley de hambre) vom 16. September 1840, 
wodurch die Unitarier völlig rechtlos, aller ihrer beweglichen nnd unbeweg- 
lichen Güter durch die Confiscation verlustig erklärt, und im eigentlichen 
Sinne dem Hungertode preisgegeben wurden, wenn sie nicht eher von der 
Henkerbande (Mas-horca) erschlagen und geplündert worden waren. 

2) Nachdem Rosas im Jahre 1852 endlich völlig besiegt worden war, 
entkam er als Matrose verkleidet und rettete sich nebst seinen beiden Söh- 
nen und seinen beiden Töchtern auf das englische Kriegsschiff Locust, das 
ihn bei Cork in Irland landete, wo er von seinem Verbündeten und Gönner, 
dem edlen Lord Palmerston, mit offenen Armen aufgenommen wurde. 


Ferdinand Wolf. 


ee m met 





Heller, Das Neueste zur Ossian-Frage. 183 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 


Wem auf dem Continent die schottischen und irischen Zeit- 
schriften und Abhandlungen, in welchen über die Aechtheit oder 
Unächtheit des Macphersonschen Ossian herumgestritten wird, 
— und ihre Zahl ist Legion — nicht zu Gebote stehen, der greift 
wohl, auch nach der übersichtlichen Geschichtsdarstellung der 
berühmten Streitfrage von Löbell (Entwickelung der deutschen 
Poesie seit Klopstock’s erstem Auftreten bis zu Göthe’s Tode, 
1856. Bd. I, 122-125, 272—311), wenn er sich ein gründliches 
Urtheil über dieselbe bilden will, nach dem Buch von Talvj 
(Mad. Robinson, geb. T. A.L. von Jakob) „die Unächtheit der 
Lieder Ossians und des Macphersonschen Ossians insbesondere. 
Leipzig 1840. 8°“. Die Verfasserin folgt hauptsächlich den 
Untersuchungen der irischen Gelehrten, namentlich O’Reilly’s 
(Irish Transactions Vol. XVI. Part. II. pol. Lit.) und Drummond’s 
(ebenda), sowie einigen Schotten, die, durch Patriotismus nicht 
verblendet, sich gegen die Aechtheit des Macphersonschen Ossian 
auszusprechen gewagt haben, unter ihnen Walter Scott. Das Er- 
gebnifs, welches sich herausstellt, gibt sie selbst in ihrer Vorrede 
in folgendem Satze an: „Vermittelst der Aufsätze O’Reilly’s und 
Drummond’s liegt es nun ganz unwidersprechlich zu Tage, dafs 
Macpherson’s sogenannte englische Uebersetzung ein aus Jugend- 
erinnerungen hochländischer Liederbrocken, mannichfacher Lec- 
türe, besonders aber irischer Volkssagen und Liedermärchen, zu- 
sammengesetztes Original, die sogenannten gälischen Originale 
aber eine von ihm im heutigen corrumpirten ersischen Dialecte 
verfalste Uebersetzung des englischen Originals sind.“ Im Buche 
selbst sucht die Verfasserin, zur Begründung dieses Satzes, ganz 
besonders nachzuweisen, dafs Macpherson, wo ihm bei Abfassung 
seines englischen Ossian alte Handschriften zu Gebote standen, 
einzig und allein irische Manuscripte gehabt haben könne, deren 
Lieder nur in den Thatsachen mit dem Macphersonschen Mach- 
werk Aehnlichkeit haben, in der Fassung und im Wortlaut aber 
durchaus abweichen. Zu diesem Zwecke sagt sie 8. 101: „Mac- 
pherson behauptete allerdings einen Theil der Dichtungen in al- 
ten ersischen Handschriften gefunden zu haben. Auch geht aus 
der durch die hochländische Commission angestellten Untersu- 
chung hervor, dafs er wirklich Manuscripte in Händen gehabt, 
die alt und bestaubt aussahen. Ob dies aber erstens wirklich 
Manuscripte von einigem Alterthum, zweitens ob es ersische, 


184 Heller 


\ 


drittens ob es überhaupt Handschriften der Ossianischen Dich- 
tangen waren, viertens inwiefern Macpherson befähigt war, alte 
Manuscripte zu entziffern, ist eine andere Frage. In seinem 
Nachlafs hat sich durchaus kein Manuscript gefunden, welches 
nicht von ihm selbst oder von einem Schreiber in seinem Auf- 
trage geschrieben gewesen wäre. Es ist jedoch wiederholt von 
einer Handschrift gälischer Gedichte die Rede, welche in der 
Familie Clanronald aufgehoben und im Anfange des vierzehnten 
Jahrhunderts von dem Barden derselben, Paul Mac Mhusich, ge- 
sammelt worden sei. Dies Manuscript, aus mehreren kleinen 
Octavbänden bestehend, soll Macpherson von einem der Clanro- 
nalds erhalten haben. Kein Mensch kann sagen, was daraus 
geworden. Die Untersuchungs-Commission bezeugt, dafs nur ein 
Band davon gefunden worden, der zum Theil englische, zum 
Theil gälische Gedichte enthalten; kein Wort von Ossian “. — 
S. 103: „Wenn Macpherson alte Manuscripte besals, so hätten 
diese irisch-gälische sein müssen“. — S. 104: „Was er von äl- 
teren Manuscripten in Händen hatte, waren ohne Zweifel irische, 
und namentlich wohl eine Abschrift vieler Finnianischen Ge- 
dichte —. Die meisten seiner Ossianischen Dichtungen sind auf 
dieselben gegründet, d. h. so, dafs sich der Gang der Begeben- 
heiten darin erkennen läfst, und da ihm Alles daran lag, gerade 
das zu verbergen, und erstere für ächte schottische Nationalpro- 
ducte gelten zu lassen, so wird jeder natürlich finden, dafs er 
die Manuscripte sorglich vernichtete“. — S.107: „Merkwürdig 
ist, dafs sich für alle Gedichte seines ersten Bandes eine Art 
von Autorität finden läfst; — so für ,Carthon“ die irische Erzäh- 
lung Conloch (s. Miss Brooke); der Tod Oskar’s im ersten Buche 
von Temora ist aus einem der irischen Gedichte auf die Schlacht 
bei Gabhra genommen, wovon ein Bruchstück als ein eigenes 
Lied in Umlauf war.“ 

Ganz besonders aber mufste die Ansicht der irischen Ge- 
lehrten, dafs Macpherson nur aus irischen Handschriften diejeni- 
gen seiner Gedichte, welchen solche alte Quellen zu Grunde lie- 
gen, geschöpft haben könne, der Umstand stützen, dafs, während 
irische Manuscripte alter, vorzüglich Ossian zugeschriebener Lie- 
der sich in den Bibliotheken Dublins u. s. w. befinden, schotti- 
sche Handschriften dagegen, welche nur annähernd eines jener 
Gedichte enthalten hätten, nicht nachweisbar waren. Mit Bezug 
auf den (schon oben erwähnten) im Jahre 1805 erschienenen 
und aus einer Arbeit von 8 Jahren hervorgegangenen Bericht der 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 185 


Commission der hochländischen Gesellschaft von Schottland, welche 
den Auftrag hatte, die Echtheit des Macphersonschen Ossian zu 
prüfen, sagt Talvj S. 31: „Die Commission fand wohl alte Lie- 
der von den Finniern, die dem Ossian zugeschrieben werden 
(und aufserdem eine Menge andere), allein kein einziges, wel- 
ches selbst dem eifrigsten schottischen Patrioten für das Original 
eines der Macpherson-Ossianischen Gedichte gelten konnte“. — 
S. 69: „Gillie, Hill, Young und die hochländische Gesellschaft 
haben diejenigen sogenannten Ossianischen Lieder, die unter dem 
Volke (von Hochschottland) in Umlauf waren, gesammelt. Sie 
sind nach dem Urtheil der tüchtigsten Sprachkenner ziemlich 
verderbt in Sprache und Metrum, aber keinesweges Producte des 
heutigen ersischen Dialects und finden sich auch grôfstentheils, 
nur reiner in Sprache und Form, in irischen Manuscripten wie- 
der, auch, wie das bei Volksliedern unvermeidlich ist, in abwei- 
chenden Recensionen unter den irischen Landleuten. Bei der so 
alten Uebersiedelung der Sagen von den Finniern nach dem We- 
sten von Schottland — im sechsten Jahrhundert nämlich gingen 
die Scoten aus Irland nach Schottland über und gründeten ein 
eigenes Königreich in Argylesbire, aus dem das Königreich 
Schottland erwuchs — und dem poetischen Geiste des Volkes 
dort ist es höchst auffallend, dafs nicht dort andere Lieder von 
ihnen entstanden. In der That, nichts würde natürlicher schei- 
nen, als dafs die hochländischen Sgealaichies, ganz unabhängig 
von den irischen, die alten Sagen zu Liedern verarbeitet hätten. 
Allein die Hochländer scheinen die eigne poetische Kraft auf 
andere, rein vaterländische Gegenstände verwandt, und von Ir- 
land nicht nur die Sagen, sondern auch in späteren Jahrhunder- 
ten die metrischen Bearbeitungen derselben, d. b. die Lieder 
überkommen zu haben“. 

Was endlich die sogenannten gälischen Originale anbetrifft, 
so sind die vorurtheilsfreien Schotten, wie Walter Scott (s. Lock- 
hardt I, 270) u. A. mit den irischen Gelehrten darüber einig, dafs 
sie von Macpherson selbst angefertigt worden seien. Es heifst 
darüber bei Talvj S. 112: „Nur von acht Gedichten hatte er 
— darüber fand sich ein Memorandum von Macpherson’s Hand in 
seinem Nachlasse — „die gälischen Originale“ Herrn Mackenzie, 
dem die Besorgung der Herausgabe von der hochländischen Ge- 
sellschaft ursprünglich anvertraut worden, übergeben. Wo die 
drei andern Stücke, die nachher gälisch publicirt worden, herge- 
kommen, ob‘ sie in Macpherson’s Nachlafs gefunden, oder von 


IL 2 13 


186 Heller 


seinen Executoren in das Werk gestellt, bleibt ganz unentschie- 
den. Genug, von den zwei und zwanzig Macpherson-Ossianischen 
Dichtungen sind nie mehr als elf gälisch zu Tage gefördert wor- 
den; warum aber die Herausgabe derselben bis zum Jahre 1807 
verschoben wurde, nachdem Macpherson bereits zehn Jahre ge- 
storben, darüber verlautet nichts. — Das Erscheinen der „Ori- 
ginale“ ‚diente dem echten Kenner zur Bestätigung seiner Ueber- 
zeugung, dafs die Gedichte Producte der neuesten Zeit und wahr- 
scheinlich von Macpherson selbst verfafst waren. — Es würde 
ganz nutzlos sein, für deutsche Leser hier abzuschreiben, wodurch 
Oreilly und Drummond darthun, wie wenig das Metrum dersel- 
ben (der Originale) sowohl mit den ältesten echten, als mit den 
mittelalterlichen Liedern übereinstimmt, und wie unvollständig es 
den letzteren nachgeahmt ist, als auch wie sie aus den vielen 
sprachlichen und grammaticalischen Fehlern und modernsten 
Ausdrücken beweisen, dafs die sogenannten Ossianischen Dich- 
tungen nicht die Erzeugnisse eines echten gälischen Sgeulaich, 
sondern das Machwerk unserer Tage und zwar nach dem eng- 
lischen Ossian entstanden sind“. — $. 80: „Das Versmafs, in 
welchem die mittelalterlichen Heldengedichte der Gälen gebildet 
sind, heïfst Dan direach. Je vier und vier Verse, die immer ei- 
nen vollständigen Sinn geben, jeder von sieben oder acht Silben, 
machen einen Rann aus.— In den sogenannten Macphersonschen 
Originalen ist aber keine Spur von vierzeiligen in sich abge- 
schlossenen Ranns, noch von Assonanzen u. s. w.“ 

Einen besonderen Nachdruck legt bei ihrer Beweisführung 
und mit völligem Recht die Verfasserin darauf, dafs die senti- 
mentalen Dichtungen, welche Macpherson für alte Volkspoesie 
ausgab, von einer solchen himmelweit verschieden sind; and ver- 
gifst auch nicht, Macpherson’s völlig unerklärliches Benehmen, 
als schwer in’s Gewicht fallend für die Unächtheit aller seiner 
Ossianischen Gedichte, in die Wagschale zu legen. 

Wenngleich nun dieses Resultat, zu welchem hauptsächlich die 
Untersuchungen der irischen Gelehrten gefährt haben, im Gan- 
zen und Grofsen für ausgemacht angenommen werden mufs, s0 
kann es doch in Einzelheiten noch eine beträchtliche Modifica- 
tion erleiden. Ich habe gerade deshalb die eigenen Worte der 
Verfasserin in einiger Ausführlichkeit hierher gesetzt, damit man 
die so eben vorläufig angedeutete Modification jenes Resultats 
um 80 genauer bemerken könne. 

Dafs die von Macpherson veröffentlichten Ossianschen Ge- 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 187 


dichte nicht durchweg aus einer Uebersetzung aus dem Gälischen 
hervorgegangen sind, leidet keinen Zweifel. 

Dafs er dagegen nicht einzelne Gedichte oder einzelne Stel- 
len dieser Gedichte aus alten gälischen Manuscripten wirklich 
übersetzt haben sollte, ist keinesweges ausgemacht. Von einzel- 
nen Bruchstücken, die er in seine Gedichte verschmolzen habe, 
leugnet es sogar Niemand. „So geschickt — heilst es bei Talvj 
S. 32 — hatte Macpherson die Bruchstücke sogenannter Ossia- 
nischer Lieder benutzt, die sich seit Jahrhunderten in den Hoch- 
landen angesiedelt, so künstlich sie in seine Dichtungen ver- 
woben, dafs diese dadurch allen dort Erzogenen einen bekannten 
Klang bekamen, obne dafs Einer, wenn er recht zuhörte, be- 
haupten konnte, sie seien mit jenen Gedichten identisch, die er 
selbst im Volke gehört, und die ohne Zweifel keine anderen 
waren, als die, welche Young und Hill unter den Hochländern 
fanden, und welche jetzt die einzige Ausbeute der hochländischen 
Gesellschaft gewesen waren.“ — Aber wenn Bruchstücke, warum 
nicht einzelne Episoden, warum nicht ganze Gesänge? Nimmt 
man an, dafs Macpherson durch den Gebrauch gewisser Beiwör- 
ter, durch Hinzufügung von Vergleichen, durch den häufigen Ge- 
brauch der Inversion, durch emphatische O und elegische But, 
durch Fragen, Imperative, Anreden und dergleichen Kunstgriffe 
mehr die ruhigere Haltung der Originale leidenschaftlicher machte, 
um sie seinem Geschmack und seinen eigenen Productionen gleich- 
förmiger zu machen, so bleibt Nichts, was der Voraussetzung, 
einzelne Abschnitte, einzelne Episoden, ja einzelne Lieder seien, 
unter der obigen Einschränkung, wirkliche Uebersetzungen aus 
dem Gälischen, mit völliger Ueberzeugungskraft entgegenträte. 

Denn dafs die alte strophische Anordnung in ihnen fehlt, 
spricht noch keineswegs dagegen, dafs einzelne Stellen nicht aus 
dem Altgälischen entnommen sein könnten, Die strophische An- 
ordnung, welche die irischen Lieder beibehalten haben, kann in 
der hocbländischen Fassung verloren gegangen sein. Auch die 
von Gillie, Hill, Young im Hochlande gesammelten Ossianischen 
Lieder zeigten sich verderbt im Metrum; 8. o. 8. 185. Damit ist 
zugleich auch die Verletzung des regelrechten strophischen Baus 
gemeint. Die äbnliche Erscheinung zeigt sich auch wohl ander- 
wärts. Die älteste Epik der Griechen hat wahrscheinlich eben- 
falls eine strophische Anordnung der Hexameter gekannt; Spu- 
ren davon sind am deutlichsten in der Theogonie und in den 
grofsen Eöen (Hoi) Hesiods erkennbar; vielleicht auch im xa- 

13 * 


188 Heller 


zdAoyog Homers: — es haben bekanntlich Gelehrte (unter an- 
dern Gruppe) versucht — ganz wie es bei manchen Oden des 
Horaz geschehen ist — aus dem wiederhergestellten strophischen 
Bau die angeblich unechten Bestandtheile der hesiodischen Theo- 
gonie auszumerzen, wiewohl unter Gruppe’s Händen bei diesem 
Verfahren das mehr als 1000 Verse lange Gedicht auf etwa 
111 Verse hat beschränkt werden müssen; — dagegen ist der 
strophische Bau bei Homer und in dem griechischen Epos über- 
haupt sonst gänzlich aufgegeben worden. 

Aber ohne auf eine solche Analogie etwas zu geben, kann 
man durch einen viel schlagenderen Grund den Beweis führen, 
dafs Macpherson sich nicht allein, ja sogar nicht hauptsächlich 
auf die irischen, in Strophenform gefafsten Lieder von den Fin- 
niern stützte. Denn hätte er nur stropbische Lieder vor sich 
gehabt, um auf Grundlage derselben seinen Ossian zu schmie- 
den, so mufste er ohne alle Frage, wenn er seine Dichtungen 
für getreue Bearbeitungen und Uebersetzungen der alten Poesie 
ausgeben wollte, um die Täuschung zu unterstützen, selber für 
seinen Ossian, auch wenn er das Versmafs aufgab, doch die 
Spuren der Strophenform beibehalten, oder erkünsteln: er mülste 
dafür gesorgt haben, dafs in Sätzen und Abschnitten sich der 
ursprüngliche strophische Bau abspiegelte. Dafs er es nicht ge- 
than, beweist, dafs seine hauptsächliche, oder mindestens doch, 
dafs seine erste Quelle Lieder waren, welche die Strophenform 
nicht bewahrten. 

Wenn ferner die irischen Manuscripte, welche mit Macpher- 
sonschen Gedichten den gleichen Gegenstand behandeln, von der 
Darstellung und von dem Wortlaut seiner Verse durchaus ab- 
weichend sind, so können ihm doch andere, nämlich hochschot- 
tische oder in Hochschottland angefertigte und veränderte Manu- 
scripte gedient haben, in welchen, nach jahrhundertlanger Tra- 
dition, Darstellung und Wortlaut von der in einem andern Lande 
beibehaltenen oder nach und nach angenommenen Fassung ab- 
gegangen waren. 

Es bleibt daher immerhin eine Möglichkeit, dafs zwar kei- 
neswegs die ganze Ossianische Dichtung, aber doch der Kern 
derselben, — allerdings gewifs nur ein unbedeutender Bruchtheil 
des Ganzen — wirklich aus gälischer Ueberlieferung oder gers- 
dezu aus gälischen Manuscripten gezogen worden ist. 

Es läfst sich auch endlich Macpherson’s Verfahren leichter 
erklären, wenn man annimmt, dafs er einzelne Theile seiner Os 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 189 


sianischen Gedichte nach wirklich alten Manuscripten übersetzt, 
andere wenigstens paraphrasirt, den grölseren Theil entweder 
nach vorhandenen Sagen selbst gedichtet, oder aber auch gänz- 
lich erfunden habe. Doch hiervon nachher. 

Ohne das Vorhandensein eines solchen gälischen Manuscripts, 
welches in wirklich alter Sprache und unbezweifelt aus früherer 
Zeit herrührend dem Wortlaut eines oder einiger der von Mac- 
pherson in englischer Sprache veröffentlichten Gedichte entspricht, 
würde es, nach den oben im Auszuge mitgetheilten Untersuchun- 
gen der bedeutendsten Kenner der gälischen Sprache und Lite- 
ratur, eine beispiellose Verwegenheit sein, auch nur die gedachte 
Möglichkeit aufzustellen, geschweige denn eine ganze Hypothese 
auf dieselbe zu gründen. 

Es ist aber ein solches altes Manuscript vorhanden. 

Es ist sogar dies Manuscript auch schon der behufs der Un- 
tersuchung der Aechtheit des Macphersonschen Ossian seit 1797 
niedergesetzten Commission der hochländischen Gesellschaft von 
Schottland bekannt gewesen. Ob es wegen der geringen Kennt- 
nifs, welche Donald Smith, dem man die sprachliche Seite der 
Prüfung ganz überlassen hatte, vom älteren Gälischen besals, 
nicht gehörig benutzt worden ist, ob Manches in demselben aus 
irgend einer Ursache und unbegreiflicher Weise übersehen wor- 
den ist, oder aus gewissen Gründen nicht recht hat benutzt, son- 
dern übersehen werden sollen, läfst sich schwer entscheiden; 
doch ist das Letztere nicht unwahrscheinlich. Drei für die Frage 
wenig bedeutsame Fragmente desselben sind im Report u. 8. w. 
S. 93—102 abgedruckt. S. auch Talvj S. 34; aber vergl. beson- 
ders unten S. 197. 

In den Proceedings of the society of antiquaries of Scotland, 
Vol. II, part. 1. Edinburgh, Neill and company — es ist dies 
eine Gesellschaft in Edinburgh, welche unter der Protection der 
Königin Victoria steht, und welche alle zwei Jahre einen Band 
ihrer Verhandlungen veröffentlicht — befindet sich in der letz- 
ten, die Sitzungen von 1855 und 1856 (der 75. Sitzungsperiode) 
umfassenden Nummer folgende Abbandlung: 

Notices of ancient Gaelic poems and historical fragments in 
a ms. volume (written in the years 1512 to 1529) called „tbe 
Dean of Lismore’s book“ in the advocate’s library. By the Rev. 
Thomas M’Lauchlan, Edinburgh. 

Der Verfasser ist ein Hochländer: man hat also vielleicht, 
wegen des bekannten Patriotismus der Schotten, Veranlassung, 


190 Heller 


seinem Urtheil zu mifstrauen; aber man hat dennoch keinen 
Grund, an den von ihm berichteten Thatsachen zu zweifeln. Wie 
weit seine Kenntnifs des Alt-Gälischen reicht, mögen seine Lands- 
leute und die Irländer feststellen; aus seinem Aufsatze geht her- 
vor, dafs er das gälische Manuscript entziffert und übersetzt; 
- dies ist hier genügend. Da seine Abhandlung in Deutschland 
schwerlich sehr bekannt geworden sein wird, wenigstens noch, 
so viel ich weils, in keiner Zeitschrift erwähnt worden ist, so 
werde ich sie im Auszuge mittheilen. 

Das Manuscript, über welches der Verfasser eine genaue 
Auskunft gibt, ist wahrscheinlich theils von einem Dechanten 
von Lismore, Namens Jacob M’Gregor, theils von einem andern 
M’Gregor, Duncan, Sohn des Dugald etc. geschrieben und durch 
John Mackenzie, Esq., vom Tempel in London *) an die hoch- 
ländische Gesellschaft geschenkt worden. Wie es in seine Hände 
gekommen, und wo es während der 300 Jahre seit seiner Abfas- 
sung verborgen gewesen ist, weils man nicht. Aber John Macken- 
zie ist Macpherson’s Testamentsvollstrecker gewesen; es kann da- 
her ein Theil der Macphersonschen Sammlungen gewesen sein. 
Es ist in sächsischer Schrift abgefafst (saxon character); der Ver- 
fasser macht darauf aufmerksam, dafs Johnson, Journey to the 
Western Islands, sagt, der Herausgeber des Ossian habe behaup- 
tet, einen Theil der Gedichte in sächsischer Schrift bekommen 
zu haben; dies würde der Schrift dieses Manuscripts entsprechen. 
Es ist die älteste Probe von geschriebenem schottischen Gälisch. 
Die Orthographie ist phonetisch; dies erschwert noch das Ver- 
ständnifs des auch sonst schwer lesbaren Manuseripts. Es ent- 
hält auf 311 Seiten von je 6 —28 Zeilen, und in etwa 11000(?) 
‚Zeilen überhaupt, 159 verschiedene Bruchstücke von 66 verschie- 
denen Autoren; dic ersten 4 Seiten sind unleserlich. 800 Zeilen 
des Manuscripts sind Ossianisch, d. h. in Ossianischem Stil und 
Versmafs, und beziehen sich auf die Ereignisse der Fingalge- 
schichte. Manche von den Stücken sollen, der Angabe nach, 
von Ossian selbst sein, andere von Caoilt M’ Ronan, Conall 
M’ Edirskioil (oder O’ Driscoll), Fergus Filidh und andern Dich- 
tern der Ossianischen Periode. Es geht aus diesen Fragmenten 


1) Nicht zu verwechseln mit Henry Mackenzie, der den Report of the 
committee of the Highland society of Scotland, appointed to inquire into 
the nature and authenticity of the Poems of Ossian herausgegeben hat. — 
Den Report habe ich, weil er auf der königl. Bibliothek zu Berlin nicht vor- 
handen ist, leider nicht einsehen können. 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 191 


deutlich hervor, dafs Gedichte, welche von Ossian, dem Sohne 
Fingals, verfalst sein sollten, in den schottischen Hochlanden im 
XVI. Jahrhundert vorhanden waren und in der Landessprache 
niedergeschrieben wurden. Man bemerkt auch sofort, dafs die 
Personen, welche in diesen Gedichten erwähnt werden, in dem 
Ossian Macpherson’s vorkommen, dafs die Scene ihrer Thaten 
dieselbe ist, nämlich Irland und die schottischen Hochlande, und 
dafs die erzählten Ereignisse identisch sind. „Die Frage bleibt“ 
— so fährt der Verfasser fort — „übrigens: Sind einige von 
den Gedichten in dem Manuscript dieselben mit denen, welche 
Macpherson veröffentlichte? Bei Beantwortung dieser Frage wür- 
den wir Vortheile haben, welche die Commission der hochländi- 
schen Gesellschaft, die 1805 über die Aechtheit oder Unächtheit 
der Ossianischen Gedichte sich auszusprechen hatte, nicht besafs. 
Als sie ihren Bericht abfalste, waren nur zwei Fragmente von 
dem ganzen Macphersonschen Ossian im Original veröffentlicht 
worden, nämlich das Gedicht Carrickthura und ein Buch von 
Temora. Daher waren die Ausfchufsmitglieder genöthigt, ihre 
eigenen gälischen Sammlungen mit Macpherson’s englischer Ueber- 
setzung zu vergleichen. Seitdem ist das ganze Werk in dem 
ursprünglichen Gälischen veröffentlicht worden, und wir würden 
jetzt im Stande sein, mit ibm alle Sammlungen, die noch ge- 
macht werden oder schon gemacht worden sind, zu vergleichen. 
Es ist Thatsache, dafs die Nothwendigkeit, vermittelst einer Ue- 
bersetzung zu urtbeilen, den ganzen Charakter der Ossianischen 
Streitfrage nicht wenig beeinträchtigt hat.“ 

Ich erlaube mir hier eine nothwendige Zwischenrede. Man 
sieht einmal aus der Ausdruckweise des Verfassers, dafs er ziem- 
lich geneigt ist, die nach Macpherson’s Tode herausgekommene 
gälische Ausgabe seines Ossian für ein Original und nicht für 
eine erst nach dem Englischen angefertigte Uebersetzung zu hal- 
ten; andererseits aber modificirt er den Ausdruck: „das ganze 
Werk sei in dem gälischen Original erschienen“ im Folgenden 
sehr bedeutend. 

„In den Bruchstücken, welche das Manuscript enthält — 
so sagt M’ Lauchlan weiter — „haben wir unbezweifelbar die 
Namen, welche in Macpherson’s Werk auftreten: Fingal, Gaul, 
den Sohn Morni’s, Oscar, den Sohn Ossian’s, Garve, den Sohn 
Starno’s, die Dänen, Cuchullin u. 8. w. Ohne Zweifel, wenn Mac- 
pherson’s Ossian ein Betrug ist, so hat er Gebrauch gemacht von 
Personen und Namen, welche Jahrhunderte lang einem jeden ein- 


192 | Heller 


geborenen Hochländer geläufig waren. Die einzige Eigenthüm- 
lichkeit von den in diesem Manuscript enthaltenen Bruchstücken 
ist die häufige Einführung St. Patrick’s.“ — Man weils, mufs ich 
wiederum bemerken, dafs die Verbindung St. Patrick’s mit Ossian 
in den irischen Liedern ganz gewöhnlich ist, s. Mifs Brooke’s 
reliques und Talvj. — „Es finden sich hier zahlreiche Gespräche 
zwischen dem Heiligen und Ossian, und viele von den Gedichten 
sind von dem letzteren an den ersteren gerichtet. Das Christen- 
thum des Dichters ist von einer etwas fraglichen Natur; wenn 
diese Stellen zu den ächten gehören“, — man sieht, dafs der 
Verfasser es nicht für unmöglich hält, dafs echte Lieder des al- 
ten Barden Ossian uns erhalten sein könnten; — „würden sie 
die Zeit Ossian’s in die des St. Patrick herunterrücken, und wür- 
den zugleich anzeigen, dafs sein Vaterland nicht Schottland, son- 
dern Irland wäre“ — woran bekanntlich aufserhalb Schottland 
schon lange Niemand mehr zweifelt. — „Das Folgende ist ein 
Auszug aus einem dieser Bruchstücke No. 215 (22 Zeilen).* — 
Damit diejenigen, denen der englische Ossian bekannt ist, nach 
der englischen Uebersetzung, welche M” Lauchlan von diesen Zei- 
len gibt, wenigstens annähernd über sie ein Urtheil bilden kön- 
nen, habe ich sie nicht erst noch ins Deutsche übertragen, weil 
man sonst vielleicht denken könnte, ich hätte sie durch meine 
Uebersetzung „trivial* gemacht. Uebrigens wird auf dieses 
Bruchstück oder ein ähnliches, das irgendwo anders erhalten sein 
mufs, in dem Buche von Talvj S. 70 angespielt. 


„Ossian, the son of Fingal, said: 

Tell me, Patrick, the honour which belongs to us, 

Do the Fingalians of Ireland enjoy the happy heaven? 

I tell thee assuredly, Ossian of bold deeds, 

That neither thy father, nor Gaul, nor Oscar, are in heaven. 

Sad is thy tale to me, O Priest, 

I worshipping God, and that the Fingalians of Ireland should be ex- 
cluded from heaven, 

Is it not well for thee to be blessed thyself, 

Although Caoilt, and Oscar, and thy father should not share thy bles- 
sedness? 

I care little for any blessedness above, 

Unless shared with Caoilt, and Oscar, and my father! 

Better for thee to see the countenance of the Son of Heaven 

Than that thou should’st possess all the gold in the world. 

Tell me, thou tonsured priest, concerning the heavenly throne; 

I would gladly give thee an account of the battle of Gaura. 


Das Neueste sur Ossian-Frage. 193 


Man findet den Namen des St Patrick an keiner Stelle von Mno- 
pherson’s Ossian, wahrscheinlich, weil er den Schlufs machte, 
dafs alle Stellen der überlieferten Gedichte, in denen Anspielun- 
gen auf den Namen des Heiligen vorkommen, nicht ächt seien 
und für blofse spätere Interpolationen gehalten werden müssen.“ 

In der That sagt Macpherson in einer Note zu Cath-Loda, 
HI: Their interpolations (of the bards) are so easily distinguished 
from the genuine remains of Ossian, that it took me very little 
time to mark them out, and totally to reject them. Und so ent- 
scheidet er am Ende des II. Gesanges: The continuation of this 
episode is just now in my hands; but the language is so diffe- 
rent from, and the ideas so unworthy of Ossian, that I have re- 
jected it, as an interpolation by a modern bard; und am An- 
fang des I. Gesanges, von einem andern Gedichte sprechend: 
It is not the work of Ossian; the phraseology betrays it to 
be a modern composition. It is something like those trivial 
compositions which the Irish bards forged, under the name of 
Ossian, in the fifteenth and sixteenth century. S. Talvj S. 55. 
In solcher Weise wird Macpherson, nach M’ Lauchlan’s Ansicht, 
alle Gedichte angesehen haben, in denen der Name Patrick vor- 
kommt. Die irischen Gelehrten dagegen meinen, dafs Macpher- 
son manche solche Stellen nach seiner Weise benutzt, nur aus 
Patrick „Culden® gemacht habe. 8. Talvj S. 24. 109. 

„Aber abgesehen davon“, — so fährt M’ Lauchlan fort, — 
„dals die Personen und die Namen in unserm Manuscript und 
in Macpherson’s Ossian identisch sind, die geschichtlichen Ereig- 
nisse, die in beiden vorkommen, sind es in gleicher Weise. Wir 
haben den Tod Oscar’s auf S. 230 des Manuscripts und im er- 
sten Buch von Macpherson’s Temora. Wir haben die Geschichte 
der Faineasolis, des Mädchens von Craca, in dem Macpherson- 
schen Fingal [Gesang 3 gegen Ende; der Name ist übrigens bei 
Macpherson Fainasöllis] auf S. 220 des Manuscripts und Ande- 
res mehr. Hieraus wird es klar, dafs die Geschichten oder die 
Sagen der Ossianischen Gedichte den Hochländern im Jahre 1512 
allbekannt waren, und, um das Wenigste zu sagen, der Gegen- 
stand der Gedichte Ossian’s wurden, wie sie uns Macpherson ge- 
geben hat; oder in andern Worten, — und es darf kein kleines 
Gewicht dieser Thatsache beigelegt werden, — was geschichtlich 
ist in den Ossianschen Gedichten, war lange bekannt und ist von 
einem Alter, welches weit über den Bereich der geschriebenen 
Geschichte [d. h. doch wohl nur Hochschottlands] hinausgeht (is 


194 Heller 


of an antiquity far beyond the range of written history). Neuere 
Entdeckungen authentischer geschichtlicher Documente in Irland 
dienen sehr erfolgreich dazu, diese Thatsachen festzustellen, und 
zeigen weiter, dals viele von den Vorfällen in der alten irischen 
Geschichte, welche von Ossian berichtet werden, genau richtig 
sind, obgleich man sie lange Zeit für abweichend von der wirk- 
lichen Geschichte gehalten hat.“ — Es ist zu bedauern, dafs der 
Verfasser diese Ereignisse nicht näher angibt, noch auch jene 
neu aufgefundenen Documente irgendwie bezeichnet. 

„Aber während die bisher vorgelegten Thatsachen leicht aus- 
gemacht sind“ — so heifst es weiter in dem Aufsatz — „bleibt 
immer noch die Frage übrig nach der wörtlichen Uebereinstim- 
mung zwischen unserem Manuscript und Macpherson’s Ossian.“ 

„In den oben erwähnten Fragmenten — den Episoden „Fai- 
neasolis“ und „der Tod Oscar’s“ — ist es leicht, diese Frage 
durch Vergleichung einer Prüfung zu unterwerfen. Aber es ist 
entmuthigend zu finden, dafs während in der englischen Ueber- 
setzung von Macpherson die erstere dieser Episoden gegeben ist, 
sie in dem Gälischen fehlt. Statt des Originals haben wir nur 
eine Anzahl von Sternchen. Dies ist bemerkenswerth, da die Ge- 
schichte eine in den Hochlanden wohlbekannte war. Der Tod 
Oscar’s, obgleich ähnlich in den Thatsachen, ist nicht genau über- 
einstimmend in den Worten; z. B. an der Stelle, wo der Vater 
den Sohn entdeckt, heifst es bei Macpherson: Chunnaic sinn ög 
Oscar air ’sgeith, ’S a dhearg fhuil ag iadhagh m’a thaobh; we 
saw young Oscar stretched on his shield, his red blood eddying 
by his side. Im Manuscript haben wir: ’S ann fhaair mi mo 
mhac fein 'n a luidh air uilin cli, a sgiath uabhrais air an la 
tbair, agus a lann ’n a dheas laimb; I found my son lyiug sup- 
ported by his left arm, his terrible shield on the ground, and his 
right hand grasping his spear. Dies gibt eine hübsche Vorstel- 
lung von der gelegentlichen Aehnlichkeit des Wortlautes, welche, 
wie man sehen wird, keinesweges sehr grols ist. Uebrigens ver- 
dient es bemerkt zu werden, dafs diese Fassung der Schlacht 
von Gabhra in dem Manuscripte nicht Ossian, sondern Allan M’ 
Rorie zugeschrieben wird. Das bemerkenswertheste Beispiel von 
Uebereinstimmung zwischen dem Manuscript und dem Macpher- 
sonschen Ossian stellt sich in dem Gedicht Carthon heraus, wie 
es in dem letzteren genannt wird. In Macpherson’s Darstellung 
ist die Erzählung gegeben, als die von Clessammor und seinem 
Sohne Carthon, von denen der letztere von seinem Vater in ei- 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 18 


nem Zweikampf getödtet wurde, da derselbe nicht wufste, dafs 
er seinen Vater sich gegenüber hatte, und der Sohn es ver- 
schmähte, sich zu erkennen zu geben, aus Furcht, es möchte ihm 
als Feigheit ausgelegt werden. S. Macpherson’s Note. Diese 
Geschichte wird in dem Manuscript von Cuchullin und seinem 
Sohne Conlaoch erzählt, und dies war die allgemein in dem Hoch- 
lande bekannte Fassung. Es ist wenig oder gar keine Abwei- 
chung, aufser in den Namen; aber es ist betrübend zu finden, 
wenn wir daran gehen wollen, das Manuscript mit dem Gäli- 
sehen Macpherson’s zu vergleichen, dafs diese Abtheilung gerade 
in demselben vorenthalten worden ist. Stellt man die Verglei- 
chung mit der englischen Uebersetzung an, 80 ist die Ueberein- 
stimmung, mit der einzigen Ausnahme der Namen, beinahe voll- 
ständig. Es besteht eine sehr auffallende Aehnlichkeit zwischen 
dieser Geschichte von Cuchallin und seinem Sohne mit der mor- 
genländischen von Rustum und seinem Sobne Zorab, wie sie von 
dem persischen Dichter Firdusi gegeben wird.“ [Dies wird von 
Talvj kurz erwähnt, S.72.] „Liest man die Skizze von Rustam, 
welche in Lamartine’s Caractères célèbres entworfen wird, so 
mufs jeder, der mit der celtischen Sage einigermalsen bekannt 
ist, von der beinahe vollständigen Gleichartigkeit beider betroffen 
sein: die Geburt der Söhne, ihre Auferziehung durch die Mütter, 
ihre Absendung durch dieselben, um ihren Vätern in der Schlacht 
entgegenzutreten; [in diesen beiden letzten Zügen irrt jedoch der 
Verfasser; indem er nicht die Darstellung Macpherson’s, sondern 
die irische Fassung der Sage in dem Gedicht Conloch, Mifs Broo- 
ke’s Reliques of Irisch poetry S. 9 im Sinne bat]; die Abneigung 
der Väter, sich in den Kampf einzulassen, aus einem geheimen 
Vorgefühl unglücklicher Folgen [auch bier vergleicht der Verfas- 
ser eher die irische Sage mit der persischen; bei Macpherson 
steigt die Unglücksahnung nur in dem Herzen des Sohnes auf]; 
der Tod der Söhne und der Schmerz der Väter: Alles dies fin- 
det sich in gleicher Weise in der abendländischen, wie in der 
morgenländischen Sage. Die Aehnlichkeit ist so grofs, dafs sie 
kaum zufällig sein kann. Hat die Sage in spätern Jahren von 
Osten eingewandert sein können? — oder sind einige von die- 
sen celtischen Ueberlieferungen älter als die Niederlassung der 
Race entweder in Schottland oder in Irland? und wurden sie bei 
ihren Wanderungen von Osten mit berübergebracht? Der Schlufs- 
theil des Gedichtes, die wohlbekannte Anrede Ossian’s an die 
Sonne, ist auch in dem Original Macpherson’s vorenthalten, es 


106 Heller 


ist schwer zu errathen, aus welchem Grunde, [Der Verfasser 
sagt es leider nicht ausdrücklich, sondern läfst es nur vermuthen, 
dafs dieser Abschnitt gerade sich in dem Manuscript findet; denn 
sonst hätte er ihn wohl schwerlich hier mit obigen Worten er- 
wähnt.] Es kann übrigens, ohne alle Möglichkeit einer Wider- 
rede, gezeigt werden, dafs das Gedicht „Carthon“, wie es Mac- 
pherson gegeben hat, ein altes gälisches Gedicht ist, dessen grö- 
fserer Theil in diesem gälischen Manuscript des sechszehnten 
Jahrhunderts enthalten ist. Die Länge dieses Aufsatzes gestat- 
tet nicht, diese Vergleichung weiter fortzusetzen. Es möge übri 
gens noch hinzugefügt werden, dafs in diesem Manuscript meh- 
rere Ossianische Fragmente sind, welche bisher völlig unbekannt 
geblieben waren, und welche ein grofses Interesse einflôfsen. Das 
eine enthält eine Erzählung von Fingals Gefangenschaft bei Cor- 
mac Mac Art, dem Könige von Irland, und von dem durch seine 
Freunde für seine Befreiung gezahlten Lösegelde, welches ein 
Pärchen von beinahe allen vorhandenen Thieren, Vögeln und Fi- 
schen umfalst. Es dürfte interessant sein, diese Fragmente dem 
Publikum vorzulegen, als Proben dessen, was im fünfzebnten und 
sechzehnten Jahrhundert als Ossianische Poesie aufgenommen 
wurde.“ 

Der Verfasser berichtet ferner in der zweiten (grôüfseren) 
Hälfte seiner Abhandlung, dafs aufser der Ossianischen Poesie 
das Manuscript eine grolse Auswahl von Gedichten späterer Bar- 
den, Schotten sowohl als Irländer, enthält. Er theilt die Namen 
der wichtigeren derselben und Proben ihrer Verse in englischer 
Uebersetzung mit. Einige von diesen Stücken, bemerkt er, ha- 
ben Bezug auf Personen und Begebenheiten in der irischen Ge- 
schichte und sind sehr achtungswerth wegen ihrer literarischen 
Ausführung. Da sie zu dem von mir allein ins Auge gefafsten 
Gegenstand nicht gehören, so erwähne ich sie nur, um eine Be- 
merkung anzuknüpfen, welche für diejenigen, die das Manuscript 
oder auch nur die Mittheilungen M’ Lauchlan’s vor sich haben, 
überflüssig erscheinen mufs: nämlich die Menge und das Alter 
der in dem Manuscript mitgetheilten aufserossianischen Gedichte 
und Erzählungen etc. macht es unmöglich, auch nur die Vermu- 
thung zu fassen, das Manuscript könne zu dem Zwecke geschmie- 
det worden sein, die Vertheidigung der Aechtheit des Macpberson- 
schen Ossian oder auch nur einzelner Theile desselben darauf 
zu gründen. Einige von den irischen Dichtern, die im Manuscript 
Auftreten, sagt der Verfasser, sind in Irland wohlbekannt und in 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 197 


O’Reilly’s Bericht über ältere irische Schriftsteller (Iberno-Cel- 
tic Society of Dublin 1820) erwähnt worden; die im Manuseript 
von ihnen mitgetheilten Verse scheinen jedoch anders als hier 
nicht erhalten worden zu sein. Bezüglich auf das Alter der im 
Manuscripte enthaltenen Fragmente höre man noch den Verfasser 
selbst: „Ehe ich von diesen Bemerkungen über die irischen Bar- 
den unseres Manuscripts zu den schottischen Schriftstellern des- 
selben übergehe, finde ich es der Anführung für werth, dafs der 
gemischte irisch-schottische Charakter dieser Sammlung die bei- 
nahe völlige Einheit der beiden Racen zu der Zeit, wo dieselbe 
veranstaltet wurde, darlegt. Die Sprache und die Literatur Ir- 
lands und der schottischen Hochlande waren übereinstimmend, 
oder der Unterschied zwischen ihnen war unbedeutend (trivial). 
Es finden sich ohne Zweifel in diesem Manuscripte, was ein Ken- 
ner des Celtischen augenblicklich für irische oder schottische Sprach- 
eigenthümlichkeiten erklären würde, aber der Unterschied zwischen 
den Sprachen war zu der Zeit der Abfassung des Manuscripts 
weit geringer, als er jetzt ist. In der That sind beide Racen, 
in einem gewissen Grade, von der Sprache des sechzehnten 
Jahrhunderts abgewichen; welche in weiterer Ausdehnung, ist 
eine Frage, die hier nicht besprochen werden kann, Mit Bezug 
auf die Verbindung zwischen Irland und den schottischen Hoch- 
landen möchte es scheinen, dafs sie durch die Reformation ge- 
trennt wurden, mit der darauf folgenden Colonisation von Ulster. 
Seit jenem Zeitraume scheinen diese beiden Zweige der celtischen 
Race sich immer weiter und weiter von einander zu trennen.“ 
David Laing, Esq., der Redacteur der Proceedings, fügt über 
das Mannscript noch Folgendes hinzu: „Das Heft, in 4°, ist 
sehr befleckt und in einem so gebrechlichen Zustande, dals es, 
wenn nicht Vorkehrungen dagegen getroffen werden, grofse Ge- 
fahr läuft weiter verstümmelt oder beschädigt zu werden. Die 
Handschrift ist gröfstentheils augenscheinlich aus der Zeit der Re- 
gierung Jacob’s IV. oder der Minderjährigkeit Jacob’sV., obgleich 
einige Zusätze zu einer spätern Zeit gemacht worden sind. Ab- 
gesehen von der Bedeutung, welche das Manuscript als eine Samm- 
lang vermischter gälischer Gedichte hat — die einzige, von de- 
ren Vorhandensein man weils, — ist es aufserdem werthvoll, 
weil es den wirklichen Zustand der Sprache und der Orthogra- 
phie in jenem frühen Zeitraum darlegt. In dem Bericht der High- 
land Society über die Gedichte Ossian’s sind drei von den Stücken 
des Manuscripts S. 93—102 mit englischer Uebersetzung abge- 


198 Heller 


drackt, anfangend: Is fadda nocht [mit Auslassung von 3 Zeilen]; 
Annit doif skayle und Innis dowin a Erris.“ — Aus dem Ver- 
zeichnifs sämmtlicher Nummern des Manuscripte, welches M’Lau- 
chlan zum Schlufs giebt, ersieht man, dals das erste dieser Bruch- 
stücke eine Klage Ossian’s gegen St. Patrick über den Wechsel 
seines Geschicks enthält; das zweite ist, in 76 Zeilen, die Epi- 
sode Fainesolas ’) (s. o. S. 193); das dritte ein Gedicht von Fer- 
gus Filidh, dem Bruder Ossian's. 

Hieraus ergibt sich, dafs die beiden für die Ossiansfrage 
wichtigsten Abschnitte des Manuscripts, „der Tod Oscar’s“ und 
„Conlaoch“ (oder nach Macpherson Carthon) von der hochländi- 
schen Commission übersehen worden sind, das erstere wohl des- 
halb, weil es nicht Ossian, sondern Allan M’ Rorie zugeschrieben 
wird, das andere vielleicht wegen der von Macpherson willkür- 
lich eingeführten Namensänderung. Dals der Namenswechsel von 
Macpherson vorgenommen worden ist, geht auch noch deutlich 
daraus hervor, dafs auch bei den Irländern diese Erzählung sich 
unter den Namen Conloch (oder im Gälischen vielmebr auch 
Conlaoch) und Cucullin erhalten hat. In Miss Brooke’s Reli- 
‘ques of Irish poetry werden Uebersetzungen und Original des 
irischen Gedichts mitgetheilt. 

Von einer strophischen Anordnung der Fragmente des Ma- 
nuscripts wird nichts gesagt. Die sämmtlichen aus der Hand- 
schrift in englischer Uebersetzung mitgetheilten Bruchstücke ver- 
rathen keine Spur von einem Strophenbau. 

Wenn nun, wie M’ Lauchlan versichert, das Gedicht „Con- 
laoch“ des Manuscripts mit dem Macphersonschen (nur englisch 
vorhandenen) Ossiansliede , Carthon“ auf das genaueste, nämlich 
bis auf die Namen Wort für Wort übereinstimmt, so bleibt zwar 
richtig, was Talvj S. 31 sagt (s. o. S. 185): die Commission fand 
kein einziges Lied, das selbst dem eifrigsten schottischen Patrio- 
ten für das Original eines der Macpherson-Ossianschen Gedichte 
gelten konnte; aber es ist keinesweges richtig, dals überhaupt 
kein solches Gedicht vorhanden ist: eine Folgerung, welche gar 
zu leicht aus dem obigen Satze gezogen werden könnte. 

Was oben vorläufig nur als Annahme aufgestellt werden 
konnte, dafs in Hochschottland wohl Lieder in abweichender Fas- 
sung von den irischen, welche denselben Gegenstand behandel- 


1) So an dieser Stelle des Aufsatzes. Wahrscheinlich hat das Manu- 
script den Namen in dieser Form. 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 199 


ten, vorhanden gewesen sein möchten, wird durch das Beispiel 
des Gedichts Conlaoch (des Macpherson’schen Carthon) vergli- 
chen mit der irischen Erzählung Conloch (in Miss Brooke’s Re- 
liques) zur Gewilsheit und zur Thatsache. 

Denn wenngleich Macpherson’s ,Carthon“ und ,Conloch“ 
bei Miss Brooke denselben Gegenstand behandeln, so weichen 
sie dennoch in jeder Beziehung ganz und gar von einander ab. 
Ich habe schon oben darauf aufmerksam gemacht, dafs die Mo- 
tive beider Erzählungen verschieden sind: nach der Macpherson- 
schen Darstellung kommt Carthon nach Schottland, um an Fin- 
gal die Zerstörung Balclutha’s, seiner Heimath, durch Combhal 
zu rächen; nach der irischen Sage wird Conloch von seiner Mut- 
ter Aife ausgeschickt, zwar nach einem eigenen früheren Auftrage 
des Vaters, aber mit dem aus Eifersucht entstandenen geheimen 
Wunsche der Mutter, ihr Verlassen an jenem zu rächen. Nun 
ist allerdings die veränderte Motivirung, wie die veränderten Na- 
men, jedenfalls Macpherson’s Erfindung; daher kann das im Ma- 
nuscript enthaltene Fragment nur die Stellen des Gedichts ent- 
halten, in denen diese Motivirung nicht erwähnt ist. Aber auch 
der Gang der Erzählung ist bei Macpherson und bei Miss Brooke 
völlig verschieden: bei Miss Brooke wird Cucullin von den be- 
drängten und am Siege verzweifelnden Iren herbeigeholt; bei 
Macpherson sieht Clessammor mit Fingal der Schlacht zu und wird 
von diesem zum Kampf gegen den Fremden aufgefordert, da die 
anderen Helden ihn nicht hatten besiegen können; nach der iri- 
schen Sage hat Conloch die Gewilsheit, mit dem Vater zu käm- 
pfen, nur eine Ahnung Carthon bei Macpherson; nach dem Letz- 
teren besiegt Carthon, trotz der Absicht, ihn zu schonen, Cles- 
sammor und wird von ihm, als er schon im Begriff ist, ihn zu 
binden, mit dem Dolch verwundet, dem Kampf aber wird da- 
durch und durch die Dazwischenkunft Fingals ein Ende gemacht: 
bei Miss Brooke fällt Conloch sofort von dem Speer des Vaters; 
bei Miss Brooke schliefst das Gedicht mit einem Zwiegespräch 
zwischen Cucullin und Conloch, dessen Hauptgegenstand das Ver- 
fahren Aife’s ist, mit der Klage Cucullins um den unwissend von 
ihm getödteten Sohn und mit der Voraussicht und dem Wunsche 
eines nahen Todes: bei Macpherson sagt Fingal im Zwiegespräch 
tröstend dem sterbenden Carthon seinen immerwährenden Ruhm 
voraus, und Clessammor stirbt nach drei Tagen der Trauer, aber 
seine Klageworte werden nicht erwähnt. Es ist ganz unmöglich, 
dafs in einem längeren Bruchstück, wie das des Manuscriptes sein 


200 . Heller 


mufs; — wie weit es sich erstreckt, sagt der Verfasser leider 
nicht; — nicht der eine oder der andere dieser Züge zum Vor- 
schein kommen mülste; und ferner sehr natürlich, dafs durch die 
grofse Verschiedenbeit dieser Darstellungen der Ausdruck und 
der Wortlaut sehr beeinflafst worden sein mufs. In der That 
habe ich, nach der aufmerksamsten Vergleichung, auch nicht eine 
Zeile angetroffen, welche bei Macpherson mit einer anderen in 
Miss Brooke’s Gedichte auch nur Aehnlichkeit hätte, nicht einen 
Satz, in welchem die beiden Gedichte dem Sinne nach, ge- 
schweige denn in der Ausdrucksweise übereinstimmten. Mag 
auch Miss Brooke noch so frei übersetzt haben, es läfst sich den- 
noch mit Sicherheit der Schlufs machen, dafs das von ihr be- 
nutzte gälische Gedicht mit Macpherson’s Dichtung, und folglich 
mit dem im Manuscript enthaltenen gälischen Fragment nicht 
die geringste Uebereinstimmung haben kann. Sollte nun aber 
gar die Anrede Ossian’s an die Sonne in dem Manuscript enthal- 
ten sein, von der in dem irischen Gedichte nicht die geringste 
Andeutung vorkommt, so würde das allein den besten Beweis 
von der Verschiedenheit der beiden gälischen Fassungen abge- 
ben. Es ist sehr zu bedauern, dafs Nationalhafs oder National- 
eifersucht die Ossiansuntersuchung so sehr getrübt hat: wie Miss 
Brooke es vermeidet, Macpherson zu erwähnen, ohne dessen Ge- 
dichte sie schwerlich darauf gefallen wäre, die Reste der alten 
irischen Poesie zu bearbeiten, so erwähnt auch M’Lauchlan nur 
nebenbei, im Verzeichnifs und bei einem andern Bruchstück, ein- 
mal Miss Brooke, trotzdem dals er doch in der Sache selbst die 
dringendste Aufforderung finden mufste, durch eine Vergleichung 
den Unterschied des Fragmentes der schottischen Handschrift 
‘von dem gälischen Original, welches Miss Brooke gibt, bis auf 
die kleinsten Einzelheiten hin auf das genaueste auszuführen. 

Ebenso gut wie jenes Gedicht Conlaoch konnten in Manu- 
scripten, die nicht wieder zum Vorschein gekommen sind, z. B. 
in den S. 184 erwähnten Octavbänden, auch noch andere hoch- 
schottische Fassungen von Sagen vorhanden sein, welche mit iri- 
schen Gedichten zwar die Grundlage, aber nicht den Wortlaut 
gemeinschaftlich hatten. Es kann dies um so eher der Fall 
gewesen sein, als die irischen Lieder in Irland selbst in der 
Regel in verschiedenen Ueberlieferungen erhalten sind; s. Miss 
Brooke, S. 23, 29 etc. . 

Die obigen Mittheilungen zeigen ferner zur Genüge, dafs es 
unrichtig ist, wenn behauptet wird, die in Schottland umlau- 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 201 


fenden Lieder von den Finniern gingen alle unter dem Namen 
Ossian's. ‘ 

Gänzlich aber fällt der witzig sein sollende Angriff John- 
son’s in sich zusammen (Journey to the Western Islands): He 
(Macpherson) then found, by some peculiar fortune, an unwritten 
language, written in a character which the natives probably ne- 
ver beheld. Die alte irische Schrift, bemerkt M’Lauchlan, ist in 
Wirklichkeit die sächsische. Früher, sagt Talvj S. 20 (vgl. auch 
S. 103), bedienten sich die Hochländer auch der irischen Lettern, 
allein im Jahre 1690 ward die irisch-gälische Uebersetzung des 
neuen Testaments (verfafst zwischen 1609 und 1628 von dem Ir- 
länder O’Donnel) mit römischen Lettern für sie umgedruckt, ein 
Zeichen, dafs die irischen ihnen nicht mehr geläufig waren (Irish 
Transact. Vol. XIV, P. II, pol. Lit. p. 310). Johnson, der nur 
römische Lettern im Hochlande angetroffen haben wird, swei- 
felte, dafs die Hochländer je die sächsische (oder irische) Schrift, 
in welcher Macpherson einen Theil seines Ossian-Originals be- 
kommen zu haben behauptete, gesehen haben könnten. $. oben 
S. 190. | 

Ob Macpherson gerade das oben erwähnte Manuscript in 
Händen gehabt hat oder nicht, ist gleichgültig. Hat er dieses 
nicht gehabt, so mufs ihm ein anderes, jenem in manchen Punk- 
ten ähnliches zu Gebote gestanden haben. 

Die Veröffentlichung der beiden Fragmente „Oscar’s Tod* 
und ,Conlaoch“ nach dem Manuscript ist für eine sichere und 
abschliefsende Lösung der Ossiansfrage von der gröfsten Wich- 
tigkeit. 

Demnach hat Macpherson — immer die Richtigkeit von 
M’Lauchlan’s Mittheilung vorausgesetzt — wirklich ein oder das 
andere seiner Ossianschen Gedichte, von andern gewils auch 
Bruchstücke, theils genau übersetzt, theils freier umschrieben. 
Wenn er in Folge dessen seinen ganzen Ossian für eine Ueber- 
setzung aus dem Altgälischen ausgab, log er wenigstens nicht 
ganz. Dafs er die alten Lieder für die ächten Lieder Ossian’s 
ansah, ist ein zu seiner Zeit verzeihlicher Irrthum, den die Titel 
derselben in den alten Manuscripten in ihm erzeugen mufsten, 
und den erst eine genauere Prüfung aller Umstände zerstreuen 
konnte (S. Talvj S. 70). Den gröfseren Theil seiner Sammlung 
hat er jedoch unzweifelhaft auf Grundlage älterer Lieder selbst 
zusammengestellt, manche von seinen Ossianischen Dichtungen 
(besonders des zweiten Bandes), für die sich keine Quelle ange- 

IL 2. 


202 Heller 


ben läfst, wohl auch geradezu nach eigner Erfindung niederge- 
schrieben (S. Talvj S. 108). 

Man kann sich unter diesen Voraussetzungen die Lage den- 
ken, in welcher Macpherson sich befinden mulste, als die Origi- 
nale von ihm gefordert wurden. Er hatte aus den alten Gedichten 
den Heiligen Irlands, St. Patrick, entfernt, Fingal, „den Führer 
irischer Milizen“, zum König von Schottland, überhaupt seine Hel- 
den aus Iren zu Schotten gemacht, die Scene ihrer Thaten verlegt, 
ein Königreich Morven im Westen von Schottland, einen Ort 
Selma, bemooste Thürme und altersgraue Schlösser geschaffen, 
die alten Namen zum Theil in willkürlich erfundene, ihm wohl- 
klingender erscheinende umgewandelt, gewils auch stellenweis 
(wie z.B. im Tod Oscar’s) sich von dem Wortlaut des Originals 
zu weit entfernt. Die alten Lieder konnte er, ohne alle diese 
Anklagen auf sich zu häufen, nicht veröffentlichen; zudem zeig- 
ten sie vielleicht, was er in der einmal eingenommenen Stellung 
grundsätzlich zu verbergen hatte, die von M’Lauchlan erwähnten 
irischen Spracheigenthünlichkeiten (wiewohl dieser in Betreff 
der Ossianischen Gedichte des Manuscripts sich leider nicht ge- 
nau bezeichnend ausspricht); vielleicht besorgte er auch, bei einer 
eigenen Uebersetzung seiner andern Ossianischen Gedichte, für 
die ihm alte Originale nicht zu Gebote standen, die Sprache und 
die (phonetische) Orthographie der wirklich alten Quellen nicht ge- 
treu nachbilden zu können. Daher verheimlichte er gerade die äch- 
ten alten Originale, die zudem von seiner eignen gälischen Ueber- 
setzung hätten abstechen müssen, und fertigte dagegen von den 
Gedichten, für die er nur Bruchstücke von Liedern zu Quellen 
oder gar keine Originale hatte, eine eigne, durchweg gleichför- 
mige Uebersetzung an, in dem ihm zur Verfügung stehenden Gä- 
lischen, dem er versuchte, einen alterthümlichen Anstrich zu ge- 
ben. Dieses zweiten Betruges glaubte er zu bedürfen, um den 
ersten zu verdecken. Er würde sich ihn erspart haben, wenn er 
geahnt hätte, dafs eine gründliche Sprachforschung ihn enthüllen 
würde. Um seinen Ruhm und seinen Charakter zu retten, hat 
er beide sehr beeinträchtigt. Denn wenn man auch die erste 
Unwahrheit als ein freilich nicht hübsches Mittel, literarisches 
Aufsehen zu erregen, leicht verziehen und seine Willkärlichkeiten 
in Bebandlung der alten Sage seinem Patriotismus gern zu Gute 
gehalten hätte, die Fälschung kann man ihm nicht verzeihen. 
Immer wird man seinem Talent — oder sage ich nicht vielleicht 


Das Neueste zur Ossian-Frage. 29 


besser, seinem Genie? — Bewunderung zollen, aber immer wird 
man seine Handlungsweise bedauern. Die Zeit der mafslosen 
Bewunderung seines Ossian ist vorüber, aber auch so noch wird 
man von Zeit zu Zeit manches seiner Gedichte gern lesen. Und 
selbst der Alterthumsforscher, der seine umschaffende Behand- 
lang der Tradition mifsbilligt, mufs ihm das unermefsliche Ver- 
dienst zugestehen, wie durch einen Zauber einen ganzen Sagen- 
kreis erschlossen zu haben, der vor ihm so gut wie unbekannt 
vergraben gelegen hatte, und in allen Ländern die beinahe ganz 
sehlummernde Forschung nach den alten Volkssagen zu Leben 
und regster Thätigkeit geweckt zu haben. 


Berlin. H. J. Heller. 


14 


204 Anzeigen: 


Kritische Anzeigen. 


Neuc Sammlungen von Volksballaden Grofsbritanniens '). 


IL. 


The Ballads of Scotland. Edited by William Edmondstoune Aytoun. 
Edinburgh & London. 1858. 2 Voll 8°. 


Der Herausgeber der jetzt von uns zu besprechenden Samm- 
lung schottischer Balladen, Herr William Edmondstoune Aytoun, 
Professor an der Universität zu Edinburgh, geniefst als Dichter 
eine bedeutende Popularität in Schottland, wie denn eine seiner 
Dichtungen, Bothwell schon in der dritten Ausgabe erschien, und 
seine „Lays of the Scottish Cavaliers and other poems“ bereits 
die elfte Auflage erlebten. Diese seine dichterische Begabung 
und ein tiefes Gefühl für die unverfälschte Erhaltung der alten 
Nationallieder seines Vaterlandes befähigten ihn vorzüglich zur 
glücklichen Bewältigung der schwierigen, von ihm unternommenen 
Arbeit, gpn allen alten, vor der Vereinigung der beiden König- 
reiche Schottland und England entstandenen, werthvollen schotti- 
schen Balladen einen aus der Vergleichung der verschiedenen Ver- 
sionen einer und derselben Ballade gewonnenen, gereinigten Tezt 
zu veröffentlichen. Dadurch wird seine Sammlung zu einer von 
der gröfseren Child’schen principiell verschiedenen; Herr Child 
läfst, wie wir sahen, von den mehrfach existirenden Versio- 
nen einer Ballade die bedeutendsten und schönsten abdrucken; 
Herr Aytoun hingegen stellt aus den mehreren vorhandenen Ver- 
sionen einen möglichst ursprünglichen und von allen Zusätzen 
und Interpolationen gereinigten Text her, und theilt daher jede 
Ballade nur in einer einzigen collationirten Form mit. Ein sol- 
ches Unternehmen, bei dem so aufserordentlich viel von dem rich- 
tigen pbilologischen und poetischen Tacte des Herausgebers ab- 
hängt, ist jedenfalls ein äufserst schwieriges und delicates, das 
viele Bedenken gegen sich wach ruft, und seine Berechtigung 
nur in einer innern Nothwendigkeit finden kann, die, wie sich 
nicht läugnen läfst, bei den schottischen Balladen wirklich vor- 
handen ist. 

Die schottischen Balladen sind nur durch die Tradition er- 
halten worden, erst im Beginn des achtzehnten Jahrhunderts fing 


—— 





1) Vgl. das erste Heft dieses Jahrgangs, S. 105 ff. 


Aytoun, The Ballads of Scotland. 25 


man an, dieselben zu sammeln und abzudrucken; dies macht, wie 
wir schon früher andeuteten, einen Hauptunterschied derselben von 
den englischen aus, die frühzeitig in Handschriften und fliegenden 
Biättern vor dem Untergange bewahrt wurden. Die blofs münd- 
liche Ueberlieferung ist aber ebenfalls eine treue Bewahrerin und 
Fortpflanzerin des ihr Anvertrauten, das hat die Volkspoesie fast 
aller Nationen gelehrt, und auch für die Volkslieder Grofsbrita- 
niens fehlt es dafür keineswegs an Beispielen. Man vergleiche 
2. B. die von Rifson (Anc. Songs, II, 38 ff.) aus einer Handschrift 
des sechzehnten Jahrhunderts mitgetheilte nordenglische Ballade 
„Captain Car“ mit der, denselben Stoff behandelnden, durch Tra- 
dition erhaltenen, schottischen „Edom 0’ Gordon“ (Aytoun I, 
19 ff.), und man wird die Ueberzeugung gewinnen, dafs die Ver- 
änderungen, welche diese Ballade im Laufe von Jahrhunderten 
erlitt, keine den Charakter und das Wesen derselben beeinträch- 
tigenden waren, so dafs die blofs durch mündliche Ueberlieferung 
erhaltene schottische Ballade noch immer weithin den Vorzug vor 
der handschriftlich bewahrten englischen verdient. Ungeachtet 
der Treue und dem zähen Festhalten der mündlichen Ueberlie- 
ferung an dem ihr gegebenen Stoffe läfet sich aber doth keines- 
wegs läugnen, dafs mauche Uebelstände nothwendig mit dersel- 
ben verbunden sind, einer der gröfsten ist jedenfalls die in der 
Natur der Sache liegende Nothwendigkeit des Entstehens mehr 
oder minder zahlreicher und von einander abweichender Versio- 
nen einer und derselben Ballade. Der Sammler geräth dadurch in 
die Verlegenheit, entweder den Leser durch das Wiedergeben der 
verschiedenen, oft nur in unwesentlichen Einzelheiten abweichen- 
den Texte einer Ballade zu ermüden, oder durch das Beschrän- 
ken auf einen einzigen, oft sehr werthvolle und bedeutende Ver- 
sionen einer unverdienten Vergessenheit zu überantworten. 

Ein Blick auf die von Motherwell in der Einleitung zu seinem 
früher schon von uns erwähnten ausgezeichneten Werke , Minstrelsy, 
ancient and modern“ gegebene, noch jetzt unentbehrliche, meister- 
hafte Geschichte der schottischen Balladenpoesie und ihrer Samm- 
lungen bis auf ihn ') genügt, um zu erkennen, in wie vielen, oft 
fast ganz unzugänglichen Werken (man erinnere sich der von uns be- 
reits angeführten wichtigen Publicationen von Kirkpatrick Sharpe 


1) Die im ersten Bande des Child’schen Werkes vorhandene bibliogra- 
phische Uebersicht führt das Verzeichnifs der Sammlungen bis auf die neueste 
Zeit fort. 


206 Anzeigen: 


und Maidment) der Reichthum des schottischen Volkes an diesen 
seinen originellsten Hervorbringungen zerstreut war. Die Unbe- 
quemlichkeit die hieraus erwuchs, sowie die Erschwerung der 
Uebersicht mufste schon frühe die Idee wachrufen, einem solchen 
Uebelstande durch eine, alle bedeutenden Balladen in sich be- 
greifende Sammlung abzuhelfen. Den ersten schüchternen Ver- 
such machte Gilchrist !) in einer nach .einem verständigen Plane 
angelegten Sammlung, die aber auch viele moderne Balladen und 
Lieder umfafste, und durch die vielen seither neu gesammelten 
Balladen ganz ungenügend geworden ist. Der auch als Dichter 
bekannte Robert Chambers aber war der erste, der in „The 
Scottish Ballads, collected and illustrated* (Edinburgh 1829. 8°) 
es versuchte, die bedeutendsten und schönsten schottischen Bal- 
laden in nur je einer Version in einer umfassenden Sammlung 
zu vereinigen, die aber nur 80 Balladen, von denen noch zwölf 
moderne Nachahmungen waren, enthielt; zugleich ging Herr 
Chambers bei seiner Collationirung von einem ganz unrichtigen 
Principe aus: er wollte nämlich alle Versionen einer Ballade zu ei 
ner einzigen verschmelzen, und liefs sich hiebei, um keine derselben 
zu vernachläfsigen, oft zu sehr willkürlichen Combinationen hin- 
reifsen, wodurch Balladen von unmälsiger Länge und Ausdeh- 
nung, förmliche kleine Epen, entstanden, wie z.B. „The Mar- 
chioness of Douglas“ (S.150 ff.), welche aus vier Theilen be- 
steht, deren erster noch dazu die ganz unabhängige, wunder- 
schöne Ballade „Waly, Waly“ zu einem integrirenden Theile 
derselben mit grofsem Unrecht macht. Eine umfassende Samm- 
lung veranstaltete noch Alerander Whitelaw: The Book of Scot- 
tisb Ballads, collected and illustrated with Historical and Criti- 
eal Notices. (Glasgow, Edinburgh & London. 1846. 12°); er 
hat sich aber darauf beschränkt, stets die bedeutendsten Versio- 
nen einer Ballade unverändert mitzutheilen; auch enthält seine 
Sammlung zahlreiche moderne Nachahmungen. 

Herr Aytoun stellte sich bei seinem Unternehmen ein ande- 
res Ziel als seine Vorgänger; er wollte alle werthvollen und 
nicht durch ihren Inhalt anstôfsigen ächten Volksballaden in einer 
durch sorgfältige und gewissenhafte Collation der einzelnen Ver- 
sionen auf die ursprünglichste Form zurückgeführten Gestalt mit- 
theilen. Hören wir, wie er sich über diese Restauration, wie er 


1) A Collection of Ancient and Modern Scottish Ballads, Tales and 
Songs etc. By John Gilchrist. Edinburgh. 1815. 2 Vols. 





Aytoun, The Ballads of Scotland. 207 


es selbst nennt, in der ausführlichen, seiner Sammlung vorauge- 
kenden Einleitung ausspricht (S. XI fg.): „... Ich gebraache das 
Wort Restauration in einem Sinne, der auch den gewissenhafte- 
sten Eiferer für unbedingtes Festhalten an den existirenden Ver- 
sionen nicht beunruhigen darf. Ich verabscheue aufs äufserste 
jene Art der Erneuerung, welche Bruchstücke durch moderne Zu- 
sätze ergänzt, die, wenn auch noch so geschickt entworfen und 
ausgeführt, blofs als gewandte Nachahmungen des Alten bezeich- 


_ net werden können. Der Architekt, der ohne mehr als eine auf 


Muthmafsungen gegründete Kenntnifs von der ursprünglichen 


_ Grôfse und den Verhältnissen einer Ruine zu haben, rund um 


dieselbe Zubauten macht, kann nicht füglich ein Wiederhersteller 
genannt werden. Das neue Gebäude entweiht die Heiligkeit der 
alten Reliquie, der Mangel an Harmonie macht sich immer fähl- 
bar und verursacht häufig, dals gerade das Gegentheil des beab- 
sichtigten malerischen Eindrucks hervorgebracht wird Wenn 
aber auf der andern Seite ein schönes altes Gebäude zu verschie- 
denen Zeiten durch die Hände auf einander folgender Baumeister 
gelitten hat, die in ihrem Eifer, es zu vollenden, verkehrte An- 
bauten demselben aufgedrungen, es mit pomphaften Thorbögen 
überladen, Fenster vermauert und die alten Schnitzwerke und 
Verzierungen unbarmherzig übertüncht haben, dann erscheint mir 
das Unternehmen einer Restauration durch die Entfernung dieser 
ungehörigen Zuthaten sehr preiswürdig. In diesem Sinne ge- 
brauche ich diesen Ausdruck, und auf die Erreichung dieses Ziels 
waren meine Arbeiten gerichtet.“ — Der Herausgeber fand es 
um so mehr nothwendig, die Berechtigung der gewissenhaften Wie- 
derherstellung eines gereinigten Textes zu postuliren, als gerade 
einer der hervorragendsten Kenner der schottischen Volkspoesie, 
Motherwell, sich gegen jeden Versuch, durch das Collationiren 
der verschiedenen Versionen einer Ballade einen reineren und 
besseren Text herzustellen, scharf ausgesprochen hat. Bei der 
Wichtigkeit, welche das Urtheil eines so scharfsichtigen und gründ- 
lichen Forschers unstreitig besitzt, können wir uns nicht enthal- 
ten, seine Worte, welche auch Herr Aytoun wiedergibt, hier mit- 
satheilen. Motherwell äufsert sich nämlich in der Einleitung 
zu den von ibm herausgegebenen Balladen (Minstrelsy, Intrd. 
8. V fg.) folgendermafsen darüber: „Es ist vielleicht unnöthig zu 
erwähnen, dafs jede von Alters her überlieferte Ballade, die bis 
jetzt bekannt geworden ist, in verschiedenen Versionen, um uns 
dieses Ausdrucks zu bedienen, existirt. Mit andern Worten die- 





208 Anzeigen: 


selbe Geschichte wird in verschiedenen Gegenden auch auf ver- 
schiedene Weise gesagt und gesungen. Es kommt daher häufig 
vor, dals man keine zwei Lieder, die in verschiedenen Landes- 
theilen gesammelt wurden, findet, die in ihren Texten vollkom- 
men übereinstimmen, ja vielleicht ist nicht eine einzige Strophe 
bei denselben ganz gleichlautend, gewisse Gemeinplätze ausge- 
nommen, welche ein integrirender Theil des ursprünglichen Me- 
chanismus aller unserer alten Balladen zu sein scheinen, und, wo 
man sie findet, einen ihrer eigenthümlichsten und ausgezeichnet- 
sten Charakterzüge im Gegensatze zu den modernen Nachahmun- 
gen bilden. Jedes dieser Lieder erzählt aber dieselbe Geschichte; 
insoweit kann ihre Identität nicht geläugnet werden, aber in vie- 
len kleinen Einzelbeiten, wie auch in der Art und Weise, wie 
dieselbe Katastrophe herbeigeführt wird, bestehen fühlbare Diffe- 
renzen. Der Herausgeber von Volksliedern kann, indem er die 
schönsten und effectvollsten Passagen des einen Textes auswählt, 
und dieselben, so gut es eben geht, mit den passenden Stellen 
des andern in Zusammenhang bringt, aus den divergirenden Tex- 
ten zweier verschiedener Quellen eine dritte Version herstellen, 
welche vollständiger und schöner sein wird, als irgend eine der 
ursprünglich bestandenen. Diese verbesserte Version wird die 
Quintessenz der poetischen Elemente eines jeden Liedes enthal- 
ten, aber in dieser allgemeinen Aehnlichkeit mit allen wird sie 
ihren besondern Zusammenhang mit einem dieser Lieder verlie- 
ren. Ihre Individualität verschwindet gänzlich, und jene Züge, 
wodurch jedes einzelne Lied seine Authenticität bewies, werden 
in der aus Collation entstandenen Version schwach und zweifel- 
haft, verwirrt und unkenntlich. Demungeachtet werden gerade 
diese, sowohl wegen ihres höheren dichterischen Verdienstes, als 
der Bestimmtheit und Vollständigkeit der Erzählung wegen, am 
liebsten in die gewöhnlichen Compilationen aufgenommen, und 
bringen Lesern, die nicht geübt sind, das Wesen der Volkspoe- 
sie zu erforschen, sehr ungenaue Begriffe bei von dem Zustande 
in welchem solche Lieder noch gegenwärtig. existiren“. Die 
Gründe, die nun Herr Aytoun gegen diese unbedingte Verwerfung 
jedes Versuches, aus der Collationirung mehrerer Texte einen 
bessern herzustellen, beibringt, sind, wie wir glauben, nicht un- 
geeignet, dieses scharfe Verdammungsurtheil einigermafsen zu 
modifieiren. Er sagt nämlich (Introd. XIV ff): „.... Wollte 
Motherwell nicht, was offenbar absurd wäre, behaupten, dafs jede 
Ballade schon von ihrem Ursprunge an in zwei oder mehr Ver- 








Aytoun, The Ballads of Scotland. 209 


sionen existirte, so bewiese weder die citirte Stelle, noch vieles 
Andere, was er zu demselben Zweck geschrieben, etwas gegen 
den verständigen Versuch eine Restauration durch das Collatio- 
niren der verschiedenen Versionen, die in der That sehr häufig 
überflüssig sind. Er hat Recht, wenn er gegen jene Art der 
Herausgabe eifert, die ohne gehörige Wahl und Rücksicht auf 
den Zusammenhang die besten Strophen verschiedener Versionen 
zusammenstellt, aber seine Schlufsfolgerung ist irrig, wenn er 
sagt: „„Es ist sicherlich die Pflicht des Sammlers und Heraus- 
gebers von mündlich überlieferten Balladen, das gefährliche und 
häufig milslingende Unternehmen zu vermeiden, widersprechende 
und wesentlich unzusammengehörige Texte vereinen zu wollen, 
und sich vielmehr darauf zu beschränken, blofs jenen Text aus- 
zuwählen, der als der einfachste und am wenigsten verstümmelte 
erscheint, und ihn rein und einfach wie er ihn erhielt, wiederzu- 
geben, ohne was immer für eine Verbesserung zu wagen.“* — — 
Wäre diese Regel von allen Sammlern befolgt worden, bemerkt 
Herr Aytoun darauf, so würde das schottische Balladenbuch entwe- 
der sehr zusammengeschwunden oder über alle Gebühr angeschwellt 
worden sein. „Ich glaube“, fährt er dann fort, ,dafs Mother- 
well durch seinen Unwillen über gewisse Fälschungen, deren sich 
sowohl Pinkerton als Allan Cunningham unzweifelhaft schuldig 
machten, zu allgemein dogmatisch ward; denn sollte jede Colla- 
tion überhaupt so unbedingt verwerflich sein, so ist er selbst 
keineswegs von dieser Anklage freizusprechen, da viele Stücke 
in seiner eigenen Sammlung durch das Vergleichen verschiedener 
Texte zu Stande kamen“. 

Wir haben, um die Wahrheit dieser Behauptung Herrn Ay- 
toun's zu erforschen, die von Motherwell gesammelten Balladen 
genau untersucht und können nun folgende namhaft machen, bei 
denen er selbst eingesteht, dafs er mittelst Collation ihre Her- 
ausgabe bewerkstelligt habe. „Hynd Horn“ (Minstr. S. 35 fg.) 
entstand aus zwei von dem Herausgeber gesammelten Versionen, 
die er mit einem Fragmente in Cromek’s „Select Scottish Songs, 
Ancient and Modern“ collationirte und verschmolz, ohne die Va- 
rianten der benützten Versionen mitzutheilen, oder anzugeben, 
was er jeder einzelnen entnommen habe. In „The Laird 0’ Lo- 
gie, or May Margaret“ (a. a.0. 8.56 fg.) hielt er sich an den 
von Walter Scott gegebenen Text, mit Ausnahme der dritten 
Strophe, die er nach mündlicher Recitation mittheilte; bei May 
Colin, or false Sir John“ (S. 67 fg.) ist eine von ihm aus dem 


210 Anzeigen: 


Volksmunde erhaltene Ballade zu Grunde gelegt, jedoch mit Be- 
rücksichtigung des von Herd in seinen „Ancient and Modern 
Songs“ etc. (I, 153) gegebenen Textes; Babylon; or the bonnie 
banks 0’ Fordie“ (S.88 fg.) entstand aus zwei nur wenig ver- 
schiedenen Versionen; „Fair Janet“ (S.139) ist dem „Ballad 
Book“ von Kirkpatrick Sharpe entnommen, drei Strophen wurden 
aber aus zwei andern Versionen dieser Ballade einverleibt, und 
durch Klammern bezeichnet; bei „Johnie Scot* (S. 204 ff.) redi- 
girte er den Text aus drei von ihm gesammelten Versionen. 
Ein gleiches Verfahren beobachtete er auch bei den Balladen 
„Young Johnstone“ (S.193 fg.) und „Andrew Lammie“ (S. 239 ff.) 
Diese Beispiele beweisen zur Genüge, dafs es selbst diesem so 
gewissenhaften Herausgeber nicht immer möglich war, sich streng 
an seine oben angeführte Regel zu halten; auch er sah sich mit- 
unter gezwungen, aus mehreren Versionen die beste Leseart zu 
zu wählen, und der Leser mufs, da er nicht in allen Fällen die 
Varianten anführt, es eben auch auf Treue und Glauben hinneh- 
men, dafs er sich keine eigenmächtige Veränderungen erlaubt hake. 
Dasselbe Vertrauen, freilich noch in einem erhöhten Grade, be- 
ansprucht auch Herr Aytoun, der, wie wir weiter unten sehen 
werden, sich manchmal noch gröfsere Freiheiten gestattete. Er 
fühlte selbst sehr die Nothwendigkeit, sein Verfahren gegen den 
Vorwurf zu grofser Willkürlichkeit zu vertheidigen, wie dies meh- 
rere Stellen in seiner Einleitung zeigen, so sagt er S. XXVIIT fg.: 
„Wie umfassend auch das durch die Arbeit und den Fleifs der 
verschiedenen Sammler zusammengebrachte Material war, 80 
mufste doch noch ein Procefs vollzogen werden, um das Balladen- 
buch Schottlands angemessen wiederherzustellen. Es mufste die 
Collation der verschiedenen Versionen unternommen werden, um 
jedes Bruchstück, mit möglichster Ausschliefsung aller unächten 
Zusätze und Flickverse, womit diese Gedichte während der Dauer 
der mündlichen Fortpflanzung überladen worden waren, an sei- 
nen passenden Platz einreihen zu können. Der Leser halte wohl 
im Auge, dafs ich mich hier nur auf jenen Theil der Balladen 
beziehe, von denen verschiedene Versionen erhalten sind. Alle 
jene, die alten Handschriften entnommen wurden, bedurften kei- 
ner Veränderung, im Gegentheil würde jeder Versuch, diese auch 
nur im Mindesten antasten zu wollen, strenge Zurückweisung 
verdienen. Noch mehrere sind bereits von einem oder dem an- 
dern Sammler collationirt worden; in diesen Fällen war es, wenn 
die Arbeit bereits genügend vollzogen worden war, ganz unnö- 


Aytoun, The Ballads of Scotland. 211 


thig, sie blofs wegen eingebildeter oder zweifelhafter Verbesse- 
rungen neuerdings vorzunehmen. Diese so wiederhergestellten 
Balladen sind bereits zum gröfsten Theile allgemein angenom- 
men und anerkannt worden, sind Nationaleigenthum geworden 
und sollen es bleiben. Aber jene Balladen, auf die ich mich hier 
insbesondere beziehe, sind gänzlich verdorben und verstümmelt 
und erforderten dringend eine Wiederherstellung u. 8 w.* — 
Später kommt der Herausgeber noch einmal auf diesen Punkt 
zurück: „..... Es liegt mir sehr viel daran, dafs der Vor- 
gang, wie ich bei dieser Sammlung verfahren habe, völlig verstan- 
den werde; denn ich möchte mir nicht gerne die Anklage zu- 
ziehen, willkürlich mit den schottischen Balladen umgegangen zu 
sein. Zum Beweise meiner Treue und Aufrichtigkeit habe ich 
jedesmal die Quellen angegeben, denen ich mein Material ent- 
nommen habe; überall, wo ich eine Zeile oder Strophe hinzuge- 
than oder verändert habe (was nur im Falle einer unzweifelhaf- 
ten Auslassung oder eines Mifsverständnisses geschah), bekannte 
ich es ausdrücklich in dem Vorwort zu der betreffenden Ballade.“ 
Wie anerkennenswerth auch die Offenheit ist, womit der Heraus- 
geber sich in der eben citirten Stelle über sein Verfahren aus- 
spricht, und obgleich wir aus einem sorgfältigen Studium seiner 
Sammlung die Ueberzeugung gewonnen haben, dafs er sich nur 
in den seltensten Fällen gröfsere Freiheiten mit den von ihm her- 
ausgegebenen Balladen gestattete (was auch von seinen Vorgän- 
gern z.B. Sir Walter Scott oder Jamieson und in einem viel aus- 
gedehnteren Grade geschah), so halten wir doch jedes derartige 
Verfahren von Seite eines Herausgebers für ein solches, womit 
er die seiner Arbeit gesteckten Schranken weit überschreite und 
dem wissenschaftlichen Werthe seiner Sammlung bedeutenden Ab- 
bruch thue; zum Mindesten hätten wir gewünscht, dals Hr. Aytoun 
jedesmal, wenn er es für nötbig hielt einzelne Zeilen oder ganze 
Strophen hinzuzudichten, die solchermafsen eingeschobenen durch 
Klammern oder auf andere Art von den ächten deutlich unter- 
schieden hätte, anstatt blofs einzugestehen, dafs er eine solche 
von ihm herrührende Einschiebung vorgenommen habe, wie er 
dies z.B. in der Einleitung zu der Ballade „Earl Richard’s Wed- 
ding“ (Thl. II, 162 ff.) thut, wo er zwar angibt, dals er gegen 
den Schlufs, um die Einmischung des hülfreichen Hausgeistes 
„Billy Blind“ zu erklären, eine Strophe hinzugedichtet habe, die- 
selbe aber nicht näher irgendwie kenntlich macht. — Um seine 
Sammlung für eine streng wissenschaftliche Benutzung eigentlich 


213 Anzeigen: 


brauchbar zu machen, hätte der Herausgeber aber überhaupt alle 
Varianten der von ihm zur Herstellung eines gereinigten Textes 
benutzten Versionen anführen müssen, wie dies z. B. Almeida- 
Garrett in seinem „Romanceiro portuguez“ that; hier müssen wir 
aber zugeben, dafs dies bei der Menge der von so vielen schot- 
tischen Balladen existirenden Versionen einen sehr grofsen Raum 
in Anspruch genommen, und einer Verbreitung der vorliegenden 
Sammlung unter dem grölseren Publikum, für welches dieselbe 
denn doch vorzüglich berechnet ist, bedeutenden Eintrag gethan 
hätte. Eine Art von Entschuldigung für sein Verfahren konnte 
der Herausgeber auch in dem Umstande finden, dafs diese Ver- 
sionen, die seinen Texten zu Grunde liegen, in den vielen Samm- 
lungen schottischer Balladen mit wenigen Ausnahmen bereits ab- 
gedruckt sind, und dadurch eine Controlle seines Vorgehens für 
den wissenschaftliche Zwecke verfolgenden Leser ermöglicht ward. 
Wir haben uns die Mühe genommen, die meisten der von ihm 
mitgetbeilten Balladen mit den in den früheren Sammlungen be- 
findlichen Versionen zu vergleichen, und können ihm das Zeugnils 
nicht versagen, dals er in den weitaus meisten Fällen mit einem 
richtigen kritischen Tacte vorging, und sich hauptsächlich darauf 
beschränkte, alles unnütze Beiwerk, womit diese Volkslieder wäh- 
rend einer mehrere Jahrhunderte dauernden mündlichen Ueber- 
lieferang überladen und vermeintlich verschönert wurden, auszu- 
‘scheiden und einen möglichst einfachen und reinen Text herzu- 
stellen. Die Child’sche Sammlung ermöglicht es jetzt auch dem 
deutschen Leser, sich über das Verfahren des Herrn Aytoun 
und die Richtigkeit dieser unserer Behauptung ein eigenes Ur- 
theil zu bilden. 

Nachdem wir so den Standpunkt, von dem aus, wie wir 
wenigstens glauben, diese Sammlung und das Verfahren ihres 
Herausg. beurtheilt werden mufs, bezeichnet haben, wollen wir 
noch, bevor wir die in selber mitgetheilten Balladen besprechen, 
in Kürze den Inhalt der Einleitung, soweit wir desselben nicht 
schon Erwähnung thaten, angeben. — Auf eine in raschen Um- 
rissen entworfene Geschichte der bis auf die neueste‘ Zeit erschie- 
nenen Sammlungen folgt eine längere Untersuchung über die Ent- 
stehung der schottischen Balladen, die von den Minstrels, als 
einem eigenen Stande, abgeleitet wird. Die Bemerkungen des 
Herausgebers über sie, und die Art und Weise ihres Producirens 
enthalten aber. nur wenig Neues und von dem gewöhnlich über 
diese noch immer ziemlich dunkle Frage Gesagten Abweichendes. 


IL ou 000 _ 


Aytoun, The Ballads of Scotland. 213 


Seine Ansichten über die in dem Wesen dieser Volkslieder begrün- 
dete Nothwendigkeit des Entstehens und Fortbildens verschiede- 
ner Versionen einer Ballade sind gewifs im Allgemeinen richtig 
und gelten eben für alleVolkspoesie. Eine eigenthümliche, uns aber 
gewagt und ziemlich unnöthig erscheinende Theorie stellt er über 
jene Versionen auf, deren Abweichungen so bedeutend sind, dafs 
man fast versucht wäre, die Gemeinschaftlichkeit ihres Ursprungs 
zu bestreiten: nach seiner Ansicht besafs nämlich jeder Minstrel 
einen ihm eigenen Vorrath an Balladen, den er theils durch Ueber- 
lieferung inne hatte, theils selbst erfand, und da er für die Gewin- 
nung seines Lebensunterhalts darauf angewiesen war, durchaus nicht 
gewillt sein konnte, andern seiner Mitbrüder mitzutheilen. Er 
konnte dieselben aber nicht hindern, ihrem Gedächtnisse den all- 
gemeinen Umrifs des stofflichen Inhalts nebst einzelnen Strophen 
einzuprägen; und so konnten in vielen Fällen neue, natürlich be- 
deutend abweichende Versionen entstehen. Durch diese Hypo- 
these glaubt Hr. Aytoun insbesondere die grofsen Verschieden- 
heiten der Versionen des nördlichen von denen des südlichen 
Sehottlands, und der schottischen und englischen Gränzdistriete 
erklären zu können. Die Minstrels durften, wenn sie sich in ent- 
fernteren Gegenden gesungene Balladen aneigneten und dieselben 
überarbeiteten, nicht fürchten, eines Plagiats beschuldigt zu wer- 
den. Wir wollen zwar die Möglichkeit eines solchen Vorganges 
in einzelnen Fällen, insbesondere in Bezug auf die in Schottland 
und England gesungenen, bei aller Verschiedenheit im Einzelnen 
doch oft sehr ähnliehen Balladen nicht geradezu in Abrede stel- 
len; nach unserem Dafürhalten erklärt sich aber das Entstehen 
auch bedeutend verschiedener Versionen zu natürlich aus dem 
Wesen und der Eigenthümlichkeit des Volksgesanges überhaupt, 
als dafs es nothwendig ‚wäre, zu einer so gezwungenen, und die 
Minstrels als eine gewerbmäfsig vorgehende Zunft betrachtenden 
Erklärung seine Zuflucht zu nehmen. — Sehr interessant ist, was 
Hr. Aytoun über die häufigen Interpolationen ganzer Strophen 
aus anderen Balladen, vornehmlich über die poetischen Gemein- 
plätze beibringt, die das allgemeine Eigenthum aller Sänger wa- 
ren und gebraucht wurden, um Lücken in der Erzählung auszu- 
füllen und dem Gedächtnisse gewissermalsen Zeit zum Sammeln 
zu geben. Wird z. B. die Reise des „bonny boy“ geschildert, der 
Botendienste verrichtet, so begegnen wir unabänderlich den fol- 
genden Versen: 


214 Anzeigen: 


„And when he came to the broken brigg, 
He bent his bow and swam; 

And when he came to the grass growing, 
Set down his feet and ran; 

And when he came to the high castle, 
He neither did chap nor ca’, 

But set his bent bow to his breist, 

And ligthly lap the wa’.“ 

So stimmen auch immer die Worte der Antwort genau mit 
denen der Frage überein und wiederholen dieselben; ebenso gibt 
es gewisse Verse, mit denen sehr viele Balladen schliefsen; eine 
der am ôftesten vorkommenden Schlufsstrophen ist: 

„They buried him in St Mary’s kirk, 

And her in St. Mary’s quire; 

And out of her grave grew a bonnie red rose, 
And out of the knight's a brier“. 

Dies sind nur einige Beispiele solcher Aushülfsstrophen, de- 
ren Zahl sich leicht bedeutend vermehren liefse. Aber auch eigent- 
liche Interpolationen sind durchaus nicht selten. Der Herausg. 
sagt über dieselben und sein Verfahren ihnen gegenüber (S.XLV ff.): 
„Ich habe die Ueberzeugung, dals die Sänger kein Bedenken tru- 
gen, gelegentlich zwei selbständig von einander getrennt beste- 
hende Balladen, wenn sie ähnliche Stoffe behandelten, zu vermi- 
schen, um dadurch eine stärkere Wirkung zu erzielen; hier ist 
es daher die Pflicht eines modernen Herausg. bei seinen Versu- 
chen einer Wiederherstellung die grölste Sorgfalt und Vorsicht 
anzuwenden. Weit entfernt, sich versucht zu fühlen, irgend et- 
was hinzuzufügen, muls er sich nur vor dem entgegengesetzten 
Fehler in Acht nehmen, zu vieles hinwegzunehmen und auszulas- 
sen — wenigstens nach meinem Gefühle. Ueberzeugte ich mich, 
dafs fremdartiges Beiwerk, welches nachweislich anderen Balla- 
den angehörte, angefügt wurde, so schied ich es ohne Bedenken 
aus; ich hütete mich aber wohl, Strophen von augenscheinlich 
altem Datum hinwegzulassen, blofs weil sie für die Erzählung 
überflüssig scheinen mögen. Modernen Interpolationen, die gröfs- 
tentheils auch leicht zu erkennen sind, gegenüber habe ich keine 
solche Schonung beobachtet. Ich kann freilich nicht wagen, zu 
behaupten, dafs ich alle solche losgeworden bin, denn der Ur- 
sprung einiger ist nur zweifelhaft, und andere sind nothwendige 
Zusätze, um Theile der Geschichte zu verbinden; aber ich hoffe, 


Aytoun, The Ballads of Scotland. 215 


dafs man nur sehr wenige Spuren moderner Arbeit in der nach- 
folgenden Sammlung finden wird —“. 

Nach einer flüchtigen Skizzirung einiger charakteristischer 
Eigenthümlichkeiten der schottischen Balladendichtung, wie z. B. 
der in ihr so häufigen Bezüge auf den Volksglauben und Mythus, 
wodurch sie sich sehr von der englischen unterscheidet und auch 
für den Mythologen von grolser Bedeutung wird, sowie nach eini- 
gen Bemerkungen über den literarischen Werth der alten schot- 
tischen Balladen und der sich bei ihnen findenden Unterschiede 
zwischen denen des nördlichen Schottlands und den eigentlichen 
Borderballads, gibt der Herausgeber einen Abrifs der Geschichte 
der schottischen Kunstdichtung von Barbour bis Lyndsay, und 
theilt endlich noch sehr interessante urkundliche Nachweisungen 
über die Stellung der Minstrels am Hofe Jacob’s IV. mit, die den 
noch im General Register House von Edinburgh aufbewabrten 
Büchern des Lord High Treasurer entnommen und wohl geeig- 
net sind, die vielfach verbreitete Meinung von dem verachteten 
Stande derselben in Schottland zu entkräftigen. 

Gewöhnlich werden die schottischen Balladen in historische, 
romantische und humoristische eingetheilt, diese Classificirung ist 
eine im Inhalt wohl begründete; Hr. Aytoun dagegen gibt die 
Balladen ohne Rücksicht auf irgend welche Eintheilung, denn sei- 
ner Ansicht nach würde eine strenge Befolgung einer solchen 
wegen der daraus entspringenden grofsen Einförmigkeit nur 
einen ermüdenden Eindruck auf den Leser machen. Da diese 
Sammlung aber nach der Ansicht des Herausgebers selbst ein 
vollständiges Balladenbuch bilden und keineswegs zur Befriedi- 
gung blofser Unterhaltung bestimmt sein soll, so glauben wir, 
dafs diese Systemlosigkeit einen strengen Tadel verdient, indem 
eine wirklich wissenschaftliche Benutzung des Buches durch die- 
sen Mangel an Uebersichtlichkeit sehr erschwert wird, der noch 
dadurch sich erhöht, dafs das am Schlusse des zweiten Bandes 
befindliche Inhaltsverzeichnifs nicht den ersten Vers einer jeden 
Ballade enthält, was hier allein von Nutzen gewesen wäre, son- 
dern ein blofs alphabetisches nach den, mitunter vom Herausg. 
selbst willkürlich gegebenen, Titeln der Balladen ist. — 

Die vorliegende Sammlung umfafst 139 Nummern, darunter 
befinden sich aber vier, die keine Balladen sind, und die daher, 
ungeachtet ihres unläugbaren Interesses, besser weggeblieben wä- 
ren. „The bluidy Sark“ (Th. I, S. 86 ff.) ist ein im Balladentone 
von dem schottischen Kunstdichter Robert Henryson (blühte um 


} 


216 Anzeigen: 


1450) verfalstes allegorisches Gedicht; „Elore Lo“ (Thl. I, 
S. 275 ff.) von einem unbekannten Dichter ist ein Liebeslied, aber 
keine Ballade; „Granges Ballad“ (Thl. II, S. 213 ff.), um 1574 
von einem eifrigen Anhänger der unglücklichen Maria Stuart ge- 
dichtet, ist ungeachtet des Titels durchaus keine Ballade, auch 
nicht einmal im Balladentone gehalten, wenn auch als poetisches 
Gedicht von Interesse. Den Schlufs der Sammlung macht ein 
längeres Gedicht „The Vision“ (Thl. II, S. 369 ff.), wahrschein- 
lich bald nach der Vereinigung der beiden Königreiche, vielleicht 
um 1715 gedichtet, welches der unbekannte Verfasser für ein 
Erzeugnifs weit früherer Zeit gelten lassen wollte. Er ahmte da- 
her absichtlich Alliteration, Phraseologie und die jetzt kaum mehr 
verständliche Orthographie des Dichters Gawin Douglas, der um 
das Ende des funfzehnten Jahrhunderts blühte, nach. Das Ge- 
dicht ist voll Allegorie und Mythologie, bezieht sich auf die po- 
litischen Zustände Schottlands und gehört durchaus nicht in diese 
Sammlung. Alle übrigen in derselben mitgetheilten Balladen 
sind, mit Ausnahme vielleicht der einen „Auld Maitland“ (Thl. II, 
S.1ff.), die man bisher auf die Autorität Sir Walter Scott’s hin 
für ächt hielt, wogegen Hr. Aytoun aber gewichtige Bedenken 
geltend macht, unbezweifelt alt und ächt, so dafs diese Sammlung 
mit Recht darauf Anspruch machen kann, die erste zu sein, in 
der man die köstlichsten Blüthen der schottischen Balladenpoesie 
zu einem Straufs gebunden findet. Man wird gewifs nur sehr 
wenige Balladen mehr anführen können, denen noch ein Platz in 
demselben gebürt hätte; die einzige, die wir ungern vermilsten, 
war „Prince Robert“, die Child (Thl. III, S. 22 ff.) in zwei Ver- 
sionen mittheilt. — 

Die Zahl der Balladen, die hier zum ersten Male, oder in 
neuen, bisher unbekannten Versionen veröffentlicht werden, ist 
nicht unbedeutend; dazu müssen noch mehrere gerechnet werden, 
die der Herausgeber durch Collation aus ihrer bis jetzt blofs frag- 
mentarischen Form so wiederherstellte, dafs sie nun beinahe als 
neue betrachtet werden müssen; wir wollen sie hier alle, in der 
Reihenfolge der Sammlung, anführen und dabei zugleich an ein 
paar Beispielen die Art und Weise des Verfahrens des Herausge- 
bers mit ihren Vorzügen und Mängeln erläutern. 

Die Ballade „The Battle of Harlaw“ war bisher nur in der 
wenn auch alten, doch überaus langen und gewils nie im Volks- 
gesange lebenden Version bekannt, die der erste Sammler schot- 
tischer Balladen, Allan Ramsay, in seinem Evergreen (Edinburgh. 


Aytoun, The Ballads of Scotland. 217 


1724. 2 Vols.) veröffentlicht hatte (bei Aytown, Thl. I, S. 64 f£.); 
Hr. Aytoun war nun so glücklich, eine noch jetzt in Aberdeenshire 
im nördlichen, Schottland gesungene, ächt volksmäfsige Ballade 
über diese Schlacht seiner Sammlung (Thl. I, S. 75 ff.) einverlei- 
ben zu können. — Ein bekannter Kenner und Sammler schotti- 
scher Balladen, Hr. George Kinloch, der vor längeren Jahren 
schon die Ausbeute seines Fleifses veröffentlichte ’), hörte auch 
seitdem nicht auf, unermüdlich fortzusammeln; von ihm erhielt 
Hr. Aytoun die Erlaubnifs, seine handschriftlichen Aufzeichnungen 
frei benutzen zu dürfen und verdankt denselben mehrere sehr er- 
hebliche Bereicherungen seines Werkes. Unter diese gebört die Bal- 
lade „The Marchioness of Douglas“ (Thl.I, S. 133 ff.), von der bis- 
her nur Bruchstücke bekannt waren. In Herd’s Sammlung kommen 
nur fünf Strophen derselben u.d. T. „Earl Douglas“ vor; John 
Finlay gab dieselbe in seinen „Scottish Hist. and Rom. Ballads“ 
(Edinb. 1808) um einige dazu erhaltene Strophen vermehrt als 
„Jamie Douglas“ (Thl. II, S. 4 ff.) heraus; Motherwell theilteeine 
längere Version „Lord Jamie Douglas“ im Appendix (8. Vff.) 
seiner Minstrelsy mit; und Äinloch endlich veröffentlichte in seinen 
Anc. Scott. Ball. die denselben Stoff behandelnde Ballade „The 
Laird of Blackwood“ (S. 60 ff). Erst einige Zeit nach der Ver- 
öffentlichung seiner Sammlung war Kinloch so gläcklich, zwei 
vollständige, wenig von einander verschiedene Versionen dersel- 
ben Ballade durch mündliche Ueberlieferung (von zwei Leuten 
desselben Ortes) zu erlangen, die ein ganz neues Licht auf das 
darin besungene Ereignifs und die handelnden Personen werfen, 
und das Datum der Entstehung der Ballade mit Sicherheit in 
das letzte Viertel des siebenzehnten Jahrhunderts setzen. Hr. 
Aytoun hat nun aus diesen zwei Versionen den Text der in sei- 
ner Sammlung abgedruckten Ballade redigirt; hier wäre es aber 
im höchsten Grade wünschenswerth gewesen, dafs er alle Varian- 
ten gleichfalls gegeben hätte, denn nur so hätte er es jedem Le- 
ser möglich gemacht, die Richtigkeit und Gewissenhaftigkeit sei- 
nes Verfahrens zu prüfen. Interessant ist auch, dafs in alle 
Versionen mehrere Verse aus der urkundlich schon vor 1566 (denn 
eine Handschrift aus diesem Jahre citirt einige Zeilen) entstan- 


1) Ancient Scottish Ballads, recovered from tradition, and never be- 
fore published, by G. R. Kinloch, Edinburgh 1827, und: The Ballad- Book, 
by G. R. Kinloch, Edinburgh 1827. (Letzteres ward nur in 80 Abzügen 
gedruckt.) 


IL 2. 15 


2318 Anzeigen: 


denen Ballade „Waly, Waly“ (Aytoun, I, 130) so verflochten 
sind, dafs sich dieselben nicht mehr ausscheiden lassen, was denn 
auch Chambers, dem gleichfalls die handschriftliche Sammlung 
Kinloch’s zu Gebote stand, zu den von uns oben erwähnten Mils- 
griff verführte. — Von der sehr populären Ballade „Fine Flo- 
wers i’ the Valley“ theilt Hr. Aytoun (Thl. I, S. 224 ff.) eine neue 
von ihm selbst gehörte und niedergeschriebene Version mit. — 
Dagegen ist die bis jetzt noch unveröffentlichte Version von „Lizie 
Lindsay“, die der Herausgeber, um Verwechslungen mit der ei- 
nen ganz ähnlichen Stoff behandelnden Ballade „Lizie Baillie* 
(II, 90) zu vermeiden, unter dem Titel „Donald of the Isles“ 
(Thl. I, S. 269 ff.) bringt, wieder der handschriftlichen Sammlung 
Kinloch's entnommen. — Von der sehr schönen Ballade „Fair 
Annie“) (Thl. II, S. 68ff.) haben Sir Walter Scott (Bd. III, 252 ff.) 
und Motherwell (S. 327 ff.) bedeutend von einander abweichende 
Versionen abdrucken lassen; Jamieson dagegen gibt in seinen Po- 
pular Ballads (Thl. II, S.73ff.) eine aus zwei Versionen zusam- 
mengesetzte Ballade „Lady Jane“, in welcher einige Verse von 
ihm selbst hinzugedichtet sind, in dem Appendir seiner Samm- 
lung theilt er jedoch diese beiden Versionen in ihren ursprüngli- 
chen Texten mit („Lady Jane“, II, 371; „Burd Helen“ ebd., 376 ff.). 
Die erstere derselben hält nun Hr. Aytoun für die beste von al- 
len, und folgt ihr in dem von ihm gegebenen Texte, zugleich 
zieht er aber eine in der handschriftlichen Sammlung Kinloch’s 
befindliche, bisher ganz unbekannte Version zu Rathe. Aber 
auch in diesem Falle gibt er leider nur an, dafs er an dem zu 
Grunde gelegten Texte mit Ausnahme der Schlufsstrophen nur 
sehr geringe Veränderungen vorgenommen habe, ohne jedoch diese 
genauer anzumerken, oder die durch die Kinloch’sche Version er- 
haltenen Varianten zu bezeichnen. Mit einem solchen rein eklek- 
tischen Verfahren ist aber für wissenschaftliche Zwecke sehr we- 
nig gewonnen. — „The Song of the Outlaw Murray“ (Thl. II, 


nn nn nn 


1) Diese Ballade ist auch sehr interessant wegen der weiten Verbrei- 
tung, deren der von ihr besungene Stoff bei allen germanischen Nationen ge- 
nofs, so dafs hier eine Vergleichung des schottischen Volksliedes mit denen 
der ihm nahe verwandten Völker deutscher und scandinavischer Zunge leicht 
möglich ist. Man sehe „Skiven Anna“ in Nyerup's Danske Viser IV, 59 und 
in Geijer's Svenska Folk-Visor I, 24; im holländischen „Maid Adelhaid und 
König Alewijn“ (Hofmann’s Holländische Volkslieder 164); in deutschen 
Volksliedern hat der Stoff gröfsere Veränderungen erfahren; s. „Die wieder- 
gefundene Königstochter“ in „Des Knaben Wunderhom“ II, 274, und in Uh- 
land’s Volksliedern „Südeli“ I, 278. 


Aytoun, The Ballads of Scotland. 219 


S. 129 #.) war bisher nur durch den von Walter Seott in sei- 
ner Minstrelsy (Thl.I, 8. 369ff.) nach den Papieren der Frau 
Cockburn gegebenen Abdruck bekannt; der jetzige Herausgeber 
theilt diese Ballade nach einer alten, im Besitze der angeblich 
von diesem Outlaw abstammenden Familie Phikphaugh befindlichen 
Handschrift mit, die zwischen den Jahren 1689 und 1702 ge- 
schrieben wurde. Die Ballade selbst ist aber viel älter, und soll, 
wie Walter Scott behauptet, lange Zeit hindurch in der Umgegend 
von Selkirk sehr populär gewesen sein. Die nach diesen hand- 
schriftlichen Aufzeichnungen bekannte Ballade ist aber jedenfalls 
viel zu lang (sie enthält über 300 Verse) und es kommen in der- 
selben zu viele und zu gleichförmige Wiederholungen vor, als dafs 
sie in dieser Form je hätte gesungen werden können. — „Earl 
Richard’s Wedding“ (Thl. II, S. 162 ff.) war zwar schon länger 
in mehreren Versionen, aber in einer blofs fragmentarischen Ge- 
stalt bekannt, hier erscheint diese Ballade zum ersten Male voll- 
ständig; dafs der Herausgeber es hier für nothwendig hielt, am 
Schlusse eine Strophe hinzuzudichten, haben wir bereits oben ge- 
sagt. — Von der Ballade „The Duke of Atholl’s Nurse“ (Tbl. U, 
S. 236 ff.) waren bisher nur Bruchstücke veröffentlicht; Hr. Ay- 
toun fand in der erwähnten handschriftlichen Sammlung Kinloch’s 
zwei Versionen, und collationirte aus denselben einen vollstän- 
digen Text, leider abermals, ohne die Varianten mitzutheilen. — 
„Hynde Horn“ (Thl. II, S. 328 ff.) entstand in der vorliegen- 
den Form aus der Collation verschiedener, mehr oder weniger 
unvollständiger Versionen, die in den Sammlungen von Motker- 
well, Kinloch und Buchan abgedruckt sind; diese Ballade ist merk- 
würdig als volksthümliche Paraphrase der sehr alten metrical ro- 
mance von „Kyng Horne“ oder „Horne Childe and Maiden Ry- 
menild ’)“, wie denn nach des Herausg. Ansicht manche der alten 
romantischen Balladen aus ähnlichen Quellen entstanden und für 
den Gesang verkürzt und volksgerecht gemacht worden seien. 

Die hier etwas genauer untersuchten Balladen genügen wohl, 
dem Leser eine hinreichend klare Anschauung von dem Verfah- 
ren des Herausgebers zu geben; wir können dasselbe, wenigstens 


1) Abgedruckt in Ritson’s Metrical Romanceës (London 1802, 8 Vols), 
und neuerdings herausgg. von Francisque Michel: „Horn et Rimenhild.“ Re- 
cueïl de ce qui reste de poëmes relatifs à leurs aventures composés en fran- 
cais, en anglais et en écossais dans le 13. 14. 15. et 16. siècles“ etc. Paris. 
1845. 4°. 

15* 


320 Anzeigen: 


nach deutschen kritischen Ansichten, kein streng wissenschaftli 
ches nennen, zu einem solchen wäre vor Allem nothwendig ge- 
wesen, die Versionen jeder Ballade nach Familien zu classifici- 
ren, den ältesten Text jeder. Familie zu Grunde zu legen und 
alle Varianten desselben getreu abdrucken zu lassen. Dazu hätte 
auch gehört, dafs alle Strophen und Verse, die der Herausgeber 
für überflüssige Zuthaten hielt und darum ausschied, an einem 
dafür passenden Platze, z. B. in der Einleitung jeder Ballade, 
mitgetheilt worden wären. Am strengsten ist das wohl nur sehr 
selten vorkommende Hinzudichten einzelner Strophen und Verse, 
dessen wir oben gedachten, zu verwerfen. Eine streng kritische 
und eigentlich wissenschaftliche Herausgabe der schottischen Bal- 
laden mangelt mithin noch immer; wir stehen aber nicht an, die 
Sammlung Hrn. Aytoun’s trotz der Mängel, die wir an derselben 
rügen zu müssen glaubten, als die beste aller bis jetzt erschiene- 
nen Sammlungen zu erklären; — sie ist die einzige, die alle al- 
ten, ächten Balladen, mit Ausschlufs aller moderner Nachahmun- 
gen enthält, von denen auch die sonst ausgezeichnete Motherwell- 
sche keineswegs frei ist, die auch nichts weiter beansprucht, als 
das von dem Herausgeber selbst gesammelte Material mitzuthei- 
len. Man wird, wenn man die von Hrn. Aytoun ausgewählten 
und wiederhergestellten Texte mit den zahlreichen, bei seinen 
Vorgängern vorfindlichen Versionen vergleicht, fast immer zuge- 
ben müssen, dafs er mit einem feinen kritischen und dichteri- 
schen Tacte die besten erwäblt habe, und dafs die von ihm vor- 
genommenen Auslassungen und Veränderungen sich nur auf über- 
flüssige Zusätze, Verballbornungen und andern Balladen entliehe- 
nes Flickwerk beziehen. Man vergleiche z. B. die so schöne alte 
Ballade „Tamlane“ (Thl. I, S.7 ff.) mit den bis jetzt veröffent- 
lichten Versionen und man wird den von ihm hergestellten Text 
sicherlich für den poetischsten, einfachsten und darum der ur- 
sprünglichen Abfassung sich wahrscheinlich am meisten annähern- 
den erklären; dasselbe dürfte auch von „Clerk Saunders“ (Thl. I, 
S. 48 ff.), „Gil Morrice* (ebd., S. 145 ff.), einer der am schwie- 
rigsten wiederherzustellenden, von zahlreichen Interpolationen zu 
befreienden Ballade und vielen anderen gelten. — Ein besonde- 
rer Vorzug dieser Sammlung ist auch, dafs sie verhältnifsmäfsig 
viele kumoristische Balladen bringt, worunter sich wirklich köstli- 
che befinden — man sehe z.B. , Allan-A-Maut“ (Thl. I, S. 103 ff); 
„Mistress Mouse“ (Thl. II, S, 94 ff); „The Barring of the Door“ 
(ebd. 8. 171 ff.) u. v. a. — die gerade bis jetzt weniger berücksich- 


Angelsächsische und mittelenglische Glossen. 1 


tigt und bekannt waren. — Die jeder Ballade vorausgehenden 
Einleitungen enthalten, nebst der Quellenangabe und der Erläu- 
terung des bei ihrer Ausgabe eingeschlagenen Verfahrens, viele 
historische und biographische Notizen, die diesen, sich häufig auf 
blofse Orts- oder Familiengeschichten beziehenden Balladen erst 
das wahre Interesse verleihen und um so dankenswerthere Bei- 
gaben sind, da die Specialgeschichten, denen sie entnommen sind, 
wohl nur Wenigen aufserhalb Schottlands zugänglich sein dürf- 
ten. — Die Ausstattung des Werkes ist eine sehr gefällige, der 
Preis mäfsig (12 Schilling), wir wünschen und hoffen daher, dafs 
dasselbe auch in Deutschland eine grofse Verbreitung finden und 
darch eine gelungene Uebersetzung allgemeiner zugänglich ge- 
macht werden möge, damit diese, noch viel zu wenig gekannten, 
herrlichen Volkslieder einer uns so nahe verwandten Nation, de- 
ren Sagen und Mythen z. B. mit den unseren in noch viel nähe- 
rer Beziehung als die des eigentlichen Englands stehen, zu un- 
serm geistigen Eigenthum würden. 
Wien. Adolf Wolf. 


Angelsächsische und mittelenglische Glossen. 


A volume of vocabularies, illustrating condition and manners of our 
forefathers, as well as the history of the forms of elementary 
education and of the languages spoken in this island, from the 
tenth century to the fifteenth. Edited,-from mss. in public and 
private collections, by Thomas Wright, Esq. u.s. w. Privately 
printed. 1857. XXIV und 291 Seiten. gr. 8. 

Ist der erste Band des Sammelwerks: 

A library of national antiquities. A series of volumes, illastrating the 
general archaeology and history of our country. Published un- 
der the direction and at the expense of Joseph Mayer, Esq., F. 
S. A., hon. curator of the hist. society of Lancashire and Cheshire. 

Angelsächsische und mittelenglische Glossen enthält dies 
Buch, welches wohl nur in wenigen Exemplaren in Deutschland 
au finden sein wird, da es meines Wissens gar nicht in den 
Handel gekommen ist. Man verdankt seine Herausgabe der 
Freigebigkeit und dem wissenschaftlichen Sinne eines reichen, be- 
sonders für ‚mittelalterliche Literatur und Kunst begeisterten Gold- 
schmieds in Liverpool, Herrn Joseph Mayer, auf dessen Kosten 
das Werk gedruckt und zwar in englischer Weise schön gedruckt 
ist, Solche alte Glossen, wohl zu unterscheiden von eigentlichen 


222 Anzeigen: 


Wörterbüchern, sind immer von mehr oder minder hoher Bedeu- 
tung für die Geschichte der Sprache nicht allein, sondern auch 
für die Kultur- und Sittengeschichte, namentlich für die Geschichte 
des Unterrichts, dem sie zunächst und vorzugsweise zu dienen 
bestimmt waren. 

Der Inhalt des Buches ist im Besondern folgender: 

1. Das Gespräch des Erzbischofs Alfric, aus dem X. Jahr- 
hundert, lateinisch mit angelsächsischen Glossen. Dieses wich- 
tige Sprachdenkmal war schon früher in Thorpe’s Analecta an- 
glosaxonica gedruckt, erscheint aber hier nach neuer Benutzung 
der Handschriften. 

2. Auch das Vocabular Alfrie’s war schon gedruckt, aber 
nur in dem selten gewordenen, schon 1659 gedruckten angelsäch- 
sischen Wörterbuch Somner’s. Das Originalmanuscript ist verlo- 
ren, der neue Abdruck beruht auf einer alten der Bodleischen 
Bibliothek in Oxford angehörigen Abschrift. 

3. Nachtrag zu Alfric’s Wörterbuch, aus dem XI. Jahrhun- 
dert. Ich hebe daraus das Wort: ver, lencten aus, mittelengl. len- 
ten (S. 273a) und lent, was die Ableitung unseres nhd. Lens vom 
Adj. lanc bestätigt. Vergl. Frommann, Mundarten II, 185. 

4. Ein angelsächsisches Wörterbuch, aus dem X. oder XI. 
Jahrhundert, aus einer cottonischen Handschrift. 

5. Ein gleiches aus dem XI. Jahrhundert, aus einer Brüsse- 
ler Handschrift, früher gedruckt in Purton Cooper’s übrigens un- 
terdrücktem Anhang B. zu dem Berichte der Recordcommission. 

6. Ein angelsächsisches Wörterbuch nach 2 Handschriften in 
London und Oxford. \ 

7. Ein sogenanntes semi-saxon vocabulary aus dem XII. 
Jahrhundert, aus einer Handschrift in der Kathedrale von Wor- 
cester. Früher herausgegeben von Sir Thomas Philipps, Baronet, 
aber nicht im Buchhandel. 

8. Der lateinische Tractat de nominibus utensilium von Ale- 
xander Neckam, geb. 1157, gest. 1217. Die lateinischen Text- 
worte sind durch viele Interlinearglossen theils in lateinischer, 
theils in französischer, theils in englischer Sprache erläutert. 
Denkwürdig ist eine Stelle dieses Tractats 8. 114, wo unter den 
utensilibus des Schiffers auch die Magnetnadel aufgeführt ist. 
Dies gibt dem gelehrten Herausg. Anlals, S. XVII und 114 die 
ältesten Zeugnisse für den Gebrauch dieses wichtigen Werkzeugs, 
zumal aus den französischen Dichtern, zu besprechen. 

9. Der dictionarius des Johannes de Garlandia aus der er- 
sten Hälfte des XIII. Jahrhunderts, schon von Gerard in seinem 


Angelsächsische und mittelenglische Glossen. 223 


„Paris sous Philippe le bel“ herausgegeben, hier nach englisehen 
Handschriften. 

10. Vocabular von Pflanzennamen aus der Mitte des XIII. 
Jahrhunderts, lateinisch, mit französischer und englischer Erklä- 
rung der Wörter. Offenbar zu medicinischem Gebrauch angelegt. 

11. Tractat Walthers von Biblesworth aus dem Ende des 
XII. Jahrhunderts in französischen Versen, welche mit englischen 
Interlinearglossen versehen sind. Das kleine Werk ist auf die 
Bitte einer Frau Dionysia von Monchersi verfafst zur Unterwei- 
sung der Jugend. Der Verfasser beginnt bei der Benennung der 
Glieder des menschlichen Leibes, darauf geht er über auf Klei- 
dung und Nahrung desselben, auf Jagd, Landbau u.s, w. Am 
Schlusse ist noch die Rede von der Einrichtung der Mahlzeit, und 
unter anderen für die alte Sittengeschichte interessanten Eingel- 
heiten begegnen wir hier auch dem Gebrauche, beim Beginn des 
Essens einen Eberkopf aufzutragen, einer auch im Liede gefeier- 
ten Ceremonie. 

12. Ein vielleicht ins XIV. Jahrhundert fallendes lateinisches 
Gedicht mit englischen Interlinearglossen, deren Dialekt auf den 
Westen der Insel hinweis, Daran schliefst sich in der Hand- 
schrift wie im Abdruck: 

13. Ein Verzeichnifs von Namen der Theile des menschli- 
chen Leibes in lateinischen Hexametern mit englischer zwischen- 
liniger Uebersetzung. 

14. Lateinisch-englisches Vocabular, aus dem XV. Jahrhun- 
dert, nach Materien geordnet: menschliche Glieder, Hausthiere, 
wilde Tbiere, Vögel, Fische, vermes d. h. kleinere Thiere, worun- 
ter Würmer, Insekten, Amphibien u. 8. w.; ferner Pflanzen, Bäume, 
Früchte, Kirchen und Kirchengeräthe, Handwerke, Flüsse, Me- 
talle, Waffen, Kleider und Schmuck, instrumenta aulae d.h. Haus- 
geräthe, Speisen und Getränke, Erfordernisse der Schlafkammer 
und Toilette, Küchengeräthe, Heizung, Bäckerei, Ernte, Witte- 
rung, Pferdewesen, Milch und Butter, Spiele, Behausung, Kinder- 
stube, Verwandtschaft, Jahreszeiten u. a. 

15. Ein Nominale aus dem XV. Jahrhundert, nach einem 
Mscr. im Besitz Joseph Mayer’s in Liverpool, das früher einem 
Schulmeister gehört haben mag. Wie ähnliche, ebenso betitelte 
Werke aus jener Zeit, enthält es eine Aufzählung lateinischer 
Wörter mit englischer Erläuterung. Das Geschlecht des lateini- 
schen Wortes ist immer durch ein vorstehendes hic, hec oder 
hoc angedeutet. Das Demonstrativ ist also hier in der Weise 
der modernen Sprachen als Artikel verwendet. Das Werkchen 


224 Anzeigen: 


enthält in besonderen Capiteln Namenbezeichnungen der Glieder 
des Leibes, der kirchlichen Würden, der Geräthschaften des Cle- 
rikers (Feder, Tinte, Beutel, Bimsstein, Lineal, verschiedene Mes- 
ser u. 8. w.), der weltlichen Würden vom Kaiser an abwärts, der 
Handwerker, der Verwandtschaftsgrade, der weiblichen Titel u. 
8. w., ferner Scheltwörter für Männer und Weiber, Namen für 
männliche und weibliche jugulatores, für Hausthiere und wilde 
Thiere, Vögel, Fische, Insekten und Gewürme, Krankheiten, Bäume, 
Gebäude, Hausgeräth, Speisen, Betten. 

16. Aus derselben Zeit stammt ein ähnlich eingerichtetes 
lateinisch-englisches Vocabular, der Sammlung des Lord Londes- 
borough angehörig, das durch allerlei Randzeichnungen erläutert 
ist. Diese Bilderchen sind in der vorliegenden Ausgabe genau 
in Holzschnitten wiedergegeben. Obne künstlerischen Werth ha_ 
ben diese Zeichnangen doch oft kulturgeschichtliches Interesse, 
indem sie uns die Form von Geräthen, Kleidern, Backwerk, Ge- 
bäuden u. dergl., selbst einer Cloaca, zur Anschauung bringen. 
Der Zeichner versäumt glücklicherweise nie, seinen Bildern bei- 
zuschreiben, was sie vorstellen, und selbst das Geschlecht der 
Wörter durch ein vorgesetztes i, e oder o (hic, hec, hoc) anzu- 
deuten. Dafs er sich dabei zuweilen versieht und domus als 
Masculin ansetzt, dürfen wir ihm so hoch nicht anrechnen. 

Die nächste Aufgabe wird nun sein, um die hier aufgesta- 
pelten Glossen für die Sprachkunde nutzbar zu machen, dafs sie 
alphabetisch zusammengestellt werden. Die Ausbeute, welche 
auf diese Weise die angelsächsiche und mittelenglische Lexiko- 
graphie aus den hier zusammengestellten Glossaren machen kann, 
wird keine unbedeutende sein. Möchte diese Vorarbeit mit dazu 
beitragen, uns bald ein umfassendes mittelenglisches Wörterbuch 
ins Leben zu rufen, für welches es auch sonst nicht an reichem 
Material fehlen kann. 

Eine lexikalische Uebersicht über den Inhalt der hier verei- 
nigten Glossen hat der Herausgeber, wie bereits angedeutet, An- 
dern überlassen. Dagegen findet sich S. XXIIIfg. eine „Table of 
subjects“, wonach die kulturgeschichtlichen Momente des in dem 
Buche vereinigten Materials der Hauptsache nach leichter zu über- 
blicken sind. In der Einleitung ist besonders die Bedeutung der 
mitgetheilten Werke für die Geschichte der Pädagogik und Di- 
daktik entwickelt. 

Tübingen. A. v. Keller. 


Baret, Du poème du Cid. 225 


Du poème du Cid dans ses analogies avec la chanson de Roland, par 
E. Baret, professeur à la faculté des lettres de Clermont-Fer- 
rand. Moulins, imprimerie de P. A. Desrosiers & fils. 1858. 
8. 38 Seiten. 


Bei der geringen Verbreitung, welche leider fast allen nicht 
zu Paris erscheinenden Arbeiten französischer Gelehrten zu Theil 
zu werden pflegt, glaube ich manchem Leser unseres Jahrbuches 
durch einen umständlicheren Bericht über den Inhalt der genann- 
ten Schrift einen kleinen Dienst zu erweisen und das um so 
mehr, als ihr Verfasser — derselbe, dem wir das Buch „De 
lAmadis de Gaule et de son influence sur les moeurs et la lit- 
terature au XVI° et au XVII° siècle“, neuerdings wieder ein 
grölseres Werk „Espagne et Provence“ verdanken — sich be- 
reits als einen kenntnifsreichen Forscher bewährt hat. 

Nach einer kurzen Einleitung über die durch den Cid verherrli- 
chten Gegenden Spaniens gibt Hr. Baret zunächst Andeutungen über 
den Inhalt des Poema del Cid, sodann über den Cid der Ge- 
schichte im Gegensatze zu dem der Poesie. Mit dem dritten Ab- 
schnitte tritt der Verfasser in die Untersuchung über das Ver- 
hältnifs des spanischen Gedichtes zur Chanson de Roland ein. 
„Le po&me du Cid“, beginnt unser Autor seine Betrachtung, „n’est 
pas seulement intéressant en lui-même, soit comme monument 
d’une poésie primitive, quelquefois sublime malgré sa rudesse, soit 
par la façon dont il applique des couleurs idéales à la peinture 
d’un personnage historique. Ce poème offre au public français 
une source d'intérêt particulier, par les rapports singuliers qu’il 
présente avec une antique chanson de geste française, par ses 
analogies curieuses avec la chanson de Roland. Ces rapports, 
aussi nombreux que certains, sont toutefois moins grammaticaux 
que littéraires. Ils touchent quelquefois à la langue, mais sur- 
tout aux détails de la composition, aux ornements poétiques, aux 
épisodes. (Certains caractères offrent aussi une ressemblance 
destinée à piquer vivement la curiosité.“ 

Die Aehnlichkeiten, welche der Verfasser hervorhebt, sind 
nun folgende: Alfonso im spanischen Gedichte vergleicht sich 
Karl in der Chanson de Roland. In beiden Denkmälern findet 
man dieselbe religiöse und kriegerische Begeisterung, dieselbe 
Kindlichkeit des Glaubens. Der Bischof Hieronymus entspricht 
dem Erzbischof Turpin; beide sind Priester, die zugleich die Waf- 
fen führen. Dieselbe Wärme des Glaubens bringt in beiden Ge- 
dichten dieselben christlichen Wunder hervor, in dem spanischen 


226 Anzeigen: 


Gedichte die Erscheinung des Engels Gabriel, in der Chanson 
de Roland die des Engels Cherubin und des heiligen Michael. 
Eine Folge des gleichen kriegerischen Sinnes ist hier wie dort 
die Benennung und gewissermafsen Personificirung der Waffen 
und Pferde. Grofse Uebereinstimmung sieht Hr. Baret nament- 
lich in dem letzten Theile der beiden Gedichte, in der Erzäh- 
lung von der Rache, welche der Cid an den Infanten von Car- 
rion nimmt, und in der Schilderung der Bestrafung, die Ganelon 
erfährt. Das spanische Gedicht lasse hier eine Nachahmung des 
altfranzösischen erkennen. 

Den vierten Abschnitt widmet Hr. Baret der näheren Unter- 
suchung der Frage, welches der beiden Gedichte dem anderen 
zum Muster gedient habe, und hier entscheidet er sich denn nun 
für die Priorität der Chanson de Roland, und zwar aus folgen- 
dem Grunde: „La supériorité de la civilisation française sur la 
civilisation espagnole au XI° siècle est ... un fait incontestable. 
La prééminence littéraire devait nécessairement accompagner la 
supériorité intellectuelle et sociale; d’où il suit que la chanson 
de Roland a dü être composée avant le poème du Cid, et que 
c'est la première qui a dü servir de modèle au second.“ 

Auf welchem Wege, in welcher Weise die Nachahmung der 
altfranzösischen Chanson habe vor sich gehen können, bespricht 
Hr. Baret im fünften und sechsten Abschnitte; durch Vermittlung 
der Provence glaubt er, sie erklären zu können. „Oui“, schliefst 
der Verfasser, „je crois que la chanson de Roland a été connue 
en Espagne, mais en passant par le roman du midi. Cette voie 
me semble plus rationelle, plus en harmonie avec ce qu’on sait 
des moeurs et des habitudes littéraires à cette époque dans cette 
partie déterminée de l’Europe. Je ne m’expliquerais pas aussi 
logiquement la transmission directe de la chanson de Roland à 
une oreille castillane du XIII* siècle, — Question obscure d’ail- 
leurs, qu’il serait malséant de prétendre trancher, et sur laquelle 
on ne peut émettre que des conjectures. On retrouve chaque 
jour des manuscrits des poèmes provençaux rédigés en dialecte 
du nord. Pourquoi ne serait-il pas de même de la chanson de 
Roland! Nous possédons la rédaction française du poème de Tu- 
rold. Peut-être l’obscurité d’une bibliothèque dérobe-t-elle en- 
core à la curiosité érudite la version en roman du midi.“ 

Man sieht, der Hauptbeweis unseres Verfassers liegt in der 
Vermuthung, in der Hoffnung auf einen überraschenden Fund, 
und ich enthalte mich um so mehr jeder weiteren Erörterung, 


Lenient, La Satire en France au moyen -àge. 227 


als der Verfasser selbst, weit entfernt seine Hypothesen aufsu- 
dringen, so bescheiden ist, zu sagen: „Le jour oü cette version 
paraitra, dira si mes observations reposaient sur quelgue fonde- 
ment“. 


Tübingen, Juli 1859. Wilhelm Ludwig Holland. 


La Satire en France au moyen-âge par C. Lenient, professeur de 
rhétorique au Lycée Napoléon. — Paris, Hachette, 1859. 

„Les plus beaux traits d’une sérieuse morale sont moins 
puissants, le plus souvent, que ceux de la satire, et rien ne re- 
prend mieux la plupart des hommes que la peinture de leurs 
défauts. C'est une grande atteinte aux vices que de les exposer 
à la risée de tout le monde. On souffre aisément des répréhen- 
sions, mais on ne souffre point la raillerie. On veut bien être 
méchant, mais on ne veut point être ridicule.“ Vraies du temps 
où les écrivait Molière, ces réflexions sont encore vraies de nos 
jours et seront éternellement vraies. Elles caractérisent tout en- 
semble, avec une justesse parfaite d'observation et de style, une 
disposition de notre nature et un fait inhérent à toute société 
humaine. En effet, l’esprit d’opposition n’est-il pas au fond de 
toutes les âmes? N’aimons-nous pas la résistance et la révolte? 
C’est un vice originel; c’est peut-être aussi une marque néces- 
saire et fatale de notre personnalité. Tout homme, en qui s’ac- 
cuse un caractère profondément net, incisif, tranché, ne saurait 
marcher toujours par les voies de la douceur et de la tolérance. 
Il faut, malgré qu’il en ait, qu'un jour ou l’autre il froisse, il 
corrige, il rudoie. Et, füt-il la mansuétude même, arrive l’heure 
d’une sainte colère, où il chasse du parvis les acheteurs et les 
vendeurs. (C’est donc un rêve, en définitive, que le désir du 
vertueux Nicole et le voeu de l’abbé de Saint-Pierre de faire 
fleurir éternellement parmi les hommes la concorde, la paix, 
l'amour. L’amour lui-même a-t-il donc toujours une complaisance 
si facile? Qui aime bien châtie bien, dit le proverbe; et le 
proverbe a raison. Aussi, jamais chez aucun peuple les re- 
dresseurs des travers et des vices, c'est à dire les moralistes sa- 
tiriques et railleurs n’ont fait défaut à cette mission. Dussent-ils 
perdre la cité, leur rôle fait partie du grand drame qui se joue 
sur cette terre. Le poète sublime, pour parler avec Balzac, qui 
en compose les scènes, qui en produit les acteurs et qui en con- 
nait le dénouement, l’ordonne et le veut ainsi. Lors donc que 


. D __ 2 _. 


238 Anzeigen: 


Rabelais rappelle, en riant, qu’Aristote fait du rire le propre 
même de l’homme, il donne à entendre que les rieurs ne man- 
queront jamais à ce monde terraqué: rien n’est plus vrai: le rire, 
disait Montaigne, est une des pièces de l'univers. 

Dès lors, comment s'étonner que, depuis les temps les plus 
reculés, jusqu’à notre époque, l’hameur des satiriques et des fron- 
deurs se soit comme épanouie en un choeur incessant et continu? 
Le sentiment spontané, qui a créé, chez les peuples primitifs, la 
littérature et les arts, donnait le ton, si je puis parler de la 
sorte, à cet éternel concert. Archiloque, Simonide, Hipponax y 
préludent chez les Grecs. Chez les Romains Lucilius, Horace, 
Juvénal et Perse sont les francs héritiers du genre, qu'exploi- 
tent, après eux, et sur leurs traces, les D’Aubigne, les Regnier, 
les Boileau et les Gilbert. Tels sont, en effet, pour ne parler 
ici ni du théâtre, ni des prosateurs, les représentants poétiques 
de la gaie science, de la raillerie permise, de l’invective légitime 
et sensée: tels nous les voyons figurer dans l’histoire de la lite- 
rature classique chez les trois peuples, en qui se concentre, selon 
nous, l’energie intellectuelle de l’esprit humain. 

Toutefois, entre le siècle d’Auguste, qui reflète celui de Pé- 
riclès, et le siècle de Louis XIV, où se reproduit la double image 
du génie athénien et du génie latin, il existe une longue période, 
le moyen-âge, durant lequel la raillerie, fille du rire, de l’obser- 
vation et de la libre pensée, ne pouvait abdiquer ses droits here- 
ditaires. Elle les y a donc maintenus, développés, accrus, sous 
l'influence d’idees et d'institutions nouvelles, inconnues à l’anti- 
quité, et qui, par leur nouveauté même, offraient une matière in- 
tacte à l'esprit d'examen et de critique, et donnaient l’essor à 
ce franc parler qui n’est pas seulement le propre des , Parrhé- 
siens“, comme le disait Rabelais, mais de la France entière. 

C’est ici le lieu de faire observer combien cette période de 
l’histoire littéraire est encore peu connue. Il lui manque la dif- 
fusion, la popularité: il faut essayer de la lui créer grande et 
durable: elle y a droit. Pour notre part, nous nous sommes 
déjà fait, dans cette espérance, l'écho d’une voix savante et auto- 
risée; mais nous n’hésitons pas à répéter une parole, qui est à 
la fois un regret et un encouragement adressé à la jeunesse stu- 
dieuse et dévouée au culte des lettres. , Ce que les Français 
connaissent le moins, a dit M. Le Clerc, c’est la langue, c’est 
la littérature française.“ Et de fait, on n’en commence ordinai- 
rement l'étude qu’à la Renaissance Le dédain de Boileau et 
celui de Voltaire n’ont rencontré que de trop nombreux parti- 





Lenient, La Satire en France au moyen-äge. 229 


sans. On trouve commode et court de s’alléger d’un travail ap- 
profondi, d’une recherche minutieuse et patiente, eu déclarant 
inutile le soin de „debrouiller l’art confus de nos vieux roman- 
ciers.* On peint le moyen-äge comme une lacune dans l’histoire 
de la pensée humaine, comme un espace vide entre la civilisa- 
tion de l’antiquité et les lumières des temps modernes: on y fait 
périr entièrement les lettres, les arts et les sciences, afin de les 
montrer sortant tout à coup du néant, après une nuit de dix 
siècles. Mais cette opinion est, presque de tous points, erronée, 
fausse, partiale. Jamais ce que la civilisation antique avait d’es- 
sentiel et de vraiment humain n’a disparu parmi ces ténèbres 
imaginaires, inventées par la paresse, grossies par le paradoxe 
et acceptées par l'ignorance. Aussi, dès que l'érudition moderne 
y a porté son flambeau, une réaction vive, ardente, quoique me- 
surée, et partant plus forte, plus sûre du succès, a commencé, 
se poursuit et gagne chaque jour du terrain. Les savants ont 
frayé la route, en vrais pionniers, pleins de sagacité, de pénétra- 
tion et de courage: les littérateurs suivent armés de l'esprit, de 
la verve et du style: on atteindra le but. 

Ce but, quel est-il? De montrer que dans tous les genres, 
je n'en excepte aucun, le moyen-äge, dans toute l’Europe et 
notamment en France, a été une période de transformation gra- 
duelle, tantôt plus lente, tantôt plus rapide, jamais interrompue. 
Il en a été de ce phénomène littéraire, comme d’un fruit qui mürit, 
comme des progrès de l’âge chez un homme. On ne reconnaît, 
on ne peut supposer dans ces différents faits aucune station, au- 
eune pause. Alors pourquoi le littérateur ne ferait-il pas comme 
le naturaliste, comme le physiologiste? Pourquoi n’irait-il pas 
étadier la vie intellectuelle, qui se développe et s'accroît chez 
un peuple, comme on suit dans ses phases progressives le mou- 
vement de la séve et la coloration extérieure que provoque la 
vigueur latente de la nature, unie à l’action continue du soleil? 
On l’a fait, on le fait encore, et l’on a raison. 

Nous pourrions dresser une liste, déjà longue, d’erudits, de 
critiques et de philologues, qui se sont attachés soit à réunir les 
materiaux, & preparer les documents, & publier les manuscrits, 
soit & faire ressortir le caractere general des productions du 
moyen-äge, & en tracer un tableau ingenieux et anime, soit & 
initier le lecteur aux éléments et à la formation de l’idiome na- 
tional. Mais il ne faut point perdre de vue le livre que nous 
avons sous les yeux. | 

On ne sera point surpris, d’après ce que nous venons de 


230 Anzeigen: 


dire, que notre première pensée soit d’en féliciter l’auteur. I 
est bon, utile et juste, d'encourager les écrivains intelligents et 
spirituels, chez qui l'éclat de l’imagination s’unit à la solidité de 
la science et à l'exactitude des recherches, à marcher d’un pas 
ferme et sûr, dans la voie d'exploration, où les attirent des mines 
et des trésors trop longtemps dédaignés. Il faut surtout leur 
savoir gré d’aller saisir le métal au miliea même des scories qui 
l’enveloppent et le deparent, pour le travailler, le polir et le 
faire briller aux yeux. Nul n’y a mieux réussi que M. C. Lenient. 
Et, quoiqu’on puisse lui reprocher le défaut des débutants con- 
sciencieux et abondants, c’est à dire le zèle de bien faire et le 
luxe de la science, ce défaut même provient de qualités si pré- 
cieuses et si aimables, qu’on aurait mauvaise grâce à l’en blämer, 
sans y apporter beaucoup de restrictions. On doit pardonner à 
un auteur, qui montre tant de verve, d’entrain et de finesse, de 
s'être laissé quelque peu séduire par le sujet même qu'il a traite, 
et de n’avoir pas toujours eu le courage d’elaguer, d’emonder en 
plusieurs endroits l’exuberance fleurie de son livre. On ne peut 
nier, d’ailleurs, que la matière mise en oeuvre par M. Lenient 
ne soit parfaitement choisie et que l'exécution ne réponde à ce 
choix. Je vois à cela deux raisons toutes naturelles. 

La première, c’est que nulle part, peut-être, ni à aucune 
époque, l'esprit d'examen, de critique et d'opposition, qui fait 
l'essence de la satire, ne s’est montré plus divers, plus multiple, 
plus piquant, plus original qu’au moyen-äge. La société féodale 
y prêtait plus qu'on ne pense. Sur cette échelle sociale, qui 
partait du serf attaché à la glèbe, pour s'élever par degrés jus- 
qu’à l’empereur et au pape, vassaux de Dieu seul, quelle force, 
quelle puissance, quelle justice aurait donc maintenu l’équilibre, 
si l'on n'avait pu se venger par le rire des inégalités de la 
hiérarchie? D'où il suit que le moyen-äge est le temps, où se 
produit l'épanouissement le plus riche de la satire, et que le litté- 
rateur, en y dirigeant ses regards, et en y tournant ses études, 
est tout d’abord frappé du spectacle attrayant et curieux, qui a 
ravi M. Lenient. 

La seconde raison, c’est que l’on ne peut se soustraire à 
sa vocation. B’il est vrai que l’esprit attire l'esprit, la satire, qui 
est un des caractères particuliers du moyen-âge, devait de pré- 
férence attirer M. Lenient: force lui a été d’obéir à son étoile. 
Dès lors, comme il ne peut naître que de bons livres des unions 
de choix entre un écrivain épris de son sujet et un sujet en 


Lenient, La Satire en France au moyen-äge. œt 


rapport avec les goûts, les habitudes d’esprit et de style de celui 
qui le traite, il s’est trouvé que nous devons à cette alliance un 
ouvrage, dont il est facile de prévoir le succès. 

Je n’en ferai point l’analyse. Comment enfermer dans les 
bornes étroites d’un compte-rendu tant de choses, tant d’événe- 
ments, tant de genres variés, dont les nuances délicates fuient 
d'autant plus l'oeil, qu’ils sont tous marqués au même coin, em- 
preints du même esprit? Comment essayer de caractériser par 
de froides remarques cette forme dégagée, pimpante, alerte, où 
revit par instants la franchise et la gaité narquoise des trouvères 
gaulois? Il y faut renoncer; ou bien alors les citations débor- 
deraient notre texte. Le lecteur, j’en conviens, ne s’en plaindrait 
pas, mais, en vérité, n'est-ce pas nous qui serions à plaindre? 
Transcrire tout un livre, pour en donner une idee! Ne vaut-il 
pas mieux y renvoyer les littérateurs et es artistes, que nous 
convions à le prendre et à le lire depuis la préface jusqu’au der- 
nier mot? 

Nous ne doutons point, d’ailleurs, qu’ils ne prennent haleine 
sur la route, et qu'ils n’y fassent volontiers quelque pause, afin 
de donner une attention particulière à certains morceaux, plus 
riches de couleur, plus vrais d'observation que ceux qui les en- 
tourent. Voyez ou plutôt écoutez comme M. Lenient parle de 
la chanson: „Une fois émancipée, la chanson s'envole de tous 
côtés, folle, joyeuse et babillarde, brisant, variant son rbythme 
à l'infini, heureuse de traverser l’air, libre comme l'alouette au 
matin : 

Hé! aloëte 
Joliette . . .. 

„C'est elle, l’aimable vagabonde, qui lancera les premiers 
sourires et les premiers traits de l'esprit français. Tour à tour 
moqueuse, tendre, grave ou plaintive, changeante et multiple 
comme la fantaisie et l’à-propos, dont elle est la fille, elle ef- 
fleurera de son aile légère tous les accidents de la vie publique 
et privée; elle egaiera les jours de fête; elle consolera le peuple 
de ses misères et de ses humiliations. Même au milieu des splen- 
deurs du dix-septième siècle, en face de cette littérature maje- 
stueuse et solennelle, entre le soraisons funèbres de Bossuet et 
les chefs-d’oeuvre dramatiques de Corneille et de Racine, elle 
inspirera, en son honneur, au grave Boileau, les vers les plus 
gracieux, les plus français, les plus chantants qu'il ait écrits: 


232 Anzeigen: 


Cet enfant du plaisir veut naître dans la joie, 
Agréable indiscret qui, conduit par le chant, 
Passe de bouche en bouche et s'accroît en marchant. 

Ainsi vole la chanson, riant des barons attardés sur la 
route de Jérusalem, puis des Anglais, puis des Ligueurs, puis de 
la Fronde; sonnant d’une main légère et insouciante les funé- 
railles de la monarchie, à la veille de 89. Plus tard, ardente, 
échevelée, c’est elle encore qui mettra sur pied, au cri de la 
Marseillaise, douze armées de volontaires contre les rois coa- 
lisés. Ne refusons donc pas une page de souvenir à cette mère 
de notre poésie, qui a charmé, égayé, vengé, sauvé nos pères et 
qui nous a donné Beranger.“ 

Plus loin, dans le chapitre intitulé: L'Esprit français au Nord, 
après avoir tracé un tableau fidèle des villes du Midi, M. Lenient 
esquisse d’un crayon fin et juste la physionomie des cités sep- 
tentrionales. ,Là, dit-il, la vie est dure, laborieuse, les diffé- 
rences sociales profondément marquées. Au sommet, une aristo- 
cratie hautaine, puissante, oppressive, qui se souvient encore de 
la conquête; au dessous, la foule immense des tributaires, des 
serfs, des vaincus. Là, le bourgeois est moins riche, moins so- 
lennel, moins plein de lui-même que dans le Midi; mais, s’il a 
plus de misère, il aura plus de malice. Voyez les vieilles villes 
du Nord: ce ne sont plus les cités en pierre du Languedoc et 
de la Provence, ni les tours bourgeoises, ornées de créneaux, ni 
le luxe du commerce oriental. Non, mais de petites maisons, 
basses et modestes, bâties en bois, avec leurs auvents tout hon- 
teux et leurs pignons, qui regardent gauchement la rue. Petits 
artisans, petits marchands, souvent aussi petits esprits, aigris par 
la souffrance; et en cela plus disposés à médire, à prendre les 
choses par leur côté étroit et ridicule. Ces pauvres gens n’en 
seront pas moins les pères des communes, les sauveurs de la 
France à Brenneville. Ils suent, souffrent, versent en grondant 
leur argent, et, au besoin, leur sang, pour arracher un lambeau 
de liberté, pour avoir une cloche à eux, la grande voix de la 
cité. Aussi quel plaisir, le soir, à la veillée, quand tout est bien 
fermé, quand le feu petille dans l’ätre, quel plaisir, en face d'un 
pot de cidre ou de clairet, de s’egayer aux dépens du seigneur, 
dont la tour s'élève à côté, noire et menaçante! C’est sur cette 
vielle terre que fleuriront toutes les grâces, les naïvetés et les 
malices de l'esprit gaulois.“ 

N'est-ce pas là une page bien écrite, une étude charmante? 


Lenient, La Satire en France an moyen-âge. 233 


Pour la forme, elle fait songer à de gracieuses peintures dessi- 
nées dans le même style par M. Sainte-Beuve; pour le fond, elle 
exprime une vérité historique, que les faits de notre histoire litté- 
raire sont venus confirmer. Nos grands orateurs sont, en géné- 
ral, du Midi, mais nos poètes, et surtout nos poètes conteurs et 
satiriques sont du Nord: c’est gu Nord qu’est l'esprit vivace, so- 
lide, résistant de la nation. Quelles races que les Normands, 
les Champenois et les Picards! 

Nous ne pouvons pas non plus laisser passer, sans en ex- 
traire quelques lignes, ce que M. Lenient a écrit sur le fabliau: 
» Nos pères, dit-il, accueillirent avec passion cette poésie simple, 
causeuse, familière, pleine d’une morale facile, d’une douce philo- 
sophie, sans apparat, sans éclat, bonne et joyeuse compagne, faite 
pour remplir les longues veillées et les instants inoccupés. Mais, 
en se l’appropriant, ils la transformèrent. A peine implanté sur 
le sol de la Gaule, le fabliau y prend une certaine saveur de 
terroir, vive, äpre et mordante; il dépouille la pompe métapho- 
rique et la roideur sentencieuse du génie oriental, et se pare, en 
échange, des grâces les plus délicates de l’esprit français: légè- 
reté moqueuse, aimable nonchalance, bon sens positif, caustique 
et médisant. Nul genre ne convenait mieux à nos ancêtres, à 
leur esprit, à leur langue et à leurs moeurs. 

„Le fabliau ne demande pas, comme l'épopée, une. grande 
invention, une inspiration élevée, un souffle puissant et soutenu. 
Nos vieux trouvères se perdent et s’embarrassent dans les dé- 
tours de ces longs poèmes chevaleresques, d’où l’on ne sait plus 
comment sortir, une fois qu’on y est entré. Ils sont plus à l’aise 
dans le cadre étroit d’une action commune et familière, dont 
l'issue est toujours facile, où quelques détails ingénieux, quelques 
traits piquants suffisent aux agréments du récit Leur langue 
naïve, simple et gracieuse, alerte et sautillante, mais dépourvue 
de force et de dignité pour exprimer les grands sentiments, ex- 
celle à raconter et à médire. Plus tard, La Fontaine et Voltaire, 
dans leurs contes, ne trouveront rien de mieux que d’en repro- 
duire la forme et les allures. Enfin le fabliau a un autre avan- 
tage, même sur la chanson, pour ces bourgeois frondeurs et cir- 
conspects, qui aiment à rire sans se compromettre et à frapper 
aux vitres sans les briser. Le sirvente a gardé le cachet de son 
origine: il ressemble toujours un peu à un défi, à un cartel. Moins 
direct, moins provoquant, le conte se prête mieux aux medi- 
sances sournoises, aux mots goguenards, enveloppés de naïveté 


II. 2. 16 


234 Anzeigen: 


et de bonhomie. Aussi forme-t-il de bonne heure un genre à 
part, le plus répandu, le plus original, le plus amusant de notre 
littérature du moyen-äge. Tandis que les chansons de geste cé- 
lebrent les exploits de la vie héroïque et féodale, tandis que les 
recueils édifiants à la gloire des saints consacrent les faits mer- 
veilleux et surnaturels de la vie religieuse, le fabliau raconte 
les accidents de la vie bourgeoise, les leçons de morale pratique 
et populaire, les scandales et les médisances qui égaient la ville 
ou la paroisse aux dépens du prud’homme, de sa femme et du 
curé.“ 

Un chapitre fort bien fait du livre de M. Lenient, c’est le 
huitième, celui qui a pour titre: Le Renart. On sait quel rôle 
important joue ce personnage dans la littérature de nos aïeux. 
On le retrouve dans toute l’Europe: la France, l'Angleterre, 
l'Italie et l'Allemagne ont ajouté, chacune, quelque exploit à la 
liste si longue et si variée des aventures du rusé compère. C’est 
au point que le Goupil, devenu un type, comme le Céladon, le 
Lovelace et le Tartuffe, y perd son nom primitif, et prend le 
nom propre ou plutôt le sobriquet inventé par les homères de 
l'épopée burlesque dont il est le héros. Deux hommes distin- 
gués, recommandables l’un par un esprit exquis et inépuisable, 
M. Saint Marc Girardin, l’autre par une science profonde, étendue, 
M. Édélestand du Méril, ont publié sur cette branche littéraire des 
travaux infiniment remarquables. On ne lira point cependant sans 
profit, dans le livre de M. Lenient, cette étude substantielle et 
complete dans sa brièveté, où l’erudition se dissimule, comme 
partout, sous une forme vive, preste et pourtant toujours Elegante 
et soutenue. 

J'en dirai tout autant d’un petit paragraphe, intitulé: Dom 
Argent — Les Juifs et les Lombards, où nous trouvons l’idée 
première du Marchand de Venise de Shakespeare. Les beaux vers 
de Boileau contre l’argent surpassent évidemment par l’excellence 
de la forme les diatribes lancées par nos poètes du moyen-âge 
sur ce damné métal qu’ 

Un déable d'enfer a fait argent nommer; 
mais quand on compare la force et la vigueur de la pensée, on 
se demande si ces rudes et verts champions du désintéressement 
le cèdent en rien à l’auteur des Satires. 

Ce n’est point, d’ailleurs, exclusivement dans la poésie que 
s’épanouit l'esprit satirique du moyen-äge. Avant qu'il arrive à 
Rabelais, il s’est donné déjà carrière dans une prose moins in- 


Lenient, La Satire en France au moyen -âge. 23 


forme qu’on ne croit. Les prédicateurs Menot et Maillard ont 
donné à cette forme nette et virile de la pensée humaine une 
fermeté vigoureuse, inhérente à l'esprit même de notre nation. 
Les Francs-Diseurs, les Cent Nouvelles Nouvelles sont les précur- 
seurs de Pantagruel et de Gargantua. Néanmoins c’est dans Rabe- 
lais que l’on peut signaler l’avenement de la prose, appliquée à la 
satire, et telle qu’iront la lui demander les auteurs de la Ménippée. 
»C'est à Rabelais, dit M. Lenient, qu’aboutit directement le grand 
courant satirique et comique, qui traverse le moyen-âge. En lui 
se résument les hardiesses des trois siècles précédents. Sorte de 
Janus à double face, il regarde à la fois le passé et l’avenir, 
héritant de l’un, annonçant l’autre. (C’est par son intermédiaire 
que la vieille malice gauloise arrive à Molière, à La Fontaine et 
à Voltaire. Les formes bizarres de son poème rappellent souvent 
les caprices de l’architecture gothique. Ces mots qui grouillent, 
éclatent, ricanent, grimacent, nous font l’effet de ces figures gro- 
tesques, attachées aux porches et aux gargouilles des cathédrales. 
Il y a dans ces gros accès de gaieté bruyante comme un écho 
des vieilles farces populaires, des fêtes de l’Ane, des Fous et 
des Innocents. En même temps apparaissent déjà les caractères 
de l'esprit moderne; plus de netteté et de décision dans l’attaque; 
une hardiesse qui ne s’arrête point à la surface, qui va jusqu’au 
fond des choses, qui ne s'adresse pas seulement aux personnes 
et aux abus, mais aux croyances. Malgré la légèreté, la bon- 
homie et parfois la trivialité de la forme, la satire devient plus 
philosophique et par suite plus menaçante: on reconnait le siècle 
de Luther et de Calvin.“ 

Ainsi, comme le sentiment d’opposition, qui fait l’essence de 
la satire, ne s’est pas seulement manifesté au moyen-âge sous 
la forme poétique, créée ou plutôt adoptée, dans l'antiquité, par 
Lucilius, façonnée par Horace, et si admirablement appropriée 
à notre langue par Regnier et par Boileau, il était tout naturel 
que M. Lenient en suivit les développements dans la prose. Nous 
trouvons qu'il n’y a pas moins bien réussi que pour la poésie, 
et que cette seconde partie de son livre, quoique moins colorée 
et moins brillante, se soutient pour l'intérêt à la hauteur de la 
première. Il la relève, du reste, par un aperçu neuf et juste, 
dont nous nous plaisons à le féliciter. D’une part, M. Lenient 
ne séparant point l'élément comique du malicieux et du railleur 
dans les compositions du moyen-äge, nous donne une histoire 
agréable et fine du théâtre à cette époque; d’autre part, il y fait 

16* 


236 Anzeigen: 


entrer, chose à notre sens tout à fait nécessaire, les arts archi- 
tectoniques ou plastiques de la période, dont il s’est plu à étudier, 
en l’analysant, l’esprit et les tendances. Aussi verra-t-on, en 
lisant ce que M. Lenient a écrit sur la farce de Maitre Patehn, 
sur les Danses Macabres, sur tous les divertissements profanes 
du moyen-äge, que ces sujets lui ont paru mériter plus qu’une 
considération sérieuse: il en a fait un examen attentif: il a voulu 
n’en négliger aucune branche, et il les a rattachés avec art et 
avec raison au sujet principal de son livre. 

Ce que nous avons, en outre, particulièrement remarqué dans 
ces études annexes, c’est le goût, la mesure, qui ont dirigé ces 
observations de M. Lenient et réglé ses jugements. En établis- 
sant comme un principe absolu que l'invasion du grotesque dans 
les arts est un symptôme infaillible de décadence, il échappe au 
reproche de romantisme que l'essor de sa fantaisie pourrait par- 
fois lui attirer. Et, pour le dire en passant, il n’y a, en réalité, 
il n’y a même jamais eu ni romantiques, ni classiques: le monde 
de la littérature et celui des arts se composent, selon nous, de 
deux espèces de littérateurs et d’artistes, ceux qui ont du goût et 
ceux qui n'en ont pas: nous nous plaisons à ranger M. Lenient 
dans la première espèce: c’est du moins l'impression definitive 
que nous avons emportée de son livre. 

Paris, Eugène Talbot. 





A Glossarial Index to the Printed English Literature of the thirteenth 
century, by Herbert Coleridge. London, Trübner & Co. 1859. 
Berlin, A. Asher & Co. (VIII, 102 Seiten 8.) 

It may seem strange to assert at the present day that dic- 
tionaries are among the desiderata of literature, when every book- 
seller’s catalogue teems with works of this class of every shape, 
size and weight, and the dictionary department of any large li- 
brary, such as the British Museum, occupies nearly a mile of 
shelf-room. The fact is so nevertheless, nor is it difficult to ac- 
count for it. The advance of philological science during the last 
thirty years has been immense, and the effect of this advance 
upon the older literature has been analogous to that of steam 
and rifled cannon upon the armements and tactics of the last 
century. Works which were formerly believed to contain the 
omne scibile upon a given language or philological subject, are 
now found inadequate to resolve some of the simplest problems 


Coleridge, A Glossarial Index. 237 


which suggest themselves to the modern student, while in many 
cases they prove not merely deficient but treacherous and mis- 
leading guides. Exceptions no doubt here and there exist of 
which the invaluable works of Cotgrave, Florio and Kilian, may 
be cited as examples, but even they are prized by the philo- 
logist rather on account of their completeness and fidelity, than 
from any merit of philosophical construction or principle. The 
general character of the older works of this class is such as we 
have described. 

It must however be admitted as some set off to this rather 
unpromising review, that a few works in modern times have been 
produced which do more completely fulfil our requirements, and 
which may be regarded as the most valuable tangible results of 
the philological advance we have spoken of. Putting the classical 
languages aside, Germany is better represented by her lexico- 
graphers than any other European nation. The noble work of 
Graff, and the unfinished labours of Benecke and his successors 
Müller and Zarncke, and of the renowned Grimm furnish a se- 
ries of illustrations of the three stages of her literature of which 
she may justly be proud. Even the German dictionaries of less 
pretension, such as those of Hilpert and Flügel, are far superior 
both in accuracy and completeness to corresponding works in 
other languages. England on the other hand with a language 
confessedly more rich and powerful than any other now spoken 
by man, shews decidedly worse in this respect than any. The 
works of Johnson and Richardson, though possessing great merit 
in many respects, only profess to illustrate and embody a cer- 
tain portion of the language, and illustrate even that most im- 
perfectly, as Dean Trench has abundantly shown '). The whole 
of the period anterior to the Era of the Reformation remains 
almost untouched by these writers, nor have any satisfactory ef- 
forts been made by other labourers to fill up the void thus left. 
Halliwell’s Dictionary of Archaic and Provincial Words might 
have been serviceable at any rate, had the author attempted less, 
and bestowed more pains on the elaboration of what he did, but 
the gross inaccuracies which disfigure the book and the deficien- 
cies, which are only too obvious to every student of our older 
literature, go far to deprive it of any real value. 


!) See his Essay „on some deficiencies in our English Dictionaries“, 
London, Parker & Son 1857, and his „Select Glossary“ London, Parker & 
Son, 1859. 





238 Anzeigen: 


Wright’s Archaic and Provincial Glossary is a mere rifac- 
cimento of Halliwell, and is only superior to its predecessor in 
the correction of a few of the grosser errors, while it compen- 
sates for this advantage by the omission of much valuable matter 
which Halliwell had got together. Except in a few special 
glossaries to single works, among which those of Sir F. Madden 
to the Romances of Havelok, William and the Werewolf, and 
Syr Gawayne stand preeminent, it is not too much to say that 
little or nothing has been done up to the close of the year 1858 
towards the promotion of that great desideratum „The old Eng- 
lish Lexicon“. 

It is chiefly in deference to the foregoing considerations and 
to the preeminent importance of the subject, that we have been 
induced to notice the little work mentioned at the head of this 
article. It is, as the titlepage informs us, an alphabetical index 
of every word occurring in some 34 pieces of early English lite- 
rature, varying in seize and length from an 87° page to a couple 
of 87° volumes, and of dates lying between the years A. D. 1280 
— 1310. These may therefore be taken as a fair sample of the 
earliest development of English proper as distinguished from the 
Semi Saxon which immediately preceded them. A certain amount 
of explanatory and glossarial matter is added, without which the 
work would have been unintelligible, but its main character is, 
a8 we have said, that of a carefully compiled Index. The author 
tells us in his preface that it is in fact merely a fragment of a 
longer work, a complete English Dictionary, which is preparing 
for publication under the auspices of the Philological Society of 
London, and that its appearance as an independant work is 
mainly due to the requirements of the machinery which has been 
devised for the construction and collection of materials for that 
dietionary. Into these matters we do not propose to enter — nor 
shall we attempt any minute criticism of the interpretations the 
author has suggested for various passages of difficulty well known 
to those who have attempted to explore the remains of this era 
of literature — our object in noticing the book at all is of an- 
other nature. The main character of the book is, as we have 
said, that of an Index, and its main value, its principal claim to 
notice consists in this, that it is the first work of the kind, from 
which anything like reliable philological statistics can be drawn. 
It gives us a complete conspectus of the printed portion of a 
certain period of literature, comprising about 60 years, and thus 


Coleridge, A Glossarial Index. 239 


furnishes a ground for a fairly accurate estimate of the rate at 
which the language has been divesting itself of some of its ele- 
ments and incorporating others. To exemplify our meaning, we 
will take the letter R, which contains about 240 words including 
distinct varieties of meaning in the calculation. The glossary 
itself contains about 8000 words, 80 that R represents about a 
thirty-third part of the whole. Of these 240 words we find in- 
dependently, that about 93 perished in the first period of the 
language, in that extending from 1250 A. D. to the reformation, 
while the remainder 147 in number lived on into the second 
period which comprises the 16t and 17'b centuries, and so may 
fairly claim recognition as English words even from those who 
in accordance with the narrow view of Johnson and Richardson 
deny the name of English to all the precursors of Tyndall and 
Coverdale. The proportion therefore of obsolete to living words, 
as gathered from this specimen, would be 33, whence it is easy 
to see that the language must have undergone rapid and vehe- 
ment fluctuations during the first two centuries of its existence, 
although the full proof could only come out completely, were the 
Glossary carried down to the Reformation epoch, so that we might 
compare the 14th and 1dtb centuries with each other and each 
with the 16th or 17th. Again out of the 240 words we have a 
total of 163 due to a Teutonic origin (including Scandinavian), 
leaving 77 as the representative of the French element, the Teu- 
tonic boasting thus more than double the numbers possessed by 
its rivals. It is interesting to institute a similar comparison with 
regard to the language of the Authorized Version of the English 
Bible printed in 1611, and to note the wonderful change in the 
relative proportions that has taken place in three centuries. The 
letter R in Cruden’s Concordance (omitting the Apocrypha) con- 
tains 285 different words, including as before varieties of mean- 
ing in the reckoning, and of ‘these only 74 are Teutonic, and 
211 French, the latter being thus nearly three times as numerous 
as the former. It would be curious to find the point of equi- 
librium between the two — for ourselves we should be inclined 
to place it either in the poem of Piers Ploughman or Wiclifs 
version of the Scriptures. In Chaucer the French element be- 
gins decidedly to preponderate and goes on increasing till it 
reaches its culminating point in the translations made and printed 
by Caxton, which are composed in a sort of Gallo-English lingo, 
most tiresome in perusal. After this a vehement reaction seems 


240 Anzeigen: Coleridge, A Glossarial Index. 


to have set in, and the English language emerges pure and 
beautiful in what is essentially its modern form in the immortal 
version of the new Testament published by Tyndall in 1526. 

It is obvious that a work of this kind, if it could be carried 
on on the same principles as those on which it has been begun, 
would furnish philologists with a most valuable measure of the 
rate of increase and decay of the seperate elements of the lan- 
guage, which could hardly be so well shown in any other way. 
Neither would any other language illustrate the phenomenon so 
clearly and strikingly as the English. A cursory glance at the 
pages of the Glossary will show what losses Englishmen have 
already sustained — the numerous negative substantives in „un-“ 
as „unstrength“, „unlength“, „unmight“, have nearly all dis- 
appeared, although we are glad to see that such writers as Ten- 
nyson and Carlyle are lending the weight of their authority and 
example to their reintroduction. The same may be said of nu- 
merous Verb compounds of „over“, „under“ etc., few of which 
comparatively speaking now remain, while those which do, have 
passed into secondary senses. „Understand“ no longer means 
to „stand under“ as it once did, though that sense lies at the 
root of its present meaning, nor does „undo* on our lips bear 
the sense of „expound or explain“, in which our forefathers of- 
ten employed it. All such facts as these, and many more might 
be adduced, are not only in themselves matters of high value to 
him who would truly understand the history of a language, but 
have an important bearing on all researches into the progress of 
intellectual development. It is to be hoped that the author may 
find his unpretending little work recieved with sufficient favour 
by the public to enable him to carry on the work to its legiti- 
mate conclusion. 


London. =... 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 241 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 


Essai sur l’histoire de la littérature catalane, par F. R. Cambouliu, 
2° éd. Paris 1858. 


Raymund Lull und die Anfänge der catalonischen Literatur, von A. 
Helfferich. Berlin 1858. 


Zwei der romanischen Literaturen haben für den Hi- 
storiker den eigenthümlichen Reiz, dafs sie ähnlich denen 
des Alterthums ausgestorben, ganz dem Bereiche der Ge- 
schichte anheimgefallen sind; beide Literaturen nahe ver- 
wandt, ja in einem gewissen Sinne fast Ein Ganzes, haben 
sie wenn auch nicht dieselben, doch sehr ähnliche äufsere 
Schicksale gehabt; ich meine die provenzalische und die 
catalanische Literatur. Beide waren lange Zeit von der 
Welt vergessen, die in dem ersten Drange einer neuen 
Kulturentwicklung, wie sie mit dem 16. Jahrhundert anhob, 
kaum Zeit hatte, rückwärts zu blicken, und so lange das 
neue Bewulstsein noch nicht bis zu einem gewissen Grade 
der Entwicklung gediehen war, auch das Bedürfnifs nicht 
empfand, die Anfänge der modernen Bildung überhaupt im 
Schoofse des Mittelalters aufzusuchen. 

Man weils, wie Raynouard — allerdings nach dem Vor- 
gange Millot’s, der wiederum seinerseits nur Sainte- Palaye’s 
Studien publicirte — in dem zweiten Decennium unseres 
Jahrhunderts in Wahrheit zuerst die provenzalische Literatur 
wieder ans Licht zog; es war in jener Zeit, als das Stu- 
dium des Mittelalters zuerst begeisterte Schüler fand, die 
vornehmlich ein ästhetisches Interesse antrieb, obwohl dem- 
selben ein religiös-katholisches und auch ein patriotisch-an- 
tiquarisches, letzteres namentlich auch in Deutschland, häufig 
zu Grunde lagen. Das ästhetische Interesse aber beherrschte 
die Literaturgeschichte jener Tage, die sich überhaupt da- 
mals zuerst bedeutender entfaltete, und zur dichterischen Pro- 
duction ihrer Zeit selbst in der innigsten und lebendigsten 
Beziehung stand. Die Literarhistoriker — so ein Ray- 
nouard, Bouterwek, die Gebrüder Schlegel — waren meist 


selbst Dichter, aber von einer geringeren Befähigung, sol- 
I 3. 17 


a3 Ebert 


che nämlich, in denen die ästhetisch- empfängliche Natur 
die ästhetisch-productive überwog: um so mehr empfanden 
sie das Bedürfnils, neue poetische Quellen aufzusuchen, 
um ihre Phantasie an deren Born zu kräftigen. Auf der 
Dichtung Frankreichs, die sich die der andern romanischen 
Nationen zum grölsten Theile unterworfen hatte, lastete 
damals ein schon ganz steriles Epigonenthum: in Deutsch- 
land war durch eine in der Geschichte beispiellose üppige 
Fruchtbarkeit ein lange brachgelegener Boden fast er 
schöpft, zugleich aber wirkte hier jenes kosmopolitisch 
universelle Moment, das unsre klassische Dichtung aus 
zeichnet, fördersam mit. So geht .die Auferstehung der 
provenzalischen Poesie Hand in Hand mit der der alt- 
deutschen, wie beide die der altfranzösischen im Gefolge 
haben. Ihre Beziehungen zu der Romantik der Dichtung 
unsers Jahrhunderts liegen offen zu Tage. Während in 
Deutschland die erste Blüthe mittelalterlicher Studien im 
Schoofse der romantischen Dichterschule reifte, so bereite 
ten in Frankreich vielmehr jene erst dieser den Boden. 


Vorwiegend ein anderes Interesse ist es, welches das 
Andenken an die catalanische Literatur in ihrem Vaterlande 
erweckte, und zu unsrer Zeit erst sie in den Kreis der Ge 


schichte der Weltliteratur eingeführt hat, wo sie zwar nu 


einen kleinen bescheidnen Platz, aber nichts destoweniget | 


eine wichtige Stelle, in der Eigenschaft eines verbindenden 


Mittelgliedes, einnimmt. Dies Interesse ist das historisch 
das in Catalonien selbst in dem Patriotismus, der zu alles : 
Zeiten begeisternd diesem Volksstamme eine selbständige 


Eigenthämlichkeit erhielt, einen mächtigen Antrieb empfüg- 
Zuerst aber fand die Literargeschichte Valencia’s, dess® 
Mundart wie bekannt ein catalanischer Dialect ist, ein 
und zwar sehr umfassende, Bearbeitung, schon gegen Ende 
des 17. Jahrh., in des gelehrten Geistlichen Joseph Roûrr 
guez Bibliotheca Valentina, die aber erst 1747, lange Zei 
nach des Verfassers Tode, erschien; und im selben Jahre 
schon begann ein anderes noch umfassenderes Werk, d3 
auf dem vorausgehenden ruhte, Vincente Ximeno’s Escritor#! 
de Valencia, zu erscheinen, zu dem in unsrer Zeit eine Fort 





Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 243 


setzung, unter dem Titel: Bibliotheca Valenciana, Pedro Fu- 
ster lieferte (1827—1830) — sämmtlich, versteht sich dem 
Titel nach schon, Werke, welche alle im Königreich Valencia 
gebornen Schriftsteller verzeichnend, nur zu einem Theil den 
Autoren, die sich der vaterländischen Mundart oder der 
catalanischen Sprache überhaupt bedienten, gewidmet sind. 
In Catalonien selbst hat das Beispiel der Valencianer erst 
in der neuern Zeit Nachahmung gefunden, und eine Nach- 
ahmung auch in formeller Beziehung, indem 1836 Torres 
y Amat seine Memorias para ayudar 4 formar un diccio- 
nario critico de los escritores catalanes publicirte, welches 
Werk 1849 durch Juan Corminas (Burgos 4°) eine Ergän- 
zung erhielt. Indessen war von Ausländern, sowohl in 
allgemeinen literaturgeschichtlichen Werken, als in solchen, 
die der provenzalischen und spanischen Literatur gewidmet 
waren, der catalanischen kaum beiläufig, wenn überhaupt 
nur, gedacht worden; sie erschien da stets blofs als eine 
Art von Appendix entweder des spanischen, oder des pro- 
venzalischen Schriftthums, indem nur einzelne ihrer Pro- 
ducte als „dialectische“ Leistungen, die sei es durch ihren 
Stoff, oder ihre Form doch eine besondere Erwähnung for- 
derten, aufgeführt wurden !). Eine irgendwie selbstän- 
dige Stellung wurde ihr nirgends eingeräumt, oder zuer- 
kamnt. 


!) So wird bei Velazquez (Origenes de la Poesia castellana) zwar der 
limusinischen (catalanischen) Dichtung als einer der „Quellen“ der castilischen 
ein Abschnitt eingeräumt, aber das Catalanische mit dem Provenzalischen 
vollständig identificirt, so dafs dort die Catalanen, die im provenzalischen, 
und die, welche in ihrem vaterländischen Idiom dichteten, ohne Unterschei- 
dung zugleich aufgeführt werden. Auch Sismondi, der in seinem Werk: De 
la littérature du midi de l’Europe (Tome I) dem Ausias March sogar mehrere 
Seiten widmet, so dafs derselbe durch ihn erst in weiteren Kreisen bekannt 
ward, behandelt die catalanische Literatur in dem der provenzalischen gewid- 
meten Abschnitte, ja er identificirt die eatalanische Sprache vollständig mit 
der provenzalischen, wenn er die betreffende Partie mit den Worten einlei- 
tet: „L’Aragon (sic) avait conservé l’usage de la langue provençale — — 
l'emploi de cette langue dans tous les actes du gouvernement“ etc. Ueber et- 
welche Verschiedenheit, die ihm wohl nicht ganz verborgen blieb, schlüpft er 
an einer andern Stelle mit einer Art von Taschenspieler-Geschicklichkeit hin- 
weg: „mais quand le rögne des troubadours fut fini, un autre genre de talens 
se développa chez les Aragonais, et la littérature provençale ou plutôt cata- 
lane, nc finit point avec les troubadours“. 

17* 


244 Ebert 


Selbst Ticknor noch, der in seiner, namentlich durch 
Vollständigkeit des benutzten und angezogenen Materials 
bedeutenden „Geschichte der schönen Literatur in Spa- 
nien“ zwei besondre Abschnitte wenigstens der catalani- 
schen Literatur einräumte, ist nicht blofs, ausnahmsweise, 
gerade in diesen stofflich gar mangelhaft und dürftig, son- 
dern auch er führt die catalanische Literatur nur im 
Schlepptau der provenzalischen ein, von welcher sie gewis- 
sermafsen blofs als ein nach Spanien verpflanzter, dort aber 
verwilderter Schölsling erscheint; ja, damit im Zusammen- 
bang, wird auch von ihm die catalanische Sprache als ein 
blofser Dialect des Provenzalischen hingestellt, der nur in- 
dem er die provenzalische Schriftsprache „verdirbt“, eine 
eigne catalanische hervorruft! ') Indem Ticknor also theils 
von falschen Voraussetzungen ausging, theils ihm überhaupt 
eine universellere Auffassung fehlt, konnte er um so weni- 
ger die eigenthümliche Bedeutung der catalanischen Lite- 
ratur vollkommen würdigen, als zur Zeit der Abfassung 
seines Werkes manches wichtige Material noch nicht pu- 
blicirt war. So erschienen vier Jahre später erst die cata- 
lanischen Volkslieder, Romanzen und Märchen, die mit ei- 
ner vortrefflichen Einleitung Hr. Milä y Fontanals in Bar- 
celona 1853 herausgab. Drei Jahre danach wurde durch 
Ferdinand Wolf dieses Werk bekanntlich in Deutschland 
eingeführt, durch seine „Proben portugiesischer und cata- 
lanischer Volksromanzen“, und damit ein regeres Interesse 
für die catalanische Literatur, die hier trotz aller proven- 
zalischen und castilischen Einflüsse doch in so eigenthüm- 
licher Selbständigkeit erschien, bei uns geweckt: hatte 
doch Deutschland in seinem universellen Geiste historischer 
Forschung und ästhetischer Empfänglichkeit für das Schöne 
und Gute in allen Gestalten schon ein nicht geringes Ver- 
dienst auch um die catalanische Literatur sich erworben 


') „Nach dem Anfange des 14. Jahrh. finden wir keine rein provenzs- 
lische Dichtung in Castilien, und nach der Mitte jenes Jahrhunderts fängt sie 
auch an in Catalonien und Aragonien zurtickzuweichen, oder vielmehr durch 
die rauhere aber kräftigere Mundart der Bevölkerung verderbt zu werden.“ 
Deutsche Uebers. v. Julius I, p. 262. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 245 


durch eine würdige Republication der vortrefflichen Chronik 
des Ramon Muntaner (1844), dessen hohe Bedeutung voll- 
kommen zu schätzen auch einem Deutschen vorbehalten war'). 
Nachdem also durch einen Kenner der Volkspoesie, der als 
solcher in Europa allgemein anerkannt ist — und das war 
hier von Belang — die catalanische Volksdichtung in den 
Kreis der” europäischen als ein selbständiges Glied einge- 
führt war, und sich durch das hoch in das Mittelalter hin- 
aufreichende Alter derselben schon offenbarte, dafs der 
poetische Genius dieses Landes doch nicht mit dem pro- 
venzalischen durchaus identisch sei: so ward auch in der 
neuen Ausgabe der Grammatik der romanischen Sprachen 
(1856— 1858) von dem Meister der vergleichenden neu-la- 
teinischen Philologie der catalanischen Sprache die Genug- 
thuung einer besondern Berücksichtigung, indem sie hier 
als eine Zwillingsschwester des Provenzalischen, keineswegs 
als ein blofs dialectisches Idiom behandelt ward. Noch ist 
zweier Werke der neusten Zeit zu gedenken, in denen die 
catalanische Literatur — in dem einen namentlich in ihren 
Beziehungen zu der Provence, in dem andern zu Casti- 
lien — eine eingehendere Betrachtung fand, obschon diese 
Werke ihr allein nicht gewidmet waren; ich meine Baret’s 
Espagne et Provence (1857) und Ferd. Wolf's Studien zur 
Geschichte der span. und portug. Nationalliteratur. In jenem 
Werke wurde ihrer Eigenthümlichkeit, soweit dieselbe be- 
steht, im Allgemeinen gebührende Rechnung getragen; in 
diesem die -universal-historische Bedeutung der ältern cata- 
lanischen Kunstlyrik, die selbst freilich nur in den Schran- 
ken der Nachahmung der Troubadourpoesie sich hält, als 
der Vermittlerin dieser formell so bedeutenden Dichtung 
mit dem poetischen Genius Castiliens, in einer gewissen 
Periode seiner Entwicklung, zuerst vollkommen gewürdigt. 

Den vorausgehenden Leistungen schliefsen sich nun 
unmittelbar die an der Spitze dieses Aufsatzes genannten 


1) 8, Gervinus’ Charakteristik Muntaner's, in der Anzeige der deutscher 
Uebersetzung Muntaner’s durch Lanz, seinen späteren Herausgeber, in den 
Jen. Allgem. Literaturzeitung 1842, No. 63 ff. Auch Villemain erinnerte an 
ihn schon 1880 mit ein paar treffenden Worten. Litt. du moyen-âge, 24° les: 


246 Ebert 


beiden Schriften würdig und in mancher Beziehung be- 
deutsam an — beide schon der catalanischen Literatur aus- 
drücklich und ausschliefslich gewidmet, beide in doppelter 
Beziehung beachtenswerth, indem sie neben der geschicht- 
lichen Untersuchung und Entwicklung auch neues Material 
selbst darbieten, in dem Abdrucke interessanter literarhi- 
storischer Inedita. In dieser doppelten Rücksicht werden 
sie auch unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Ih- 
rem besondern Vorwurf gemäls haben sie jede auch einen 
eigenthümlichen Werth: während Hr. Cambouliu, und un- 
sres Wissens diesseits der Pyrenäen zuerst, eine Uebersicht 
der ganzen Geschichte der catalanischen Literatur in all- 
gemeinen Umrissen skizzirt, in Perioden sie sondernd, der 
einzelnen Hervorbringungen aber nur mit wenigen Worten 
gedenkt; führt uns Hr. Helfferich, statt in die Weite sich 
auszubreiten, vielmehr in die Tiefe hinabsteigend, in die 
Zeit der „Anfänge“ umfassender ein, indem er versucht, 
die geheimen Triebkräfte, aus denen eine eigenthümliche 
Nationalliteratur auf diesem Boden erwuchs, uns zu ent- 
schleiern. Beide Verfasser nehmen den richtigen Stand- 
punkt historischer Auffassung, wie ibn die Literaturge- 
schichte heutzutage fordert, ein, die Literatur, als einen 
Ausdruck des bestimmten Nationalgeistes, in ihren Anfän- 
gen wie in den verschiedenen Wandlungen ihrer Entwick- 
lung, vor Allem aus der allgemeinen geschichtlichen Ent- 
wicklung der Nation selbst zu begreifen. Diese Auffas- 
sung, zumal im Verein mit der universal-historischen Be- 
trachtung, dals wie die Kultur überhaupt der europäischen 
Welt das gemeinsame Werk der verschiednen germanischen 
und romanischen Nationen ist, aus ihrer Wechselwirkung 
entsprungen, so auch ihre literarische Bewegung eine einige 
ist, von allen bedingt nnd alle bedingend, Ein grofser Or- 
ganismus, ein System gleichsam, in dem eine jede Natio- 
nalliteratur wieder ihre selbständige Bedeutung hat — — 
diese historische Auffassung vermag allein gerade der ca- 
talanischen Literatur vollkommen erst gerecht zu werden; 
und das mannichfaltige Interesse, das sie unter diesem Ge- 
sichtspunkte darbietet, legt die Bedeutung des letzteren selbs 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 247 


zugleich recht auffallend an den Tag. Versuchen wir im 
Folgenden nun, indem wir von den Leistungen der bei- 
den vorgemerkten Werke Rechenschaft geben, und im Hin- 
blick auf ibre früher erwähnten Vorgänger, eine kurze 
Skizze des Charakters sowie der geschichtlichen Entwick- 
lung und Bedeutung dieser im Allgemeinen noch so wenig 
gekannten Literatur zu zeichnen, und dann eines der mit- 
getheilten Inedita, das von besonderm Interesse ist, genauer 
zu gedenken. 

Eine wesentliche Vorfrage der Selbständigkeit der cata- 
lanischen Literatur ist die Selbständigkeit der catalanischen 
Sprache. Dieses Thema wird daher sowohl von Herrn 
Combouliu, als von Hrn. Helfferich, namentlich von letz- 
terem ausführlich behandelt. Wie sich jede Uebertreibung 
straft, so ist merkwürdigerweise gerade der Patriotismus 
der Catalanen selbst vornehmlich daran Schuld, dafs jene 
Selbständigkeit in Frage gezogen wurde. Da nämlich 
die ältesten bekannten Dichter Cataloniens unter den pro- 
venzalischen Troubadours glänzen, so schlossen die catala- 
nischen Patrioten, dafs diese provenzalische Dichtersprache 
die ursprüngliche Sprache Cataloniens gewesen sei, auf dem 
Boden desselben entsprossen und mit der Dichtkunst zu- 
gleich erst von Catalonien nach der Provence, d.h. dem 
südlichen Frankreich überhaupt, im Gefolge der Berengare 
eingeführt sei. Diese wunderliche Idee, die, ganz abgese- 
hen von den widerstreitenden Daten, einen merkwürdigen 
Mangel an historischer Auffassung verräth, wurde nichts- 
destoweniger von einem Gelehrten wie Capmany verfoch- 
ten, und in naiver Weise unter anderm damit zu bekräf- 
tigen gesucht, dafs auch französische Gelehrte, namentlich 
Du Cange, keinen Unterschied zwischen dem provenzali- 
schen Idiom und dem reinen Catalanisch eines Ramon Mun- 
taner entdeckt hätten'). Von jenen Franzosen war aber 


1) Memorias hist. II, Apend. p. 6. Ja Masdeu, auch ein Catalane, machte 
das Catalanische sogar zur Mutter sämmtlicher roman. Sprachen! — Auf Cap- 
many beruft sich noch u. A. der Verf. der Gramatica y apologfa de la llengus 
cathalana (Barcelona 1815), Jos. Pau Ballot y Torres, obschon er seines be- 
rühmten Gewährsmannes Ansicht etwas modificirt; er sagt 1. 1. p. XXX: Mes 
prest es de creurer, y no faltan documents pera probar, que la llengua c#- 


248 Ebert 


natürlich daraus der umgekehrte Schlufs damals gezogen 
worden. Jene Ansicht hat jedoch trotz der Fortschritte 
der Wissenschaft und der Veröffentlichung so vieler und 
so alter provenzalischer Denkmäler bis auf die Neuzeit 
unter den Catalanen fortgespukt, und so die gerade ent- 
gegengesetzte Meinung, welche dem Catalanischen die un 
tergeordnete Stellung einer provenzalischen Mundart au 
weist, länger erhalten, so dafs sich noch Ticknor, wie wir 
sahen, so wenig klar er sich ausspricht, thatsächlich ent 
schieden ihr zuneigt. 

Dafs die catalanische Sprache sehon vor den ältesten 
in ihr erhaltnen Literaturwerken, also vor der Mitte des 
13. Jahrh., bestanden habe, d.h. nicht erst durch diese 
aus einem rohen unentwickelten Patois zu einem bestimm- 
ten Organismus umgeschaffen sei, bedarf kaum eines Be 
weises, wenigstens für den, der die Sprache und jene Li- 
teraturwerke kennt. So ähnlich das Catalanische dem Pro- 
venzalischen — worunter hier überall natürlich die Sprache 
der Troubadours von uns verstanden wird — auch ist, 50 
dafs wir beide Sprachen wie Zwillingsschwestern betrach- 


thalana fou portada & aquellas provincias (Llemosi und Provensa) per los 
comptes de Barcelona, y que ditas llenguas se han enriquit ab la noste 
In neuster Zeit sind die Catalanen auf einen andern Ausweg verfallen, um 
ein Hoheitsrecht, das die Troubadourdichtung der provenzalischen Sprache g% 
währen könnte, zurückzuweïsen, indem sie das Idiom in dem die Troubadours 
dichteten, als ein künstlich gemachtes, an dem Catalonien auch seinen, ob- 
wohl geringeren, Antheil habe, darstellen. So sagt Hr. Bofarull, der bedeu- 
tende Forscher des catalanischen Alterthums in seiner in der Akademie V0 
Barcelona gehaltenen Rede: La lengua catalana considerada histöricamenit 
(Barcelona 1858): „„Quereis averiguar el resultado que dieron el continuo 
roce y la mezcla de dos pueblos, que hablaban lenguas parecidas y de un 
misma procedencia? Escuchad la voz de trobadores, y ella os lo diré. din 
perder, ni el provenzal, ni el catalan, en su respectiva nacionalidad, el 1 
la forma y la importancia que les son propias como lenguas escritas, 
nase una tercera lengua, cuyo tipo principal toma de la Provenza, y € ls 
que se descubren marcados rasgos de la rica lengua de Cataluña, lo que solo 
se esplica por el resultado de comparaciones; y esta lengua, que puede lle 
marse convencional 6 poetica, fué la que, en realidad, emplearon los trobade- 
res, no solamente los provenzales y catalanes, sino aun los estranjeros.“ Bi 
ner gleichen Ansicht, die Troubadoursprache als ein rein künstliches Product 
zu betrachten, huldigen Hr. Cambouliu und Helfferich, der erstere. bebsupiél 
sogar: sie wäre niemals irgendwo gesprochen worden! Die nahe Beziehung 
zu dem gesellschaftlichen Leben, sowie die wesentlich mündliche Mittheilung 
der Dichtungen ist hierbei ganz übersehen. . .. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 249 


ten können, so zeigt es doch einige ganz durchgreifende 
Züge ursprünglicher Verschiedenheit, die es als ein von 
Haus aus selbständiger Organismus documentiren. Der 
wichtigste derselben ist seine Abneigung gegen die Diph- 
tongirung. Solche Züge aber gehören selbstverständlich 
der frühsten sprachlichen Entwicklung an, einer Periode, 
die weit allem Schriftthume vorausgeht. Jene ersten uns 
bekannten Literaturwerke selbst aber sind keine Schöpfun- 
gen eines hohen poetischen Genius, wie eines Dante z. B., 
ja nicht einmal poetische Werke überhaupt; vielmehr pro- 
saische Productionen der Geschichte und Didaktik, von 
praktischen Männern verfafst, deren glänzende Verstandes- 
eigenschaften in syntactischer Beziehung die Ausbildung 
der Sprache sicher sehr förderten, und in dieser Rücksicht 
auch gewisse Eigenthümlichkeiten wohl hervorbildeten oder 
feststellten !), die aber zugleich ebenso weit davon entfernt 
waren, etwa in gelehrt philologischer Weise das Sprach- 
material selbst sich erst zuzurichten, als neues zu schaffen. 
Ueberhaupt aber wird die Entstehung der romanischen 
Sprachen meist in einer zu äulserlichen und fast mechani- 
schen Weise sich gedacht. Ein Hauptpunkt namentlich 
scheint mir viel weniger, als er es verdient, berücksichtigt 
und hervorgehoben. Die Sprachen entwickeln sich durch- 
aus gleichzeitig mit den Nationen, welchen sie angehören. 
Den römischen Eroberungen folgte ein ausgedehntes Colo- 
nialsystem; die in den einzelnen Colonien herrschenden Rö- 
mer wurden unter dem Einflusse des Bodens, des Klimas, 


1) Zu diesen gehört eine dem Deutschen oft ganz ähnliche, von dem 
gemein-romanischen Sprachgebrauch sehr abweichende Wortstellung; nicht 
blofs wird das Verbum ‚seinem directen und indireeten Object, sowie adver- 
bialen Bestimmungen gar häufig nachgesetzt — Freiheiten auch des lateini- 
schen Stils; sondern es wird auch in den zusammengesetzten Formen der Ver- 
gangenheit das Particip von seinem Hülfszeitwort durch das Object getrennt: 
z. B. havia la regina presa per muller (er hatte die Königin zum Weibe ge- 
nommen). Bei der grofsen Menge von einsilbigen Wörtern, war dem Ryth- 
mus des catalanisehen Prosastils schon diese Freiheit der Wortstellung fast 
‚unentbehrlich, und er verdankt sie vielleicht gerade diesem Umstand. Ein 
merkwürdiges Beispiel jenes Reichthums von Monosyllaben gibt die vorhin 
citirte catalanische Grammatik, indem sie ein geistliches Gedicht in 24 Quar- 
tetas mittheilt, das blofs aus einsilbigen Wörtern bestebt, da nun die Verse 
Siebensilbler sind, aus 4X7X24 = 672 Monosyllaben, 1.1. p. XIX ff. 


250 Ebert 


der Eingebornen allmälig umgewandelt — eine Umwand- 
lung wie sie sich vor unsern Augen, und schon nach einer 
verhältnifsmäfsis so kurzen Zeit die Sprache selbst berüh- 
rend, mit dem englischen Volke in Nordamerika vollzieht'); 
ihr Nationalcharakter ward nach jenen Einflüssen mehr und 
mehr modificirt — Modificationen (und man vergesse nicht 
des „Nationalcharakters“), die in den römischen Schrift- 
stellern Spaniens und Galliens im Zeitalter der silbernen 
Latinität interessant genug bereits zu Tage treten; diese 
Modificationen wurden gleichzeitig mit der wachsenden 
Selbständigkeit der Colonien, die Hand in Hand mit dem 
Sinken der römischen Kaisermacht geht, Unterschiede: wel- 
cher Prozefs zugleich durch die grofse Umwandlung, die 
die römische Bildung überhaupt durch die Hellenisirung 
und Christianisirung erfuhr, wesentlich gefördert ward. 
So entwickelten sich meines Erachtens schon vor der Völ- 
kerwanderung die Anfänge der verschiedenen romanischen 
Nationen, waren ihre Unterschiede auch noch nur ganz 
allgemeiner, typischer Natur: aber der Ausdruck ihrer Ge- 
danken, die Sprache, mufste auch, bestanden solche Unter- 
schiede, mit logischer Nothwendigkeit, diese zeigen; der 
Genius der römischen Sprache ward in dem grofsen all- 
gemeinen Umbildungsprozels, den sie als Volkssprache da- 
mals erführ, eben danach verschieden modificirt. In eine 
neue Phase der Entwicklung traten die jungen Nationa- 
litäten als die Germanen diese römischen Colonien sich un- 
terwarfen. Man möchte sagen, jetzt erst erfolgte ıhre Ge- 
burt, ihre individuelle Selbständigkeit, während sie bis 
dahin an ihre Mutter, Rom, noch gebunden, nur in einem 
embryonischen Zustande existirt hatten. Die Germanen 
enibanden in der That überall den neuen Weltgeist, der 





2) Sehr beachtenswerth ist dabei namentlich der grofse Unterschied, der 
sich im Nationalcharakter der südöstlichen Sklavenstaaten und der Yankees 
offenbart — ein Unterschied, der schon in der Aussprache des Englischen in 
höchst auffallender Weise sich bekundet; so sprechen jene unter anderm die 
Vocale viel reiner und deutlicher aus, wie sie überhaupt langsamer reden, 
zugleich in der Conversation eine gewisse aristokratische Eleganz und damit 
einen gewissen Wohllaut anstrebend, während dem Yankee auch an der Sprache 
Schnelligkeit und Kürze die werthesten Eigenschaften sind. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 231 


während des Jahrhunderte langen Auflösungsprozesses der 
antiken Kultur sich entwickelt hatte. Sie brachten aller- 
dings zugleich einen fast unversehrten Schatz physischer 
und moralischer Kraft mit; einen diesem Menschenstamme 
eigenthümlichen Reichthum schöpferischer Phantasie (nicht 
blofs gestaltender, gleich dem römischen Volke), und neue 
Rechtsbegriffe von einer frischen Ursprünglichkeit, die auf 
die Bedeutung der Persönlichkeit des freien Mannes ge- 
gründet waren. Dafs auch die Verschiedenheit der Indi- 
vidualität der einzelnen germanischen Völker auf die Ent- 
wicklung der einzelnen romanischen National-Individua- 
täten von Einfluls gewesen ist, ist unläugbar, wenn schon 
derselbe sich gewifs mehr indirect geltend machte. — Doch 
wir können nicht, am wenigsten an dieser Stelle, diese 
schwierige Untersuchung weiter oder im Einzelnen verfol- 
gen. Soviel ist sicher, dafs auch die Sprachen, von den 
unmittelbar aus dem Deutschen aufgenommenen Wörtern 
abgesehn, im Allgemeinen den Einflufs desselben nur auf 
indirectem Wege erfuhren, inwiefern nämlich der National- 
geist im einzelnen Falle unter dem Einflufs des Germanen- 
thums sich entwickelte. Auch das verschiedene numerische 
Verhältnifs der eingewanderten Germanen zu der romani- 
schen Bevölkerung wurde, zumal als die beiden längere 
Zeit gesondert neben einander lebenden Nationen sich end- 
lich mischten und verschmolzen, von wesentlicher Bedeu- 
tung ,- direct für den Nationalcharakter, indirect für die 
Sprache. Durch geschichtliche Verhältnisse bedingt ging 
überhaupt die Entwicklung der einzelnen romanischen Na- 
tionalitäten hier schneller, dort langsamer von statten, je 
nachdem noch neue Einflüsse von Bedeutung einwirkten'); 
und die Entwicklung der Sprachen geht damit Hand in 
Hand. 

Stellen wir uns nun auf den eben dargelegten histori- 
schen Standpunkt, so erklärt sich leicht sowohl die nahe 
Verwandtschaft des Catalanischen mit dem Südfranzösi- 


nm nn a 


1) So in Nordfrankreich die Niederlassung der Normannen. Die bedeu- 
tenderen Nationalitäten reifen langsamer. 


252 Ebert 


schen oder Provenzalischen, und seine dem entsprechende 
Entfernung von dem Castilischen, als die Selbständigkeit, 
die es dem Provenzalischen gegenüber beanspruchen darf. 
Das nordöstliche Spanien theilt eine Menge geschichtlicher 
Verhältnisse mit dem südlichen Frankreich!) und das grofse 
Lebensinteresse des Seehandels, der zugleich die innigste 
Verbindung frühe zwischen beiden herstellte; während es 
andererseits durch die Pyrenäen von ihm geschieden einem 
‘andern territorialen Organismus angehört, und schon da- 
durch immer eine politische Unabhängigkeit dem südlichen 
Frankreich gegenüber erhielt und behauptete; ja bei den 
politischen Unionen beider, besafs wenigstens seit dem An- 
fange des 9. Jahrh. schon Catalonien stets die weltliche 
Oberherrlichkeit, während die geistliche, bedeutungsvoller 
Weise — denn sie bedeutete in jenen Zeiten die geistige 
auch — bis zum Ende des 11. Jahrh. Septimanien besaß. 
Und in der That beruhte die Eigenthümlichkeit der cata- 
lanischen Nationalität wesentlich in der politischen Befähr- 
guug*); in der Provence erzeugte der Reichthum, der dem 
überaus fruchtbaren Boden sowie der auf ihm leicht gezei- 
tigten Blüthe der Industrie und des Handels entsprofste, 
eine frühe und bedeutende Entwicklung des gesellschaft- 
lichen Lebens, in dem unfruchtbaren Catalonien, dem Land 
und dem Meere nur abgetrotzt, des politischen; dort erweckte 
er den Sinn für die Genüsse des Schönen und eine Frei- 
heit innerhalb der Gesellschaft, die nur zu bald die Schran- 
ken der Sittlichkeit durchbrach, hier den Sinn für bürger- 


!) Gedenken wir nur ganz aphoristisch einiger der wichtigsten Momente: 
keltische Bevölkerung; phönicische und griechische Niederlassungen; starke 
römische Colonisation; Narbonne und Barcelona westgothische Residenzen; 
die spanische Mark ein Theil des Reiches Karls des Grofsen; bei dessen 
Theilung (817) Septimanien mit der Mark vereint unter den Grafen von Bar- 
celona, in kirchlicher Beziehung aber unter dem gemeinsamen Metropolitan, 
dem Erzbischof von Narbonne, letzteres Verhältnifs auch nach der politischen 
Trennung (865) noch drittehalb Jahrhunderte fortbestehend; seit 1070 aber 
erneute politische Vereinigung eines Theils von Südfrankreich mit Catalonien, 
welcher bald, seit dem 2. Decennium des 12. Jahrh., eine grofse Ausdehnung 
gewinnt. 

?) Hier mag nur an die bekannten Landesgesetze, die Usatici Barcki- 
nonenses, die schon nach der Mitte des 11. Jahrh. Ramon Berenguer I. unter 
Zuziehung einer Magnaten-Versammlung erliefs, erinnert werden. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 233 


liche Unabhängigkeit, eine politiech-sittliche Freiheit, wel- 
che der Nation die Kraft verlieh, weit über die ursprüng- 
lichen Grenzen ihres Gebietes erobernd und colonisirend sich 
auszudehnen, während zur selben Zeit schon die politische 
Selbständigkeit Südfrankreichs eine rasche Beute des nord- 
französischen Volkes wurde, und die Eigenthümlichkeit sei- 
ner nationalen Bildung unterging. So reift die catalanische 
Nationalität viel langsamer und allmäliger als die südfran- 
zösische, wie des Mannes Ausbildung längere Zeit, als die 
des Jünglings bedarf; und entwickelt sich erst mit der 
vollen staatlichen Selbständigkeit — der Interessen näm- 
leh —, mit der politischen Trennung von der Provence, 
vollkommen. Mit Jakob dem Eroberer erst tritt Catalo- 
nien als eine Macht und zugleich als eine rein spanische, 
in der Weltgeschichte auf!), und mit ihm selber beginnt 
zugleich im wahren Sinne seine Nationalliteratur. 

Sehen wir nämlich von der Volkspoesie ab, die, so 
lange sie blofs in der mündlichen Ueberlieferung lebt, über- 
haupt keinen literarischen Charakter hat, so vertrat auch 
dort bis dahin die provenzalische Poesie allein die litera- 
rische Production; und zwar in der Art, dafs auch die 
catalanischen Dichter, deren allerdings verhältnifsmälsig 
nur wenige noch waren, selbst der Sprache und der For- 
men der Troubadours sich bedienten. Die provenzalische 
Dichtung stand in der engsten Beziehung zu dem gesell- 
schaftlichen Leben; schon deshalb war die Dichtungsart 
der Lyrik ganz entschieden die vorherrschende in ihr (und 
alle die Meinungen von einer reichen verloren gegangenen 
epischen Literatur haben schon darum gar keinen Grund 
und Boden). Indem sich in der Provence zuerst ein fei- 
neres gesellschaftliches Leben, und in gewissen eigenthüm- 


1) Dafs trotz der Personalunion mit Aragonien und dem Königstitel, der 
sich an dieses Reich knüpfte, in dem aragonischen Gesammtstaat Catalonien 
die herrschende Hauptmacht war, braucht wohl kaum erwähnt zu werden; 
nöthiger dagegen ist anzuführen, dafs die catalanische Sprache in dem Ge- 
sammtstaate die herrschende war und blieb, nicht blofs indem sie gerade 
über die Colonien, als Valencia, die Balearen, selbst einen Theil Sardiniens 
u. 8. w. sich ausdehnte, sondern indem sie auch die Sprache der gemeinsamen 
Cortes wie des Hofes war. 


254 Ebert 


lichen Formen sich fest krystallisirend, ausbildete, von wel- 
chem die Dichtung — und nicht etwa blofs das Minne- 
lied, sondern ebensowohl das Sirventes und selbst andere 
Arten — ein iniegrirender Bestandtheil ward, so verbrei- 
tete sich diese provenzalische Lyrik ganz natürlich überall 
zugleich mit jenen Gesellschaftsformen, dem höfischen Ritter- 
thum. Die Kunstlyrik konnte aber überhaupt im Mittel- 
alter, der Stufe der Bildung des Individuums gemäls, im 
Anfang und längere Zeit noch nur einen solchen typischen 
Charakter haben; so lange nicht eine höhere wissenschaft- 
liche Bildung dem einzelnen Dichtergenie eine freiere Ent- 
wickelung seiner Eigenthümlichkeit erlaubte. Um so leich- 
ter nahmen daher die andern Nationen die provenzalische 
Lyrik auf, die bei allen sei es direct, sei es indirect (z.B. 
durch nordfranzösische Vermittlung) sich einbürgerte, all- 
mälig allerdings dann durch den besonderen Volksgeist mo- 
dificirt oder umgestaltet ward, bis ein späteres Bildungs- 
stadium sie hier früher, dort später ganz verschwinden 
liefs. Bei der politischen Union der Provence mit Cata- 
lonien, welche die Hofhaltung der aragonischen Könige sehr 
oft in das südliche Frankreich und auf längere Zeit schon 
seit dem Anfange des 12. Jahrh. verlegte, bei der nahen ur- 
sprünglichen Verwandtschaft der Nationalität und der Spra- 
che, erscheint es demnach nur selbstverständlich, dafs in 
beiden Ländergebieten jene provenzalische Kunstlyrik zur 
Zeit ihrer Blüthe, und es ist ja dasselbe zwölfte Jahrhun- 
dert, in welchem jene politische Union stattfand, allein 
herrschte. Allerdings hielt dies die literarische Entwick- 
lung Cataloniens auf, wenn schon während dieser Zeit die 
Voïkspoesie dort in romanzenhaften Liedern blühte, und 
von der literarischen Kultur der provenzalischen Trouba- 
dourdichtung nicht unberührt blieb, ja selbst ihrerseits auf 
diese, und zwar in den Schöpfungen geborner Catalanen, 
nicht ohne Einflufs war !). 


1) Die höhere rythmische Ausbildung der zehnsilbigen Langzeile — welche 
das hohe Alter der catalanischen Volkspoesie bezeugend in einzelnen ihrer 
Romanzen sich bis heute erhalten hat — durch die Troubadours kam auch der 
Volkspoesie zu statten; der von uns gedachte Einflufs der letztern aber zeigt 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 2155 


„Wie man sich im Uebrigen auch — sagt Hr. Helf- 
ferich, und namentlich in Beziehung auf Catalonien, sehr 
richtig — den fluchwürdigen Verlauf und Ausgang der Al- 
bigenser Kriege erklären mag, soviel ist gewils, dals die 
der Provence zunächst gelegenen romanischen Länder, nach- 
dem sie während der Blüthezeit südfranzösischer Kultur, 
je nach ihrem räumlichen Abstand, sehr ungleich zugemes- 
sene Einwirkungen durch diese erfahren hatten, nach der 
Knechtung der Albigenser die Richte ihres geistigen Le- 
bens wechselten.“ Der Albigenserkrieg macht in der That 
für Frankreich wie für Spanien wahrhaft Epoche. Von ihm 
datirt der Untergang der Selbständigkeit der südfranzösi- 
schen Nationalität: wobeı ein fast gleichzeitiges, scheinbar 
zufälliges Ereignils mitwirkte, das Aussterben des catalo- 
nischen Mannesstammes auf dem Thron der eigentlichen 
Provence, und die Nachfolge des Hauses Anjou dort. Diese 
friedliche Eroberung vereinte sich mit jener kriegerischen 
zu dem Siege der nordfranzösischen Nationalität, ein Sieg, 
der freilich zunächst nur angebahnt und mit der Zeit erst 
vollendet wurde. Dieselben Ereignisse aber wiesen die ca- 
talanische Nation ganz auf Spanien hin. Nachdem Peter II. 
für die südfranzösischen Interessen in der Schlacht von 
Muret (1213) selbst sein Leben geopfert: wurde von sei- 
nem Sohne Jakob dem Eroberer ın dem Vertrage von Cor- 
beuil (1258) die Trennung Ostspaniens von Frankreich be- 
siegelt, wenn auch bekanntlich noch manche Besitzungen 
jenseits der Pyrenäen dem catalonischen Hause verblieben. 
Von nun an konnte auch erst der Einflufs Aragoniens, 
sowie später der. Castiliens, auf Catalonien bedeutender 
wirken. 

Der Eigenthümlichkeit der catalanischen Nationalität 
und ihrer besondern Entwicklung entsprechen nun durchaus 
die Anfänge ihrer eigentlichen Nationalliteratur. Es sind 
vornehmlich prosaische Werke, theils der Geschichte, theils 
der Lebensweisheit gewidmet. König Jakob selbst ging in 


sich, wie zuerst Ferd. Wolf nachgewiesen, unter anderm in den Liedern des 
Guillermo de Bergadan, Zeitgenossen Alfons’ II. S. F. Wolf’s Proben u.s.w. 
p. 23. | 





256 Ebert 


der einen wie in der andern Richtung mit seinem Beispiel, 
oder wenigstens anregend voran. Bekanntlich werden ihm 
zwei Werke zugeschrieben: eine Selbstbiographie und das 
Llibre de la Saviesa, eine von Erklärungen begleitete Sen- 
tenzensammlung, deren Quellen neben andern auch die Phi- 
losophen des Alterthums, Aristoteles namentlich und Se- 
neca, waren. Für solche Sammlungen aber boten die bei- 
den Kulturvölker des Orients, Juden und Araber, die Mu- 
ster, und sie vermittelten hier auch zugleich die Weisheit 
des klassischen Alterthums, die unter ihren Händen indeß 
ein eigenthümliches Gepräge empfangen hatte. Die von 
dem Juden Jafuda aus arabischen Büchern genommenen 
„Sprüche und Sentenzen von Philosophen“ — welches Werk 
später, 1385, ins Catalanische übersetzt ward — sollen auch 
damals auf Jakobs Befehl gesammelt worden sein. Dieses 
Werk sowohl, als jenes des Königs, weisen aber, wie Hr. 
Helfferich ausführt, auf des christlichen Arabers Honein 
ben Ishak (809—873) Apophtegmata Philosophorum als ihr 
Vorbild zurück. Hr. Helfferich macht die sehr richtige 
Bemerkung, dafs dem orientalischen Einflusse Spanien die 
Grôfse des Reichthums seiner Sprichwörter, und die Vor- 
liebe für den Gebrauch derselben verdankte; dieser mauri- 
schen und jüdischen Einwirkung, welche durch den alltäg- 
lichen Verkehr lebensvoll vermittelt ward, kam aber, zu- 
mal in manchen Theilen Spaniens, namentlich auch in Ca- 
talonien, der Volksgeist entgegen. So falsch die lange Zeit 
gehegte, mit Recht jetzt ganz verworfene Ansicht eines 
irgend bedeutenden orientalischen Einflusses auf die Spa- 
nier, im Bereiche der Phantasie und der Kunst, ist, so 
läfst sich meines Erachtens andrerseits nicht läugnen, dafs 
die eigenthümliche und hohe Verstandes-Ausbildung dieser 
Nation orientalischem Einflusse nicht wenig verdankt, und 
zwar meine ich dem Einflusse der Juden namentlich, mit 
denen auch die Spanier weit mehr ja als mit den Mauren 
sich vermischten. | 

Rücksichtlich der Chronik oder Commentarien Jakobs 
äulsert nur Hr. Helfferich Bedenken gegen die Autorschaft 
des Königs, während Hr. Cambouliu gar keinem Zweifel 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 27 


Raum gibt. Allerdings ist diese Autorschaft, wie Hr. Helf- 
ferich bemerkt, bis dahin wenig in Frage gezogen, und, 
wie wir glauben möchten, von catalanischer Seite selbst 
wohl aus dem Grunde, dafs sie dem Nationalstolze unbe- 
quem ist. Doch hat nicht blofs Villanueva, den Hr. Helf- 
ferich nennt, sondern auch Villarroya, und letzterer ganz 
entschieden sich gegen die Autorschaft ausgesprochen, und 
seine Ansicht in dieser Beziehung hat auch unser Gervi- 
nus vollkommen adoptirt (Histor. Schriften, p. 278 Anm.), 
während Ticknor allerdings sie ausdrücklich verwirft, ohne 
jedoch selbst, so wenig als Gervinus, die Frage weiter zu 
untersuchen!). Dieselbe verdiente daher noch sehr eine 
erneute umfassende Behandlung: die catalanische Historio- 
graphie in jener Epoche ist von solcher Bedeutung, dafs 
es von allgemeinem Interesse und Wichtigkeit ist — auch 
vom literarischen Standpunkte allein schon — die Stellung 
jener Chronik, die den Namen Jakobs I. trägt, zu denen 
von Desclot und Muntaner genau festzusetzen. Abgesehen 
von der für Jakobs Zeit zu bedeutenden geschichtlichen 
Auffassung, und der Nichterwähnung des Werkes durch 
Desclot und Muntaner, gründet sich Hrn. Helfferich’s Be- 
denken auch auf den Stil: „räthselhaft wäre es, bemerkt 
er, wie D. Jaime, dessen gelehrte Bildung, nach den ihm 
mit guten Gründen zugeschriebenen Geisteserzeugnissen zu 
schliefsen, sich besonders in klassischen Citaten und mor- 
genländischen Sprüchen gefiel, mit einem Male einen so 
natürlichen Ton zu treffen verstand“. Freilich gibt Hr. 
Helfferich selbst zu, dafs solche Gründe immer nur Wahr- 
scheinlichkeitsgründe sind. Doch sind sie ohne Frage zu 
erwägen, und der letztere Einwand ist ebenso eigenthüm- 
lich als beachtenswerth. Hr. Helfferich stellt indefs noch 
eine vermittelnde Ansicht auf. Auf Grund eines Codex 
der Madrider Nationalbibliothek, der „nach Inhalt und An- 
ordnung“ von der gedruckten Ausgabe abweichend, in drei 


*) Auch Ferd. Wolf stimmt Villarroya bei, in seiner Schrift: Ueber Lope 
de Vega’s Comedia De la Reina Maria (Sitzungsberichte der phil. histor. Classe 
der Wiener Akad. der Wiss. 1855, 8. 245 ff.): während Lafuente wenigstens 
die Gründe Villarroya’s bekämpft (Hist. gen. de Espafia V, p. 392). 


I. 8. 18 


ass Ebert 


getrennte Abschnitte zerfällt, denen sich am Schlusse noch 
das Testament des Königs anreiht, ist er der Meinung, 
dafs Jakob vielleicht nur einen Theil verfalst habe, das 
Ganze aber aus verschiedenen Bruchstücken zusammenge- 
stellt, beziehungsweise ergäuzt worden sei unter Peter III. 
Der dritte Abschnitt jenes Codex hat nämlich die Schluß- 
angabe: Ego Johannes de Barbastro escribaina Regis Petri 
in civitate Barchinonae anno a nativitate Domini Millesimo 
CC octuagesimo scripsi. 

Mag nun das eine oder das andere der beiden genann- 
ten Werke auch nicht direct von König Jakob herstam- 
men, jedenfalls gehören beide dieser ersten Periode der ca- 
talanischen Literaturgeschichte, die wir etwa bis zum letz- 
ten Drittel des 14. Jahrh. ausdehnen möchten '), an, ja sie 
repräsentiren zugleich dieselbe sowohl ihrem allgemeinen 
Charakter, als den beiden Hauptrichtungen nach, die in 
ihr vorwalten. Rücksichtlich der Geschichtschreibung brau- 
chen wir nur die Namen Desclot und Muntaner zu nen- 
nen, denen sich gegen die Mitte des 14. Jahrh. König Pe- 
ter IV. anschliefst. Wie durch eine Reihenfolge solcher 
für das Mittelalter sehr bedeutender Historiker, die zugleich 
in ihrer Eigenschaft als Berichterstatter selbsterlebter, ja 
selbst mitvollbrachter Thaten um so mehr das Gewicht ih- 
rer oft bedeutenden Persönlichkeit in ihre Darstellung selbst 
legten, was namentlich von Muntaner gilt — die catalani- 
sche Prosa rasch und bedeutend entwickelt werden mufste, 
läfst sich leicht denken. — Die didaktische Richtung aber 
empfing aulser durch König Jakob selbst, durch einen sei- 
ner merkwürdigsten Zeitgenossen, der eine Zeit lang an 
seinem Hofe als Grofsseneschall lebte, durch Ramon Lull 
die bedeutsamste Anregung und Nahrung. Die Würdigung 


1) Hr. Cambouliu bleibt bei der Begrenzung dieser Periode sich nicht 
durchaus treu; bei der allgemeinen Eintheilung in der Einleitung rechnet er 
die erste Periode bis zur Mitte des 14. Jahrh., — der derselben gewidmete 
Abschnitt aber hat die Ueberschrift: Première période. XIII® et XIV® siècles, 
und in der That werden hier auch Werke aus den letzten Jahren des 14. Jahrh. 
behandelt, während Hr. C. später den Beginn der zweiten Periode wiederum 


gegen die Mitte des 14. Jahrh. setzt. Meine Begrenzung wird später moti- 
virt werden. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 259 


. dieser Persönlichkeit, zumal als eines Repräsentanten des 
catalonischen Volkscharakters, und in ihren Beziehungen 
zu der catalanischen Nationalliteratur, ist von Hrn. Helffe- 
rich erfolgreich versucht worden. Nur im Zusammenhang 
mit der scholastischen Philosophie und blofs aus dem Ge- 
sichtspunkt seines hierin begründeten europäischen Rufes 
betrachtet — eine Betrachtung, wie sie bei Lull bis dahin 
allein an der Tagesordnung war — verschwindet die wahre 
Bedeutung dieses Mannes, ja sein Bild erscheint nicht blofs 
verkürzt, sondern verzerrt. Lull war mehr als der Ver- 
fasser der grofsen, und ein Diener der schwarzen Kunst, 
so wie er gewöhnlich charakterisirt wird. Der thatkräf- 
tige Ritter, der sich in einen Franziskaner umwandelte, 
schlofs sich darum noch nicht in eine Klosterzelle ein, um 
sein Lieben blofs der Scheidung der Begriffe und der Me- 
talle zu widmen. Hr. Helfferich weist nach, wie die Idee, 
der er sich weihte, der christliche Missionsberuf war; wie 
in diesem einen Gedanken alle seine Bemühungen zusam- 
menliefen. Die Thatkraft seines Volkes, die es zu Erobe- 
rungen wie zu weiten Seezügen drängte, die praktische 
Verständigkeit, die die Wissenschaft dem Leben dienstbar 
zu machen sucht, freilich dann sie auch handwerksmäfsig 
zu verarbeiten nicht scheut, erscheinen auch als die eigen- 
thümlichsten Züge von Lull’s Charakter. Obschon Lull, 
zumal im Verhältnifs zu seiner grofsen literarischen Thä- 
tigkeit — denn seine Schriften zählen nach Hunderten — 
wenig in seiner Muttersprache schrieb, vielmehr in der Re- 
_gel der damaligen Weltsprache, der der Kirche, sich be- 
diente, so übte er dennoch auf Geist und Richtung der 
jungen Nationalliteratur um so mehr einen Einflufs aus, als 
auch nicht wenige seiner lateinischen Productionen, na- 
mentlich solche, die dem Gebiet freierer schöpferischer Thä- 
tigkeit angehören, von dem eigenthümlichen Genius seiner 
Nation, der in ihm so lebendig wirkte, durchaus erfüllt 
sind, auch wenn nicht von ihm selbst, doch von Andern 
bald genug in das Catalanische übertragen wurden. Zu 
solchen Werken gehören seine Proverbia und der geistliche 


Roman Blanquerna, in welchem durch eine Allegorie das 
| 18* 


260 Ebert 


Klosterleben und damit die christliche Religion verherrlicht 
wird. Doch erscheint hier das Klosterleben nur als die 
Vorbereitung für den Episcopat, und der Held kehrt erst 
zu demselben zurück, um sich für eine andere Welt vor- 
zubereiten. Die kurze, doch genügende Analyse dieses Ro- 
mans, die uns Hr. Helfferich gibt, zeigt schon die litera- 
turgeschichtliche Bedeutung dieses Werkes, die gar man- 
nichfacher Natur ist und wieder einmal erkennen läfst, von 
welcher Wichtigkeit eine umfassende Geschichte der Jatei- 
nischen Literatur des Mittelalters, im steten Hinblick auf 
die europäischen Nationalliteraturen verfafst, sein würde. 
Ein dem Roman eingestreutes Marienlied, das Hr. Helffe- 
rich mittheilt, weist auf diejenigen poetischen Schöpfungen 
Lull’s in catalanischer Sprache hin, die ästhetisch am be- 
deutendsten und zugleich von einem wahrhaft nationalen 
Typus sind. 

Die Didaktik, die Lull zugleich mit dem Verfasser 
des Buches der Weisheit. im Beginne dieser Periode ver- 
tritt, fand nun während derselben in den verschiednen an- 
gezeigten Richtungen noch mannichfache Behandlung. Hr. 
Cambouliu gedenkt einer ganzen Anzahl von handschrift- 
lichen Werken in dem Genre des Buches der Weisheit, 
welche die Bibliothek von Barcelona bewahrt. (Genauere 
Angaben über dieselben wären sehr erwünscht gewesen: 
wie es denn überhaupt zu bedauern ist, dafs Hr. Cambou- 
hu die allerdings von einem „Essai“ gezogenen Schranken 
hier und da nicht bei einer noch so sehr wenig bekannten 
Literatur erweiterte ')). Diese Richtung culminirt in einem 
grofsen encyclopädischen Werke, El Crestia von dem Pa- 


1) Ein paar von diesen von Hrn. C. genannten didaktischen Schriften 
scheinen indefs, zugleich mit andern der Art, in dem den „Documentos lite- 
rarios en antigua lengua catalana (siglos XIV. y XV.)“ gewidmeten 18. Bande 
der Documentos ineditos del archivo de la Corona d’Aragon — welcher Band 
1857 erschien — nach einer Inhaltsangabe im Bibliögrafo, veröffentlicht 
worden zu sein. In jener Inhaltsangabe werden in der Beziehung aufgeführt: 
Méximas morales; Mäximas politicas; Sentencias morales; Libro de Caton: 
Doctrina moral y politica; Boecio. Ich vermochte bis jetzt nicht dieses Buch 
das noch manche andre interessante Stücke, deren ich noch gedenken werde, ent- 
hält, mir zu verschaffen, wie es denn weder in Berlin und Wien, noch in Göt- 
tingen schon sich befindet. Ich beabsichtige aber später es hier anzuzeigen, 
und damit den vorliegenden Artikel hier und da zu ergänzen. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 241 


triarchen von Alexandrien, Ximenes in der zweiten Hälfte 
des 14. Jahrh.; in welchem Buche unter Benutzung aller 
Wissenschaften nicht blofs dem Individuum christliche Le- 
bensweisheit gelehrt wird, sondern auch — und dies kenn- 
zeichnet den Catalonier — die Grundsätze des christlichen 
Staates entwickelt werden. — Die Spruchweisheit aber fand 
schon gegen Ende des Jahrhunderts in den und zwar in 
Verszeilen gefafsten Sprüchen des lebenslustigen Mönche 
Turmeda, dessen abenteuerliche Gestalt noch heute in der 
Volksüberlieferung lebt, einen so treffenden und populären 
Ausdruck, „dafs dieselben noch immer der Kindheit als er- 
stes Lesebuch, wie als Brevier dem Alter dienen“. Und 
in der That eignet sich, wie eine Reihe von Beispielen bei 
Hrn. Helfferich zeigt, die catalanische Sprache durch ihre 
kernige Kürze und verständige Einfachheit ganz besonders 
für den sprichwörtlichen Ausdruck. Wie sich die Spruch- 
verse Turmeda’s an die Prosa-Sentenzen anschliefsen, so 
an die Chroniken ein paar historische Gedichte — wovon 
auch Nordfrankreich im 13. Jahrh. nicht wenige Beispiele 
bietet — unter welchen das bekanntere Werk von Jaume 
Febrer auf die Adelsgeschlechter der Eroberer Valencias 
das bedeutendste ist. Aber diese Werke zeigen recht, wie 
sehr die poetische Production in catalanischer Sprache da- 
mals hinter der prosaischen im Allgemeinen zurückstand. 
Die Prosa hatte in dieser Literatur gewissermalsen das 
Recht der Erstgeburt: während die letztgenannten Hervor- 
bringungen nur als eine in Verse gesetzte Prosa erschei- 
nen, bediente sich die Dichtung selbst schon der prosai- 
schen Form in den Legenden in catalanischer Sprache, von 
welchen zwei dieser Periode angehörige, schon einen ganz 
weltlich novellistischen Charakter haben !). In dieselbe Zeit 
ragen gewils viele der prosaischen Sagen und Märchen, an 
denen Catalonien so reich ist, hinauf. — Aller Einzelheiten 


1) Hr. Cambouliu hat versäumt hierauf aufmerksam zu machen. Wir 
meinen die Historia del rey de Hungria (eine Version des Mädchen ohne 
Hände) und die Historia del caballero Tuglab (Tundalus), beide abgedruckt 
in den erwähnten Documentos literarios; in denselben finden sich noch mitge- 
theilt: Vida de Santa Margarita, und Sitio y destruccion de Jerusalen por 
Vespasiano. 


262 Ebert 


können wir begreiflicherweise nicht einmal in dieser älte- 
ren Zeit, über die Hr. Cambouliu ausführlicher ist, geden- 
ken, da es uns ja nur auf eine allgemeine Charakteristik 
und die Andeutung des eigenthümlichen Entwicklungsgan- 
ges ankommt. Doch sei noch erwähnt, dafs — nach Hrn. 
Camboulu — ein Manuscript in Carpentras aus dem 14. 
Jahrh. zwei Versnovellen, in der Art und Form der be- 
kannten provenzalischen aufbewahrt, von denen die eine 
die Greschichte der sieben Weisen behandelt. Am poetisch 
werthvollsten und zugleich am meisten national- originell 
erscheinen uns, wenn wir nach den wenigen in den vor- 
liegenden Büchern enthaltenen Beispielen urtheilen dürfen, 
in dieser Periode die religiösen, namentlich die Marien- 
Lieder, in welcher Poesie ja schon Lull mit Erfolg sieh 
versuchte !). 

Abgesehen von dieser lyrischen Species aber, welche 
unmittelbar an die ganze Nation, an die Geringsten wie 
an die Höchsten gleichmälsig sich wendet, und um so eher 
noch in die Volkssprache sich kleiden mufste, als die Theo- 
logie selbst in ihren Erbauungsbüchern der letztern bereits 
sich bediente, ja die Bibel sogar, im 13. Jahrh. schon, in 
das Catalanische übertragen ward — abgesehen also von 
diesen religiösen Hymnen und Liedern, ward in jener er- 
sten Periode das ganze Gebiet der Lyrik noch von der 
provenzalischen Poesie vertreten, welche in Catalonien selbst 
mehr noch als früher gepflegt ward. Nach dem Verluste 
der Herrschaft über das südliche Frankreich, war die glän- 
zende Hofhaltung der aragonischen Könige, die ja schon 
lange einer der Hauptcentralpunkte der provenzalischen Ge- 
sellschaft war, fast durchaus nach Spanien verlegt; die 
wichtigsten andern Sammelpunkte aber waren dort durch 
die nordfranzösische Herrschaft verloren; viele Troubadours 
ferner waren auch genöthigt, theils weil sie für das catala- 
nische Interesse Partei genommen (denn auch die Sirventes 








1) Solche Lieder stehen der eigentlichen Volkspoesie ganz nahe, ja sie 
gehen in dieselbe über, und auf: wie denn Weihnachtslieder und gereimte Le- 
genden (Goigs) noch heute einen Hauptbestandttheil der catalanischen Volks- 
poesie machen. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 283 


waren, und keine verächtlichen, Waffen), theils weil sie 
in die Albigenser Ketzereien sich verwickelt, ein Asyl jen- 
seits der Pyrenäen zu suchen. Zugleich mit der vollen 
Entwicklung des politischen Nationalbewußstseins in Cata- 
lonien war aber keineswegs eine Emancipation von dem 
fremden, dem provenzalischen Einfluß auf dem Gebiet des 
gesellschaftlichen Lebens alsbald verbunden: beides geht 
ja durchaus nicht Hand ın Hand, wovon auch in andern 
Ländern die Geschichte zahlreiche Beispiele gibt. So bedien- 
ten sich denn auch in dieser Periode noch selbst die in Cata- 
lonien gebornen Hofdichter des rein provenzalischen Idioms: 
wie ein Hugues de Mataplana, ein Serveri von Gerona, 
der Infant Peter, Alfons’ IV. Bruder, u. A. Ganz dasselbe 
Verhältnifs und zu derselben Zeit — es ist dies gar inte- 
ressant und wichtig — fand in Castilien statt; auch dort 
war die Kunstlyrik, mit wenigen gleichen volksthümlichen 
Ausnahmen, durch die Hofpoesie vertreten, diese selbst 
auch nicht in der Muttersprache, dem Castilischen, son- 
dern in dem Galicischen gesungen, indem hier wie die ge- 
sellschaftliche Kultur, so die Dichtung der Provenzalen 
durch den portugiesischen Hof zunächst dem castilischen 
vermittelt ward. Zu gleicher Zeit auch begannen in bei- 
den Ländern, in Castilien wie in Catalonien, die Versuche, 
die provenzalische Hofpoesie in der eignen Nationalsprache 
zu pflegen. 

Dies geschah seit dem letzten Drittel des 14. Jahr- 
hunderts. Man kann daher von hier ab eine neue Periode 
in der catalanischen Nationalliteratur annehmen, wenn auch, 
wie wir sahen, einzelne Werke aus dem Ende des Jahr- 
hunderts noch aus fortwirkenden Richtungen der ersten 
Periode hervorgingen und dieser daher auch zugezählt wer- 
den konnten; da in ihr zwei verschiedne Strömungen wal- 
teten, läfst um so weniger eine ganz feste, überall gültige 
Grenze sich ziehen. — Das Auftreten des Catalanischen 
als Sprache der höfischen Lyrik hat verschiedne Gründe, 
die, wie stets die verschiednen Ursachen geschichtlicher 
Verhältnisse, in innerem Zusammenhange stehn. Die na- 
tionale Selbständigkeit des südlichen Frankreichs hatte 


264 Ebert 


sich nunmehr, nachdem die politische bereits seit anderthalb 
Jahrhunderten verloren gegangen, ungemein vermindert, wäh- 
rend die Cataloniens im Gegentheil ebenso sehr gewachsen 
war; das eigenthümliche, poetische, gesellschaftliche Lieben 
war in dem Lande seiner Geburt mit dem Verschwinden 
der grüfsern Hofhaltungen, der Verarmung des Adels, der . 
politischen Erhöhung des Bürgerstandes am ehesten ver- 
schwunden, während es dagegen in seinen Pflanzstätten, 
den spanischen Höfen, doch eine Nachblüthe noch feierte, 
denn hier hielt eine nationale kriegerische Thätigkeit wo 
nicht den Rittergeist selbst, doch ritterlichen Sinn wach; 
je mehr aber der ursprüngliche Lebensathem schwand, desto 
mehr war die provenzalische Dichtung ganz im Formellen 
aufgegangen, das schon von Grammatikern ängstlich behü- 
tet ward; ästhetisch-grammatische Gesellschaften, Akade- 
mien, oder Consistorien, wie sie sich nannten, wurden er- 
richtet, um als Treibhäuser gleichsam den dürftigen Able- 
gern einer verblühten üppigen Vegetation den entschwund- 
nen Frühling zu ersetzen. So entwickelte sich seit den 
zwanziger Jahren des 14. Jahrh. schon die Toulouser Aka- 
demie der „fröhlichen Wissenschaft“, die ihr Gesetzbuch 
(die Leys d’amors) um die Mitte des Jahrhunderts veröf- 
fentlichte. Nachdem also um diese Zeit die provenzalische 
Dichtung in Südfrankreich selbst eine ganz künstliche 
Treibhauspflanze geworden war, und statt einer Hofdich- 
tung gerade dort eine rein akademische, welche an die 
Stelle der ritterlichen Minne die mystische, aber orthodoxe 
Liebe der heil. Jungfrau setzte — trat nur um so leichter 
in der catalanischen Hoflyrik an die Stelle der provenza- 
lischen Schriftsprache das heimische Idiom. Die, zuinal 
in dem Toulouser akademischen Gesetzbuch, welches auch 
gar bald in das Catalanische übersetzt ward, so ausführ- 
lich entwickelte Grammatik, Metrik und Poetik erleichterte 
diese sprachliche Uebertragung der provenzalischen Kunst- 
lyrik ungemein; poetische Hülfs- und Handbücher, von Ca- 
talanen selbständig verfafst '), fehlten auch bald nicht: und 


1) So verfafste Jacme March 1371 auf königlichen Befehl das Diccio- 
nario de rimas. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 265 


wenn die formelle Kultur hier weit mehr als jenseits der 
Pyrenäen eine besondre künstliche Pflege zu beanspruchen 
berechtigt war, so liefs sich dies durch eine der Toulouser 
nachgebildete Akademie auch erreichen. Es ist bekannt, 
wie Johann I., der Freund der Musen, durch eine beson- 
dre Gresandtschaft König Karl VI. von Frankreich um die 
Absendung von zwei Vorständen der Toulouser Akademie 
ersuchte, und wie unter ihren Auspicien 1390 auch in 
Barcelona ein „Consistorium der fröhlichen Wissenschaft“ 
ins Leben trat, welches hernach unter dem ersten König der 
castilischen Dynastie, Ferdinand I. und unter dem Einflusse 
des berühmten Enrique von Aragon, gewöhnlich Marquis von 
Villena genannt, einen neuen Aufschwung erhielt. — Diese 
in catalanischer Sprache nunmehr gedichtete akademische 
Hofpoesie — denn sie hatte in der That diesen doppelten 
Charakter, präsidirte doch der König selbst zuweilen dem 
poetischen Consistorium — ist uns vornehmlich in zwei 
Cançoners, einem zu Paris, einem andern zu Saragossa, 
handschriftlich erhalten, die zugleich aber sowohl Dichtun- 
gen einer andern, noch zu erwähnenden Richtung als sol- 
che die schon der folgenden Periode angehören, in sich 
schliefsen. 

Wie nahe diese akademische Hofpoesie an die proven- 
zalische Dichtkunst sich anschliefst, zumal in formeller Be- 
ziehung, darüber gibt die hier folgende lehrreiche Arbeit 
unsers verehrten Mitarbeiters, Hrn. Prof. Bartsch, die beste 
Auskunft. Doch bliebe unsers Erachtens, wenn jene Lie- 
derbücher einmal vollständig publicirt wären, wohl noch 
zu untersuchen, ob und in wiefern im Inhalt, und zwar 
selbst der ganz in provenzalischen Formen verfalsten Dich- 
tungen dieser Periode doch schon eine catalonische Eigen- 
thümlichkeit sich zeige. Dafs dieselbe auch da nirgends 
zu Tage treten sollte, scheint uns von vorne herein sehr un- 
wahrscheinlich '),. Denn einestheils ist schon, im Hinblick 


1) Hr. Cambouliu sagt in dieser Beziehung: En comparant dans les can- 
çoners de l’époque les pièces couronnees avec elles qui émanent de la libre 
inspiration des poètes, on reconnaît aisément que ces dernières sont écrites 
dans un tout autre goût. L.1. p. 65. 





266 Ebert 


auf die folgende Epoche, nicht anzunehmen, dafs gar kein 
Fortschritt in der poetischen Entwicklung, der doch noth- 
wendig eine gewisse Emancipation von den provenzalischen 
Vorbildern in sich schliefst, sich gezeigt hätte; andern- 
theils fanden, und wir kommen hiermit zu dem zweiten 
eigenthümlichen Zuge dieser Periode, doch schon noch an- 
dre literarische Einflüsse statt, deren Wirkung zum Theil 
wenigstens sehr eindringlich und bedeutsam wurde. Wie 
Hr. Cambouliu darlegt, drang die nordfranzösische Litera- 
tur des 14. Jahrh. wenigstens in ihren bedeutendsten Er- 
scheinungen auch nach Catalonien; Alain Chartier’s Dame 
sans merci wurde selbst in das catalanische Idiom übertra- 
gen'); mehr als Duguesclin’s Zug wirkte in dieser Rück- 
sicht sicher die Verbindung der fein gebildeten Tochter des 
Herzogs von Bar, Violante mit dem kunstsinnigen Johann L 
Mannichfaltiger und wichtiger aber als die Beziehungen zu 
Nordfrankreich waren die zu Italien. Man weils wie schon 
seit dem 13. Jahrh. die bedeutendste politische Einwirkung 
von Seiten Cataloniens auf dieses Land, die Bewahrerin 
der Schätze der antiken Kultur, die Heimath der moder- 
nen, stattfindet, wie Sicilien, dann Sardinien, endlich Nea- 
pel von dem aragonischen Königshause erworben werden; 
der lebhafteste Handelsverkehr blühte zugleich zwischen 
beiden Nationen, welche in die Herrschaft des Mittelmeers 
sich theilten: die politische Einwirkung Cataloniens aber 
vergalt Italien mit einer wissenschaftlichen und literari- 
schen. Auf seinen Universitäten, zunächst in Padua, dann 
in Bologna pflegten die Catalonier die humanistischen Stu- 
dien, nachdem sie so frühe schon, wie wir sahen, für die 
Weisheit des Alterthums, selbst in der Gestalt wie sie der 
Orient vermittelte, ein lebhaftes Interesse bewiesen hatten. 
Um so eher mufsten die grofsen italienischen Dichter des 
14. Jahrh., Dante, Petrarca und Boccaccio Eingang finden. 


U) Die Einwirkung des Romans von der Rose bekundet schon das Ge- 
dicht, das wir am Schlusse dieses Artikels analysiren werden. Auch die Bi- 
bliothek des Prinzen von Viana, von der Raymond in der Bibl. de l'Ecole 
des Ch. Nachricht gab, kann für den nordfranzösischen Einflufs zeugen. S. 
unsre Bibliogr. im vor. Jahrg. No. 7 (Seite 437). 


| 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 267 


1428 schen wird die göttliche Comödie ins Catalanische 
durch Andrea Febrer übertragen und zwar in dem Vers- 
mafse des Originals — von welcher Uebertragung Hr. Cam- 
bouliu im Anhang seines Buchs zwei Gesänge, den ersten 
und drei und dreilsigsten der Hölle, mittbeilt; und die nach 
diesen Proben zu urtheilen, als eine sehr wörtliche, aber 
im Ausdruck und namentlich in metrischer Beziehung gar 
harte erscheint. Der Unterschied, ja Gegensatz der italie- 
mischen und der catalanischen Sprache kann nirgends auf- 
fallender hervortreten. Auch eine eigenthümliche Nachah- 
mung des berühmten Werkes wurde um die Mitte dieses 
Jahrhunderts in der Comedia de la gloria d’amor von Roc- 
caberti versucht, über welche wir am Schlusse dieser Ar- 
beit genauere Auskunft noch geben. Rücksichtlich Petrar- 
ca’s braucht nur an Jordy erinnert zu werden, den eine 
Zeitlang der catalonische Patriotismus vom Nachahmer des 
grofsen Italieners zu dessen Original machen wollte. Man- 
nichfache Anspielungen in verschiednen Werken zeigen die 
Bekanntschaft mit Boccaccio, dessen Corbaccio auch schon 
Ende des 14. Jahrhunderts in das Catalanische übertragen 
wurde'). Dafs auch Seitens der castilischen Nationalität 
und ihrer ästhetischen Bestrebungen einiger Einflufs, wenn 
auch nur indirect, schon damals auf die catalanische Kunst- 
poesie stattgefunden habe, läfst sich wohl bei den leben- 
digen Wechselbeziehungen der Hofpoeten beider Länder 
erwarten — namentlich nachdem Alfons V. einen poetischen 
Hofstaat aus castilischen Dichtern in seiner Residenz Nea- 
pel um sich versammelt hatte: so entschieden überwiegend 
auch in dem grölsern Theile dieses Zeitraums umgekehrt 
der poetische Einflufs Cataloniens auf Castilien war. Die- 
ses wichtigen Verhältnisses der beiden Nachbarvölker hat 
Hr. Cambouliu wohl mit Unrecht überhaupt nicht gedacht, 
ebenso wenig einer bedeutsamen poetischen Gattung, die 
grölstenheils aus einer andern Wurzel als die Hofpoesie 
entsprossen, in dieser Periode zu einer ausgedehnteren Be- 


') Von Narcis Franch, einem Kaufmann Barcelonas. Ticknor, 1.1. II, 
p. 708. 


268 Ebert 


handlung schon gelangte, und sicherlich einen weit natio- 
naleren und zugleich ästhetisch freiern Charakter besafs. 
Ich meine die dramatische Dichtung. Die Mysterien, Mo- 
ralitäten und Farcen des Mittelalters fanden kaum irgendwo 
in Spanien so frühe, so bedeutende und mannichfache Pflege 
als gerade in Catalonien — wenigstens nach den uns er- 
haltnen Nachrichten zu urtheilen ‘). Wie Catalonien in so 
mancher Rücksicht, namentlich in seinem politischen und 
industriellen Leben, an England uns erinnert (selbst in der 
einsilbigen Kürze und Präcision seiner Sprache), so wurden 
eben wie dort auch in Barcelona von den Zünften Frohnleich- 
namspiele aufgeführt. An diese geistlichen Schauspiele, die 
dem Bereiche der Volksdichtung mehr oder weniger immer 
noch angehörten, schliefsen sich seit dem 15. Jahrh. wenig- 
stens auch mannichfache weltliche Festspiele von Kunstdich- 
tern an, namentlich in der bei solchen Stücken stets beliebten 
allegorischen Form. Als Beispiel brauchen wir nur das 
zur Krönung Ferdinands I. (1414) gedichtete und gespielte 
des Marques von Villena anzuführen. Valencia auch zeich- 
nete sich, und fast mehr noch als Barcelona und Gerona, 
schon seit dem 14. Jahrh., durch sein Interesse für das 
Schauspiel aus, welches Interesse später für das castilische 
Drama selbst, wie man weils, von nicht geringer Bedeu- 
tung wurde ?). 

Eine dritte Periode der catalanischen Literatur rech- 
net Hr. Cambouliu von der Mitte des 15. Jahrh. an, welche 
die kurze Zeit der höchsten Blüthe der catalanischen Poesie 
bis gegen Ende des Jahrhunderts zu begreifen habe, und 
an die sich dann als ein Epilog gleichsam die vereinzelten 
Nachschöfslinge des 16. Jahrh. und selbst noch der Anfänge 
des 17. anzureihen hätten. Auch bei dieser Periode, wie 


!) S. hierüber aufser dem berühmten Werke von Schack, I passim und 
Nachträge, Ferd. Wolf, Studien, p. 579 ff.; das dort angeführte satirisch-alle- 
gorische Spiel „Mascaron“, wohl das älteste catalanische Schauspiel, ist in- 
dessen auch in den von uns $. 260, Anm. citirten Documentos literarios er 
schienen. Wir werden also später auf dasselbe zurückkommen. 

2) Man erinnere sich, dafs in Valencia das erste stehende Theater Spa- 
niens bald nach der Mitte des 16. Jahrh. war, dafs dort auch Lope de Rueda’s 
Stücke zuerst gedruckt wurden. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 269 


bei der vorigen beschränkt sich der Verfasser mit Absicht 
nur auf Andeutungen vornehmlich. Sehr zu wünschen wäre, 
dafs er später einmal zu einer ausführlichen Darstellung 
Gelegenheit finden möchte, denn die Literarhistoriker auf 
die er verweist, sowohl Ticknor als Sismondi, haben diesen 
Gegenstand bei weitem nicht seiner Bedeutung entspre- 
chend behandelt. Nur wenige Dichter werden als Reprä- 
sentanten dieser Epoche genannt, und nur spärliche Bei- 
spiele sind von ihren Dichtungen allgemeiner zugänglich, 
doch beweisen dieselben schon, dafs in der That ein Au- 
sias March als Lyriker, ein Jaume Roig als Satiriker, 
ebenso wie Martorell, der Verfasser des von Cervantes so 
gerühmten Ritterromans, Tirant le Blanch, eine solche äs- 
thetische und zugleich nationale Bedeutung haben, dafs 
auch die catalanische Poesie ihr goldnes Zeitalter, so kurz 
es auch war, beanspruchen darf. So zeigt sich in den Ge- 
dichten des Ausias March, wie unter dem Einflufs der ita- 
lienischen Dichtung — so allgemein auch nur Petrarca auf 
March direct eingewirkt hat — und nicht minder unter dem 
des Humanismus die von den Provenzalen überkommne mit- 
telalterliche Lyrik einen ganz modernen Charakter dem In- 
halt nach gewinnt, wenn auch die äufsere metrische Form 
wenig davon berührt worden, obwohl auch hierin einzelne 
und wesentliche Unterschiede sich zeigen. Damit aber er- 
langte die catalanische Lyrik zugleich eine nationale Selb- 
ständigkeit der provenzalischen gegenüber: der Geist, der 
aus diesen Gedichten spricht, ist ein der Provence und der 
Troubadourpoesie, der ältern wie der spätern, geradezu 
fremder. Einer andern Zeit und einer andern Nation — 
das gewahrt man alsbald — gehören diese Lieder an, in 
denen der spröden Härte des catalanischen Idioms melo- 
dische Klänge entlockt sind: sie tragen in hohem Grade 
das Gepräge einer eigenthümlichen dichterischen Individua- 
lität, welche in ihrer Originalität zugleich den National- 
charakter in seinen schönsten Zügen spiegelt. Der sittliche 
Lebensernst, der gepaart mit Verstandesklarheit die Wogen 
der Leidenschaft glättet, leiht hier einem tiefen Gefühle 
einen lautern sinnigen Ausdruck, der sich gern mit sprich- 


270 Ebert 


wörtlicher Weisheit schmückt. Keine Ueberschwenglichkeit, 
keine Künstelei der Rede oder des Verses: dem Gedanken 
bleibt sein Recht über der Form gewahrt. 

Trotz des ästhetischen und nationalen Aufschwungs 
aber, welchen die catalanische Dichtung damals in den 
Werken einzelner Dichter nahm, welche die zeitgenossi- 
schen Castiliens selbst überflügelten, trotzdem dafs auch 
die Prosa in so bedeutender und würdiger Weise, wie von 
einem Martorell und Carbonell, dem Historiker, gepflegt 
ward: der immer steigende Einflufs der castilischen Natio- 
nalität, der, wie wir sahen, schon unter Alfons V. begann 
und seit der Personalunion des aragonischen mit dem ca- 
stilischen Reiche unter Ferdinand dem Katholischen gewal- 
tig erstarkte, unter Karl V. aber geradezu zur Herrschaft 
gelangte, liefs in dem durch die gewaltige Ausdehnung des 
spanischen Reiches in Folge der Eroberung Amerikas, und 
durch dessen universelle politische Bedeutung rasch gezeitig- 
ten allgemeinen spanischen Nationalbewufstsein das catala- 
nische hinter dem castilischen Elemente zurücktreten, welches 
letztere entschieden den Ton angab. Dafs die castilische Her- 
kunft der beiden Königsgeschlechter — man übersieht meist, 
dafs auch Ferdinand von solcher Abstammung war — so- 
wie die weit grölsere Zahl der Bevölkerung der castili- 
schen Zunge, die ja den grölsten Theil des eigentlichen 
Aragonien auch schon beherrschte, schwer in die Wag- 
schale dabei fielen, ist gewifs; doch ist es falsch, diese 
Gründe, zumal den ersteren, allein und gar als entschei- 
dende geltend zu machen. Der Sieg der castilischen Na- 
tionalität wurde vielmehr im letzten Grunde vorzugsweise 
durch die gröfsere Vielseitigkeit ihrer Anlagen, sowie durch 
die stärkere nationale Eigenartigkeit bedingt. Diese bei- 
den Momente machten sich nicht minder in der Sprache 
geltend. Was insbesondere die künstlerische Befähigung 
der Sprache betrifft, ihre Eigenthümlichkeit in metrischer 
und rythmischer Beziehung, so entwickelte, jenen beiden 
Vorzügen des Nationalcharakters ganz gemäls, einerseits 
die castilische Volkspoesie einen von den andern romani- 
schen Dichtungen durchaus verschiedenen Rythmus, indem 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 271 


in ihr statt des jambischen der trochäische Fall der vor- 
herrschende war, und bildete zugleich schon frühe vollkom- 
men originelle poetische Formen ganz spontan aus; an- 
drerseits aber besafs auch die castilische Sprache, und 
unter allen ihren Schwestern zumeist, die Anlage, die ihr 
ganz heterogenen poetischen Formen der italienischen 
Kunstdichtung, die durch einen verschiednen Rythmus zu- 
gleich wesentlich bedingt waren, nicht blofs nachzubilden, 
sondern sich wahrhaft anzueignen. Dies letztere Moment 
war aber von nicht geringrer Bedeutung, als das erstere. 
Die moderne Kunstdichtung überhaupt, namentlich aber die 
romanische, mufste bei der italienischen, der ältesten von 
allen, in die Schule gehen. Wie wenig aber das catalani- 
sche Idiom, zumal im Vergleich mit dem castilischen, zur 
Aneignung der italienischen Kunstformen qualificirt war, 
zeigen die Uebersetzungen und Nachbildungen der zweiten 
Periode schon; auch der Umstand, dafs ein Dichter von 
80 hoher Begabung als Ausias March und der zugleich die 
italienische Kunstbildung ohne Frage entschieden auf sich 
hatte einwirken lassen, doch den alten Formen vor den ita- 
lienischen den Vorzug gab. So kam es denn, dafs als Bos- 
can, ein ächter Catalane, ein Patriciersohn aus Barcelona, 
sich entschlofs, die italienischen Kunstformen nachzubilden 
(1526), er ohne weiteres Bedenken die castilische Sprache 
dazu erwählte; und doch schuf dieser Dichter weder dem 
Hofe, noch der Nation zu Gefallen, sondern, wie er selber 
sagte, allein sich selbst genugzuthun, wie denn auch bei 
seinen Lebzeiten seine Gedichte nicht im Druck erschie- 
nen. Merkwürdig in der That war es und in doppelter 
Beziehung, dafs der Begründer dieser neuen für die casti- 
lische Poesie so wichtigen Schule ein Catalane war! Diese 
Thatsache bezeichnet ebensowohl das Aufhören der litera- 
rischen Selbständigkeit Cataloniens, als sie zugleich des- 
sen Bedeutung für die Entwicklung der castilischen Lite- 
ratur, die die spanische Nationalliteratur werden sollte, in 
einer wichtigen Beziehung markirt. 

Suchen wir nämlich schliefslich die universell-literar- 
geschichtliche Bedeutung der catalanischen Literatur über- 


3723 Ebert 


haupt, sowie nach ihren einzelnen Epochen, festzustellen, 
so dünkt sie mir im Folgenden zu bestehen: 

Einmal erscheint sie, und zwar ın der ersten Periode, 
als eine nothwendige Ergänzung der mit ihr so nahe ver- 
wandten provenzalischen Literatur, indem sie die Prosa, 
die dieser fehlt, entwickelt. Es gibt ja allerdings prosaische 
Schriften in provenzalischer Sprache auch, damit aber noch 
keineswegs eine prosaische Literatur; der prosaische Stil 
bleibt im Provenzalischen unentwickelt. In dieser Rück- 
sicht erscheint also die catalanische Nationalliteratur als 
Complement der provenzalischen. Und die Rollen sind ver- 
theilt dem Unterschiede des Charakters der beiden Natio- 
nen und ihrer Sprachen gemäfs. Die eine ist mehr männ- 
licher, die andere mehr weiblicher Natur; Klarheit und 
Festigkeit dort, Fülle und Biegsamkeit hier. 

Dann aber hat sie, während ihrer zweiten Periode, 
den Beruf, den Einflufs der provenzalischen Dichtung, wie 
ästhetischen Bildung überhaupt, auf Spanien und nament- 
lich die castilische Poesie zu vermitteln. Nicht minder 
diente sie zugleich in derselben Richtung als Vermittlerin 
des Einflusses der italienischen Dichtung, sowie der huma- 
nistischen Studien '). Und dieser letztere Beruf Cataloniens 
offenbart sich denn auch im 16. Jahrh. in einer neuen, be- 
deutungsvollen Weise, in den poetischen Bestrebungen Bos- 
can’s, der nicht blofs seiner Geburt und Erziehung, son- 
dern seinen Anlagen und seinem Charakter nach ein Ca- 
talane war. 

Endlich finden wir noch in der Lyrik ihres goldnen 
Zeitalters, den Dichtungen eines Ausias March, gewisser- 
mafsen eine weitere Fortbildung der provenzalischen Dicht- 
kunst, und zwar im Sinne und Geiste der modernen Kul- 
tur und modernen Kunst — eine Fortbildung die die Trou- 


') Natürlich machten sich letztere Einflüsse auch ohne solche Vermittelung 
geltend; man braucht nur an den Aufenthalt Juan de Mena’s in Rom und der 
castilischen Dichter an dem Hofe Alfons’ in Neapel zu erinnern. Jener Punkt 
verdiente wegen seines universellen Interesses einmal genauer ins Auge ge- 
fafst zu werden. Sollte z. B. nicht etwa der castilische Corbacho des Erz- 
priesters von Talavera durch die catalanische Uebertragung dieses Werkes Boc- 
caccio’s beeinflufst oder veranlafst worden sein? 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 273 


badourdichtung in ihrem Geburtslande durch den allzu frü- 
hen, jähen Untergang der nationalen Selbständigkeit des- 
selben nicht hatte finden können, nachdem sie ja tiber- 
haupt schon in Spanien eine bedeutendere Nachblüthe als 
in der Provence selbst gefunden hatte. 


Gehen wir nunmehr zu der Betrachtung des Anhangs über, 
mit welchem Hr. Cambouliu die zweite Auflage seines Essai ver- 
mehrt hat, jener merkwürdigen catalanischen Nachahmung der 
göttlichen Comödie, der Comedia de la Gloria d’Amor (der Herr- 
lichkeit der Liebe), welche aus der obengenannten Pariser Hand- 
schrift auszugsweise und unter Begleitung einer französischen 
Uebersetzung hier zuerst mitgetheilt ist'). Die Auszüge sind 
theilweise sehr umfänglich, indem einzelne Gesänge vollständig 
gegeben werden; nur ist sehr zu bedauern, dafs wo die Mitthei- 
lungen blofs fragmentarisch bleiben, der Herausgeber die Lücken 
nicht durch eine genauere Inhaltsangabe überbrückt hat, ja uns 
sogar im Dunkeln darüber gelassen hat, ob das letzte mitgetheilte 
Fragment der Schlufs des Gedichtes in der Handschrift ist — 
was an sich sehr zu bezweifeln scheint — oder nur auch, ob we- 
nigstens der letzte vorgeführte Gesang (der zehnte) auch der 
letzte in der Handschrift sei. Hr. Cambouliu deutet allerdings 
an, dafs die Schwierigkeiten des Textes, welche nicht blofs aus 
dem allegorischen Stil und der Schwerfälligkeit der Ausdrucks- 
weise des Dichters, sondern offenbar auch aus der Unkunde des 
Schreibers entspringen, oft die gröfsern Lücken in seiner Publi- 
cation veranlafst haben; doch hätte immer der allgemeine Inhalt 
solcher Stellen, zumal wo sie den Uebergang von einem Gesang 
zum andern bilden, genauer angedeutet, jedenfalls aber über die 
da gebrauchte Versform Mittheilung gemacht, sowie die Zahl der 
übergangnen Verse angeführt werden sollen. 

Die Zeit der Abfassung oder wenigstens der Vollendung des 
Gedichts setzt Hr. Cambouliu zwischen 1461 und 1462, und zwar 
aus dem Grunde, weil der im ersteren Jahre verstorbene Prinz 
von Viana unter den „Schatten“ der Comedia erscheint, andrer- 
seits Ausias March, der berühmte Liebessänger, welcher nur ein 


1) Rücksichtlich des Textes sowie auch der Uebersetzung stimmen wir 
nicht gerade überall mit dem Hrn. Herausgeber, dessen Aufgabe indefs viel 
Schwierigkeit darbot. Aufgefallen ist uns der häufige, auch nicht richtige 
Gebrauch des Apostrophs; so vor Allem in Schreibungen wie: d’el lach 
del cor. 


IL 3. | 19 


274 Ebert 


Jahr später gestorben sein soll, dort fehlt. Als Verfasser des 
Gedichts, wird in der Handschrift (so schliefsen wir aus Herrn 
Cambouliu’s Darstellung) ein Fra Rocaberti genannt, in welchem 
der Herausgeber geneigt sein möchte, den Hugo Bernhard von 
Rocaberti, Grofskreuz der Johanniter und General der gegen Ca- 
talonien von Johann II. ausgesandten Armee (als dasselbe sich 
in Folge des Todes des Prinzen von Viana empörte) zu erken- 
nen. Der Titel Fra, der aulser den Mönchen nur den geistlichen 
Rittern zukam, bietet die Grundlage dieser Conjectur, welche 
vieles für sich hat. 

Bei dem mannichfachen Interesse, welches diese Nachah- 
mung der göttlichen Comödie darbietet, wollen wir eine, wenn 
auch kurze, doch genaue Analyse des Inhalts der von Hrn. Cam- 
bouliu veröffentlichten Partien geben; und um so mehr, als aus 
einer solchen, so hoffe ich, die Idee des Gedichts und das Ganze 
seiner Entwickelung am besten erhellen wird — soweit natürlich 
die Dunkelheit der Dichtung sowie ihre fragmentarische Publica- 
tion dies erlauben. 

Ein Proemio und zwar in Prosa, merkwürdig genug, eröff- 
net die Dichtung, in welchem, allem Anschein nach, der allge- 
meine Inhalt derselben angedeutet werden soll. (Eben deshalb 
sind wir auch hier ausführlicher.) An die Jugend wendet sich 
der Dichter, als an das von ihm ausersehene Publikum, und kün- 
digt seine Absicht an, von einem von ihm geschauten Garten der 
Liebe reden zu wollen, dessen Bäume herrlich anzusehen, aber 
mit Dornen besäet (fraspinosos), dessen Früchte von reizender 
Farbe, aber von scharfem Geschmacke sind — eine Schärfe, die 
jedoch zugleich des Geschmackes Würze ist. In diesem Garten 
gedeiht die Liebe, deren Entstehung im Herzen unter der Augen 
Vermittelung— nach der Troubadours und ihrer italienischen Nach- 
folger Weise — dann geschildert wird. Den Garten zu betreten 
sei allerdings gefährlich, da man ihn nicht wieder verlassen könne. 
In seinem Liebesschmerze empfinde der Dichter dies selbst. — 
„Nach Anrufung der Göttinnen der Liebe, und nachdem ich 
manche rauhen Pfade und Wege der Liebe durchzogen, fand ich 
mich — so fährt er dann fort — in einem Walde von Bäumen 
und Blumen bei einem schönen Schlosse.* — Dort ward ihm 
die himmlische Erscheinung eines schönen Mädchens; sie zeigt 
ihm, auf seine Bitten, vom höchsten Punkte des Schlosses den 
Garten und den Abglanz der Liebe (resplendor), die im Geleite 
von jungen, edlen Frauen erschien. Von dem köstlichen Anblick 


Zur Geschichte der catälanischen Literatur. 275 


angelockt, bittet er das Mädchen, ihn in den Garten einzuführen. 
Dies geschieht, und so sieht er denn dort die Einen der ewigen 
Herrlichkeit (eternal gloria) der Liebe sich erfreuen, die Andern 
nicht, weil sie untreu gewesen. — Hier fordert zum Schlusse der 
Dichter die Jugend auf: ehe die Zeit vergeht, die niemals zurück- 
fliefst, der Liebe sich zu erfreuen; aber damit sie die Herrlich- 
keit der guten und das Leid der bösen Liebenden ausführlicher 
erfahren, das vorliegende Werk andächtig (piedosament) zu lesen. 

Gesang I. — Die Versform ist der Terzine nachgebildet, drei 
Elfsilbler bilden eine Strophe, nur dafs der mittlere Vers allemal 
reimlos ist; auch wechseln, sowobl in den gereimten als den 
reimlosen Versen mit den weiblichen Ausgängen männliche, die 
den Vers geradezu in einen Zehnsilbler umwandeln; nicht etwa 
in einen Endecasillabo tronco, denn die durchaus vorherrschende 
Hauptcäsur, die auch bei weiblichen Ausgängen die Regel bleibt, 
tritt nach der vierten Silbe ein. So fehlt diesen catalanischen 
Versen ganz jene rythmische Mannichfaltigkeit und Verschieden- 
heit der italienischen Elfsilbler, die bald von diesem, buld von 
jenem Hauptversaccent beherrscht werden; die vielen Monosylla- 
ben, die Armuth an Wörtern von vocalischem Ausgange, so dafs 
die den Rythmus variirenden Collisions mangeln — alles dies 
wirkt in jener Rücksicht nachtheilig ein. — Diese der Terzine 
nachgebildete Versform ist nun auch in den folgenden Gesängen 
die gewöhnliche, doch keineswegs die ausschliefsliche; die Ab- 
weichungen, wo andre Versformen eintreten, werden wir beson- 
ders namhaft machen. 

Der Dichter, bis zum Tode betrübt, fand sich eines Tages 
in einem waldigen Schmerzensthale (dins una vall d’arbres tant 
dolorosa); wie er hineinkam, weils er nicht; es war Frühling, 
die Zeit der Liebe; die Sonne neigte sich schon, der Dichter 
fürchtet die herrannahende Nacht, Apollo und Mercur ruft er zu 
Hülfe; die Ungunst seiner Freundin ist die Quelle seines Leids. 
Er begann, so sagt er, sein Leid zu klagen. 

Gesang II. — Hier folgt die Klage. Er wendet sich an Ve- 
nus und Amor; Cupidos Reich will er aufsuchen, ihn schauen, dort 
allein kann ihm Hülfe werden, Liebe vermag nur Liebe zu heilen. 

Gesang III. — Der Eingang nicht mitgetheilt. Der Gesang 
ist in Achtsilblern mit gepaartem Reim. Der Dichter (der, laut 
der Ueberschrift des Herausgebers, im Walde weiter fortgeschrit- 
ten ist) erblickt ein Schlofs, dessen Thor geöffnet; schon gedenkt 
er einzutreten, als eine Jungfrau in demselben erscheinend es ihm 


19* 


276 Ebert 


verwehrt; schwarz gekleidet ist sie, in blofsem Haupt mit langen 
Locken; zehn Kinder umgeben sie, in gleicher Farbe gekleidet, 
mit Fackeln, „ein Lied des Schmerzes und der Thränen singend, 
das ihm das Lied des Bekümmerten zu sein schien“ '). Alsbald er- 
hob sich die silberne Zugbrücke. Der Dichter hört das Lied zu Ende, 
das mit „euer doloros“ schlofs; dann erst macht er seinem Schmerze 
Luft and fleht um Einlafs. (Des Dichters Rede fehlt hier.) Die Jung- 
frau antwortet, und zwar in einer Strophe von zehn Versen (Zehn- 
und Elfsilbler: abba cddc ee): sie sei von Venus gesandt, ihm den 
rechten Weg zu zeigen, ihr Name sei: dels amants conazenga. 

Gesang IV. — Auch von diesem Gesang fehlt der Anfang; 
das Mitgetheilte ist in der Form der novas rimadas, Versen ohne 
eigentliche Strophenbildung, und zwar in Achtsilblern mit einen 
an der dritten Stelle allemal eingeschalteten gebrochenen Vers 
(von 4 Silben), indem letzterer mit den beiden folgenden Gans- 
versen reimt, so dafs sich folgendes Reimsehema ergibt, in wel 
chem die Cursivlettern die gebrochenen Verse anzeigen: aabbb 
cecddd etc. etc. Das Ganze schliefst ein reimloser Vers. — Der 
Dichter sieht eine Schaar klagender Frauen; seine Begleiteris, 
Conazença, die er auch seine mestressa nennt, seinen Wunsch un 
Auskunft erratbend, erklärt. ihm: jene duldeten, weil sie ihrer 
Freunde Liebe mit grausamen Schmerzen vergalten. 

Gesang V. — (Auch hier scheint der Eingang zu fehlen) 
Der Dichter sieht von fern den Thron der Venus, die drei Gr# 
zien daneben, singend Dona nobis amor pacem. Einen Oranger 
hain durchwandernd, begegnet er dann einer grofsen Menge Lie 
bender, die der Welt des Alterthums alle angehören: so erschei 
nen dort Paris, Helena, die Amazonenkönigin mit ihrem Gefolge, 
Jason der Undankbare, der unter Thränen und Seufzern Amor 
Gnade anruft ?); Achill in der Liebesflamme wie die Sonne 
wenn kein Hof sie umgibt °); Briseis nackt „auf einem Min 


!) Una canso de dol e plors 
Que-m paragué del angoixos. 
2) Er spricht statt in Terzinen folgende Verse, die gewifs ein Citst sind, 
und sehr volksmäfsig klingen: 
Be deu penar l’aymador Pus es amat per amor 
Que remey no li-s deu dar, E sa aymia vol lexar. 
?) Der Dichter befragt ihn: 
Mes dins lo temps del delitos sospir 
Lahon ne com tu conaguist amor 
Per loqual sens complir lo teu desir? 
EU me respos: Mirant la sepultura 
D’Ector, io fuy d’amor tant sobrepres 
Que del recor en mi no agui cura etc. etc. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 377 


tauro“, in einem Graben von Centauren mit Pfeilen geschossen, 
weil sie der Undankbarkeit, des schlimmsten Lasters, sich schul- 
dig gemacht, wie Conaxença erklärt; weiterhin an einem Flusse 
die tugendhaften Liebenden Ulisses, Dido u. A., über denen allen 
wie ein Stern Irene leuchtet, endlich eine neue Schaar, von der 
ein Schatten über des Sterblichen Gegenwart sich wundert, und 
dann die Geschichte seiner Liebe erzählt, es ist Antiochus, der 
aus Liebe zu seiner Stiefmutter kranke Königssohn. 

Gesang VI. — Auf einer grünen Wiese begegnet der Dichter 
vier schönen Männern, die über die Liebe streiten: welcher von 
ihnen in ihre Geheimnisse zumeist eingedrungen, und am besten 
sie besungen habe. Drei sind Franzosen, der vierte, der den 
Sieg davon trägt, Petrarca. Auf sie folgen Dante und Beatrice. — 
Hier ist eine Lücke angezeigt. Danach finden wir den Erzähler 
vor einem grolsen Thore, das durch eine Inschrift als die Pforte 
des Klosters der Irene sich bekundet, in dem in ewiger Freude 
Ardolies, Irene, Liessa und Alerander wohnen: „nur durch Tu- 
gend nimmt man diesen Weg.“ Es ist offenbar der himmäschen 
Liebe gewidmet. — Den Schlufs des Gesanges bildet ein gegen 
100 Verse langer Vortrag Conaxenga’s über das Wesen der Liebe, 
der des Mannes und des Weibes, der wahren und der blofs sinn- 
lichen. 

Gesang VII und VIII. — Von dem ersteren ist gar nichts, von 
dem letztern nur der Schlufs mitgetheilt. Die kurze Inhaltsüber- 
schrift des Herausgebers besagt, dafs diese Gesänge mit einer gar 
monotonen Aufzählung glücklicher Liebender, gröfstentheils Ca- 
talonier und Castilier — so Cabestanh, Viana, Macias der Ver- 
liebte — -angefüllt sein. (Eine Ergänzung gibt hier auch der 
folgende Artikel, s. unten Seite 281). — Der Schlufs des 8. Ge- 
sanges ist eigenthümlich genug. Der Dichter wird mit seiner Be- 
gleiterin plötzlich nach dem Hellespont versetzt, bei Abydos be- 
gegnet ihnen Leander, der sie beide an die Hand fassend durch 
die Meerenge hinüber nach Sestos geleitet, wo Hero ihnen Freu- 
denlieder singend entgegenkommt. 

Gesang IX. — Hier naht sich der Dichter nun Amor selbst, 
den ein Hofstaat berühmter Liebender, vornehmlich Frauen, um- 
gibt, die gleich den Nachtigallen im Grünen singen, die Liebe 
segnend, die Quelle ihrer Seeligkeit. Der Dichter beugt seine 
Kniee vor Amor, aber er wagt nicht zu reden, so dafs Conaxenga, 
die seine Gedanken weils, für ihn das Wort ergreift, und in ei- 
ner Strophe von 10 Zehnsilblern (Reim: abba cddc ee) den ge- 


278 Ebert 


rechten und milden Gott bittet, durch seine Venus ihm, dem ver- 
schmähten, gequälten Liebenden, Trost zu senden, damit er nicht 
an Amor selber verzweifle. Der Gott antwortet — in einer ähr- 
lichen, nur kürzeren Strophe cdde ee — da er an seinen neum 
„Fabeln“ Gefallen finde '), wolle er was in seiner Macht stehe 
ihm gewähren, nur möge er brav und ritterlich (ab Ueyaltat) ge 
gen Frauen und Jungfrauen sein. Hierauf nimmt Cupido aus sei- 
nem schönen Köcher einen goldnen Pfeil, „in welchem“, sagt der 
Dichter, „all meine Lust enthalten war“, und reicht ihn Cons- 
xença; sie solle damit die Brust der spröden Schönen verwan- 
den, und das Paar nicht verlassen bis es aller Entzückungen der 
Liebe sich erfreut. Der Dichter schliefst dann den Gesang ir 
dem er sagt, dafs er nunmehr gleich einem Pilger, der sein Ge 
lübde vollbracht, heimzukehren sich sehnte. 

Gesang X. — Von ihm sind nur drei vereinzelte und des 
halb unverständliche Terzinen mitgetheilt; nach der Ueberschnif 
des Herausgebers handelt der Gesang von den Zeitgenossen des 
Dichters; die Namen sowohl als die Anspielungen seien zu dur- 
kel, um eine Entzifferung zu erlauben. 

Im höchsten Grade scheint es wahrscheinlich, dafs dieser 
Gesang nicht der letzte, vielmehr der neunte, der als der neunie 
bezeichnete dagegen der zehnte und letzte ist; der Dichter sagt 
dort am Ende ja selbst, dafs er den Zweck seiner Pilgerfabrt 
erreicht habe, zugleich ist der Schlufs dem der göttlichen Comö 
die darin analog, dafs wie Dante zur Anschauung der Dreieinig- 
keit selbst, so unser Dichter bis zu Cupidos Throne am Ende 
gelangt. | | 

Diese Analyse zeigt selbst zur Genüge schon in wie wel 
der Dichter die göttliche Comödie im Ganzen wie im Einzelnen 
nachzuahmen sich bestrebt hat; was das letztere anlangt, 50 habe 
ich mich bemüht, gerade solche Einzelheiten in meine Darlegur$ 
aufzunehmen, in welchen das berühmte Werk als unmittelbare 
Vorbild erscheint; selbst einem oberflächlichen Kenner Dani: 
werden sie so in die Augen springen, dafs einer ausdrücklieben 
Verweisung es nicht bedurfte. Zugleich zeigt aber diese Darlegus 
des Inhalts, dafs der Dichter noch andere Vorbilder gehabt hat; ® 
sind die allegorischen Gedichte Nordfrankreichs, als deren Krot 
der Roman von der Rose betrachtet ward. Aber nicht bloß #1 





1) Io sent delit en sas faules novelles. Man sieht hieraus, dal der 
Dichter schon vordem durch poetische Leistungen sich bekannt gemacht. 


Zur Geschichte der catalanischen Literatur. 297 


diesen erinnert unsre Dichtung, sondern fast mehr noch an man- 
che kleinere Dichtungen, die in seinem Gefolge erscheinen, so 
z. B. an das „Paradies der Liebe“, von dem Le Grand d’Aussy, 
in den Fabliaux et Contes 3° éd., U, p. 254, Nachricht gibt: auch 
hier durchwandert der Dichter Fluren und Gärten, verschiedenen 
Klassen der Liebenden, der sündhaften und guten, begegnend; 
auch hier ein Schlofs, mit Gräben umgeben; Amor auf dem 
Throne mit einem glänzenden Hofstaat beseeligter Liebender, der 
Dichter klagt ihm sein Liebesleid, und empfängt von ihm Trost 
und Belehrung, welche letztere in langen allegorischen Erörterun- 
gen über das Wesen der Liebe sich verbreitet. — Ein vollständi- 
ges Urtheil läfst sich über diese Dichtung überall erst geben, 
wenn sie auch vollständig publicirt worden ist, wozu wir gern 
durch diese Besprechung aufgefordert haben möchten. Ihre li- 
terarhistorische Bedeutung ist gar mannichfaltig: nach ein paar 
neuen wichtigen Beziehungen ist sie in dem folgenden Artikel in 


das Auge gefalst, weshalb wir deren Darlegung uns hier ent- 
hielten. 


Adolf Ebert. 


280 Bartsch 


Der catalonische Canconer d’amor der Pariser 
Bibliothek. 


Bekanntlich besitzt die kaiserliche Bibliothek zu Paris 
unter No. 7699 ein handschriftliches catalonisches Lieder- 
buch, von welchem Ticknor (I, 266 — 268 der deutschen 
Uebersetzung) handelt und zuletzt Ferdinand Wolf in sei- 
nen Studien zur Geschichte der spanischen und portugie- 
sischen Nationalliteratur (Berlin 1859) S. 211—212 spricht. 
Ich kann hier auf die treffliche Behandlung der castili- 
schen Hofpoesie in Wolf’s Buche S. 195—210 verweisen, 
wo auf den innigen Zusammenhang zwischen dieser und 
der provenzalischen Poesie und den Einflufs letzterer auf 
erstere hingewiesen ist. In der That ergeben sich die mehr 
als 300 Gedichte, die der Cançoner umfafst, als Nachah- 
mung provenzalischer Dichtungen '). Die ausführlichste 
Beschreibung der Handschrift findet sich in einem mir hier 
nicht zugänglichen Buche: Ochoa, catälogo de manuscritos 
(Paris 1844) S. 286—374. Ich will daher, um nicht schon 
Gesagtes zu wiederholen, jede Beschreibung unterlassen 
und nur einiges auf die Kenntnils der provenzalischen Poe- 
sie bezügliche daraus hervorheben. 

Sehr wichtig in dieser Hinsicht ist die Comedia de 
la Gloria d’amor. Auch für die Kenntnifs der Romanstoffe 
ist dies Gedicht nicht unwichtig: es sind darunter mehrere 
Stoffe, die ich sonst nirgends berührt gefunden habe. Zu- 
gleich ergibt sich aus der Namhaftmachung mehrerer be- 
_ deutender Troubadours und der Beziehung auf ihre Le- 
bensschicksale, dafs der Verfasser nicht nur die spätern 
Erzeugnisse der toulousanischen Dichterschule, sondern 
auch Liederhandschriften der älteren Dichter vor sich hatte. 
Die Leys d’amor beziehen sich bekanntlich äufserst selten 
auf bestimmte ältere Dichter. Die meisten der von ihnen 
angeführten Belege sind jüngeren Ursprungs, wenn natür- 
lich auch nicht zu bezweifeln ist, dafs bei der Ausarbei- 
tung dieses Gesetzbuches der spätern Poesie alte Lieder- 


1) 8. dagegen unsere Bemerkung oben S. 266. Der Herausgeber. 


Der catalonische Cançoner d’amor der Pariser Bibliothek. 281 


handschriften vorlagen '). Ja von einer Handschrift (No. 
7226) ist es wahrscheinlich, dafs sie eine in Toulouse ent- 
standene gelehrte Redaction der ältern Liederdichter ist. 
Es gab also auch in Aragon provenzalische Liederhand- 
schriften im 14. Jahrhundert: eine solche hat sich bis jetzt 
nicht gefunden. Sie müssen daher wohl, etwa im Brande 
der Bibliothek von Barcelona, untergegangen sein. — Unter 
andern Liebenden erblickt der Dichter den Troubadour 
Guillem von Cabestanh, Bl. 16: 


Passat io viu Guillem de Capestany, 
Vian’ ab ell e Paris lo segon, 
Isold apres ab lo noble Tristany. 


Tots arreglats ab forma de sos alt, 
cascu cantant, per diverg’ alagria, 
ab delit gran, sens enuig e desalt. 


Vent lur delit comensi dir en mi: 
„quant bell delit e quant bell pensament 
porten aquells tant delitabla fi.“ 


lo piedors mytat los fuy mirar 
e dells opres viu ab trista semblança 
ser Capestany, lo primer en cantar. 


Dann werden einige Zeilen aus einem, wie es scheint, 
verlorenen Gedichte Guillems angeführt, Bl. 16: 


Ffortuna nom fara pensar 
res contra ma bell’ aymia, 
abans ?) la mort consentiria. 


Weiter erblickt der Dichter Lançalot, Gliffet, Panteo 
e Antco, Galeot viu cerca Pau de Belluiure, Pariseo, An- 
dromatha (wohl Andromache), Galvany, Artus, Affriso, Ma- 
dea, Gisimunda, la Frencescha del Dant (Francesca von 
Rimini bei Dante), Ffedra, Blanxaflor, Ffilosolo, Guiscard, 
dann wieder einen Troubadour, Raimbaut von Vaqueiras, 
von dem es Bl. 20 heifst°): 


!) Das älteste Citat, das mir aufgestolsen, ist der Anfang eines Liedes 
von Peire Vidal (L. A. III, 286) Si quel paubres que jay el ric hostal, aber 
ohne Namen. S. meine Ausgabe 87, 1. 

2) Lies: ans. 

3) Nur die von uns mit einem * bezeichneten Terzinen hat Hr. Cam- 
boulin in seiner Publication auch veröffentlicht. Anm. des Herausg. 


282 


Bartsch 


* Alsant los ulls io viu quasi torrat 


d’amor estar Riambau de Vaqueres, 
e Beatriu, nobla de Montferrat. 


En lur delit amor se delitave 
tant que de cert mostrave conaxenga 
esser aquests los mils qu’ amor amave. 


Meravellat un dempnat espirit 
altre pus fort del infern pogues traure, 
com se pot fer veurels en tal delit. 


No segual dells mes gloria sentia: 
bem parague esser pus glorios, 
qui pus leyal amor servit bavia. 


Und unmittelbar darauf heilst es von Jaufre Rudel: 


* Al altra part estech Joffre de Blaya 


molt delitos e comptessa de Tripol, 
en ben amar algu dells nos esmaya. 


Lur bell delit era cosa molt digna 
tant que d’amor nos lig qu’ altre los semble: 
veurels ensemps fon cosa molt insigna. 


Fflames ardents a la vista portaven 
e dins l’esguard pur passio estranya 
los amadors ab grans sospirs mostraven. 


Es folgen Lorenç de Cuyna Portogues, Jupiter, Leda, 
Europa, und dann der Troubadour Arnaut Daniel, mit fol- 
genden Versen: 


* Tant contempli, per discernir la forma 


d’amor, que viu, si Cupido no fos, 
deu for’ Arnau Daniel en sa forma. 


Nach diesem erblickt er Ffeba, Dampnes und Bl. 21 


heifst es: 


1) vnort. 


io viu lo ray ab la nobla leuseta 
la nit ensemps ab lo jorn a paria 


Ab gran confort, ajudant lur natura: 
e viu Bernat del Ventadorn estar 
apart, mirant lur delit ab tristura. 


Dos grans contrasts en amor conexia, 
donant turment e delit dins un terme: 
vent qu’era mort Bernat la mort !) sentia. 





Der catalonische Cangoner d’amor der Pariser Bibliothek. 283 


Io reguardant una tant gran viltat 
viu esser ver lo qui sovint se lig, 
qu'en sutza carn no cab may leyaltat. 


Mort sens morir es al gentil entendre 
veure la fi d’un’ amor tant corrupte: 
del recitar ne tem moltes offendre. 


E com aquells qui son promptes en dir 
tot lur voler mes en plorant que riure, 
axi Bernat dix ab agre suspir: 


Los qui amen dona, qu’es virtuosa, 
plangen mon dan e sa desconaxenga: 
sol del pensar tench cara vergonyosa. 


Io lagrimant de m’amor trista faula, 
volti l’esguard en millor pensament 
de tals viltats, pus dir volgui paraula. 


Der Dichter erblickt den Sonnenstrahl mit der edlen 
Lerche zusammen: beide werden hier ebenso wie der Tag 
und die Nacht als liebendes Paar gefalst. Der Sonnen- 
strahl buhlt mit der Lerche, der Tag mit der Nacht. Letz- 
teres ist an sich nicht auffallend und originell, ersteres fin- 
det seine Erklärung in einem Gedichte Bernarts, auf wel- 
ches der catalonische Dichter anspielt, Mahn I, 32: 


Quan vei la lauzeta mover 

de joi sas alas contral rai, 

que s’oblid’ es laissa cazer 

per la doussor qu’al cor lin vai: 
ailas! qual enveja m’en ve 

cui qu’eu ne veja jauzion: 
meravilhas m’ai, quar desse 

lo cors de dezirier nom fon. 


Zu deutsch etwa: 


Seh’ ich die Lerche, die hinauf 
zum Licht die frohe Schwinge trägt, 
die trunken woget ab und auf 
vor Freude, die ihr Herz bewegt: 
ach! wie erweckt mir’s bittern Neid, 
. wenn andre Wesen Lust durchdringt! 
ein Wunder, dafs mir nicht vor Leid 
und Sehnsucht längst das Herz zerspringt! 


Wie hier der Dichter seinen Neid über die Fröhlich- 
keit der Lerche ausdrückt, so läfst der catalonische Bernart 


284 Bartsch 


traurig bei Seite stehen und ihrer Lust -zuschauen. Die 
Idee, dafs die Lerche und der Sonnenstrahl sich lieben, 
ist bei Bernart nicht angedeutet. Die weitere Ausführung 
über Bernarts unglückliche Liebe kann der Catalane aus 
den Liedern gefolgert haben: doch wäre es auch nicht un- 
möglich, dafs ihm eine ausgeführtere Biographie des Dich- 
ters vorlag, als wir besitzen. Aus dem Liede Bernarts, 
welches ich eben erwähnte, wird an einer andern Stelle 
des Cançoner (Bl. 162) die vierte Strophe, beginnend: De 
les dones me desesper, citirt. 

Abgesehen von dieser Nachbildung einer italienischen 
Form, wie wir ihr in diesem Gedichte begegnen, lehnen 
sich die strophischen Formen, die Namen derselben, wie 
die Dichtungsarten, an die provenzalische Poesie an, und 
zwar an jene spätere gelehrte, wie sie uns in den „ieys 
d’amors“ und den „joyas del gay saber“, einer gleichfalls 
von Gatien-Arnoult herausgegebenen Sammlung gekrönter 
Gedichte, vorliegt. Die bei weitem überwiegende Versforn 
ist der zebnsilbige Vers, stumpf oder klingend gereimt: die 
Cäsur (vgl. L. Am. I, 130), nach der vierten Silbe und im 
mer männlich, ist durch einen senkrechten rothen Strich 
bezeichnet. Auch in kürzeren Versen findet sich eine Ci 
sur bemerkt: in den acht- und siebensilbigen trochäischen 
Versen steht der Strich nach der dritten Silbe. Nächs 
der gewöhnlichen ,Canzone“ begegnen folgende Nam 
von Dichtungsarten. 

lay (auch prov. lais, aber hier keine bestimmte Dichtüngf 
art, sondern in Bezug auf die Melodie gebraucht, häufig 1 
der Verbindung: lais e voutas) z. B.Blatt 117: lay de Pere 
Torroella. 

sirventesch (provenz. sirventes) BI. 130. 

canço d’amor tengonada Bl. 93, dasselbe was bei den 
Provenzalen die Tenzone; vgl. L. A. I, 322. 

balade: prov. balada „Tanzlied“, vgl. L. A. I, 348 bals 
Bl. 136 les V. balades, la primera ab rims unigonant * 
crohats ab un retronx; la segonda balada ab rims tots uni 
çonants, quatre bordons crohats, dos estramps € dos der- 
res appariats ce ab un retronx. Terça balada uniçonant ab 
rims crohats, dos biochs, dos bordons estramps e m F 


Der catalonische Canconer d’amor der Pariser Bibliothek. 285 


tronx: nach den ersten vier Zeilen (rims crohats d. h. in 
der Stellung abba) lautet die Strophe: 
car verament 
tem go ques pren que tal dona amor 
e praticar 
e per que io d’aco a vos corrent 
pens en tot l’als de que n’ous ges parlar. 
romans „Romanze“. Romanç fet per Johan Fogassot 
notari sobre la preso o detentio del illustrissimo senyor don 
Karles princep de Viana e primogenit d’Arago etc. lo 
qual fon fet en la vila de Bruxelles del ducat de Brabant 
en lo mes de Ffabrer any Mil. CCCCLXVI !). 
complant, complanta „Klagelied“ (vergl. L. A. I, 346). 
Complant fet per Guillem Gibert en la ciutat de Barchna 
(Barcelona?) sobre la mort del primogenit d’Arago don 
Carles obra encadenada solta ?). complanta BI. 56. 
escondit „Entschuldigungsgedicht“ (vgl. L. A. I, 348) 
Bl. 244. 
comjat, auch bei den Provenzalen vorkommend „Ab- 
schied“, wenn der Liebhaber seine Dame aufgibt. BI. 89. 
depertiment, identisch mit dem comjat, provenzalisch 
departimens. Bl. 135. Das provenz. partimens hat die Be- 
deutung „Tenzone“. 
maldits en cobles mas donelles BI. 61. maldit Bl. 236; 
wie der Name zeigt, ein „Schmähgedicht“. 
requesta d’amor „Gesuch um Liebe“ Bl. 139 Gabriel 
Ferruix requesta d’amor ab rims crohats e encadenats ab 
ampelt e bioch tot solt e capfinit. Als Probe diene: 


Reyna de prets, doctrina dels sabens, 

sabents en be, ignorenta de mals, 

mals expellins es abragant tots bens, 

bens de vertuts, victorios senyals 

tals, 

que tots cells qui lo vostre nom reclama u. 8. w., 


die Reimstellung der folgenden Zeilen ist il : il : ama : il: 
escha : escha. 
coblas sparças (vergl. L. A. I, 252) Bl.103: es sind 


1) Karl von Viana, Juans II. von Aragonien Sohn, wurde auf Veran- 
lassung seiner Stiefmutter in Lerida gefangen genommen, aber 1461 wieder 
freigelassen. 

2) Derselbe Karl, der im September 1461 starb. 


286 Bartsch 


einzelne Strophen, wie die provenzalischen in meinen Denk- 
mälern S. 5—50, aber alle mit Geleit (tornada). 

Das Geleit findet sich fast hinter allen Gedichten, au- 
fserdem noch ein zweites unter dem Namen endressa. Ueber 
die tornada vgl. L. A. I, 338. Der Name endressa begeg- 
net zwar nicht in der provenzalischen Poesie, aber da auch 
die L. A. von zwei Tornadas sprechen, in deren erster der 
Dichter sich bezeichnet (la una tornada pot pauzar e aplı- 
car a so senhal, lo qual senhal cascus deu elegir per si, 
ses far tort ad autre, so es que no vuelha en sos dictatz 
metre et apropriar aquel senhal que saubre que us autres 
fa), in der zweiten sich an die Person wendet, der sein 
Gedicht gewidmet ist (e l’autra tornada pot aplicar a la 
persona a la qual vol presentar son dictat), so ist auch 
hier wohl die Entlehnung aus dem Provenzalischen nicht 
zu bezweifeln, denn die endressa entspricht genau der zwei- 
. ten tornada. 

Folgende Namen und Ausdrücke begegnen in Bezug 
auf den Bau der Strophe und die Kunst des Reimes. 

ampelt kommt Bl. 139 bei der erwähnten requesta 
d’amor vor: ab ampelt e bioch: es ist aber aus dem Bau 
der Strophe nicht ersichtlich, was es bedeutet. 

apariat, paarweis gereimte Verse. Bl. 130 obra uni- 
çonant aperiada la meytat, mit dem Schema abba cedd, 
also mit Bezug auf die vier letzten Zeilen. Bl. 137 in ei- 
ner Balade: dos derrers appariats. 

bioch heilst ein Vers von weniger als fünf Silben (vgl. 
L. Am. I, 128. 172. 248). Bl. 137 in einer Balade: dos 
biochs, Verse von vier Silben. Bl. 139 ab ampelt e bioch, 
vgl. die oben angeführte Strophe, wo tals ein bioch ist. 

capcaudat, capcaudada (vgl. L. A. I, 168. 236) heifst 
eine Strophe, deren letzter Reim mit der ersten Zeile der 
folgenden Strophe reimt. Bl. 48 croada e capcaudada. 

capfinit (L. A. I, 280), ein Vers, dessen Schlufsreim 
im Anfange der nächsten Zeile wiederholt wird, wie in 
der requesta d’amor, Bl. 139: 


reyna de prets, doctrina dels sabens, 
sabents en be, ignorenta de mals u. s. w. 


Der catalonische Canconer d’amor der Pariser Bibliothek. 287 


croat, croada heïfst ein Vers, eine Strophe, deren 
Reime gekreuzt sind (vgl. L. A. I, 170.240). Beispiele Bl. 48 
solta e croada 134. ab rims uniconants e crohats 136. 
quatre bordons crohats 137. ab rims crohats 137. 139. 
solta ab rims crohats 140. Eine obra mig croada e mig 
encadenada steht BI. 133. 134. 

encadenat, encadenada (vgl. L. A. I, 170. 238), wenn 
die Reime verschränkt sind (abab) vgl. Bl. 133. 134 mig 
croada e mig encadenada, also die Form der Strophe 
abba cd cd. 

equivocada cobla (vgl. L. A. I, 188. 278), eine Strophe 
in rührenden Reimen, Bl. 103. 

estramp, estrampa (vgl. L. A. I, 150. 208), wenn die 
Verse reimlos sind. Der Art ist ein Gedicht von Auzias 
March (Bl. 44), obra estrampa. Ferner einzelne bordos 
estramps in den Balades BI. 137: dos estramps, dos bor- 
dons estramps. _ 

perdut, dasselbe was estramp, begegnet in den L. A. 
nicht. Bl. 140 solta ab rims crohats e un perdut, einem 
reimlosen Verse am Schlusse. 

retronch (L. A. I, 286), wenn am Schlusse aller Verse 
oder in je zweien, je dreien, wie man will, dasselbe Wort 
angewendet wird. Bl. 136. 137 ab un retronx. 137 dos 
bordons estramps e un retronx. 

solta obra oder cobla ist nach der Terminologie die- 
ser Dichter dasselbe, was in den L. A. (I, 164. 212) cobla 
dissoluta d. h. deren Reime in der folgenden nicht wieder- 
kehren. BI. 134 solta e croada. 139 tot solt e capfınit. 
140 solta ab rims crohats. 

uniconans (L. A. I, 270) heifst eine Strophe, deren 
Reime durch alle folgenden beibehalten werden. BI. 130 obra 
uniçonant. 134 ab pauzes tornades uniçonant. 136 ab rims 
uniçonants. 137 la segonda balada ab rims tots uniçonants. 

Die Reimworte sind sehr häufig cars d. h. seltene, 
theuere Reime, auf die auch mancher Troubadour schon 
im 12. Jahrhundert grofsen Werth legte (vgl. d. Jahrbuch 
I, 195). 

Zum Schlufs theile ich ein Gedicht mit, das durch 


288 Bartsch 


seinen Inhalt von Interesse ist. Es führt die Ueberschrift: 
Los enuigs de mossen Jordi (Bl. 121 #). Der Ausdruck 
enuig „Aerger“, hier Gegenstand des Aergers, als Dich- 
tungsart, kommt auch in den Leys d’amor vor I, 348: ayssi 
cum son somis, vezios (dahin gehört das oben auszugs- 
weise mitgetheilte Gedicht), cossirs, reversaris, enuegs u.s. w. 
Die Bezeichnung ist daher genommen, dafs der Dichter 
alle ihm ärgerlichen und langweiligen Dinge auf Erden 
zusammenstellt. Ueber den Dichter, der in der Mitte des 
15. Jahrhunderts lebte, ist zu vergleichen Ticknor I, 267, 
Anmerkung 3. 


Enuig, enamich de jovent, 
combatador del pensament, 
m’enuja tant, que res plasent 
no puig veher: 

5 atants despits m’a fay sovent, 
quel cor de son alleujament 
sortir vol fer. 
per qu’eu m’enuig del tot primer 
del mon, com li plats sostener 

10 mants fayts, que veu en aquell fer, 
desmasurats: per qu’ enujatz 
me sui del mon e contra mon 


es a la fi dfimfi 
15 res non ha fi, 
ans tot deffaillit e mesqui. 
Per qu’eu me vau plus enujan 
d’amor, c’om vay tant mal usan 
e de mant foll, ques vay gaban 
20 e may fech res. 
autres ques van d’amor claman 
ez hanc lur cor senti l’affan 
ne sap que ses. 
e par me que gran enuig es, 
25 quant sui ab leys e qu’eu am mes, 
per altres gents nol puix dir res 
7 de ma lenguor. autre pejor 
e fort me par so que nom par 
m'assasperar, 
30 e d’ome fat e d’esdonat, 
ple de mal fat, 


Der catalonische Cançoner d’amor der Pariser Bibliothek. 289 


que per granos se debat ’), 
Un autr’ enuig soven me ve, 
quant en algun loch parlare, 
35 quim enterroch, quant nuls volre 
dir ma rayso. 
autr’ a, quant un bon mot dire 
en part hon no s’enten per que, 
don rest fallo, 
40 e fan treure ni pitentio 
a cors grosser, qu’en tot diu no, 
d’enamich de conclusio 
ay gran enuig e molt m’enuig ?) 
entr’ enuig trop, quem enuig trop, 
45 c’om algu trop, 
que no mezant, que mon desant 
com port sonant, 
de que mon cor pren fort asant, 
Enquer m’enuig dormir la nit 
50 en mig de dos en petit lit 
e plus m’enuig e prench despit 
calsat estret 
d’om peraros nez adormit 
55 e de gran fret. 
apres m'enuig sistrein sacret, 
letra hon va part de mon fet, 
lo fat grosser, per que si met, 
puys nol deman, ne plor d’infan, 
60 ne jaur’ en post, mez al sol post, 
ser mal dispost, 
ab donan claus n’estar ins claus, 
ne quant pert claus 
mon cossier, quant vau per fraus ?). 
65 D'autres enuigs me vul sentir, 
quant fay mon cor envellesir, 
d’om grosse, qu’en vol tot dir‘) 
e no treu be, 
e larch sermo, don perch ausir, 
70 ez ab sutza femna dormir, 
quant s’esdeve, 
e caminar ab pelafre, 





1) Es fehlt eine Silbe. 

2) Nach m’enuig steht com de la mort, was zu streichen und aus V. 81 
eingedrungen ist. 8) Fehlt eine Silbe: vielleicht ne mon cossier. 

4) Zu kurz: vielleicht tot mal dir. 


IL 38. 20 


290 


75 


80 


85 


90 


95 


105 


110 


115 


Bartsch 


dur poch anan, que no trot be, 

e ladrador ca de sere 

ne d’om escas, qu'en prat iras, 
quel me nos juny: de sol de juny, 
ne l’elm quant juny, 

e d’altra part dona que part 

en manta part 

s’amor jaquint vergonyay part. 

Enquer m’enuig com de la mort 
ester en mar en talma fort, 
en estret loch e sens comport, 
passant lo mal, 

e s’entre quant ab desacort, 

ez in ivern pujar al port 

ab temporal, 

e quant fay vent descominal, 

e caminar per arenal, 

e fum sens foch dins en hostal, 
ne qui sol va per cami pla 

e puys lo pert . . 

ne quil despert, 

ne d’om que punt nos de mon punt, 
se pleneix demenes ajunt. 

Enquer m’enuig, si malemdiu, 
quant juchals dans sires me diu: 
algun fe puch, si prop me siu, 
m’es enujos, 

e larch cami fer en estiu, 

ne dur en puny estor esquiu 
gran ne bastos, 

ne jaur’ ab hom que haja tos 

ne de legoter envejos 

e dels mosquits, com en les nits 
dormire ferm, ne del inferm, 
ques plany de ferm, 

ne lansa dur, ne de pa dur 
que m’assadur, 

neg abitar dins avoi mur. 

O quants enuigs hay sostenguts, 
que trestots dir nols he poguts: 
mas fort m’enuig del hom mogut 
ignorant, pech, 
ne roba que pel ha perdut, 
ne fanch de nits, quant plou menut, 


N 


Der catalonische Cançoner d'amor der Pariser Bibliothek. 291 


120 


125 


130 


135 


140 


quem allenech, 

e quim diu no, quant heu lo prech, 

ne quant sovent trop aguidech 

e don’ ab magre cors e sech, 

ne larch consell, quant nol apell, 

e jaure sol, ne quant aug sol, 

ne mar ab seny, dona quem seny, 

qu’en ha pauch seny, 

ne d’om flach que mir ab endeny. 
De tots los enuigs que dits hay 

tant fort ne taut soberch non say 

com pobretats, que don’ esmay 

a gran e poch, 

e quant ha ferit de son glay 

ffort mia !) qu’ axi com li play 

vol donar loch 

a tell qui no val pas un roch, 

ez aire esmerat de fin roch 

abat e met ab enderroch, 

no guarde ley, dret ne servey, 

don tots hom deu lausar a deu, 

qui res li deu: 

per que deffin mon lay ha fin, 

vastus a fin 

sa voluntats lay hon s’enclin. 


Unschwer erkennt man auch hier die Nachahmung 
eines provenzalischen Vorbildes. Vom Mönch von Mon- 
taudon besitzen wir mehrere Lieder derselben Gattung und 

” desselben Inhalts. Das längste dieser Gedichte ist zuletzt 
in meinem provenzalischen Lesebuche 82, 18—83, 23 ge- 
druckt. Wenn das hier mitgetheilte Gedicht nicht ledig- 
lich eine literarische Nachahmung des Mönches ist, die 
mit den Lebensverhältnissen des Dichters in keiner Bezie- 
hung steht, so war Jordi ein wandernder Sänger in dürf- 
tigen Verhältnissen. Diese Annahme erklärt eine Menge 
der hierin enthaltenen Beziehungen und Dinge, welche 
der Dichter ärgerlich findet und die zum Theil, wie beim 
Mönch von Montaudon, ziemlich unanständiger Art sind. 
„Der Aerger, so beginnt er, der Feind der Jugend, der 


1) Oder: nua. 


20* 


292 Bartsch, Der catalon. Cançoner d'amor der Pariser Bibliothek. 


Bekämpfer des Gedankens, macht mir so viel zu schaffen, 
dafs ich nichts erfreuliches sehen kann: er nimmt dem 
Herzen seinen leichten Muth. Zuerst ärgere ich mich über 
die Welt, die so manche ungeziemende That geschehen 
läfst. Weiter ärgere ich mich über die Liebe, die man 
mifsbraucht, über manchen Narren, der prahlt und doch 
nie etwas that. Ich ärgere mich, dafs mancher sich über 
Liebe beklagt und doch ihr Leid nie empfand und gar 
nicht weils, was es ist. Mich ärgert, wenn ich bei meiner 
Geliebten bin und ihr, durch andre Leute verhindert, nicht 
meine Sehnsucht schildern kann.“ Es würde zu weit füh- 
ren alle die Gegenstände aufzuführen, die den Dichter ver- 
driefsen: auch hat eine vollständige Uebersetzung bei dem 
manichfach entstellten Texte ihre Schwierigkeit. Ich hebe 
daber nur noch einiges hervor. Er sagt unter anderm, es 
ärgere ihn, wenn er im Reden durch Fragen unterbrochen 
werde, oder wenn er etwas gutes rede, wo man ihn nicht 
verstehe. Auch finde er es ärgerlich, Nachts zwischen 
zweien in einem engen Bette zu schlafen, enge Schuhe, 
grofse Kälte, Weinen eines Kindes, vor der Thür auf der 
blofsen Erde zu liegen, unwohl zu sein, eingesperrt zu wer- 
den und die Schlüssel zu verlieren — das alles ärgert ihn. 
Noch andrer Aerger mache sein Herz altern: eine lange 
‘ Rede, die er nicht verstehen kann, bei einer schwitzenden 
Frau zu schlafen, auf einem schlechten Pferde, das nicht 
laufen kann, einen steilen Berg hinan zu reiten, im Winter 
auf die Berge (port sind die Gebirgspässe der Pyrenäen) 
im Sommergewande zu steigen, ein bellender Hund am 
Abend, eifhi geiziger Herr, des Junis Sonne, ein drückender 
Helm, grofser Wind, Wandern im Sande, Rauch ohne 
Feuer in der Herberge, Verirren auf dem Wege, weit ge- 
hen im Sommer, ein scheuer Habicht auf der Faust, bei 
einem Menschen zu liegen der den Husten hat, Fliegen 
wenn er des Nachts schlafen will, ein Kranker der immer- 
fort klagt, eine Lanze zu führen, an hartem Brote sich satt 
zu essen, in schwachen Mauern zu wohnen und manche an- 
dere Dinge, die zum Theil wörtlich aus den Liedern des 
Mönchs von Montaudon entlehnt sind. Karl Bartsch. 


Cornet, Guicciardini’s Unedirte Werke. 293 


Guicciardinr’s Unedirte Werke. 
Erster Artikel. 
Seine Considerazsioni und Ricordi. 


Gilt auch Pythagoras als der Begründer der politi- 
schen Schule Alt-Italiens, so gebührt doch dem Dante das 
hohe Verdienst, dieselbe zu neuem Leben erweckt zu ha- 
ben. Die Idee einer Monarchie, welche zur nationalen Ein- 
heit führen sollte, sowie einer Aristokratie des Geistes und 
der Tugend als Hort der Freiheit, bilden die leitenden 
Grundsätzte seines politischen Systems. Dafs der Sänger 
der drei Reiche den Befreier der Halbinsel in der Fremde 
zu suchen wähnte, mag allein sowohl durch die damalige 
zerrissene Lage Italiens, als auch durch die theilweise herr- 
schenden Ansichten der Zeit erklärt werden. Seine Ab- 
sicht gebt übrigens nicht dahin, das Land einer Fremd- 
herrschaft unterworfen zu sehen, vielmehr sollte der deut- 
sche Kaiser, als Hersteller der Einheit Italiens, dorthin 
auch seinen Sitz verlegen und somit eine nationale Dyna- 
stie begründen. Weit glücklicher erscheint Dante jedoch 
als kühner Bekämpfer der weltlichen Macht des Papstes, 
als derjenigen nämlich, welcher allein die Zerfahrenheit und 
politische Obnmacht der Halbinsel zur Last fällt. Zwei 
Florentiner und ein Venetianer hoben diese letzte Ansicht 
noch schärfer hervor, während sie die erste nur vom na- 
tionalen Standpunkte aus festzuhalten glaubten. Diese be- 
rühmte Trias heilst Machiavelli, Guicciardini und Sarpi. 
Ihrem politischen Glauben gemäfs sollte nicht Deutschland, 
wohl aber Italien selbst den Veltro der angestrebten Ein- 
heit hervorbringen. Wie Alfieri im verflossenen, so traten 
Foscolo, Giordani, Balbo, Gioberti, Rosmini — um der 
grôfsten Dichter Manzoni, Leopardi, Niccolini, Giusti nicht 
zu gedenken — im laufenden Jahrhunderte als Vorkämpfer 
italienischer Unabhängigkeit auf. Die weltliche Herrschaft 
des Papstes wurde nicht minder in Betracht gezogen und 
der Krieg gegen dieselbe mehr oder weniger heftig, jedoch 
unausgesetzt, fortgeführt. Um diesen beiden Richtungen 
geschichtlichen Nachdruck zu geben und den Vertheidigern 


294 Cornet 


des päpstlichen Dualismus, der hie und da in Italien selbst 
seine Vertreter gefunden, entgegenzutreten, griff man zu 
den Waffen der Geschichtsforschung. Der hochherzige, 
mit jeder geistigen Bestrebung Italiens so eng verbundene 
Vieusseux begründete zu Florenz den Archivio storico ita- 
liano. Die besten Kräfte des Landes schaarten sich um 
diese wissenschaftliche Unternehmung, welche wie einerseits 
des ungetheilten Beifalls Europas, so andrerseits der höch- 
sten Mifsgunst der römischen Curie sich stets zu erfreuen 
hatte. Da es sich überdies darum handelte, für den na- 
tionalen Aufschwung die öffentliche Meinung, diese gröfste 
aller Mächte, zu gewinnen, so legte man zu dem Zwecke 
die vorzüglichsten Werke italienischer Schriftsteller von 
neuem auf, welche für irgend eine der vertretenen Ideen 
bereits eine Lanze gebrochen. Diesem Bestreben verdan- 
ken wir, aufser den besten Ausgaben Machiavelli’s, Paru- 
ta’s u.8. w., auch die neue Guicciardin!’s. 

Die Grafen Pietro und Luigi Guicciardini, Abkömm- 
linge des berühmten Staatsmannes, vom Wunsche beseelt, 
sowohl der historischen Wissenschaft wie der Staatskunst 
zu nützen, trugen nämlich dem wackeren Giuseppe Cane- 
strini die Sorge auf, die Ausgabe der unedirten Werke 
Francesco’s zu besorgen; behufs dessen erschlossen sie 
demselben ihr Hausarchiv, wo die Autographen des gro- 
fsen Ahnen seit mehr als 300 Jahren wohl aufbewahrt, 
jedoch der Oeffentlichkeit und somit dem allgemeinen Nut- 
zen entzogen lagen. So wurde Canestrini die Gelegenheit 
geboten, der gelehrten Welt einen neuen Beweis seiner 
weit anerkannten Tüchtigkeit zu liefern in den Opere in- 
edite di Francesco Guicciardini (Firenze 1857—1859, Vol. 
I—III), die den Gegenstand unserer Untersuchung bilden. 

Messer Francesco Guicciardini, wie verwerflich in sei- 
nen ehrgeizigen Verirrungen und gebrandmarkt als Ver- 
helfer zur Herstellung der medizeischen Herrschaft er er- 
scheinen mag, gehört dennoch zu den Geistern erster 
Größe; seine politischen Ansichten dürfen überdies gleich 
jenen Machiavelli’s als durchweg national bezeichnet wer- 
den. Hoffen wir, dafs es Herrn Canestrini in der Beur- 


Guicciardini’s Unedirte Werke. 295 


theilung des grofsen Mannes, die er am Schlusse seiner 
Arbeit zu geben versprach, gelingen werde, die öffentliche 
Meinung über ihn in manchem zu versöhnen. Die politi- 
sche Thätigkeit dieses einflufsreichen Mannes, die mit einer 
Sendung nach Spanien im Jahre 1512 beginnt, war eine 
äulserst wirksame und bisweilen sogar tief eingreifend in 
die Ereignisse einer stürmischen Zeit, während welcher 
Frankreich und das Kaiserreich um die Oberhand in Ita- 
lien stritten. Der Zeitraum, in welchem die medizeischen 
Päpste Leo X. und Clemens VII. Guicciardini zu den 
schwierigsten Geschäften verwendeten, bildet wohl den 
Grlanzpunkt seines bewegten öffentlichen Lebens. Als Gou- 
verneur von Modena, Reggio, Parma und der Romagna, 
ferner als päpstlicher Bevollmächtigter beim Bundesheere 
während des Krieges zwischen Clemens VII. und Karl V. 
erwies er sich nicht minder hochbegabt als Staatsmann, 
wie er auch auf dem Gebiete der Kriegskunst seltene 
Kenntnisse an den Tag legte. Zur Zeit des Todes Cle- 
mens VII. im Jahre 1534 war er Gouverneur zu Bologna, 
wo er Gelegenheit fand die Gunst Karls V. sich zu er- 
werben. Dem medizeischen Hause treu ergeben, legte er 
seine Würde nieder, als Paul III. aus dem Hause Farnese 
den päpstlichen Stuhl bestieg. Unbefriedigten Ehrgeizes 
und stets nach Macht lechzend, sehen wir ihn unmittelbar 
darauf die einflufsreiche Stelle eines Rathgebers bei Ales- 
sandro de’ Medici einnehmen, den er sogar nach Neapel be- 
gleitete, als derselbe, um sich bei Karl V. von den gerech- 
ten Anschuldigungen der Florentiner Flüchtlinge zu reini- 
gen, dahin sich begeben mufste. Nach der Ermordung 
Alessandro’s, dieses Wüstlings, entfaltete Guicciardini mit 
Francesco Vettori die grôfste Thätigkeit, um den achtzehn- 
jährigen Cosimo auf den Thron zu bringen. Getäuscht 
dann in den herrschsüchtigen Hoffnungen, die er an die 
Wahl des jungen Herzogs angeknüpft, entsagte er wohl 
unfreiwillig dem Getriebe der Politik. In ländlicher Zu- 
rückgezogenheit auf seiner Villa in Arcetri, bedurfte er 
kaum eines Jahres, um seinen Namen durch das bekannte 
Geschichtswerk zu verewigen, an das er jedoch die letzte 


296 Cornet 


Hand nicht mehr legen konnte, da der Tod schon i. J. 1540 
ihn ereilte. 

Dafs ein so gewiegter Staatsmann, wie Guicciardini, 
der zu den höchsten Aemtern gelangt war und an den 
wichtigsten Ereignissen sich betheiligt hatte, nicht mehr 
Aufzeichnungen hinterlassen haben sollte, als bisher in die 
Oeffentlichkeit gedrungen waren, war kaum anzunehmen. 
Ja man wulste sogar von dem kostbaren handschriftlichen 
Schatze, der im Guicciardinischen Hausarchive verborgen 
lag. Es ist daher mehr als billig, wenn nicht Italien al- 
lein, sondern die gebildete Welt überhaupt den Grafen 
Pietro und Luigi Guicciardini, welche die gegenwärtige 
Ausgabe veranlassen, sich zu Dank verpflichtet fühlen. 

Der erste Band, der uns zunächst beschäftigt, beginnt 
nach einer inhaltreichen Einleitung des verdienstvollen Her- 
ausgebers mit Betrachtungen Guicciardini’s, welche die Ab- 
handlungen Machiavelli’s über die erste Dekade des Livius 
zum Gegenstande haben (Considerazioni iniorno ai Discorsi 
del Machiavelli sopra la prima deca di Tito Livio). Der 
grofse Secretär der florentinischen Republik, welcher so- 
wohl in Hinsicht seiner Experimentalmethode, wie ob der 
Schärfe seiner Folgerungen, der Galileo der Staatskunst ge- 
nannt wird, fing um das Jahr 1516 seine berühmten Dis- 
corsi zu schreiben an. Sein erster und letzter Hauptzweck 
war stets die politische Bildung seiner Landsleute, denn er 
war sich wohl bewulst, dafs sie ihrer nicht entrathen könn- 
ten, wollten sie je zum Heile Italiens heranreifen. Und da- 
mit der nationale Gedanke, der ihn leitete, von nachhalti- 
ger Wirkung bleiben möchte, so liefs er nicht ab, andere 
Gesinnungsgenossen zur weiteren Ausarbeitung der von 
ihm vertretenen Ansichten zu ermuntern. Guicciardini, sein 
Freund, folgte der eindringlichen Ermahnung, und daher 
die Entstehung seiner Betrachtungen. Ein besonderes Au- 
genmerk richtete dieser auf jene Stellen der Discorsi, die 
um die wichtigsten Fragen der Politik sich drehen; wo- 
durch nicht nur scharfsinnige Belehrungen sich ergeben, 
sondern auch die politische Richtung dieser zwei mächtigen 
Geister deutlicher hervortritt, 


Guicciardini’s Unedirte Werke. 297 


Machiavelli, wenn auch nicht ausschliefsend, neigt sich 
eher zu einer republikanischen Verfassung; Guicciardini ist 
mehr für das monarchische, jedoch durch Gesetze gemä- 
fsigte, Prinzip; seine Ansichten darüber zeigen hinlänglich, 
wie das Wesen einer durch Verfassung eingeschränkten 
Regierung klar vor seinen Augen schwebte. Dieses dar- 
zulegen soll nun zunächst die Aufgabe unserer Untersu- 
chung sein. 

Der Theorie Machiavelli’s, kraft welcher eine nicht 
hoch genug anzuschlagende Regierungsform diejenige wäre, 
woran sowohl Fürst als Offimati und das Volk in gleichem 
Mafse Antheil hätten, stellt Guicciardini folgende Bemer- 
kungen entgegen !): 

Es unterliegt keinem Zweifel, dafs diese gemischte, von je- 
dem unreinen Elemente gesäuberte, Regierungsform weit besser 
ist als eine solche, die nur durch einen Fürsten, oder die Vor- 
nehmsten, oder das Volk gehandhabt wird. Der Nutzen des Kö- 
nigthums aber ist der, dafs die Öffentlichen Angelegenheiten ra- 
scher, regelmäfsiger und geheimnifsvoller vor sich gehen. Das 
Uebel, welches ihm anklebt, liegt.an dem Mifsbrauche der über- 
tragenen Gewalt, falls diese ein unwürdiger oder untüchtiger Re- 
gent bekleiden sollte. Selbst ein Wahlreich könnte vor solchen 
Gefahren nicht schützen, denn der Wähler mag ebenso irre ge- 
führt werden, wie der Gewählte, durch den Glanz der Macht ge- 
blendet, sich ändern und den Pfad der Gerechtigkeit verlassen 
kann. Und angenommen, ein solcher mit Allgewalt ausgerüsteter 
Wahlkönig hätte überdies Kinder, wer könnte ihn, trotz der Ver- 
fassung, daran hindern sie zu seinen Nachfolgern zu bestellen? ?) 
Will man daher eine Regierungsform aufstellen, welche nur das 
Beste der monarchischen in sich schliefse, so begnüge man sich, 
da es geradezu unmöglich ist, jede Schattenseite zu vermeiden, 
das Gute davon lieber unvollständig zu genielsen, als eine Voll- 
kommenheit anzustreben, die ohne Beimischung des Nachtheiligen 
nicht erreichbar erscheint. Man wähle daher einen, in seiner 


1)8.6 u. fig Wir geben immer nur den Sinn und keineswegs eine 
wortgetreue Uebersetzung. 

3) ,Perd questi pensieri, che e (i) tiränni deponghino le tirannidi, € 
che e (i).re ordinino bene e (i) regni, privando la sua posterità della succes- 
sione, si dipingono più facilmente in su’ libri e nelle immaginazioni degli 
uomini, che non se ne eseguiscono in fatto etc. 9. 26. 


298 Cornet 


Macht der Art beschränkten Kônig, dafs er nur in geringfügigen 
Dingen zu beschliefsen habe !); die Nachfolge bleibe ausgeschlos- 
sen; die Dauer seiner Gewalt währe, wo nicht lebenslänglich, 
doch so lange wie nur möglich. Durch die Beseitigung eines al- 
lein beschliefsenden und vollstreckenden Willens, wäre somit der 
Gefahr der Tyrannei vorgebeugt. 

Die Vor- und Nachtheile einer unvermischten Optima- 
ten- oder Volksregierung schildert Guicciardini folgender- 
malsen: ?) 

Die Macht der Vornehmsten bietet das Gute dar, dafs die- 
selbe nicht so bald wie die eines Einzelnen ausarten kann; da 
sie überdies dem vorzüglichsten Stande angehören, so ist ihr 
Walten zugleich bei weitem mehr verständig und klug, als die 
Herrschaft des Volkes. Da ihre Gewalt aber sehr grofs ist, 80 
sehen sie stets auf ihren Nutzen, sollte auch das Volk in seinen 
Rechten dadurch beeinträchtigt werden. Wir sehen ferner, wie 
der zügellose Ehrgeiz der Menschennatur ihrer Gemüther sich be- 
mächtig. Die einen suchen dann die anderen zu überflügeln, 
wodurch ein Zustand der Dinge herbeigeführt wird, der nothwen- 
diger Weise in Tyrannei endet. Will man daher in dieser Re- 
gierungsform das möglichst Beste suchen, so bleibe zuerst, damit 
die Schlechten nicht ans Ruder gelangen, das Erbrecht ausge- 
schlossen. Die Wahl der Ottimati dehne sich auf diejenigen al- 
lein aus, die kraft des Grundgesetzes ein Amt zu bekleiden be- 
rufen sind. Ein lebenslänglicher, stark vertreteneg Senat möge 
die schwierigsten Angelegenheiten leiten ?); zur Besetzung der- 
jenigen Stellen aber, die mit dem Steuerwesen, mit den Staats- 
einnahmen und mit der öffentlichen Schuld betraut sind, ist, wie 
zur Gesetzgebung die Zustimmung des Volkes nothwendig. — Die 
Lichtseite einer Volksherrschaft ist wohl die, dals während ihrer 
Dauer, keiner als Tyrann sich aufwerfen darf; die Gesetze ver- 
mögen mehr als die Menschen, und das allgemeine Wohl ist das 
Endziel jedes Beschlusses. Allein da das Volk unfähig ist, über 
wichtige Angelegenheiten selbst zu beschliefsen, ferner unbestän- 
dig und aufrührisch, so wird es auch leicht den Ehrgeizigen zur 


1) ... e ordinandolo cosi, se ne caverebbe il bene di avere uno oc- 
chio, che vigilassi continuamente le cose publiche, uno capo a chi le si po- 
tessino referire, uno procuratore che le proponessi, sollecitassi, e ricordassi. S. 7. 

2) 8. 8—10. 

8) cioè le guerre, le paci, le pratiche co’ principi, e tutte le cose su- 
stanziali alla conservazione e augmento del dominio. S. 9. 


Guicciardini’s Unedirte Werke. 299 


Beute. Man übertrage daher dem Volke zur Wahrung der Frei- 
beit nur die Bestätigung der Würden und der Gesetze; in der 
Rathsversammlung ergreife derjenige allein das Wort, der von 
der Obrigkeit dazu bestellt ist, und zwar über den ihm vorher- 
bestimmten Gegenstand. Durch eine solche gemischte Regie- 
rungsform wäre der Zweck erreicht, wovon in der Abhandlung 
die Rede ist !). 

Zu weit würde es uns führen, wollten wir alle jene 
Stellen bezeichnen, wo die zwei Staatsmänner entweder in 
ihren Ansichten abweichen, oder sich begegnen und er- 
gänzen. Wir können dennoch nicht unterlassen einige Bei- 
spiele zu geben. Machiavelli hält an dem Grundsatze 
fest, dafs der Anordner eines Gemeindewesens die Men- 
schen als schlecht voraussetzen müsse. Dem tritt Guic- 
ciardini entgegen *). Die Behauptung, dafs die Menschen 
nur dann das Gute ausüben, wenn sie dazu gezwungen 
werden, klingt in der That etwas zu sehr unbedingt. Der 
Lenker eines Staates mülste vielmehr bei der Gesetzgebung 
von der Ansicht ausgehen, dafs die menschliche Natur nicht 
verdorben ?), sondern nur gebrechlich sei, und durch An- 
drohung der Strafe wie auch durch den Reiz der Beloh- 
nungen jede dem Staate nachtheilige Handlung zu verhin- 
dern suchen. 

Machiavelli stellt die Nothwendigkeit dar, dafs die 
Neugestaltung eines Staates von der schaffenden Kraft eines 
Einzelnen abhängig sei. Guicciardini *), weit entfernt ge- 
schichtlicher Erfahrung zu widersprechen, kann jedoch nicht 
umhin auszurufen: Möge nur Gott eine Nothwendigkeit 
dieser Art von jedem Staate abwenden, denn da ein sol- 


1) 8.14 u.fg., wo es sich darum handelt, wer der beste Hüter der 
Freiheit sei, das Volk oder der Stand der Vornehmen, stofsen wir auf fol- 
gende Bemerkungen... „io loderd sempre più che tutti gli altri governi, 
uno governo misto come di sopra; 6 in uno governo simile vorrö che la 
guardia della libertà contro a chi volessi opprimere la republica, appartenga 
a tutti, fuggendo sempre quanto si possa la distinzione tra nobili e plebei; 
e per necessita uno governo misto à temperato in modo, che in favore della 
libertà, l’uno ordine è guardia dell’ altro“. 


3) 8.10 u. fg. | 
3) Nach Guicciardini: „gli uomini tutti sono per natura inclinati al 
bene... e se alcuno ha altra inclinazione ... più presto si debbe chiamare 


mostro, che uomo“. 8. 11. 
4) 8. 22. 


300 Cornet 


cher Machthaber, will er seine Einrichtungen aus dem 
Schiffbruche retten, sich so lange behaupten mufs, bis die 
Zeit die Gemüther beschwichtigt, so tritt dagegen die Ge- 
fahr ein, dafs die Reize der Macht ihn zum Bösen ver- 
leiten. 

Machiavelli sowohl als Guicciardini schleudern heftige 
Worte des Tadels gegen diejenigen, welche durch Herrsch- 
gier hingerissen die Freiheit ihres Landes ersticken‘). Dem 
Scharfblicke des letzteren konnte jedoch nicht entgehen: 
„che qualche volta le forme delle libertà sono si disordinate 
e le città ripiene tanto di discordie civili, che la necessità 
conduce qualche cittadino, non potendo salvarsi altrimenti, 
a cercare la tirannide, o a aderire a chi la cerca“. (S. 24). 

Die Lösung der Frage, ob die Unterthanen mit Strenge 
oder mit Milde zu behandeln seien, glaubt Guicciardini 
darin finden zu müssen, dafs man hauptsächlich auf den 
Charakter der Regierten Bedacht nehme?). „Es gibt Leute 
edler und roher Gemüthsart; mit jenen gehe man liebreich 
um, diesen gegenüber walte die Strenge, welche allein sie 
zu bezähmen vermag. Friedrich Rothbart, der wackere 
Fürst, pflegte zu sagen, die vorzüglichsten Nationen der 
Welt sind die deutsche und die italienische; die erste aber 
anmalsend, übermüthig °), die Italiener hingegen mehr ge- 
sittet und verträglich‘), daher die Nothwendigkeit, mit die- 
sen den Weg der Milde, mit jenen den der Strenge ein- 
zuschlagen, will man sie nicht noch übermüthiger haben. 
Uebrigens die Strenge ohne Menschlichkeit, sowie diese 
ohne jene sind dem Regierenden gleich schädlich; die 
Vereinigung beider im richtigen Verhältnisse würde eine 
ebenso bewunderungswürdige wie seltene Erscheinung dar- 
bieten“. 


1) Unter diese Verwerflichen ist Caesar einzurechnen, welcher sonst nach 
Guicciardini (war) „pieno di molte altre virtù, ma oppresso dalla ambizione 
del dominare“. 2) 8. 7578. 

8) ,arroganti, insolenti, e di qualitè, che la dolcezza che tu usavi con 
loro, la attribuivano più presto a timore, che a umanitä“. 8. 76. 

*) „e di natura che la asperitè più presto gli sdegnava, che spaven- 
tava®. ibid. 


Guieciardini’s Unedirte Werke. 301 


Es wäre in der That unverantwortlich, wollten wir 
unterlassen den Standpunkt zu berühren, welchen die zwei 
scharfblickenden Männer der weltlichen Herrschaft des 
Papstes gegenüber eingenommen haben. Zur besseren Wür- 
digung desselben ziehen wir vor ihre Ansichten unverkürzt 
mitzutheilen. Zunächst die Machiavellis: 


E perchè sono alcuni d’oppinione, che’l ben essere delle cose 
d'Italia dipende dalla chiesa di Roma, voglio contro ad essa dis- 
correre quelle ragioni che mi occorrono: e ne allegherd due po- 
tentissime, le quali, secondo me, non hanno repugnanza. La 
prima è, che per gli esempi rei di quella corte, questa provincia 
ha perduto ogni divozione, ed ogni religione: il che si tira dietro 
infiniti inconvenienti, e infiniti disordini; cosi come dove & reli- 
gione si presuppone ogni bene, cosi dove ella manca, si presup- 
pone il contrario. Abbiamo, adunque, con la chiesa e con i preti 
noi Italiani questo primo obbligo, d’essere diventati senza reli- 
gione, e cattivi: ma ne abbiamo ancora un maggiore, il quale & 
cagione della rovina nostra. Questo &, che la chiesa ha tenuto 
e tiene questa nostra provincia divisa. E veramente, alcuna pro- 
vincia non fu mai unita o felice, se la non viene tutta alla obe- 
dienza d’una repubblica o d’uno principe, come & avvenuto alla 
Francia ed alla Spagna. E la cagione che la Italia non sia in 
quel medesimo termine, ne abbia anch’ ella o una repubblica, o 
uno principe che la governi, & solamente la chiesa: perche, aven- 
dovi abitato e tenuto imperio temporale, non è stata si potente 
ne di tal virtü, che l’abbia potuto occupare il restante d’Italia, e 
farsene principe; e non è stata, dall’ altra parte, si debile, che, 
per paura di non perdere il dominio delle cose temporali, la non 
abbi potuto convocare uno potente che la difenda contra a quello 
che in Italia fusse diventato troppo potente: come si & veduto 
anticamente per assai esperienze, quando mediante Carlo Magno 
la ne caccid i Lombardi, ch’erano giä quasi re di tutta Italia; e 
quando ne’ tempi nostri ella tolse la potenza a’ Veneziani con 
V’aiuto di Francia; dipoi ne cacciö i Franciosi con l’aiuto de’ 
Svizzeri. Non essendo, dunque, stata la chiesa potente da po- 
tere occupare l’Italia, n& avendo permesso che un altro la oc- 
cupi, & stata cagione che la non & potuta venire sotto un capo; 
ma è stata sotto più principi e Signori, da’ quali & nata tanta 
disunione e tanta debolezza, che la si & condotta ad essere stata 
preda, non solamente di barbari potenti, ma di qualunque l’as- 


302 Cornet 


galta. Di che noi altri Italiani abbiamo obbligo con la chiesa, 
e non con altri'). — 


Wie verhält sich nun Guicciardini, der so lange im 
Dienste des römischen Hofes gestanden und zur Genüge 
Gelegenheit gehabt hatte, dessen Ränke und Gebrechen 
kennen zu lernen, zu dieser durch die Geschichte gerecht- 
fertigten Philippica des edlen Machiavelli? Das von ihm 
in kurzen aber desto schärferen Zügen entworfene Bild 
konnte in der That nicht anders ausfallen, wollte er selbst 
nicht werden zum Verräther der Wahrheit. Hier seine 
Worte: 


Non si puö dire tanto male della corte romana, che non 
meriti se ne dica più, perchè è una infamia, uno esemplo di tutti 
e (i) vituperii e obbrobrü del mondo. E anche credo sia vero 
che la grandezza della chiesa, cioè la autorità che gli ha data 
la religione, sia stata causa che Italia non sia caduta in una mo- 
narchia; perchè da uno canto ha avuto tanto credito che ha po- 
tuto farsi capo, e convocare quando è bisognato, principi esterni 
contro a chi era, per opprimere Italia; da altro, essendo spogliata 
di armi proprie, non ha avuto tante forze che abbia potuto sta- 
bilire dominio temporale altro che quello che volontariamente gli 
& stato dato da altri ?). 


1) N Principe, e Discorsi sopra la prima deca Capo XII, lib. 1° dei 
Discorsi. Firenze Le Monnier 1848. 


2) 8.27 u. fg. In seinem 48. Ricordo S. 104, wo er sagt, dafs jeder 
Staat, ausgenommen die aus der Wahl des Volkes hervorgegangene Republik, 
der Gewalt allein seinen Ursprung zu verdanken hat, bemerkt er ausdrück- 
lich, dafs die Gewaltthätigkeit der geistlichen Regierung zweifacher Art ist, 
indem sie uns sowohl mit weltlichen als mit geistigen Waffen Zwang anthue, 
und erreicht seine Entrüstung darüber im 28. und 346. Ricordo den höchsten 
Gipfel. Nach einer scharfen Rüge aller niedrigen Leidenschaften des Prie 
sterstandes läfst er sich in solche heftige Ausdrücke aus: „.. il grado che 
ho avuto con piü pontefici, m’ha necessitato a amare per il particulare mio 
la grandezza loro; e se non fussi questo rispetto, arei amato Martino Lutero, 
quanto me medesimo, non per liberarmi dalle leggi indotte dalla religione 
cristiana nel modo che & interpretata e intesa communemente, ma per vedere 
ridurre questa caterva di scelerati a’ termini debiti, cioè a restare o sanza 
vizii o sanza autorità“. — Wenn er aber in seinem 29. Ricordo anführt, 
wie der römische Staat nie untergeht, sondern nach harten Bedrängnissen, 
„risurge alla fine il suo diritto piü fresco che prima“, so hat dies als ge- 
schichtliche Thatsache und keineswegs als Widerspruch früher ausgesproche- 
ner Meinungen zu gelten. 








Guicciardini’s Unedirte Werke. 303 


Als Mann selbständiger Auffassung liebt aber Guic- 
ciardini die Unabhängigkeit des Urtheiles seinem Freunde 
gegenüber selbst da zu bewahren, wo sonst seine Ansich- 
ten mit denen Machiavelli’s sich begegnen. Wir stehen 
aber keinen Augenblick an, die Meinung Guicciardini’s zu 
bekämpfen, dafs Italien als einheitlicher Staat noch mehr 
des Unglückes theilhaftig geworden wäre!). Den Glanz, 
mit dem sich einige italienische Städte durch die Zerstük- 
kelung des Landes umgaben, wird niemand in Abrede stel- 
len wollen ?); erwägt man aber die dadurch entstandene 
politische Schwäche, ferner wie nicht selten der römische 
Hof, sei es aus Rachgier oder in selbstischer Absicht, 
fremder Eroberungssucht Vorschub geleistet oder seine Hand 
dazu geboten hat, so wäre man versucht als beifsende Iro- 
nie anzunehmen, was Guicciardini in folgender Schlufsbe- 
merkung uns aufdringen will: „perd se la chiesa romana 
si & opposta alle monarchie, io non concorro facilmente, 
essere stata infelicità di questa provincia, poi che l’ha con- 
servata in quello modo di vivere che à più secondo la an- 
tiquissima consuetudine e inclinazione sua“ °). 

Wir glauben die Wichtigkeit der Guicciardinischen 
Betrachtungen hinlänglich dargethan zu haben; gehen wir 
zu seinen Ricordi über, die in demselben Bande der Opere 
inedite den Considerasioni unmittelbar folgen. Diese „Ri- 
cordi politici e civili“, 403 an der Zahl‘), müssen als das 
kostbarste Ergebnifs eines an Erfahrungen überreichen Le- 
bens betrachtet werden. Die verschiedenartigsten Fragen 
gesellschaftlicher, religiöser und politischer Natur werden 
darin ebenso tiefsinnig behandelt, wie sie denn auch in 
Bezug auf ihre edle, einfache und reine Form von bezau- 
bernder Wirkung sind. Der hochverdiente Gamba belehrt 
uns in seiner Serie dei testi di lingua®) über verschiedene 


1) ,chè io reputo, che una monarchia gli sarebbe stata più infelice, 
che felice.* 8. 28. 

3) ,nondimeno in tutti questi tempi ha avuto al rincontro tante città 
floride, che non arebbe avuto sotto una repubblica.“ $. 28. 8) 8. 80. 

4) Mehre davon sind jedoch, wenn nicht der Form, dem Inhalte nach 
wiederholt. 

5) Venezia 1889. 8.427, No. 1444, und Canestrini 8. XXVI_— XXX. 


304 Cotnet 


Ausgaben dieser Ricordi; dieselben sind aber alle durch- 
weg mangelhaft und entstellt. Canestrini gab sie nun her- 
aus, so wie er sie in den Autographen vorfand; es wäre 
nur zu wünschen gewesen, er hätte sie nach dem Inhalte 
gruppirt, oder wenigstens ein Register beigefügt, um den 
Leser in den Stand zu setzen den Ideengang Guicciardini’s 
besser zu verfolgen. — Wir werden jene Ricordi beson- 
ders ins Auge fassen, welche auf dem Gebiete der Politik 
sich bewegen. 

Die unbeugsame Standhaftigkeit politischer Meinun- 
gen bildet den Gegenstand des ersten Ricordo. Der Satz 
des Evangeliums, dafs nur der im Glauben Starke grofse 
Dinge zu vollbringen vermag, wird von Guicciardini auf 


diejenigen angewandt, welche unerschütterlich den Glauben . 


an den Sieg ihrer Lieblingsideen festhalten. Wer also 
glaubt, schreitet vorwärts, ohne der Gefahren zu gedenken, 
die ihn umlagern; und da hinieden alles vielen Zufällen 
unterworfen ist, so können immerhin Ereignisse eintreten, 
die seinen Hoffnungen die ersehnte Wendung geben. — 
Gegen die im 3. Ricordo ausgesprochene Ansicht, dafs nur 
der Mangel an Menschenkenntnifs, sowie der Geiz die Für- 
sten veranlasse, Untüchtigen die Leitung des Staates an- 
zuvertrauen, wird wohl niemand im allgemeinen Einspruch 
thun. Da die Zeit aber, in welcher Guicciardini gewirkt, 
sehr reich an ausgezeichneten Staatsmännern war, so ist 
es geradezu in Abrede zu stellen, dafs diese Belehrung auf 
damalige Zustände sich beziehe, wie Guicciardini uns bei- 
bringen möchte '). Sein Vorschlag dagegen, eine Art po- 
litischer Schule zu begründen, ist sehr zu beherzigen. „Ein 
vorsichtiger Fürst?) sollte bedacht sein, junge befähigte 
Männer an sich zu ziehen, und durch Wohlthaten zu fes- 
seln; er trachte, dieselben nach und nach in die Geheim- 
nisse der Staatskunst einzuführen, und mit der Leitung der 
Geschäfte sie vertraut zu machen. Dadurch wird er den 
zweifachen Zweck erreicht haben, sowohl getreue, als tüch- 


1) „Vedesi per esperienza.“ 9. 86. 
3) „Uno principe prudente, e che non si riducessi a pensare giornal- 
mente a quello che gli bisogna; ma anticipando col pensiero“ etc., 8. 87. 





Guicciardini’s Unedirte Werke. 305 


tige Diener um sich zu sehen.“ — Dafs Guicciardini von 
dem römischen Hof keine günstige Meinung hegte, wurde 
bereits bemerkt. Die Vergleichung die er in dem eben er- 
wähnten Ricordo zwischen dem Minister eines weltlichen 
Fürsten und dem eines Papstes anstellt, ist nur dazu ge- 
eignet, einen der wesentlichen Uebelstände der römischen 
‚Regierung schlagend darzulegen. In Anbetracht, dafs die 
einem weltlichen Fürsten geleisteten Dienste, sowie die Er- 
fahrung lehrt, selbst unter dem Nachfolger fortdauern kön- 
nen, da dieser nicht so leicht derselben sich zu entschlagen 
vermag; da ferner die Minister eines Fürsten meistens Un- 
terthanen desselben sind und mit Gütern belohnt werden, 
die in seinem Staate liegen: sei es anzunehmen, dafs sol- 
‘che Männer ihrem Herrn auch mit aller Ergebenheit die- 
nen werden. Wie ganz anders aber im römischen Staate? 
Hier die eigenen Worte Guicciardini’s: „Essendo commune- 
mente (i pontefici) di brieve vita, non hanno molto tempo 
a fare uomini nuovi; non concorrono le ragioni medesime 
di potersi fidare di quelli che sono stati appresso allo an- 
tecessore; sono e (ji) ministri uomini di diversi paesi, non 
dependenti dal pontificato; sono beneficati di cose che sono 
fuori delle mani del principe e successori; non temono del 
nuovo pontefice; n& hanno speranza di continuare il servi- 
zio suo con lui; in modo che è periculo non siano più in- 
fedeli e manco affezionati al servizio del padrone, che quelli 
che servono uno principe seculare.* — 8.87. — 

Dafs übrigens die Verhältnisse zwischen einem Für- 
sten und einem Minister, besonders wenn der letztere je- 
nen zur Macht verholfen hat, ihre Schwierigkeiten haben, 
beweist er treffend durch folgende Ansprache eines Herr- 
schers an seinen Rathgeber '): „Jedesmal wenn du, einst 
der Schemel zu meiner Erhöhung, begehrst, dafs ich nach 
deinem Gutdünken verfahre, oder solche Anforderungen an 
mich stellst, welche meine Machtvollkommenheit schmälern, 
vernichtest du mit einem Male die mir erwiesene Wohlthat; 
denn du bestrebst dich, sei es ganz, oder nur theilweise, 





> 


1) Ric. 52. 58. 349. 
II. 3. | 21 


306 Cornet 


die Wirkungen derselben zu zerstören.“ An den Fürsten 
selbst, welche meist nicht nach Vernunft, sondern aus Ei- 
gendünkel handeln '), liegt ferner die meiste Schuld, wenn 
ihre Minister vieles veruntreuen; denn ihre Kurzsichtigkeit, 
ihr Undank allein, läfst sie zwischen dem unbescholtenen 
und dem bestechlichen, geldgierigen Diener keine Linie 
ziehen ?). Die Pflichten eines Staatsoberhauptes seinen Un- 
terthanen gegenüber leitet Guicciardini von dem ewig wah- 
ren Grundsatze ab, dafs man die Fürsten nicht ihrethal- 
ben, denn niemand hätte sich so wohlfeil seiner Freiheit 
begeben, sondern nur deshalb vorgesetzt habe, dafs die 
Völker einer guten Regierung sich zu erfreuen hätten ’?). 
Sobald daher ein Fürst gegen seine Regierten widerrecht- 
lich handelt, so hört er auf ein solcher zu sein, und wird 
zur Geilsel seines Landes. Verwerflich sind aus diesem 
Grunde jene Machthaber, welche durch unedlen Ehrgeiz 
getrieben *), nur nach jener Gröfse haschen, welche der 
Ehre und jedem Gefühl von Menschlichkeit widerstrebend 
ist. — Der gute Fürst sei freigebig und milde, selbst ge- 
gen die Besiegten; ein tüchtiges Staatsoberhaupt bewahre 
stets das Geheimnifs in allen öffentlichen Angelegenheiten‘) 
und halte überdies seine Minister strenge dazu an. An 
. Belehrungen, wie die Fürsten den Anforderungen ihrer Un- 
terthanen gegenüber sich zu verhalten haben, fehlt es hier 
auch nicht. Gegen den Grundsatz, dafs ein Fürst vor Sol- 
chen sich zu hüten habe, die nie zufrieden, oder gar zum 
Aeulsersten entschlossen sind °), wird niemand etwas ein- 
wenden; dafs ein Fürst aber, wie Guicciardini meint, sich 
hüten solle, seinen Regierten jede Freiheit zu gewähren, 
ob der Gefahren die ihm daraus erwachsen könnten ?), ist 
eine Mahnung, in das ewige Gesetz der organischen Ent- 


wicklung menschlicher Einrichtungen gewaltsam einzugrei- | 


fen. Das Verfahren des Tyrannen wird von Guicciar- 


dini kräftig geschildert ®); hat sich aber ein solcher der 


Regierung bemächtigt, so ist es Pflicht jedes ehrlichen Bär- 


') Ric. 128. 2) Ric. 204. 8) Ric. 814. *) Ric. 82. 
5) Ric. 88. 6) Ric. 180. 181. 7) Ric. 208. 835. 8) Ric. 
98—101. 108. 


Guicciardini’s Unedirte Werke. 37 


_gers, um eine Stelle in seinem Ratlıe anzuhalten, damit 
dem Lande die verhältnifemäfsig geringste Unbilde zuge- 
fügt werde '),. — Was die Handhabung der öffentlichen An- 
gelegenheiten betrifft, so stellen wir den Satz von ihm 
obenan, dafs kein Lenker eines Staates selbst das Gering- 
fügigste aufs Gerathewohl unternehmen soll?). Hat ein Mi- 
nister irgend ein Staatsgeschäft zu betreiben, so schenke 
er demselben bis zu seiner Vollbringung die schärfste Auf- 
merksamkeit; denn nur so wird es ihm möglich sein, die 
Schwierigkeiten zu überwinden, die an und für sich bei 
jeder Unternehmung sich erheben °), So ist es auch von 
der gröfsten Nothwendigkeit, dafs derjenige, der mit Vor- 
theil unterhandeln will, nur allmälig sich herbeilasse, die 
ibm gestellten Bedingungen anzunehmen. Durch das Hin- 
ausschieben erschöpft sich leichter die Geduld der Gegen- 
parthei, und die Vereinbarung wird mit besserem Nutzen 
zu Stande gebracht ‘). 

Ein besonderes Gewicht legt Guicciardini auf die Un- 
erschrockenheit eines Staatsmannes bei den Gefahren, die 
eine Regierung bedrohen können; denn selbst zugegeben, 
das das Uebel bereits eingebrochen sei, fehle es doch 
nie an Hilfsmitteln, die das Unglück, wo nicht abwenden, 
doch stets zu mildern vermögen). Guicciardini erscheint 
uns ferner als abgesagter Feind übertriebener Strenge, ei- 
ner solchen besonders, welche gegen das Leben der Unter- 
thanen gerichtet wird. Jedes Todesurtheil wegen politi- 
scher Vergehen diene nur dazu, neue unversöhnliche Feinde 
einem kRegenten zu verschaffen ®). — Nicht minder treffend 
ist seine Bemerkung, wie jede öffentliche Stelle, die einer. 
bekleidet, die geistigen und moralischen Anlagen desselben 
aufdecke ?); sehr unwürdig aber und verwerflich ist dage- 
gen der Grundsatz, dals ein Beamter, nur um nicht Auf- 
sehen zu erregen, sich hüten solle, zugefügte Beleidigun- 
gen zu entgelten, da es ihm ohnedem früher oder später 
an Gelegenheit nicht fehlen könne, durch Vorschützung des 


1) Ric. 220. 3) Ric. 187. 3) Ric. 192. 4) Ric. 43. 132. 340. 
$) Ric. 116. 6) Ric. 341. 342. 372. 1) Ric. 163. 258. 


21° 


308 Cornet 


Gesetzes seine Rachsucht zu befriedigen '). Der nämliche 
Mangel an moralischem Gefühle, tritt uns, wenn auch nicht 
so grell, bei der Aufzählung der Gefahren politischer Ver- 
schwörungen entgegen, wo von allem, nur nicht von der 
Unsittlichkeit derselben die Rede ist ?). — Der schwierigen 
Frage der Neutralität widmet Guicciardini drei inhalts- 
schwere Betrachtungen °), deren Sinn folgender ist: Die Be- 
wahrung der Neutralität gegenüber sich bekriegenden Mäch- 
ten, kann in dem einzigen Falle für unschädlich gehalten 
werden, wenn der neutrale Staat sich so mächtig fühlt, 
dafs er weder vom Sieger, noch vom Besiegten etwas zu 
befürchten hat. Als die verderblichste aller Neutralitäten 
aber ist diejenige zu betrachten, welche nicht etwa 
durch kluge Berechnung, sondern allein durch Unentschlos- 
senheit bestimmt wird. Denn durch das Wanken in den 
Entschlüssen, genügst du selbst jener Macht nicht, welche 
deiner Neutralität wenigstens sich vergewissern möchte. 
Schliefsest du aber einen Neutralitätsvertrag selbst mit ei- 
ner Macht die ihn wünscht, so kannst du im besten Falle 
nur hoffen, dafs sie als Siegerin dich schonen werde. Man 
sieht daher, dafs Guicciardini die Neutralität zuvörderst 
von der gefährlichsten Seite betrachtete. Sehr zu beher- 
zigen dünkt uns die eindringliche Ermahnung, die Guic- 
ciardini an diejenigen ergehen läfst, welche entweder den 
Sturz oder den Aufschwung einer Regierung, eines Staa- 
tes als bevorstehend betrachten. Man gebe sich darüber 
keinen Täuschungen hin, meint er, denn die Einbildung 
trügt nicht selten; der Gang der öffentlichen Angelegen- 
heiten, viel träger als es scheint, ist auch den verschieden- 
artigsten Zufälligkeiten unterworfen, die ihn aufhalten kön- 
nen ‘). Guicciardini wollte damit allein vor der Gefahr der 
Ueberstürzung warnen; dafs die Welt aber in steter Ent- 
wicklung fortschreite, bekennt er feierlich durch folgende 
Worte: „Le cose del mondo non stanno ferme, anzi hanno 
sempre progresso al cammino a che ragionevolmente per 
sua natura hanno a andare e finire, ma tardano piü che 


1) Ric, 176. 2) 19. 20. 198. #) Ric. 68. 287. 288. *) Ric. 71. 


‘ 


‘ 


Guicciardini’s Unedirte Werke. 309 


non & la opinione nostra, perchè noi le misuriamo secondo 
la vita nostra che & breve, e non secondo il tempo loro 
che & lungo“ etc. !). — Sehr heftig zieht er gegen die s0- 
genannten Maulhelden der Freiheit zu Felde, welche nur 
ihre Selbstsucht zum Endzweck haben; die Erfahrung lehrt 
in der That, dafs, wenn solche ,credessino trovare in uno 
stato stretto miglior condizione, vi correrebbono per le 
poste . ... e sono pochissimi quegli che cognoscono quanto 
vagha la gloria e l’onore ?).“ Welches ist aber überhaupt 
nach Guicciardini das Ziel der Freiheit? Etwa jenes, dafs 
ein jeder sich berechtigt glaube zu herrschen? Gegen diese 
Ansicht erklärt sich unser Staatsmann feierlich, nach des- 
sen Meinung der tüchtige und verdienstvolle Bürger allein 
die Zügel der Regierung in Händen haben sollte. Gedie- 
gene, und unter einer despotischen Regierung bei weitem 
nicht so wohl gemeinte Gesetze sind das kostbarste Er- 
gebnifs der Freiheit; die Befolgung eben dieser mustergil- 
tigen Einrichtungen bildet die schönste Aufgabe des öffent- 
lichen politischen Lebens. Nicht minder heftig tritt er ge- 
gen die wetterwendischen und eitlen Menschen auf, welche 
durch Befriedigung ihrer Leidenschaften selbst für den 
schlechtesten Plan zu gewinnen sind°). — Sehr beach- 
tenswerth dünkt uns die politische Folgerung zu sein, die 
Guicciardini aus einer Parallele zwischen Julius II. und 
Clemens VII. zieht. Der eine war, wie bekannt, ein gro- 
ßer unternehmender Geist, ungestüm, überstürzend; der 
andre beschränkt, beinahe furchtsam, sehr ausdauernd, mä- 
fig, verstellt. Woher kommt es aber, dafs man von so 
entgegengesetzten Charakteren gleichmälsig etwas Grolses 
erwartete? Der Grund liegt darin, dafs sowohl die aushar- 
rende Geduld, wie das Ungestüm, geschickt angewendet, 
grofse Wirkungen hervorzubringen vermögen. Derjenige, 
der beides in sich vereinigen würde, und das eine Mal die 
Schwierigkeiten durch Zögern, das andre Mal durch Ge- 
walt besiegen könnte, der wäre göttlich zu nennen. Da 
dies aber unmöglich, so erachtet Guicciardini, dafs das 


1) Ric. 862. 2) Ric. 66. 328. 3) Ric, 167. 200. 


310 Cornet 


Ausharren und die Mäfsigung, eher als das Ungestüm oder 
die Ueberstürzung, grofse Dinge hervorzubringen vermö- 
n'!). — 
er WE wollen die Besprechung der politischen Aphoris- 
men Guicciardini’s mit denjenigen schliefsen, welche mehr 
das subjective Gepräge seiner Gefühle an sich tragen. Und 
da tritt uns zuerst die zu jeder Zeit anerkannte Wahrheit 
entgegen, dafs jede irdische Gröfse mit vielen Bitterkeiten 
vermischt ist. „Wie jeder andere Mensch, strebte ich nach 
Ehrenbezeugungen, und sah auf meinen Vortheil; meine 
Hoffnungen wurden nicht selten übertroffen, nichtsdesto- 
weniger fand ich die Befriedigung nicht, welche mir die 
Einbildung mit den schönsten Farben vorgemalt hatte. — 
Ein glänzender Schein übertüncht die Beschwerden, die 
Gefahren irdischer Gröfse; und würden die Menschen im 
Stande sein, jenen von diesen zu unterscheiden, so hätten 
sie wahrlich keinen Grund, schrankenlosem Ehrgeize zu 
fröhnen ?). Das Gefühl allgemeiner Huldigung jedoch be- 
wirkt, dafs die Menschen in dem Wahne leben, Gott ähr- 
lich zu sein; deshalb glaubet nicht denjenigen die hoch be- 
theuern, dem öffentlichen Leben nur aus Liebe zur Ruhe 
entsagt zu haben, denn bei günstiger Gelegenheit „lasciata 
la tanto lodata quiete“ würde man sie in die frühere Lauf- 
bahn zurückstürzen sehen „con quella furia che fa il fuoco 
alle cose bene unte e secche°).“ — Im 236. Ricordo stofsen 
wir auf drei Hauptwünsche unseres Staatsmannes, von de- 
nen der erste allein mit den sonst von ihm vertretenen An- 
sichten im Widerspruche steht: „Drei Sachen möchte ich 
vor meinem Tode begründet sehen; eine wohlgeordnete Re- 
publik in Florenz; Italien von jeder Fremdherrschaft, und 
die Welt von der Tyrannei der ruchlosen Pfaffen befreit.“ 
Sein Scharfblick benahm ihm jedoch die Hoffnung, selbst 
einen einzigen seiner Wünsche in Erfüllung gehen zu se- 
hen. — Seine Belehrungen, welche das gesellschaftliche Le- 
ben zum Vorwurf haben, verrathen überall den feinen, klu- 
gen, gewandten Weltmann. Seine Ansichten über die Freund- 


1) Ric. 881. 2) Ric. 15. 16. 281. 282. 8) Ric. 17. 279. 





Guicciardini’s Unedirte Werke. 31 


schaft, die Nothwendigkeit des Wohlthuns u. 8. w. sind ge- 
eignet das scharfe Urtheil zu mälsigen, welches man, 
obwohl mit Widerwillen, doch manchmal gezwungen ist, 
über diesen grofsen Mann zu fällen, der dem Einflusse sei- 
ner Zeit nicht immer zu entgehen vermochte, 

Wir dürfen zum Schlusse jene Betrachtungen nicht 
unberührt lassen, welche uns in seine religiösen Anschauun- 
gen Einsicht gewähren. Dafs ein so aufgeklärter, durch 
und durch praktischer Geist wie Guicciardini war, jeder 
Schwärmerei abhold sein mufste, kann nicht auffallen. „Ich 
tadle weder das Fasten noch das Gebet, sagt er, noch die 
anderen frommen Werke, die uns durch die Kirche aufer- 
legt sind; das Wesen der Religion besteht doch darin, nie- 
mandem zu schaden, und dem Nächsten so nützlich als 
nur möglıch sich zu erweisen '). Die überspannte Religio- 
sität erlahmt das Gemüth, verwirrt den Geist, und hält 
die Menschen von jeder kräftigen Unternehmung ab. Meine 
Absicht geht jedoch weder dahin dem christlichen Glau- 
ben, noch dem Gottesdienste Eintrag zu thun, sondern ein- 
zig und allein, die Leute zur Unterscheidung jener Dinge 
zu ermuntern, die man mit gutem Gewissen befolgen, oder 
verachten soll ?).“ Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn 
wir die Wunder und den Aberglauben überhaupt als eben 
jene Dinge bezeichnen, welche Guicciardini der Verachtung 
preisgeben will. „Jede Religion hat ihre Wunder gehabt, 
sie vermögen daher ebenso wenig die Wahrheit der ei- 
nen, wie die der anderen zu beweisen; angenommen also, 
das Wunder beweise die Allmacht Gottes, so folgt daraus, 
dafs der Gott der Heiden ebenso mächtig war, als der der 
Christen. — Es wäre vielleicht auch keine Sünde, das 
Wunder, wie die Weissagung, als ein undurchdringliches 
Geheimnifs der Natur zu betrachten. Jedes Volk und so 
zu sagen jede Stadt verrichtet solche Andachtsübungen, 
welche die nämlichen vermeintlichen Wirkungen hervorbrin- 
gen. Die h. Maria Impruneta zu Florenz macht Regen 
und Sonnenschein; anderswo dasselbe. Dies zeigt deutlich, 


1) Ric. 159. 2?) Ric. 254. 


312 Cornet 


dafs die Gnade Gottes einem jeden zur Hülfe kommt; und 
vielleicht auch, dafs derlei Erscheinungen eher geglaubt 
werden, als sie in der That geschehen !).“ Nach dem vor- 
her Gesagten begeht Guicciardini keine Inconsequenz, wenn 
er die Philosophen und die Theologen, welche mit über- 
natürlichen Dingen sich befassen, nichts als Albernheiten 
reden läfst. Ihr Grübeln könne höchstens zur Schärfung 
des Verstandes, aber nie zur Auffindung der Wahrheit füh- 
ren?). Was natürlicher daher, als dafs dem Guicciardini 
jene Ordensbrüder, welche stets von der Kanzel die Vor- 
herbestimmung und die schwierigen Glaubensartikel im 
Munde führten, als Narren erscheinen mufsten? Wer könnte 
auch in der That dem Grunde seines scharfen Urtheiles 
vollständige Anerkennung versagen? Denn er meint, viel 
vernünftiger sei es, dem Volke keinen Anlafs zu geben an 
solche Dinge zu denken, die seine Begriffe übersteigen, als 
Zweifel in ihm zu erregen, welche man nur durch den 
Zwang des Glaubens lösen kann ®). 

Die Literatur ist in seinen Ricordi gar nicht berührt; 
er leihet jedoch den schönen Wissenschaften Worte der 
Anerkennung; der Verständige allein sollte sich aber da- 
mit ‚befassen, indem sie dem beschränkten Geiste eher scha- 
den als nützen *). Der Grund, den er angibt, warum dem 
. Wesen nach jedes Volk gleichbedeutende Sprichwörter hat, 
dünkt uns der einzig wahre zu sein, der nämlich, dafs die 
Sprichwörter überall der Erfahrung und der Beobachtung 
derselben, oder ähnlicher Dinge ihren Ursprung verdan- 
ken‘). Es bleibt uns nur noch übrig der eignen Ansich- 
ten Guicciardini’s über seine Ricordi, welche trotz ihrer 
Entstellung gleich bei ihrem Erscheinen die Benennung 
aurei erhielten, Erwähnung zu thun. — „Präget euch wohl, 
sagt er, diese Mahnungen ins Gedächtnifs, welche übrigens 
leichter aufzufassen, als zu befolgen sind); sie machen 
aber auch keinen Anspruch auf allgemeine Geltung; der 
Verstand und die Erfahrung werden in Bezug auf ihre An- 


1) Ric. 128. 124. 2) Ric. 196. 8) Ric. 857. *) Ric. 47. 314. 
5) Ric, 12. 6) Ric. 9. 


Cd 


Guicciardini’s Unedirte Werke. 313 


wendung die besten Wegweiser sein“ !). Der florentinische 
Senator, Jacopo Pitti, pflegte in voller Würdigung des 
moralischen Werthes der Ricordi, sowie in Rücksicht des 
Zwiespaltes zwischen ihnen und dem politischen Lebens- 
wandel des Verfassers, sich spöttisch zu äulsern: Guicciar- 
dini faceva come il gallo che canta bene e ruspa male. 
Die politischen Reden bilden den Schlufs des ersten Ban- 
des: über diese sowie die Schriften der folgenden Bände 
in einem späteren Hefte. 


1) Ric. 257. 348. 


Wien. Enrico Cornet. 


# 


314 Liebrecht. 


Die Quellen des „Barlaam und Josaphat“. 


Zu derjenigen Classe von Volksbüchern, die besonders im 
Mittelalter, aber auch noch in den folgenden Jahrhunderten eine 
ausgedehnte, sich über ganz Europa erstreckende Verbreitung ge- 
nossen und deren Titel und Inhalt jedem Literaturfreunde gegen- 
wärtig sind, gehört auch das, welches den Gegenstand der vor- 
liegenden Bemerkungen bildet, nämlich der gewöhnlich dem heil. 
Johannes von Damaskus zugeschriebene geistliche Roman Bar- 
laam und Josaphat. Ich will hier die Frage dieser vielfach be- 
strittenen und vertheidigten Autorschaft nicht weiter berühren, 
indem ich darüber, sowie über die andern literarischen Nach- 
weise der Kürze wegen auf Gräfse’s Lehrbuch einer allg. Liter.- 
Gesch., Bd. II., Abth. 3, S. 460 ff., Liebrecht-Dunlop, S. 461 f. 
Anm. 68, sowie auf Rudolph v. Beckedorff’s Vorwort zu meiner 
Uebertragung der in Rede stehenden Erzählung (s. Dunlop ib. 
Anm. 69) verweise. Hingegen ist es meine Absicht den andern, 
gleichfalls für und wider besprochenen Punkt zu erörtern, ob der 
dem Barlaam und Josaphat zu Grunde liegende Stoff geschicht- 
lich sei oder nicht. Zuletzt nun hat Beckedorff a. a. O. sich in 
dieser Beziehung bejahend ausgesprochen, wenngleich der Haupt- 
grund, auf den er sich stützt, dafs nämlich des Buches „histori- 
scher Kern um so mehr die Vermuthung der Wahrheit für sich 
hat, als auch das römische Martyrologium [27. Novbr.] die Na- 
. men der heil. Barlaam und Josaphat enthält und im Wesentli- 
chen von ihnen das Nämliche berichtet, was in unserem Buche 
erzäblt wird“, in den Augen kritischer Forscher durchaus nicht 
entscheidend ist; trotzdem hat er und alle die mit ihm gleicher 
Meinung waren oder noch sind, die richtige Ansicht gehabt, ob- 
schon in einem ganz andern Sinne, als sie es vermutheten, wie 
wir dies alsobald sehen werden. Die Geschichte des indischen 
Königssohnes nämlich, dessen Verzichtleistung auf die väterliche 
Krone und Umwandlung in einen strengen Asceten, sowie spä- 
teres Apostelthum Johannes von Damaskus (oder irgend ein an- 
drer morgenländischer Christ) erzählt hat, ist nicht die des indi- 
schen Prinzen Josaphat, des Sohnes Abenner’s, welche beide nie 
gelebt, sondern die des Siddhärtha (Sohn des Königs von Kapi- 
lavastu, Çäddhodana), der später unter dem Namen Buddha (der 
Erleuchtete) Stifter des Buddhismus wurde, und im Jahre 543 
vor Chr. im Alter von 80 Jahren starb. | 


Die Quellen des „Barlaam und Josaphat. 315 


Ehe ich nun zu den einzelnen Nachweisen in Betreff der 
eben ausgesprochenen Behauptung übergehe, will ich hier bemer- 
ken, dafs ich mich dabei einerseits auf meine 1847 erschienene 
Uebersetzung des Barlaam und Josaphat, andrerseits aber, hin- 
sichtlich der sich auf das Leben des Buddha beziehenden Um- 
stände, lediglich auf das vor kurzem herausgekommene Werk von 
Barthelemy Saint-Hilaire berufen werde, das den Titel führt: Le 
Bouddha et sa Religion (Paris 1860), und die von demselben Ge- 
lebrten in frühern Jahren im Journal des Savants bekannt ge- 
machten Aufsätze zusammenfassend die Ergebnisse der neuesten 
Forschungen über den Buddhismus und dessen Stifter enthält, 
‘welche Männer wie Prinsep, Tournour, Lassen, Burnouf, Weber, 
Max Müller und andre angestellt haben. Indem ich mich auf je- 
nes sehr leicht zugängliche Werk beziehe, brauche ich die einzel- 
nen darin benutzten Quellen nicht weiter näher anzuführen, von 
welchen die mit vielen Wundern ausgeschmückte Lebensbeschrei- 
bung des Budhha, der Lalitavistära, natürlich hinsichtlich meines 
Zwecks die wichtigste ist; sie wurde verfafst 76 nach Chr.; e. 
Foucaux’s Uebersetzung p. 17. 

Auf meinen Gegenstand näher eingehend bemerke ich zu- 
nächst (wie ich bereits oben erwähnt), dafs sowohl der erdichtete 
Josaphat, wie der historische Buddha, beide indische Königssöhne 
sind. Ferner wird von Buddha berichtet, dafs er so schön war 
wie seine Mutter Mäyä Devi (B. St. Hil. p. 5), von der es früher 
heilst: „sa beauté était tellement extraordinaire qu’on lui avait 
. donné ce surnom de Mäyä ou l’Iilusion, parce que son corps, ainsi 
que le dit le Lalitavistära, semblait être le produit d’une illusion 
ravissante“ (B. St. Hil. p. 4), und dafs die Brahmanen in ihm 
gleich bei seiner Geburt durch gewisse Zeichen, welche nach dem 
in Indien herrschenden Volksglauben zukünftige Grôfse vorher 
verkünden, den dereinstigen grofsen Mann erkannten (B. St. Hil. 
p.5 f.), der die Krone mit dem Ascetenleben vertauschen und 
den Dämon und sein Heer besiegen würde: „Les principaux vieil- 
lards des Cäkyas se souvenaient de la prediction des Brahmanes 
qui avaient annoncé que Siddhärtha pourrait bien renoncer à la 
couronne pour se faire ascete“ (B. St. Hil. p. 6, vergl. p. 57, wo 
der Neugeborne selbst sagt: „Je vaincrai le démon et l’armée 
du démon. En faveur des êtres plongés dans les enfers et dé- 
vorés par le feu de l’enfer, je verserai la pluie du grand nuage 
de la Loi, et ils seront remplis de joie et de bien-être“). Ebenso 
heifst es von Josaphat: „Während aber der König in diesem so 


316 Liebrecht 


grofsen und furchtbaren Irrthum und Trug befangen war, wurde 
ihm ein ganz besonders wohlgebildetes Knäblein geboren, das 
schon durch seine äufsere Schönheit seine Zukunft vorausverkün- 
dete; denn man sagte allgemein, dafs noch niemals und nirgends 
in jenem Lande ein so liebliches und anmuthiges Kind dagewe- 
sen wäre“ (B. und J. S. 14), und der Oberste der Sterndeuter 
sagt von ihm voraus: „Wie der Lauf der Sterne mich lehrt, o 
König, so wird der Ruhm des dir jetzt geborenen Sohnes nicht 
in deinem Reiche seine Stelle finden, sondern in einem andern 
bessern und unvergleichlich erhabenern. Ich glaube aber auch, 
dafs er sich der von dir verfolgten Religion zuwenden und nach 
meinem Dafürhalten sein Ziel und seine Hoffnung nicht verfeh- 
len wird“ 8. 15. 

Hinsichtlich der sich beim Heranwachsen des Buddha wie 
des Josaphat weiter entwickelnden körperlichen und geistigen Ei- 
genschaften wird erzählt, dafs sie bei beiden gleich aufserordent- 
lich waren (B. St. Hil. p. 8, B. und J. S. 24) und beide sich von 
früher Jugend an einem beschaulichen Leben ergeben. Hinsichtlich 
des ersteren heifst es nämlich: „Au milieu des compagnons de 
son äge, l’enfant ne prenait point part & leurs jeux; il semblait 
dès lors nourrir les pensées les plus hautes; souvent il se retirait 
à l'écart pour méditer“ (B. St. Hil. p. 6), und in Betreff Josa- 
phats: „Sein Herz ergriff ein heilsames Nachdenken und die 
Gnade des heiligen Geistes begann seine verständigen Augen zu 
öffnen und zu dem Gott, der keine Lüge kennt, hinzuleiten“ (B. 
und J. 8. 26). 

Inzwischen fürchtet Siddhärtha’s Vater die Folgen dieser Nei- 
gungen seines Sohnes, und dals er, die Weissagungen verwirkli- 
chend und den Thron aufgebend, sich ganz und gar dem Asce- 
tenthum weihe, daher läfst er ihm Paläste bauen und ihn streng 
bewachen. Es wird nämlich erzählt: „Cependant le roi Coüdd- 
hodana devinait les projets qui agitaient le coeur de son fils. II 
redoubla de caresses et de soins pour lui. Il lui fit faire trois 
palais nouveaux, un pour le printemps, un pour l’été et un autre 
pour l’hiver; et craignant que le jeune prince ne profität de ses 
excursions pour échapper à sa famille, il donna les ordres les 
plus sévères et les plus secrets pour qu’on surveillät toutes ses 
démarches“ (B. St. Hil. p. 12). Ebenso heilst es von Abenner: 
„Indels liefs er in einer abgelegenen Stadt einen sehr schönen 
Palast erbauen und prächtige Gemächer darin ausschmücken, und 
wies ihn seinem Sohn, sobald er die erste Jugend zurückgelegt, 


Die Quellen des „Barlaam und Josaphat“. :- 317 


zum Wohnsitz an; zugleich befahl er, dafs kein Fremder zu ihm 
gelassen würde, indem er selbst ihm Erzieher und Diener, die 
jang an Jahren und von Ansehn ganz besonders schön waren, 
beigab, und ihnen auf das strengste gebot, ihm keins von den 
Uebeln des Lebens offenbar zu machen, weder Tod noch Krank- 
heit noch Alter noch Armuth noch sonst irgend etwas Trauri- 
ges, was seine Fröhlichkeit stören könnte, sondern ihm nur lau- 
ter Angenehmes und Ergötzliches zu zeigen, damit sein Sinn 
durch die Freude daran und durch den Genufs desselben auf 
keine Weise über das Zukünftige nachzudenken vermöchte“ (B. 
und J. 8.16), und da Josaphat durch seine Traurigkeit es den- 
noch erlangt, den Palast verlassen zu dürfen, befiehlt sein Vater 
alsobald, „dafs herrliche Rosse und ein für einen König gezie- 
mendes Gefolge bereit gebalten würden, und gestattete, dafs der 
Prinz den Palast verliefse, wann er wolle, wobei er der Umge- 
bung desselben streng gebot, ihm nichts Unangenehmes vor die 
Augen zu bringen u. s. w.“ S.27. Was a.2.0. in Betreff Cüdd- 
hodana’s und seines Sohnes weiter berichtet wird: „Mais toutes 
ces précautions d’un père qui craignait de perdre son fils étaient 
inutiles. Les circonstances les plus imprévues et les plus ordi- 
naires venaient donner aux résolutions du prince une énergie tou- 
jours croissante“, dies palst buchstäblich auch auf Abenner und 
Josaphat, wie aus dem Verlauf der Geschichte hervorgeht. 

Trotz dieser strengen Bewachung und Fernhaltung von al- 
lem was ihn zum Nachdenker über die Vergänglichkeit und Nich- 
tigkeit des irdischen Lebens Veranlassung geben könnte, erblickt 
Josaphat dennoch eines Tages kranke Menschen. Die Erzählung 
lautet so: „Da nun.so der Prinz häufig den Palast verliefs, sah 
er eines Tages durch eine Nachlässigkeit der Diener zwei Män- 
ner, von denen der eine aussätzig, der andre aber blind war. 
Bei diesem Anblick von einem unangenehmen Gefühle ergriffen, 
fragte er seinen Begleiter: „Was sind das für Leute und woher 
ihr widerliches Aussehen?“ Da nun jene dieses Schauspiel nicht 
mehr verbergen konnten, versetzten sie: „Dies sind Krankheiten 
der Menschen, von denen sie bei verdorbener Beschaffenheit 
ihres Grundstoffes und durch die bösen Säfte ihres Körpers be- 
fallen zu werden pflegen“. Hierauf entgegnete der Prinz: „Wer- 
den alle Menschen davon befallen?“ Jene erwiederten: „Nicht 
alle, sondern die, deren Gesundheit durch den schlechten Zu- 
stand ihrer Säfte zerstört wird“. Wiederum fragte der Prinz: 
„Wenn nicht alle Menschen davon befallen werden, sondern nur 


318 Liebrecht 


einige, sind diejenigen kennbar, welche von diesen Uebeln sol- 
len ergriffen werden? oder treten sie auf unbestimmbare und 
unvorhergesehene Weise ein?“ „Und welcher Mensch, versetzten 
jene, kann das Zukünftige wissen und genau erkennen? denn 
dies geht über die menschliche Natur hinaus und ist blofs den 
unsterblichen Göttern vorbehalten“. Hierauf liefs nun zwar der 
Prinz ab zu fragen, jedoch that das, was er gesehen, ihm im 
innersten Herzen weh und die Gestalt seines Angesichts verän- 
derte sich durch diesen unerwarteten Vorfall. B. und J. S. 27 f. 
Dieser selbe Vorfall wird in Betreff Buddha’s fast ebenso be- 
richtet: „Un jour qu’ avec une suite nombreuse il sortait par la 
porte orientale de la ville pour se rendre au jardin de Loumbini 
auquel s’attachaient tous les souvenirs de son enfance, il rencon- 
tra sur sa route un homme vieux, cassé, decrepit; ses veines et 
ses muscles étaient saillants sur tout son corps; ses dents étaient 
branlantes; il était couvert de rides, chauve, articulant à peine 
des sons rauques et désagréables; il était tout incliné sur son 
bâton; tous ses membres, toutes ses jointures tremblaient“. 

„Quel est cet homme? dit avec intention le prince à son 
cocher. Il est de petite taille et sans forces; ses chairs et son 
sang sont désséchés; ses muscles sont collés à sa peau, sa tête 
est blanchie, ses dents sont branlantes, son corps est amaigri; 
appuyé sur son bâton, il marche avec peine, trébuchant à chaque 
pas. Est-ce la condition particulière de sa famille? ou bien 
est-ce la loi de toutes les créatures du monde?“ 

» — Seigneur, répondit le cocher, cet homme est accablé par 
la vieillesse; tous ses sens sont affaiblis, la souffrance a détruit 
sa force, et il est dédaigné par ses proches; il est sans appui; 
inhabile aux affaires, on l’abandonne comme le bois mort dans 
la forêt. Mais ce n’est pas la condition particulière de sa famille. 
En toute créature la jeunesse est vaincue par la vieillesse; votre 
père, votre mère, la foule de vos parents ‘et de vos alliés fini- 
ront par la vieillesse aussi; il n’y a pas d’autre issue pour les 
créatures.“ 

»— Ainsi donc, reprit le prince, la créature ignorante et 
faible, au jugement mauvais, est fière de la jeunesse qui l’eni- 
vre, et elle ne voit pas la vieillesse qui l’attend. Pour moi, je 
m'en vais. Cocher, détourne promptement mon char. Moi qui 
suis aussi la demeure future de la vieillesse, qu’ai-je à faire avec 
le plaisir et la joie?“ Et le jeune prince, détournant son char, 
rentra dans la ville, sans aller à Loumbini.“ B. St. H. p.12f. 


Die Quellen des „Barlaam und Josaphat*. 319 


Demnächst trifft Josaphat mit einem Greise zusammen. „Da 
er aber nach nicht langer Zeit wieder einmal ausging, begegnete 
er einem hochbetagten Greise mit runzeligem Angesicht, schlot- 
ternden Beinen, gebücktem Gange, schneeweilsen Haaren, ganz 
ohne Zähne und mit stotternder Sprache. Er wurde daher von 
Schrecken ergriffen, und indem er den Greis herbeirufen liefs, 
fragte er nach einer Erklärung dieses befremdenden Anblicks. 
Da sprachen seine Begleiter: „Dieser Mann ist schon viele Jahre 
alt, und da seine Kraft sich allmälig vermindert hat und seine 
Glieder schwach geworden sind, so ist er endlich in die jammer- 
volle Lage gekommen, in der du ibn jetzt siehst.“ „Und was 
für ein Ende wird er haben?“ fragte der Prinz weiter; und Jene 
antworteten: „Nichts anders erwartet ihn als der Tod.* „Erwar- 
tet dieser Zustand alle Menschen, sprach der Prinz, oder sind 
auch ihm nur einige ausgesetzt?“ Hierauf entgegneten Jene: 
„Wenn nicht etwa der Tod zuvorkommt und den Menschen aus 
der Welt entführt, so ist es unmöglich, im Verlauf der Jahre nicht 
gleichfalls in diesen Zustand zu gerathen.“ „In wie viel Jahren 
nun, fuhr der Prinz fort, widerfährt dies den Menschen? und er- 
wartet sie der Tod unvermeidlich? gibt es kein Mittel ihm zu 
entfliehen und nicht in diese jammervolle Lage zu gerathen? “ 
Hierauf antworteten Jene: „In achtzig oder auch in hundert Jah- 
ren kommen die Menschen zu diesem Alter und sterben dann. 
Etwas andres ist nicht möglich; denn der Tod ist eine Schuld 
der Natur, die den Menschen von Anfang an auferlegt ist, und 
die Ankunft desselben ist unabwendbar.“ 

„Als jener verständige und einsichtsvolle Jüngling dies alles 
hörte und sah, seufzte er aus der Tiefe seines Herzens und 
sprach: „Bitter ist dieses Leben und voll mannigfachen Schmer- 
zes und Leides, wenn sich dies alles so verhält; und wie könnte 
ein Mensch in der Erwartung des ihm stets drohenden Todes frei 
von Sorge sein, da dessen Ankunft nicht nur unvermeidlich ist, son- 
dern auch, wie ihr sagtet, zu jeder Zeit stattfinden kann?“ Hier- 
auf ging er fort, indem er das Gehörte bei sich überlegte und 
unaufhörlich ‘erwog und häufig an den Tod dachte, so dafs er von 
Stunde an in Leid und Weh lebte und stete Trauer empfand; 
denn er sprach bei sich selbst: „Zu einer Zeit also wird der 
Tod sich gewifs meiner bemächtigen; und wer wird sich nach 
dem Tode meiner erinnern, da doch der Tod alles der Verges- 
senbeit überliefert? und werde ich, wenn ich sterbe, in nichts auf- 
gelöst werden? oder gibt es ein anderes Leben und eine andere 


320 Liebrecht 


Welt?“ B. und J. S.28 f. Von Buddha heifst es bei gleicher 
Veranlassung: „Une autre fois, il se dirigeait avec une suite nom- 
breuse, par la porte du midi, au jardin de plaisance, quand il 
aperçut sur le chemin un homme atteint de maladie, brûlé de la 
fièvre, le corps tout amaigri et tout souillé, sans compagnons, sans 
asile, respirant avec une grande peine, tout essouflé et paraissant 
obsédé de la frayeur du mal et des approches de la mort. Après 
s'être adressé A son cocher, et en avoir reçu la réponse qu’il en 
attendait: 

„La santé, dit le jeune prince, est donc comme le jeu d’un 
rêve, et la crainte du mal a donc cette forme insupportable! Quel 
est l'homme sage qui, après avoir vu ce qu’elle est, pourra dé- 
sormais avoir l’idée de la joie et du plaisir? * 

„Le prince détourna son char, rentra dans la ville, sans vou- 
loir aller plus loin.“ 

„Une autre fois encore, il se rendait par la porte de l’ouest 
au jardin de plaisance, quand sur la route il vit un homme mort, 
placé dans une bière et recouvert d’une toile. La foule de ses 
parents tout en pleurs l'entourait, se lamentant avec de longs 
gémissements, s’arrachant les cheveux, se couvrant la tête de 
poussière, et se frappant la poitrine en poussant de grands cris. 
Le prince, prenant encore le cocher à témoin de ce douloureux 
spectacle, s’ecria: 

„Ah! malheur à la jeunesse que la vieillesse doit détruire; 
ah! malheur à la santé que détruisent tant de maladies; ah! mal- 
heur à la vie où l’homme reste si peu de jours! S’il n’y avait 
ni vieillesse, ni maladie, ni mort! Si la vieillesse, la maladie, la 
mort étaient pour toujours enchainees!“ B. St. HiL p. 13 f. Man 
sieht, im Barlaam und Josapbat ist die Begegnung Buddha’s mit 
dem Greise und dem Todten in eins zusammengefafst. 

Hierauf wird in Betreff Buddha’s sein für sein ganzes künf- 
tiges Leben entscheidendes Zusammentreffen mit einem Bettel- 
mönch erzählt: „Une dernière rencontre vint le décider et termi- 
ner toutes ses hésitations !). Il sortait par la porte du nord, 
pour se rendre au jardin de plaisance, quand il vit un bhikshou, 
ou mendiant, qui paraissait dans tout son extérieur, calme, dis- 


1) Ces rencontres diverses sont fameuses dans les légendes bouddhiques. 
Le roi Acoka avait fait élever des stoûpas et des vihâras dans tous les lieux 
où le Bouddha les avait faites. Hiouen-Thsang, au septième siècle de notre 
ère, vit encore tous ces monuments et leurs ruines. 


Die Quellen des , Barlaam und Josaphats. 321 


cipliné, retenu, voué aux pratiques d’un brahmatchari '), tenant 
les yeux baisses, ne fixant pas ses regards plus loin que la lon- 
gueur d’un joug, ayant une tenue accomplie, portant avec dignité 
le vêtement du religieux et le vase aux aumönes.*® 

„Quel est cet homme? “ demanda le prince. 

» — Seigneur, répondit le cocher, cet homme est un de ceux 
qu’on nomme bhikshous; il a renoncé à toutes les joies du désir 
et il mène une vie très-austère; il s'efforce de se dompter lui: 
même et s’est fait religieux. Sans passion, sans envie, il s’en 
va cherchant des aumônés.“ 

,— Cela est bon et bien dit, reprit Siddhärtha. L'entrée 
en religion a toujours été louée par les sages; elle sera mon re- 
cours et le recouts des autres créatures; elle deviendra pour nots 
un fruit de vie, de bonheur et d’immortalite.* 

„Puis le jeune prince, ayant détourné son char, rentra dans 
la ville sans voir Loumbini; sa résolution était prise.* B. St. 
Hil. p. 15. 

Ebenso entscheidend, nur viel ausführlicher berichtet ist die 
Zusammenkunft Josaphats mit dem strengen Asceten und Ein- 
siedler Barlaam, welche den Stoff des Kap. 6—21 ausmacht, und 
zu einer Darstellung der ganzen christlichen Glaubenslehre Ver- 
anlassung gibt. Das Ergebnifs derselben ist Josaphats Bekehrung. 

Nachdem nun Buddha den unwiderruflichen Entschlufs ge- 
fafst auf den Thron zu verzichten und die grofse Aufgabe zu er- 
füllen, die er sich gestellt, unterrichtet er davon den König, sei- 
nen Vater, der ihn vergeblich zurückzuhalten sucht, endlich aber 
das nutzlose seines Widerstandes einsieht. B. St. Hil., p. 15—17. 
Auch Josaphats Vater versucht alle Mittel um seinen Sohn dem 
neuangenommenen Glauben wieder abwendig zu machen und ihn 
zum Götzendienst zurückzubringen; jedoch vergebens, so dafs er 
zuletzt den Beschlufs fafst, sein Reich in zwei Theile zu theilen, 
und ihm einen derselben zu überlassen, in der Absicht, ihn von 
der Ausführung seines Vorsatzes, sich zu Barlaam zu begeben, 
auf diese Weise abzuhalten; Josaphat nimmt zwar diesen Antrag 
an, jedoch nur ungern, und tritt später seine Krone einem an- 
dern ab, worauf er sich auf den Weg macht, um seinem ursprüng- 


1) Brahmatchari, ou celüi gti marche dans la voie des brahmanes, c’est 
le nom du jeune brahmane tout le temps qu'il étudie les Védas, c'est-à-dire 
jusqu’à trente-cinq ans à peu près. La condition principale de son noviciat 
est une chasteté absolue. 


Il. 8. 22 


322 Liebrecht 


lichen Wunsche gemäfs Barlaam aufzusuchen. Kap. 22, 24, 25, 


32, 36. 
’ "Buddha entfieht hierauf heimlich aus der Residenz seines 


Vaters trotz der Wachsamkeit dieses sowie seiner Unterthanen 
und dem Abrathen eines treuen Dieners. Es heifst. nämlich in 
dieser Beziehung: | 

„Le roi comprit qu'il n’y avait point à combattre un dessein 
si bien arrêté, et dès que le jour parut, il convoqua les Cäkyas 
pour leur apprendre cette triste nouvelle. On résolut de s’oppo- 
ser par la force à la fuite du prince. On se distribua la garde 
des portes, et tandis que les jeunes gens faisaient sentinelle, les 
plus anciens d’entre les vieillards se répandaient en grand nom- 
bre dans toutes les parties de la ville pour y semer l'alarme et 
avertir les habitants. Le roi Coùüddhodana lui-même, entouré de 
cinq cents jeunes Çäkyas, veillait à la porte du palais, tandis que 
ses trois frères, oncles du jeune prince, étaient à chacune des 
portes de la ville, et qu’un des principaux Çäkyas se tenait au 
centre pour faire exécuter tous les ordres avec ponctualité. A 
l’intérieur du palais, la tante de Siddhärtha, Mahä Pradjäpati 
Gaoutami, dirigeait la vigilance des femmes, et pour les exciter, 
elle leur disait: „Si, après avoir quitté la royauté et ce pays, il 
allait loin d'ici errer en religieux, tout ce palais, dès qu’il serait 
parti, serait rempli de tristesse, et la race du roi, qui dure de- 
puis si longtemps, serait interrompue.“ 

» Tous ces efforts étaient vains; dans une des nuits suivantes, 
quand tous les gardes, fatigués par de longues veilles, étaient 
assoupis, le jeune prince donna l’ordre à son cocher Tchhandaka 
de seller son cheval Kantaka, et il put s’échapper de la ville sans 
que personne l’eüt aperçu. Avant de lui céder, le fidèle serviteur 
lui avait livré un dernier assaut; et, le visage, baigné de pleurs, 
il l'avait supplié de ne point sacrifier ainsi sa belle jeunesse pour 
aller mener la vie misérable d’un mendiant, et de ne point quit- 
ter ce splendide palais, séjour de tous les plaisirs et de toutes 
les joies. Mais le prince n’avait point failli devant ces prières 
d’un coeur dévoué, et il avait répondu: 

nnEvités par les sages comme la tête d’un serpent, aban- 
donnés sans retour comme un vase impur, ô Tchhandaka, les 
désirs, je ne le sais que trop, sont destructeurs de toute vertu; 
j'ai connu les désirs, et je n’ai plus de joie. Une pluie de ton- 
nerres, de haches, de piques, de flèches, de fers enflammés, comme 
les éclairs étincelants ou le sommet embrasé d’une montagne, 


Die Quellen des „Barlsam und Josaphat*. 323 


tomberait sur ma tête, que je ne renaltrais pas avec le désir 
d’avoir une maison.“ 

„Il était minuit quand le prince sortit de Kapilavastou.* 
B. St. Hil. p. 17 £. 

Ganz ebenso heifst es mit Bezug auf Josaphat, nachdem er 
seinen Unterthanen den Entschlufs kund gethan die Krone nie- 
derzulegen und sie zu verlassen: „Als das Volk und die ganze 
versammelte Menge diese Worte vernahm, erhob sich alsbald ein 
grolses Getöse und Getümmel und Geschrei und Verwirrung, da 
alle ihre Verwaisung beweinten und bejammerten. Indem sie 
nun so klagten, betheuerten sie aufserdem auch noch mit Schwü- 
ren, dafs sie ihn keineswegs entlassen, sondern ihn zurückhalten 
und ihm durchaus nicht gestatten würden fortzuziehen. Während 
nun das Volk und die Magistratspersonen dies ausriefen, winkte 
der König der Menge zu schweigen, begann dann von neuem 
und sagte, dafs er ihren Bitten nachgebe, worauf er sie entliefs, 
obwohl sie dennoch voll Betrübnifs waren und die Zeichen tiefer 
Trauer auf ihren Gesichtern trugen“. 

„Er selbst aber berief einen der obersten Würdenträger, 
Namens Barachias, zu sich, den er wegen der Frömmigkeit und 
Heiligkeit seines Wandels bewunderte und darum besonders hoch- 
achtete; ..... diesen Mann also rief der König bei Seite, redete 
zu ihm auf das herzlichste und bat ihn eifrig, die Regierung zu 
übernehmen und das Volk in der Furcht Gottes zu weiden, da- 
mit er selbst den ersehnten Weg ziehen könne. Als er aber 
sah, dafs Barachias sich weigerte und den Antrag durchaus zu- 
rückwies, indem er ausrief: „„O König, wie ungerecht ist deine 
Rede! Denn wenn du belehrt worden bist, deinen Nächsten wie 
dich selbst zu lieben, aus welchem Grunde willst du mir die 
Last auferlegen, die du selbst abzuwerfen dich bemühst? Wenn 
nämlich die Königswürde ein Gut ist, so behalte du selbst sie; 
wenn aber ein Aergernifs und Anstols der Seele, warum legst 


du mir ihn vor die Füfse und willst mich zum Falle bringen? ““ . 


als er nun, wie gesagt, wahrnahm, dafs Barachias so sprach und 
auch dabei beharrte, hörte er auf weiter in ihn zu dringen.“ 
„Zar tiefsten Nachtzeit aber schrieb er einen Brief an das 
Volk, welcher voller Weisheit war und jegliche Gottesfarcht ent- 
hielt, und welche Ehre sie Gott schuldig wären, was für ein Le- 
ben sie vor ihm führen und welche Loblieder und Danksagungen 
sie ihm darbringen mäfsten; zuletzt aber befahl er ihnen, auf 
keinen Anderen als Barachias die königliche Würde za über- 
22 


LA 


pu Liebrecht 


tragen. Diesen Brief nun liefs er in seinem Schlafgemache zu- 
rück und verliefs hierauf, von Niemand bemerkt, den Palast.“ 
B. und J. S. 267 £. 

Im Freien angelangt, vertauscht Buddha seine prächtige Klei- 
dung mit der abgenutzten Tracht eines Jägers: „Reste seul, le 
prince voulut se depouiller des derniers. insignes de sa caste et 
de son rang. D’abord, il se coupa les cheveux avec son glaive, 
et les jeta au vent; un religieux ne pouvait plus porter la chevelure 
d’un guerrier. Puis, trouvant que des vêtements précieux lui 
convenaient moins encore, il échangea les siens qui.étaient en soie 
de Bénarès (de Käci), avec un chasseur qui en avait de tout 
usés en peau de cerf de couleur jaune. Ee chasseur aecepta 
non sans quelque embarras; car il sentait bien qu'il avait affaire 
à un personnage de haute distinction“ B. St. Hil. p. 19 f. Genau 
übereinstimmend hiermit berichtet die griechische Erzählung: 
„Der hochherzige Josaphat nun verliefs die Königsburg voll Fröh- 
lichkeit, wie Jemand, der aus langer Verbannung zurückkehrt 
und freudig einherzieht. Bekleidet aber war er von aufsen mit 
seinen gewöhnlichen Kleidern, jedoch darunter mit dem zerris- 
senen härenen Gewand, welches Barlaam ihm gegeben hatte. 
Da er indefs in jener Nacht die Hütte eines armen Mannes an- 
traf, so that er seine Oberkleidung von sich und schenkte sie 
dem Armen gleichsam als letzte Handlung seiner Wohlthätigkeit, 
worauf er, nachdem er sich so durch die Gebete jenes und vie- 
ler andern Armen Gott zum Beschützer erworben und sich seine 
Gnade und Hülfe wie ein Gewand des Heils und einen Rock 
der Fröhlichkeit angelegt hatte, zu dem Leben in der Einöde 
hinauszog*. B. und J. S. 274 f. 

Nachdem Güddhodana die Flucht seines Sohnes wahrgenom- 
men hatte, läfst er ihm nachsetzen; die Ausgesandten kehren je- 
doch unverrichteter Dinge wieder, da der von Buddha entlassene 
und ihnen entgegenkommende Tschhandaka ihnen die Vergeblich- 
keit ihres Unternehmens darthut. B. St Hil. p. 20. Auch Joss- 
phat wird von seinen trostlosen Unterthanen, die seine Flucht 
hindern wollen, verfolgt und eingeholt, so dafs er mit ihnen in 
die Stadt zurückkehrt, jedoch nur um ihnen seinen unerschütter- 
lichen Entschlufs nochmals mitzutheilen, sie zu trösten und dann 
alsbald wiederum fortzuziehen. B. und J. S. 268—274. 

Ehe ich weiter gehe, will ich darauf aufmerksam machen, 
dals der bereits mehrfach erwähnte treue Diener und Wagenlen- 
ker Buddha’s, Tschhandaka, in der griechischen Erzählung sich 


Die Qnellen des „Barlaam und Josaphat“. 325 


in zwei Personen zerlegt hat; wir haben ihn bereits in der des 
Sarachias erkannt; früher indefs erscheint er als Führer des Jo- 
saphat, Namens Zardan, der dem Prinzen „ganz besonders lieb 
und werth war“ S. 25; s. auch 8.29. 31 ff. 157 ff.; und wahr- 
scheinlich ist er auch unter den Begleitern zu verstehen, welche 
dem Josaphat auf seine Fragen in Betreff des Aussätzigen und 
des Blinden sowie des Greises Bescheid ertheilen, wie Tschhan- 
daka dem Buddha. 

Wir gehen nun weiter und erwähnen zunächst die Kämpfe, 
welche Buddha, ehe er die höchste Erkenntnifs (Bodhi) erreichte, 
mit Mära (Päpiyin) dem Gott der Liebe, der Sünde und des 
Todes zu bestehen hat, den er jedoch nebst seinen scheufslichen 
Heerscharen besiegt. Mära indefs sucht ihn darauf durch seine 
Töchter, die schönen Apsaras, zu verführen, aber auch dies ge- 
lingt nicht; die Apsaras kehren, ohne ihren Zweck erreicht zu 
haben, zu ihrem Vater zurück. Dann heifst es weiter: „Päpiyän 
essaie un dernier assaut, en réunissant de nouveau toutes ses 
forces. Mais il succombe encore une fois. Son armée en des- 
ordre se disperse de toutes parts, et il a la douleur de voir ceux 
de ses fils qui dans le conseil avaient repoussé la bataille aller 
se prosterner aux pieds de Bodbhisattva, et l’adorer avec respect. 
_ Déchu de sa splendeur, pâle, décoloré, le démon se frappe la 
poitrine, pousse des gémissements; il se retire à l'écart, la tête 
baissee; et, traçant avec une fleche des signes sur la terre, il se 
dit, dans son désespoir: „Mon empire est passé“. B. St. Hil. 
p. 64. Einen gleichen Angriff unternimmt gegen Josaphat auf 
Veranlassung Abenners der Zauberer Theudas, der den Prinzen 
durch schöne Jungfrauen verführen will. „Theudas also zog mit 
dem bei ihm befindlichen satanischen Heer aus und rüstete sich 
gegen die Wahrheit, nachdem er viele von den bösen Geistern 
berufen, von derien er wufste, dafs sie bereit sind der Bosheit 
Beistand zu leisten und deren er sich stets als Werkzeuge be- 
diente.“ B. und J. S. 216 (vgl. S. 222: „Der böse Geist aber, der 
noch andere und viel ärgere Geister mit sich nahm, begab sich 
in das Schlafgemach des edlen Jünglings und stürmte auf ihn 
los, indem er eine heftige Gluth des Fleisches in ihm entzün- 
dete® u. 8. w.). Josaphat jedoch widersteht siegreich (S. 221 ff.), 
„die von Theudas gegen den gotterleuchteten Jüngling abgesand- 
ten bösen Geister aber kehrten zurück, und obgleich voll Lug 
und Trug, bekannten sie dennoch beschämt ihre Niederlage, denn 
sie wiesen deutliche Zeichen derselben auf ihren unheilvollen 


326 Liebrecht 


Gesichtern; Theudas aber rief aus: „So schwach und elend also 
sind wir, dafs wir einen einzigen Knaben nicht zu besiegen im 
Stande sind.* B. und J. S, 232. 

In Betreff der nan folgenden Triumphe Buddha’s gegen die 
mit ihm disputirenden Brahmanen bemerkt B, St. Hil. p. 43 f.: 
„Malgre la protection des rois et l’enthousiasme populaire, il paraît 
que le Bouddha eut à soutenir les luttes les plus vives et les plus 
persévérantes contre les brahmanes. Ces rivalités furent même par- 
fois dangereuses. Il est vrai que le Bouddha ne menageait pas les 
critiques à ses adversaires. Non content de les convaincre d’erreur 
et d’ignorance sur le fond même de leur système, il les traitait d’hy- 
pocrites, de charlatans, de jongleurs, reproches d’autant plus bles- 
sants qu'ils étaient mérités. Son influence ne s’etendait qu'aux 
dépens de la leur, et il n’est pas de moyens qu'ils ne prissent 
pour arrêter des progrès aussi menaçants; leur vanité n’y était 
pas moins interessée que leur pouvoir. Une légende, intitulée le 
Prätihärya Soûtra, est consacrée presque entière au récit d’une 
grande défaite que subirent les brahmanes vaincus par le Boud- 
dha en présence de Prasenadjit; c’est comme un tournoi dont le 
roi et le peuple sont les juges.“ Diese Wortkämpfe entsprechen 
denen des Josaphat gegen Nachor und gegen Theudas, aus wel- 
chen er als Sieger hervorgeht, indem er seine Gegner bekehrt 
(Kap. 28, 31, 32); und wenn wir hôren, dafs Buddha sogar sei- 
nen Vater Cuddhodana und dessen Unterthanen zur Annahme 
seiner neuen Religion bewegt, nachdem ihm dies vorher gleicher- 
malsen mit mehren an ihn von Çüddhodana abgeschickten Boten 
gelungen war (B. St, Hil. p. 43), so lesen wir gleiches von Josa- 
phat, der erst, wie bereits bemerkt, den von Abenner an ihn ge- 
sandten Nachor, dann Theudas bekehrt, endlich aber Abenner 
selbst und seine Unterthanen. Kap. 34, 35. 

Wir kommen jetzt zu dem Tode des Buddha, der nach ei- 
nem Leben voll der strengsten Kasteiungen und Kämpfe gegen 
böse Geister endlich in einem Walde starb. In Beziehung auf 
jene heilst es; „Ourouvilva est illustre dans les fastes da boud- 
dhisme par cette longue retraite , qui ne dura pas moins de six 
ans, et pendant laquelle Siddhärtha se livra, sans que son cou- 
rage faillit un seul instant, aux austérités les plus rudes „„dont 
les Dieux eux-mêmes furent épouvantés.““ Il y soutint contre ses 
propres passions les assauts les plus formidables, et nous verrons 
plus tard comment la légende a transformé ces luttes tout inté- 
rieures en combats où le démon Päpiyän (le très-vicieux), avec 


Die Quellen des „Barlaam und Josaphat“. 927 


toutes ses ruses et ses violences, se trouve enfin terrassé et vaincu, 
malgré son armée innombrable, sans avoir pu séduire ou effrayer 
le jeune ascète, qui, par sa vertu, détruisait l’empire de Mära le 
pecheur.“ B. St. Hil. p. 24 f.; über Buddha’s Tod s. p. 45. Ebenso 
auch lesen wir in Betreff der christlichen Asceten: „Josaphat 
führte aber diesen wahrhaften Engelswandel auf Erden bis an 
sein Ende, und ergab sich noch härtern Uebungen nach dem Hin- 
scheiden des Greises, indem er nämlich in dem fünf und zwan- 
zigsten Jahre seines Alters die irdische Krone fahren liefs und 
den geistlichen Kampf begann, den übermenschlichen Uebungen 
aber fünf und dreifsig Jahre lang in jener wüsten Einöde wie 
ein körperloser Geist oblag, vorher viele Menschenseelen der see- 
lenverderbenden Schlange entrifs, die geretteten zu Gott hinführte 
und darin der Gnade des Apostelthums werth erachtet wurde, 
sich ferner als Märtyrer seinem Willen nach erwies, vor Königen 
und Tyrannen Christum frei bekannte, als Herold der Grölse 
desselben diese mit gewaltiger Stimme verkündete, dann wieder 
viele böse Geister in der Wüste überwältigte und alle durch die 
Gewalt Christi besiegte“, worauf dann sein Dahinscheiden in der 
Wüste gemeldet wird. B. und J. S. 294 f., vergl. S. 274 — 280. 
Beiläufig bemerke ich, dafs, wie man sieht, der Kampf des Bud- 
dba gegen Mära in dem des Josaphat gegen Theudas sowohl 
wie später gegen die Teufel und andre böse Geister der Wüste 
sich wiederfindet, also gewissermafsen in zwei Theile zerlegt ist. 
Einen ähnlichen Fall hatten wir bereits oben bei dem Wagenfüh- 
rer Tschhandaks, der sowohl der Zardan wie der Barachias der 
griechischen Erzählung ist. 

Nach dem Tode folgt natürlich das Begräbnifs, sowie dann 
Reliquienkultus, und auch hier finden wir genaue Uebereinstim- 
mung. In Betreff Buddha’s heilst es: „Le Doul-va tibétain ra- 
conte en grands details les funerailles qui lui furent faites. Elles 
eurent tout la solennite de celles qu’on reservait alors aux mo- 
narques souverains appelés Tchakravartins. Le plus illustre de 
ses disciples Käcyapa, l’auteur de l’Abhidharma ou recueil de la 
Métaphysique, qui était alors à Rädjagriha, et qui allait jouer un 
si grand rôle dans le premier concile, se rendit en toute hâte à 
Koucinagara. Le corps du Bouddha ne fut brül& que le huitième 
jour. Après des contestations qui faillirent devenir sanglantes, 
et qu’on ne put apaiser qu'au nom de la concorde et de la dou- 
ceur prêchées par le réformateur, ses reliques furent divisées en 
huit parts, parmi lesquelles on n’oublia pas celle des Gäkyas de 


328 | Liebrecht 


Kapilavastou.“ DB. St. Hil, p. 45f., und ferner: „Le culte des 
reliques était aussi répandu et à peu près aussi ardent que ce- 
lui des statues. On se rappelle qu'après la mort du Bouddha, 
ses reliques avaient été divisées en huit parts entre autant de rois 
qui se les disputaient. Comme le cprps avait été brülé, ces re- 
liques ne pouvaient guère être autre chose que des cendres ..., 
On comprend que les çariras, c'est-à-dire les débris mêmes 
du corps du Çâkyamouni (d.h. Einsiedler, Mönch der Cäkyas, 
der Familie, aus der Buddha stammte), étaient les reliques les 
plus saintes; mais ce n'étaient pas les seules.“ Ib. p. 294. Auf 
ebenso feierliche Weise werden die Leichname Josaphats und 
des vor ihm verstorbenen Barlaam eingeholt und mit Glanz und 
Pracht in einer neu erbauten Kirche beigesetzt, worauf es weiter 
heifst: „Viele Wunder und Heilungen aber verrichtete der Herr 
auf dem ganzen Wege und während der Beisetzung und in der 
spätern Zeit noch durch seine frommen Diener. Und der König 
Barachias und das ganze Volk sah die durch sie geschehenden 
Wunderkräfte, und viele van den umherwohnenden Heiden, die 
am Unglauben und an der Unkenntnis Gottes krankten, wurden 
durch die an dem Grabe stattfindenden Zeichen gläubig.* B. und 
J. S. 297. 

Hiermit hätte sich die Reihe derjenigen Züge geschlossen, 
die in dem Leben des historischen Buddha, wie des erdichteten 
Josaphat fast identisch sind, und wie mir scheint, ganz klar dar- 
thun, dafs der Verfasser der griechischen Erzählung, wer er auch 
war, letztere mit grofser Treue auf die irgendwie zu seiner Kennt- 
nils gekommene Geschichte Buddha’s gründete, d.h., wie sich 
von selbst versteht, den eigentlich erzählenden Theil; denn der 
speciell dogmatische ist natürlich auf eine dem Gegenstande ent- 
sprechende Weise geschaffen und hinzugetban worden; wenn schon 
auch dieser einigen Einflufs von buddhistischen Anschauungen ver- 
räth. Aber auch in den erzählenden Theil selbst haben aufser 
der zu Grunde liegenden Geschichte Buddha’s noch andere bud- 
dhistische Ueberlieferungen, Sagen und Parabeln Zugang gefun- 
den, wie wir dies sogleich sehen werden. So z. B. wird aus dem 
Leben des berühmten Acoka, Königs von Magadha, welcher um 
das Jahr 325 yor Chr. zur Regierung kam, und dessen Bekeh- 
rung zum Buddhismus der im 5. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung 
nach weit älteren Quellen verfafste Theil des Mahävansa erzählt 
(B. St, Hil. p. XIII, XVI, vgl. Lassen, Ind. Alterthumskunde II, 
215—270), folgender Zug berichtet; „Il vient de se eonvertir et 


Die Quellen des „Barlaaın und Josaphats, 329 


il est dans toute la ferveur d’un néophyte. Aussi chaque fois qu’il 
rencontrait des ascètes bouddhistes, „„des fils de Cäkya““, soit dans 
la foule, soit isolés, il touchait leurs pieds de sa tête et les ado- 
rai. Un de ses ministres, Yacas, quoique converti lui-même, 
s'étonne de tant de condescendance, et il a le courage de répré- 
senter à son maître qu’il ne doit pas se prosterner ainsi devant 
des mendians sortis de toutes les castes. Le roi accepte cette 
observation sans y répondre; mais, quelques jours après, il dit 
à ses conseillers qu’il désire connaître la valeur de la tête des 
divers animaux, et leur enjoint de vendre chacun une tête d’ani- 
mal. C’est Yaças qui doit vendre une tête humaine etc.“ B. St, 
Hil. p.105. Hiermit nun vergleiche man folgende Stelle der grie- 
chischen Erzählung, woselbst Barlaam zu Josaphat sagt: „Du 
hast wohl daran gethan, und wie es deinem königlichen Sinne 
geziemt, dals du meine äufsere Niedrigkeit und Armuth nicht 
beachtetest, sondern dich an die verborgene Hoffnung hieltest. 
Denn es gab einst einen mächtigen und angesehenen König, und 
es geschah, als er einmal auf einem goldgeschmückten Wagen 
mit königlichem Gefolge einherzog, dafs er zwei in Schmutz und 
Lumpen gehüllten Männern von abgezehrtem und mit tiefer Blässe 
bedecktem Angesichte begegnete, doch erkannte der König so- 
gleich, dafs ihr Fleisch nur durch die Kasteiung des Körpers und 
den Schweifs der geistlichen Uebungen geschwunden war. Kaum 
hatte er sie nun erblickt, so sprang er alsbald vom Wagen, warf 
sich zur Erde und begrülste sie demüthig, worauf er sich wieder 
erhob und sie umarmte und ihnen alle Zeichen der Liebe erwies. 
Seine Grofsen und Minister aber waren darüber ungehalten, in- 
dem sie glaubten, dafs er auf eine seiner königlichen Würde 
nicht geziemende Weise gehandelt habe; da sie es jedoch nicht 
wagten, ihn deswegen von Angesicht zu Angesicht zu tadeln, 80 
sprachen sie zu seinem leiblichen Bruder, er solle mit dem Kö- 
nige reden, damit er die Würde seiner Krone nicht so sehr er- 
niedrige. Als nun jener dies seinem Bruder sagte, und ihm über 
seine unzeitige Demuth Vorwürfe machte, so gab ihm der König 
eine Antwort, die sein Bruder nicht verstand.“ B. und J. S. 35. 
Kann man daran zweifeln, dafs diese beiden Erzählungen ein 
und dieselbe sind? Gewils nicht, und wenn es im Verfolg der 
buddhistischen Darstellung heifst, dafs alle Köpfe der Thiere 
Käufer finden, nur der des Menschen nicht, und nun Acoka da- 
raus Veranlassung nimmt, über die Verächtlichkeit der Knochen 
aller und jeder todten Menschen (wes Standes auch immer) zu 


330 Liebrecht 


sprechen, sowie die Thorheit derjenigen blofszustellen, die auf 
hohe Geburt achten, ohne sich um innern Werth zu kümmern, 
wobei er unter anderem &ufsert: „Les sages savent trouver de la 
valeur aux choses qui n’en ont pas“, so finden wir hier im Keim 
jenes berühmte (auch aus dem Kaufmann von Venedig bekannte) 
Gleichnifs von den vier Kästchen, welches Barlaam gleichfalls an 
seine oben erwähnte Parabel anknüpft, indem er ähnliche Be- 
trachtungen über die Widerlichkeit stinkender Todtenknochen, die 
Lächerlichkeit des Stolzes der Mächtigen und die Herrlichkeit 
„des innen befindlichen Werthes“ damit verbindet, und mit der 
Lehre schliefst „sich nicht durch den äufsern Schein irre führen 
zu lassen.“ Jedoch lese man beide Darstellungen, die ich hier, 
weil sie zu lang, nicht wiederholen mag, in ihrer Ausführlichkeit, 
und man wird sich von ihrer innern Identität überzeugen, wenn 
schon das eigentliche Gleichnifs von den vier Kästchen in der 
Legende von König Açoka fehlt. Wie dem aber auch sei, jeden- 
falls ist der Charakter dieser Parabel im Barlaam und Josaphat 
sehr buddhistisch, und dies hat auch Benfey Pantschat. I, 408 mit 
richtigem Gefühl erkannt; seine Meinung wird durch die ganze 
vorliegende Untersuchung bestätigt. 

Aber auch andere von den im Barlaam und Josaphat vor- 
kommenden Parabeln sind buddhistischen Ursprungs, so z.B. die 
von dem Manne der vor dem Einhorn flieht (S. 92 f.), worüber 
s. Benfey Pantschat. I, 80 ff, welcher II, 528 Nachtrag zu $. 17 
S. 81 auf die von Stanislas Julien herausgegebenen buddhistischen 
Avadänas hinweist, wo sich zwei hierhergehörige Parabeln vor- 
finden, die ich zur Bequemlichkeit der Leser unten wiederhole !). 


1) Die erste (Avad. I, 131 ff.) ist überschrieben: „Les dangers et les mi- 
sères de la vie“ und lautet folgendermafsen: 

„Jadis un homme qui traversait un désert, se vit poursuivi par un élé- 
phant furieux. Il fut saisi d’effroi et ne savait où se réfugier, lorsqu’il aper- 
cut un puits à sec, près duquel étaient de longues racines d’arbre. II saisit 
les racines et se laissa glisser dans le puits. Mais deux rats, l'un noir et 
l’autre blanc, rongeaient ensemble les racines de l’arbre. Aux quatre coins 
de l'arbre il y avoit quatre serpents venimeux qui voulaient le piquer, et au- 
dessous un dragon gorgé de poison. Au fond de son coeur, il craignait à la 
fois le venin du dragon et des serpents et la rupture des racines, Il y avait 
sur l'arbre, un essaim d’abeilles qui fit découler dans sa bouche cinq gouttes 
de miel; mais l'arbre s’agita, le reste du miel tomba à terre et les abeilles 
piquèrent cet homme; puis un feu subit vint consumer l'arbre.“ 
| „L’arbre et le désert figurent la longue nuit de l'ignorance; cet homme 
figure les hérétiques; l'éléphant figure l'instabilité des choses; le puits figure 
le rivage de la vie et de la mort; les racines de l'arbre figurent la vie hu- 
maine; le rat noir et le rat blanc figurent le jour et la nuit; les racines de 


Die Quellen des ,Berlaam und Josaphat*. 931 


Ich habe hier die Moralisationen beider mitgetheilt, damit 
man sie mit der im Barlaam und Josaphat vergleichen und ihre 
fast wörtliche Uebereinstimmung mit derselben daraus ersehen 
könne. | 

Dafs übrigens diese Parabel auch in Mahabhärata sich fin- 
det, darauf habe ich oben 8. 126 hingewiesen, und ebenso be- 
gegnet man in genanntem Gedichte noch andern Erzählungen, 
Märchen u. s. w. des Pantschatantra. S. Benfey a. a. O. I, 92 u.ö, 


l'arbre rongées par ces deux animaux, figurent l'oubli de nous-mêmes et l’ex- 
tinction de toute pensée; les quatre serpents venimeux figurent les quatre grandes 
choses [la terre, l’eau, le feu, le vent (Dictionn. San-thsang-fa-sou, livre 
XIX, fol 6)]; le miel figure les cinq désirs [les désirs de l'amour; le désir 
de la musique; le désir des parfums: le désir du goût; le désir du toucher 
(Dictionn. San-thsang-fa-sou, livre XXIV, fol. 6)]; les abeilles figurent les 
pensées vicieuses; le feu figure la vieillesse et la maladie; le dragon veni- 
meux figure la mort. On voit par là que la vie et la mort, la vieillesse et 
la maladie sont extrêmement redoutables. Il faut se pénétrer constamment de 
cette pensée, et ne point se laisser assaillir et dominer par les cinq désirs.“ 

Die zweite Parabel findet sich Avad. I, 190 ff. mit der Ueberschrift: 
„L’homme exposé à tontes sortes de dangers“, und lautet so: „Il y avait 
une fois un homme qui avait eut le malheur d’être condamné à mort. On 
l'avait chargé de chaînes et jeté en prison. Surexité par la crainte du der- 
nier supplice, il brisa ses fers et s'enfuit. D’après les lois du royaume, si 
nn homme condamné à mort sdchappait de la prison, on lançait après lui 
un éléphant furieux pour qu'il l’écrasât sous ses pieds. Sur ses entrefaites, 
on lança un éléphant furieux à la poursuite du condamné. Celui-ci voyant 
l'éléphant approcher, courut pour entrer dans un puits qui était à sec; mais, 
au fond, il y ayait un dragon venimeux, dont la gueule beante était tournée 
vers lorifice du puits; de plus quatre serpents venimeux se tenaient aux 
quatre coins du puits. A côté, il y avait une racine de plante. Le con- 
damné, dont le coeur était troublé par la crainte, saisit promptement cette 
racine de plante [il voulait évidemment se servir de cette racine pour se lais- 
ser glisser dans le puits], mais deux rats blancs étaient occupés à la ronger. 
Dans ce moment critique, il vit au-dessus du puits un grand arbre, au centre 
duquel il y avait un rayon de miel. Dans l’espace d’un jour, une goutte de 
miel tomba dans la bouche de ce malheureux. Le condamné ayant obtenu 
cette goutte délicieuse, ne songea plus qu’au miel; il oublia les affreux dan- 
gers qui le menagaient de toutes parts, et il n’eut plus envie de sortir de 
son puits.“ 

„Le saint homme (le Bouddha), puisa dans cet événement diverses com- 
paraisons. La prison figure les trois mondes; le prisonnier, la multitude des 
Aommes; l'éléphant furieux, la mort; le puits, la demeure des mortels; le 
dragon venimeux qui étaits au fonds du puits, figure l'enfer; les quatre ser- 
pents venimeux, les quatre grandes choses [la terre, l’eau, le feu et le vent]; 
la racine de la plante, la racine de la vie de l’homme; les rats blancs, le 
soleil et la lune qui dévorent par dégrés la vie de l’homme, qui la minent 
et la diminuent chaque jour sans s'arrêter un seul instant. La foule des 
hommes s'attache avidement aux joies du siècle, et ne songe point aux grands 
malbeurs qui en sont la suite. C’est pourquoi les religieux doivent avoir 
sans cesse la mort devant les yeux, afin d'échapper à une multitude de souf- 
frances. “ 


332 Liebrecht 


Dafs im Barlaam und Josaphat Kap. 10 die Parabel von 
dem Vogel und dessen drei Lehren (worüber s. zu Pantschat 
1,380£f.) gleichfalls indischen und buddhistischen Ursprungs scheint, 
ist Benfey’s Meinung a. a. O. und ebend. IT, 543 Nachtr. zu 8.159, 
S. 380, wo er auf Les Avadänas I, 68— 70 „Le laboureur et ke 
perroquet“ verweist. Doch mufs diese Parabel mancherlei Wand- 
lungen erfahren haben, ehe sie die Gestalt erhielt, welche sie im 
Barlaam und Josaphat besitzt. Vergl. hierüber Benfey a. a. O. 
füge hinzu Gödeke, Mittelalter S. 640. 650, No. 167. 

Im Barlaam und Josaphat Kap. 13 findet sich ferner die Pa- 
rabel von dem Manne und seinen drei Freunden '), welche gleich- 
falls auf buddhistischen Ursprung hinweist. Dafs sie den Ars- 
bern bekannt war, zeigt Hammer’s Rosenöl, wo in der Erzählung 
Suleiman (I, 147 ff.) sich folgender Apolog eingeschoben findet: 
„Ein Mann besafs ein schönes Weib, einen schönen Garten und 
ein schönes Buch. Einen Tag lustwandelte er im Garten, den 
andern ergötzte er sich mit dem Buche, am dritten freute er sich 
der Liebkosungen seines Weibes. Als sein Lebensende heran- 
nahete, sprach er zum Garten: „„Ich habe dich gewässert und 
dich sorgsam gepflegt, was habe ich von dir zu erwarten heute, 
da ich von hinnen gehe?““ Eine Stimme erscholl aus dem Gar- 
ten: „„Ich habe nicht Fülse dir zu folgen. Wenn du fortgehst 
wird ein andrer kommen und mich besitzen““. 

„Verzweifelt ging der Herr des Gartens aus demselben ins 
Harem, wo er sein schönes Weib folgendermalsen ansprach: 
„„nMeiner Liebe, meines Lebens Summe hab’ ich auf dich verwen- 
det und deinetwegen vieles erduldet: heute schnüre ich meinen 
Bündel und wandre von hinnen, was bist du bereit für mich zu 
thun? *“ 

„Dienen will ich dir gerne so lange du lebst, und wenn da 
stirbst will ich weinen und klagen und dich begleiten, wenn sie 
dich hinaustragen, bis an. den Grabeshügel, und wenn sie dich 
hinuntergesenkt haben, kann ich dir zwar nicht nachfolgen, aber 
weinen will ich wieder und klagen, bis die Zeit der Trauer und 
des Wittwenstandes vorüber ist.“ 

„ Verzweiflungsvoll drehte ihr der Mann den Rücken zu, ging 
aus dem Harem ins Cabinet und redete das Buch an: „„Buch, 


1) 8. zu Dunlop Anm. 74; vgl. einen Aufsatz (in v. d. Hagens Germs- 
nia X, 56 ff.) über das moralische Schauspiel: Every man oder Hecastus, wel- 
ches denselben Gegenstand behandelt. Der Verfasser des Aufsatzes hält irr- 
thümlicherweise den englischen Schriftsteller für den Erfinder des Stoffes. 





Die Quellen des „Barlaam und Josaphat“. 333 


liebes Buch, treuer Gesellschafter in der Einsamkeit, erprobter 
Freund im Unglücke, scheiden mufs ich heute von der Erde, 
wirst auch du dich trennen von mir? *“ 

„„Begleiten will ich deinen Leichenzug““, antwortete das 
Buch, „„dein Vertrauter sein im Grabe und dein Helfer am Tage 
des Gerichtes.““ 

Man vergleiche nun mit diesen beiden Versionen jenes bir- 
manische (d. i. buddhistische) Märchen, welches ich oben 8. 123 f. 
mitgetheilt habe und man wird alsobald in den drei Liebhabern 
desselben die Freunde der griechischen oder Weib, Garten und 
Buch der arabischen Wendung erkennen, sowie den allen dreien 
gemeinschaftlichen Angelpunkt der treuen Liebe bis nach dem 
Tode. S. auch noch Benfey Pantschat. I, 489—493. 

Von den andern im Barlaam und Josaphat vorkommenden 
Gleichnissen läfst sich zwar bis jetzt nicht nachweisen, dafs sie 
aus buddhistischen Werken abstammen, jedoch weist die berühmte 
auch aus Boccaccio bekannte Parabel von der Stärke der den 
Männern von Natur eingepflanzten Liebe zu dem weiblichen Ge- 
schlechte (Kap. 29) wenigstens ganz offenbar nach Indien, wie 
ich auch zu Dunlop Anm. 74 nach Du Méril bemerkt habe, nur 
ist dort statt Ramayana vielmehr Mahabharata zu lesen; s. Holtz- 
mann, Indische Sagen 2. Ausg. I, 302 ff. 

Dafs die Parabel von dem klugen und vorsichtigen Könige 
(Kap. 14) sich auch bei den Arabern und wahrscheinlich durch 
Vermittlung dieser im Conde Lucanor findet, ist zu Dunlop 
Anm. 73 bemerkt und wird sie sich wohl auch später einmal 
noch tiefer in Asien nachweisen lassen; ebenso Kap. 4, wo er- 
zählt wird, wie der Günstling eines Königs durch den Rath eines 
Sklaven den Fallstricken seiner Neider entgeht, welche Erzäh- 
lung sich jetzt nur noch im Conde Lucanor Kap. 23 wieder- 
findet. 

Allein wie dem auch sei, wir haben, scheint es, zur Genüge 
gesehen, dals die Grundlage des Barlaam und Josaphat auf bud- 
dhistischen Quellen beruht, namentlich aber in der Geschichte 
des Josaphat eine christianisirte Schilderung des Lebens und der 
geistigen Umwandlung Buddha’s gegeben wird und zwar eine 
sehr genaue. Jene Quellen näher zu bezeichnen wird indefs 
schwer halten, jedoch müssen sie hauptsächlich mit dem Lalita- 
vistära und dem Mahävansa und namentlich dem ersteren nahe 
verwandt gewesen sein, falls diese es nicht selbst waren. Inte- 
ressant ist hierbei, dafs Europa also schon seit vielen Jahrhun- 


I) 


33 Liebrecht, Die Quellen des „Barlaam und Josaphat“. 


derten, ohne es zu wissen, eine Lebensbeschreibung des Buddha 
besafs, nur unter einem andern Namen, was die vor nicht lan- 
ger Zeit entdeckten Originale erst jetzt offenbaren. 

Noch will ich erwähnen, dafs man allerdings in dem Leben 
des Buddha Zügen begegnet, die sich in der Geschichte Josaphats 
nicht wiederfinden oder umgekehrt, doch ist dies ganz natürlich; so 
z. B. vermählt letzterer sich nicht, wie doch Buddha thut, und soll 
wahrscheinlich dadurch in einem höhern Grade von Heiligkeit er- 
scheinen; jedoch auch Buddha verliefs sein Weib sowie all’ die Sei- 
nen, als er auszog um sich dem ascetischen Leben zu ergeben. An- 
dererseits ist die ganze Figur des Barlaam der griechischen Erzäh- 
lung eigenthümlich und in Buddha’s Leben findet sich nichts Ent- 
sprechendes. Doch auch dieser Umstand erklärt sich leicht, denn 
Buddha konnte durch eigenes Nachsinnen wohl zur Erkenntnifs 
der Nichtigkeit der Religion, in welcher er geboren worden, ge- 
langen, und zur Ueberzeugung von der Nothwendigkeit als Stif- 
ter einer neuen aufzutreten; Josaphat hingegen konnte ihm zwar 
in dem ersten, d.h. dem negativen Theil seiner religiösen Ent- 
wickelung folgen, allein die Dogmen der christlichen Religion 
nur durch äufsere Mittheilung kennen lernen. Sind nun die we- 
nigen Abweichungen in dem Leben Josaphats von dem seines 
Vorbildes nicht bedeutend und ohne Schwierigkeit erklärbar, so 
wird hinwiederum bei näherer Kenntnifs der buddhistischen Li 
teratur manche bis jetzt noch verborgene Uebereinstimmung zum 
Vorschein kommen; und schon gegenwärtig dürfte dies Gelehrten 
möglich sein, die eine genauere Kenntnifs der genannten Lite- 
ratur und reichere Hilfsmittel besitzen als ich. 

Schliefslich noch die Bemerkung, dafs das merkwürdige Le- 
ben des Begründers des Buddhismus, sowie das durch ihn ver- 
vollkommnete Ascetenleben und Mönchthum mit den sich daran 
knüpfenden so streng eingeschärften Lehren der Armuth, Bezwin- 
gung der Sinne und Keuschheit für einen christlichen Asceten, 
sobald er erst damit bekannt wurde, einen viel zu lockenden und 
das Heidenthum viel zu ehrenden Stoff darbot, als dafs er ihn 
nicht, gehörig angepalst, auf christlichen Boden verpflanzen sollte. 


Lüttich. Felix Liebrecht. 


Sachs, Inedita aus dem Breviari d’amor. 33 


Inedita aus dem Breviarı damor. 


In den von uns jüngst in zwei Aufsätzen des Archivs 
für neuere Sprachen !) mitgetheilten Auszügen aus dem 
Breviari d’amor waren wir bis zum 6412. Verse des ge- 
waltigen didactischen Gedichtes gekommen, mit welchem 
eine interessante Partie De las preciosas e de lor vertuts 
beginnt. Ueber denselben Gegenstand schrieben schon 
Theophrast und Solin, der letztere um 1198 übersetzt durch 
Simon de Boulogne (s. Reiffenberg Mouskes CXLV); die- 
jenigen darauf bezüglichen Werke aber, welche die Autoren 
des Mittelalters vorzüglich benutzten, waren Isidor (XVI, 
10. 1), Albertus Magnus (opp. Leyden 1561. IX, 210; cf. 
Görres Volksbücher p. 28), Vincentius Bellovacensis Spe- 
culum naturale IV, 84 und VIII, 81, Marbodus episcopus 
Rodonensis oder Euax de lapidibus et gemmis, ein Werk 
‘ aus dem 12. Jahrh., das von Beaugendre in seiner Aus- 
gabe des Hildebert, Paris 1708 und von Leyser (367) pu- 
blicirt ist, s. Lessing, Collectanea I, 227. Aufser diesen 
finden sich noch eine altfranzösische Uebersetzung dieser 
743 lateinischen Verse; ein Werk desselben Bischofs: De 
lapidibus XII. in fundamento caelestis civitatis, 16 Cou- 
plets zu 6 Versen mit Beziehung auf die Apocalypse 21. 
19 (cf. „De duodecim patriarchis allegorice per lapides Ra- 
tionarii summi pontificis designati* in den Werken des Hil- 
debert 1361 und des Ms. Strafsburg. 454. XII seq. „De la- 
pidibus qui sunt fundamenta spiritualia“); Liber Samuel de 
genere prophete Helye de lapidibus preciosis (Ms. der 
Ecole de medecine de Montpellier 490); Alexander Neckam 
De lapidibus, vom Jahre 1227, s. Leyser 992. Das Werk 
des Adamus Nutzarde, De speciebus lapidum (s. Leyser 


1) Band XXV, p. 418 — 426, und XXVI, p. 49—70. In dem ersten 
dieser beiden Aufsätze hat sich der Hr. Verf. auch über den Dichter, Matfre 
ÆErmengau de Beziers, das Werk selbst, sowie über die von ihm benutzten 
Handschriften verbreitet. Letztere sind: 1) Ms. Colbert Bibl. Imper. 7226. 
8. 8. gr. fol.; 2) Bibl. Imp. 7227. 4°.; 8) ibid. 7619; 4) Mus. Brittann. Bibl. 
reg. 19.C. fol. 242 fol. membr. XV s.; 5) Supplem. franc. 2001 (Copie von 
1728): 6) Harlej. 4940 fol XV. membr. 240 fol; 7) Ms. Bibl. Imp. 7698. 
kl 4 Der Herausgeber. 


336 Sachs 


2041) ist dasselbe wie das Marbods; das Bestiaire des Phi- 
lippe de Than (verôffentlicht von Th. Wright Popular 
Treatises on Science, London 1841, f. 74), indem es von 
12 Steinen spricht (p. 126) verweist auf ein „Lapidaire 
qui est estrai de grammaire“. Man liebte im Mittelalter 
Anspielungen auf die Edelsteine und ihre vorgeblichen 
Kräfte, s. den Brief des Priesters Johann bei Rutebeuf II, 
460 und die Digression des spanischen Romans von Alexan- 
der, welche Esidro citirt (1306—1330); selbst später noch 
verfafste man dergleichen Werke, wie die Beschreibung der 
Steine in deutscher Sprache (Ms. Dresden 55 s. Hagen, 
deutsche Gedichte des Mittelalters 1808, Einleitung); Boc- 
caccio, Bruno von Cöln (Leyser 2123), Aldovrandus, Boë- 
tius de Boot, Arzt aus der Zeit Rudolphs IL, Gaspard de 
Morales, Madrid 1605 schrieben derartiges, worüber zu 
vergleichen die interessante Zusammenstellung von Sir Tho- 
mas Browne in seiner Pseudodoxia epidemica, opp. III, 87 
etc. — Ein unserem Gedichte nahestehendes Fragment in 
provenzalischer Sprache findet sich im MS. Supplement 
français 98. 19? klein A°, vier sehr zerrissene Papierblätter, 
beginnend: e so las sept principals segon las 7. planetas. 
Der unbekannte Autor spricht von den folgenden Steinen: 
largonci, sergons, jaspis vert, cornelina, gagates, dyadeto, 
saphiers, calcedoynes, maragdes, orites, negres, hyene anio, 
absitus, calcofons, melachites, cedolitus, perites; Matfre 
äulsert sich also: 


6412 — 6419. 6420— 6427. 
Sitot la terra per natura naturalmen de gran vertut, 
es laia, pezans e escura de mayns mals redens saluf; 
a respiech d’autres elemens cum carboncles e dyamans, 
clars e subtils e trasluzens, turquezas, saphirs, a(d)zimans, 
en la terra senes doptar almastistz, jaspis, e maragdes ?), 
ez en l’ayga pot hom trobar bericles, robis et achates, 
mayntas peyras de gran bontat ez estopacis e sardoynes, 
preciosas de gran beotat !), cornalinas e calcedoines?). 


!) M. Brit. beutat. 3) M. Brit. lapis. 


8) Dieser Vers fehlt in 7227, im M. Brit. hat ihn der Schreiber des 
Textes unten mit derselben Tinte zugefügt. 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 


6428—6466. 
Le carboncles jet gran clartat 
tan que resplan en escurtat; 
Dyamans es peyra mot dura, 
en tan que so di la escriptura, 
que nos rump ab nulh ferrament 
mas ab sanc de boc sertament !). 
e la vertutz del dyaman 
tol la vigor al adziman ?), 
quar dementre que desus Ih’er, 
dona poder ?) que tire fer. 
14 v°.1) La turquesa segon que par 
garda caval de s’envigar, 
e femna turqueza portan 
cossebre no pot ges effan. 
Saphirs dona grant ardimen 
e conserva patz ayschamen, 
de mal d’uelhs dona guarizo, 
a luxurios no te pro. 
Peyra d’aziman tira fer 
ez entre marit e molher 
a vertut quan son en descort 
de far entr’els patz e acort 
e dona gracia de parlar. 
Ab l’aziman pot hom proar 
si sa molher avia paria 
de nulh autre home qui sya 
si la nuech quan colgat seran 
hom pauza suau l’aziman 
sotz la testa d’ela durmen; 
quar si es Casta veramen, 
penra so marit abrassat 
e si ab autre per son peccat 
a fach causa de no dever, 
foras del liech ira cazer. 
Almastic qu’ es peyra mot dura 
de ebrietat assegura. 
Jaspis portatz ab castetat 
dona de fevre sanitat 
e de paor home deffent. 


6467— 6505. 
jaspis a vertut ayschament 
que femna fay al efantar 
plus leugieramen deliorar. 
Lo maragdes naturalmen 
refrenh lo carnal movemen 
et a garizo pot valer 
de malaudias de cazer 
e fort conserva sanitat 
e assuavia tempestat 
e dona gracia de parlar 
e de richeza ajustar. 
De bericle dizen li auctor 
13 v° 2) que val a conservar amor 
entre la molher e 1 marit. 


De bericle maysh ay legit 


que l’ayga ont el a jagut 

val contra mal d’uelhs a salut. 
Robis quant es fis e verays, 

fay que hom vio jauzens e gays 
e be alu]strux en totas res 

e ab gran plantat de totz bes. 
Acathes es contra ®) veri.... 

e val a mal d’uelhs atressi 

e qui À porta, dona vigor 

e gracia de gens e favor. 
Estopassis verays per cert 
valla]mot a home qui sanc pert 
quar demantenent clau las venas 
e val a home contra morenas ‘), 
trabalh e ira restrenh fort 

e defent de subtana mort 

e de enamix assegura, 

ayga trop chauda refregura, 

al frenetic restren lo mal 

es a batalha venser val. 
Sardoynes dona chastetat 

et aysshament humilitat. 
Naturalmen la cornelina 

a granda vertut, quar es fina 


1) Cf. Albertus Magnus II, 227: Adamas adeo solidus est ut neque igne 
neque ferro mollescat vel solvatur. Solvitur tamen et mollescit sanguine et 


carne hirci. 


2) Albertus II, 233: si supponitur ei adamas, iterum non attrahit. 


8) Besser M. Brit.: non a. 
4) Rayn. II, 20 encaussa. 


IL. 3. 


s) Raynouard IV, 266 hémorrhoïdes. 


23 


338 


6506—6522. 
contra decorremen de sanc, 
quar mantener lo fay estanc. 
Lo calcedoynes a vertut 
de far gazanhar plach mogut. 
Las colors trobam en escrichas 
de selas peyras sobredichas, 
las quals mostren las escripturas 
de las probedanas figuras '). 
Las vertutz desobre nomnadas 
Dyos lo payre a pauzadas 
en las peyras per sa bontat, 
empero per nostre pecat 
mayntas vegadas s’esdeve 
45 r° 4) que la peyra bona de se 
pert sa vertut e sa vigor 
ab nos quar em trop peccador, 
quar per los nostres maleficis 


Sachs 


6523 — 6537. 

Dyos nos osta sos beneficis, 

15 r° 2) en dona maysh e ns dons 
meynsh ?) 

segon los meritz de las gens: 

per que s deu chascus esforsar 

de dyo be seruir e amar 

per mielhs conquistar sa amistat 

confizans mays de la bontat 

gran e misericordiosa 

que de peyra preciosa, 

quar ses la gracia divinal 

vertutz de peyra re no val, 

quar de dyo senes falhensa 

tota vertutz a pres nayschensa 

e la granda bontatz diuina 

es cert de tots mals medicina. 


Uebersetzung. 


Dieweil die Erde von Natur 
Häfslich und schwer und düster ist, 
Wenn man mit andren Elementen, 
Die bell und leuchtend, sie ver- 
gleicht, 
So findet zweifelsohne man 
In ihr wie in der Wassersfluth 
Viel Edelsteine mancher Art 
Von grofser Trefflichkeit und Schöne, 
Die von Natur mit grofser Kraft 
Begabt für manchen Krankheitsfall, 
Als wie Karfunkel, Diamant, 
Turkisen, Saphir und Magnet ?), 
und Amathyst, Jaspis, Smaragd, 
Berill, Rubinen und Achat, 
Topasen und der Sardonyx, 
Und Carneol und Chalcedon. 
Karfunkel wirft gar lichten Schein, 
So dafs er hell im Dunklen strahlt; 
Der Diamant ist äufserst hart, 
Wie schon die Schrift von ihm er- 
zählt, 
Dafs man mit Eisen ihn nicht bricht, 


1) Die 15 Steine sind daneben abgebildet. 


Und dafs allein ihn Bocksblut löst; 
Auch hebt die Kraft des Diamants 
Die Wirkung des Magneten auf; 
So lang er unter ibm, verliert 
Die Kraft er, Eisen anzuziehn. 
Der Turkis, wie wir deutlich sehn, 
Wahrt Pferde vor dem Koller ®); 
auch 
Empfängt so lange keine Frau 
Ein Kind, als sie ihn bei sich trägt. 
Der Saphir gibt gewalt’gen Muth 
Und wahret leicht den Frieden auch; 
Er heilt der schlimmen Augen 
Schmerz, 


Doch hilft er Schwelgern keiner 


Zeit. 
Das Eisen folget dem Magnet, 
Und zwischen Frau und Ehgemalhl, 
Wenn unter ihnen Zwist entstand, 
Stellt Frieden er und Eintracht her, 
Und Anmuth gibt den Worten er. 
Durch den Magneten prüft man 

leicht, 


3) L mens. 


3) aimant Magnet, s. Rochegude 84; Rayn. IV, 2 le diamant. 
#) Nicht bei Raynouard noch Rochegude. 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 


Ob sich die Gattin anderm Mann 
Ergibt in unerlaubter Lust. 
Wenn in der ‘Nacht sie beid’ im 
Bett, 
Legt den Magneten leis’ im Schlaf 
Ihr unters Haupt der Mann, und 
wenn 
Sie wirklich treu ergeben ihm, 
Umarmt sie ihren Gatten schnell; 
Wenn wirklich sie mit anderm Mann 
Vollbracht, was nicht sich für sie 
ziemt, 
So fällt sie aus dem Bett alsbald, 
Der Amethyst, ein harter Stein, 
Bewahret uns vor Trunkenhoit. 
Jaspis, wenn ihn ein Keusoher trägt, 
Gibt Heilung von des Fiebers Wuth 
Und schützt vor Furcht des Men- 
schen Herz. 
Der Jaspis auch besitzt die Kraft, 
Dafs er den Frau’n bei der Geburt 
Erleichtern hilft der Wehen Müh. 
Und der Smaıagd ist von Natur 
Ein Mittel gegen Sinnentrieb 
Und bei der Heilung sehr erprobt, 
Wenn fall nde Sucht den Menschen 
plagt; 
Und die Gesundheit kräftigt er 
Und dämpft des Ungewitters Wutb; 
Er gibt im Reden Anmuth auch 
Und macht Erwerb des Reichthums 
leicht. 
Von dem Beryli heilst’s allgemein, 
Dafs er der Liebe Gluth bewahrt, 
Die Mann und Frau zusammenhält. 
Auch las ich noch von ihm, dafs 
wenn 
Man ihn in Wasser legt, sich dies 
Bei Augenübel oft erprobt. 
Rubin, wenn es der echte ist, 
Macht heiter uns und frohgesinnt, 
Und vielbeglückt bei jedem Ding 
Und gibt Reichthum an ird’schem 
Gut. 
Achat schützt sicher gegen Gift 
Und heilet Augenleiden auch, 


Und wer ihn trägt, dem gibt er 
Kraft 

Und sichert ihm der Menschen 
Gunst. 

Topas, der echte, hilft sehr wohl 

Dem Manne, der zur Ader läfst, 

Und schliefst die Adern augen- 
blicks, 

Und bei Hämorrhoiden auch; 

Und Zorn und Mübn besänftigt er 

Und schützt vor plötzlich schnellem 
Tod 

Und vor der Feinde böser Macht. 

Zu heilses Wasser kühlt er ab 

Und lindert auch des Irren Pein 

Und gibt den Sieg in wilder Schlacht. 

Sardonyx ist zur Keuschheit gut 

Und gibt gleichfalls bescheidnen 
Sinn. 

Der Carneol hat von Natar 

Gar grofse Kraft, denn er ist gut 

Bei Blutverlust und Aderlafs, 

Und bringet schnell das Blut zum 
Stand. 

Der Calcedon ist gleichfalls gut, 

Wenn man bei offner Wund’ ihn 
braucht, 

Die Farben dieser Edelsteine, 

Die oben wir beschrieben haben, 

Ersieht man aus den Bildern, die 

Verzeichnet sind hier an der Seite; 

Die Kräfte aber, die gerühmt, 

Hat Gott der Vater diesen Steinen - 

Durch. seiner Gnade Macht ver- 
liehn; 

Doch wegen unsrer Sündenschuld 

Ereignet es sich manches Mal, 

Dals ein Stein, der an sich ist gut, 

Bei uns die ganze Kraft verliert, 

Weil wir zu grofse Sünder sind, 

Denn wegen unsrer Missethat 

Nimmt Gott uns ihre beste Kraft, 

Und läfst bald weniger, bald mehr 

Davon uns je nach dem Verdienst; 

Weshalb ein Jeder streben mufs 

Zu dienen ihm und ihn zu lieben, 


"23° 


340 Sachs 
Um mehr zu freu'n sich seiner Nichts thun der Edelsteine Kraft, 


Gunst, Da ja von ihm, was wirkt und 
Auf seine Gnade mehr zu bau’n schafft 
Und auf des Herrn barmherz’ge Gewifslich seinen Ursprung hat, 
Huld, Und seine grofse Güt’ allein 
Als auf der Edelsteine Kraft, - Für jedes Uebel Heilung bent. 


Denn ohne Gottes Gnade kann 


| Auf Vers 6537 folgt ein grofses Bild mit dem Titel: 
Taula de la disposicio de las esperas del cel e dels IIIL. 
helemens e de las VII. planetas e del cel estelat; aledann 
der mit einigen Varianten bei Raynouard, Lexique I, 518 
etc. abgedruckte Abschnitt: De la natura dels vens en 
qual manieyra s'engendron e de que: 6624 lautet in unse- 
rem Manuscript: 

Maystre e Ponent e 1 Abech, 

Miech jorn, Exalot son drech; 
nach 6637 steht wieder ein Bild: Taula dels 8 vens prin- 
cipals e dels 8 collaterals segon l’art dels maystres (7227 
mariniers): es folgt 16 v°2: De la natura de las nivols e cum 
s’engendren e de que. — 6689: De pestilencia cum se fay 
e de que geht dann bis 6701, De la nyo cum se fay e de 
que — 6713, Dels lampex — 6727, Del tonedre — 6743, 
del folher — 6763; danach De la peyra qui chay del cel 
a manieyra de plueya cum se fai e de que (cf. Raynouard 
I, 519). 

6816 geht Matfre über auf die Betrachtung: De la 
natura e de la divisio del temps; er handelt vom bissex 
(M. Br. bissetz), von den Abtheilungen der Zeit: momens, 
unsa, athomos; 6842 folgt De la natura del dya, 6883 De 
la natura de la semmana, worin 6896 u. s.w. folgende Na- 
men der Wochentage vorkommen: dilhus (M. Br. dilus), 
dimars, dimercres (M. Br. mecres), dijous, diven(d)res, dis- 
sabtes (dissapte M. Br... Am Schlusse dieses Kapitels ist 
M. Br. wieder genauer als 7227, in dem 7 Verse an eine 
unrechte Stelle gerathen sind; eine Abbildung erläutert 
nach V. 6950 das Ganze. Es folgt: De la natura dels III. 
temps de l’an: autum, yvern, primver, estio... nach den 
Lehren des savis Contancis (M. B. Contastis): 7041 ist die 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 841 


Rede vom Solestanx yvernals, 7075 De la natura dels me- 
ses de lan: 7059 


un mes en natural escrig naturals, lunars, d’uzuriers 
etz en 4. manieyras es dig, e mes comus.... 


Monate gibt es nach der Lehre Natürliche und Mondmonate, 
Der Bücher vier verschiedne Arten, Gemeinen Mond und den der 
Wüuchrer... 


Die Monate heifsen Januarius oder Ginier, Januer; Febro- 
arius, Feurier; Marcius, mars [nach 7155 beginnt MS. 
7226 wieder auf 18 v1, das längere Lücken hatte]; Aprils; 
May oder Madius 7227, ... 


adonc s’entremet d’amar es peynhs a ley de chavalier 
tota qu’es sentens creatura, sul punh portant son esparvier. 
per aysso mays en la penchura ' 

Dann ist auch jede Creatur Gemalt als schöner Cavalier 


Die fühlt, zur Liebe sehr geneigt; Mit einem Sperber auf der Faust. 

Drum ist der Mai im Bild anbei. 
Junh, Julh, Aust (7218 hom adonc totz los blatz a ja se- 
gatz cominalment ordis, sivadas e froment), Setembre, (vin- 
demuhador ... los razimz trenchan e la vinha vindemian 
7235), Ochore, Novembre, Decembre. Der Abschnitt 7295 
u.8.w. De las VI. etatz del temps que passat es del co- 
mensamen del mon en sa beginnt in M. Br. unvollständig: 
die Epochen sind 1) Adam bis Noe saynte patriarcha; 
2) nach dem deluvi bis Abraham, 3) bis Moysen, A) bis 
Salamo, 5) bis Christus. V. 7446 folgt mit einigen Vari- 
anten der von Raynouard Lexique I, 520 publicirte Theil 
De la vertut e de la natura de las erbas et de plantas, 
aus dem wir nur die wesentlichsten Abweichungen annoti- 
ren wollen. | 

7488 liest Ms. 7227 deutlich: atressi la Valeriana de do- 

lor de la costa sana e lo liris ... 

7492 e cyrop (M. Br. yssharop), 

7498 MS. 7227 diacos, M. Br. diatrons, 

7499 verenis, M. Br. velenis, 

7506 M. Br. mandragola, 

7507 liest Ms. 7227 mals d’hagonas, 

1524 - - -  nebta, M. Br. nebda, 


342 


Sachs 


7538 liest Ms. 7727 Fumusterra, 


1546 - - - 
7226 archimia, 
7558 M. Br. brethonica, 


araymiza, M. Br. arsimiza, 


Ms. 


7579 liest Ms. 7227 es perfechabla Lansolada, 


7607 - 


Ms. 7227 M. Br. Poenia, Pezonia. 


Raynouard bricht ab bei V. 7643; wir geben den 


Rest nach Ms. 7227: 


76457666. 


7667 —7688. 


(53 v°1) Pero sapchatz qu'en lor prumier, segont o ters o quart, 


virtutz 
pot hom be esser deceubutz 
qui no sapria o per sciensia 
o per art o esperiensia, 
en qual guya s deven ministrar 
o en beure o en mengar, 
en emplaustz o en lavamens 
0 en cyrops o en enguens 
o simplamen puras per se 
o mescladas ab autra re. 
E cove saber aychament 
la qualitat del patient, 
quar als us es medicinals 
so que als autres es mortals. 
e deu saber la qualitat 
atressi de la infirmitat 
que sapcha si muo de chalor 
V’enfirmitatz o de freior 
e aychamen cove que veia 
Perba si es chauda o freya 
o en qual gra determinat 
es en la dicha qualitat 


Atressi cove que esgart 

del temps si es o frechtz o chautz 
e ’l luoc ont estay lo malautz, 
si es en chauda regio 

o freia, quar so que es bo 

en alcus luocz medicinal, 

en alcus logals es mortal. 

E d’aysso donen nos doctrina 
li actor en art de medicina 

e qui s’entremet de metgar, 

ses estas causas Cossirar 

o quar no 8ap 0 quar non cura, 
obra de granda aventura; 

quar pot donar causa mortal 
en luoc de la medicinal. 

Qui donc las herbas vol usar, 
a tal deu cosselh demandar 
que sapcha de la lor natura 

o per us o per escriptura, 
quar las vertutz desobre dichas 
son trobadas totas escrichas. 


Uebersetzung. 


Drum wisst, dafs in der Pflanzen 
Kraft 

Der Mensch gar leicht sich täu- 
schen kann, 

Wer aus der Wissenschaft es nicht 

Noch aus Erfahrung sonst gelernt, 

Wie man am besten sie verwendet 

Als Speise oder im Getränk, 

In Pflastern oder im Klystier, 


In Syrop oder Salben auch, 
Entweder einfach nur für sich, 
Oder mit anderm untermischt. 
Auch mufs man kennen ganz genau 
Des Kranken Zustand und Natur, 
Denn was dem Einen heilsam ist, 
Kann Andern gar leicht tödtlich sein. 
Auch mufs man die Beschaffenheit 
Der Krankheit ebenso verstehn, 


Inedita aus dem 


Ob sie aus zuviel Wärme stammt, 
Ob aus Erkältung sie entsprang; 
Und so mufs er auch wissen, ob 
Die Pflanze kalt ist oder warm; 
Und welchen Grad die Krankheit 
hat, 
Ob ersten, zweiten, dritten, vierten. 
Auch nehm’ er Rücksicht auf die 
Zeit, 
Ob’s kalte Wittrung ist, ob warm, 
An welchem Ort der Kranke lebt, 
Ob kalt, ob warm die Gegend ist, 
Denn was an ein’gen Orten gut, 
Führt leicht an andern Tod herbei. 
Und davon geben uns Bescheid 


Breviari d’amor. 343 
Schriftsteller, die von Medizin 
Geschrieben haben; und der Mann, 
Der sich mit Heilen abgibt, und 
Doch dieses nicht sich recht be- 
denkt, 
Unwissend oder sorglos auch, 
Der handelt sehr aufs Gradewohl, 
Denn tödtlich kann das Mittel sein, 
Das er statt eines guten gibt. 
Wer also Pflanzen brauchen will, 
Der frage solchen Mann um Rath, 
Der mit der Pflanzen Kraft vertraut 
Durch die Erfahrung oder Bücher, 
Denn alles, was wir angeführt, 
Kann man geschrieben finden auch. 


Zum Schlusse dieses Abschnittes wollen wir noch er- 
wähnen, dafs die mittelalterlichen Autoren wie der unsrige, 
obwohl sie oft Aristoteles oder „den Philosophen“ erwähnen, 
weder den griechischen Text noch arabische Uebertragun- 
gen kannten; für Notizen der eben erwähnten Art waren 
Aemilius Macer, De virtute herbarum, Isıdor (XVII, 3), Al- 
bertus Magnus, Vincentius Bellovacensis lib. IX— XIV die 
Quellen. Wir finden noch ein Alphabetum herbarum aus 
XIV.s, (MS Arundel 42, fol. 92), latein, französisch, eng- 
lisch, und Glossare ähnlicher Art bei Mone, Anzeiger 1835, 
fol. 239, Quellen I, 283 und 319, von denen das erste an- 
gelsächsisch ist. Wir haben verglichen die altfranzösischen 
hierhergehörigen Tractate MS. Harlej. 978. 24 und Arun- 
del 230, fol. 181 und die sehr interessanten Partien des 
Werkes von Gautier de Biblesworth, das Thomas Wright 
vor Kurzem veröffentlicht (s. d. vorige Heft, S. 223). Wenig 
Notizen nur finden sich in dem Diz de l’Erberie I, 250 und 
l’Erberie 1,468 der Oeuvres de Rutebeuf publiées par Jubinal; 
endlich hat Halliwell in seinen Reliquiae antiquae, London 
1841 ein Glossar von Pflanzennamen (MS. Harlej. 978) und ein 
fragmentarisches Gedicht über die Kräfte der Kräuter aus 
XIV s. in englischer Sprache veröffentlicht (I, 36). Eine 
allegorische Erklärung der Blumen, eine Art Blumensprache 
findet sich im Capiel a 7 flours (cascune flors monstre une 
thece) bei Jubinal Jongleurs Paris 1835 vol. I. 


344 Sachs 


7688 beginnt Matfre: De la natura dels Auzels, eine 
Art Physiologus, bei dem, wie das oft in dieser Art Lite- 
ratur der Fall, nicht Aristoteles, Aelian, Ctesias, Hippo- 
crates, Plinius, Solin, selbst wo sie mitunter citirt werden, 
die Quellen sind, sondern allerhand abenteuerliche Zusam- 
menstellungen anderer Art. Manche der hier sich finden- 
den Ansichten über Thiere u. s. w. stehn freilich schon bei 
den Alten oder in den Werken der gelehrten Araber, wie 
besonders des Caswini; aber die gröfsere Mehrzahl ver- 
dankt ihren Ursprung dem Isidor, Alanus ab Insulis, Al- 
bertus, Vincens, Gervasius Tilberensis, Mandeville und 
Marco Polo; andere sind zum ersten Male in den Physio- 
logi aufgetischt, von denen wir hier die bedeutendsten 
aufzählen wollen. 1) Bibl. Basil. fol. IH, 19: De bestiarum 
et avium natura, 2) das dem Bischof Hildebert (} 1134) 
von Troyes zugeschriebene Werk, das nach du Méril (poésies 
latines 27) viel älter als jener Mann ist, da Sinner (Catalog 
der Berner Bibliothek I, 128) schon ein MS. des Wer- 
kes aus dem 8. Jahrh. citirt, und das von Tibaldus ver- 
falst ist, der sich am Schlusse nennt. Das englische Ge- 
dicht des XIII. s. bei Halliwell Reliqu. antiqu. I, 208—227 
ist nur eine genaue Uebersetzung dieses Werkes; im MS. 
Basil. fol. 7, VIH finden wir ein lateinisches Gedicht der- 
selben Art; Hoffmann, Fundgruben L.—16 citirt ein anderes 
ähnliches, ferner die Physiologi des St. Epiphanias und 
des St. Eustathius, wie ein französisches Werk, von dem 
Sinner (Catalogue I, 128—137) einige Auszüge gegeben; 
Hoffmann (I, 17 u.s.w.) hat zwei altdeutsche Physiologi 
abdrucken lassen, deren erster aus dem XI. s. (MS. Vienn. 
Cod. philo. CCXIV), der andere aus dem XII. ist (Cod. 
Vienn. theolog. DCLII). 

Man wandte oft die Bestiarien an, um daraus allegori- 
sche Gedichte zu machen, was Philippe de Than (XII. s.) in 
seinem altfranzösischen Bestiaire that, wo alle beschriebenen 
Thiere Jesus Christus bedeuten (cf. Bestiarius ad mores 
redactus seu moralitates de bestiis sacrae scripturae, MS. 
738 Vatic. Petav.), und Guillaume clerc de Normendie, der 
um 1212 sein Bestiaire devins veröffentlichte (MS. Paris 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 345 


7534, fol. 252— 281 und Mus. Britt. 16F.8). Im MS. 
fonds Notredame 18 folgt darauf noch ein Lapidaire von 
Osmont, der auch ein Volucraire verfafste und vielleicht 
der Autor der Image du Monde ist. Wir wollen nur kurz 
noch hier erwähnen ein provenzalisches prosaisches Frag- 
ment im MS. 2701 Bibl. Impériale, fol. 140 r° 1 — v° 1. 
„Aisi son las naturas d’alcus auzels e d’alcunas bestias“, 
das wir copirt hatten, um es zu veröffentlichen, als Bartsch 
es in sein Lesebuch aufnahm (p. 162). Nur eine oberfläch- 
liche Vergleichung genügt um zu zeigen, dafs Richard de 
Furnival dies Stück getrennt und an einigen Stellen über- 
setzt und erweitert hat, ohne es ordentlich zu verstehen: 
sein Bestiaire d’amour (MS. 7019° fol. 228 r° 1 vollstän- 
dig; 7534 fol. 273—82 unvollständig, 274bis, Notredame 
319, 544; Supplement fr. 766, La Vallière 59) ist noch 
begleitet von einer Antwort an Furnival auf sein Werk, 
die bedeutend besser ist als das Werk, das sie hervorge- 
rufen. Ein Gedicht „Bestiaire* desselben Autors (Notre- 
dame 274bis) ist nur bis v. 363 fortgesetzt, und es ist sehr 
wahrscheinlich, dafs Furnival selbst es nicht einer weite- 
ren Ausdehnung würdig gehalten (cf. P. Paris Bibliothèque 
de l’Ecole des Chartes II, Paris 1840. 32...). 


7688— 7701. 7702—7715. 
Per natura segon que m par e l’auzels en l’uou se congria 
an li auzel poder de volar de la glayra !) tota via 
e son leugier ab vista prima, e dizen li auctor ses ganda 
de pluma vistit tro a la sima que lo boiols ?) es sa vianda, 
e tuch an beo per lor natura, del qual ?) boiol geta ?) sa vida 
mas non ges tuch d’una figura; entro que de tot es complida 
e totz auzels cumenalment en °) l’uou sa generacios, 
ha dos pezes tan solament. „ et es venguda sa Bazos 
e las charns d’auzels ses falhir que dins non a plus que mengar, 
son leugieyras per degirir adonc lo test se vay trenchar 
e sanas e de gran sabor e pren deforas sa pastura 
segon que dizen li auctor. chascus segon °) sa natura. 
En engendran naturalmen E totz auzels naturalmen 
fan tuch auzel uous aychamen nurish sos pols en lor joven 


1) Dieses Wort, nicht bei Raynouard, ist gleich glaire. — MB. glayza. 
2) Rayn. bojolbs. 3) Rayn. e del. 4) Rayn. M. Brit. tray. 
5) Rayn. dins. 6) de. 


346 


7716— 7755. 
e quan vec la sazos e ‘1 temps 
que s deven ajostar essems, 
van ohantan, e an entre lor 
natural movemen d’amor 
e chascus ab sa par s'atura, 
e de las autras non an cura 
E de natura ayschament 
han li auzel lor movement 
et an la vertut de sentir, 
de mengar, de vezer, d’auzir 
e an qual o cum escien 
sitot non an razo ni sen, 
quar an escien d'eschivar 
so que lor poyria mal far 
6 van perchassan e queren 
vianda per lor nurimen 
e an escien de fugir 
e sen de lor naffra guarir, 
dont hirundes sos yrundatz 


sana quant han los uelhs crebatz, 


ab herba lor ret lo vezer, 

la qual herba, devetz saber, 
trobat ay en escrich, la flor 
de celidonia lor acor. 

e mayns d’autres vos en daria 
semlans aytals si ieu uolia. 
Alqus auzel naturalmens 
volen habitar entre gens: 
d’aytal natura trobaretz 
galinas, auchas e anetz, 
passers, yrundas aychamen; 
alqus autres naturalmen 

no volen entre gens estar, 
aychi cum son auzel de mar, 
e breomen de tala manieyra 
son trastuch auzel de ribieyra 
e li autre auzel salvatge 

e de roques e de boscatge. 

E totz auzels a per natura, 
que en ribieyra se atura, . 


Sachs 


7266-7794. 
clauzes los pes e coa breo 
per nodar per ayga plus leo 
e an lonc lo col per natura 
quar prenon queren lor pastura. 


22 v° 1) Auzels de chassa las mon- 


tanhas 


vay mot seguent e fuch las planhas, 


et a lor donat a natura 

pes e bec d’aytala figura, 
corps e fortz, que aian poder 
de lor prea mielhs retener, 

e pauc de carn lor volc donar 
e pro pluma per leu volar. 
d’aquestz auzels neguna via 

no veretz granda companhia ; 
an trobam de lor pols petitz 
que mantenen que Is an nuritz, 
pueysh que saben volar per fi, 
los geten fora de lor ni 

de bec e d’alas conbaten. 

Mas las gruas naturalmen 
volen estar a grans tropels 

e aytal es dels estornels !). 
gruss e auchas aychamen 
volen azordenadamen, 

e naturalmen trobaretz 

que s combaten alcunas vetz, 

e quan senten venir mal temps, 
tantost cridan totas essemps 

e fan escilgach ?) entre se 

e aquela qui 1 fay, quan ve 
home de lor appropiar, 
mantenen se pren a cridar. 

E sapchatz que auzel charonhier 
no beyen ayga voluntier, 

mas colomp en beven assatz 


e tuch li autre que mengen blatz, 


e l charonhiers en nulha guya 
de son semlan no mengaria. 
Corps e graulas ?) naturalmen 


1) Altfr. estornele s. Rayn. Lex. III, 221. 


3) M. Brit. escurgag cf. Rayn. Lex. III, 417 = scalgayt, escalgast, 
échauguette, altfranz. escorgaites (7 Sages 2219), escalguaite (Roland 178) 


escherguaitemenz (Job 500) cf. Garin I, 20; II, 48. Brut 2550. 


3) 7227. M. Brit. gralhas. 


Inedita aus dem Breviarı d’amor. 


7795 — 7831. 
paychen lor pols en lor joven 
e als fort vielhs senes doptar 
li iove donen a mengar 
e ls porten sul col quan s’ave 
que no poden volar per se. 


De la natura dels peychos. 


Lo peychos noda !) per natura 
e en ayga vieu e dura 

e ses ayga segon que m par 
no pot ni viore ni durar. 

(22 v°2) et a coa per si regir 
e mot petitet vol darmir 

e son petit durmir fazen 

muo la coa tan solamen. 

li peycho femel engendran 
per vigor natural uous fan 

e cum sabetz fan ne gran Te, 
pero tuch no venen a be, 
quar trop se multiplicarian, 

si tuch li uou a be venian, 
don sol aquilh senes falhensa 
que lo mascles ab sa semensa 
atenh en lor ajustamen, 

aquilh se salven solamen. 
aychi o di en un logal 
Aristotils en general. 

Lo peychos nurish per natura 
e ama sa engendradura 

cum fay totz autres animals. 
Peychos d’estanc e fluvials 
fay mot plus tost uous que maires ?) 
quar el los fay apres V mes, 
mas li peycho de mar los fan 
cumenalment apres VII an. 
Lor filhs alachon li delphi ?) 
segon qu’el philozophes di, 
mas autre peychos paucz ni grans 
no nurish de lach sos effans. 


1) nada M. Brit. 


2) sic; M. Brit. huous que mares, 


res — le marin. 
3) alaiter. 


347 


7832— 7868. 

E trobem dels peychos maiors 

que ilh devoren los menors 

e pueysh per cels qui son mays 
grant 

son devorat li devorant. 

E per natura li peycho 

sitot non an en se razo, 

an be sentir e odorar, 

auuir *) e vezer e gostar, 

dont odorant senten l’odor 

del panier vielh del peschador 

per que intren plus voluntier 

en lo nuou que el vielh panier; 

e de lor auuir aychamen 

trobam qu’ il delphis mantenen 

quant auuen sonphonia tocar ‘) 

s'ajusten a tropels en mar. 

(23 r° 1) Mas li peycho senes fal- 
hensa 

non an tanta de conoychensa 

ni de natura escient 

cum li auzel naturalment, 

e dona s'en aytala razos 

quar l’abitagles dels peychos 

non es de puritat tan gran 

cum l’ayres on li auzel estan, 

empero be trobem peychos 

maysh los us que Is autres ginhos 

en fugir a lor chassadors 

e a los retz dels peschadors. 

Segon que dizen li auctor 

balena porta maysh d’amor 

que negus autre peysh que sya 

a los balenatz dont °) tot dia 

los se vol tot en torn menar, 

e quan nodant ab lor per mar * 

ve la balena qu’en perilh 


per fauta d’ayga son siey filh, 


quar en terra son agravat, 


Rayn. Lex. IV, 158: tost que lo ma- 


4) M. Brit. auzir. 


5) samfonia toquar M. Brit. 1.: simfonia, s. Wagenseil Meistersänger 501, 


6)M. Brit. cadels dont. 


7869 —7904. 

d’ayga recep gran quantitat, 
ab laqual tantost lor acor 
escampan l’ayga sobre lor, 
pueysh met los el preuon '’) del 

mar. 
Enquera maysh per els salvar, 
quan la balena ve venir 
causa que lor pot dan tenir, 
se met entr’ el perilh e lor, 
quar tan lor porta bon amor 
que maysh lo vol en si suffrir; 
e quan tempesta ve venir 
e li filh son pauc e tenret, 
totz vios el ventre los se met, 
pueysh quan cessa la tempestatz 
e lo temps seres es tornatz 
e l mars se uay adossezent, 
geta los fora mantenent 
segon que ditz Ysodorus. 
De lor natura no dio plus. 


= 


De la natura de las bestias e 
de chascu de lor menbres. 


De natura certanamen 

an las bestias lor movemen 

23 r° 2) et an natura de sentir, 
de mengar, de uezer, d’auuir 
e an alcun’ entencio, 

sitot non an ab si razo, 
alcunas maysh, alcunas meyns, 
et appar en lor regimens. 

quar alcunas an mays d’amor 
e las autras mays de folor 

e las autras mays d’ardimen 

e Ms autras mays d’escien, 
dont lo cas porta gran amor 

e conoysh son befezedor ?) 

e mot son li aze testart ?) 

e mot son ardit li leopart ®) 

e vezem maysh de malicia 


1) M. Brit. profond. 
3) têtu Rayn. v. 856. 
6) M. Brit. de voler, d’auzir. 


Sachs 


7905 — 7945. 
en la volp et en la simia. 
Enqueras an naturalmen 
las bestias mot gran escien 
quar per escien natural 
conoyschen que lor pot far mal 
et aycho mot fort esqueven 
e percassen so de que viven 
e an escien de fugir 
e si de lor nafras guarir. 
Alcunas bestias aychamen 
volen estar naturalmen 
a grans tropels en lor pastura. 
Li cer‘) son d’aquela natura; 
las autras a tropel van tart, 
si cum son leo e leopart. 
E sapchatz maysh en general 
que tuch li senten animal 
segon que es de lor natura 
an segon que di l’escriptura 
diverses menbres en lor cors, 
pero non an dins ni defors 
petit ni gran, si be o quiers, 
que tuch no lor fassan mestiers. 
Pels an per la carn defendre 
de so que la poyria offendre; 


lo pels de frech la pel defent, 


de plueya, de nyo, e de vent. 
osses an per donar vigor 

al cors qu’ en agra pauc ses lor, 
23 v°1) neruis pels menbres ajustar 
e l'u ab l’autre mielhs lassar. 
Lo ventres pren e degirish 

so dont lo cors se nurish, 
pueysh geten foras li budel 

aquo que non es bo ni bel. 

Del cor segon los naturals 

naysh la vigors esperitals 
d’entendre, de vezer, d'auuir €), 
de conoyscher e de sentir, 

e es en aquela partida 

lo comensamens de la vida. 


?) M. Brit. e leu conoys som befachor. 
4) M. Brit. laupart. 


5) M. Brit. sers. 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 


7946— 7985. 
L’alens y es per alevar 
e l’ayre frech al cor tirar 
per atemprar sa gran calor. 
Del fetge dizen li auctor 
qu’engendra lo sanc lo qual mena 
als menbres per chascuna vena. 
e la ratela tota via 
refrena la malencoria '), 
e lo fels aytan quant hom viva 
coffortans es la digestiva. 
menbres y a per engendrar 
e per natura conservar. 
Lo chaps ab las partz que conpren 
“ governa tot lo remanen, 
so es los autres menbres totz. 
en lo col se forma la votz : 
e fay la vianda venir 
a l’estomac per degirir. 
Lo pietz defen lo cor de mals 
e ls autres menbres naturals. 
apres las costas del layrier 
sierven d’aquel mezysh mestier, 
Bratz, eschina sierven d’obrar, 
cueychas, chambas per deportar, 
quar porten tot lo remanent. 
las unglas sierven deffendent 
pes e las mas de creatura 
encontra tota causa dura, 
Atressi per defensio 
a mayntas bestias dadas so, 
quar son alcunas creaturas 
que an unglas per armaduras, 
(v° 2) las autras corns, las autras 

dens, 

cum leos e buos e serpens. 
et autras creaturas 80 
que quar non an defensio 
d’onglas ni de corns ni de dens, 
son per natura fort correns 
per fagir qui lor vol far mal; 
conilhs e lebres son aytal. 


3) M. Brit. malencolia. 


2) pezolh = pou Rayn. IV, 582; 


5) M. Brit. pezeros == paresseux. 


7986 —6026. 
E mayntas diversas naturas 
autras trobam en creaturas 
de las quals no vuelh plus tractar, 
quar trop seria lono a comtar. 
Pero cum di Damascenus, 
aysso devria pessar chascus 
que tot los autres animals 
qualque sian e bos e mals, 
auzels e bestias e peyschos 
dyos lo payres creet per nos, 
quar li u son bo per mengar 
e li autre per alegrar 
e li autre senes falhensa 
son bo per donar conoychensa 
del poder de la deitat 
e de nostra infirmitat, 
cum pezolhs, negras ?), scorpios, 
serpens, lops e ors e leos. 
formitz es bona ses doptar 
per los nualhos ?) essenhar, 
quar la formitz el temps d’estio 
amassa ?) I blat don l’ivern vio. 
veiatz donc qu’en devem far nos 
a cuy es datz sons © razos. 
E mayntas bestias aychamen 
trobam que son naturalmen 
mot bonas e medicinals 
per donar salut d’alqus mals. 
quar hom de la charn serpentina 


fay tiriaca bona e fina. 


E fels de taur senes falhir 
es bos per los uelhs esclarzir; 
et es medicinals e bo 


_sezer sobre pel de leo 


a home que morenas ha 

quar ab aquo lo mals s’en va. 

24 v° 1). E atressi pels de serpen 
en oli cuecha mantenen 


- osta la dolor de aurelhas. 


E qui dopta de sas ouelhas 
qu’el lops las Ihi venha manjar, 


negras sind puces. 
4) M. Brit. acampa L 


8027—8034. 
leugieramen las pot gardar, 
si lay ont las enclau de ser, 
pent una coa de lop ner, 
quar ja lay on la coa pendra, 
ni lops ni loba no vendra. 
Li pel del ca blanc senes. taca 
qui.al cazieu los estaca ?), 
aquilh lo garda de cazer. 


Sachs 


8035— 8041. 
ayssi di Costantis per ver. 
Lo philozophes ditz assatz 
d’autres bonas proprietatz 
e condicios naturals 
en lo libre dels animals. 
mas laysh m'en, quar trop lonc se- 
ria, 
si totas dire las volia. 


Uebersetzung. 


Von der Natur der Vögel. 


Die Vögel haben von Natur 
Geschicklichkeit im Flug und sind 
Beim ersten Zeichen schnell davon; 
Mit Federn sind sie ganz bedeokt 
Und Schnäbel haben sie, doch ist 
Gar sehr verschieden ihre Form, 
Und keiner unter allen hat 
Mehr als zwei Füfse von Natur. 
Das Fleisch der meisten Vögel ist 
Sehr zart und zu verdauen leicht; 
Als sehr gesund und schmackhaft 
wird 
Von den Autoren es gerühmt. 
Die Fortpflanzung, bei allen gleich, 
Geschieht durch Eierlegen stets. 
Der Vogel bildet sich im Ei 
Vom Eiweis; die Autoren all 
Erklären, und so ist es wahr, 
Dafs seine Nahrung in der Zeit, 
Wovon er lebt, der Dotter ist, 
Bis er vollständig in dem Ei 
Gebildet und entwickelt ist; 
Und wenn die Zeit gekommen ist, 
Dafs nichts mehr drin zu essen 
bleibt, 
Dann bricht die Schale er entzwei 
Und geht, die Nahrung draufsen sich 
Zu suchen, je nach seiner Art. 
Und jeder Vogel von Natur 
Nährt seine Jungen, wenn sie klein; 
Und kommt alsdann die Zeit herbei, 


1) Rayn. 2. 850? 


Wo sie sich froh zusammenthun, 
So singen sie und unter sich 
Beginnen sie der Liebe Spiel; 
Dann nimmt sein Weibchen jedes 
Thier 
Und kümmert nicht um andre sich, 
Und ferner hat sie die Natur 
Für die Bewegung eingerichtet, 
Und ausgestattet mit Gefühl, 
Geruch, Gehör und dem Organ 
Zum Essen, auch mit etwas wie 
Verstand, wenn auch nicht mit Ver- 
nunft; 
Denn sie verstehn zu hüten sich 
Vor dem was ihnen Schaden bringt 
Und aufzufinden allerlei, 
Was ihnen gut zur Nahrung dient, 
Und vor der Feinde List zu fliehn; 
Auch heilen sie sich Wunden selbst. 
So heilt die Schwalb’ ihr Junges, 
wenn 
Die Augen ihm beschädigt sind; 
Durch eine Pflanze gibt sie ihm 
Das Augenlicht, und diese wird, 
Wie in den Schriften ich gesehn, 
Daher das Schwalbenkraut genannt. 
Und manches Andre könnt’ ich noch 
Anführen, hätt’ ich Lust dazu. 
Der Vögel manche leben gern 
Zusammen mit den Menschen; s0 
Zum Beispiel ist der Hühner Schaar 
Und Gäns’ und Enten auch gesinnt, 
Sperling’ und Schwalben ebenfalls; 


Inedita aus dem 


Doch andre wieder sind durchaus 
Nicht gerne in des Menschen Näh, 
Wie die Seevögel, und die sonst 
Am Wasser noch man öfter jagt, 
Raubvögel auch und andre die 
Auf Felsen leben und im Wald, 
Die Vögel aber, die Natur 
Dazu geschaffen, dafs sie sich 
Im Wasser halten, deren Fufs 
Ist zu, und kurz nur ist ihr Schwanz, 
Um leicht zu schwimmen in der 
Fluth, 
Und länger daher ist ihr Hals, 
Um besser Nahrung zu erspähn. 
Jagdvögel lieben das Gebirg 
Und halten sich von Ebnen fern, 
Und ihnen hat Natur verliehn 
Die Füfs’ und Schnäbel dergestalt 
Und auch den Körper stark, auf dafs 
So leicht nicht ihre Beut’ entwischt; 
Doch wenig Fleisch nur haben sie 
Und Flügel stark zu leichtem Flug. 
Von diesen Vögeln sieht man nie 
Ein ganzes Volk zusammen ziehn; 
Die Jungen aber, wenn sie auch 
Noch klein, sobald sie aufgebracht, 
Dafs sie zu fliegen erst verstehn, 
Sind gleich geworfen aus. dem Nest, 
Ob sie mit Schnabel auch und Flügel 
Sich wehren. Doch derKranich liebt 
In grofsen Haufen fortzuziehn 
Und ebenso macht es der Staar. 
Kranich’ und Gänse fliegen stets 
In grofser Ordnung aufgestellt, 
Und manchmal sieht man sie dabei 
Sich streiten, und wenn der Instinkt 
Verkündet, dafs schlecht Wetter 
naht, 
So schreien laut sie insgesammt; 
Auch stellen stets sie Wachen aus, 
Und der die Wache hat, wenn er 
Sieht, dafs ein Mensch sich ihnen 
naht, 
Beginnt aus vollem Hals zu schrein. 
Die Vögel aber, die von Fleisch 
Sich nähren, lieben Wasser nicht; 


Breviari d’amor. 851 
Doch Tauben saufen viel davon 
Und andre, die Getraide fressen; 
Doch fressen auch die ersten nie 
Von ihrer eignen Art ein Thier, 
Die Raben und die Krähen auch 
Ernähren selbst die junge Brut, 
Und wenn die Alten selır bejshrt, 
So speisen oft die Jungen sie, 
Und tragen ihnen Futter zu, 
Wenn selbst sie nicht mehr gut zum 
Flug. 


Von der Natur der Fische. 
Die Fische schwimmen von Natur 
Und halten sich im Wasser auf, 
Und obne Wasser können sie 
Nicht leben, wie es mir erscheint. 
Zum Steuern brauchen sie den 

Schwanz 
Und schlafen nur geringe Zeit, 
Doch auch dabei bewegen sie 
Ganz wenig immer noch den 
Schwanz. 
Die Weibchen aller Fische legen, 
Da von Natur sie so bestimmt, 
Der Eier eine grofse Zahl; 
Doch kommen sie nicht alle auf, 
Denn sie vermehrten sich zu sehr, 

Wenn alle Eier gut gediehn; 
Drum kommen ohne Zweifel die 
Allein zu weiterem Gedeibn, 

Die, wenn sie sich entwickeln, trifft 
Der Same, den das Männchen gibt. 

So wenigstens berichtet uns 
Der Meister Aristoteles. 

Die Fische nähren von Natur 
Und lieben ihre junge Brut, 

Wie alle andern Thier’ es thun. 

Viel schneller leichen die im Flufs 

Und Teichen als die in der See, 

Da sie’s schon in fünf Monden 
thun; 

Die andern aber in der See 
Bedürfen dazu sieben Jahr. 

Die Jungen säuget der Delphin, 

Wie uns der Philosoph erzählt, 


393 Sachs 


Die andern aber, grofs und klein, 
Ernähren niemals sie mit Milch. 
Und von den gröfsern finden wir 
Dafs sie verzehren klein’res Volk, 
Und dann durch die, so gröfser noch, 
Gefressen wird, was andre frafs. 
Und von Natur ist auch der Fisch, 
Wenn er auch nicht Vernunft be- 
sitzt, 
Doch mit Gefühl und mit Geruch 
Begabt und hört und sieht und 
schmeckt, 
Und daher riechen sie gar leicht 
Den Korb des Fischers, wenn er alt, 
Und gehen sehr viel leichter drum 
In einen neuen Korb hinein; 
Und vom Gehör auch finden wir 
Dafs der Delphin in Eile sich 
In Heerden sammelt in dem Meer, 
Wenn irgend er Musik vernimmt. 
Doch haben Fische sicherlich 
Nicht so viel Kenntnils von Natur 
Noch sind sie ebenso begabt 
Als wie die Vögel insgesammt. 
Und davon scheinet mir der Grund 
Zu sein, dafs ihre Wohnung nicht 
So rein ist als die Luft, in der 
Die Vögel leben alle Zeit; 
Doch finden wir die Fische auch 
Die einen mehr als andre schlau 
Zu fliehn der Jäger arge List 
Und vor der Fischer schlimmem 
Netz. 
Nach der Autoren Nachricht liebt 
Der Wallfisch seine Jungen mehr 
Als sonst ein andrer Fisch es thut, 
Drum führt er seine Jungen auch 
Mit sich umher den ganzen Tag 
Und wenn sie schwimmen in der 
| See 
Und er entdeckt, dafs in Gefahr 
Durch Wassermangel seine Brut, 
Weil sie za nah dem Lande sind, 
So saugt er sehr viel Wasser auf 
Und schwimmt damit zu ihnen hin 
Und schüttet über sie es aus, 


Und bringt sie in des Meeres Fiat. 
Und um noch mehr sie zu bewahr’n, 
Wenn irgend er Gefahr erschaut, 
Die seinen lieben Jungen naht, 
Stellt er sich zwischen jen’ und sie, 
Denn seine Lieb’ ist also grofs, 
Dafs lieber er Gefahr erträgt. 
Wenn aber sich Unwetter naht, 
Und seine Jungen sind sehr klein, 
So nimmt er sie in seinen Bauch; 
Läfst aber dann das Wetter nach 
Und ist es wieder klar und gut 
Und wird das Meer aufs Neue still, 
So setzt er dann gesund sie ab, 
Wie Isidorus uns erzählt. 
Von ihnen meld’ ich jetzt nichts 
mehr. 


Von der Natur der Thiere und 
jedem ihrer Glieder. 


Vierfülser sind von der Natur 
Mit der Organe mancherlei 
Begabt, für die Bewegung und 
Für's Fressen, Sehen und Gehör, 
"Und alle haben auch Instinkt, 
Wenn ihnen auch Vernunft versagt, 
Die einen wen’ger, andre mehr, 
Was ihr Verhalten deutlich zeigt. 
Die einen haben Liebe mehr, 

Die andern mehr von Unverstand, 
Noch andre zeigen wilden Muth, 
Und wieder andre mehr Verstand. 
So zeiget grolse Lieb’ ein Hund, 
Der seinen Herren schnell erkennt; 
Die Esel haben starren Sinn, 
Und Leoparden sind gar wild, 
Und sehr viel Bosheit sehen wir 
Im Wolf und in dem Affen auch. 
Die Thiere sind von der Natur 
Mit grofser Weisheit auch begabt, 
Durch welche sie allein ersehn, 
Was ihnen Schaden bringen kann. 
Und dies vermeiden sie geschickt 
Und suchen das, was sie erhält, 
Und wissen ihren Feind zu fliehn 


Inedita aus dem 


Und ihre Wunden heilen sie. 
Und von Natur liebt manches Thier 
Nicht auf der Weide sich allein 
Zu halten, sondern heerdenweis. 
So geht es mit den Hirschen auch, 
Doch andre ziehn in Heerden kaum, 
Wie Löwen und der Leopard. 
Und ferner sollt erfahren ihr, 
Dafs jedes Thier nach seiner Art, 
Wie's ausgestattet die Natur 
Und in der Schrift zu lesen ist, 
Verschiedne Glieder hat, doch keins, 
Mag es nun grofs sein oder klein, 
Und inner- oder aufserhalb, 
Ist ohne ganz bestimmten Zweck. 
Das Fleisch zu schützen dient das 
Fell 
Vor dem, was es zu schäd’gen droht, 
Auch schützt vor Kälte es die Haut, 
Vor Schnee und Regen oder Wind. 
Die Knochen geben grofse Kraft 
Dem Körper, der schwach ohne sie, 


“Und Nerven, um die Glieder gut 


Zu richten und zu binden fest, 
Der Magen nimmt sich und verdaut 
Das, wodurch sich der Körper nährt, 
Dann werfen die Gedärme fort, 
Was weder nützlich ist noch schön. 
Vom Herzen, wie aus Büchern ich 
Gelernet, kommt die geist'ge Kraft 
Des Sehens, Hörens und Verstehns, 
Des Fühlens und Erkennens auch, 
Und hier in diesem Theile liegt 
Des ganzen Lebens Anbeginn. 
Der Athem dient zum Athmen und 
Um frische Luft ins Herz zu ziehn, 
Um abzukühlen seine Glut. 
Die Leber, sagen die Autor’n, 
Erzeugt das Blut und führt es dann 
Durch Venen nach den Gliedern 
hin. 
Und gegen der Melancholie 
Zu heftges Wirken schützt die Milz; 
Die Galle trägt, so lang man lebt, 
Gewaltig zur Verdauung bei. 
Auch Glieder zur Erzeugung gibts 
IL 3. 


Breviari d’amor. 353 
Und zur Erhaltung ebenfalls. 
Der Kopf mit allen Theilen drin 
Regiert den ganzen andern Leib, 
Das heilst die andern Glieder all. 
Die Stimme bildet sich im Hals, 
Auch läfst die Nahrung er hindurch, 
Dafs sie der Magen dann verdaut. 
Die Brust beschützt das Herz und so 
Die andern Glieder ebenfalls, 
Und im Brustkasten dienen auch 
Die Rippen dazu allererst. 
Zur Arbeit dienet uns der Arm, 
Zum Tragen aber Hüft’ und Bein, 
Denn alles andre tragen sie. 
Die Nägel dienen, um den Fufs 
Und Hand jedweder Creatur 
Zu schützen gegen hartes Ding; 
Auch dienen zur Vertheid’gung sie 
Und sind gegeben manchem Thier; 
Denn viele sind mit Nägeln so 
Bewaffnet und gerüstet, wie 
Mit Hörnern andre oder Zähnen, 
Als Schlangen, Ochsen oder Leu’n. 
Und wieder andre Thiere gibt's, 
Die, weil sie nicht bewaffnet sind 
Mit Nägeln, Hörnern oder Zahn, 
Zum Laufen eingerichtet sind 
Und schnell zu fliehn, was sie be- 
droht, 
Wie Hasen und Kaninchen auch. 
Und manche Eigenschaften noch 
An den Geschöpfen wir ersehn, 
Von denen ich nicht handeln will, 
Da es zu viele Zeit erheischt. 
Wie aber Damascenus sagt, 
Ein Jeder soll erinnern sich, 
Dafs alles andere Gethier, 
So vieles lebet, gut und bös, 
Vierfüfser, Fisch’ und Vögel all 
Für uns von Gott geschaffen sind; 
Die einen sind zum essen gut, 
Die andern gut uns dran zu freun, 
Und andre wieder, das ist klar, 
Sind uns zu unterrichten gut 
Von Gottes allgewalt'ger Macht 
Und unserer Gebrechlichkeit, 


24 


354 


Wie Läuse, Scorpion’ und Flöh’ 
UndSchlangen, Wölfe, Bären, Leu'n. 
Ameisen aber sind gar gut 
Zur Lehre für den faulen Mann, 
Denn schon im Sommer sammelt sie 
Die Frucht, dran sie im Winter lebt. 
So sieht man, dafs sich richten mufs 
Nach ihr, wer Sinn hat und Ver- 
stand. 
Und viele Thiere finden wir, 
Die von Natur gar gut bedacht 
Und die mit tücht'ger Kraft begabt, 
Zu heilen manches Uebels Last. 
So macht man aus der Schlangen 
Fleisch 
Vorzüglich guten Theriak, 
Und Rindergalle wendet man 
Zur Stärkung für die Augen an, 
Und ausgezeichnet heilsam ists 
Zu sitzen auf ‘ner Löwenhaut 
Für den, der von Haemorrhoiden 
Geplagt wird, denn schnell gehn sie 
fort. 


Sachs 


Und ebenso nimmt Schlangenhaut 
In Oel gekocht im Augenblick 
Das Ohrenreifsen; und wer nicht 
Ganz sicher seiner Schafe ist, 
Dafs sie der Wolf zu stehlen kommt, 
Der kann beschützen sie ganz leicht, 
Wenn er, wo er am Abend sie 
Einsperrt, vom schwarzen Wolf den 
Schwanz 
Aufhängt, denn wo er das gethan, 
Zeigt niemals Wölfin sich noch Wolf. 
Und wer vom weifsen Hund die Haut, 
Ganz fleckenlos, Fallsüchtigem (?) 
Umbängt, schützt ihn so vor dem 
Fall. 
So saget Constantin ganz wahr. 
Der Philosoph erzählet noch 
Gar manche andre Eigenschaft 
Und andre gute Dinge viel 
In seinem Buche von den Thier'n. 
Ich aber ende jetzt, denn wenn 
Ich alles sagte, wär's zu lang. 


De la natura d’ome e prumierament de la natura de 
Parma spricht von den fünf vigors der Seele: sensualitatz, 
sens, ymaginacios, razos, entendemens. Beim Verse 8192 
beginnt De la natura del cors d’ome e de las À humors: co- 
lera, sanz, flegma, malencolia, welchen Gegenstand ein kur- 
zes französisches Gedicht des MS. St. Germain 658 fol., 
p. 223, v° 2 behandelt, das hier folgen möge, und zu dem 
man ein englisches ähnliches Opus von Lydgate MS. Har- 
lej. 2251 4°, fol. 79 v° vergleichen kann. 


Les 4 complections de l’oume. 


Li uns homs es sanguiniens, 
apres est tiex mes essiens 

o'us autres hom est coleriques 

e li autres est fleumatiques, 

li quars melencolieus est. 

Don deviser me truiz tout prest 
les complexions de ces quatre 
sans riens croistre e sanz rabatre. 
Li sanguineus est amans, 

larges et coulor a rians, 


de coulor a vermeil le vis, 
chantant e charmi le devis, 
assez hardy e debonnaire, 

tex costumes doivent bien plaire 
a ce que tesmoingne fisique. 
Apres vos dy dou colerique: 
ireus, fox, larges et hardis, 
grailles est e voisex e sages, 

le voit on jaune en visage, 

tout ci fait le poez trouver. 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 


Del fleumatique weil prouver 

la maniere et les drois assens, 
ja n’est mie agu de sens, 

la face crasse et coulor blanche, 
de dormir a paines estanche, 
perecex est, de fleume plains; 
si fais kom n’est mie molt plains, 
quant on le voit partir de vie. 
Or est raisons que je vos die 
le voir dou melencolieus, 

il est dolans et envieus 

e convoitex e trop fer tient. 

un vilain usaige maintient, 
d'autrui baisier fet son pooir, 
c’est coars, ce puet on veoir, 
de coulor pale est coulorés, 

e se vos por tel home ouvres, 
ja dex bon gré ne vos en sache, 
car plus tost ahert et ensache 
le mal plus que le bien assez, 


si fais hom n'en iert ja lasséz 
de mener anuieuse vie 

qu'il ne set vivre sanz envie, 
e mainte autre teche mauvaise 
voit on norir en sa fournaise, 
donques est sa valor petite. 

Or vos ai la maniere dite 

des 4 complections de l’oume, 
dont je vos ai la droite somme 
tout apertement despondue, 

Se vos l’avez bien entendue, 
adroit poez jugier et dire, 
laquex est mieudre, laquiex pire. 
Ci faut de ce Romans la fin. 
Pries dieu qu’il a bonne fin 
amaint celui et sa maisnie 

qui la letre en a pourtraitie. 
De Maubuege ot a non Pierres, 
cil ne fu ne fox ne lechierres. 


Nach einer Verweisung auf Ypocras (8299) fährt Mat- 
fre 8300 fort: Dels nurimens e de las manieyras que chas- 
cus hom ha naturalment per raso de sa complexio. 


8300 —8316. 
Hom colerix naturalmen 
deu esser d’aquest nurimen: 
grans despendeyres e testartz 
e malicios e auzartz, 
magres, de leugier movement, 
de cruoga !) color aychament. 
Hom sanguis deves l’autre latz 
ha mot bonas proprietatz, 
quar el es larcz naturalmen, 
alegres ab grant ardimen, 
riens e cantans per natura 
e mot benigna creatura, 
atempratz e de grant amor, 
grassetz e de frescha color, 
Hom flegmatix naturalmen 
deu aver mot petit de sen 
e deu esser mot peserog ?) 


8317—8333. 
per natura e durmilhos, 
gras deu esser es ab p[rJezor 
e deu aver blancha color 
e deu fort soven escupir ?) 
e deu ioves encanesir. 
Lo malencolis per natura 
deu esser de laia figura, 
quar deu aver color de brac 
e pro portar de mal el sac 
e d’enjans e de traycios 
e deu esser fort orgolhos, 
enveios, tristz e iraychens 
e mot cobes e mot tenens. 
Diran alqu demantenen 
si hom es donc naturalmen 
malencolix per voluntat 
de I’ omnipotent deitat, 


1) M. Brit. gruga cf. Ray. III, 512 == croceus. 


2) M. Brit. perezos. 


8) cracher Rayn. III, 154. 


2a” 


8334—8365. 
que per sa disposioio 
a dada tal conplexio, 
si alcus es malicios 
o es avars o orgolhos 
o enveios o irayschens, 
no m par que y sia malmerens, 
qu’ el philozophes di, so m par, 
que no deu lauuar ni blasmar 
la humana creatura 
d’aysso que Ih’ ave per natura, 
quar ges aquo per 8a proeza 
no Ih’ ave ni per sa maleza. 
Yo vos respondi que humana 
creatura be fora sana 
si no fos per la sua folia, 
. e que la malencolia 
no lhi dera nulh movemen 
de far pecat ni falhimen 
si non agues del fruch mengat 
que Dyos Ih’ avia devedat, 
quar segon la sancta escriptura 
tota humana creatura 
pres corrupcio general 
en lo peccat original, 
pueysh que hom donc son percassat, 
no 8 pot excusar de pecat. 
E per autra razo no m par, 
que 8 puescha negus excusar 
per sa mala conplexio 
quar Dyos a dat sen e razo 
a chascun home e poder 
ab lo qual pot regla tener 


Sachs 


83668397. 
26 r° 1) aquel movemen natural 
et esquivar peoeat e mal. 
Sel donc qui 1 vol segre de grat, 
no 8 pot excusar de peccat. 
Pero sapchatz certanament 
que cel qui forsa son talent 
e s garda de far falhizo 
restrenhen sa conplexio, 
o mayer es lo vensemens, 
aytant es a Dyo mays plazens. 
Qui donc vens sa conplexio, 
es malencolix per son pro. 
Enqueras vuelh maysh que sapchatz 
que non es tan grans lo peccats, 
si es avars O es iros 
un home malencolios 
cum d’un home sangui seria, 
quar lo sanguinis hom faria 
senes dopte sa falhizo 
encontra sa oonplexio 
e vendria senes doptar 
ab gran voluntat de pecar, 
si fazia lo dich peccat, 
quar es be conplexionat; 
mas la mala conplexios 
ques es malencolios, 
l’amonesta e nuech 6 dia 
que irascos e avars Sia, 
dont tan grans sa colpa non es, 
pero excusatz non es ges, 
quar Dyos 1h’a dat poder e sen 
de restrenher lo movemen. 


Uebersetzung. 
Vom Verhalten und Benehmen je nach dem Temperament. 


Colerische sind von Natur 

In ihrem Wesen ganz bestimmt 
Verschwenderisch, voll Eigensinn, 
Böswillig und voll kühnen Muths, 
Und mager, leicht erregten Sinns, 
Von gelber Farbe des Gesichts. 
Sanguinische dagegen sind 

An guten Eigenschaften reich, 
Zum Spenden sind sie gern bereit, 
Und munter stets und kühn gesinnt, 


Und lachen gern und singen viel, 
Sind freundlich gegen Jedermann, 
Auch mälsig, voller Lieb’ und stark, 
Und frisch sind ihre Farben stets. 
Phlegmatische sind von Natur 
Mit nicht sehr viel Verstand begabt 
Und träge sind sie ebenfalls 

Und schlafen über Alles gern, 
Stark sind sie auch und wiegen 

schwer, 


Inedita aus dem Breviari d’amor. 


Und weifs von Farb’ ist ihr Gesicht. 
Ausspeien müssen sie gar oft 
Und werden schon frühzeitig grau. 
Die Melancholischen sind stets 
Von häfslichem Gesichte, denn 


Von schmutz’gem Grau ihr Antlitz ist. 


Viel Uebel tragen sie im Sack 
Und Trug und listigen Verrath 
Und pflegen äufserst stolz zu sein, 
Jähzornig, traurig und voll Neid, 
Habgierig und festhaltend auch. 
Nun möchte mancher sagen, wenn 
Der Mensch schon also von Natur 
Durch des Allmächt’gen Willen ward 
Zum Melancholischen bestimmt, 
Der ihm nach seinem weisen Rath 
Gegeben solche Sinnesart, 
Wenn einer dann böswillig ist, 
Von Geiz besessen oder Stolz, 
Jähzornig oder neidisch auch, 
Dann scheint mir das nicht seine 
Schuld, 
Da solches lehrt der Philosoph, 
Dafs man niemalen tadeln darf 
Den Menschen oder loben auch 
Für etwas, das Natur ihm gab; 
Denn daran hat er kein Verdienst 
Noch fällt es irgend ihm zur Last. 
Ich aber sage euch darauf, 
Dafs jedes menschliche Geschöpf 
Gesund, wär's selber thöricht nicht, 
Und die Melancholie kann nicht 
Ibm geben irgend welchen Trieb, 
Die kleinste Sünde zu begehn, 
Hätt er gegessen nicht die Frucht, 
Die Gott dereinst verboten ihm; 
Denn wie die heil’ge Schrift uns lehrt, 
Nahm jedes menschliche Geschöpf 
Erbsünd’ im Allgemeinen an 
Beim ersten Fall des Menschenpaars; 
Doch da wir alle losgekauft, 


357 


Bleibt der Entschuldgung jetzt kein 
Grund. 
UndnocheinandrerGrundscheintmir 
Dafür zu sein, dafs Niemand sich 
Durch Temp’rament entschuld’gen 
kann, 
Denn Gott gab Sinn uns und Vernunft 
Und jedem Menschen gab er Kraft, 
Dafs er im Zaume halten kann 
Den Trieb, der von Natur ihn quält, 
Und meiden Sünd’ und Sinnenlust. 
Wer ihm aus freiem Willen folgt, 
Derhat Entschuld'gung nimmermehr. 
Drum wisset solches sicherlich, 
Dafs wer des Fleisches Triebe zähmt 
Und sich vor Uebelthun bewahrt, 
Indem er seine Neigung zwingt, 
Bei dem ist gröfser nur der Sieg, 
Und wohlgefäll’ger ist es Gott. 
Wer also seine Neigung zwingt, 
Dem bringt Melancholie nur Heil. 
Doch sollt ihr wissen andrerseits, 
Dafs nicht so grofs die Sündenschuld, 
Wenn geizig oder zornig ist 
Ein Mensch, der melancholisch, als 
Es wäre bei Sanguinischen, 
Denn der Sanguinische begeht 
Alsdann den gröfsten Fehler doch, 
Indem er seine Neiguug zwingt, 
Und zeigte dadurch offenbar, 
Dafs er zum Sünd’gen sehr geneigt, 
Beging’ er jene Sünde, denn 
Er ist ganz gut ja von Natur; 
Die böse Neigung aber plagt 
Den Melancholischen bei Tag 
Und läfst nicht Ruhe ihm bei Nacht, 
Dafs geizig er und zornig sei, 
Drum ist so grofs nicht seine Schuld, 
Wenn er auch nicht entschuldigt ist, 
Da Gott ihm Sinn und Kräfte gab 
Zu zwingen seiner Sinne Trieb. 


Wir schliefsen hiermit diese Auszüge aus dem Bre- 
viari, die in gewisser Beziehung ein Ganzes unter sich bil- 
den und geeignet sein werden, eine ziemlich klare Idee 
über den Werth jenes grofsen Gedichtes zu verschaffen. 


Brandenburg a.H. 


Dr. Sachs. 


358 Anzeigen: 


Kritische Anzeigen. 


La vie de Saint Thomas, le martyr archevèque de Canterbury, par Gar- 
nier de Pont Sainte-Maxence, poëte du XIT siècle, publiée et pré- 
cédée d’une Introduction par ©. Hippeau, professeur à la faculté des 
lettres de Caen. Paris, Aubry. 1859. 


Peu de personnages ont été jugés plus diversement que le 
célèbre archevêque de Canterbury. Honoré par les uns comme 
un saint, flétri par les autres des noms d’intrigant et de factieux, 
il a été loué sans restriction par la plupart des écrivains catho- 
liques, tandis que les historiens de l’école philosophique ont con- 
damné sans ménagements son caractère et ses actes. Augustin 
Thierry l’a jugé, comme on sait, en se plaçant à un point de 
vue nouveau: à ses yeux, Thomas Becket n’est plus un prélat 
combattant pour la défense des prérogatives ecclésiastiques, c’est 
un Saxon, s’armant de la puissance sacerdotale pour faire rest 
tuer à la race Saxonne une partie des droits, qui lui ont été en- 
levés par la conquête; ce n’est plus le champion de l'Eglise, 
c’est le martyr d’une nationalité opprimée. Cette opinion, expo- 
see avec un admirable talent par l’habile écrivain, a trouvé aisé- 
ment créance et est encore assez généralement adoptée. Mais 
que deviendrait l’ingénieuse thèse d’Augustin Thierry, s’il était 
démontré que l’archevêque de Canterbury, au lieu d’appartenir par 
son origine à la nation vaincue, était lui-même de la race des 
conquérants, et né de parents Normands? Or c’est ce que M. 
Hippeau vient d'essayer de prouver dans l’interessante Introduc- 
tion dont il a fait précéder san édition de La vie de Saint Tho- 
mas le martyr par Garnier de Pont Sainte-Mazxence. 

Après avoir fait remarquer que le nom de Becket est celtique 
et non Saxon, il cite plusieurs témoignages contemporains qui 
font naître le père de Thomas, Gilbert, à Thierceville près Mont- 
fort, et sa mère Mathilde à Caen; et il en conclut que les pa- 
rents du trop fameux archevêque avaient traversé la Manche, peu 
de temps après la conquête, pour venir s'établir à Londres. II 
rappelle, à l’appui de cette conjecture, que les principaux protec- 
teurs du jeune Becket étaient des Normands, Richer de L’Aigle, 
Arnould évêque de Lisieux, Henri évêque de Bayeux; il nous le 
montre introduit chez l’archevèque Thibaut par un Normand, le 
clerc Baillehache; enfin il constate qu’au temps même où il n’& 
tait que simple archidiacre, le futur primat possédait déjà des 
biens considérables en Normandie, 


La vie de Saint Thomas par Garnier, publ. p. Hippeau. 359 


L’argumentation de M. Hippeau est loin d’être inattaquable; 
mais tout en entrevoyant les objections qu’elle soulève, nous de- 
vons reconnaître que s’il n’a pas victorieusement établi son hy- 
pothèse, il lui a du moins donné assez de vraisemblance pour 
que notre foi en l’opinion contraire soit désormais singulièrement 
ébranlée. Nous nous en rapportons d’ailleurs parfaitement à lai 
quand il nous affirme „qu’il lui a été impossible de découvrir 
dans les historiens et biographes du XII® siècle un seul passage 
dont on püt induire raisonnablement qu’un esprit d'opposition na- 
tionale ait été la cause de la lutte soutenue par l’archevêque de 
Canterbury contre le système politique et les empiétements de 
l'autorité royale“. Nous croyons comme lui „qu’il est plus simple 
et plus vrai de considérer comme une conséquence forcée de son 
élévation au siege de Canterbury et à la dignité de primat d’An- 
gleterre, l'obligation où se trouva Th. Becket de prendre en main 
contre Henri II la défense de la juridiction ecclésiastique; “ et nous 
avouons volontiers „que le peuple et en général la majeure par- 
tie de la société était intéressée à ce que le prélat triomphät, et 
fit prévaloir sur le code barbare de la législation féodale, les lois 
plus sages et plus humaines de l'Eglise.“ Mais pourquoi le sa- 
vant professeur ne s’en tient-il point 1A? Pourquoi veut-il abso- 
lument nous faire voir dans Thomas Becket „le protecteur de 
l'indépendance et des garanties populaires contre les abus de la 
force et les empiétements du despotisme? “ Pourquoi s’obstine-t-il 
à chercher „dans ses écrits et dans ceux de ses partisans, des 
tendances libérales, et même des instincts fortement démocra- 
tiques? “ Outre que certaines expressions appliquées aux hommes 
du Moyen-Age, nous sembleront toujours d’etranges anachronis- 
mes, nous ne trouvons ni raisonnable, ni légitime de juger des 
intentions ou des idées d’un personnage d’après les conséquences 
plus ou moins lointaines de ses actes. Un pareil système de cri- 
tique historique pourrait conduire à travestir d’une singulière façon 
les caractères les mieux définis et les mieux connus. Que dirait- 
on par exemple, si, sous prétexte que Louis XI et Richelieu ont, 
en affaiblissant l'aristocratie, amené l'émancipation du Tiers-Etat, 
et préparé ainsi le triomphe des principes de 89, nous nous avisions 
d’appeler l’un un ministre liberal et l’autre un souverain demo- 
crate? Restons donc dans le vrai, et sans attribuer à Thomas 
Becket un mérite auquel assurément il ne songeait pas, bornons- 
nous à constater qu’en défendant les priviléges de l'Eglise, il 
avait la conviction partagée par beaucoup de ses contemporains, 


960 Anzeigen: 


de défendre des droits aussi sacrés qu’impreseriptible. Il n’a 
pas besoin d’autre justification: et nous ne trouvons pas d’autre non 
plus dans son plus dévoué panégyriste Garnier de Pont Sainte- 
Maxence. 

Quoiqu'il se pique d’être fort lettré et que sous l'inspiration 
des Saintes Ecritures, il parle de temps en temps un assez noble 
langage, le trouvère que M. Hippeau vient de publier, nous pa- 
raît beaucoup moins plein d’idées et de sentiments philantropiques, 
que son ingénieux éditeur voudrait nous le faire croire. S'il dé- 
sire que le pouvoir judiciaire reste aux mains du clergé, c’est moins 
pour des considérations d'humanité, que parce qu’il est clerc lni- 
même; il se préoccupe médiocrement du sort des peuples, et se 
soucie peu d'étendre aux laïques le bénéfice de clergie. Ce n’est 
point un de ces hommes qui par la hauteur et la largeur de leurs 
vues devancent leur siècle, et pressentent l'avenir. Il est imbu 
au contraire de tous les préjugés de son temps: les éloges qu'il 
adresse à Thomas Becket révèlent parfois une dévotion puérile 
et une piété mal éclairée; la joie naïve avec laquelle il étale les 
aumônes qu'il a reçues dénotent aussi peu de dignité dans le 
caractère que d’élévation dans l’esprit. 

„L’abbesse, dit-il, soeur de saintTho- Et les dames m’unt fet tut gras, 


mas, Chescune d’eles, de sun dun. 
M’ad done palefrei et dras; Or lur duinst Deus tuz dis à tas 
N’i faillent nie li esperun. Pain et vin et char et peisun! 
Ne getai pas mes dez sur as, Ne dirai mès dès ore at las! 
Quant jo tornai à sa meisun! Car servirai!) seigneur mult buen. 
Ne ele n’i ad mespris pas: De co k’ ai esté sovent las 
De mei aura tel gueredun, De rimeier sa passiun, 
Et devant halz et devant bas Il me rent bien, ne m'a à gas; 
Partut eshalcerai sun nun. Assez me trouve guarisun, 
Meillur femme très k’ à Patras, Or, argent, et robe en mes sas, 
En nul liu ne trouvereit l’un: Chevals, autre possessian“ eto. 


Le passage que nous venons de transcrire n’est certes pas 
de nature à donner une bien haute idée de l’impartialité de 
Garnier; cependant il proteste de sa sincérité, et déclare qu'il ai- 
merait mieux mourir que de s’écarter de la vérité: , N’istrai de 
verité pur perdre pur morir! Il a mis quatre ans à composer 
son poëme, recueillant scrupuleusement les divers témoignages et 
les confrontant avec soin. Lui-même, du reste, a assisté à plu- 


sieurs des événements qu’il raconte; il se trouvait en Normandie, 


1) Leçon évidemment fautive; il faut, et le manuscrit donne: car servi ai. 


La vie de Saint Thomas par Garnier, publ. p. Hippeau. 961 


au moment où Thomas Becket, en sa qualité de chancelier d’An- 
gleterre, combattait en personne à la tête des soldats de Henri, 
et l’a vu „sur Franceis plusur feiz chevaucher“; enfin „son ser- 
mun“ fut lu „maintes feiz à la tumbe al barun“ devant un pu- 
blic qui avait connu l’archevêque et les circonstances de sa vie et 
de sa mort. Ainsi, Garnier de Pont Sainte-Maxence, quelque 
soit d’ailleurs notre opinion sur la portée de son esprit et l’indé- 
pendance de son caractère, doit être rangé parmi les plus anciens 
et par conséquent parmi les précieux biographes du célèbre prélat. 
La vie de Saint Thomas inaugure une collection de nos vieux 
poötes que M. Hippeau nous promet courageusement de pablier; 
le savant éditeur a donc jngé à propos de nous exposer dans 
son Introduction comment il entend la reproduction des textes 
du Moyen-Age. „Il m’a semblé, dit-il, qu’il faut garder un juste 
milieu entre le système qui reproduit les manuscrits sans aucun 
changement, et celui qui corrige et modifie les textes pour les 
astreindre à une régularité qui ne peut être que fort arbitraire. 
J’ai suivi la sage méthode adoptée par les savants auteurs de 
l'Histoire littéraire de la France, en remplaçant les « par les v, 
en employant le tréma, l’apostrophe, l'accent aigu ou l’acoent 
grave, lorsque l’exigeait la mesure, lorsqu'il a fallu distinguer 
des homonymes appartenant à des catégories de mots différentes, 
lorsqu’ enfin des indices certains m’ont fait penser que la pronon- 
ciation était au moyen de ces additions exactement figurée.“ Voilà 
certes un éclectisme très raisonnable; malheureusement, il est fort 
difficile de l’appliquer à un ouvrage de longue haleine, sans ja- 
mais s’en departir, comme nous pourrions en trouver de nom- 
breuses preuves dans le livre que nous avons sous les yeux. 
Pourquoi par exemple surmonter d’un accent aigu le premier e 
de evesque? M. Hippeau est-il sûr de figurer ainsi exactement la 
prononciation du Moyen-Age? Nous serions au contraire disposé 
à croire que cette lettre était muette dans la bouche de nos pères 
puisqu'ils la supprimaient souvent et écrivaient un vesque (comp. 
l'italien vescovo, l'allemand Bischof). Les habitants de la Nor- 
mandie ne prononcent-ils pas encore aujourd'hui: Pont l’evêque; 
et ne disons-nous pas nous-mêmes un archevêque? Nous ne vou- 
drions pas non plus d’accent sur le mot es (dérivé de en les) 
bien qu’on l'accentue de nos jours assez mal à propos dans Ba- 
chelier-ès- lettres, ni d’apostrophe dans nes (pour ne les), dans 
jes (pour je les), à moins qu’on ne propose d’en introduire aussi 
une dans des (pour de les). En général M. Hippeau nous sem- 


302 Anzeigen: 


ble un peu trop prodigue d’accents, d’apostrophes, de cedilles, 
de traits d’union, de majuscules. Beaucoup de ces signes, il est 
vrai, se sont glissés dans son livre contre sa volonté, par l’inad- 
vertance du compositeur, et doivent être considérés comme des 
fautes d'impression; mais alors n'est-il pas regrettable que tant 
d'erreurs de ce genre se rencontrent dans un volume d’ailleurs 
si remarquable par l'exécution typographique, le luxe du papier, 
le choix heureux du format, et qui se recommande au bibliophile 
par son élégance extérieure, autant qu'au littérateur par l'intérêt 
de son contenu ? 

M. Hippeau s’est servi pour cette Edition de Garnier d’un 
manuscrit conservé dans le Supplément français de la Biblio- 
thèque Impériale sous le n° 2636 (et non 6236, comme il le dit 
par mégarde). Son texte est d’une grande pureté, et, suivant lui, 
sapérieur à ceux que possèdent l'Angleterre et l'Allemagne, et 
par conséquent à celui qui a été publié par Immanuel Bekker. 
Pour mettre nos lecteurs à même d'apprécier cette assertion et 
de se faire en même temps une idée de l'importance de la pu- 
blication que nous annonçons, nous terminerons notre Compte- 
rendu par une citation d’une certaine étendue, en prévenant seu- 
lement que nous en avons soigneusement révisé le texte sur le 
manuscrit, et que nous avons fait disparaître la plupart des 
signes typographiques, dont nous signalions tout à l’heure le trop 
fréquent emploi. 

Ohi vos las, chaitif, dites mei, ke cremeiz? !) 
Cremez vus ke vus touge li reis vos poestez? 
Par ma fei! nel fera, se tenir les osez. 

Vus n’estes pas evesque: le sul nun en portez! 

Co ke à vus apent, un sul puint ne guardez. 
Les autres devriez mener et aveier ?), 

Et vus les fetes tuz chaeir et trebucher. 

Nis le rei del païs fete vus desveier: 

Vus ne li devez pas tut sun voil otrier, 

Ainz le devez sovent reprendre et chastier. 

Deus vus ad komandé sun berkil ?) à guarder; 
Et si est vostre oeille, vus le devez mener. 

Li pastur deit tut dis le farcin returner, 
Et l’oeille malade sur sun col deit porter: 
Ne la deit pas leisseir al farcin estrangler. 

Vus estes mercennier; des verais poi i a! 

Li reis le veit très ben, plus vils vus en aura! 


1) M. Hippeau im,rime: kremeiz. 2) Ed. H.: nuncier 
8) Ibid.: berbil, 


La vie de Saint Thomas par Garnier, publ. p. Hippeau. 363 


Deus kil mist el regné le vus demandera, 
Vus l'avez à guarder. Quant se convertira, 
Tuz ceus ke cest konseil lui dunerent harra. 
Li reis deit governer la terriene gent, 
Et vout aveir ses leis le plus à sun talent; 
Li lai volent aveir lur establisement '!) 
Et lur us, si cum ourent, devant eus, lur parent. 
Deus est celestiens et ses leis ensement. 

Et le rei et les clercs voil ore demander 
Lesqueles des leis deivent crestien meuz guarder ? 
U celes k'establirent Sarazin et Escler, 

Et les genz par le mund, pur les feluns daunter, 
U iceles ke firent li saint hume enbrever? ?) 

Reis, purpense tei meuZ: ne creire mal cunseil ?); 
Mut sunt faus li prelat que tu as pris al breil; 
Plus sunt fuiant del ros, quant il est en tueil; 
Quant trichent lur seignur, poi te serrunt feeil; 
Ne te creire à la nuit, dune tei al soleil. 

Lai seinte Iglise aveir et ses dreiz et ses leiz. 
Ele est espuse Deu, ki est sire des reis; 

Il s’en kurucera, si de rien *) la destreis: 
Bentost te suffera un an, u dous, u treis, 
U trente, u vint, u dis, semaine, u jur, u mais‘). 

Se or vesquist Neruns, ja truvast tost Symon, 
Ke sudust tut le mund et par buche et par dun. 
Rumme fu mesuns Deu; or est fosse à larrun. 
Moyses ®) est tut suls el regne Pharaun; 

Ne pot mie truver de sun frere Aarun. 

Li clerc sunt serjaunt Deu et de sa lectiun; 
Eslit en sort des sainz, de co portent le nun, 
Queu k’il seient, serjaunt fet en la Deu mesun, 
Ni as a mettre main nis el petit clergun, 

Puis k’est dunez ä Deu, s’esguardes la raisun. 
Reis, se tu es enuinz, curune d’or portaunt, 
Ne deies ’) estre en orguil, mès en ben relusaunt, 

À tun pople deiz estre et chès et lur chalaunt; 
Ne la portes adès, n’avoec ne fus naisaunt. 
La glorie *) de cest mund n’est longement duraunt. 

Li clerc porte sun merc en?) sun le chef adès; 
Ne li est pas al cors, mès à l’alme, grant fès. 


1) Ed. H.: establissement. 2) Ibid.: en brever. 

3) Ibid.: ne te creire al cunseil. Ed. Bekker: ne creire lur conseil. 

*) Ibid.: ren. 5) Ibid® meis. 

6) Ibid.: Moysès. 7) Ibid.: deiz. 8) Ibid.: gloire. 

9) M. Hippeau intervertit l'ordre de ces mots et imprime en le sun chef: 
prendrait-il sus pour un pronom possessif? 


364 


Anzeigen: 


Tunduz est cume fous !) et de luinz et de près; 
Ne deit estre orguelus vers nullui ?), ne engres; 
Humbles deit estre à tuz, et à tuz porter pès. 

Li clerc est trones Den, Deus deit en lui seeir; 
Aprendre deit tut dis, mult lui kovent saveir; 
Descreciun et sens deit en tuz lius aveir. 

Mès Deus ne lui a pas duné si grant poeir 
Ke ses pecchez nel puisse cum hume deceveir. 

Li clerc deivent les lais et lur almes guarder; 
Nuls ne deit sun prelat, ne clerc, ne lai, damner. 
Pur co ad un fet ?) prelat sur prelat alever; 

Cel *) ke mesfet deit l’un à sun prelat livrer, 
Par teu lei cum il vit le deit l’un demener. 

Li clerc forfet serruift as evesques livré, 

En quel guise et kument serrunt desordené ? 
Kument serrunt li mot del sacrament esté? 

Et ki pot dessacrer co ke Deus ad sacré? 

N'est pas dreiz, co m'est vis, mès leis à volenté. 

Quant est desordenez, s’il pot à Rumme aler, 
Et il puisse la grace l’apostoille enkuntrer, 

K’il li duinse kungé solempnement chanter, 
Errament li verrez la messe celebrer, 
Et si nel fera pas autrefeiz ordener. 

Co ke Deus ad sacré ne pot nuls dessacrer; 
Ne nul krestien humme nuls deskrestianer; 

Mès ke de seinte Iglise le pot l’un ben sevrer; 
N’otrei pas, s’il est pris, k’om len lest mie aler 5), 
Ke om ®) li lesse en avaunt, cum il soleit, ovrer. 

Li fel ne dute pas le desordenement, 

L'ordre aime et prise poi, quant il murdrist ”) la gent, 
Et emble autrui aveir, et à force le prent, 

Ne crent hunte, ne mort, ne furches, ne torment; 

Ki l’en lerra aler, puis k’est pris, jà n'ament. 

Ensi est del felun cum il fut del sengler, 
Dunt vus avez oï en Avien kunter, 

Ke soleit le furment al riche hume guaster. 
Par dous feiz i fu pris, sil leissa l’om aler; 
Mès ainceis li fist un les orreilles kouper. 

Quant il esteit si pris, li prudom li roveit 
Ke mais n’i repairast; se mès i reveneit, 

Ben lui asseurout ke il le cunpereit®); 


1) Ed. Hippeau: Tunduz cume fous e® 2) Ibid.: nului. 

3) Ibid.: Pur co fet-un. 4) Ibid.: ci. 

°) Ibid.: k’om lest l'en mie aler.  %) Ibid.: Kom. °) Ibid.: murdrit. 
8) Ibid.: cunperreit. 


La vie de Saint Thomas par Garnier, publ. p. Hippeau. 865 


Puis l’en leisseit aler; mès primes le merkeit. 
Tierce fez i fu priz, pas me se chostieit. 

Idunc fut il oscis et al ken fut livrez. 
Li keus manja le quer. Quant li fu demandez, 
Fist acreire al seignur que il sanz ') quer fust nez; 
Kar se il oüst quer, il se fust purpensez. 
Li fel est tut dis fel, ne jamais n’iert senez ?). 

(Ed. Hippeau, p. 43—47). 

Le morceau que nous venons de transcrire se trouve dans 
Immanuel Bekker, page 8—12; rien n’est donc plus facile que de 
comparer notre spécimen du Ms. de Paris au passage correspon- 
dant de Ms. de Wolfenbüttel; mais quelque soit le jugement qu’on 
doive porter sur la valeur relative des deux textes, on devra re- 
connaître que la nouvelle édition de Garnier a sur la première 
un immense avantage, celui d’être complète. I. Bekker n’a donné 
d’abord ni le commencement (1070 vers) ni l’épilogue final (37 v.) 
et si plus tard il a comblé cette lacune, le supplément à son édi- 
tion de 1838, imprimé dans les Mémoires de l’Académie de Ber- 
lin a été tiré à un fort petit nombre d’exemplaires et est aujour- 
d’hui d'un accès presque aussi difficile que les Manuscrits eux- 
mèmes. 


Paris. Alexandre Pey. 


Ueber den Roman de la Poire. 


Li romanz de la Poire gehôrt zu jener Gattung allegorischer 
Gedichte, deren die spätere altfranzôsische wie mittelhochdeutsche 
Literatur — ich erinnere nur an das, was unter dem Namen des 
Meisters Altewert uns überliefert ist — so viele hervorgebracht 
hat. Dafs die fragliche Dichtung einigen Beifall gefunden, darf 
man vielleicht daraus schliefsen, dafs sie nicht blofs in einer ein- 
zigen Handschrift enthalten ist; die grofse Pariser Bibliothek be- 
sitzt deren drei: es sind die Nummern 319, s. £; 7995, a. f.; 
ferner 62, Compiegne. Ueber die letztere Handschrift vergleiche 
man A, Loiseleur Deslongehamps, Essai sur les fables indiennes, 
Paris, 1838, 8. S. XXIX. Eine Ausgabe des Gedichtes ist noch 
nicht erschienen. Ein Bruchstück hat Roquefort, De l’état de la 
poésie francoise etc., Paris, 1815, 8. S.312—314, ein anderes 
habe ich selbst in meinem Buche über Crestien von Troies, Tü- 
bingen, 1854, 8. S.53, mitgetheilt; weitere, und darunter sehr 


1) Ed. H.: sans. 2) M. Hippeau lit.: sanez. 


366 Miscellen : 


anziehende Stellen hat Emile Littré bei Gelegenheit einer Bespre- 
chung des Stückes in der Histoire littéraire de la France, XXII, 
Paris, 1852, 4. S.870— 879, ausgehoben. Eigenthümlichen Werth 
verleihen dem Gedichte verschiedene Einzelheiten, Anspielungen 
und dergleichen, welche für die Literaturgeschichte von Bedeu- 
tung sind. ' Die nachfolgende, mit besonderer Rücksicht hierauf 
verfafste und die verdienstliche Arbeit des Hrn. Littré ergänzende 
Inhaltsangabe der Dichtung verdanke ich der Güte des Hrn. Dr. 
Henri Michelant zu Paris. 

Der ungenannte Verfasser beginnt mit einer Art Anrede an 
„Amour“; dabei erklärt er, dafs er mit seinem Gedichte die 
Geliebte ergötzen (esbanoier) wolle. 

Amours, qui par A se commence, 
A contre moi donné sentence. 
Amour erwidert: 
Je suis le diex d’amours, qui les amanz me trai, 
Aus loiax fais secors et de poine les trai. 
Fortune, mit welcher Amour sich vergleicht, sagt ihrerseits: 
Je ai a non Fortune et a redoter faz. 

Der Reihe nach treten sofort Cliget und Fenice, Tristan und 
Yseult, Pyramus und Thisbe auf, welche alle die Gluth ihrer 
Liebe rühmen. Der Liebende schickt sich an, zu dem Turniere 
der Liebe abzugehen, wo die Verleumder besiegt werden sollen. 
Er preist seine Dame und klagt über die Qualen der Liebe. Wer 
diese Schmerzen kennen lernen will, soll das Gedicht lesen, das 
er für seine Geliebte verfalst und dem er den Namen Roman de 
la Poire geben will. Seine Dame hielt eines Tages eine Birne 
von St. Riule in der Hand; sie schälte und theilte die Frucht 
mit ihren Zähnen und bot sie sodann ihrem Verehrer an, der 
darin Süfsigkeit und Bitterkeit fand, d. h. die Hoffnungen und 
die Schmerzen der Liebe. Wer diese nicht selbst erfahren, kennt 
sie nicht. Die Liebe allein vermag das Uebel zu heilen, dafs sie 
verursacht hat. Es folgt eine Anspielung auf die Geschichte des 
Pyramus, nach dem vierten Buche der Grande somme d’Ovide. 
Der Verfasser hat oft über den Liebeskummer gelacht; zur Strafe 
seines Spottes wird er jetzt in einem hohen Thurme gefangen 
gehalten, den Tausende von Rittern belagern. Wer können Die- 
jenigen sein, die der Liebe als Ritter dienen? Es sind Beaute, 
Courtoisie, Noblesse und Franchise, die singend angezogen kom- 
men. Beauté grüfst ihn im Namen der Liebe, der er sich er- 
geben soll; die nämliche Aufforderung ergeht an ihn von den 
andern. Während er über seinen Entschlufs nachsinnt, kommt 


Ueber den Roman de la Poire. 367 


Amour selbst mit Jongleurs und Spielleuten heran. Nun wird 
die Liebe, die ihn bedroht, beschrieben. Er ergibt sich ihr un- 
bedingt und wird ihr Lehensmann. Als Pfand nimmt ihm die 
Liebe sein Herz, wobei sie sich über die Falschheit und Treu- 
losigkeit der übrigen Männer beklagt, die sie mit Ganelon ver- 
gleicht. Der Liebende bleibt allein zurück, von Schmerzen ge- 
peinigt, welche nur Diejenige heilen kann, die über sein Herz 
verfügt. König Amour wendet sich nach Paris, und hier nimmt 
der Dichter Gelegenheit, ein beredtes Lob dieser Stadt, ihrer 
Bewohner, insbesondere der Frauen einzuflechten. Amour sucht 
nun eine Dame, der er jenes Herz anbieten könnte. Doux Re- 
gard überbringt es einer solchen von grofser Schönheit. Die Gabe 
wird angenommen. Der Dichter beschreibt sofort die Reize der 
Dame, welche diejenigen aller anderen übertreffen. Ihren Namen 
indessen will er verschweigen, obwohl er ihn errathen läfst, in- 
dem er sagt, dafs er vollkommen für diejenige passe, die ihn 
trage, dafs er sechs Buchstaben habe, deren einen er ausspreche, 
so oft er seufze. Aber die Dame ist so hohen Standes, dafs er 
niemals etwas hoffen kann. Nur der Tod kann ihm Linderung 
gewähren; ihn ruft er um Befreiung von den Schmerzen an, die 
ihn Tag und Nacht bestürmen. Da dringt Raison in ihn, diese 
schöne Dame zu verlassen, aber er will sich nicht von ihr trennen. 
So soll er ihr wenigstens seinen Jammer klagen. Allein auch 
ein Geständnifs wagt er nicht, aus Furcht, ihr zu mifsfallen; ja 
er hat nicht einmal den Muth, mit ihr zu sprechen. Endlich ent- 
schliefst er sich, ibr einen Boten zu schicken: es soll dieses das 
Gedicht sein, in welchem er alle seine Qualen schildert. Da 
führt ihm Amour die Dame zu, die ihm ihre Neigung schenken 
will, unter der ausdrücklichen Bedingung, dafs er das Geheimnifs 
streng bewahre. Nachdem Amour sie wieder in ihre Wohnung 
. geleitet, mufs auch sie ihr Herz weggeben, und Amour schickt 
es dem Liebenden durch die Botschaft von Contenance, Subtile 
Pensée, Simplicité, Loyauté, Mesure und Pitié. Durch diese Boten 
soll er Kunde erhalten von den Leiden der Dame, und durch 
ihre Zahl, sechs, soll die Dame bezeichnet werden, deren Name 
ebenso viele Buchstaben enthält. Die Boten singen ein Liedchen, 
dessen erster Vers die Gefühle der Dame ausdrücken soll. Sub- 
tile Pensée übergibt dem Liebenden das Herz und schlägt ihm 
eine Zusammenkunft vor. Simplicité fordert ihn auf, nicht damit 
zu zögern. Loyaute erinnert ihn, zu besserer Gewähr, an jene 
Birne. Mesure bestätigt singend Alles, was die andern gespro- 
chen. Endlich macht Pitié ihn darauf aufmerksam, dafs allzu 


368 Miscellen : Ueber den Roman de la Poire. 


langes Schweigen Alles verderben kann. Trotzdem, dafs die 
Boten sämmtlich in ihn dringen, nimmt er immer noch Anstand. 
Contenance begibt sich zu der Dame zurück, die sie in Nach- 
sinnen versunken findet, und der sie nun die Hingebung ihres 
Geliebten entdeckt,. welcher sich indessen nicht zu erklären wagt, 
ohne guter Aufnahme versichert zu sein. Sie willigt ein; denn 
Amour überzeugt sie dadurch, dals der Name ihres Geliebten 
aus zwei Silben und sechs Buchstaben bestehe, wie ihr eigener; 
wenn er die sechs Buchstaben umwende, bis er ein b finde, werde 
er in lateinischer Sprache angedeutet sehen, dafs sie wirklich die 
seinige sei. So kommt denn Contenance wieder zu dem Lie- 
benden mit einem Briefchen, das die Bestätigung seiner Wünsche 
enthält. Darauf zieht sich der Bote zurück, der Liebende aber 
überläfst sich in der Einsamkeit seinen Träumen; durch das Herz 
der Dame, das er in Verwahrung hat, erfährt er, was diese 
leidet. Dennoch aber würde er nicht wagen, ihr seine Neigung 
zu bekennen, wenn ihm Amour als Begleiterin nicht eine Nach- 
tigall geben würde, deren Gesang den Zustand seiner Seele aus 
drückt. Darauf versprechen sich die beiden Liebenden gegen- 
seitige Treue; der Verfasser aber bittet seine Dame, die Ver- 
leumder und Neider nicht zu hören, und schliefst folgendermafsen: 


Sachez, tant com durra li mondes, 
Sera en boche et en memoire 
Touz jorz li romans de la poire, 
Qui des amanz a dist la poire. 
Bien devroit amer par amors, 
Qui de cest romans set les tors. 


Eine Erklärung des Namenräthsels, die in der Histoire kt- 
teraire de la France nicht versucht ist, hat mir gleichfalls Herr 
Dr. H. Michelant vorgeschlagen, und ich verfehle nicht, dieselbe 
nebst einigen anderen Bemerkungen mit dessen eigenen Worten 
schliefslich mitzutheilen: „Je ne sais, si le nom de la dame est 
bien, comme je le crois, Blanche ou en 6 lettres Blance ou Biancs; 
mais il est certain, que le nom de l’amant est Tibaut, composé 
de 2 syllabes et six lettres. En le retournant jusqu’au 6, on a: 
tua, {ua qui en Latin signifie bien: la tienne. J’ajouterai, que 
sur le m. 7995 on trouve un assez grand nombre de vignettes 
représentant les deux amants. La dame porte une robe d’azur 
semée de fleurs de lys d’or, avec une ceinture de gueules à 
losanges d’or, en tête une couronne de reine. L'amant porte la 
cotte semblable à la robe de l’amante, sur la tête un simple 
heaume. Ce msc. plus ancien que le 319 paraît contemporain 
du poëte. Comme le poëme renferme un assez grand nombre 
de chansons indiquées par le 1. vers, on pourrait vérifier, si elles 
ne sont pas en effet de Tibaut comte de Champagne, qui a passé 
pour l’amant de la reine Blanche, ce qui donnerait bien plus de 
valeur au poëme.“ 


Tübingen, 24. August 1859. Wilhelm Ludwig Holland. 


Jahresberichte. 
J. 


Die englische Nationalliteratur im Jahre 1859. 


Es ist schwer, die englischen Geistesproduote eines 
grofsen Jahres zu sichten, die besten von den mittelmäfsi- 
gen und schlechten zu unterscheiden, erstere übersichtlich 
zusammenzustellen und das öffentliche Urtheil darüber bei- 
sugeben.. Die Schwierigkeit wird noch durch die hier er- 
forderliehe Kürze vermehrt. Gleichwohl gehen wir mit Ver- 
trauen auch dies Mal an unsere Aufgabe, da wir die haupt- 
sächlichste Verantwortlichkeit für Lösung derselben von 
uns auf die englische Presse werfen, deren Urtheile wir 
unserem. Berichte zu Grunde legen '). Die Masse der Ma- 
terialien ist freilich sehr grofs und setzt Jeden, der gewis- 
senhaft das Bedeutendere und Bessere auswählen will, in 
nicht geringe Verlegenheit. Hier nun mufs uns der Um- 
stand zu Gute kommen, dafs wir seit zehn Jahren mitten 
in London, dem Brennpunkte auch alles literarischen Le- 
bens, mitten in der Isteratur und in mannichfaltiger Berüh- 
rung .mit Schriftstellern und Dichtern leben. Unter solchen 
Verhältnissen lernt man manche Leitsterne kennen, die vor 
Irrwegen schützen und auf den rechten leuchten. Unwill- 
kürkich hat man erfahren, welche öffentliche Organe diesen 
oder jenen Literatenkreis vertreten, begünstigen oder be- 
kämpfen; welchen man besondere Gründlichkeit und Un- 
parteilichkeit zutrauen darf u.s.w. Auch geben wieder- 
holte mündliche Unterhaltungen und Discussionen mit Kri- 
tikern, Literaten und Leserinnen (dem vorzüglichsten Pu- 
blikum schôngeistiger Literatur) nach und nach mehr Halt 
und Sicherheit in Auswahl und Urtheil. Und so läßt sich 
wohl auch aus einer fast unabsehbaren Masse literarischer 


1) Und zwar bei der grofsen Menge und Mannichfaltigkeit derselben, 
in der Regel ihre mittleren Resultate; ausnahmsweise nur werden wir solche 
Kritiken speciell hervorheben und citiren, welche uns ganz besonders gründ- 
lich und unparteiisch erschienen. Wo der Berichterstatter aber mit eignem 
Urtheile heraustritt, wird es auch immer als solches bezeichnet. 


IL 4. 25 


370 Jahresberichte. 


Erzeugnisse und einer noch viel gröfseren von Abhand- 
lungen und Kritiken darüber ein Ergebnifs gewinnen, das 
in gedrängter Kürze eine Vorstellung von den besten und 
- besseren Producten eines ganzen Jahres und das wesent- 
liche öffentliche Urtheil darüber gibt. 

Die englische Literatur des vorigen Jahres hat nichts 
wesentlich Neues producirt, insofern sie sich durchweg in- 
nerhalb ausgebildeter Ideenkreise und Anschauungen hielt, 
die in einer so alten Kultur und ungeheuer reichen Lite- 
ratur bereits in allen Winkeln, Höhen und Tiefen, welche 
auf der jetzigen Bildungsstufe der Menschheit zugänglich 
wurden, in den verschiedensten Formen zur Darstellung 
kamen. Aber die ideelle Atmosphäre ist sehr reich, weit 
und noch der mannichfaltigsten Modificationen und Mets- 
morphosen fähig. Und in dieser Beziehung lieferte das Jahr 
neben der Masse des Ausgemünzten und Hergebrachten 
mehrere sehr erfreuliche neue und frische Erzeugnisse. Na- 
mentlich ist es die herrschende, überreich wuchernde Form 
des Romans!), die sich in mehreren Neuigkeiten bedeu- 
tend über den Conventionalismus und die Mittelmäfsigkeit 
früherer Jahre erhob. Der alte Meister englischer Romas- 
composition gab der Welt nach beinahe vierzigjähriger, 
erfolgreicher Production sein vollendetstes Werk. Neben 
ihm gewann eine bisher unbekannte Dame den ersten Preis 
in der verhältnifsmäfsig neuen realistischen Anschauung» 
und Behandlungsweise, die auch durch Leistungen Anderer 
mehrfach bereichert und weiter ausgebildet ward. In der 
Lyrik und versificirten Literatur war der Laureates Eng- 
lands mit seinem umfangreichsten Gedichtscyclus zu be 
grüfsen, wenn auch nicht mit unbedingter Anerkennung. 
Die Dichter um ihn und unter ihm bekundeten durch mehr- 
fache schmerzliche, satirische, verzweifelte oder milstönende 
Klänge nur die Ungunst der Zeit gegen die Poesie, die in 
einem Lande mit 400,000,000 Menschenkraft in Form von 


Dampfmaschinen, voll dichter, scharf concurrirender, sich 


gegenseitig drängender und hindernder Bevölkerung, voll 


| 1) Nach Prof. Masson erschienen seit „Waverley“ über 8000 Romane 
in mehr als 7000 Bänden. j 


Englische Literatur. 371 


alter, drückender Gegensätze und socisler Uebel, voller 
Conventionalismus und Hypokrisie, voller Hafs gegen Neue- 
rungen und alter Zustände müde, nur noch mühsam Hip- 
pokrenes für den Dichter, olympische Höhen für geniale 
Gedankenadler entdecken kann. Ein Dorfbriefträger im 


_ paradiesischen Devonshire konnte noch aus eigner Lust sin- 


gen, wie die Lerche, aber die andern Dichter sind alle 


mehr oder weniger „intellectualisirt“ (intellectualised) und 
klagen oder spotten in bitteren Reflexionen. Dramatische 


Poesie für das Theater gibt’s gar nicht mehr. Die Bühne ist 


_ nuisance, Öffentliches Aergernifs geworden. Die Kraft der 
alten Ideen und der englischen Geschichte ist durch den 


verfallenden „Parlamentarismus“ gelähmt und gebrochen, 
und neue Ideen, neue Geschichte produciren noch keine 


dramatischen Stoffe und Dichter. Unter solchen Verhält- 
nissen gedeiht nur reflectirende, descriptive, schildernde 


Literater, die sich gröfstentheils in den Roman kleidet, 
und nur nebenher direct als solche auftritt. Erscheinun- 
gen letzterer Art waren ziemlich zahlreich, einige davon 
erheben sich über Hergebrachtes, und ein neuer Londoner 
„Boz“*) zeigte viel Selbständigkeit und Genialität in Stoff 
und Form. 

Dies sind zunächst die Hauptzüge aus der englischen 
Literatur des vorigen Jahres, die wir nun in ihren einzel- 
nen Abtheilungen revidiren. Wir beginnen mit den Er- 
scheinungen erster Klasse hintereinander und lassen dann 
die übrigen abtheilungsweise folgen. 

Das eigentliche epische Gebiet der Poesie wurde durch 
den lorbeergekrönten Dichter Englands, den Poeta laurea- 
tus Aırrep Tennvson, den Meister der „intellectualisirten 
Poeten“, den „Dichter der obersten Zehntausend“ berei- 
chert. Die sehon ein Jahr früher erwarteten „Königs- 
Idyllen“*) erschienen endlich für die Saison des vorigen 
Jahres und bildeten eine Zeit lang das eigentliche höhere 
Salon-Ereignifs. Publikum und Kritik bekundeten aber 

I) G. A. Sala s. weiter unten. 


2) Idylls of the King. By Alfred Tennyson, Poet laureate. London: 
Moxon and Co. Berlin: Asher and Co. 25 * 


372 Jahresberichte. 


trotz aller Autorität, die der einmal „etablirte* Ruhm in 
England mehr geniefst, als irgendwo, eine unverkennbare 
Enttäuschung. Die Königs-Idyllen sind eine poetische Ver- 
arbeitung des romantischsten Sagenstoffes von Arthur und 
der Tafelrunde, welchem besonders auch Immermann’s 
„Merlin“ seinen mystischen Reiz und seine poetische Tiefe 
verdankt. Der erste und eigentliche Dichter Englands hat 
diesen sagendichterischen Schatz nicht recht zu benutzen 
gewufst und ihn theils verflacht, theils zersplittert. Seine 
vier Legenden, in poetischer Prosa reimlos und oft sehr 
gezwungen erzählend und schildernd, fallen ganz auseinan- 
der, und ihre poetische Schönheit beschränkt sich gröls- 
tentheils auf eingestreute Iyrische Ergüsse. Tennyson ist 
ein Lyriker und als solcher unübertrefflich, hiefs es; aber 
für die Ausdauer und die schöpferische Architektur eines 
Epos fehlt es ihm an Kraft, Talent und Genius. Die Hand- 
lung ist arm und nüchtern und in den Motiven macht sich 
gar gelegentlich Unbeholfenheit geltend. Kurz als Epos 
wurden die vier Legenden als wesentlich verfehlt bezeich- 
net. Kin Kritiker behauptete aus sicherer Quelle, Tenny- 
son habe endlich einmal dem Vorwurfe begegnen wollen, 
dafs er kein dickes Buch auf einmal füllen könne. Des- 
halb habe er seine Lyrik diesmal mit ausfüllender poeti- 
scher Prosa bereichert. Die um ein Jahr verzögerte Ver- 
öffentlichung verschuldeten Freunde des Dichters, welche 
in der zweiten Idylle „Vivien“ (Liebe mit Merlin) Anstö- 
fsiges gefunden hatten. Nach langer Prüfung und Bers- 
thung übergab sie der Dichter ganz unverändert der Oef- 
fentlichkeit. 

So war das öffentliche Urtheil über die Kônigs-Idyllen 
im Ganzen durchweg nur auf Grund der iyrischen Perlen 
darin voller Anerkennung und Bewunderung. Einzelne ]y- 
rische Theile hob man selbst als Meisterklänge des Dich- 
ters und die Abschieds- und Vergebungsscene des Königs 
Arthur und der schuldigen Königin als das Gewaltigste 
und Ergreifendste hervor, was je in englischer Literatur 
erschienen sei'). Wir verweisen noch auf die besonders 


1) Chambers’ Journal vom 9. Juni. 





Englische Literatur. 373 


ausführlichen Beurtheilungen in Blackwood’s Magazine von 
S. 620 :) und im Quarteriy Review von S. 481 an, wo von 
dem Ausspruche Caleridge’s ausgegangen wird: „As to 
Arthur, you could not by any means make a poem on him 
national to Englishmen. What have we to do with him?“ 
Während der lyrische Dichterkönig sich in der Wahl 
seines Stoffes vergriff und in der Ausübung seiner Dichtergabe 
auf falsche Wege gerieth, baute der „magnus Apollo“ ?) 
in dem überaus zahlreichen Heere der Muse des Romans 
seinen gelungensten Ruhmestempel auf. Sir E. BuLwer 
Lyrrows vierbändiger Roman: What will he do with it?°) 
ist unter den zahlreichen Werken gleicher Gattung wie 
von seinen eigenen Romanen, die er seit beinahe vier- 
zig Jahren immer mit Geschick und Erfolg der Oeffent- 
lichkeit übergab, der gelungenste und beste, der kraftvoll- 
ste, der künstlerisch vollendetste in jeder Beziehung. Mag 
man ihn als Schilderung und Gemälde, als Geschichte und 
Handlung, als Lection betrachten, er erscheint immer voll- 
ständig und vollendet. Er hat die allerverwickeltste Hand- 
lang ganz über das übliche Mafs ausgedehnt; dabei bleibt 
er in den verwegensten Verwickelungen klar und einfach 
und so durchaus Meister jedes Details, dafs man nach 
Durchlesung der vier Bände und Verfolgung der verwor- 
rendsten Fäden der Intrigue sich leicht und klar jedes ein- 
zelnen Zuges, jeder Situation und Scene erinnert. In Wahr- 
heitsfülle und Weisheit, in dichterischer Empfindung und der 
Kraft, Herzen zu rühren und zu veredeln, stehen Fielding 
und andere Romandichter weit über ihm; aber in der Mei- 
sterschaft der Construction, in der Herrschaft über die 
verwickeltsten Combinationen der Handlung hat Bulwer 
nicht seines Gleichen. Es ist erstaunlich, wie er ein gro- 
(ses Ganze von Plan zu fassen, zu entwickeln, zu halten, 
mit welcher Leichtigkeit er Labyrinthe von Verwickelung 
zu erfinden und sich hindurch zu arbeiten weils, um alle 


1) Wo keine Jahreszahl genannt ist, wird immer 1859 verstanden. 

2) Athenaeum 114. National Review 280. Literary Gazette 109. 

3) What will be do with it? By Pisistratus Caxton. 4 vols. London 
and Edinburgh: Blackwood and Sons. 


374 Jshresberichte. 


Wirren und Verwickelungen mit grofser Ueberraschung 
und Wirksamkeit zu Einem Ergebnisse zu treiben und zu 
führen. Bulwer Lytton ist kein Dichter, kein Genie, aber 
das glänzendste Beispiel, bis zu welchem Grade von Vol- 
lendung, Glanz und Meisterschaft das reich ausgestattete 
Talent auf dem Gebiete der Dichtkunst und des Genies 
selbst sich emporarbeiten kann. Es fehlt ihm an Inspira- 
tion, keine Muse flüstert ihm in’s Ohr; die höchsten Won- 
nen und Schmerzen des Dichters sind ihm fremd. Des- 
halb ist es ihm auch nicht gegeben, aus den Tiefen des 
menschlichen Herzens und der Geschichte Grofses, Gewal- 
tiges, Erschütterndes, Erhebendes zu schöpfen und seinen 
Lesern (fenüsse zu bieten, die blofs aus dem einsamen Dich- 
terherzen. quellen. Seine Muse war und ist der Ehrgeiz. 
Um Ruhm zu ernten, in der Welt, in der Literatur, in der 
Gesellschaft, in der Politik haeh und glänzend ın Ehren 
gu stehen, trieb er tagtäglich mit grolser Anstrengung und 
Ausdauer so zu sagen Gymnastik mit seinem Talente, und 
brachte es zu einer Vollendung, mit der er Mächtigeres, Be- 
stechenderes zu leisten vermag, als das sich selbst sich lässig 
überlassende Dichtergenie. Während wir aber bewundern und 
staunen und uns seine merkwürdige Gewalt der Erfindung, 
Construction, Verwickelung und Enthüllung spannender 
Handlung hinreifst, fühlen wir doch am Ende ein gewisses 
Unbehagen, ein Frösteln im Herzen, weil wir unwillkürlich 
oder mit Bewulstsein die Wärme und Gluth eines edeln 
Dichterherzens vermissen. Nur ein ausgebildeter Virtuose 
konnte das Geheimnifs der Abstammung Sophie’s in sei- 
nem letzten Romane so lange hin- und herspielen lassen 
und den Leser darüber in Unruhe und Spannung erhalten, 
um ihn zuletzt doch durch einen Blitz des Unerwartetsten 
zu überraschen; dagegen ist Darrel, der eigentliche Held, 
als vollständig verfehlt bezeichnet worden. Er ist kein 
Wesen mit Fleisch und Blut, geschweige ein Held, nichts 
als die Sprechmaschine für „Bulweresken“ — die eine Art 
Stich- und Sprichwort für einen gewissen cynischen, vor- 
nehmen, malcontenten und egaistischen Sinn und Stand- 
punkt in der englischen Literatur geworden sind. Diese 


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Englische Literatur. | 


ı »Bulweresken“ drehen sich um Erfolg und Ehre | 


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ben, um scharfsinnige Urtheile über Menschen und: 
Gesellschaft, Kirche und Staat, in denen aber wede —_ 
sophische Wahrheit, noch praktische Weisheit, am wenig- 
sten Edelmuth und Schönheit liegt. — Neben dem ver- 
fehlten Darrel macht sich dagegen „Old Waife“, ob- 
gleich Nebenfigur, als einer der gelungensten Charaktere 
geltend. 

Bulwer, der magnus Apollo unter den Romanschrei- 
bern, hat sich durch sein letztes Werk als der vollendet- 
ste englische Viriuose, als bewundernswürdiger Meister über 
alle technischen Mittel erwiesen. Wie aber der grölste - 
Meister in der Ausführung einer Beethovenschen Tondich- 
tung dadurch noch kein Beethoven wird und ihm Alles 
fremd und unzugänglich beiben kann, was Beethoven em- 
pfand und schuf; wird auch Bulwer trotz seiner glänzen- 


den literarischen Wirksamkeit von den Höhen des Par- 


nasses ausgeschlossen bleiben, welche Kritik und Aesthetik 
und das richtige und richtende Gefühl der Menschheit nur 
wirklichen Dichtergenien einräumt. Bulwer ist und bleibt 
eine egoistische kalte Gröfse in der Literatur, wie im Le- 
ben und in der Politik, unter deren privilegirte parlamen- 
tarische Gröfsen er sich eingekauft hat, um Grundsätze zu 
verkündigen, vor denen jedes edle Herz, jeder klare Kopf 
zurückschreckt, da sie dem Egoismus und den Parteiinter- 
essen auf Kosten des Gemeinwohls Protection und Schutz- 
zoll zu sichern streben. 

. Auf ganz andern und viel edleren Grundlagen beruht 
der Ruhm und die Popularität des demnächst bedeutend- 
sten Romans dieses Jahres: Adam Bede'), von George Eliot, 
einem damals so unbekannten Namen, dafs Niemand eine 
weibliche Feder dahinter vermuthete, was freilich um so 
schwieriger sein mochte, als die Dichtung zugleich ein 
genz ausgeprägtes Muster der sogenannten „muscularen 
Poesie“ war. Unter „muscularer Poesie“ versteht man 


1) Adam Bede. By George Eliot, Author of „Scenes of Clerical Life“, 
8 vols. pp. 780. London and Edinburgh: Blackwood and Sons. 





spöttischer Weise die naturalistische Behandlung und An- | 


schaunngsweise, welche sich neuerdings gegen die conven- 
tionelle, idealisirende und vornehmthuerische Romanschrei- 
bung, in welcher es ohne Lords und Ladies des höchsten 
Ranges gar nicht geht, heilsam geltend macht. Adam 
Bede ist ein activer Baumeister, ein „Builder“, der den 
Bau von Häusern leitet, aber zugleich von früh bis in die 
Nacht immer selbst mehr arbeitet, als die besten seiner 
Leute, also ein , Tradesman“, der bisher in der englischen 
Literatur nur untergeordnete, komische oder verächtliehe 
Rollen spielen durfte. Hier ist er der Held und zwar des 
besten und genialsten Romans, klar und deutlich und glo- 
rienhaft ausgemalt in seiner gewaltigen Muskelkraft, seiner 
breiten Männerbrust, seinem physischen und intellectuellen 
Männerstolze, vor dem die gelungensten Helden der con- 
ventionellen Romane, die ,bulweresken und „byronisirten® 
hochgebornen Taugenichtse, Cyniker oder Ideale in ihrer 
aufgeputzten Grôfss pygmäenhaft verschwinden. Dieser 
Held steht zugleich mitten im wirklichen, faktischen, ge- 
meinen Leben, das mit. einer solchen niederländischen de- 
taillirten Treue und Individualität ausgemalt und geschil- 
dert ist und in seinen Hauptscenen und Charakteren so 
reich, frisch und warm, so italienisch klar in seinen Far- 
ben und Umrissen. sich hervorhebt, wie es nur dem besten 
Dichtertalente in Schöpfungen höchsten Ranges gelingt. 
Diese geniale Realistik, oft erheitert und lächelnd in dem 
glücklichsten Humor und der gelungensten Satire über die 
Verschrobenheiten der englischen wirklichen Lebens- und 
Anschauungsweise, konnte man nur einem männlichen Dich- 
ter bester Art zuschreiben. Wie ein Wunder lief deshalb 
später die Nachricht durch die Oeffentlichkeit, dafs der 
Verfasser von Adam Bede eine Dame sei: Mifs George 
Eliot, denn von der englischen Kritik, die in solchen Din- 
gen discreter als die französische und deutsche ist, wird 
dieser nom de plume noch immer respectirt, obschon der bür- 
gerliche Namen der Dame (Mifs Evans) längst bekannt 
ist. Verschiedene Gerüchte über männliche Hilfe arteten 
in Zeitungsgeklatsch und hin- und herspielende Polemik 





Englische Literatur. 377 


aus; die aber spurlos verschwand, so dafs Milk George 
Zliot als Verfasserin des besten und genialsten Romans 
neuester realistischer ‘Schule berühmt und populär stehen 
blieb. Wenn Bulwer und Romanschreiber seiner Art durch 
bestechenden Stil und meisterhafte Verwickelung der Hand- 
lung zu fesseln und zu wirken wissen, so ist es hier ge- 
rade umgekehrt die Sache, die Person, das Bild in seiner 
Ruhe, was uns interessirt und bezaubert. Die Dichterin 
sieht mit durchdringendem Blick, aber auch mit Liebe in 
das Innerste der Dinge und Menschen und weils warm und 
lebenswahr zu sagen und zu zeigen, was sie an den all- 
täglichsten Erscheinungen Interessantes, Komisches, Edles, 
Schönes entdeckte. Das erheitert, erwärmt und befriedigt 
den Leser durch einen Genufs, den nur wahre Poesie ge- 
währen kann. Dabei ist das Gefühl der Entfesselung von den 
vielfach verbrauchten conventionellen Romanfiguren, sowie 
die in das Bürgerrecht der Poesie aufgenommene gemeine 
Wirklichkeit nicht zu übersehen, wenn man sich erklären 
will, wie das Werk einer Unbekannten sich plötzlich zu 
dieser Berühmtheit und Popularität zu erheben vermochte). 

Unter der in Verlegenheit setzenden Menge der übri- 
gen Romane fanden natürlich die von anerkannten Namen 
zunächst die gröfste Beachtung. Im Durchschnitt stellte 
eich aber heraus, dafs sie hinter den durch frühere Werke 
begründeten Erwartungen zurtickblieben. So schildert Ge- 
raldine E. Jewsbury in Right and Wrong !) mit viel weg- 
geworfener Liebe einen französischen Bösewicht von heim- 
lich verheirathetem Mönche und sucht mit vieler Mühe für 
ihn zu interessiren, aber ihre sonst reinere, phantasierei- 
chere Feder versagt ihr den Dienst bei dieser undankba- 
ren Arbeit. | | | 

Mifs Channell, beliebt als Verfasserin von Mary Po- 
well, hat ihrem Namen durch The Day of Small Things?) 
Ehre gemacht und namentlich die vielverkannte Wahrheit, 


1) Right and Wrong. By Geraldine E. Jewsbury. 2 vols. pp. 620. 
London: Hurst and Blackett. 

2) The Day of Small Things. By the author of „Mary Powell“. pp. 240. 
London: Hall, Virtue and Co. 


378 Jahresberichte. 


dafs Freiheit, Selbstregierung weder bei Individuen noch 
in Staaten ohne Selbsiverläugnung möglich ist, zu wirk- 
samer Anschauung gebracht, aber der Roman hat bedeu- 
tende Schwächen in der Composition und der Ausmalung 
von Charakteren. 

Anthony Trollope, Verfasser der Barchester Towers 
und manches sonst beliebten Romans hat zwar auch in sei- 
nen Bertrams!) aufs Neue sein Talent kühner Zeichnung 
und lebensblutwarmer Schilderung bekundet, aber der Ro- 
man selbst bleibt hinter seinen früheren zurück. Die Hand- 
lung ist matt und das Pathos derselben: Heiligkeit der 
Geistlichkeit gegenüber der sündigen Advokaten- und Ju- 
ristenwelt, ist äufserst fade und ohne alle logische Schärfe, 
so dafs es an den bornirten, conventionellen Standpunkt 
der Engländer in dieser Sphäre erinnert. 

Der fruchtbare Charles Reade ?) hat unter dem gesuch- 
ten Titel: „Lieb mich wenig, lieb mich lang“ ?), eine Art 
Fortschritt in seiner schriftstellerischen Thätigkeit gemacht, 
insofern er sich hier freier von früheren Extravaganzen und 
leichtfertigen Sprüngen hielt und die mehr psychologische, 
äulserlich wenig effectreiche Handlung, die im Grunde aus 
weiter nichts besteht, als dafs eine von drei Männern ge- 
liebte und begehrte Frau nach vielen Schwankungen den 
Einen und Rechten auszufinden weils und wählt, in ruhiger 
und fesselnder Weise zu ver- und entwickeln verstand. 

In diesen Romanen macht sich der naturalistische, in 
der Malerei „praeraphaelisch“ genannte Standpunkt mehr 
oder weniger augenfällig und angenehm geltend. Stärker 
und kräftiger tritt er in der Verbrecher- und Deportations- 
Romantik: The Broad Arrow‘), von einer weiblichen Fe- 
der, auf. Es ist die Geschichte eines „Lifer“ d. h. zu le- 
benslänglicher Deportation Verurtheilten, die sich auf That- 


!) The Bertrams. A Novel. By Anthony Trollope. 3 vols. London: 
Chapman and Hall. 940 pp. 

2) S. über ihn Bd. I, p. 418. 

8) Love me Little, Love me Long. By Charles Reade. London: Trüb- 
ner and Co. 780 pp. 

*) The Broad Arrow, being Passages from the History of Maida Gwyn- 
ham, a Lifer. By Oline Keese. London: Bentley. 8 vol. 880 pp. 


Englische Literatur. i 879 


sachen gründet und nur romanhaft eingekleidet ist. Die 
Schilderung des Lebens und der Leiden der Transportirten 
in Tasmanıia, besonders in Hobart Town, ist ungemein frisch, 
anschaulich, lebenswahr und detaillirt und hat dadurch 
schon ihren Werth, der aber noch durch die Schlüsse, 
Folgerungen und Mahnungen, die sich für die Verbrecher- 
frage in England daran knüpfen, bedeutend gehoben wird. 
Einer der entschiedensten Vertreter der Realıstik, Bar- 
rowoliffe, ist in seinem Romane Trust for Trust!) noch wei- 
ter gegangen, als in Amberhill u.s.w. In seiner starken 
Färbung und kühnen, wirklichkeitsgetreuen Malerei, schil- 
dert er einen so kaltblütigen und schamlosen, consequen- 
ten Schurken, dafs man kaum an diesen Grad von Ver- 
worfenheit im wirklichen Leben glauben mag und lieber 
zu dem Vorwurfe Zuflucht nimmt, die Wirklichkeit sei 
hier wieder umgekehrt in’s Häßsliche idealisirt, was in kei- 
ner Form Aufgabe der Poesie sein kann. Und hier liegt 
die Gefahr für die Naturalisten, Realistiker und Praera- 
phaeliten, die auch bereits, in ihrer Reaction gegen den 
abgeleierten, conventionellen Idealismus, vielfach in übertrie- 
bene Caricatur häfslicher Wirklichkeit versank. Es ist da- 
her kein Wunder, dafs sich gegen diese realistische Reac- 
tion wieder eine neue geltend macht, die freilich zugleich 
in eine Verirrung anderer Art krankhaft auszuarten scheint, 
in den Cultus des alten Glaubens an Geister, Erscheinun- 
gen und „Nachtseiten der Natur“. So haben wir „Geister- 
und Familien-Legenden“ ?) von der Verfasserin der „Nacht- 
seite der Natur“, Mrs. Crowe, und andere literarische Pro- 
ducte zu beklagen, erstere besonders deshalb, weil die 
Verfasserin ihr vortreffliches Erzählungstalent für diese 
krankhafte Richtung verwendet. Henry John Lester?) be- 
nutzte diesen Aberglauben auf eine geschickte und unter- 
haltende Weise zu einem Romanstoffe und schilderte na- 





1) Trust for Trust. By A. J. Barroweliffe, Author of Amberhill. Lon- 
don: Smith, Elder and Co. 8 vol. 880 pp. 


2) Ghosts and Family Legends. A volume for christmas. By Mrs. Crowe, 
London: Hall, Virtue and Co. 840 pp. 


8) Struggles in Falling. By Henry John Lester. London: Bentley. 380 pp» 


380 Jahresberichte. 


mentlich die Betrügereien und Geistesverirrungen, die sich 
an Magnetismus, Mesmerismus und Clairvoyance knüpfen 
in spannender Handlung mit mancherlei psychologischen 
Studien und Beobachtungen, die zusammen eine eben so 
spannende Lectüre ausmachen, wie sie durch Blofslegung 
und Erklärung der betreffenden Verirrungen von prakti- 
schem Nutzen sein mögen. 

Unter den Romanschriftstellern, die zum ersten Male 
auftraten, machten sich auch weibliche Federn wieder vor- 
zugsweise geltend. Man rühmte Mifs Power’s Nelly Ca- 
rew') als ein anmuthiges, geniales, lebenswahres Gremälde 
menschlicher Leiden, Freuden und Abenteuer, The Verneys’?) 
von Mifs Mary Smith als das Erstlingsproduct eines viel- 
versprechenden Talents, obwohl sie im Departement der 
„Religion“ gegenüber ihrem „Genius“ die Schwächen und 
bornirten Vorurtheile des englischen Publikums theile, und 
sich so der Aufgabe nicht gewachsen gezeigt habe, durch 
höhere Einsicht, Poesie und wahren christlichen Geist ge- 
gen die überaus bornirte, nûchterne und poesielose eng- 
lische Kirchlichkeit Geist, Schönheit und Liebe geltend zu 
machen. Viele andere Damen, die zum ersten Male mit 
Romanen an die Oeffentlichkeit traten, wurden theils mit 
kurzen, lächelnd mitleidigen lobenden Bemerkungen, theils 
mit ungalanten Zurückweisungen abgethan. Vielleicht war 
dieses und jenes junge Talent unter ihnen, das nur wegen 
der die Kritiker ärgerlicher machenden Menge und Masse 
von Romanen, die sich auf dem Büchertische häufen, un- 
gebührlich abgespeiset oder übersehen ward; sonst aber 
gilt es leider, dafs unter der sich mmmer mehr häufenden 
Masse von Romanen die Mittelmäfsigkeit und die Lange- 
weile eine gar zu grofse Rolle spielen, und gute oder gar 
geniale Erzeugnisse, wenn sie sich nicht als Erstlinge zu- 
gleich durch besondere Fürsprache einem Verleger em- 
pfehlen, in Manuscripten lange von Firma zu Firma trei- 


!) Nelly Carew. By Marguerite A. Power. 2 vol. 600 p. London: Saun- 
ders and Otley. 

2) The Verneys; or: Chaos dispelled. A Tale of Genius and Religion. 
By Miss Caroline Mary Smith. London: Hall, Virtue and Sons. 


Englische Literatur. gi 


ben, bis sieh vielleicht einmal ein gutes Ange für deren 
Verdienste findet. 

Die Zahl der Romanschriftsteller scheint sich nicht so 
bedeutend vermehrt zu haben, als die der weiblichen Colle- 
gen. Gilbert Midhurst M. P. von Howard!) wurde als eine ge- 
schickte Verarbeitung und Personification moderner engli- 
scher Zustände und öffentlicher Fragen lobend hervorge- 
hoben. Der Held Montague ist ein hübsches Beispiel des 
Mannes von Welt in der jetzigen höheren englischen Ge- 
sellschaft. Unter seiner Leitung wird Gilbert M. P., Par- 
lamentsmitglied. Dabei wird der Leser in manche Gebeim- 
nisse der politischen Klassen- und Partei-Intriguen der 
„obersten Zehntausend“ eingeführt.  Varius*) von einem 
Ungenannten bringt in leichter, lockerer Romanform die 
Ergüsse eines jugendlich Sehenden und Geniefsenden mit 
pikanten, „bulweresken“ Ausbrüchen und Beleuchtungen 
über allerlei Dinge, Menschen und Zustände. Der Flufs 
des Stils und der Empfindung ist angenehm, geistreich 
spielend, zuweilen kräftig und ergreifend. — Zu dieser ju- 
gendlichen, übermüthigen Art gehören auch Rocks and 
Shoals vom Capitain Lovesy °), dessen Name sich vor- 
her noch nicht literarisch präsentirt hatte und welchem 
nun plötzlich eine wahre Pallas Athene von Dichtung aus 
dem Haupte gesprungen zu sein schien. Der Roman ist 
voll köstlichen, kaustischen Witzes, und die Abenteuer des 
Helden sind so reich an Komik und Humor, dafs man nicht 
selten in die ächte Heiterkeit und Freiheit des Geistes ver- 
setzt wird, welche wir nur der ächten vis comica immer ver- 
danken. Sein Witz und seine heitere Auffassung des Le- 
bens sind ganz eigener Art, und wenn Einige an Thacke- 
ray, Andere an Dickens erinnerten, so sagt dies eben nur, 
dafs Vergleichungspunkte mit zwei Extremitäten zugleich 
etwas Eigenes anzeigen. 


1) Gilbert Midhurst M. P. By Charles F. Howard. 2 vol. pp. 650. 
London: Hope. 


2) Varium. London: Booth. 
3) Rocks and Shoals. By Captain Lovesy. 2 vols. London: Westerton. 


383 Jahresberichte. 


Das englische Schul- und Universitätsleben ist zwar 
viel ärmer an freier Bewegung und an Komik, als das deut- 
sche, und als man überhaupt glaubt; aber in seinen Eigenhei- 
ten bietet es doch vieles Interessante und selbst Abenteuer- 
liche. Dies wird uns in den Foster-Brothers') von ei- 
nem jungen Autor nach jedenfalls frischen und eigenen 
Erlebnissen in angenehmer und oft komischer Weise zur 
Anschauung geboten. Der Verfasser wird als eine sehr 
fähige, frische Hand unter der Brüderschaft der Roman- 
schriftsteller willkommen geheilsen. 

Dies etwa sind die hauptsächlichsten Romane, welche 
im vorigen Jahre unter der kaum zu übersehenden Menge 
von Neuigkeiten derselben Gattung besonders hervorgeho- 
ben wurden und in öffentlichen Beurtheilungen und beim 
Publikum die meiste Gunst erfuhren. Besondere Genialität 
und dichterische Kunst, wie man sie nach dem Muster der 
besten, klassischen Romandichter erwarten dürfte, muls 
man in keinem derselben suchen, wiewohl Adam Bede 
in seiner Weise eine rühmliche Ausnahme sein mag. Ei- 
nige noch bedeutendere Romane, die mit der Jahreszahl 
1860 noch vor Anfang dieses Jahres erschienen, überlassen 
wir dem folgenden Jahresberichte, da man doch nicht im- 
mer ausfindig machen könnte, ob die Jahreszahl richtig, 
oder anticipirt worden war. 

Descriptive, touristische und wissenschaftliche Erschei- 
nungen fallen zwar nicht in das Bereich unseres Berichts; 
insofern aber einige derselben durch schöngeistige Form 
und literarisch bedeutenden Inhalt sich meistens unter den 
Gesichtspunkt literarischer Production stellen, dürfen sie 
nicht unerwähnt bleiben. 

Ungewöhnliches Aufsehen machte die Abhandlung John 
Mills über Die Freiheit ?). Mill hat viel sogenannte philoso- 
phische Bücher und Broschüren geschrieben, worin er sich 
zwar nicht als Philosoph in unserm wissenschaftlichen Sinne 
(in welchem es keinen einzigen Philosophen in ganz Eng- 


1) The Foster-Brothers; being a History of the School- and College-Life 
of the two young Men. pp. 480. London: Hall, Virtue and Co. 

?) Liberty. By John Stuart Mill. London: J. W. Parker. Berlin: A. 
Asher & Co. 


Englische Literstar. 3 


land gibt) bekundet, wohl aber als scharfsinniger Kopf der 
Beobachtung, und eigener Schlufsfolgerungen daraus. Das 
Buch über die Freiheit ist sehr melancholischer Natur und 
sucht die Befürchtung zu begründen, dafs das Indivi- 
duum in seinem Bedürfnisse, selbständig und frei zu sein, 
von der Macht der Gesellschaft, der öffentlichen Meinung, 
des Conventionalismus und der Mode, verhindert, erdrückt, 
verschlungen werde. Es ist ein Protest des Egoismus ge- 
gen die Demokratie herrschender Ideen, Sitten, Gebräuche 
und Zustände, der in England allerdings seine grofse Be- 
rechtigung hat, da hier das Individuum als Bestandtheil 
gewisser Klassen und Schichten unfreier ist als vielleicht 
in den meisten Staatsgesellschaften, weil es sich in gröfster 
Aengstlichkeit von tausenderlei ungeschriebenen drakoni- 
schen Gesetzen der Etikette und Fashion abhängig macht 
und fühlt; aber diese mehr localen Rücksichten machen 
die Schlüsse, welche Mill zieht, nicht logisch, am wenig- 
sten philosophisch. Sein Hauptargument, dafs die Men- 
schen, die Gesellschaft, der Staat, nur in sofern berechtigt 
seien, die Freiheit der Bewegung und Handlung des Ein- 
zelnen zu beschränken, als die Pflicht des eigenen Schutzes 
(self-protection) erheische, nimmt dem Begriffe des Rechtes 
und des Gesetzes ganz seinen philosophischen und sittli- 
chen Boden und läuft auf eine ebenso unlogische als unedle 
Anmafsung des egoistischen Individuums gegen die objec- 
tiven Mächte der Gesellschaft und des Staates hinaus, 
Wegen der vielen scharfsinnigen Raisonnements aber, geist- 
reicher, treffender Beobachtungen und bestechender Sophis- 
men, erregte das Buch viel Aufsehen und beschäftigte die 
Organe der Oeffentlichkeit vielfach, theils um es zu wi- 
derlegen, theils um diese und jene Passagen als treffend 
und geistvoll hervorzuheben. 

Eine Schilderung politischer Parteihäupter von Owen 
Maddyn!), Peel’s, Palmerston’s, Disraeli’s, Graham’s, Glad- 
stone’s u.s. w. fand wegen ihres frischen, anmuthigen To- 


1) Chiefs of Parties, Past and Present, with original anecdotes. By Da- 
niel Owen Maddyn, Esq. 2 vol. pp. 600. London: Skeet. Berlin: A. Asher 
& Co. Athenaeum 540 ff. 


set Jahresberichte. 


nes und geistreichen Form ungewöhnlichen Beifall. Das- 
selbe gilt von der Decade italienischer Frauen‘), mit Geist 
und Genie von T. Adolphus Trollope geschildert und mit 
vortreffliehen Porträts der berühmten geschilderten Italie- 
nerinnen des Mittela'ters illustrirt. Es weht ein ächt ita- 
lienischer Geist, wie ihn das Zeitalter der Medicäer cha- 
rakterisirte, durch das Buch, das sich zugleich durch seine 
glänzende Ausstattung für die Büchertische der „drawing 
rooms“ empfiehlt. 

Der grünste und blühendste Zweig der englischen Li- 
teratur, der touristische, ward mannichfach aus allen mög- 
lichen Himmelsgegenden bereichert; da hier aber meist nur 
Stoff und Material in Betracht kommen und selten literarische 
Formenschönheiten dabei entwickelt werden, bleibt sie auch 
in der Regel aufserhalb der Grenzen unseres Bereichs. Nur 
wenn schöngeistige Schriftsteller von Profession auf diesem 
Gebiete auftreten, darf man zugleich literarisch ästhetischen 
Reiz erwarten. Dieser findet sich in der angenehm geschwät- 
zigen und unterhaltenden Schilderung des Lebens und. der 
Freiheit in Amerika von Charles Mackay?), der sich von sei- 
nen Redactionspflichten im Bureau der „Illustrated London 
News“ durch einen achtmonatlichen Ausflug nach den Frei- 
staaten Amerikas und em zweibändiges Buch darüber er- 
holte. In stofflicher, belehrender Rücksicht gibt es natür- 
lich viel wertbvollere Bücher über Amerika; aber da man 
bei Mackay wie bei Dickens, auch wenn sie über Amerika 
schreiben, mehr sie selbst als Reisende bewundern und ge- 
niefsen will, sieht man nicht sowohl auf den Stoff, als 
wie sie ihn sehen und darstellen. Auch Harriet Martineau°) 
hat die Welt der Fabel und Erfindung verlassen um sich 
in der Pestluft englischer Kasernen und aus den Tod brin- 
genden Fleischkesseln der Soldaten Stoff für ergreifende 
Schilderungen zu holen. Sie studirte die elende Lage und 


1) A Decade of Italian Women. By T. Adolphus Trollope 2 vols. 
pp. 880. London: Chapman. Berlin: A. Asher and Co. 

?) Life and Liberty in America; or Sketches of a Tour in the United 
States and Canada in 1857— 68. By Charles Mackay. 2 vols. pp. 680. 
London: Smith, Elder and Co. Berlin: A. Asher and Co. 

3) England and her Soldiers. By Harriet Martineau. pp. 330. London: 
Smith, Elder and Co. Berlin: A. Asher and Co. 


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Englische Literatur. 308 


Behandlung der englischen Soldaten, besonders in Folge 
der Krimenthüllungen, um durch ihre Darstellung das Ge- 
wieht der öffentlichen Meinung für sie aufzurufen und Re- 
formen, die beabsichtigt, aber verschleppt worden waren, 
wieder in Gang zu bringen und anderweitige zu fordern. 
Ihre Darstellung hat hier das Grepräge des genauesten Stu- 
diums und factischer Auseinandersetzung, dort erhebt sie 
eich zur strafenden Dichterin, um den Fluch Englands auf 
die Scheufslichkeiten, unter denen seine Vaterlandsverthei- 
diger massenhafter und elender sterben, als in der blutig« 
sten Schlacht, herabzurufen. Im Wesentlichen macht. aber 
ihre eben so gründliche, als anschauliche und sich oft zu 
dichterischer Kraft erhebende Darstellung einen erwärmen- 
den und edien Eindruck, da man die von ächtem Patrio- 
tismus und tiefem Mitgefühl ergriffene, praktisch und ernst- 
lich Reform und Erlösung für die Unglücklichen erstrebende 
Frau und Dichterin nirgends verkennen wird. 

Die Menge der Pamphlets und Broschüren über die 
verschiedensten socialen und politischen Fragen oder Uebel 
war, wie immer, sehr grofs, keine aber scheint sich als lite- 
rarische Composition besondere Verdienste erworben zu ha+ 
ben, da sie fast immer nur im stofflicher Beziehung beach- 
tet und beurtheilt wurden.. 

Eine nicht unbedeutende Rolle spielt auch die lokale 
Schilderungsliteratur. Namentlich bietet das ungeheuere 
London mit seinen furchtbar gehäuften und in den entsetz- 
lichsten Extremen sich durch einander. wirrenden socialen 
Zuständen, Ereignissen, Prachtscenen und unsäglichen Ar- 
muths- und Elendsmassen immer wieder neuen Stoff zu er- 
greifenden, bald tragischen, bald komischen Schilderungen 
und Bildern, die in Journalen als pikante Artikel und hie- 
terher in selbständigen Bänden auftreten. Dickens hat hier 
als „Boz“ durch seine „Londoner Skizzen“ Bahn gebro- 
chen. Seitdem ergingen sich viele auf diesem Wege, kei- 
ner aber in einer so eigenthümlich kaustischen und gepfef- 
ferten Weise als Sala'). Seine Schilderungen und Bilder 


%) Vgl. über ihn Bd. I, p. 412. 
I. 4. 26 


906 Jabresberichte. 


erschienen lange hauptsächlich in den Household Words 
von Dickens, dann in andern Zeitschriften und endlich kurz 
hinter einander in zwei selbständigen Bänden: Gaslight and 
Daylight und Twioe Round the Clock‘). So oft und un- 
aufhaltsam London auch geschildert worden ist, hat Sala 
doch immer wieder neue Stoffe gefunden. Aber auch alte 
erscheinen neu in seinem Tages- und Gaslichte, das am 
grellsten und hellsten in die engen Straßen, Häuser, Hüt- 
ten und Herbergen des Elends und der Verwahrlosung 
hineinbrennt, um haarsträubende Zustände und Scenen zu 
beleuchten. Sein Schilderungstalent hat einen kaustischen, 
bitter ironischen, schadenfroh enttäuschenden, outrirten Cha- 
rakter; aber man fühlt immer, dafs er mit ächter Wärme 
des Erbarmens, mit dem Feuer der Entrüstung, mit ses- 
nem Herzblut schreibt. Dies fesselt uns in seinen oft sn 
wortreichen und witzübertriebenen Bildern und Schilderen- 
gen, obwohl die „Manier“, das ewige Sprühen und Fun- 
keln mit prägnanten Ausdrücken und geistreichen Abschwei- 
fangen, auf die Dauer leicht ermattet und ermüdet. 

Diese descriptiv-schöngeistig-sociale Literatur, als de- 
ren Londoner Vertreter Sala die erste Rolle spielt, ist 
neuen Ursprungs und erfreut sich einer zunehmenden Menge 
von schriftstellerischen Talenten, von denen aber im Laufe 
des Jahres sonst keines sich besonders geltend zu machen 
wufste, insofern wir -die ungeheueren Massen von zum Theil 
werthvollen und genialen Artikeln, welche die englische 
Tages-, Wochen- und Monatspresse verschlingt, hier aus- 
schliefsen müssen. 

Es bleibt nur noch übrig, die Lyrik und Literatur in 
gebundener Rede und endlich das Theater in den haupt- 
sächlichsten Erscheinungen des Jahres zu betrachten. 

Wenn, was an Alfred Tennyson und Mr. und Mrs. 
Browning ?) sterblich ist, dahingegangen sein sollte, wird 

1) Gaslight and Daylight with some London Scenes they shine upon. 
By George Augustus Sala etc. London: Chapman and Hall. — Twice Round 
the Clock or the Hours of the Day and Night in London. Illustrated with 
a Portrait of the Author and numerous engravings on wood, from drawings 
by William M’Connel. London: Houlston and Wright, Paternoster Row. pp. 


890. Berlin: A. Asher & Co. 
2) 8. Bd. I, 401 f. 


Englische Literatur. 307 


man nicht wenig Schwierigkeit haben, deren würdige Nach- 
folger zu entdecken. Allerdings fehlt es nicht an Poeten, 
welche die zu sehr gerühmten Reimer des vorigen Jahr- 


- bunderts beschämen, da die gemeinen Soldaten der Lite 


ratur jetzt sowohl stärker als besser smd wie ehemals; 
aber es fehlt an anerkannten Erben des Lorbeers, auf 
welchen vor einem Jahrhundert mindestens ein halbes Dut+ 
zend Ansprüche hatten. Jetzt haben wir keinen einzigen 
anerkannten legitimen Erben dafür und nur einige wenige 
präsumtive. In der Poesie ist es ein gröfseres Uebel, und 
weit mehr als im Kriege, eine Armee ohne Führer, als Führer 
ohne Armee zu haben: Qualität, nicht Quantität von Versen, 
it's was wir verlangen. Der gebildete Mensoh braucht nur 
wenige, aber diese wenigen gut. Wir finden kaum ein hak 
bes Dutzend ‚Dichter aus den letztem. zehn Jahren, die 
Hoffnung gaben, dafs sie einmal „Laureats“ Englands wer- 
dem könnten. Und selbst von diesen haben. einige, wie.der 
Autor des ,Festus“ !), literarischen Selbstmord begangen. 
Von diesem halben Dutzend war in der Reihenfolge öffent- 
lichen Auftretens Owen Meredith durch seine „Clytemnestra® 
und den Wanderer der letzte. Diese Dichtung: The Wan- 
derer?) ist gut und obgleich ein Echo Browning’s, doch ziem- 
lich ebenso dramatisch stark und schilderungsfrisch, wie 
das Original. Zunächst hat man eine überraschende Ge- 
walt tiber: die Sprache, spielende Leichtigkeit des Verses 
und .Reimes und jene voraehme Nachlässigkeit zu -bewan- 
dern, die auf dem Bewulstsein des Reichthums und der Si. 
cherheit beruht. Ein gewisser Cynismns lachender Verzweëf. 
lung, dann wieder die Sprache Tennyson’s und zuweilen 
vollendetste Form für den zartesten lyrischen Inhalt („The 
Chess-Board“) geben dem genialen, leichtfüfsigen Wanderer 
einen gewissen modernen Reiz, den man gelten läfst und 
mit einem pikanten Behagen fühlt, während man sich des 
Eindruckes nicht erwehren kann, dals er’s sich doch als 


1) Vgl. Bd. I, 401 und 406. 
2) The Wanderer. By Owen Meredith. London: Chapman and Hall. 
Chambers’s Journal No. 884. Literary Gazette p. 270 ff. 
26 * 


388 Jahresberichte. 


Dichter gar zu leicht gemacht habe. Die Ciytemnesira be- | 
rechtigte zu böheren Erwartungen, die er im „Wanderer® 
täuschte, noch mehr aber in seinem neusten Producte Ze- 
cile. Meredith, hinter welchem sich Robert Bulwer Lyt-- 
ton, Sohn des berühmten Romanschriftstellers, verbirgt, 
erinnert insofern an seinen Vater, als er mit dem höchsten 
Grade von Talent oft beinahe den Schein des Genius ver- 
“breitet, ohne doch in den Kreis dieser Geweihten zu ge- 
hören. 

Im Gegensatze zu diesem , intellectualisirten * Dich- 
tertalente, das im Wesentlichen mit geborgtem Lichte im 
Leben und der Literatur strahlt, leuchtet in eigenster, be- 
scheidner, aber ächter Beleuchtung der „Postmann von Bide- 
ford“, Edward Capern !), der sogenannte Naturdichter. Es 
ist seine zweite Gabe. Die erste wurde mit großer An- 
erkennung seines ächten Dichtertalents aufgenommen. En 
besseres Zeugnils für ihn sind die Mädchen, Arbeiter und 
Kinder von Devonshire, welche seine Lieder auf den Fel- 
dern und Strafsen singen. Dabei ist er bescheidener Brief 
träger auf dem Lande geblieben, ohne sich durch Ruhm 
und Popularität verirren zu lassen. Seine neuen Lieder 
sind noch ebenso wahre und warme Ausströmungen äch- 
ten Gefühls in Liebe und Patriotismus, im Leben und Ge- _ 
niefsen mit der Natur und ihren üppigen Schönheiten in 
seiner Heimath, noch ebenso frisch, heil und herzlich, wie 
die ersten. Auch Bennett’s Gedichte, „Gesänge von einem , 
Gresangschreiber“ ?), wurden als klare, gesunde Ergüsse 
eines guten Dichtertalents rühmlich hervorgehoben. Es 
ist viel Musik darin, aber mehr Takt als Ton. Die 
Lieder des „Postmann“ sind naturmusikalisch: man wird 
von selbst verleitet sie zu singen statt zu lesen. Bennett 
hat nicht diesen musikalischen Ton, aber dafür wird man 
durch anmuthige Farbentöne entschädigt, spielende Son- 
nenstrahlen, die auf der Oberfläche von Flüssen und Bä- 
chen zittern und uns erwärmen. 


1) Ballads and Songs. By Edward Capers, rural Postman of Bide- 
ford, Devon. London: Kent and Co. pp.186. Berlin: A. Asher & Co. 

?) Songs by a Song-Writer. By W. C. Bennett. London: Chapman & 
Hall. pp. 150. Berlin: A. Asher & Co. 


Englische Literatur. 3 


Die Lyrics of Life von Farrar ') wurden zwar viel- 
fältig besprochen, aber fast nur um zu sagen, dafs der Ver- 
fasser des „Eric“ in dieser Lebensiyrik dem Verdienste des 
letzteren Werks?) wenig entspreche. Es ist mehr Bildung 
als Leben darin, mehr Gewandtheit als Poesie, und was 
seinen Geschmack betrifft, so hat er ihm auf dem Titel schon 
als „Fellow“ u.s.w. kein sehr glänzendes Denkmal gesetzt. 
Der Dichter empfiehlt sich schlecht durch das Anhängsel 
eines sehr üblichen Titels, der mit Lyrik und Poesie so 
wenig gemein hat, dafs er im Gegentheil eine Art Gegen- 
satz dazu bildet. Von andern Dichtern, die sich bemerk- 
lich machten, fand wohl nur noch Warburton etwas wär- 
mere Anerkennung. Seine Jagdlieder °) brachten neue fri- 
sche Klänge und erquickenden Waldesduft, Genialität und 
Humor in die von Gefühlen und Gedanken abgehetzte Ly- 
rık. Er singt männlich, kräftig aus gesunder Brust. Man 
hört den Wald rauschen und musiciren, das Jagdhorn klin- 
gen, das Weidwerk lachen und triumphiren. Auch die 
verschiedenen andern Gedichte sind grôfstentheils frisch 
und ermuthigend. Ein grofser oder nur höherer Dichter 
ist aber Warburton deshalb noch nicht. „Sporting“ ist 
jetzt seine Lust und Leidenschaft, dessen Kraft und List, 
dessen Kunst und Leben ihn begeistert, so dafs ihm das 
Singen hier nicht schwer wird. Ob er im Uebrigen die 
Tiefe und Schönheit der Empfindung, die hinreilsende An- 
schauung, die geniale Ideenfülle hat, die den Dichter aus- 
macht, mülste er wenigstens erst noch beweisen. 

Eine grofse Menge anderer lyrischer und versificirter 
Neuigkeiten ward entweder ganz unbeachtet gelassen oder 
mit Spott und Entrüstung vom Parnassus gewiesen. 

Poetische Tragödien oder Komödien, Epen, Bündel 
heroischer Oden und religiöser Lyrik oder sonstige flich- 
tige Erscheinungen in Versen häuften sich zuweilen so in 


1) Lyrics of Life. By F. W. Farrar, Fellow of Trinity College, Cam- 
bridge (Cambridge: Macmillan). pp. 160. Berlin: A. Asher & Co. 

2) 8. über dasselbe Bd. I, p. 416. 

8) Hunting Songs and miscellaneous Verses. By Zgerton Warburton, 
London: Longman and Co. pp. 210. Berlin: A. Asher & Co. 


390 Jahresberichte. 


den Redactionszimmern literarischer Blätter, dafs gar nicht 
mehr durchzukommen war, wie das Athenaeum einmal in 
einer Einleitung zu Referaten über poetische Dramen klagte. 
Dramatische Poesie, ohne Rücksicht auf Theater geschrie- 
ben, ist in ihrer Fülle und Menge insofern wenigstens noch 
ein Trost, als sie zeigt, dafs diese höchste Form der Dieht- 
kanst noch nicht erstorben ist. Von den Bühnen ist sie 
ganz und gar verschwunden, geflohen in Schreck und Ekel 
vor einer beispiellos liederlichen und geistlosen Wirthschaft 
auf den Brettern, die einst die Welt bedeuteten, auf denen 
ein Shakespeare schritt. Aber so lange dieser dramatischen 
Poesie die Bühne, das Volk, der Beifall der Nation fehlt, 
hat sie keine Schwingen, keine Hippokrene, und so lange 
wird sie immer etwas Schwächliches, Krankhaftes, Uner- 
quickliches behalten. Die Zahl dieser dramatischen Dich- 
tungen war sehr grofs, aber keine konnte als gesunde Be- 
reicherung der Poesie begrüfst werden. Richard Neal füllte 
seinen Band Gedichte gröfstentheils mit einer sogenannten 
klassischen Tragödie, Codrus '), und bekundete darin Ge- 
schmack und antike Gelehrsamkeit; aber die Handlung ist 
ohne dramatische Triebkraft und die Personen sprechen 
wie hohle Maschinen fast nur die Gedanken und Studien 
des Verfassers. Die Periode war für ein Drama gut ge 
wählt; ebenso fällt die historische Tragödie Stilicho?), von 
George Mallam, in einen Wendepunkt, wie sie sich als die 
eigentlichen Stoffe für das geschichtliche Trauerspiel bie- 
ten, aber- der Verfasser brachte nicht die gehörige Kraft 
des Genius mit, um seiner gelehrten Arbeit den Geist der 
Poesie und der tragisch erhebenden Handlung einzu- 
hauchen. | 

Auf diese beiden „bühnenlosen“ dramatischen Dichtun- 
gen beschränkte sich die bedingte Anerkennung der Presse; 
alle übrigen wurden derb oder höchstens mit mitleidiger 
Schonung abgewiesen. 


7) Codrus, King of Athens, a Tragedy. By Richard Neal. London: 
Low and Co. Berlin: A. Asher & Co. 

2) Stilicho or the Impending Fall of Rome. A Historical Tragedy. By 
George Mallam. London: Smith, Elder and Co. Berlin: A. Asher & Co. 


Englische Literatur. 1 


Das Trostloseste aller Lebens- und Geistesformen in 
England ist das Theater, in Eugland, der Heimath Sha- 
kespeare’s, bei einem Volke, das in mercantiler, politischer 
und colonialer Beziehung das bewegtetste, dramatischste 
Leben führt. Der Verfall des Dramas, der Bühne, ist eine 
öffentliche Calamität geworden, über die viel geschrieben 
und geklagt ward, ohne dafs die Bemühungen, etwas da- 
gegen zu thun, irgendwie zur That wurden. Die Verwahr- 
losung der Bühne bei 20 grofsen Theatern in London, die 
fleifsig „Neuigkeiten“ brachten, ist nach Einigen gleichbe- 
deutend mit vollkommenster Ausbildung der offenen und 
heimlichen Uebersetzung und Plünderung fremder, beson- 
ders französischer Originale. Es sollte wohl aber besser 
heifsen: gleichbedeutend mit dem Verfalle der Preise, die 
Bühnen für Theaterstücke zahlen. Schauspieler, Theater- 
pächter, Regisseurs stoppeln sich selbst Stücke zusam- 
men, um sich „Rollen“ zu machen, oder lassen sie von geist- 
losen Uebersetzern und bühnengewandten Zuschneidern 
zurechtstutzen. Frankreich, unfrei und geknechtet, beschäf- 
tigt gegen 300 Theaterdichter, das freie England ungefähr 
20, von denen nicht Einer seinen Lebensunterhalt der Bühne 
allein verdankt. Dies gilt selbst von Tom Taylor, dem 
„Scribe Englands“, von welchem fast immerwährend neue 
Stücke neben älteren gegeben werden. Manchmal nennt 
er die grüfstentheils französische Quelle, öfter auch nicht, 
selbst wenn er ziemlich wörtlich übersetzte. Die Literary 
Gazette liefs einmal in einem seiner neuen ÖOriginalstücke 
von Stenographen nachschreiben und neben seinen Text 
das französische Original abdrücken, woraus man sah, 
dafs er übersetzt hatte, wenn auch frei und liederlich '). 
Sein Triumph während des Jahres: The Faols Revenge, im 
Phelps’schen Shakespeare-Theater Saddlers Wells gegeben, 
trat ebenfalls als Original auf, ist aber nur eine „freie“ Be- 
arbeitung des Victor Hugo’schen „Le Roi s’amuse“. Die 
fünfaktige Francesca von E. Falconer ging als Original über 
das Lyceum-Theater, aber ohne Erfolg. Auch Adelphi 


1) Literary Gazette p. 602 fl. 


902 Jahresberichte, 


rûbmte sich eines Originalstückes von Walls. Philippe: The 
Dead Heart, es ist aber so französisch, dafs man gleich 
ein Original dahinter vermuthete, das man denn auch spä- 
ter in Paris ausfand und aufführen sah. Die bekanntesten 
andern "Theaterdichter, Byron, Oxenford u.s. w., lieferten 
auch ihre Neuigkeiten, aber nur l’Il write to Browne, von 
einem Ungenannten (Olympic-Theater) und Everybody's 
Friend, von Stirling Coyne, und vielleicht einige andere, 
jetzt schon vergessene Kleinigkeiten bewegten sich mit ei- 
nigem Glück und Erfolg längere Zeit auf den Brettern. 
Nach einer ungefähren Berechnung kamen über 70 drama- 
tische Neuigkeiten. zur Aufführung, darunter freilich ein 
Viertelhundert Pantomimes, das alljährlich nach Weihnach- 
ten ausbrechende Hauptärgernils für gebildeten Geschmack 
und die Wonne der grofsen Masse; aber immer noch ge- 
nug, dafs unter einigermalsen günstigen Umständen sich 
diese und jene hätte geltend machen können. Doch die 
Bühne Englands scheint einmal unter einem Fluche zu 
stehen und zunächst noch immer tiefer zu sinken. Die 
höchste und der mächtigsten Wirkung fühige Form der 
Poesie ist factisch und praktisch zur niedrigsten geworden. 
Lyrik und Literatur in Versen kann sich auch mit Ten- 
nysan’s Königs-Jdyllen und dem Wanderer von Meredith 
keines gelungenen, klassischen, in Form und Gehalt vol- 
lendeten Meisterwerks rühmen. Die blühende Touristen- 
und sociale Schilderungs-Belletristik wurde allerdings er- 
freulich bereichert und zwar’ durch einige geniale und eigen- 
thümliche Erscheinungen. Alle diese Phasen literarischer 
Production sinken aber zu verhältnilsmäßiger Unbedeutend- 
heit zusammen, wenn sie mit dem Romane verglichen wer- 
den. Der Roman ist die herrschende, die blühendste, die 
bedeutungsvollste Form der englischen Literatur. In dieser 
allein machten sich innere und äufsere Fortschritte deutlich 
geltend, die der englischen Kultur Ehre machen und der 
ganzen gebildeten Welt zu Gute kommen. 


London, im Juni 1860. Dr. H. Beta, 








Nordamerikanische Literatur. 583 


IL 


Die Nationalliteratar der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika 
in den Jahren 1858 und 1859. 


1. Eighteen Hundred and Fifty Eight. 

The year 1858 began in the United States with hard times. 
The national character develops in two main directions — re- 
ligion and money-making. The development in the latter direc- 
tion is usually more obtrusive, but whenever it is checked, the 
religious tendency shows itself. The hard times were coupled 
with, and followed by a general activity of heart and mind in 
religion. Literature, the exponent of. the people’s thought, was 
for this year checked in its lighter walks; the publishers were 
in pecuniary straits and declined to undertake this class of works, 
but the press teemed with religious literature. The fact that some 
150,000 copies of the American reprints of Spurgeon’s Sermons 
had already been sold Sept. 16. 1858, is an item of literary history 
which indicates the set of the public mind; most of the books of 
this kind are of course out of our beat, but some of them have 
very great literary merit. The Life Thoughts of Henry Ward 
Beecher !) were received with great admiration for their literary 
excellence, and were read here to the number of 40,000 copies, 
and reprinted in England. The book is made up of passages 
from Mr. Beecher’s extemporaneous sermons, taken down by 
one of his admirers. They are illustrations or developments 
of particular truths, and their merit lies very much in their deep 
penetration into human nature, their apt illustrations and examp- 
les, exuberant fancy, and great strength and felicity of expres- 
sion ?) — but they are tbe natural utterance of an independant 
vigorous mind in full sympathy with the spirit of the place and 
time, the exponent of an average feeling in social reform, chris- 
tian liberality, and love of free thought and free talk. 

Not unlike this book in its general class is Titcomb’s Let- 
ters ’) with more wit and humor, and less vigor — pleasant, 


') Life Thoughts, gathered from the extemporaneous discourses of Henry 
Ward Beecher, by one of his congregation. Boston: Phillips, Sampson and 
Co. 1858. pp. 800. 

2) The New Englander. Aug. 1858. p. 699. — The Independant, 
Jan. 6, 1859. 

3) Letters to young people, married and single. By Timothy Tiscomb 
Esquire. New York: Charles Scribner. 12°. 1858. pp. 251. 


994 Jahresberichte. 


easy, familiar talk on points of morality and religion, entering 
into details of thought and conduct usually left-untouched, and 
making itself welcome as a genial and humorous good friend to 
all the young folk '). 

Not unlike also is The Autocrat of the Breakfast Table’), 
but more purely literary, as becomes one, who is a „liberal chi. 
stian®, and does not share in the exercises by which the mas 
of the people express profound religious feeling. This is donbtles 
the book which attracted most attention as a literary work, dur- 
ing the year; the author, Dr. O. W. Holmes, of Boston, was al 
: ready known to the public as one of our most successful lecturers 
and finished versifiers — a master of a peculiar and rich vein 
of humorous poetry. This book is a collection of articles com 
tributed to the Atlantic Monthly, which were received with in- 
terest through the country. They are good talks abont the sub- 
jects which cultivated people most talk about — minor moral, 
prejadices of society, art, sentiment, literature, habits of speech 
— such good things as a diner out, or lecturer, who was 8 (0° 
verser, would be likely to say, or think he might have said — 
short essays, poems, all made more lively by remarks, pertinent 
and impertinent, of other characters who breakfast with the Au 
tocrat, and touched up with a bit of a love story. The ers 
were unanimous in pronouncing it „brilliant*, ,amusing", „rich in 
interesting suggestions“, „full of mature experience of life, Hors 
tian ease and humor“, „glimpses of rarely trodden fields of 
thought and sentiment“, „rich poetic fancy and feeling, beauty 
delicacy, freshness, spirit“ ®). Two rival editions in Engle® 
echoed its home fame. It is a reprensentative of the lier 
taste and culture of Boston unitarians, rather than of the naü0r 
nal spirit, and while every body reads it, and is amused an 
charmed by it, it will exert no great influence On thinking 0 
letters. | 

The few novels which this year attracted attention ur 
was to be expected, something of the religious cast. The r | 
Priest in Conception Bay *) is the story of the reconversion | 


senger. Oct. 1858. p. 318. arena. fampe 
3) The Autocrat of the Breakfast Table. Boston: Phillips, 

and Co. 1858. Dee 
3) New Englander. Febr. 1859. — Southern Literary Messenger: 

1868. p. 475. n 
4) The New Priest in Conception Bay. 2 vols. Boston: Phillips Ban 


son and Co. 1858. 


1) New Englander. Nov. 1858. p. 982. — Southern Literary Je 


Nordamerikanische Literatur. 305 


a clergyman of the church of England, who had adopted papaey 
and given up his wife to be a priest, and the moral interest 
springs from the religious conflict which he undergoes. It chal- 
lenges interest however on many grounds, „either of which would 
merit for it a foremost place among works of its class“. Its 
descriptions of the scenery of Newfoundland, to most of us an 
unknown region, „are true poems, such as could have been written 
only by one who had the eye and wordwealth of a true poet“. 
The inhabitants and their mode of life are also new figures in 
literature and are drawn with a vigorous hand, and we have the 
pure Newfoundland dialect in the mouth of the interlocutors !). 
Unmoved by the religious spirit of the year, and little expressive 
of any general current of thought, John Esten Cooke ?) ventures 
into the same field as Thackeray’s Virginians, and gives us „a pie- 
tare gallery of Virginia life“ in the Revolution ?), We close our 
summary of the prose writings of the year with a mention only 
of the last volume of our great historian, Prescott, whose lite- 
rary merits, his vivid imagination, perspicuous narrative and trans- 
parent style, have made him a universal favorite, so that his 
histories compete with the popular romances for the suffrages of 
our readers of light literature *). In any estimate of the literature 
of the United States for the last twenty years, or even ten years, 
the department of history must have an eminent place, and Pres- 
cott’s writings be worthy of an extended notice as preeminent 
and representative of their kind. But the present year was not 
marked by any new development of the literary historic spirit. 
The great poem of the year is however a historical study *). Long- 
fellow tells us a love story of the early Puritan history in hexa- 
meters with good succese. The critics generally regard the hexa- 
meter with suspicion, but admit that they are readable, and 





1) The North American Review. April 1859. p. 671. — New Englander. 
May 1859. p. 565. 

2) Henry St. John, Gentleman, of „Flower of Hundreds“ in the Country 
of Prince George, Virginia, a Tale of 1774—1775. By John Esten Cooke, 
author of „Leather Stocking and Silk“, „The Virginia Comedians“ etc. New 
York: Harper and Brothers. 1858. 

3) Harpers Magazine. Sept. 1859. p. 558. Southern Literary Messenger. 
Oct. 1859. p. 317. 

4) History of the Reign of Philip the Second. Vol. IH. By William H. 
Prescott. Boston: Phillips, Sampson and Co. 1858. 

5) The Courtship of Miles Standish, and other Poems. By Henry Wads- 
worth Longfellow. Boston: Ticknor & Fields. 1858. 12°. pp. 215. 


906 Jahresberichte. 


farnieh a fit medium for this quaint primeval tale. Since the 
music of verse depends for its variety on the free play of the cs 
dences of the sense within the fundamental form of an ideal me- 
trical arrangement, the whole music of verse can never be felt 
until this fundamental form is perfectly familiar. Longfellow mus 
wait until English readers become used to dactyles and spondees; 
our critica who pretend to know Homer, but do not, will lam 
too more slowly. The poem has been generally received a a 
true picture of the manners and condition of the first settlers ai 
Plymouth. The characters, and the incidents, even to tbe la 
guage, are often historical, and always interesting. „The passages 
in the poem which dwell the longest in the memory and produce 
the most agreeable effect, are those descriptions of the local see 
nery, which, by their freshness and natural coloring, are entilled 
to a place among the most pleasant specimens of the authors con 
position“ :). There are other smaller poems in the volume. No 
one can ever weary of the stately ring of the Warden of Ik 
Cinque Ports, or tbe solemn pathos of the Two Angels. Long: 
fellow has written nothing more worthy of a true poet than Ihe 
Two Angels. 

Mr. Butler, the author of Nothing to Wear delivered a pot 1 
before the Phi Beta Kappa Society of Yale College, which was 
received by that audience of critics with enthusiasm, and pral 
in the New Englander ?) for its humor, wit, elevated thougit 
and sentiment, clear distinct style; as being consistent, well pro 
portioned, of genuine poetic power, and of permanent value. 
The Southern Literary Messenger *), while it praises its bapp} 
command of language, quickness in perceiving the foibles of 
mannakins, its dexterity of rhythmical structure, speaks of i 8 
less successful than Nothing to Wear, and pronounces again 
„the verisimilitade of the story“. We think the latter cri” 
right. The book is a satirist’s picture of the extremes of life n 
New York. There could be no finer field. Our prose WT” 
find unexhaustible material in it. Mr. Butler’s style is true genl® 


1) Harpers Magazine. Dec. 1858. p. 115. — New Englander. Fab. WE 
p. 270. — North-American Review. Jan. 1859. p. 275. — Southern Li 
Messenger. Nov. 1858. p.889. Feb. 1869. p. 118. ing 10 
2) Two Millions. By William Allen Butler, author of „Notbins 
Wear“. New York: D. Appleton & Co. 
3) New Englander. Nov. 1858. p. 927. 


*) Southern Lit. Mess. Sept. 1858. p. 286. 





Nordamerikanische Literatur. 307 


man’s English — not a word or phrase that is obseure, or forced; 
and his spirit is genial and christian. More such satire would be 
timely and welcome. 


2. Eighteen Hundred and Fifty Nine. 


With the return of commercial prosperity, and with the holi- 
days at the beginning of 1859, the department of light literature 
revived. The same religious spirit, which prevailed in 1858, also 
shows itself in the literature of 1859. The Life Thoughts of 
Henry Ward Beecher are followed by two similar books no less 
widely read !). 

Timothy Titcomb also follows up his Letters by Gold Joil?), 
and by Bitter Sweet which win the highest praise from our 80- 
berest criticc. The North American says: „Dr. Holland is cer- 
tainly one of the most racy and vigorous of essayists. With study, 
common sense, high moral principle, and thoroughly grounded 
religious conviction, he unites trenchant wit, genial humor, and 
an unaffected quaintness of diction. His favorite subjects are the 
shams and falsities that pass as genuine in society; and these he 
exposes with a satire at once kindly and deathdealing. No wri- 
ter of his class could be more entirely free than he is from an- 
ger, bitterness, and scorn; his power consists in the vividness with 
which he reflects the concentrated rays of essential and sacred 
truth on the very face and front of the pernicious maxim, opinion, 
custom, or habit that he would demolish“ *). He has reached, 
we think, the summit of his fame ‘in this direction. We shall 
speak of Bitter Sweet by and by. The works of Dr. Bushnell *) 
deserve mention for their noble literary excellence. A vivid ima- 
gination and a peculiar quality of intellect, the most perfect mas- 


1) Notes from H. W. Beecher’s Discourses. By Augusta Moore. New 
York: Derby & Jackson. Views and Experiences of Religious Subjects. By 
Henry Ward Beecher. New York: Derby & Jackson. pp. 403. I mention 
also : Plain and pleasant talk about Fruits, Flowers and Farming. By H. W. B. 
New York: Derby & Jackson. pp. 420. 

2) Gold Joil, hammered from Popular Proverbs. By Timothy Titcomb. 
New York: Charles Scribner. 

3) North-American Review. Jan. 1860. p.285. See also Harpers Ma- 
gazine. Dec. 1859. p. 120. 

4) Nature and the Supernatural, as together constituting the one system 
of God. By Horace Bushnell. New York: Charles Scribner. Sermons for the 
New Life. By Horace Bushnell. 5th Ed. Charles Schribner. 1859. 


396 Jahresberichte. 


tery of nervous and beautiful English, and the heart of a warm 
lover of man and of God make his writings universally read as 
a part of our best literature. Several similar works of literary 
merit by Dr. Huntington, Prof. in the University of Cambridge, 
Massachusetts have also attracted attention '). The Autocras of 
the Breakfast Table now appears as the Professor at the Breai- 
fast Table), but does not so much win the public favor. He 
lectures too much in behalf of Unitarianiem. 

Springing to the opposite mood from our serious religiow 
literature, comes Dame Partington °), at whom all America has 
laughed. Her fan turns on unimaginable biunders in the mess- 
ing and use of words and phrases. It would seem as though 
no blundering could out-blunder hers. Yet there is method in 
it. We have heard grave philologers afterdinner hasarding state 
ments of the laws of change by which to deduce her dialect A 
philological grammar of the speech of the Partingtons is s nd 
impossible speculation. | 

A collection of the wit and humor of Prenties ‘) is of a 
higher mood and of greater variety. The veteran essayist, N.F. 
Willis, gives us this year the Convalescent ‘). A couple of books ') 
on language and words shall be mentioned as indicating a strong 
set of the public to read and talk on those subjects. Both of 
these have some literary merit, and like Trench’s books on tie 
same subject, which are reprinted and read everywhere in th 
country, are intended for popular reading, and are read as a form 
of light literature. 

As we come to the pfose department of our peculiar beah 


1) Christian Believing and Living. By F. D. Huntington, D. D. presch® 
to the University Cambridge. ‚pp. 528. Boston: Crosby, Nichols & Co. Gm 
ham Lectures. Human Society: its providential structure, relations and of 
fices. By F. D. Huntigton, D.D. New York: Carter & Bro. 

2) The Professor at the Breakfast Table. By O0. W. Holmes. Boston: 
Ticknor & Fields. 12°. pp. 410. 

3) Knitting work: a Web of many Textures, wrought by Ruth Partinsi 
(B. P. Shillaber). 12°. pp.408. Boston: Brown, Jaggard & Chase. 

%) Prenticeune; or Wit and Humor in Paragraphs. By George W. Pre 
tice. Editor of the Louisville Journal. 12°. pp. 306. New York: Derby 
Jackson. 
$) The Convalescent. By N. Parker Willis, 12°. pp. 466. New York: 
Charles Scribner. M 

6) Rambles among Words: their Poetry, History and Wisdom. By Wi 
liam Swinton. 16°. pp. 802. New York: Charles Scribner. Modem de 
logy: its discoveries, history and influence. By Benj. W. Dwight. 8°. pp 3 
New York: À. &$. Barnes & Burr. 


Nordamerikanische Literatur. 39 


we meet as the Novel of the year the Misister’s Wooing '). This 
is distinctively a historical novel, a picture of the manners of 
New England in the time of the Revolution. But it is also a 
love story — a sort of antislavery story, and anti-old-fashioned- 
Puritan-Theology story, all in one. Three hundred copies or- 
dered for immediate circulation by the Mercantile Library of New 
York testify to the eagerness with which the love story was read. 
Graver minds find in the book a charming delineation of early 
New England manners, a subtle and profound philosophy of love 
illustrated by its working in noble and honest souls, and an ana- 
lyeis of theological beliefs and systems worthy the study of me- 
tapbysicians and divines ?). In this we exchange the passionate 
excitement of Mrs. Stowe’s famous anti-slavery novel for calm 
and genial enjoyment in a well told and artistic story. Here 
are interesting narrative, characters well drawn, wise and witty 
talk, and good management of events, fine description of scenes, 
and notable dramatic contrast of personnages; not only in form, 
but intrinsically, it takes rank above former books by its author. 
There is vigorous and free thinking in it’). Of course it has 
not passed without criticism of its political and theological pic- 
tures *). 

Here may also be mentioned, as a kind of historical novel, 
another book upon the Puritans ‘), which aims to show them 
in a favorable light. It gives long conversations between the 
characters and has the dramatic air of a historical novel; but 
cites authorities for its statements like a veritable history. We 
have a specimen of the old historical novel of the Scott, or rather 
G. P. R. James style in a new colonial romance of William Gil- 
more Simms °). This series now numbers eighteen — many of 
them prime favorites for many years in all our circulating libra- 
ries. The scene is always laid at the south, frequently in South 


1) The Ministers Wooing. By Harriet Beecher Stowe, pp. 578. New 
York: Derby & Jackson. 

2) The Independant. Oct. 20. 1859. 

3) The Christian Examiner. Jan. 1860. p.120. 

4) S. über diesen Roman auch den Aufsatz von C. Clarigny: „Le Ro- 
man d’Amour puritain“, in der Rev. d. deux Mondes, Nov. Der Herausg. 

5) The Puritans; or, the Church, Court and Parliament of England dur- 
ing the reign of Edward VI. and Elizabeth. By Sam. Hopkins. Vol.I. Boston: 
Gould & Lincoln. 8°. pp. 549. 

6) The Cassique of Kiawah; a Colonial Romance. By William Gilmore 
Simms. pp. 600. 12°. New York: Redfeld. | 


. 400 Jahresberichte. 


Carolina. The localities, events, habits and manners are all fs 
miliar to him. „Revenge, fraternal hatred, and the like often 
form, as in this story, the groundwork of his plots“. The Nortt- 
American Review says: „in our own deliberate opinion, sine 
the demise of Cooper there is no one who can be reckoned his 
superior among American Novelists“ ’). Novels of the Unek 
Tom style have not ceased to appear *). A new southern at 
thoress has gained some success in & story of the Jane Eyre 
type *). The heroine is an orphan, and makes her way 
from destitution to the highest rank in literary and social lif. 
She also makes her way through scepticisms of all sorts and 
sizes to a belief in revealed religion, and the reviewers say‘) 
seems to have mastered the learning of the profoundest thinkers 
Our profound young ladies have to go through transcendental 
scepticisms now, as regularly as the whooping cough, or mesles 
It is one of the vices of our young literature that these disease 
of the teens are described and printed in heroie colors, so tt 
every body who has the predisposition is sure to bave a virulent 
attack. We had thought they were mostly confined to NewEng 
land; but here is a case, it seems, in the far south. Miss Augusa 
J. Evans is said to be a young lady of 23 years, of Mobil, 
Alabama. 

The publication of the Morte d’Arthure, and of Tennyson® 
Idylls of the King gave us many reviews and a book or two’) 

Perhaps the most striking feature of the year is the nuër 
ber of books of travels, written as literature. We still show te 
blood of the old rovers of sea and land, and those of us wi0 
cannot see strange lands, like to read of them. Our most famons 
traveler, the true poet, and vigorous critic, Bayard Taylor, gi 
us a delightful volume of sketches ‘). Bryant too has been wii 
ing letters from out-of-the-way places in Spain ’), and we find 


!) The North-American Review. Oct. 1859. p. 559. 
?) The Mustee; or, Love and Liberty. By B. F. Presbury. Boston: 
Shepard, Clark & Brown. 12°. pp. 487. k: 
3) Beulah. A Novel. By Augusta J. Evans. 12°. pp. 510. New If‘ 
Derby & Jackson. 
4) The Independant. Oct.6. 1859. From New York Evening Pos 
5) The Age of Chivalry, King Arthur and his Knights. The Ms” 
geon;. or Welsh Popular Tales. By Jhos. Bulfinch. 12°. pp- 41% Boston: 
Crosby, Nichols & Co. N 
6) At Home and Abroad. A scetch book of life, scenery and mel. I 
Bayard Taylor. New York: G. P. Putnam. ost. 
7) Letters of a Traveler. Second series. By William Cullen Dry 
12°. pp. 277. New York: Appleton & Co. 


Nordamerikanische Literatur. 401 


the same beautiful love of nature, the same gentle spirit, and 
elevated imagination, still alive, which long years ago won all 
hearts in his Thanatopsis and Evening Wind. Our critic says, 
indeed, that in these charming pictures of nature and people we 
come nearer to his mind and heart, than in the stately beauty 
of his verse '). The author of Two Years before the Mast, which 
was the book of the year some years ago, describes a vacation 
trip to Cuba ?); and Cozzens, a month in Acadia amid the scenes, 
and people, and manners, which Longfellow’s Evangeline has ar- 
rayed in the colors of poetry ?)., Europe and Asia also furnish 
the canvas for pictures *); our ladies return to write of their 
Oriental Trips °). But the book of this kind which has been most 
highly praised is The White Hills, their Legends, Landscape and 
Poetry °). Its character is well delineated in its title. It is pro- 
nounced to be full of „the knowledge of the moods and aspects 
of nature given by long years of communion with her visible 
shapes, and the quick fancy which so gracefully interprets them, 
that eminent faculty of imaginative and spiritual insight which reads 
the moral and religious symbolism of the hills“ 7). 

Of the poetry of the year we have not much to say. No 
poem has produced any great sensation. À new volume by Saxe °) 
as funny and keen as ever, a new edition of the works of Poe °), 
a complete edition of Percival’s Poetry are worthy of mention. 
The death of Percival gave occasion to many reviews of his 


1) The Independant. March 10. 1859. Christian Examiner. May 1859. 
p. 447. 

2) To Cuba and back. A. Vacation Voyage. By Richard H. Dana jr. 
16°. pp. 288. Boston: Ticknor & Fields. 

3) Acadia; or, A Month with the Blue Noses. By Frederic 8. Cozzens. 
New York: Derby & Jackson. 

4) Summer Pictures, From Copenhagen to Venice. By Rev. 4. M. Field. 
12°. pp. 291. New York: Sheldon & Co. — Wallstreet to Cashmere. By John 
B. Ireland. New York: 8. A. Rollo & Co. 

6) The Tent and Harem: Notes of an Oriental Trip. By Caroline Paine. 
New York: D. Appleton & Co: 

6) The White Hills: Their Legends, Landscape and Poetry. By Thomas 
Starr King. 4°. pp. 403. 60 Illustrations. Boston: Crosby, Nichols & Co. 

7) Christian Examiner. Jan. 1860. p. 148. 

8) The Money King, and other Poems. By John G. Saxe. Boston: Tick- 
nor & Fields. 

9) The Poetical Works of Edgar Allan Poe, with an original memoir. 
18°. pp.278. Portrait. New York: Redfield. | 

II. 4. 27 


402 Jahresberichte. 


character and works. His claims as a poet had been long es 


tablished and yet we think he has less popularity than almost 


any other of the great American poets of his.day, a fact which 
is to be attributed to the want of human sympathy in his verses 
„Very beautiful they are, highly imaginative, always breathing 
a delicate aerial music, and full of a rare appreciation of tie 
glory and the joy of the world, but they lack that vital warm 
which is kindled by a cordial recognition of the joys and sor- 
rows of the human race, and without which art can weare 10 
spell, eloquence can exercise no fascination, poetry can Dee 
win our love“ '). Albert Laighton ?), R. A. Oakes ?), Thoms 
Baily Aldrich *) have found admirers of their first books of 
Poems. The Southern Literary Messenger gives quite a labord 
article to Mr. Aldrich, and pronounces him a true poet, an of 
ginal poet having a new music in his verse, a star that promises 
to be one of the brightest lights of our literature ‘). 

Bitter Sweet *) better deserves the praise of originality. I 
is the description of a New England Thanksgiving, at which de 
gathered family, after a bountiful repast and the pleasentries el 
the evening, talk far into the night on questions of theology 11 
connection with their personal experience of the joys and BOTTOM 
of life. It is minutely accurate and characteristic in its deserip 
tions of New England scenery, incidents, allusions, manien 
house scenes — the scene in the cellar is New England Ir! 
and only — the theological discussion of the problem of Er, 
and there are some fine lyrics in it; but as a whole, the ehe 
is unpleasant from the radically disagreeable nature of the let 
ing incidents and topics. It is worse than Aurora Leigh, wii 
it reminds us of, Though original in manner, it is not the open 
ing of a new vein of Poesy, but only one more expression 


1) The Poetical Works of James G. Percival, with a biographical 
2 vols. 24°. pp. 402. 507. Boston: Ticknor and Fields. Southern Li 
Messenger. June 1859. p. 472. g 

wi Poems. By Albert Laighton. Boston: Brown, Jaggard & Che 1° 
PP- e 

3) Poems. By R. A. Oakes. New York: Delisser & Proctor. 

4) Babia Bell, and other Poems. By J. B. Aldrich. New Yo‘ 
& Carleton. 

s) Southern Lit. Mess. May 1869. p. 388. 


6) Bitter Sweet. A Poem. By J. G. Holland, author of Titan 
ters, etc. New York: Charles Scribner. — New Englander. Feb. 1859. P 


pui 


Nordamerikanische Literatur. 403 


the love of history, and historical romance, which has just given 
us Miles Standish, The Ministers Wooing, and so many other 
pictures of Puritan life. 

Of the drama we find nothing to say. 

A review like this, of the original books published in the 
United States, gives a very inadequate idea both of the literary 
receptivity and the literary productivenes of the country. We 
acquire languages more easily than the English, and we read 
much in other tongues, and make many translations. The great 
body of the English light literature is reprinted in this country, 
and finds more readers here than at home. 

But our newspapers, and more formal periodicals are the 
great field of both our national reading and writing. An editorial 
article in the New-York Tribune on American Journalism men- 
tions that not less than 4000 newspapers, at least 500 daily and 
500 semi-weekly are published in America. Their average cir- 
culation is estimated at 2000 each for daylies, 2500 for semi- 
weeklies, 1500 for weeklies; and 400,000,000 of newspaper sheets 
a year. Most of these papers have a literary department, and 
some of them engage the contributions of the ablest authors both 
of America and England. The Hon. Edward Everett wrote for 
the New York Ledger a series of essays, extending over the last 
year, or fifty numbers, receiving ten thousand dollars for them, 
which he gave to aid in the purchase of Mount Vernon, the old 
estate of Washington, by the ladies of America. Harpers Weekly, 
circulating over 4,500,000 numbers the last year, has published 
Dickens’ Tale of Two Cities, Bulwer’s What will he do with it 
and Novels or Tales by Collins, Mrs. Gaskell, Charles Reade, 
Curtis, Ludlow, Ella Rodman, and the publishers announce it as 
their wish to secure every work of undoubted excellence that is 
written here or abroad. We are unable to give statistics of other 
Periodical Literature; but it is certainly true in America that 
„tbe wealth and freshness of the literature of the nineteenth 
century are embodied in its Periodicals“. Harpers Magazine 
alone has paid in ten years nearly three hundred thousand dol- 
lars to American authors and artists. The Atlantic Monthly 
vies with Harpers in the excellence of its literary articles. In 
this, Holmes first issued the Autocrat of the Breakfast Table, 
and its successors; Mrs. Stowe, the Ministers Wooing, Longfel- 
low, some of the best of his minor Poems. The best of these 
articles finely appear in the dignity of separate volumes; but the 

27° 


404 Jahresberichte. 


Jahresberichte should by good rights embrace a better critie than 
we can give, of American Periodical Literature. 
Easton, Pennsylvania, 28 April 1860. F. A. March. 


IT. 
Die italienische Nationalliteratur im Jahre 1859. 


Man wird nicht erwarten, dafs im Jahre 1859 Italien 
auf dem Felde der schönen Literatur besonders thätig ge- 
wesen sei; aber auch das Wenige, das vor dem Kriege 
oder nach dem Waffensüllstande zum Vorschein kam, er- 
hob sich nicht über die goldene Mittelmäßigkeit. Publi- 
kum und Schriftsteller waren eben mit Anderem beschäf- 
tigt, als den Musen nachzuhängen; und als Terpsychore 
sich unter die Kämpfenden mischte, raubte selbst ihr der 
wütbige Kriegsgott erst die Besinnung, dafs sie vergals die 
schreiende Leier zu stimmen, dann die Kraft in die Saiten 
mächtig zu schlagen. 

Das Theater hatte in den ersten Monaten mehrere 
neue Stücke geboten: Dramen und Lustspiele im nördlichen, 
Tragödien im südlichen Theile der Halbinsel. Das Publi- 
kum ging zahlreich und mit dem besten Willen, etwas Na- 
tionales zu beklatschen, ins Haus; nicht das Mittelmäfsige 
allein, auch was unter demselben stand, konnte freundlicher 
Aufnahme auf ein paar Abende sicher sein, wenn nur ei- 
nige politische Parallelen darin enthalten oder heraus zu 
errathen waren; die Kritik, wo nicht persönliche Abnei- 
gung ins Spiel trat, hatte die Geissel mit dem Fächer ver- 
tauscht. Wir müssen alle diese dramatischen Ephemeri- 
den bis auf eine übergehen, wenn wir nicht den im vori- 
gen Jahre unerwähnt gelassenen ungerecht werden wollen. 
Ein Lustspiel aber erntete vor und nach dem Kriege in 
Genua, in Turin, in Florenz mehr Beifall und wurde mehr 
Abende aufgeführt, als alle übrigen neuen Stücke zusam- 
mengenommen, und als vielleicht je irgend ein italienisches 
in gleich kurzem Zeitraume. Diesen glänzenden Erfolg 


Italienische Literatur. 405 


hatte Teobaldo Ciconi’s politische Allegorie Troppo tardi. 
Sein Vorwurf war, den nicht zu versöbnenden Gegensatz 
zwischen dem Prinzip des Stillstandes und dem des Fort- 
schrittes darzulegen, und letzteres zum endlichen Siege ge- 
langen zu lassen. Die menschliche Gesellschaft spiegelt 
er in einer friaulischen Familie ab, deren aristokratisches 
Haupt die althergebrachte strenge Hauszucht aufrecht zu 
erhalten bestrebt ist, als sein Bruder, der auf Reisen eine 
Sängerin geheirathet hat, zurückkehrt, in der Familie das 
Verlangen nach einer freieren Lebensart erweckt und ver- 
ficht, und zuletzt, nachdem auch der für seinen Bauch be- 
sorgte Hauslehrer capitulirt und sich zur Partei des Stär- 
keren geschlagen, die freiheitdürstende Familie vor der 
Nase des conservativen Hausvaters nach der genufsreichen 
Hauptstadt Venedig entführt. Die Familienangelegenhei- 
ten werden in gangbaren politischen Phrasen besprochen; 
sprudelnder Witz, rascher und munterer Dialog, Angemes- 
senheit der Anspielungen sind die Vorzüge des Stückes; 
dagegen ermangelt es jeder ordentlich geführten Intrigue, 
und die aneinander gereihten Scenen werden mehr in der 
politischen Allegorie als in der eigentlichen Handlung zu- 
sammengehalten. Die meisten Tagesblätter haben das Stück 
mit Anerkennung besprochen; nur die Turiner Opinione 
liefs den „unverbesserlichen“ Dichter mit seinem „Gelegen- 
heitsstücke* hart an. Gegen diesen Einwurf antwortete 
der Crepuscolo, dals auch nach Abstreifung jeder politi- 
schen Anspielung dem Lustspiel noch immer der Erfolg 
gesichert bliebe; und der Annotatore friulano ') bemerkte, 
dafs jedes unsterbliche Werk seiner Zeit ein Gelegenheits- 
werk war, sich aber auf das ewig Wahre der menschlichen 
Gesellschaft und des menschlichen Herzens stützte. 

Von den Arbeiten des Jahres 1858 erhielt den ersten 
Turiner Preis Giacometti’s Judith?), den zweiten A. Mon- 
tignani’s Drama in 5 Akten Un matrimonio sotto alla re- 


1) Erschien in Udine, ging im August ein; der Redacteur Dr. Pacifico 
Valussi schreibt jetzt in Mailand die Leitartikel der Perseveranza. 

2) Teatro scelto di Paolo Giacometti. Mantova, Negretti; Milano, San- 
vito. Vol. I, disp. 8. 


406 Jahresberichte. 


publica, den dritten Ferrari’s Prosa‘). Ueber das erste 
und dritte ward schon voriges Jahr berichtet”); das zweite 
kam im December 1858 im Turiner Teatro Carignano zu- 
erst zur Aufführung, dann ging es im Januar 1859 mehre 
Male mit Beifall über die Bühne. Der Verfasser, ein nea- 
politanischer Flüchtling, schrieb es vor etlichen Jahren in 
England, und behandelt darin die französische Gresellschaft 
unter dem Directorium in den drei Färbungen, einer ari- 
stokratischen Marquise, eines feurigen Demokraten und ei- 
nes tugendhaften Bürgers der gemäfsigten Partei. — Fort- 
gesetzt wurden die Ausgaben der dramatischen Werke Fer- 
rari’s°®) und Giacometti’s in Mailand, sowie des spanischen 
Theaters in Turin *), und P. Maspero’s Teatro scelto di 
Racine in Florenz. — In der Rivista di Firenze (1859 p. 
39—50) ward eine metrische Uebersetzung des Faust von 
Anselmo Guerrieri in Aussicht gestellt, die, nach dem ge- 
lieferten Probestücke zu urtheilen, des Originals würdig 
sein wird. 

Weniger als das Theater konnte die erzählende Dich- 
tung ein aufmerksames Publikum finden, und mehr denn 
Ein bedeutendes, als unter der Presse angekündigtes Werk 
gelangte deshalb nicht an das Tageslicht. So gab Guer- 
razzi seinen versprochenen Pasquale Paoli nicht heraus; 
und seine Amelia Calani°) enthält nur Randglossen zur po- 
litischen Gegenwart, ohne eine eigentliche Erzählung. — 
Bersezio wob unter dem Titel: La carità del prossimo, sei- 
nen Roman Funesto errore in der Gazzetta Piemontese fort, 
einen heuchlerischen Menschenfreund an den Pranger stel- 
lend. — Brofferio’s meist auf Turin Bezug habende Auto- 
biographie ‘), die fortgesetzt wurde, fand in Biorci’s I miei 


A , Opere drammatiche di Paolo Ferrari. Milano, Sanvito. Vol II, 
sp. 1 

2) 8. Bd. I, p. 874 und 871. 

3) Vgl. Bd. I, p. 869, Anm. 8. 

.) Vgl. Bd. I, p. 876, Anm. 6. 

Amelia Calani, considerazioni sull’ educazione delle donne italiane 

di F. D. Guerrazzi 1859, 8°. Genova, Grondona; Firenze, Torelli. — Ueber- 
arbeitet in der Rivista Contemporanea XVII, 88 ff. 

©) I miei tempi, memorie di Angelo Brofferio. Vol. VII. Torino, 
Biancardi 1859. 


Italienische Literatur. 407 


iren!’ anni') ein gelobtes Seitenstück, das die mailänder 
literärischen, artistischen, geschichtlichen und politischen 
Erlebnisse des Verfassers darlegt. — Lodovico Ropolo, ein 
Offizier der am 30. Mai im Gefecht von Vinzaglio fiel, hat 
mit vieler Farbenfrische ein Liebesverhältnifs zwischen ei- 
nem offenherzigen Jüngling und einer verdorbenen Kokette 
geschildert). — Francesca Lutti sang in guten Octaven 
mit trefflicher Wahrheit von zwei Freundinnen, davon die 
eine, die Gefühlvolle, ihren Liebhaber an die andere, die 
Herzlose, verliert?). — Ihr Lehrer Andrea Maffei über- 
setzte in seiner glänzenden Weise Moore’s Feueranbeter*), 
wohl die beste Grabe des Jahres. — Riccardo Cerroni end- 
lich lieferte eine neue mit zärtlichem Fleilse ausgearbeitete 
Uebersetzung von Werthers Leiden °). 

Die Lyrik eröffnete das Jahr mit den üblichen Strenne. 
Die wichtigste gab der Paduaner Guglielmo Stefani, gegen- 
wärtig Director der Rivista Contemporanea, der anerkannt 
besten literarischen Zeitschrift Italiens, heraus. Er lud für 
sie‘) in den noch vor einem Jahrzehnt verschrieenen, jetzt 
wieder in Mode gekommenen Alexandrinern die Sänger zu 
Beiträgen ein, worunter die Ballade I marchesi d’Iorea von 
A. Peretti”), der einige Wochen früher als Obergymna- 
sialdirector in Ivrea starb, und G. Prati’s Le ispirazioni 
del Verbano Erwähnung verdienen. — Zu dem Besseren 
gehören ein Band Gedichte in mailändischer Mundart vom 
Schauspieler Giovanni Ventura®), der mit seiner Natür- 
lichkeit der Gedanken und Anmuth der Sprache in die 
Fufstapfen des unvergessenen Porta tritt, und ein Heft an- 


1) I miei trent’ anni, di Domenico Biorci. Torino, Botta, 1859. 

2) L’amore a vent’ anni, di Lodovico Ropolo. Ebendaselbst. 

3) Rosa e Stella, novella di Francesca Lutti. Verona, libreria della 
Minerva 1859. 

4) Gli adoratori del fuoco di T. Moore. Traduzione del cav. Andrea 
Maffei. Ebendaselbst. 

5) Florenz, bei Le Monnier. 

6) Sul Po. Strenna poetica pel 1859. Torino, Botta. | 

7) Von ihm erschien aufserdem: Le serate del villaggio. Racconti del 
dott. Antonio Peretti. 2° ed. Ivrea, Curbis, 1858; dann Gedichte unter dem 
Titel: Il Menestrello. Pinerolo, G. Chiantore, 1859. 

8) Poesie milanesi e italiane di Giovanni Ventura. Milano, 1859. 


408 Jahresberichte. 


spruchloser Feldblumen fürs Volk von Vincenzo de Li- | 


810"). — Eine versprechende Erstlingsarbeit sah man in 
Gralanti’s Carme ?) über das den Menschen erziehende Lei- 
den. Und eigentliche Form des Schmerzes ist in Italien 
der tönende. Vers: E vocale il dolor della mia terra, wie 
Revere am Schlusse eines seiner unübertrefflichen Sonette 
sagt. 

x In einen andern Kreis von Anschauungen und Ein- 
drücken führt der sicilianische Flüchtling G. Ricciardi mit 
seinem „Polimeter“ ®), das die Revolutionsjahre 1848-49 
mit mäfsiger Phantasie und unfertiger Form in Erinnerung 
bringt. Ansprechender sind die 1846—-48 geschriebenen 
vaterländischen Gedichte Goffredo Mameli’s*), der am 
6. Juli 1849 vor Rom im Kampfe gegen die Franzosen 
fiel. — Auf den der toscanischen Jugend ungünstigen Tag 
von Ourtatone hat eine Sammlung von Gedichten und pro- 
saischen Aufsätzen Bezug®). Wir haben hier mit Waffen 
zu thun, und Waffen sollte die Kritik nur herausputzen, 
nicht abstumpfen. Denselben Trauertag zu feiern war au- 
fserdem ein Band Gedichte °) bestimmt, der den klangvoll- 
sten Namen Toscanas führte, den Niccolini’s, des vorzüg- 
lichsten Repräsentanten der klassischen Schule. Er enthält 
aulser dem bereits 1845 veröffentlichten Canto: „Dante e 
Italia“ — zweifelsohne das Beste des Buches — eine von ei- 
nem Schüler des Dichters getroffene Auswahl aus den un- 
edirten und auf Italien bezüglichen politischen Gedichten 
desselben: zwei Canzoni libere und dreifsig Sonette, wel- 
che das Jahr 1848 und die zunächst darauf folgenden be- 
leuchten. Die gewandte Handhabung der Sprache, das 


") Fiori campestri, canti popolari di Vincenzo de Lisio. Napoli, tip. 
della Industria 1859. 

?) I dolore. Carme di F. V. Galanti. — Venezia, Cecchini 1859, 

?) Epopea biennale, polimetro di G. Ricciardi. Nizza 1859. — Von 
ihm erschienen auch: Drammi storici: La lega lombarda, Il vespro siciliano, 
Masaniello, La cacciata degli Austriaci da Genova. Parigi, Stassin et Xavier. 

4) Poesie di Goffredo Mameli. Tortona, Franchini 1859. 

5) Il XXIX maggio 1848. Raccolta di prose e poesie. Firenze, Ben- 
cini 1859. 

6) Poesie nazionali di G. B. Niccolini, pubblicate a profitto della guerra 
della indipendenza italiana, — Firenze, Cellini 1859. 


Italienische Literatur. 409 


gleichmäfsige Auf- und Abwogen des Rythmus, die klassi- 
schen hie und da wie von selbst sich einstellenden An- 
klänge gemahnen freilich, daß man das Werk einer Mei- 
sterhand vor sich hat. Doch nur den Abfall. Denn ab- 
gesehen davon, dafs die Muse mehr als einer Göttin zie- 
men dürfte, sich den Mund wäscht, sind die wenigsten der 
Sonette aus Kernholz geschnitten; der Gedanke bleibt häufig 
unklar und dessen Entwicklung der Ahnung des Lesers 
überlassen; wo man mindestens die gewaltige Kraft einer 
edlen Entrüstung gewärtigt, wird man unangenehm an ge- 
waltige Anstrengung des Greises erinnert, der gerne dra- 
stischer zürnen möchte als er kann. Taktvoll enthält sich 
der Anzeiger der Rivista Contemporanea aller Kritik über 
diese Gedichte; doch kann er nicht umhin zu bemerken, 
dafs nachdem der Verfasser wie ein Aar alle Höhen be- 
reits durchflogen, er nunmehr die herrlichen Fittige ein- 
zieht und auf hohem Fels in stolzer Einsamkeit ausruht. 
Aber nicht das achte Sonett, dessen zweite Quartine un- 
klar und die Terzinen abgedroschene banale Phrasen bie- 
ten, verdient eine Auszeichnung; eher das 21ste, welches 
gegen einige allzuheirathslustige Florentinerinnen gerichtet 
ist. Dieses war allerdings eines der derbsten und deshalb 
in der Rivista kaum als Muster abzudrucken; aber von 
den .oben angeführten Fehlern scheint es frei und bis zum 
letzten Verse sich gleich bleibend. Auch hat es die Ehre 
gehabt von Guerrazzi einen Commentar zu erhalten, da die- 
ser in seiner früher erwähnten Amelia erzählt, wie eine die- 
ser liebebrünstigen Damen, die ihrem fremdländischen Ehe- 
herrn nachlief, von ihm „wie ein vertretener Stiefel“ wegge- 
worfen wurde. — Die lebendige Gegenwart in einem 
Kaiser, einem König und zwei französischen Generälen zu 
besingen unternahm Ritter Giovanni von Prati'), in der 
Meinung, Tyrtaeus habe Aehnliches gepflogen. Menipp 
würde den Dichter Prati von Gozzi’s Weisheitsberge aus 

1) Montebello, canto di G: Prati. Torino, 22 giugno 1859. 15 S. 8°. 

Palestro, canto di G. Prati. Torino, 8 giugno 1859. 108. 8°. 


Napoleone III, canto di G. Prati. Torino 14 giugno 1859. 10 8. 8°. 
Sämmtlich bei Botta. 


410 Jahresberichte. 


nicht gerade so boch auf der Lebensleiter erblicken, als 
Prati selbst darauf zu stehen sich schmeichelt. Seinen 
nicht geringen Ruf verdankt er zunächst dem Talent die 
grofse Trommel zu schlagen, dann seinem vor etwa zwan- 
zig Jahren erschienenen epischen Gedichte Edmenegarda, 
einer Ehebruchsgeschichte in guten Sciolti. Eine frucht- 
bare Phantasie von keinen ernsten Studien gezügelt, viel 
Sinn für Harmonie obne einen geläuterten Geschmack ver- 
dammen ihn immer hohler zu werden, und sich zugleich 
immer mehr in sich selbst zu verlieben. Da er zur soge- 
nannten katholischen Schule gehört, so wimmeln seine Ge- 
dichte in dem Grade mehr an unpassenden biblischen Lap- 
pen, als sie weniger reellen Gehalt haben; und es unter- 
läuft dem Leser, sich fragen zu müssen, ob den Sieg von 
Palestro die christkatholischen Piemontesen oder die Kin- 
der Israels erfochten. Wo die Anwandlung dieser alber- 
nen Hebräismen und das linkische Tappen nach dem Gran- 
diosen ihn nicht beirrt, wo er einfach menschliche Gedan- 
ken in schöne Form einzukleiden sich fügt, da verdient 
seine Muse alle Anerkennung, und wenige können dann 
die liebenswürdige Nachlässigkeit oder den majestätischen 
Gang seiner Rythmen erreichen. Sein poetisches Vademe- 
cum, wovon ein Probestück im Juniheft der Rivista Contem- 
poranea erschien, gehört in den nächsten Jahresbericht. — 
In näherer Verwandtschaft zum Geiste Manzoni’s steht 
Giulio Carcano, und wie der Meister die Bewegung des 
Jahres 1821 indirect durch eine Ode auf Theodor Körner 
verherrlichte, so sang der unentartete Jünger in dem Tode 
Carl Albert’s die Auferstehung der zu Grabe getragenen 
Hoffnungen '). 

An nennenswerthen Uebersetzungen erhielten wir au- 
fser den bereits erwähnten zu Anfang des Jahres die Ae- 
neis in Ottava rima von Francesco Duca ?), die auch nach 
so vielen Vorläuferinnen als eine vorzüglich gelungene all- 


1) La morte di re Carlo Alberto, canto lirico di G. Carcano. Milano, 
Pirola, 1859. 


2) Milano, Bernardoni. 


Italienische Literatur. | 411 


gemein belobt wurde; in der zweiten Jahreshälfte von G. 
Strafforello eine Blumenlese aus germanischen auf Italien 
bezüglichen dichterischen Ergüssen, denen kurze, meist 
richtige, literar-biographische Notizen beigegeben sind !). 
Die Uebersetzung ist durchaus Strafforello’s Arbeit, und 
zwar in Prosa, auch da wo gute poetische Uebersetzungen 
zur Hand standen. — Aus dem Nachlasse Cereseto’s er- 
blickten endlich auch die erwarteten zehn letzten Gesänge 
des Messias?) das Licht. Die erste vollständige Ueber- 
tragung hatte Klopstock’s Freund, der Vicentiner Girolamo 
Zigno mit Nachhilfe des Verfassers geboten; eine zweite, 
mifslungene, lieferte ein halbes Jahrhundert später Jos. Pensa. 
Da jedoch keiner von beiden Geschmack abzugewinnen 
war, schickte sich Andrea Maffei, der grofse Verskünstler, 
dazu an, veröffentlichte aber bisher nur den zweiten Ge- 
sang und etliche Bruchstücke. Andere kamen nicht über 
den ersten hinaus; wieder andere sangen den Messias sich 
und den Musen nach. Die Uebersetzung des Barozzi in 
Octaven, die wir im vorigen Bericht verzeichneten °), um- 
fafst die ersten zehn Gesänge. „Wer wird nicht Klop- 
stock loben?“ Doch läfst sich zweifeln, ob eine italienische 
Messiade so viel Uebersetzungen ins Deutsche würde er- 
fahren haben. 


Im Gebiete der Philologie lieferte Manuzzi, trotz der 
ungünstigen Zeitläufte, die zwei ersten Buchstaben seines 
Vocabolario. Von Gioberti erschien ein Band Miscella- 
neen, von Giusti der Briefwechsel, der von allen Sprach- 
kennern freudigst begrüfst wurde. — Romanin setzte seine 
venezianische Geschichte bis zum Jahre 1763 fort, die trotz 
ihres kritischen Ingrediens ebenso allgemein gelesen wird 


1) L’Italia nei canti dei poeti stranieri contemporanei tradotti da Gu- 
stavo Strafforello e corredati di biografie. Torino, Unione tip.-ed. 1859. 


2) 1 Messia, poema di F. A. Klopstock, versione di G. B. Cereseto. 
2. ed. (die erste erschien 1858) Vol. I’. Torino, Unione tip.-ed. 1858. — 
Vol. Il°. Prima edizione 1858. (Doch auf dem Umschlage steht die wahre 
Jahresangabe 1859; der Band schliefst mit einer Biographie Cereseto’s). 


s) 8. Bd.I, p. 885, Anm. 2. 


412 Jabresberichte. 


als Vannucci’s ') älteste und Farini’s?) neueste Geschichte 
Italiens. 

Am 10. Jänner starb zu Bologna die Florentinerin Te- 
resa Malvezzi-Carniani, Uebersetzerin aus dem Lateinischen 
und Englischen, bekannt durch das Epos in Sciolti, Cacciata 
del tiranno Gualtieri di Firenze; am 24. dıe Dichterin Mas- 
simina Rosellini- Fantastici°), ebenfalls aus Florenz; am 
8. März Giacinto Carena, Verfasser des trefflichen Voca- 
bolario d’arti e mestieri u. a. philologischer Werke. 

Padua, am 3. Juni 1860. Justus Grion. 


IV. 
Die spanische Nationalliteratur in den Jahren 1858 und 1859. 


Aufserordentlich grofs würde die Aufgabe sein, unsre 
Leser mit all den Productionen bekannt zu machen, welche 
in den beiden letzten Jahren in Spanien erschienen sind. 
Die geistige Entwicklung dieses Landes, in unzweideutiger 
Weise festgestellt und bezeichnet durch den Fortschritt in 
allen Zweigen der Civilisation, die nach einer drückenden 
Lethargie allseitig ihre alte Thätigkeit und Kraft wieder 
gewinnt, nimmt in Wahrheit tiefes Nachdenken und Stu- 
dium in Anspruch, denn immer sind in der Geschichte der 
Literatur die Momente der Wiederherstellung und Erho- 
lung von Wichtigkeit, wo die grofsen Nationen, die frü- 
here Trägheit abschüttelnd, vertrauensvoll ihren Blick auf 
die Vergangenheit richten, um durch die mächtigen Erin- 
nerungen ihrer Gröfse das Leben der Gegenwart zu be- 
fruchten, und darin für die Zukunft das Unterpfand eines 
neuen und glänzenderen Ruhms zu finden. — Spanien, mo- 


1) Storia d'Italia dall’ origine di Roma sino alla conquista longobarda 
del prof. Atto Vannucci. Vol. IV. Firenze. Poligrafia Italiana 1859. 

2) L. C. Farini, Storia d'Italia dal!’ anno 1814 fino ai nostri giorni. 
Vol. II. Tor. 1859. 

8) Es erschien von ihr 1859: Commedie per la puerizia. Parma, Fiac- 
cadori. Sie bilden den 74. Band der Enciclopedia moderna scientifico-eru- 
dita. — Dialoghi e racconti pei fanciulli. Ebendaselbst. 


Spanische Literatur. 413 


ralisch und politisch erniedrigt durch eine Theokratie, wel- 
che den Gebrauch der Vernunft und des Geistes für ge- 
fährlich erachtete, schon den mäfsigen Genufs der Freiheit 
des Gedankens ein „Ungeheuer von Toleranz“ (monstruo de 
tolerancia) nannte; Spanien gibt, nachdem es dieses Joch 
zerbrochen, von neuem Beweise seiner Fruchtbarkeit auf 
dem weiten und blüthenreichen Felde der Literatur — ein 
Schauspiel, dem wir mit Freude seit den ersten Tagen des 
zweiten Drittels unseres Jahrhunderts zusehen; und in Mit- 
ten der grofsen Bedrängnisse, in welche es einerseits der 
überlebte Groll alter und schon hinfälliger Factionen, an- 
drerseits die ungeduldigen und übertriebenen Ansprüche 
neuer und ehrgeiziger Parteien versetzt haben, beweist un- 
ser Land kühn den Willen, zu sein was es früher war, 
und verdient demnach die Beachtung, wenn nicht schon 
den Beifall der übrigen civilisirten Völker. 

Nicht wenige Lorbeeren haben seine geistigen Grölsen 
errungen, indem sie mit ungewöhnlichem Glück die Sphären 
der Wissenschaft und Literatur durchliefen; und nicht min- 
der wurde der Tempel der Künste besucht. In der Phi- 
losophie und Geschichte, in der literarischen Kritik und 
Bibliographie, in der Poesie und Beredtsamkeit, mit einem 
Wort in allen Zweigen und Gattungen, die das grofse 
Reich der Humanitäts-Wissenschaften und der schönen Li- 
teratur ausmachen, sind während der angezeigten Periode 
sehr beachtenswerthe Arbeiten erschienen, welche eine wahre 
Wiedergeburt anzeigen, dem Aerger beschränkter und äu- 
fserlich unbefriedigter Geister zum Trotz, für die ein jeder 
Fortschritt der Wissenschaften eine Gefahr ist und eine 
jede Eroberung der Vernunft ein Scandal. Dennoch ist 
zu bemerken, dafs in dieser selben Periode einige Mo- 
mente des Widerwillens oder der Ermüdung, der Unent- 
schiedenheit oder des Zweifels bezeichnet werden können, 
Dank dem hartnäckigen Streben jener selben Geister, den 
natürlichen Lauf der Bewegung zu hemmen, sowie in Folge 
der Unruhe und Unerfahrenheit der noch nicht wohl geschul- 
ten Paladins der neuen Ideen. Es ist dies der Grund ge- 
wesen, dals Männer, die sich mehr der mercantilen als der 


414 Jahresberichte. 


wissenschaftlichen Speculation hingaben, in das Reich der 
Literatur eindrangen um zu plündern, und das Land mit 
Uebersetzungen, von sehr wenigen annehmbaren abgesehen, 
meist sehr roher Art, überschwemmten, durch welche ver- 
mittelst des Interesses das aus der Neuheit entspringt, nicht 
wenig Gift in Spanien eingedrungen ist und noch eindringt, 
welches das Nationalgefühl irreführt und im Allgemeinen 
den Geschmack der Menge verdirbt. Aber die Gerech- 
tigkeit fordert anzuerkennen, . dafs trotz dieser nicht gerin- 
gen Hindernisse, trotz der inneren Kämpfe, welche das per- 
sönliche Loos der Pfleger der Wissenschaft und der Kunst 
gefährdeten, wie nicht minder zu wiederholten Malen das 
des Staates, die mit so hohen Hoffnungen begonnene Be- 
wegung ihren Lauf glücklich verfolgt; und täglich werden 
ihre Früchte geärntet, wie es ganz offenbar die grofse Zahl 
und die Bedeutung der Productionen zeigt, die in den bei- 
den letzten Jahren im Druck erschienen sind. 

Eben diese Fülle verbietet uns sowohl vollkommene 
Rechenschaft von den hervorragendsten zu geben, als alle 
Werke zu erwähnen, die in verschiednem Sinne die öffent- 
liche Aufmerksamkeit auf sich zogen; und indem wir uns 
auf eine kurze Uebersicht beschränken, hegen wir noch 
immer die Furcht, dem gegenwärtigen Berichte eine zu 
grofse Ausdehnung zu geben. Bemerkenswerth ist fürwahr 
dafs aufser den Romanen, welche jene leichte, bei dem ge- 
wöhnlichen Publikum aller Nationen so beliebte Literatur 
bilden, und die in der Regel schon mit dem Merkmale 
eines frühzeitigen Todes geboren werden, den meisten 
Raum die historischen Werke einnehmen. Diese eigen- 
thümliche Bevorzugung, welche, nicht ohne das Nachden- 
ken des Philosophen zu erregen, mit dem von den Malern 
bekundeten edlen Streben zusammenfällt, zu der National 
geschichte ihre Zuflucht zu nehmen, um in gleicher Ab- 
sicht ihre schöne Kunst wieder herzustellen; diese Bevor- 
zugung hat ein so umfängliches Verzeichnifs von Büchern 
hervorgerufen, dafs seine Einrückung allein genügen würde 
lange Seiten zu füllen. Besagte Studien haben nun von 
den weitesten Regionen der Weltgeschichte bis zu den 


Spanische Literatur. 415 


eschränktesten der Denkwürdigkeiten und der Biographie 
ich ausgedehnt; und eine allgemeine Eigenschaft glänzt 
ı allen diesen Werken: der gleiche Geist der Forschung, 
a die, welche nach dem schwer zu erreichenden Lorbeer 
es Historikers streben, sich schon nicht damit befriedigen, 
nfach der Autorität ihrer Vorgänger auf demselben Ge- 
iete, zu folgen. 

Drei Bände einer Universalgeschichte sind in den letz- 
n Jahren aus den Pressen des Verlegers Mellado her- 
rgegangen, die wir der Feder des D. Salvador Con- 
anzo verdanken, eines thätigen und fleifsigen Sicilianers, 
r nicht ohne Glück seit einiger Zeit die spanische Lite- 
tar cultivirt. In allen Theilen bekundet Constanzo eine 


chtige Grelehrsamkeit, indem er keinerlei Untersuchung, _ 


ch irgend eine Anstrengung sich zu der Höhe der phi- 
jophischen Geschichtschreibung zu erheben, unterlälst. 
brigens ist er noch immer nicht über die alte Geschichte 
ausgekommen; und wir wundern uns nicht darüber, denn 
Geographie, die Chronologie, die vergleichende Geo- 
phie und die Archäologie haben ihn zu sehr interessan- 
Arbeiten veranlafst, welche den historischen Apparat 
ıes Werks bilden, und ebenso wenig sind die Künste 
| Literatur vergessen worden. Sein Buch gewinnt aus 
en Gründen mit jedem Tage gröfsere Wichtigkeit. In 
reff des Stils und der Sprache ist zu bemerken, dafs 
Constanzo fast alle Schwierigkeiten, welche die Frem- 
bei dem Gebrauch der castilischen Sprache finden, 
t ohne Mühe, zu überwinden gewufst hat; sein Stil ist 
;t einfach, zuweilen blühend, fast immer aber dem Ge- 
tand entsprechend, seine Sprache, wenn nicht so ganz 
, als zu wünschen, doch correct und natürlich, so dafs 
das Buch mit Interesse und angenehm liest. 
Nicht minder beachtenswerth sind die Discursos so- 
los primeros cinco siglos del Christianismo, welche 
imilio Castelar y Ripoll in dem Ateneo von Madrid 
lten hat. Beredt wie wenige, fleilsig wie die meisten, 
sich beim Aufbauen neuer historischer Theorien nicht 
nsichtig, als er es in einem reiferen Alter sein würde, 


416 Jahresberichte. 


hat Hr. Castelar viele Abende des vergangenen Winters 
die öffentliche Aufmerksamkeit der Residenz gefesselt, in- 
dem er den ungewöhnlichen Erfolg erreichte, in wenigen 
Monaten seine Ausgabe der Discursos vergriffen zu sehen. 
Dieser ausgezeichnete Professor (der Geschichte von Spa- 
nien) entwirft in ihnen grofsartige und durch ein lebendi- 
ges und glänzendes Colorit belebte Bilder; er ist bemüht 
die Wirkung der christlichen Lehre in einem neuen Lichte 
zu zeigen, indem er ihren idealen Einflufs auf das Loos 
der Menschheit in den mannichfachsten Beziehungen gel- 
tend macht. Hier zeigt sich der Philosoph. Trotzdem ist 
sein Buch von einer vorgefalsten Idee inspirirt; und ob- 
wohl dies jedes Kunstwerk verlangt, so kann doch der Ein- 
flufs und die Herrschaft derselben leicht die historischen Spe- 
culationen irreführen, und den Geist des Historikers fesseln; 
und das ist in den Discursen Castelar’s der Fall. Die 
demokratische Idee beherrscht ıhn; aber indem sie immer 
mit der Natur der Ereignisse im Streit ist und sehr häufig 
mit der eigenen Vernunft in Zwiespalt geräth, tritt hinter 
den Strömen der Beredtsamkeit, in welche er das Glück 
hat seine Ideen und Gedanken zu hüllen, doch der mühe- 
volle Kampf des Geistes hervor. Auch als Redner läuft 
Castelar eine grolse Gefahr; Wortfülle und Reichthum be- 
sitzend, wahrhaft beredt, liebt er nur zu sehr den Glanz 
der Form, und sein Redeprunk streift oft an den Schwaulst; 
seine Freunde und die einigen Antheil an seiner literari- 
schen Ausbildung gehabt haben, wie wir selbst, beklagen, 
ihn an einem solchen Abhange zu sehen. 

Die Nationalgeschichte ist durch neue vier Bände der 
Allgememen Geschichte Spaniens von dem Akademiker 
D. Modesto Lafuente (TT. XIX, XX, XXI, XXII), berei- 
chert worden. Er begreift in ihnen die Jahre 1724—1807; 
und wenn er schon bei der Entwerfung der Erzählung von 
den Ereignissen des Alterthums und noch mehr der mitt- 
leren Zeiten ungeheure Schwierigkeiten besiegte; wenn er 
massenhafte Hindernisse überwand, um in einen einzigen 
Rahmen die mannichfachen und großen Erfolge zusammen- 
zufassen, welche Spaniens Heer und Politik, triumphirend 


Spanische Literatur. 417 


md die Geschicke der alten wie der neuen Welt beein- 
nssend, aufweisen; wenn er ferner mit keinen geringen 
Ichwierigkeiten kämpfte als er das Bild des traurigen Ver- 
ls jener grofsen Monarchie, in der die Sonne nie unter- 
ing, entwarf: so hatte er nicht weniger zu überwinden 
ıd zu besiegen bei der Geschichte der angezeigten Pe- 
ode, die zwar kurz in Betreff der Zeit, aber grofs in 
üeksicht ihrer Wichtigkeit für den gegenwärtigen Zustand 
r spanischen Nation ist. In den genannten Bänden wird 
r zweite Theil der Regierung Philipps V. sowie die 
nze Ferdinands VI, ferner die an grofsen Erfolgen und 
formen s0 fruchtbare Regierung Karls IIL, und endlich 
. schon sinkende und theilweise verderbliche Karls IV. 
ıandelt, das ist also, fast die ganze Geschichte der heute 
ierenden Bourbon’schen Dynastie bis zu der grofsen 
oche des Unabhängigkeitskrieges, der ersten Aufrütte- 
z des alten nationalen Geistes und dem ersten Zeichen 
s neuen Lebens, nach welchem die Nation, ihrer ruhm- 
en und Jahrhunderte alten Institutionen sich erinnernd, 
angte. Grewandtheit, gesundes Urtbeil und richtige 
ik fehlten Herrn Lafuente nicht, um so grofse und 
rierige Aufgaben zu übernehmen. Wünschenswerth 
: zuweilen eine gröfsere Energie und Entschiedenheit, 
ein gröfserer Scharfblick bei der Behandlung gewisser 
‚en gewesen, auch, wenn man so sagen darf, eine grö- 
Freiheit des Geistes. Trotzdem kann und darf man 
chern, dafs auch in den seit Anfang 1858 erschiene- 
Bänden die Historia general de Espana — fern davon 
rer verdienstlich zu sein — dieselben Vorzüge, welche 
Verth der früheren Theile ausmachen, aufweist (indem 
igleick den mehr populären als gelehrten Charakter, 
ie von Beginn ab zeigte, bewahrt); auch dafs wenn 
rzählung nicht immer als vollendetes Muster ange- 
werden kann, sie doch stets leicht, geziemend und 
> gehalten und an Schönheiten des Stils und der 
he reich ist. 

liesem Werke zur Seite verdient, wenn nicht ihrer 
bnung, wenigstens ihrer anerkannten Wichtigkeit we- 


28 


418 Jahresberichte. 


gen, die Geschichte der spanischen Kirche (Historia de la | 
Iglesia española 2 Bde 4°) von dem Professor der Cen- 
traluniversität, D. Vicente de Lafuente, gesetzt zu werden. 
Dieser Gelehrte, betraut mit dem Unterricht in der allge | 
meinen Kirchenlehre und der spanischen insbesondere, hat 
ohne Zweifel gedacht, seine hinlänglich gerechtfertigte An- | 
stellung als Professor durch das angezeigte Werk zu legi- 
timiren; nach dem Muster eines Burriel und Florez gebil- 
det, hat er die gelehrten Arbeiten dieser ausgezeichneten 
Männer nicht aus den Augen gelassen, während sein Buch 
zugleich zeigt, dafs er mit den kirchlichen Alterthümern 
der Halbinsel sehr vertraut ist. Seine Kritik, lieber in das 
Einzelne sich vertiefend, als zu hochfliegenden Syntesen 
geneigt, hat mit Gewandtheit und Sicherheit viele und sehr 
zweifelhafte Punkte, sowohl in Betreff der Ueberlieferung, 
als der Liturgie, ergründet: trotz ihrer Wissenschaftlich- 
keit aber sind seine Ansichten nicht von Allen, die mit 
dieser Gattung von Studien vertraut zu sein glauben, an- 
genommen; denn sowohl durch die Nöthigung der That- 
sachen als durch die Liebe zur Wahrheit bewogen, sich 
zwischen die beiden entgegengesetzten Parteien zu stellen, 
welche die Herrschaft auf diesem schwierigen Felde sich 
streitig machen, hat er weder die Ultramontanen befrie- 
digt, die ihn als verdächtig betrachten, noch den Rega- 
listas genügt, die als lau und unentschieden seine An- 
sichten tadeln. Seine Begabung als Erzähler entspricht 
nicht seiner Tüchtigkeit als Gelehrter; sein Stil gleicht 
zumeist dem was die Geschichte dem controversirenden und 
dissentirenden Stile des Florez und der Nachfolger dessel- 
ben einräumt, und seine Diction ist mehr alltäglich als 
einfach. 

Die Particulargeschichte hat in einer doppelten Rich- 
tung Behandlung gefunden: die einen Historiker haben dem 
localen Ruhm gehuldigt, die andern haben ihr Augenmerk 
auf die Thaten irgend eines Helden gerichtet. Unter den 
ersteren verdienen besondre Erwähnung D. Adolfo de Ca- 
stro, Verfasser einer „Geschichte von Cadiz und seiner 
Provinz“ (Historia de Cadis y su provincia) und D. Fer- 


Spanische Literatur. 419 


nando Guillamas y Galiano, der eine Geschichte von San- 
lcar de Barrameda herausgab. Mit historischen Forschun- 
gen vertraut, weils Castro seine Arbeit, welche noch im- 
mer fortgesetzt wird, mehr interessant zu machen, obgleich 
seine Autorität durch seine literarischen Antecedentien et- 
was gelitten hat. Auch können nicht ohne Widerspruch 
die Schlüsse, die er aus positiven Thatsachen und Docu- 
nenten zieht, angenommen werden; hierin erscheint Gui- 
lamas zurückhaltender und umsichtiger, obschon er, von 
lieser Vorsicht beberrscht, viele und gar wichtige Pro- 
leme zu lösen übrig läfst. Castro überflügelt ihn auch 
a der Begabung als Schriftsteller, denn sein Stil ist, wenn 
uch nicht so gefeilt und zierlich als er mitunter wünscht, 
och frisch und keineswegs farblos, und seine Sprache flie- 
end und leicht, obgleich sie öfters an wenig verständigen 
rchaismen leidet, Folge einer zwar sehr ausgedehnten, 
er mehr übereïlten, als nüchtern und reiflich überlegten 
ectüre. Gruillamas, weniger in der Kunst zu schreiben 
übt, weniger erfahren in der Kenntnifs der Sprache, ver- 
(st nicht, dafs er seine ersten Proben auf diesem Felde 
legt !). 

Dasselbe können wir von Einigen, welche die Biogra- 


1) Auch die Kriegsgeschichte Spaniens hat beträchtliche Fortschritte 
acht. Der ausgezeichnete Akademiker, Graf von Clonard, setzt unter 

Beifall der Kenner seine „Geschichte der spanischen Infanterie “ fort, 
unermefsliches Repertorium grofser Leistungen und Heldenthaten, welches 
Ansehn und den allgemeinen Ruf jener castilischen Regimenter, die einst 
Schrecken Europas waren, und deren ererbte Ehre die modernen spani- 
n aufrecht halten, rechtfertigt. Ferner fährt fort zu erscheinen „Die Ge- 
hte der königl. Marine Spaniens“, ein mehr pittoreskes als wissenschaft- 
s Buch, dem als Ergänzung zu dienen scheint: „Die königl. span. Ma- 
am Ende des 18. und im Anfang des 19. Jahrh.“, von dem fleifsigen See- 
1, D. J. Lasso de la Vega, den ein wahrer und erleuchteter Forschergeist 
lt, wodurch er eine ausgezeichnete Stelle unter den Offizieren unserer 
e einnimmt. Auch die Publication des „Atlas der berühmtesten alten 
neuen Schlachten“ von D. E. Perez de Castro hat keine Unterbrechung 
on, ein Werk, welches etwas die Grenzen der Nationalgeschichte tber- 
itend , mit zahlreichen topographischen Zeichnungen, Waffen, Kriegsma- 
en u. 8. w. bereichert, erscheint. Endlich ist noch eine interessante, Hi- 
che Uebersicht des Kriegs im Süden der Philippinen“ (Reseña hist. d.1. g. 
r de Filipinas) erschienen, welchen Krieg die span. Waffen seit der Er- 
ng jenes Archipels bis auf unsre Tage geführt haben; der Verfasser ist 


28” 


ıtelligente Ingenieuroffizier D. E. Bernaldez. . 


420 Jabresberiohte. 


phie cultivirt haben, sagen. An ihrer Spitze steht ohne 
Zweifel der Akademiker Marques von Miraflores mit sei- 
nem Leben des D. Sancho Dävila; an ihn reiht sich mit 
dem Leben des Grafen Pedro Navarro der bereits ver- 
storbene D. Martin de los Heros, welcher auch Mitglied 
der königl. Akademie der Geschichte war. Der erstere, 
einem aristokratischen Antriebe folgend, obschon einem ho- 
hen und edlen, suchte sich unter seinen Vorfahren jenen 
würdigen Ritter aus, welcher die triumphirenden Waffen 
Castiliens befehligend in dem 16. Jahrhundert sich den Eh- 
rennamen Kriegsblitz (Rayo de la guerra) erwarb; der an- 
dre Historiker, von seiner volksthümlichen Gesinnung be- 
herrscht, erkor unter den Schülern des Großen Feldherrn 
den Mann, welcher, unter geringem Dache geboren, sich 
zum Soldaten und Feldhauptmann in der Schule Calabriens 
bildete, und hernach die Regimenter des Cisneros bei der 
Eroberung Orans befehligend und mehrmals als erfahrener 
und tapferer Offizier in Tripolis und Bujia sich auszeich- 
nend, zum höchsten militärischen Rang aufstieg und seine 
Stirn mit der Grafenkrone schmückte. Beide Akademiker 
sind für ihren Helden begeistert, und haben sich bemüht 
ein jeder auf verschiednem Wege den seinen zu erhöhen, 
indem die verschiednen Bestrebungen, die aus der socialen 
Stellung und dem eignen Charakter erwuchsen, auf die 
literarische Form sich übertrugen, worin sie ihre Geschichte 
kleideten: beide neigen sich zum Panegyricus; der Marques 
von Miraflores ringt zwar danach, seiner Erzählung und 
Ausdrucksweise eine gewisse Glätte zu geben, aber weil 
letztere ins Uebertriebene geht, nimmt sie ihr den Charak- 
ter der Ursprünglichkeit, Kraft und Farbe; D. Martin 
de los Heros hingegen ist damit zufrieden, ein schlichter Be- 
richterstatter zu sein, kümmert sich grölstentheils um die 
Verhältnisse seines Buches nicht, läfst die Zierlichkeit, An- 
muth und Harmonie des Stils aufser Acht, und beraubt die 
Sprache jener Lichter und Schattirungen, die ihr erst Le- 
ben und Bewegung verleihen, während er den Ausdruck 
unter einer Wucht von fast immer unharmonischen Perio- 
den erstickt. Wer ihre Bücher, ohne sie selbst zu ken- 


nn A 


Spanische Literatur. 431 


nen, liese und wäre in literarischen Dingen nicht unerfah- 
ren, würde ohne Zögern sagen, dafs beide erst spät nach 
jenem frühen Alter, wo der Geschmack sich durch das 
Studiam und die wiederholte Analyse der Klassiker bildet, 
die Literatur zu cultiviren begonnen haben. 

Und noch mehr springt dies in die Augen, wenn wir 
die Biographie des spanischen Astronomen D. Jose Joaquin 
Ferrer y Cafranga von dem Akademiker D. Antonio Al- 
calé Galiano vergleichen. Weder die Wichtigkeit noch 
die Natur des Gregenstandes unterstützen hier wie in dem 
Leben Dävila’s oder Navarro’s die würdige und interes- 
jante Geeschichtserzählung; und dennoch, während der Mar- 
ques von Miraflores in dem Leser durch seine abgezirkelte 
nd etwas exotische Ausdrucksweise eine gewisse Ermü- 
lung hervorruft, während Heros ihn durch eine nicht wohl 
eordnete Fülle abspannt: verführt und beherrscht ihn Al- 
ala Galiano durch den Zauber eines immer blühenden und 
llen Stils, ja reifst ihn mit sich fort durch seine abgerunde- 
n, nachdrucksvollen und prächtigen Perioden, die es noch 
ehr thun würden, wenn man nicht entdeckte, dafs sie alle 

Einer Form gegossen sind. 

Der mächtige Aufschwung der Geschichtswissenschaft 
kundet sich ferner in einer Reihe von Denkschriften, die 
s römische Alterthum Spaniens betreffen; dann in dem 
nz neuen Leben, zu welchem die Archäologie überhaupt 
Spanien erwacht ist, indem sie, wie man mit Stolz sa- 
ı darf, in unsern Tagen ihr Reich über sehr weite, bis- 
- kaum cultivirte Regionen ausgedehnt hat'). Auch hat 


1) Von den Denkschriften (Memorias) sei zuerst erwähnt: sobre la guerra 
los Romanos hicieron en Asturia, von D. Elias Tuñon; dann: sobre la 
da de los Romanos, von D. Rafael Atienza y Huertos, welcher Munda 
der Stadt Ronda eins sein läfst — während zu gleicher Zeit die Akademie 
ı aufserordentlichen Preis darauf gesetzt hatte, die Lage des Baetischen 
ia mit unwiderleglichen Beweisen festzustellen. Diesen Preis gewannen 
junge Münner, die Brüder D. Manuel und D. José Oliver, welche die 
imer Atienza’s und Andrer nachwiesen. Ferner wurde von der königl. 
emie der Geschichte auch ein Memoire des Prof. D. Manuel de Géngora 
-e la ciudad de Castulo y sus aledañas“ gekrönt, in welchem die Lage 
r in den punischen Kriegen so wichtigen Stadt, sowie der benachbarten 
für immer festgestellt wurde. Dies gelang dem Verf. in Folge von sehr 


423 Jahresberichte. 


die Geschichte, als wenn der Stoff, den die Halbinsel selbst 
gewährt, nicht ausreichte, in deren Beziehungen zu den 
übrigen Völkern, und auch aufserhalb solcher, neue Gele- 
genheiten sich zu zeigen gesucht '). Endlich hat sogar die 
historische Bibliographie in den beiden letzten Jahren eine 
aufserordentliche Pflege gefunden ?), 


.—— 


glücklichen Ausgrabungen, sehr genauen Aufnahmen des Terrains, und einer 
von gesunder Kritik geleiteten Prüfung der entdeckten Denkmale. — Für 
den Aufschwung der Archäologie liefern den offenbaren Beweis die folgenden 
Werke: El Museo de Madrid y las joyas de la Pintura, eine mit allgemei- 
nem Beifall von dem Akademiker D. Pedro de Madrazo geleitete Publication; 
die Iconografia española von dem Akademiker D Valentin Carderera; Los 
templos de Espana, unter den Auspicien des Episcopats publicirt; ARecuerdos 
y bellezas de Espana, herausgegeben von D. Ant. Parceriza; und die Historia 
descriptiva y artistica del Escorial von D. Ant. Rotondo. Aber was am be- 
sten den Stand dieser Studien zeigt, und die spanische Nation wie ihre Re- 
gierung wahrhaft ehrt, ist die prächtige, königliche Publication der Mons- 
mentos arquitectönicos de Espana, ein kolossales Werk in jeder Beziehung, 
das von dem Finanzministerium einer Commission der ausgezeichnetsten Ar- 
chitekten und Archäologen anvertraut ist. 


(In diese und die beiden folgenden Anmerkungen haben wir mit unwe- 
sentlichen Kürzungen verweisen müssen, was der Hr. Verf. in den Text selbst 
noch eingefügt hatte; lägen die hier besprochenen Publicationen auch nicht 
dem Programme der Jahresberichte, die nur der „Nationalliteratur“ d. h. der 
Literatur im engern Sinne, gewidmet sein sollen, zu fern — so sehr inter- 
essant auch an sich ihre Mittheilung ist — so würde uns schon die Rück- 
sicht auf unsern beschränkten Raum dazu genöthigt haben. 

Anm. des Herausg.) 


!) In ersterer Beziehung sind zu erwähnen: die Historia critica de las 
negociaciones de Espana con Roma von D. Jose Castillo y Ayensa, ein Buch 
welches, wenn es nicht vom Unwillen (enojo) eingegeben wäre, volles Lob 
verdiente; die Historia de los tratados, convenios y declaraciones de comercio 
entre Espana y las demas potencias von D. Eustaquio Toledano, Prof. in 
Madrid; der Bosquejo histérico de la politica de España desde los tiempos 
de los Reyes catölicos hasta nuestros dias von D. Fr. Martinez de la Rosa; 
die Historia de los tratados, convenios y declaraciones de paz:y de comercio 
hechos por los Reyes de España con los estrangeros von D. Alessandro del 
Cautillo. — Ferner: die Historia constitucional de Inglaterra von D. Patricio 
de la Escosura, von der nur zu bedauern ist, dafs sie ganz in einer auf die 
Gegenwart berechneten politischen Tendenz geschrieben ist; und das Werk: 
Derecho constitucional de las repüblicas Americanas von dem Prof. der Cen- 
traluniv. D. Manuel Colmeiro, welchem schon sein Derecho politico espanol 
einen Sitz in der Akademie der Geschichte verschaffte. Innerhalb der Sphäre 
der Künste sei noch erwähnt das treffliche Buch Italia, eine Frucht der Beob- 

achtung und specieller Studien des Hrn. D. Franc. Pacheco. 


3) Von der Nationalbibliothek haben Preise erhalten: das Diccionario 
bibliogräfico histörico de los antiguos reinos, provincias, ciudades, villas, igle- 
. sias y santuarios de España von D. Tomas Muñoz y Romero, und Memoria 
descriptiva de los cödices conservados en los archivos eclesiästicos de Espana 
von D. José Maria Eguren. 


Spanische Literatur. 423 


Zu einem grofsen Theil ist der erleuchteten Körper- 
chaft, der königl. Akademie der Geschichte, diese unge- 
röhnliche Bewegung der Studien zu danken, wie es reich- 
ch bezeugt der erste Theil ihrer Discursos leidos en las 
esiones püblicas que para dar posesion de plazas de nü- 
kro ha celebrado desde 1852, ein Band der 1858 erschie- 
en ist. Rücksichten der Schicklichkeit hindern uns in 
ne Prüfung dieses Buches einzugehn, da unter jenen Dis- 
ırsen einige von unsrer eignen bescheidnen Autorschaft 
ad; doch wollen wir nicht die Bemerkung unterdrücken, 
fs diese feierlichen Sitzungen ungemein den Eifer der 
elehrten angeregt haben; auch haben sie, indem durch 
> neuen Doctrinen das Feld der historischen Speculatio- 
a sich ausdehnte, dazu beigetragen ihnen grôfsern Auf- 
ıwung und Tiefe zu geben, wie es die Fortschritte der 
itik und der Philosophie verlangten. 

Indem wir dieses Wort aussprechen, können wir nicht 
hin zu erwähnen, dafs wenn diese Wissenschaft nicht 
e ebenso entschiedene Pflege als die Geschichte aus nahe 
'enden Gründen gefunden, sie doch nicht unterlassen 
einige vortreffliche Bücher hervorzubringen. Dies sind 
klich die Philosophie des Rechts (Filosofa del Derecho), 
susgegeben von dem Decan der philosophischen Facul- 
von Habana; der Tratado de la razson humana con 
cacion de la präctica del Foro, ein Versuch des ge- 
ten Professors D. Pedro Mata; die Aesthetik (Esthética) 
Dr. Isaac Nuüez de Arenas; und vor Allem die Ana- 
che Philosophie (Filosofia analitica) des Professors der 
shichte der Philosophie der Centraluniversität, D. Ju- 
Sanz del Rio. Es ist selbstverständlich, dafs die Prü- 
irgend eines dieser Werke viele Seiten verlangen würde: 
bemerken daher nur in Betreff’ der Analytischen Phi- 
)hie, als eines mehr fundamentalen, und mehr in einer 
mmten Absicht behandelten Werkes, dafs es in der 
stsache eine Exposition des ersten Theils des philoso- 
hen Systems von Friedrich Krause ist, dessen Doctrin 
gewisse Bedeutung und Autorität bei den Spaniern 
gt hat, Dank den Anstrengungen desselben Sanz del 


434 Jahresberichte. 


Rio, Anstrengungen welche das aufrichtige Lob einiger 
berühmten Franzosen unterstützt hat, die derselben Rich- 
tung angehören, welche bereits eine Schule sowohl in Deutsch- 
land als in Frankreich gegründet hat. Das Werk von Sanz 
del Rio ist einer aufmerksamen Prüfung und eines sorgfäl- 
tigen Studiums würdig, da es seinem Titel gemäfs die 
Grundzüge und erste Entwicklung des genannten philoso- 
phischen Systems enthält und umfalst. 

Auch an poetischen Werken sind die beiden verflos- 
senen Jahre nicht unfruchtbar gewesen. Den mit Beifall 
aufgenommenen Productionen des Marques de Molins, wel- 
ehe in den letzten Monaten d. J. 1857 dem Druck über- 
geben wurden, folgten 1858 und 1859 die Poesien (Poe- 
sias) des Akademikers D. Manuel Caüete sowie die von 
D. Juan Valera, D. Francisco Vila y Goiri und D. Manuel 
Fernandez y Gonzalez; ferner die Gedichte des jungen 
Sevillaners D. Narciso Campillo, die welche unter dem Titel 
La Cueva de Infiesto D. Luis Cortes y Lueña herausge- 
geben, ein Romancero des D. Enrique del Castillo y Alba, 
und manche andre, mehr oder weniger erwähnungswerth. 
Unter allen diesen poetischen Werken tragen ohne Zweifel 
die von Cañete, Valera und Fernandez den Preis davon. 
Caüete gehört zu den Dichtern, welche in der Residenz 
den Geist und Charakter der Schule von Sevilla aufrecht 
erhalten, die einst durch einen Herrera und Rioja in hohen 
Aufschwung kam. Seine Begeisterung ist indessen eine 
spontane, und gehört ihm so zu sagen allein an. Er singt 
immer mit wahrem lyrischen Schwung, und fällt selten ein- 
mal herab bei dem Fluge, mit dem er sich erhebt; ein 
Freund der Wohlredenheit, verliert er sich doch nicht in 
den Wortschwall eines erlogenen Formenprunkes, an dem 
nur zu oft die Genien des Südens sich ergötzen; zufrieden 
mit der Schönheit und äufsern Anmuth weifs er, wann es 
gilt, auch Nerven, Sehnen und Muskeln zu zeigen; für die 
schöne Sprache Castiliens begeistert, wahrt er mit grofsem 
Fleifs ihre keusche Reinheit. Caüete will auch Philosoph 
sein, und vergilst nicht Rioja’s, noch verachtet er Leon; 
er beansprucht ein Politiker zu sein, und ruft den Herrera 


Spanische Literatur. 425 


wie den Barahona de Soto ins Gedächtnifs, obgleich er in 
beiden Fällen Ansichten, Maximen und Grundsätze seinen 
Versen einstreut, die dem Charakter des 19. Jahrh. ent- 
sprechen. Wir billigen weder, noch milsbilligen wir die 
Doctrinen, denen er mitunter sich zuneigt, denn wir sind, 
Gott sei Dank, frei von dem verderblichen Parteigeist; aber 
wenn seine Stimme, welche das Grofse und Verdienstvolle 
reist, bei dem Schauspiel der Ungerechtigkeit grollend 
lonnert, schlagen ihre Laute tief in das Herz ein: dann 
rwirbt er den Triumph, den er erstrebt, dann schwindet 
anz jener Schein declamatorischer Affectation, der im All- 
emeinen seine Productionen kennzeichnet. Alle diese Ei- 
enschaften, alle diese Graben, welchen er mit Recht einen 
latz in der Academia de la Lengua verdankt, treten nun 
ı seinem Buche hervor und verleihen demselben grofsen 
/erth, indem sie ihm selbst wahren Ruf und den Namen 
nes Dichters verschaffen. 

Desselben ist auch Juan Valera keineswegs unwürdig, 
schon die Natur seines Genies und sein besonderer Cha- 
kter durchaus verschieden sind. Valera hat ausgezeich- 
te poetische Gaben und vor allem eine grofse und glü- 
nde Liebe zur Kunst; aber indem er die Kunst über- 
apt liebt, hat er sich für sehr verschiedne Parnasse zu- 
ich begeistert, ohne dafs sein Genius auf einem sich 
te dauernd niederlassen können. In Deutschland haben 

Göthe, Heine und Geibel gefesselt, in England Moore 
| Byron, in Frankreich Lamartine und Chenier, in Ita- 
unter den ältern Ariost, unter den neueren Leopardi. 
:h versäumt er nicht der portugiesischen Dichtung sei- 
Tribut zu bringen, auf deren Parnass er die grofse 
talt des Camoens entdeckt, und auf seinen Abhängen 
te den berühmten Garrett erblickt; ebenso wenig ver- 
; er, dafs auch über dem Ocean noch Altäre der Poe- 
sich finden und jenseits der Filuthen des Mittelalters 
Haine Griechenlands und Roms blühn. Valera, ein 
ve solches Verlangens, von diesem unersättlichen Durst 
ält, will die Schönheiten aller Literaturen besitzen und. 
ne Verse übertragen, und so wird er denn was Al- 





428 Jahresberichte. 


calä Galiano im Prologe seiner Werke einen gelehrten 
Dichter nennt. Aber abgesehen von dieser Unruhe, die- 
sem Hin- und Herhaschen, was ist sein Charakter? was 
seine wahre Individualität als Künstler? wo seine wahre 
Begeisterung? wo sein Vaterland? Wenn Moreto, der Worte 
des Heilands ohne Zweifel gedenkend, wiederholt sagte: 
dafs wer zwei liebt, keinen liebt (quien d dos ama, no ama 
& ninguno); so kann die Kritik heute mit größerem Rechte 
in Betreff Valera’s sagen: weil er alle Welt liebt, liebt er 
Niemanden. In der That seine eigene Persönlichkeit ver- 
schwindet fast hinter so vielen glänzenden andern; seine 
eigne Muse verstummt vor den Gesängen andrer Musen, 
welche ihm erhabner scheinen; und es ist klar, daß in 
solcher Lage seine hohen Anlagen zu Grunde gerichtet und 
verdunkelt werden, so sehr auch seine mächtige Einbil- 
dungskraft und sein gutes Talent sich abmühen, um mit 
vollen Händen Reize und Schönheiten auszustreuen, die 
dem Stil Zauber, Anmuth und Farbe geben möchten. Es 
braucht nicht bemerkt zu werden, dafs für einen so ge- 
lehrten Dichter die Kunstformen weiches Wachs sind. Der 
Kampf, den er besteht, und den alle seine Poesien ohne 
Ausnahme offenbaren, ist ein innerlicher; sehr zu wünschen 
ist, dals Valera mit vollem Rechte den Titel eines casti- 
lischen Dichters führen möge, dafs in seinem Geiste der | 
Genius der spanischen Bildung und Dichtung einen voll 
ständigen Sieg davon trage! 

Gerade das ist bei Fernandez Gonzalez der Fall. In 
seiner frühen Jugend den gelehrten Sphären fern, erkannte 
er dafs er ein Dichter war, weil die Begeisterung ihn be- 
wegte, ihn antrieb in mehr oder weniger harmonischen 
Versen die Empfindungen seiner Seele auszuströmen. Seine 
Muse, die Tochter dieser freien Ursprünglichkeit, nährte 
sich alsbald von den Gefühlen des Volks; ohne eine Be- 
schränkung oder irgend ein literarisches Gesetz zu kennen, 
suchte sie ihren Ruhm allein in dem augenblicklichen Bei- 
fall der Menge; und ermuthigt durch den Erfolg, verlangte 
sie dann im Vertrauen auf ihre eignen Kräfte grôfsere Bah- 
nen zu durchlaufen. Die Begeisterung ist ihm wiederholt 





Spanische Literatur. 427 


u geblieben; aber da sein Greschmack nicht fest begrün- 

t, da er vielleicht für unverbrüchliche Regeln der Kunst 
hält was in Wirklichkeit offenbare Irrthümer sind, und auch 
icht durch Studium die Schätze der castilischen Sprache 
ich angeeignet hat, so leidet Fernandez Gonzalez an sehr 
adelnswerthen Fehlern; und dabei hält er seine Ausschrei- 
angen für Schönheiten, während er die Gesetze der Mut- 
»rsprache oft mit Fülsen tritt. Seine Verse sind wohl- 
jnend, schön, harmonisch wie die Gongora’s; seine Phan- 
sie glänzend und kraftvoll in der Art des Sängers von 
Angelica und Medoro*; sein Geschmack aber, nicht ge- 
ldet in guter Schule, hindert ihn zu den Regionen sich 
ı erheben, in welchen das Genie eines Argensola und 
ioja erblühte. Trotz alledem ist Fernandez Gonzalez ein 
ichter. 

Den castilischen Parnafs zu bereichern, haben sich auch 
r bekannte Baron von Andilla und der wackere Stadt- 
h D. Pascual Fernandez Baeza bemüht, indem sie Iriarte 
d Samaniego zu ihren Vorbildern nahmen und mit ih- 
ı wetteiferten. Ihre Fabeln (Fäbulas) haben allgemeine 
erkennung gefunden, obgleich sie an poetischen Schön- 
ten nicht so reich sind, als die vor einigen Jahren von 
a berühmten Hartzenbusch herausgegebnen. Dieses Ge- 
, welches mit ungemeiner Fruchtbarkeit sowohl als Dich- 
wie als Kritiker wirkt, hat in dem Zeitraum, den wir 
andeln, eine schöne Komödie (comedia) unter dem Titel: 
a por honor, sowie das religiöse Schauspiel (drama sa- 
: El mal apöstol y el buen ladron zur Aufführung ge- 
‘ht, welches letztere während der letzten Fasten die 
ater füllte. Und da wir einmal von der dramatischen 
sie reden, so dürfen wir nicht unerwähnt lassen: La 
ela de la vida des ansprechenden Rubi, den Baltasar 
Dichterin Gertrudis de Avellaneda, La Campana de 
lmudaina des jungen Palou, La Senda de Espinas von 
er del Rio, und Julieta y Romeo von dem jungen Da- 
te — die einzigen bemerkenswerthen Schöpfungen, 
he in den letzten Jahren erschienen sind: ein Zeug- 
dafs die Kunst Calderon’s und Lope’s in eine Art von 


\ 


438 Jahresberichte. 


Ermattung gesunken ist, von der musicalischen Ausstattung 
der Zarsuela überwunden. Diese Betrachtung könnte uns 
verleiten den Ursachen jener Verirrung des Geschmacks 
des Publikums nachzuspüren !), aber dieser Gegenstand ist 
einer besonderen Arbeit vorbehalten. An einem Abend 
des vergangenen Winters glaubten wir schon, das Publi- 
kum wäre zu sich gekommen, und fände von Neuem an 
den komischen Schönheiten Geschmack. Man führte das 
Lustspiel: La Hipocrisia del vicio auf, aus der Feder des 
Altmeisters der dramatischen Dichter Spaniens: Breton de 
los Herreros empfing zwei prachtvolle Kränze; der Beifall 
verdoppelte sich mit jedem Tage, und der Greschmack 
schien wieder zu erwachen. Der Triumph ging vorüber; 
und der dankbare Dichter dachte daran, in diesem Winter 
(von 1859) das Publikum Madrids von Neuem dem Thea- 
ter der Zarzuela zu entreifsen. Mit nicht weniger An- 
muth, mit keiner geringern Fülle von Schönheiten, keiner 
geringern komischen Kraft schrieb er das Lustspiel: Enire 
dos amigos un notario y dos testigos; seine ihm getreuen 
Bewundrer, die Liebhaber des Theaters von ächtem Ge- 
halt, sahen es eine Woche; dann zog wieder die Zarzuels 
das ganze Publikum an sich. Was bedeutet das? Ist das 
wahre Theater nicht mehr lebensfähig? 

Der afrikanische Krieg, eine in hohem Grade natio- 
nale Begebenheit, hat bei dem Marques von Molins die 
ersten Talente der Residenz versammelt; sie haben bereits 
ein Romancero der Königin dargebracht, welches die alte 
Muse Castiliens zurückruft. Dies Buch wird Beifall fin- 
den und wie der Krieg selbst in der Geschichte Spaniens 
Epoche machen. 

Von den kritisch-literarischen Studien ist die Ausbeute 
nicht grofs; ihr Interesse beruht hauptsächlich in der Bi- 
blioteca de Autores españoles, wo unter nicht sehr günsti- 
gen Bedingungen für die Herausgeber, Fernandez Guerra, 


t) que, como paga, es justo 
hablarle en solfa para darle gusto. 


Denn, da’s zahlt, ist’s nicht zu rügen, 
Es nach Noten zu vergnügen. 





Spanische Literatur. 48 


Rosell, Hartzenbusch, Mesonero Romanos, Gayangos und 
Andre ihre Grelehrsamkeit und ihren Geschmack zu zeigen 
artfahren, indem unter diesen Commentatoren auch Männer 
er Politik nicht versäumten eine Stelle einzunehmen, wie 
Ir. Nocedal, welcher die Werke von Jovellanos übernahm. 
änige Monographien von Gehalt und Nutzen sind auch 
ılbständig erschienen '). Besonders hervorzuheben sind 
och die zahlreichen Abhandlungen (Discursos), gelesen bei 
sn Öffentlichen Receptionen der Academia de la Lengua, 
o die Namen Monlau, Cañete, Tamayo u. a. diesmal zu- 
st figurirt haben, indem sie die akademischen Ehren mit 
n schon bewährten Hartzenbusch, Segovia, Fernandez 
uerra u.8. w. theilten. Nicht minder verdienen die sehr 
lehrten Vorträge Erwähnung, welche in der königl. Aca- 
mia de Bellas Artes de S. Fernando gehalten wurden, die 
r aufzuzählen eine persönliche Rücksicht der Schick- 
hkeit uns hindert. Diese darf uns indessen nicht ab- 
ten, unter den Verfassern der ausgezeichnetsten Abhand- 
ıgen einen Madrazo, Pacheco, Molins und Caveda nam- 
t zu machen, wie überhaupt zu versichern, dals die ge- 
ınte Akademie auf der vollsten Höhe der Wissenschaft 
Betreff der kunsthistorischen Kenntnisse sich befindet. 
Indem wir diese Gattung kritischer Arbeiten behan- 
x, welche berufen sind auf die Gebildeten einen unmit- 
aren Einflufs auszuüben, dürfen wir endlich auch nicht 
philosophischen Doctordissertationen der Centraluniver- 
| (tésis para el doctorado de filosofia y letras) verges- 
unter welchen wir, allein aus den letzten Jahren, eine 
ıe sehr tüchtiger Arbeiten anführen könnten; um nicht 
ausfübrlich zu werden, beschränken wir uns aber nur 
der Licenciaten D. Francisco Fernandez Gonzalez 
D. Toribio del Campillo y Casamor zu gedenken — 
erstere Professor in Granada, der andre Bibliothekar 
Bibliothek von S. Isidro in Madrid. Die Dissertation 
jenem behandelt: die Idee des Schönen und seine 





) Die hier folgenden Titel geben wir in der Bibliographie. 
Der Herausg. 


430 Jabresberichte. 


Fundamentalbegriffe (la Idea de lo Bello y sus con 
ceptos fundamentales), die des andern die provenzalischen 
Dichtungen des 12. und 13. Jahrb. (los Poemas proven- 
sales de los siglos XII y XIII); sie sind, die eine in 
den Gebieten der Theorie der Humanitäts-W issenschaf- 
ten, die andre in der Anwendung der transcendentalen 
Prinzipien der ästhetischen Kritik, ein herrliches Zeugnifs 
des Zustandes der Studien auf dieser ersten Hochschule 
der Halbinsel, wo sie mit so viel Eifer gepflegt und ge- 
lehrt werden. Mit vollem Grund ist zu hoffen, dafs nach- 
dem die Jugend auf dieses sehr ergiebige Feld geleitet 
ist, in Kurzem die Früchte davon reichlich und trefflich 
sein werden, indem die philosophischen Doctordissertatio- 
nen Spaniens mit denen der berühmtesten Universitäten 
wetteifern. 

Es leuchtet ein, dafs eine Nation, in welcher die lite- 
rarischen Ueberlieferungen noch so lebendig sich erhalten, 
und auf die stets das Beispiel des Auslands einen so mäch- 
tigen Einflufs ausgeübt hat, sich nicht gleichgültig gegen 
die Pflege einer Gattung der Literatur verhalten wird, die 
bei den modernen Nationen schon auf alle Gebiete einge- 
drungen ist, auf das der Geschichte wie der Satire, der 
populären Erzählung wie der Philosophie. Wir meinen den 
Roman (Novela), welcher, wenn nicht der Form, doch we- 
nigstens dem Inhalt nach sich zum Nachfolger und Ne- 
benbuhler der Encyclopädie erklärt zu haben scheint. Frank- 
reich exportirt nach der ganzen Welt seinen Roman; und 
Spanien, das lange Zeit der Industrie Frankreichs zinsbar 
war, konnte seine Grenzen den Producten so verführeni- 
scher Geister, als Chateaubriand, Arlincourt, Hugo, Bal- 
zac, Sand, Dumas, Sue, und vieler andern Feuilletonisten 
nicht verschliefsen. Im Anfang begnügten sich unsre Jour- 
nale gut oder schlecht (das letztere gewöhnlich) alle Ro- 
mane, soviel nur jenseits der Pyrenäen an das Licht tra- 
ten, zu übersetzen; heute vereint Spanien eine Anzahl 
Schriftsteller in dieser Gattung, welche bald durch die 
Tendenz ihrer Werke, bald durch die Art wie sie diesel- 
ben ausführen, durchaus den Titel von Originalen verdie- 


Spanische Literatur. 431 


nen. — Was wir von Fernandez Gonzalez, als Dichter, 
gesagt haben, können wir uns ersparen hier zu wiederho- 


len, wo wir ihn als Romanschriftsteller aufführen. Er pflegt 


in seine Fabel hervorragende Personen oder Thaten unsrer 
Geschichte zu verweben, aber er bedient sich der Ge- 
schichte nicht, wie Walter Scott, zu dem Zwecke sie mehr 
zu erleuchten, ihr eine grölsere Lebendigkeit vermittelst 
des Interesses des Dialogs und des dramatischen Zuschnitts 
der Handlung und der Charaktere zu verleihen; für Fer- 
nandez Gonzalez ist die Geschichte nur sozusagen ein Vor- 
wand; die üppige Fruchtbarkeit. seiner Erfindung kennt 
keine Grenzen, und eben deshalb kann er sich niemals der 
stricten Linie der Thatsachen anbequemen, ebenso wenig 
ler Art zu sein, welche die Ueberlieferung oder die Chro- 
ik gewissen berühmten Personen beilegen. Er behauptet, 
‚einem Cocinero del Rey und seinen Monfes de las Alpu- 
arras einen historischen Charakter gegeben zu haben; und 
loch wird er in keinem von beiden Werken auch nur die 
merläfsliche Vorschrift der Chronologie beobachtet haben. 
n der Luisa, einem Sujet von reiner Erfindung, und in 
xancher andern seiner phantastischen Erzählungen, in wel- 
hen er weder Thatsachen noch Charaktere verfälscht, noch 
ı irgend eine Art von Anachronismus verfällt, überläfst 
- sich ganz dem Fluge seiner ungestümen Einbildungs- 
raft und setzt durch seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit 
. Erstaunen. Aber sein Stil ist immer derselbe, incor- 
ct, ungleich und selbst geschmacklos zu Zeiten. Durch 
8 Jagen nach Effect verfällt er häufig in Uebertreibung, 
ıd statt den Leser zu überraschen, steht er nicht an, ihn 
die Irre zu führen. Sein gröfstes Lob besteht darin, 
{s er keine Nachahmer haben kann; sein gröfster Tadel aber 
rin, dafs er niemals als Muster aufgestellt werden kann. 
Ein anderer Schriftsteller, der noch in jungen Jahren 
ıon den historischen und philologischen Studien sich ge- 
imet hat, ist Simonet y Baca, welcher in seiner arabi- 
en Erzählung (legenda) Almanzor Beweise von tüchtiger 
lehrsamkeit gegeben hat, von guter Kritik und einem an- 
sornen Geschick, welches auf nicht gewöhnliche Anlagen 


432 Jahresberichte. 


schliefsen läfst, vornehmlich bei einem, der kaum Zeit ge- 
habt hat, seinen Geschmack zu befestigen und den sich 
anzueignen, welchen er schon besitzt. Von demselben Cha- 
rakter kann man sagen ist ein anderes Werk, das auf Ko- 
sten ihrer Majestäten veröffentlicht und von Rivadeneyra 
prachtvoll gedruckt wurde. Der Titel desselben ist: EI 
Caballero de la Almanaca, novela histörica, escrita en les- 
guage del siglo XIII, por D. Mariano Gonzalez Valls. 
Das Vornehmen, der alten Sprache Castiliens ein Denkmal 
zu errichten, sei es als Gegenstand des Studiums, oder als 
Zeugnifs begeisterter Verehrung, ist gewifs sehr lobens- 
werth; aber es genügt bei dieser Klasse von Versuchen 
nicht, die Redeweise, die Construction jener fernen Zeiten zu 
reproduciren: angenommen auch, dafs dies erreicht werde, 
was wir bis zu einem gewissen Punkte Valls zugestehen, 
gibt es doch noch eine andre, schwierigere Aufgabe, wel- 
che darin besteht, den Geist, den: Charakter, die Denkart 
der Schriftsteller jenes Zeitalters zu bewahren; und in die- 
sem Theile läfst das Werk, von dem wir reden, viel zu 
wünschen übrig. So will in dem Munde Alfons des Wei- 
sen sich die Greistreichheit Philipps IV. nicht wohl schik- 
ken, mag der Ausdruck auch noch so sehr durch unge- 
wöhnliche Archaismen entstellt werden; noch kann zu dem 
feierlichen und gehaltnen Charakter unsrer Hofleute des 
13. Jahrh. die lärmende Leichtfertigkeit der Galans von 
Buen Retiro passen. In dieser Beziehung sei hier an ei- 
nige damatische Productionen von Eguilaz erinnert, z.B, 
La Vaquera de la Finojosa und Las Querellas del Rey sa- 
bia. Dieser Autor wollte seinesPersonen in einer Sprache 
reden lassen, die unsrem Zeitalter nicht angehörte, welche 
aber sicherlich ebenso wenig in jenem andern jemand ver- 
standen haben würde; seinen Fabeln aber gab er einen 
modernen Charakter, und das Resultat war, dafs derglei- 
chen Werke weder zum Lesen, noch zur Aufführung gut 
waren. Dennoch findet sich der Caballero de la Almanaca 
nicht in demselben Falle; man liest ihn mit einigem Inte- 
resse; man bewundert bisweilen die Geduld des Verfassers 
und sein eifriges Streben nach Geschmack; und wenn er 


Spanische Literatur. 433 


im Ganzen nicht befriedigt, so hat dies denselben Grund, 
aus welchem man einem apokryphischen Documente nur 
einen beschränkten Werth zollt: die Laien verstehen es 
nicht, die Gelehrten aber entdecken sogleich seine Unächt- 
heit; man lobt aufs höchste die Geschicklichkeit des Co- 
pisten, aber das Werk übergibt man der Vergessenheit. 

Welch ein Unterschied zwischen diesen Werken und 
den Erzählungen von Fernan Caballero, der einen univer- 
sellen Ruf zu erwerben und einer der volksthümlichsten 
Schriftsteller Spaniens zu werden wufste! Seine Romane 
zeiehnen sich ‚vorzüglich durch den Charakter der Wahr- 
heit, der in ihnen glänzend hervortritt, aus. Ohne grofsen 
Kunstaufwand, mangelhaft in der Sprache, und zum gröfsten 
Theil von keiner reichen Erfindung, besitzen sie trotz alle- 
dem einen verführerischen Zauber: den der angebornen 
Naivetät, der Eigenthümlichkeit, der Lebhaftigkeit des Co- 
lorits, und vor allem den des moralischen und wahrhaft 
evangelischen Zweckes, welchen sie erstreben. Sei’s ein 
Vorrecht des Geschlechts, sei’s eine ausschliefsliche Eigen- 
thümlichkeit einer bevorzugten Seele, jedenfalls hat die Fe- 
der Fernan Caballero’s den Roman nicht allein in einen 
christlichen, sondern in einen katholischen verwandelt; und 
diesen verdienten Ruhm wird Niemand ihm zu entreifsen 
wagen '!). 

‚An seiner Seite aber sehen wir ein andres Genie sich 
erheben, das, vor kurzem noch unbekannt, schon mit Bei- 
fall selbst im Auslande genannt wird. Trueba hat in sei- 
nem Libro de los Cantares, und danach in seinen Cuenios 
de color de rosa der Kunst eine eigenthümliche Richtung 
gegeben. Aus der einfachsten Handlung, dem unschein- 
barsten Umstand, dem gewöhnlichsten Ausdruck, leitet er 
immer einen sehr schönen Apolog ab, eine Parabel, sinn- 
reich, hoch poetisch, in ihrer Moral äulserst rein, zart in 


2) 8. im vorigen Bande p. 247 ff. Ferd. Wolf’s Aufsatz über Fernan 
Caballero’s Werke; eine vorzügliche deutsche Uebersetzung derselben hat in- 
dessen Lemcke (unter Mitwirkung von Clarus und Frl. Hedwig Wolf) heraus- 
gegeben, Paderborn 1859 — 1860, 11 Bde 8°; während gleichzeitig noch eine 
andre von A. Geyder in Breslau erschien. Der Herausg. . 

II. 4. 29 


434 Jahresberichte. 


ihren Formen, anmuthig in ihrem Schmuck, welche nie- 
mals blofs zu dem Verstande spricht, vielmehr, und stets 
treffend, auf das Innerste des Herzens zielt. Trueba’s 
Schriften interessiren gleichermalsen alle Klassen der Ge- 
sellschaft: seine Redeweise entfernt sich kaum von der Um- 
gangssprache und trotzdem fesselt sie auch die Grebildet- 
sten, denn ihr Wesen besteht nicht in dem Gewählten, 
sondern in dem Eigenthümlichen des Ausdrucks, in der 
Genauigkeit, womit die Charaktere geschildert werden, und 
darin, dafs der gute Mensch den Lasterhaften und Schlech- 
ten immer verdunkelt und demüthigt. Gegenwärtig kennt 
Spanien keinen Schriftsteller, der ihm in dieser Gattung 
gleichkäme; und es würde für das Land wie für die Li- 
teratur ein Glück sein, wenn viele sich vorsetzten es ihm 
gleich zu thun. 

Diese Regsamkeit, die man auf dem Gebiete der Li- 
teratur bemerkt, mufs nothwendig ungemein günstig für 
jede Art von Studien und Kenntnissen sein; und so ge- 
schieht es, dafs von Tag zu Tag mehr Studien mit Vor- 
liebe gepflegt werden und nach allen Seiten sich verbreiten, 
welche vor nicht langer Zeit äufserst selten waren und als 
ebenso viele Sonderbarkeiten des Charakters betrachtet 
wurden. Dies war z.B. mit dem Studium der Diploma- 
tik, Archäologie und Bibliographie der Fall, welches in 
Spanien jetzt schon Gegenstand einer besondern Laufbahn 
und einer ehrenvollen Beschäftigung ist. Es beginnt also 
auch bei uns die Liebe zu den Büchern sich zu entwik- 
keln, und der Eifer alle Schätze, welche in dieser Art sich 
sammeln lassen, aufzuhäufen. Abgesehen von den öffentli- 
chen Bibliotheken, welche fortwährend sich verbessern, gibt 
es viele Privatleute, welche die besten Räume ihrer Häu- 
ser mit Büchersammlungen anfüllen. Eine der bedeutend- 
sten ist die des D. Joaquin Gomez de la Cortina, Marques 
von Morante, des früheren Rectors der Central-Universität; 
dieselbe besteht vornehmlich aus einer sehr reichen Samm- 
lung lateinischer Autoren aller Perioden, worunter sich die 
seltensten und auserwähltesten finden, und von einem jeden 
die verschiedenen Ausgaben, welche in allen Ländern er- 


es : 


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wu. wm» WU LS LE: 1" er > : 


Spanische Literatur. 435 


schienen sind, sowohl die älteren als die neueren. Der ge- 
druckte Katalog dieser Bibliothek nimmt 6 dicke Bände 
ein; allerdings sind zur Erläuterung mitunter Biographien 
einzelner wenig bekannter Schriftsteller und kritische Ur- 
theile über ihre Werke hinzugefügt, wie u.a. bei Francisco 
Sanchez de las Brozas (El Brocense), Angelo Poliziano und 
Hieronymus Vida, Verfasser einer sehr merkwürdigen Ars 
poetica. — 

Diese flüchtige Skizze der geistigen Bewegung Spa- 
niens genügt zu beweisen, dafs wenn in Mitten von so un- 
günstigen Bedingungen, so vielen politischen Wandlungen, 
so vieler Zwietracht, Gefahr und Unsicherheit doch die 
Nation sich aus ihrer langen Niedergedrücktheit wieder er- 
heben und in gewisser Weise zur Höhe ihrer Bestimmung 
aufrichten konnte, einige Jahre Friede und Ruhe genügen 
würden, um ihr ihren alten Glanz und Einfluls zurückzu- 
geben. Die Geschichte bietet wenige Beispiele dar von 
Völkern, die edler mit dem Unglücke rangen, und die stol- 
zer aus ihrer Niederlage und ihrem drohenden Untergange 
sich erhoben. Die Industrie wird gefördert, der Handel 
wächst, der öffentliche Reichthum vermehrt sich zusehends, 
die Wissenschaften beginnen mit Eifer gepflegt zu werden, 
die schöne Literatur, vordem reducirt auf einen traditio- 
nellen Kultus, verallgemeinert heute ihre Bestrebungen und 
trachtet danach mit dem philosophischen Geist unsrer Epo- 
che sich zu verschwistern. Was fehlt daher noch um den 
Triumph zu sichern, und zum Ziel so lockender und be- 
rechtigter Hoffnungen zu gelangen? Ein beständiger Frie- 
den, und dafs in Mitten so heldenmüthiger Verdienste uns 
die Vorsehung nicht ihre hülfreiche Hand verweigere. 

Madrid, 20. April 1860. Amador de los Rios. 


(Aus der spanischen Handschrift übersetzt vom Herausgeber.) 


Den französischen Jahresbericht von Hrn. G. Paris, sowie einen Bericht 
über die französische Literatur Belgiens von Hrn. Le Roy, müssen wir leider 
wegen Mangel an Raum für das nächste Heft aufsparen, das dem vorliegen- 
den indefs recht bald folgen soll. Die Redaction. 


29 * 


436 Bibliographie. 


Bibliographie des Jahres 1859. 


In Betreff der allgemeinen Einrichtung der Bibliographie brauche 
ich die Leser nur auf die Einleitung der vorjährigen zu verweisen; nach 
denselben Grundsätzen und derselben Anordnung ist auch diesmal ver- 
fahren. Einen Punkt nur erlaube ich mir von Neuem hervorzuheben: 
indem ich die Bücher des letzt verflossenen Jahres verzeichne, geht meine 
Absicht stets dahin, in dieses Verzeichnifs nur solche Publicationen auf- 
zunehmen, welche nicht blofs in dem betreffenden Jahre erschienen sind, 
sondern auch das Datum desselben auf dem Titelblatt tragen. Vorda- 
tirte Werke fallen der folgenden Bibliographie zu. Ich hoffe, dafs die- 
ser Grundsatz allgemeine Billigung finde. Er hat wenigstens manche 

anz offenbare Vortheile zur Folge: er erleichtert für die Zukunft das 
Nachschla en; er erlaubt, die an die Spitze gestellte Jahreszahl bei den 
einzelnen Titeln nirgends zu wiederholen — wie denn diesmal überall 
wo eine Jahreszahl nieht angegeben ist, in den Titeln selbst, wie in den 
Citaten der Noten, 1859 zu ergänzen ist. Dafs aber bei der bedauerns- 
werthen Achtlosigkeit, womit so viele auswärtige kritische und biblio- 
graphische Organe eine der wichtigsten Titelangaben, die des Jahres 
ganz übergehen — so führen bekanntlich die englischen literarischen Jour- 
nale, wie das Athenaeum, die Liter. Gazette etc., niemals im Titel der 
von ihnen besprochenen Werke die Jahreszahl auf, und wenn das Buch 
auch schon vor 3 bis 4 Jahren publicirt worden ist; so gibt weder Rein- 
wald in seinem Catalogue annuel, noch Vapereau in seinem Annee litté- 
raire die Jahreszahl des Titels bei vordatirten Werken — dafs bei einem 
solchen, unsre Arbeit sehr erschwerenden Mangel vieler der uns zu Ge- 
bote stehenden Quellen vielleicht nicht überall es möglich war, unsre 
obige Absicht durchzuführen, indem bei einigen wenigen Werken die 
Jahreszahl des Titels nicht mit aller Sicherheit sich feststellen liels: da- 
für bitte ich im Voraus um Entschuldigung, mit der Versicherung, dafs 
etwaige Fehler dieser Art in der nächsten Bibliographie stets ihre Be- 
richtigung finden werden. Ebenso werden, wie ich bereits früher be- 
merkte, stets Nachträge und Ergänzungen geliefert. Die, welche wir 
diesmal bringen, zu der vorjährigen Bibliographie, sind zwar in den Text 
eingereiht, um die gehörige Stelle ihnen ohne Schwierigkeit zu geben, 
aber nicht blofs mit der Jahreszahl 1858 jedesmal versehen, sondern auch 
mit einem Sternchen (*) vor ihrer Nummer bezeichnet, so dafs sie schon 
auf den ersten Blick von den Publicationen des Jahres 1859 sich un- 
terscheiden. 

Meine Aufforderung an die Herren Mitarbeiter zu gefälliger Unter- 
stützung bei dieser Arbeit ist schon, wie ich mich freue sagen zu kön- 
nen, eine recht erfolgreiche gewesen, und es wird für die Zukunft, wie 
ich Grund zu hoffen habe, die Betheiligung eine noch allgemeinere sein. 
Um die italienische Bibliographie haben sich Herr Prof. Grion in Padua 
und Herr Mussafia in Wien sehr verdient gemacht, nicht blofs durch 
Mittheilung von Titeln, sondern auch durch sehr schätzbare Anmerkun- 
gen; für die spanische hat mein verehrter Freund, Ferd. Wolf, den gröfs- 
ten Theil der Angaben geliefert, einige verdanke ich der Güte des Herrn 
Prof. Mil& y Fontanals in Barcelona; die englische hat von Herrn Dr. 
Grein dahier werthvolle Noten zu einer Anzahl der angelsächsischen Pu- 
blicationen erhalten; nicht minder haben mich gütigst unterstützt die 
Herren Dr. Lemcke und Prof. Holland, sowie einer der Herren Verleger 
des Jahrbuchs, Herr Cohn, der sich um die Vervollständigung der biblio- 


À BD — 


banane 


AT MR in A a 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 437 


graphischen Angaben gar mannichfach verdient gemacht hat. Allen den 
Genannten sage ich meinen besten Dank. 
Die von den Herren Mitarbeitern gelieferten Anmerkungen sind mit 
Chiffren versehen; es sind die folgenden: yo. = Grein; @. = Grion; 
.== Mussafia; M. y F. = Mila y Fontanals. 


Marburg, Anf. August 1860. Ebert. 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 


A. 


1. La France littéraire, ou Dictionnaire bibliographique ete. 
par J. M. Quérard [s. 3.58, N°. 1]. Tome XII. (Corrections, ad- 
ditions Tome IL.) 2° livr. (— Ribauld de la Chapelle.) p. 145 — 
288. 6 Fr. 

2. Catalogue général de la librairie franç. au 19° siècle etc. 
par P. Chéron {s. J.58, N° 2]. Tome III. (— Dubuisson). 1152 col. 

Wird nicht einzeln verkauft, sondern den Abnehmern des , Courrier de 
la libr.“ gratis gegeben. 

3. Manuel du bibliographe normand etc. par Ed. Frère [s. J.58, 
N° 3]. Tome IL. Livr. 1—3 (Gad —Rog) 480 p. ; 

4. Bibliographie lyonnaise du 15° siècle, par Ant. Péricaud, 
Taine. Lyon. 8°. 

*5. Bibliographie montoise. Annales de Pimprimerie à Mons, 
depuis 1580 jusqu’à nos jours, par H. Rousselle. Mons 1858. 8°. 
770 p. 

6. Marques typographiques, ou Recueil des monogrammes, 
chiffres, enseignes, emblèmes, devises, rébus et fleurons des librai- 
res et imprimeurs qui ont exercé en France, depuis l’introduction 
de l'imprimerie, en 1470, jusqu’à la fin du 16° siècle. A ces mar- 
ques sont jointes celles des libraires et imprimeurs, qui pendant 
la même période ont publié, hors de France, des livres en lan- 
gue française. 8° et 9° livr. 1858—59. 8°. 96 p. Jede Lief. 5 Fr. 

7. De la librairie française. Son passé, son présent, son ave- 
nir, avec des notices. biographiques sur les libraires-éditeurs les 
plus distingués depuis 1789; par E. Werdet. 12°. VII, 393 p. 5 Fr. 

Nach einem Artikel im Bullet. du biblioph. et du biblioth. Déc. rücksicht- 
lich der Vergangenheit nur ein Résumé, aber auch in Bezug auf die Gegen- 
wart wenig vollständig, namentlich was die Provinzial-Buchhändler und 
Drucker betrifft. 

8. Catalogue des manuscrits de la bibliothèque de Bourges. 
Texte et desseins, par le baron de Girardot. Nantes. 4°. 168 p. 

In 90 Exemplaren. 

9. Catalogue des manuscrits de l’ancienne bibliothèque du 

chapitre de Sens et note explicative, par Ph. Salmoı 8°. 15p. 


r. 

10. Catalogue méthodique, descriptif et analytique des manu- 
scrits de la bibliothèque publique de Bruges, par P. J. Laude. 
Bruges. 8°. 552p. 6 Fr. 


438 Bibliographie. 


j1. Rapport sur la bibliothèque de la société liegeoise de 
littérature wallonne, par Ulysse Capitaine. 43p. 8°. 

In: Bulletin de la Société liég. de litt. wall. 2° Année. 

Ist auch selbständig erschienen (Liege). — In diesem, mit rtihmlichster 
Sorgfalt ausgearbeiteten Bericht macht der um die wallonische Literatur schon 
mannichfach verdiente Verf. den Versuch einer Bibliographie derselben, in- 
dem er zugleich die Namen der Autoren mit kurzen biographischen Nach- 
richten begleitet. Die einzelnen Dialecte bilden die Abtheilungen, innerhalb 
deren die Bücher, nach Voraussendung der anonymen Publicationen, unter den 
alphabetisch aufgeführten Namen der Autoren geordnet sind, nämlich: 1. Pro- 
vince de Liege: a. Dialecte de Liege (wie sich erwarten läfst, die am reich- 
sten dotirte Abtheilung); b. Dial. de la Hesbaye; c. Dial. de Verviers. 2. Pro- 
vince de Brabant. 8. Province de Hainaut: a. Dial. de Mons; b. Dial. de 
Luxembourg. 4. Province de Namur: a. Dial. de Dinant; b. Dial. de la 
Famenne Namuroise; c. Dial. de Namur. — Patois de France (ein kleiner An- 
hang). 

12. Coup d'oeil retrospectif sur les anciennes bibliothèques 
des châteaux, par Arthur Dinaur, 

In: Bulletin du biblioph, et du biblioth. par Techener, Juin. 

Der Verf. sucht vornehmlich zu beweisen, dafs im vorigen Jahrh. noch 
in allen einigermafsen bedeutenden Schlössern des franz. Adels sich Biblio- 
theken von einigem Belange befanden, indem er einer gröfsern Zahl adliger 
Herren und Frauen, sowie der Schlösser, wo ihre Büchersammlungen waren, 
namentlich gedenkt. — Uebrigens wird eine Fortsetzung des Art. versprochen. 


13. Histoire des principaux écrivains francais etc. par Ant. 
Roche. [s. J, 58, N°9]. Tome II (dernier). Preis des ganzen 
Werks 7 Fr. 

14. Caractères et portraits littéraires du 16° siècle, par Leon 
Feugère. 2 Vol. 8°. XXXII, 1022p. 14 Fr. 

Der erste Band behandelt Leben und Schriften vun Etienne de la Boëtie, 
Montaigne, Etienne Pasquier, Scevole de Sainte-Marthe, Amyot und Rabelais; 
der zweite von Henri Etienne, Agrippa d’Aubigne, Jean Bodin, Gui du Faur 
de Pibrac, und „einem unbekannten Dichter“, womit Pierre Poupo gemeint ist, 
dessen Verse als anmuthig und gefühlvoll ausgezeichnet werden. Die meisten 
dieser bedeutenden, hier zuerst gesammelten, Charakteristiken sind von der 
Académie franc. ihrer Zeit gekrönt worden. Vereint erscheinen sie hier in 
verbesserter Gestalt und vermehrt mit einer Einleitung über den Charakter 
der literarischen Bewegung Frankreichs im 16. Jahrhundert. „Journ. des Sa- 
vants, Fevrier. 

15, De la littérature, des sciences et des arts sous le règne 
de François I, par Le Payen de Flacourt. gr. 8°, 47 p. 

Scheint nach einer Anzeige in der Revue archéol. nicht viel Eigenthüm- 
liches zu enthalten, 

16. Tableau de la littérature française au 17° siècle avant 
Corneille et Descartes, par J. Demogeot. 8°. XIV, 496 p. 6 Fr. 

Der rühmlichst bekannte Verf. hat die Absicht die ganze Geschichte der 
französischen Literatur im 17. Jahrh. ausführlich zu schreiben; hierzu soll das 
vorliegende Buch, welches auf Vorlesungen, von dem Verf. an der Sorbonne 
gehalten, sich gründet, als Exordium dienen. Wir hoffen auf das interes- 
sante, von der franz. Kritik recht anerkannte Buch in einer ausführlichern 


‘ Anzeige zurückzukommen, und begnügen uns hier das Schlufsurtheil Vape- 


reau’s (L'année bitter. 11, p. 261) anzuführen: „L’exactitude des analyses, la 


ui 


TS a > 2 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 439 


justesse des appréciations particulières, la vérité des portraits, la conscience 


et le talent dans toute l'exécution, l’élégance soutenue du style, l'élévation 
des idées feront du Tableau etc. de M. Demogeot, s’il le complète, un des 
Livres les plus instructifs et les plus intéressants que nous connaissionsé, 


17. Précieux et Précieuses. (Caractères et moeurs littéraires 
du 17° siècle, par Ch. L. Livet. 8°. XL, 443p. 7 Fr. 

Nach einer Einleitung, die sich im Allgemeinen über die Société pré- 
cieuse des 17. Jahrh. verbreitet, folgt eine ausführliche und interessante Ar- 
beit über- das Hôtel de Rambouillet, die Marquise, Voiture, Chapelain etc.; 
hieran schliefsen sich einzelne besondre Skizzen der Personen zweiter Ord- 
nung, als des Abbé Cottin, der Mme Cornuel, des Abbé d’Aubignac, von 
George de Scudery, Mile de Gournay, Le Pays, Juan Grillet, Bois-Robert. 
Eine neue Ausgabe der Guirlande de Julie mit einem Supplement, das Stücke 
aus Mscr. Conrart’s enthält, bilden den Beschlufs des trotz der Arbeiten Cou- 
sin’s belangreichen Buches. Journ. d. Sav., Sept. 


18. Notices littéraires sur le 17° siècle, par L. Aubineau. 8°. 
600 p. 6 Fr. 

19. Geschichte der französischen Revolutions-Literatur 1789 
—95, von Schmidt-Weifsenfels. Prag. 8°. VIII, 395p. 3 Thir. 

Der Titel ist ungenau: das Buch ist nämlich eine historische Uebersicht 
der französischen Literatur während der angezeigten Epoche. 

- 20. Histoire de la littérature française sous le gouvernement 
de Juillet, par Alfr. Nettement. 2° éd. corrigée et augmentée. 2 Vol. 
gr. 8°. 1144p. 11 Fr. 

21. L’annee litteraire et dramatique, ou Revue annuelle des 
principales productions de la littérature française, par G. Vape- 


reau. Première année, 1858. 18°. VIII, 492 p. 34 Fr. 
Zeichnet sich durch geistreiche Darstellung, wie durch unbefangene, 
ästhetisch und moralisch tüchtige Beurtheilung aus. 





22. La litterature en Belgique, par Eug. Lataye. 
In: Revue des deux Mondes, Juillet. 

Der Verf. sucht das Streben Belgiens, eine eigne Nationalliteratur zu 
gründen, an einigen seiner bedeutendsten Romanschriftsteller, namentlich Louis 
Hymans und Emile Leclerq zu charakterisiren. Von jenem werden La courte 
échelle und La Famille Buvard, von diesem L’avocat Richard besonders ins Auge 
gefafst. Noch wird Em. Greyson’s ausführlicher gedacht. Der Verf. vermifst 
im Allgemeinen, und an den Hauptwerken gerade ein ideales Streben: ein 
realistisches Contrefei der Wirklichkeit, in welchem hinter dem Bürger der 


. Mensch zu weit zurücktrete, sei vielmehr das Ziel. Die Hoffnungen der 


Zukunft aber gründeten sich auch für die Nationalliteratur auf die philoso- 
phischen Studien, die schon erfolgreich begonnen hätten. 

23. Essai sur l’histoire littéraire des patois du midi de la 
France aux 16° et 17° siècles, par J. B. Noulet. Toulouse. 8°. 
VIII, 257 p. 6 Fr. 

Nur in 100 Exemplaren. 

24. Sobre los poemas provenzales de los siglos XII y XI, 
por D. Toribio del Campillo y Casamor. (Tésis leida ante el clau- 


stro de la univers. central). Madrid. 
S. den spanischen Jahresbericht, oben p. 429. 


40 Bibliographie. 


25. La nouvelle poésie provençale (Roumanille, Aubanel, 
Mistral); par Taillandier. 

In: Revue des deux Mondes, Oct. 

In diesem geistreichen Aufsatze gibt der Verf. eine kurze Geschichte der 
Entwicklung der neuen provenzalischen Literatur, welche durch ihre jüngste 
Schöpfung, Mistral’s Mireio (1859), die Aufmerksamkeit ganz Frankreichs er- 
regt, ja vielleicht schon Ansprüche auf einen Platz in der europäischen Lite- 
ratur sich erworben hat, Roumanille, der Sohn eines Gärtners in Saint-Rémy, 
ist ihr Begründer. Ein Mann aus dem Volke, erst Schullehrer, dann Cor- 
rector, sich selbst bildend, bewahrte er sich Naivetät und Volksthümlichkeit. 
Seine Gedichte erschienen zuerst gesammelt 1847 unter dem Titel: Li Mar- 
garideto. In ihnen war von Neuem eine provenzalische Schriftsprache ge- 
schaffen, indem R. die nordfranz. Wörter, Wendungen u. 8.w. verbannt, und 
die Lücken aus der Sprache der Troubadours ergänzt hatte. In polit. Pam- 
phlets, in Versen kämpfte Roumanille nach der Februsrrevolution gegen dis 
rothe Demokratie. Später gab er noch eine Reihe volksthümlicher Erzäh- 
lungen in Versen und ein komisches Epos heraus. Auch die Noëls (li 
Nouve) erweckte er von Neuem 1856. Unter seinen Nachfolgern, deren 
Zahl nicht gering, sind die bedeutendsten Théodore Aubanel und Frederic Mi- 
siral, die aber aus dem Kreise volksthümlicher Dichtung schon in das Ge- 
biet rein künstlerischer übertreten. Aubanel mit seiner „imagination inquiète 
et sombre“ erinnert an Barbier, sein Hauptgedicht ist „Der neunte Thermi- 
dor“ — ein Gespräch zwischen Frankreich und dem Henker; auch den Beth- 
lemitischen Kindermord hat er behandelt. Mistral dagegen, ein „gentleman- 
farmer*, wird als der Kritiker der Schule bezeichnet. Ueber sein idyllisches 
Epos Mireio s. namentlich den eine vollständige Analyse, mit vielen einge- 
streuten in Versen übersetzten Stellen, enthaltenden Aufsatz Kannegiesser's im 
Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXVI, 8. und 4. Heft. 


26. Recueil des factums d’Antoine Faretiere de PAcademie 
française contre quelques-uns de cette académie, suivi des preuves 
et pièces historiques données dans l'édition de 1694, avec une 
introduction et des notes historiques et critiques; par Ch. Asse- 
hineau. ? Vol. 12°, LXXI, 738 p, 7 Fr. 

Furetière wurde bekanntlich aus der Académie frang. 1685 ausgeschlos- 
sen, weil er zum Vortheil eines von ihm verfafsten Wôrterbuchs __ das in- 
defs erst nach seinem Tode 1690 erschien — die lexicalischen Arbeiten der 
Akademie benutzt habe. Er rechtfertigte sich, rächte sich aber zugleich 
durch die Factums, beifsende Pamphlete, die durch Feuer, Witz und stilisti- 
sche Vortrefflichkeit sich auszeichnen, und indem sie die Geheimnisse der 
akademischen Pedanterie jener Tage enthüllen, für die Geschichte der Aka- 
demie eine wichtige Quelle sind. Indirect sind ihre Enthüllungen selbst für 
die Geschichte der Nationalliteratur überhaupt, die ja von jenem Pedantismus 
nicht wenig beeinflufst ward, von Bedeutung. Die Arbeit des Herausgebers 
wird sehr gerühmt. (8. Bull. d. bibl. et d. biblioth., Juillet.) Vgl. übrigens 
Hist. de Facad, franç. p. Pellison et d'Olivet, T.II. 


27. Les Chansons de geste. Discours d’ouverture du cours 


de langue et littérature du moyen-âge au collége de France, par 
Paulin Paris. 


In: Bulletin du biblioph. et du bibliotb., Mars. 
*28. Recherches sur l’auteur inconnu du roman du Châtelain 


A. 


LL 


1% 


TMS. MB —- 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 44 


de Concy et de la dame de Fagel, par A. Chassant; und par 
P. L. Jacob. 

In: Bulletin du Bouquiniste, N° 31, 33, 37 (1858). 

Chassant leitet aus dem Akrostichon den Namen Jacques Saquespee ab, 
Jacob dagegen aus der Stelle: „J’en suis certain“ den: Jean Certain. 

29. Provenzalisches Epos, von Sachs. 

In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXVI, 2. Heft. 
Unter diesem Titel wird vom Fierabras gehandelt, indem der Verf. das 
englische Gedicht bespricht, einige Vergleichungen zwischen dem Londoner 
und Pariser Manuscript des altfranzösichen und dem provenzalischen Gedicht 
anstellt, und zu beweisen versucht, dafs das englische aus dem letztern über- 
tragen sei, welches ihm überhaupt als das Original erscheint. 

30. Fragments d’histoire littéraire à propos d’un nouveau ma- 
nuscrit de chansons françaises, par L. Passy. 

In: Bibl. de l'Ecole d. Chartes 1858, Sept.; 1859 Mars und 
Juill. 

Das Manuscript (54 feuillets) befindet sich auf der Bibliothek von Siena, gez. 
H.X.36, im Katalog unter dem Titel „Canzoni in lingua provenzale“, obwohl 
es gar keine provenz., vielmehr 101 nordfranz. Chansons und zwar meist Jeux- 
partis enthält, davon 100 mit Noten begleitet. Die Schrift gehört dem Ende des 
13. oder Anf. des 14. Jahrh. an, und, wie dem Verf. scheint, einem Picarden 
oder Artesier. 13 der Chansons sind ganz neu. — Diese Liedersammlung 
bildet, jedoch unter Heranziehung auch andrer bekannter, namentlich der bei- 
den Vaticanischen, den Gegenstand der vorliegenden literarhist. Arbeit, indem 
der Verf., den Stoff nach den Dichtern ordnend, den Inhalt der einzelnen 
Gedichte angibt, oder sie selbst mittheilt, und an diese Gedichte anknüpfend 
zugleich über die Dichter selbst sich verbreitet, manche neue Data erfor- 
schend. So ist diese Arbeit sowohl durch die Inedita und die neuen Les- 
arten, als durch des Verf. Untersuchungen für die Geschichte der nordfranz. 


mittelalterl. Lyrik, namentlich des Jeu-parti, von nicht geringer Bedeutung. 


Die Hauptdichter, meist aus Artois gebürtig, sind die folgenden: Jean de 
Grieviler, Jean le Cunelier, Robert du Chastel, Guillaume le Vinier (den der 
Verf. in die erste Hälfte des 18. Jahrh. setzt), Gilles le Vinier (des voraus- 
gehenden frere — Bruder — welches Appellativum man fälschlicherweise 
bisher als Nomen proprium ansah, vgl. Hist. litt. de Fr. XXIII, 568 u. 590), 
Robert de le Pierre (aus der 2. Hälfte des 18. Jahrh.), Phelippe Verdiere 
(Verf. des Dit des Marcheans), Perrot de Nesle, Prieus de Boulogne (ein 
noch nicht gekannter Trouvère), Gaidifer d’ Amions (nicht d’Anions), Lambert 
Ferri, Jean Bretel (der Prince des Puy von Arras, hier genauer charakteri- 
sirt, da er an 80 der gedachten Jeux-partis Theil hat, aufserdem 8 Chansons 
d'amour gedichtet). Eine Anzahl anonymer Gedichte, sämmtlich Inedita, 
finden sich eingestreut, von denen 8 Jean le Cunelier, 4 Robert du Chastel 
anzugehören scheinen. Zum Schlufs verbreitet sich der Verf. über die Puys 
im Allgemeinen, und das von Arras, dem die meisten jener Dichter ange- 
hörten, insbesondere, Ursprung, Organisation, Personelles abhandelnd (u. a. 
werden alle die Namen der Trouvères des Puy von Arras im 18. Jahrh. auf- 
gezählt, wie sie aus den Jeux-partis sich ergeben). | 

31. La Satire en France au moyen-äge, par C. Lenient. 18°. 
444p. 3 Fr. 

S. oben p. 227 ff. die von uns gebrachte Anzeige von M. Talbot. Vgl. 
auch den Artikel von Magnin darüber im Journ. des Sav., Oct. 


32. L’enigme des „Quinze joies de mariage“, par P. L. Jacob. 


In: Bulletin du Bouquiniste N° 49. | 
Jacob sucht zu beweisen, dafs das angezeigte Werk und das Grand ju- 


443 Bibliographie. 


bild de Milan ein und denselben Verf. haben, und dafs derselbe Lemonde 
biefs, zu Essé in der Normandie geboren, zwischen 1464 — 1500 lebte. — 
Diese Annahme wird übrigens von E. 7. in N° 53 desselben Journals be- 
stritten. 

33. Histoire politique et littéraire de la Presse en France, 
avec une introduction historique sur les origines du at Le 
la bibliographie générale des journaux depuis leur origine, 
Eug. Hatin. Tome I—IIL 12°. XXXII, 475, 479, 512 p. 12 Fr. 
(8°. 18 Fr.). 

Diese 8 Bünde des noch nicht vollendeten wichtigen Buches, das ge- 
radezu eine Lücke in der französ. Literaturgeschichte ausfüllt, führen die Ge- 
schichte der Presse von ihrem Anfange —- der Gründung der Gazette Théo- 
phraste Renaudot's d. 80. Mai 1681 — bis zu dem Beginne der franz. Re- 
volution. Nach Vollendung des Werks werden wir auf dasselbe zurück- 
kommen. 

34. Histoire anecdotique et critique de la Presse parisienne, 
par F. Maillard. 2° et 3° années, 1857 et 1858. Revue des jour- 
neaux de l’année. 18°. 251 P- 2 Fr. 


35. Dernières études historiques et littéraires, par Cuvillier- 
Fleury. 2 Vol. 12°. 796p. 6 Fr. 

Der Verf., einer der bedeutendsten Mitarbeiter des Journal des Débats, 
hat früher schon Ætudes hist. et litt. 2 Vol. und danach Nouvelles ét. hist. 
et litt. 1 Vol. veröffentlicht; die vorliegenden Dernières sind wie jene ande- 
ren gesammelte Journalartikel, Kritiken, theils polit., theils literar. Inhalts; 
mit Geist, mafsvoll und sorgfältig geschrieben; nur leidet mitunter die Unbe- 
fangenheit des Urtheils unter politischer Parteilichkeit auch in literar. Din- 
gen. S. Vapereau, L’ann. litt. II, p. 272 ff. 

36. Essais de morale et de critique, par E. Renan. 8°. XIX, 
457 p. TA Fr. 

Diese Essais des ausgezeichneten Gelehrten und Schriftstellers erschienen 
zuerst in Journalen, namentlich in der Revue des deur Mondes und dem Journ. 
des Debats, an neue Publicationen anknüpfend; die für uns wichtigsten be- 
treffen M. de Sacy, M. Cousin, M. Aug. Thierry, M. de Lamennais, die Farce 
de Pathelin, die Geschichte der franz. Akademie, und die Poesie des races 
celtiques — eine fast 100 Seiten lange und in jedem Betracht bedeutende 
Abhandlung. 

37. Essais de politique et de littérature, par Prevost-Para- 
dol. 8°. LI, 388 p. 74 Fr. 

S. den franz. Jahresbericht von 1859 im folgenden Heft. 

38. Etudes littéraires, par H. Prat. XVII® siècle. 3° partie, 
1685 —1715. [s. J. 58, N°31]. 4 Fr. 

39. Etudes d’histoire et de littérature, par D. Nisard. 18°. 
VII, 440 p. 3 Fr. (Bibl. contemp.). 

Ist eine Fortsetzung der Etudes de critique littéraire, s. J. 58, N° 30. 


40. About. — La nouvelle littérature française. Les Romans 
de M. Edouard About, par E. Montégut. 
In: Revue des deux Mondes, Août. 
41. Barrière. — Le théâtre contemporain et les comédies de 
Barrière, par E. Montegut. 
In: Revue des deux Mondes, Mars. 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 443 


42. Boileau, Gilles. — Gilles Boileau de Bouillon, sa vie et 
ges ouvrages, par H. Helbig. 
In: Bibliophile belge, J uillet. 

Wie der Verf. nachweist, La Croix du Maine berichtigend, stammt G. B. 
aus dem Lättichschen, wo auch das Schlofs Bouillon sich findet. Geb. im 
Anf. des 16. Jahrh. diente G. B. Karl V. in vielen Feldztigen, ward dann in 
Cambray angestellt, fiel in Ungnade und flüchtete nach Paris um 1550, wo 
der alte Kriegsmann, um sich zu ernähren, Literat wurde. Zunächst über- 
setzte er und zwar u. a. Davila’s guerra d’Alem. und das 9. Buch des Ama- 
dis (die andern hatte bereits sein Gönner Des Essarts übertragen) ins Fran- 
zösische (1552). Letztere Uebersetzung edirte und unter seinem eigenen Na- 
men Claude Collet de Rumilly im folgenden Jahre von Neuem. — 1555 gab 
G.B. unter dem dem Amadis entlehnten Namen: Darinel Tirel ein didacti- 
sches Werk halb in Prosa, halb in Versen, eine Cosmographie enthaltend, 
heraus: La Sphère des deux Mondes. Später lebte er von der Publication 
von Prognostications, Kalenderprophezeiungen. Ueber sein Ende ist nichts 
bekannt. Der Verf. hält es nicht für unmöglich, dafs der berühmte Boileau 
sein Nachkomme gewesen. Am Schlufs ist ein Verzeichnifs der Werke ge- 
geben. 

43. Buffon. — De quelques manuscrits de Buffon. Art. de 
Flourens. [s. J. 58, N° 45]. 
In: Journ. d. Savants, Fevr., Mars, Avril (Fin). 
44. Charles d'Orléans. — Les deux prisonniers de Windsor, 
Charles d'Orléans et Jacques I d’Ecosse, par Délécluse. 
In: Magasin de Librairie, N° 23. 

Danach auch selbständig erschienen, 8°. 56 p. 

45. Chateaubriand. — M. de Chateaubriand, publiciste et 
homme politique, par A. Lefeore-Pontalis. 

In: Revue des deux Mondes, Février. 

Knüpft an das Werk von Villemain an (s. J. 58, N° 46). 

46. Chateaubriand. — Chateaubriand et son temps, par le 
comte de Marcellus. 8°. XXII, 506p. 74 Fr. 

47. Chrestiens de Troyes. — Der deutsche Parzival, der 
Conte del Graal und Chrestiens’ Fortsetzer, von Alf. Rochat. 

In: Pfeiffer’s Germania, p. 414—420.. 

Dieser Artikel schliefst sich ergänzend an N° 47 d. J. 58 an. 

48. Desorgues. — Théodore Desorgues, par Ch. Asselineau. 
In: Bulletin du biblioph. et du biblioth., Avril. 

Dieser fast ganz verschollene Dichter der franz. Revolution, welchen Ch. 
Nodier allerdings sehr überschwenglich den ersten ihrer Lyriker nannte, der 
Verf. der am 20. Prärial d. J. 2 gesungenen Hymne à l'Etre suprème, ist der 
Gegenstand der sorgfältigsten Nachforschungen des Verf. gewesen, deren zwar 
nicht sehr reiche, aber darum keineswegs unwichtige Resultate hier niederge- 
legt sind. Denn Desorgues ist, wie der Verf. mit Recht sagt: un iype; le 
produit direct et l'expression même de l'inspiration révolutionnaire. 

49. Du Chastel. — Pierre’ du Chastel, grand aumônier de 
France au 16° siècle, par Lecouvet. 

In: Messager des sciences historiques (de Gand). 

»Travail d’une science solide, complétant et rectifiant les biographies 
existantes“. Biblioph. belge, Nov. 

50. D'Urfé. — Recherches bibliographiques sur le roman 
d’Astree, par Aug. Bernard. 


A Bibliographie. 


In: Bulletin da biblioph. et du biblioth., Aoüt. — Danach 
selbständig erschienen. 8°. 20p. 14 Fr. | 

Der Verf., durch seine Monographie: Les d'Urfé (1889. 8°) zu dieser 
Arbeit besonders berufen, bringt hier mancherlei Neues; so, um nur eines 
wichtigen Punktes hier zu gedenken, weist er nach, dafs der 1. Band der 
Astrée 1608, und nicht 1610, zuerst erschien, von welcher Auflage aller- 
dings kein einziges Exemplar mehr bekannt ist. 


51. Gautier, — Théophile Gautier, notice littéraire par C4. 
Baudelaire, précédée d’une lettre de Victor Hugo. 12°. 75 p. 
1 Fr. 

*52. Gerson. — Essai historique et critique sur les sermons 
francais de Gerson, d’après les manuscrits inédits de la biblio- 
thèque de Tours, par E. Bourret. Tours 1858. 8°. 184 p. 

53. Hébert. — Le Père Duchesne d’Hebert, ou Notice histo- 
rique et bibliographique sur le journal publié pendant les années 
1790 à 1794, précédée de la vie d’Hebert, son auteur, et suivie 
de l'indication de ses autres ouvrages; par Ch. Brunet. 8°. 232 p. 
34 Fr. 

54. Hugo. — La légende des siècles de Victor Hugo; par 
E. Montégut. | 

In: Revue des deux Mondes, Oct. 

Vgl. auch tiber dasselbe Werk einen Artikel in der Bibl univ. de Ge- 
nève, Oct., von Eug. Rambert. 

55. Lamennais. — La correspondence de Lamennais, par 
E. Scherer. 

In: Bibl. univ. de Genève, Janvier. 

56. Le Petit, Claude. — Le poète Claude Le Petit, par Ant. 
Voisin. 

In: Bulletin du Bouquiniste, N° 69. 

Wegen seiner gotteslästerlichen Verse wurde dieser satirische Dichter 
1662, oder 1666 verbrannt. Vgl. unten N° 82. 

57. Maistre, Jos. de. — Le comte J. de Maistre, auteur de 
l’Antidote au congrès de Rastadt. Nouvelles considérations phi- 
losophiques et littéraires, par C. de Chantelauze. Lyon. 8°. 96p. 
1 Fr. 

58. Maistre, Jos. de. — Une question d'histoire littéraire ré- 
solue. Réfutation du paradoxe bibliographique de M. de Chan- 
telauze: le comte J. de M. etc.; par J. M. Querard. 8°. 42 p. 
2 Fr. | 

59. Mérimée. — Ecrivains contemporains. M. Prosper Méri- 
mee; par Gust. Merlet. 

In: Revue contemporaine, Janv. et Févr. 

60. Michelet. — Les derniers ouvrages de Michelet, par E. 
Rambert. 

In: Bibl. univ. de Genève, Avril. 

61. Montaigne. — Des opinions et des jugements littéraires 
de Montaigne, par E. Moët. Auch. 8°. 191 p. 


62. Pellison. — Etude sur la vie et les oeuvres de Pellison. 


Rs Ten. 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 445 


Thèse présenté à la facnlté des lettres de Paris; par F. L. Mar- 
cou. 8°. X,499p. 7 Fr. 

Diese etwas voluminöse „Studie* ist dem bekannten Geschichtschreiber 
der franz. Akademie, Paul Pellisson-Fontanier, gewidmet, welcher mehr durch 
seine Beziehungen zu der letzteren sowie zu den Samedis der Mlle. de Scudery, 
als durch seine Werke eine literaturgeschichtliche Bedeutung hat. Dieser 
Beziehungen ist deshalb auch hier ausführlich gedacht worden. Uebrigens 
spielte Pellisson auch im politischen Leben als Secretär Fouquet’s eine Rolle, 
die ihn schliefslich in die Bastille brachte, aus der er dann, der frühere Pro- 
testant, als leidenschaftlichster Convertit bervorging. Als Anhang sind Briefe 
P.s mitgetheilt. 

63. Polit, Jean. — Poëtes du 16° siècle en Belgique. Jean 
Polit, par H. Kuborn. 

In: Revue trimestrielle, 6° ann. T.II. 

Polit wird hier sowohl als lateinischer, wie als französischer Dichter be- 
trachtet, und zugleich ein längerer Auszug aus seiner Prognosie de l'Estat de 
Liege mitgetheilt. 

64. Quinet. — Edgar Quinet, sa vie et son oeuvre, par Ch. 
L. Chassin. 8°. 477 p. 6 Fr. (12°. 34 Fr.). 

65. Racine. — Les ennemis de Racine au 18° siècle, par 
F. Deltour. 8°. IX, 443p. 5 Fr. 

Dafs Racine vom Beginne seiner Laufbahn bis zu seinem letzten Haupt- 
werk von literarischen Feinden verfolgt wurde, denen es auch gelang, ihm 
die dramatische Production zu verleiden, war bekannt genug; keineswegs aber 
war bisher vollständig genau und im Zusammenhange untersucht: welches 
die Ursachen dieser Feindschaften waren; welche Interessen, welche Leiden- 
schaften sie erzeugten; welchen Charakter die Angriffe, welchen Werth die 
Kritiken hatten; von welchem Einflufs dieselben auf die poetische Entwick- 
lung des Dichters waren. Diese Fragen sucht die interessante Schrift zu 
lösen. Sie zerfällt in zwei Abtheilungen, indem in der ersten die Feinde 
selbst ins Auge gefalst, und ihre persönlichen Motive untersucht werden, in 
der zweiten dagegen die Werke Racine’s einzeln in Betracht gezogen werden 
in Betreff der Angriffe, welche sie in Kritiken, Parodien, Epigrammen u. 8. W. 
erlitten. Diese Abtheilung hat durch vielfältige Citate noch einen besondern 
Werth. S. Journ. d. Sav., Mai. 

66. Regnard. —. Regnard, sa vie et ses oeuvres; par D. L. 
Gilbert. 

In: Revue des deux Mondes, Sept. 

Diese nur 17 Seiten lange Abhandlung hat 1859 den Preis der Beredt- 
samkeit von der Acad. frang. erhalten; sie ist eine blofs ästhetisch kritische 
Skizze, wie sich erwarten läfst, weder umfassend noch erschöpfend, schon 
indem ihr aller historische Hintergrund mangelt; doch enthält sie, von ihren 
stilistischen Vorzügen ganz abgesehen, manche neue treffende und geistreiche 
Bemerkungen. 

67. Rousseau. — Jean Jacques Rousseau et l’isle de Saint- 
Pierre, par H. Caumont. Zürich. gr. 8°. 11 Fr. 

68. Royer-Collard. — Ecrivains et orateurs politiques. Royer- 
Collard; par E. Garsonnet. 

In: Revue contemporaine, Janv. et Févr. 


69. Saint-Pierre. — Étude sur la vie et les écrits de l’abbé 
de Saint-Pierre, par E. Goumy. (Thèse pour le doctorat). 8°. VI, 
332 p. SFr. 


446 Bibliographie. 


70. Souvestre. — Vie d'Emile Souvestre, par Lesbazseilles. 
18°. 36 p. 

Der rt. Souvestre’s Schwiegersohn, bereitet eine Publication der ge- 
sammelten Werke desselben vor, welcher die obige Schrift als Einleitung 
dienen soll. - 

71. Tocqueville. — Publicistes modernes de la France. Ale- 
xis de Tocqueville; par L. de Loménie. : 

In: Revue des deux Mondes, Mai. 

72. Villon. — François Villon, sa vie et ses oeuvres, par 
Ant. Campauz. 8°. 398p. SFr. 

Von diesem Werk bringen wir demnächst eine Anzeige. 

Voiture. — S. weiter unten N° 84. 

73. Voltaire. — Friedrich der Grofse und Voltaire, von J. 
Venedey. Leipzig. gr. 8°. XX,223p. 14 Thlr. 

Ein zwar von einem einseitigen Standpunkt verfafstes, doch ohne Frage 
beachtenswerthes Buch. 


74. Fleurs des vieux poètes liegeois (1550 — 1650) avec une 
introduction historique par N. Peetermans, recueil publié et ac- 
compagné de notices biographiques, par H. Helbig. Liege. 12°. 
XLVII, 173 p. 

Enthält Dichtungen von Gilles Boileau, Jacques Bouloigne, Lambert 
Suavius, Jean Polit, Pierre Renson, André de Somme, G. Thourin, J. Ca- 
storan, J. de Glen, Remacle Mohy du Rondchamps, N. Hallet, Denis Coppee, 
P. Bello, G. de Rasyr, L. Mélart, Edm. Breuche de la Croix. Die Dich- 
tungen sind zum grüfsten Theile von ungemeiner Seltenheit. Sehr schätz- 
bare biographisch-bibliographische Nachrichten gehen den einzelnen Dich- 
tern voraus; während das ganze Werkchen eine von Hrn. Peetermans verfafste 
treffliche Skizze der poetischen Entwicklung des Lütticher Landes während 
der angezeigten Periode einleitet — welche Skizze danach auch selbständig 
erschienen ist. Durch dieselbe wird die Bedeutung der Sammlung, deren 
ästhetisches Interesse hinter dem literarhistorischen ganz zurticktritt, sogleich 
in das rechte Licht gesetzt. Das letztere Interesse ist auch ein allgemeine- 
res, indem sich hier zeigt, wie die verschiedenen Tonarten und Wandlungen 
der Poesie Frankreichs in jenem fernen Grenzgebiet der französischen Sprache 
alsbald ihr Echo fanden. 

75. S’ensuyvent plusieurs Ballades contre Bourbon; publ. par 
P. L. Jacob. 

In: Bullet. du biblioph. et du biblioth. Mars, p. 177 ff. 

An der bezeichneten Stelle hat der bekannte Bibliophile unter dem Ti- 
tel: Découverte d'un petit livre curieux renfermant des invectives poétiques 
contre la trahison du connétable de Bourbon en 1523, dieses merkwürdige 
Büchlein, dessen eigenen Titel wir oben verzeichneten, textgetreu abgedruckt. 
Es enthält übrigens 2 Balladen und 4 Rondeaux. Eine kurze bibliographi- 
sche Beschreibung des alten Drucks ist beigefügt. 

76. Li dis de la pasque, herausgeg. von A. Tobler. 

In: Archiv f. d. Studium d. neuern Spr. XXVI, 3. u. 4. Heft. 

Dieses 100 Verse umfassende Dit ist aus derselben Handschrift publicirt, 
welcher der Herausgeber das von uns gebrachte Dit du Magnificat Condés 
entnommen hat. S. oben p. 82. 

77. Les miracles de Saint-Eloi. Poëme du 13° siècle, publié 


vi 


ee ‘+ 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 447 


pour la première fois d’après le manuscrit de la bibliothèque 
bodleyenne d'Oxford, et annoté par Peigne Delacourt. 8°. (Mit 
Kapfern). 


78. Recueil de farces, soties et moralités du 15° siècle, réunies 
pour la première fois et publiées avec des notices et des notes, 
par P. L. Jacob, bibliophile. (Bibl. gauloise). 16°. XXXIX, 454 p. 
5 Fr. ; 
Laut der Vorrede beabsichtigt der Herausg. in einer chronologisch ge- 
ordneten Sammlung alle die vereinzelten Publicationen von Farcen, Soties und 
Moralités (deren so viele in den letzten Decennien, aber meist in sehr wenig 
zugänglichen Ausgaben erschienen) zu vereinigen (Sammlungen als die bei 
Techener 1831, und die in der Bibl. elzev. erschienene, bleiben, wie schon 
angedeutet, ausgeschlossen). Das vorliegende Buch wird nun als erster Pro- 
beband des beabsichtigten Unternehmens, welches den vollsten Beifall ver- 
dient, dargeboten. Es umfafst die drei bekannten Stücke, deren Held Pa- 
thelin ist, dann die Moralite de l'Aveugle et du Boiteux, die Farce du Munyer, 
und die Sotie: La Comdamnacion de Bancquet, alle begleitet von literarhisto- 
rischen Einleitungen und einem längeren Vorwort über das mittelalterliche 
Theater Frankreichs überhaupt. Reiche sprachliche und sachliche Anmerkun- 
gen, das Verständnifs zu erleichtern, sowie Angabe der Varianten und man- 
che einzelne Textverbesserungen erhöhen den Werth der Publication. 

79. Maistre Pierre Pathelin, suivi du nouveau Pathelin et du 
Testament de Pathelin, farces du 15° siècle. Nour. éd. avec des 
notices et des notes, par P. L. Jacob, bibliophile (Bibl. gaul.). 16°. 
VII, 211p. 5Fr. 

Scheint ein blofser Abdruck der Trilogie des Pathelin aus dem vorher 
gehenden Recueil. 


80. Histoire maccaronique de Merlin Coccaie, prototype de 
Rabelais, où est traicté les ruses de Cingar, les tours de Boccal, 
les adventures de Léonard, les forces de Fracasse, les enchante- 
ments de Gelfore et Pandrague et les rencontres heureuses de 
Balde, avec des notes et une notice par G. Brunet. Nouv. éd. re- 
vue et corrigée sur l’edition de 1606, par P. L. Jacob, bibliophile. 
(Bibl. gaul.). 16°. LV,452p. 5 Fr. 

Eine neue Ausgabe der ersten franz. Uebersetzung der macaronischen 
Gedichte des bekannten Teofilo Folengo, welcher dieselben unter dem Na- 
men „Merlinus Coccajus“ schrieb (erste Gesammtausg. Venedig 1521). Dafs 
Folengo, der erste macaron. Dichter von Bedeutung, auf Rabelais einen Ein- 
flufs ausgeübt, ist unverkennbar, auch wenn es nicht die Anführungen von 
Rabelais selbst bestätigten. Uebrigens ist, wie bemerkt, die im Titel citirte 
Ausgabe von 1606 die erste der angezeigten Uebersetzung. S. über dieselbe, 
wie über Folengo’s Werke selbst Genthe, Gesch. der macar. Poesie p. 99 ff., 
namentlich p. 122. 

81. Variétés historiques et littéraires. Recueil de pièces vo- 
lantes, rares et curieuses, en prose et en vers. Revues et an- 
notées, par E. Fournier. Tome IX. (Bibl. elzévir.). 16°. 368 p. 
5 Fr. 

Die Sammlung begann 1855 zu erscheinen, Der vorliegende Band ent- 
hält 26 Werkchen, theils in Versen, theils in Prose, vornehmlich aus dem 
Anfange des 17. Jahrh., welche sämmtlich mehr oder weniger mit der Tages- 


448 Bibliographie. 


geschichte zusammenhängen. Die meisten haben kaum ein directes literatur- 
geschichtliches Interesse; in letzterer Beziehung ist wohl am bedeutendsten 
die in 1000 Versen geschriebene, daher auch La Milliade genannte, ihrer Zeit 
sehr berühmte Satire gegen Richelieu, welche den Titel führt: Le gouverne- 
ment present ou éloge de son Eminence. 

82. Paris ridicule et burlesque au 17° siecle, par Claude Le 
Petit, Berthod, Scarron, Colletet, Boileau etc. Nouv. éd. revue et 
corrigée avec des notes, par P. L. Jacob, bibliophile (Bibl. gaul.). 
16°. XXVII, 371 p. 5Fr. 

In dieser Sammlung sind eine Anzahl burleske Dichtungen, welche Paris 
zum Gegenstand haben, wieder abgedruckt; sie haben, aufser dem kulturge- 
schichtlichen, zum Theil auch kein geringes literarisches Interesse. Die erste 
ist vielleicht die bedeutendste: Paris ridicule von Cl. Le Petit, zuerst 1668 
in Amsterdam erschienen. @. Brunet im Bibl. belge, Mai 1860 sagt davon: 
„Il y a dans ce poëme, entaché de négligences et d’incorrections, une verve, 
une énergie, une couleur, qu’on ne trouve que chez les poëtes de l’école de 
Saint-Amant “. — Es folgen dann: La ville de Paris, en vers burlesques von 
Berthod, 1652 erschienen; Le Tracas de Paris, en v. burl. von Colletet; La 
Foire de Saint-Germain von Boileau; Les Cris de Paris in Strophen von 
4 Versen; endlich Relevé de la despence qui se fait par chacun en dedans la 
ville de Paris, eine erdichtete Statistik. 


83. Recueil des historiens des croisades, publié par les soins 
de l’Académie des inscriptions et belles-lettres. Historiens occi- 
dentaux. Tome II. fol. XXX, 828 p. 30 Fr. 

Der erste Band erschien 1844, und war ganz der Geschichte des Guill. 
de Tyr gewidmet; der vorliegende bringt nun dessen Fortsetzer. Zwei franz. 
Texte des 18. Jahrh. von grofsem histor. und philol, Werth werden hier mit- 
getheilt, nämlich: L’Estoire de Eracles empereur et la conqueste de la terre 
d'Outremere (11835— 1277) in 34 Büchern; und La continuation de Guillaume 
de Tyr (1229 — 1261) dite du manuscrit de Rothelin. Die Texte sind von 
den Herausgebern, Ph. Lebas und H. Wallon, mit gröfster Sorgfalt festgestelit, 
unter Mittheilung aller Varianten. Zahlreiche Noten, sowie ein Glossaire ms 
chen die Ausgabe noch werthvoller. Journ. d. Sav., Févr. 1860. 

84. Lettres du comte d’Avavr à Voitvre, suivies de pieces 
inedites extraictes des papiers de Conrart, et pvbliées par Amédée 
Rovr. Lyon. 8°. IV,138p. 6Fr. 

Der mit Voiture sowie mit Balzac befreundete Graf d’Avaux ist der be- 
kannte Gesandte Frankreichs beim westphälischen Frieden. 

85. Correspondance inédite de Mad. du Deffant, publiée par 
le Marquis de Sainte-Aulaire. 2 Vol. 8°. LXXX VIL 928 p. 15Fr. 

Wegen der nahen Beziehungen der Verfasserin zu Voltaire und Horace 
Walpole von Wichtigkeit; vom erstern finden sich auch einige Briefe. 


86. Littérature wallonne. — Pièces anciennes. 

In: Bullet. de la Société liegeoise de littér. wallonne, 1858 
—59; Ann. I und II. 

Ende des Jahres 1856 constituirte sich die genannte Gesellschaft, als 
deren Zweck der 1. Artikel ihrer Statuten bezeichnet: encourager les produc- 
tions en Wallon liegeois; propager les bons chants populaires; conserver sa 
pureté à notre antique idiome, en fixer autant que possible l'orthograpke et les 
règles, et en montrer les rapports avec les autres branches de la langue Ro- 
mane. Diesen Zweck sucht die Gesellschaft vornehmlich durch jährliche 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 449 


Preisausschreibungen wall. Gedichte, sowie histor. und philol. Untersuchungen 
in Betreff des Wallonischen, zu erreichen; ihre Bemühungen sind bereits sehr 
erfolgreich gewesen, wie die in den Bulletins abgedruckten Preisdichtungen, 
Lieder und Komödien vornehmlich, zeigen. (Auf dieselben sei hier im Vorbei- 
gehen als auf werthvolle Quellen für das Studium dieses Dialectes hingewie- _ 
sen.) Ein kleinerer Theil der Bulletins ist der Herausgabe „alter Stücke“ ge- 
widmet, welche Abtheilung uns hier zunächst allein angeht. So enthält der 
1. Jahrg. eine Ode vom J. 1620 (das älteste bekannte poetische Product) und 
eine Pasquée (satir. Ged.) von 1782; der 2. Jahrg. u. a. eine Moralite aus 
der ersten Hälfte des 17. Jahrh., und Les premiers documents liégeois écrits 
en français (1233—36), unter den drei Urkunden (Verträgen) sind zwei hier 
zuerst edirt von Hrn. Ul. Capitaine. 


87. Adam de Saint-Victor. — Oeuvres poétiques etc. [s. J. 
58, N°95]. Tome H (dernier). 512 p. 

88. Adenes. — Cleomades: conte traduit en vers français mo- 
dernes du vieux langage d’Adenes le Roy, contemporain de 
Chaucer; par le chev. de Chatelain. London. 8°. 38. 6 d. 

Von dem Cleomadès des Brabanter Dichters hat schon Reiffenberg be- 
kanntlich (in seiner Introduction zu Ph. Mouskes, p. CLXXIIT) ein kleines 
Fragment veröffentlicht; nach Ferd. Wolf, Altfr. Heldenged. p. 84, wurde der 
Roman zwischen 1280 und 1283 verfafst — Die vorliegende Uebersetzung 
wird in dem Athenaeum, Oct. gerlihmt; nach demselben hat der Uebers. zu- 
gleich durch eine Vergleichung des Romans mit The Squier’s tale nachzuweisen 
versucht, dafs diese Erzählung Chaucer’s ihn zum Vorbild gehabt habe; auch 
den Roman Berthe au grand pied desselben Adenès scheine Chaucer gekannt 
zu haben (worauf übrigens auch schon Andre aufmerksam machten), wie die 
Uebereinstimmung des Eingangs dieses Romans und der Canterbury tales 
zeige. 
89. Basin. — Histoire des regnes de Charles VII et de Louis XI 
par Thomas Basin, évêque de Lizieux, jusqu'ici attribuée à Amel- 
gard, publiée pour la première fois, avec les autres ouvrages his- 
toriques du même écrivain, pour la Société de l’histoire de France, 
par J. Quicherat. Tome IV (dernier). 8°. VII, 508 p. 

Das Werk begann 1856 zu erscheinen, der vorliegende Band enthält u. a. 
das Breviloquium, eine Autobiographie in allegorischer Form. — Als Anhang 
sind viele Documente, die sich auf Basin beziehen, abgedruckt. S. Journ. 
des Savants, Aoüt. | 

90. Béranger. — Correspondance de Béranger, recueillie par 
P. Boiteau. 4 Vol 1859—60. 8°. 24 Fr. - 

91. Brantôme. — Oeuvres complètes etc. (Bibl. elzév.) Tome 


III. [s. J. 58, N° 102]. 351p. 5 Fr. 

92. Brifaut. — Oeuvres [s. J.58, N° 104]. Tomes IV—VI. 
(Schlufs). Der Band 6 Fr. 

93. Bussy-Rabutin, — Correspondance [s. J. 58, N° 105]. 
Tom. I—IV. 1475p. Der Band 34 Fr. 

94. Charles IX. — Livre du Roy Charles. De la chasse du 
cerf, publié pour la première fois d’après le mscr. de la Bibl. de 
l’Institut, par H. Chevreul. (Mit Porträt). 8°. LXVII, 96 p. 

Von demselben Herausg. wurde 1858 auch eine neue Ausgabe der Chasse 


royale desselben Königs edirt. 
II. 4. 30 


450 Bibliographie. 


95. Chartier. — Chronique [s. J. 58, N° 109). Tom. II — IIL 
762p. 10Fr. 

96. Chateaubriand. — Oeuvres complètes de Chateaubriand. 
Nouv. éd. revue avec soin sur les éditions originales, précédée d’une 
étude littéraire par Sainte-Beuve. 12 Vol. gr. 8°. 60 Fr. 

97. Consinot. — Chronique de la Pucelle, ou Chronique de 
Cousinot, suivie de la Chronique normande de P. Cochon, rela- 
tives aux règnes de Charles VI et Charles VII, restituées à leurs 
auteurs et publiées pour la première fois intégralement à partir 
de l'an 1403, d’après les manuscrits. Avec notices, notes et dé- 
veloppements, par Vallet de Viriville (Bibl. gaul.). 16°. 544 p. 
5 


Wie der Herausg. in einem früher in der Académie des inscr. gelesenen, 
hier wieder abgedruckten Mémoire zeigt, erscheinen die beiden Chroniken: 
Gestes des nobles Francoys descendus du roy Pirame und Chronique de la Ps 
celle, nur als beträchtliche Fragmente einer allgemeinen Chronik, welche Jean 
le Féron im 16. Jahrh. unter dem Titel: Chronique de Cousinot citirt — em 
Werk des Kanzlers Cousinot und seines Sohnes Guillaume Cousinot de Mont- 
reuil. Journ. d. Sav., Mai. Vgl. auch Notices et extraits des mscr. de la 
Bibl. imp. T. XIX. 

98. Descartes. — Oeuvres inédites de Descartes, précédées 
d’une introduction sur la methode, par le comte Foucher de Ca- 
reil. 1° partie, 8°. 5 Fr. 

Diese Inedita wurden auf der kônigl. Bibliothek in Hannover entdeckt, 
wohin sie mit den Papieren von Leibnitz gekommen waren. Sie bestehen aus: 
Fragments relatifs à la science de la nature und Pensées, welche das Datum 
1619 tragen. Die Fragments sind übrigens lateinisch geschrieben. 

99. François de Sales (Saint). — Oeuvres complètes [s.J.58, 
N°116]. Tomes VI—IX. 560, 632, 586, 587 p. 


100. Garnier de Pont Sainte-Maxence. — La vie de Saint 
Thomas, le martyr archevêque de Canterbury, par Garnier de 
Pont Sainte-Maxence, poëte du 12° siècle, publiée et précédée 
d’une introduction par C. Hippeau. 8°. LVIIL 228 p. 6 Fr. (Coll 
d. poëtes franç. du moyen-âge, T. I‘). 

Nur in 850 Exemplaren. — S. oben p. 858 ff. die Anzeige von Pey. 

101. Gerson. — Sermon inédit de Jean Gerson, sur le re- 
tour des Grecs à l’unité, prêché en présence de Charles VI, en 
1409, publié pour la première fois d’après le mser. de la Bibl. 
impériale, par le prince Aug. Galitzin. 4°. 55 p. 

102. Gilbert. — Oeuvres de Gilbert, précédées d’une notice 
historique par Ch. Nodier. Nouv. ed. 12°. 2; Fr. 

103. Lafontaine. — Oeuvres complètes de Lafontaine, pu- 
bliées d’après les textes originaux, accompagnées de notes et 
suivies d’un lexique, par Ch. Marty-Laveaux. (Bibl. elzév.). Tome 
III. 16°. 5 Fr. 

Der Band enthält: Psyche; Le songe de Vaux; Lettres. Die beiden er- 
sten Bände erschienen 1857. 

104. Lamotte. — Les paradoxes littéraires de Lamotte, ou 
discours de cet Académicien sur les principaux genres de poèmes, 
réunis et annotés par B. Jullien, et reimprimés avec le concours 


I. Zur französischen Literaturgeschichte. 451 


de js Société des méthodes d'enseignement. 8°. XIX, 568 p. 
+ Fr. 

105. Le Doyen — Annalles et chronicques du pais de Laval 
et parties circonvoisines, depuis l’an de N. S. Jhésu-Crist 1480 
jusqu'à l’année 1537, avec préambule retrospectif du temps an- 
tique; jadis composées par feu maître Guillaume Le Doyen, en 
son vivant notaire royal au comté de Laval; publiées pour la 
première fois par H. Godbert, avec notes et éclaircissements par 
L. Beauluère. Laval. 8°. XXIII, 400 p. (Mit Holzschn.) 7 Fr. 

Von dieser Reimchronik wurde zuerst ausführliche Nachricht mit Auszti- 
gen gegeben in dem Journ. d. l'Ecole d. Ch. Ser. II. T. 8, p. 861 fi. von 
Eug. de Certain. Das Buch ist u. a. auch für die Geschichte des mittelal- 
terlichen Theaters eine wichtige Quelle. 

106. Maistre, Jos. de. — Lettres inedites du comte Joseph 


de Maistre. Saint-Petersbourg. 

Fünf an den Admiral Tchitchagof gerichtete Briefe. Früher in den Ar- 
chiven der russischen Admiralität, sind sie an die kais. Bibliothek übergegan- 
gen, von deren Vorstand sie publicirt werden. 

107. Matfre Ermengau. — Das provenzalische didactische 
Gedicht Breviari d’amor des Matfre Ermengau de Beziers, von 
Sachs. 

In: Archiv f. d. Stud. der neuern Spr. XXV, p. 413 ff. und 


XXVI, p. 49 ff. 


Nach einer Einleitung, welche sich über die Handschriften, sowie über 
das Verhältnifs des Gedichts zu andern mittelalterlichen Werken vornehmlich 
verbteitet, werden im erst genannten Heft Vers 1—261 mitgetheilt, im andern 
folgen weitere Auszüge, worunter die gröfsern V. 3624—-8773, 44674546, 
4597 — 4800, 4838— 4917. 

108. Maurice de Sully. — Les sermons de Maurice de Sully 
d’après un manuscrit français de l’abbaye de Jumièges, par Eug. 
de Beaurepaire. Avranches. 8°. 20 p. 

109. Monstrelet. — Chronique [s. J.58, N° 130]. Tome UI. 
XIX, 430p. 9Fr. 

110. Montaigne. — Essais de Montaigne, précédés d’une étude 
biographique et littéraire par Alfr. Delvau. ? Vol. 8°. 2Fr. 

111. Moreau. — Oeuvres de Hégésippe Moreau. Nouv. éd. 
précédée d’une notice littéraire par Sainte-Beuve. 12°. 34 Fr. 

Die Werke sind: Myosotis; Poésies diverses; Contes en Prose. Der Dich- 
ter lebte von 1810-1838. - ; 

112. Philippe de Reimes. — The romance of Blonde of Ox- 
ford and Jehan of Dammartin, by Philippe de Reimes, a trou- 
vère of the thirteenth century. Edit. by Le Roux de Lincy. (Printed 


for the Camden Society). 
S. über dies hier zum ersten Mal edirte Werk De la Rue II, 366 ff. und 
Hist. litt. de France XXII, 778 ff. Der Dichter schreibt sich selbst übrigens 


Ph. de Reim oder auch Rim. Vgl. über ihn noch Hist. 1. d. Fr. XX, 394 ff. 
und XXIII, 680. 

113. Pierre de Corbiac. — Le Trésor de Pierre de Corbiac 
en vers provençaux, publié en entier, avec une introduction et 
des extraits du Bréviaire d'amour de Matfre Ermengau de Beziers, 


30 * 


458 Bibliographie. 


de l'Image du Monde de Gautier de Metz et du Tresor de Bru- 
netto Latini, par Dr. Sachs. Brandenburg. 4°. 34p. 10 Sgr. 

Von diesem Buche bringen wir demnächst eine ausführlichere Anzeige. 

414. Piron. — Oeuvres inédites de Piron (prose et vers), ac- 
compagnées de lettres également inédites adressées à Piron par 
Miles Quinsalt et de Bar, publiées sur les manuscrits autogra- 
phes originaux, avec une introduction et des notes, par Honoré 
Bonhomme. 12°. 445 p. (Mit Facsim.) 34 Fr. 

445. Piron. — Vers inédits de Piron, publ. par Hon. Bon- 
homme. . 

In: Bulletin du biblioph. et du biblioth., Juin. 

Von Alexis Piron; auch ein Neffe desselben, sei hier gelegentlich ange- 
merkt, Bernard, Enkel Aimé’s, hat sich als satirischer Dichter versucht, wo- 
von in demselben Journal, Novemberheft, Hon. Bonhomme Nachricht gibt. 

116. Rigault. — Oeuvres complètes de H. Rigault, précédées 
d'une notice biographique et littéraire par Saint-Marc Girardin. 
4 Vol 8°. XXXVI,2263 p. 25 Fr. 

8. den franz. Jahresbericht im folg. Heft. Vgl. auch Bulleän du bibliopk. 
et du biblioth., Déc. 

117. Rivaudeau. — Les oeuvres poétiques d'André de Ri- 
vaudeau. Nouv. éd. publiée et annotée par C. Mourein de Sour- 
deval. 8°. 255 p. 

Dieser Dichter, gebürtig aus Poitou, blühte um die Mitte des 16. Jahrh. 
Seine „Werke“ erschienen zu Poitiers 1566. Dieselben umfassen eine Tra- 
gödie Aman, und zwei Bücher: Complaintes und Poesies diverses. — Eine Be- 
sprechung dieser Publication von F. Giraudeau, s. in Revue contemp., Juill. 
et Août. 

118. Wace. — La vie de la Vierge Marie de Maître Wace, 
publiée d'après un mscr. inconnu aux premiers éditeurs, suivie 
de la vie de Saint George, poëme inédit du même trouvère. 
Tours. 8°. XXIV, 117 p. 

Aus demselben Manuscript von Tours, aus welchem der verdiente Herausg. 
das unter dem Titel Adam 1854 publicirte Mystère geschöpft hat, verôffent- 
licht er die beiden vorstehenden Gedichte. Das erstere ist allerdings schon 
1842 nach einer Pariser Handschrift unter dem Titel L’Etablissement de la 
fête de la Conception etc. von Mancel und Trebutien herausgegeben worden; 
die Handschrift von Tours zeichnet sich aber durch eine bessere Conservirung 
des normännischen Dialects, sowie durch manche neue, sehr wesentliche Feh- 
ler der Pariser Ausgabe verbessernde Lesarten aus. (S. übrigens über das 
Gedicht selbst Du Meril, La vie et les oeuvres de Wace, im vorigen Bande, 
p. 18 ff.) — Das zweite Gedicht, von 498 Versen, ist ein Ineditum, das m 
mehrfacher Beziehung interessant und wichtig ist, von dem Herausg. aber 
mit Unreeht Wace zugeschrieben wird, wie auf Grund des oben citirten Auf- 
satzes von Du Méril, der dem Herausg. offenbar noch nicht bekannt war, er- 
"scheint; über das Verhältnifs des Gedichts zu dem altdeutschen von Reinbot, 
mit welchem es manche bedeutenden Berührungspunkte hat, so dafs es von 
Einigen als Original desselben angesehen wurde, s. die eingehende Anzeige 
von Bartsch in Pfeiffer’s Germania IV, 501 ff. 

119. Wavrin. — Anciennes chroniques [s. J. 58, IN° 143). 
Tome U. V,410p. 9Fr. 


I. Zur englischen Literaturgeschichte. 453 


IL Zur englischen Literaturgeschichte. 
A. 


120, The Bibliographer”s Manual of English Literature etc. 
By W. Th. Lowndes. New ed. [s. J. 58, N° 144]. Vol. II, part 2. 


121. Trübner's Bibliographical Guide to American Literature. 
A classed list of books published in the United States of Ame- 
rica during the last forty years, with bibliographical introduction, 
notes and alphabetical index. 8°. CXLIX, 554p. 188. 

Der Herausg. ist ein aus Deutschland stammender, aber schon seit Jah- 
ren in London etablirter angesehener Buchhändler, Hr. Nicolas Trübner. Die 
sehr inhaltreiche Introduction umfafst: Bibliographical Prolegomena; Contri- 
butions towards a History of American Literature (verf. von Benjamin Mo- 
ran); Public Libraries of the United States (verf. von Edward Edwards). 
Die Contributions geben eine gedrängte, aber sehr vollständige Geschichte der 
Literatur Amerikas seit den frühsten Zeiten. — Nach dem Bookseller (Febr.) 
übertrifft dieses Werk nicht nur die bisherigen amerikanischen Bibliographien 
durch Vollständigkeit, sondern zeichnet sich auch durch grofse Genauigkeit aus. 

122. A critical Dictionary of English Literature and British 
and American Authors, living and deceased; from the earliest 
accounts to the middle of the nineteenth century. Containing 
30,000 biographies and literary notices. With forty indices of 
subjects. By S. Austin Allibone. Philadelphia. 8°. Vol. I (A—J). 
1004p. 248. 

Es werden bei jedem Schriftsteller die wichtigsten Daten des Lebens, 
dann die einzelnen Schriften mit ihren verschiedenen Ausgaben aufgeführt; 
hieran schliefsen sich noch kurze Urtheile, theils aus Literaturwerken, theils 
aus Journalen geschöpft. Die Ausführung ist nicht überall eine gleichmäfsige; 
namentlich sind die Amerikaner weitläufiger als die Engländer behandelt. 
Der Refer. des Athenaeum (March) rühmt, nur wenige Irrthümer gefunden zu 
haben; die Literary Gazette (May), obwohl sie Parteilichkeit und Geschwät- 
zigkeit dem Verf. zum Vorwurf macht, erklärt doch: „Perhaps few printed books 
in existence contain so many names of authors not generally known, and not 
a few of which have generations ago sailed down the stream of oblivion.“ 


123. Chambers Cyclopaedia of English Literature etc, New 
ed. [s. J.58, N° 147]. Vol. II (1859—60). XVI, 816p. 88. 

Das Werk ist damit beendet. 

124. Geschichte der englischen Literatur mit besonderer Be- 
rücksichtigung der politischen und Sitten-Geschichte Englands; 
von St. Gätschenberger. Band I. (Das Mittelalter. Die Romantik 
bis zu den Zeiten der Königin Elisabeth.) Prag. 8°. VIII, 300 p. 
21 Thir. 

„Das von dem Verf. benutzte Material ist unvollständig, und die Benut- 
zung zeigt, dafs es ihm nicht gelungen ist, seinen Stoff zu verarbeiten. Er 
hat, wie schon der Titel besagt, die Geschichte und Kulturgeschichte Eng- 
lands berücksichtigt, und gibt namentlich in letzterer Beziehung manches in- 
teressante Detail; aber auch hier macht seine Darstellung den Eindruck, dafs 
er nicht das ganze Gebiet beherrscht, sondern nur gelegentlich Compilirtes 
bietet. Von den übrigen verwandten Literaturen hat der Verfasser eine schwa- 


che Kenntnifs.“ Liter. Centralblatt, Sept. | 
125. Uebersicht der englischen Literatur im neunzehnten Jahr- 


454 Bibliographie. 


hundert, von Jul. Schmidt. Sondershausen. 8°. 194 p. 1 Thlr. 
(Abdr. aus: Die Wissenschaften im 19.Jahrh. 2. Bd.). 


*126. Zur Kritik des angelsächsischen Volksepos, von Hi 
lenhoff. 

In ; Haupt'e Zeitschr. f. deutsches Alterthum, Bd. XI, Heft 2, 
P In diesem Aufsatz bespricht der Verf. zwei kleinere Stücke des Exeter- 
buchs, nämlich Deörs Klage und das Vidsiölied. Mit dem ersteren wird der 
Versuch zur Herstellung eines regelmäfsigen Strophenbaues gemacht, inden 
durch Ausscheidung von V. 17 und V. 28-34, sowie durch Vertauschung von 
V. 14—16 mit V. 18-19 Strophen von abwechselnd 5 und 6 Zeilen gewor- 
nen werden. Von dem VidsiÖlied wird der sachliche Inhalt, namentlich in 
Bezug auf die zahlreichen darin vorkommenden Personen- und Völkernamet, 
ausführlich besprochen. — yo. — 10: 

127. Die Räthsel des Exeterbuchs. Würdigung, Lösung und 
Herstellung, von Dietrich. 

In: Haupt’s Zeitschr. f. deutsches Alterthum, Bd. XI, Heft à 
p. 448—490. 

In dieser, ebenso gelehrten, als anziehend geschriebenen Abhandlung, 
wird eine Lösung sämmtlicher 90 Räthsel jenes Buchs, von welchen ein Theil 
mindestens Cynevulf zum Verf. hat (vgl. d. vor. Band des Jahrb. p. 244 Ê), 
zuerst versucht, indem bisher im Ganzen nur zwölf Lösungen von sechs WW 
schiedenen Gelehrten bekannt geworden sind. Im Eingang erörtert der Vor 
zugleich die Quellen der Räthsel, worunter namentlich des Symposius und des 
Aldelmus Aenigmate. 

128. The Minstrelsy of Scotland. 

In: Quarterly Review, April. 

Ueber Aytoun’s Sammlung — s. unten No. 182 — Rogers The mn 
scottish minstrelsy (1856) und das Werk Maidment's — s. unten "0. 18 
Den Hauptinhalt des Artikels bildet eine gut geschriebne, recht 
liche Skizze der Literargeschichte der schottischen Balladen, d. h. vom 
lich ihrer Sammlungen. 

‚129. The Romantic Scottish Ballads, their epoch and Le 
ship; by Rob. Chambers. Edinburgh. 8°. 18. 6d. (Aus den Bü 


die man be 
e ausgegt 
Sir Patrick 


Heresy; by Norval Clyne. Aberdeen. 
Der pseudonyme Verf. bekämpft mit Erfolg die eben aufgefü 
von Chambers, indem er namentlich die sprachlichen Einwürfe durc 


hrie Schrif 
b peispiel 


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II. Zur englischen Literaturgeschichte. 455 


aus alten Gedichten und Balladen von authentischem Alter, die sich eben der 
als modern angefochtenen Ausdrücke auch bedienen, zurückweist. 

131. Lectures on the British Poets, by H. Reed. New ed. 
418 p. 8°. 38. 


"132. Bericht über das altenglische Enterlude „The disobedient 
child“; von Fritsche (Gymnasialprogr.). Thorn. 1858. 4°. 20 p. 
133. Bericht über zwei altenglische Stücke, von Fritsche. 

In: Herrig’s Archiv f. d. Stud. d. neueren Spr. XXVI, 1. Heft. 

Die beiden Stücke sind: 1. das bekannte A Looking Glasse for London 
and England, made by Thomas Lodge and Robert Green, London 1617; 2. 
The shoomakers holyday or the gentle craft, with the humorous life of Si- 
mon Eyre, shoomaker and Lord Mayor of London. As it was acted before 
the Queenes most excellent Maiestie on Newyeares day at night, by the right 
Honorable Early of Nothingham, Lord High Admirall of England, his ser- 
vants. London, pr. f. John Wright. 1618. (34 Bl.) Beide Stücke befinden 
sich — zugleich mit dem vorstehend (N° 132) erwähnten Enterlude — in ei- 
ner Sammlung altenglischer Theaterstücke in 4°, die der Danziger Stadtbi- 
bliothek angehört. Der Verf. gibt hier von beiden Stücken eine ausführliche 
Inhaltsangabe und zwar, was sehr zu loben, nach dem Verlauf der Scenen. 
Ueber das erste s. Collier, hist. of Engl. dram. poetry III, p. 218f. Von dem 
zweiten bemerkt der Verf., dafs er das Stück nirgends erwähnt gefunden, und 
das ihm vorliegende Exemplar vielleicht ein unicum sei. Der Verf. setzt seine 
Abfassung zwischen 1591 und 1604. Uebrigens theilt das Stück, von dem 
auch ein paar Auszüge mitgetheilt sind, die Vorzüge und Fehler der grofsen 
Masse der Bühnenproducte seiner Zeit: Reichthum der Handlung, naturalisti- 
sche Lebendigkeit der Charakterzeichnung und des Dialogs, aber Mangel der 
Composition, Incorrectheit der Sprache etc. Kulturgeschichtlich ist es durch 
die getreue Zeichnung des Handwerkerlebens von besonderem Interesse. Seine 
vollständige Publication wäre daher recht wünschenswerth. : 

134. Les Contemporains de Shakespeare, p. Alfr. Mézières. 

In: Magasin de Librairie. 1859, Tom. II, 389 p. etc. II, 77 p. 
etc. IV, 46 p. etc. 

Der Autor, ein Sohn des Verf. der Histoire critique de la littérature 
anglaise, ist Professor der ausländischen Literatur in Nancy. 

135. English Actors in Germany, by A. Cohn. 

In: Athenaeum, June, 

In dieser interessanten Mittheilung liefert der Verf. den urkundlichen Be- 
weis — durch ein Pafsgesuch — dafür, dafs englische Schauspielergesellschaf- 
ten, und zwar aus Nationalengländern bestehend, im Anfang der neunziger 
Jahre des 16. Jahrh. schon Kunstreisen nach Deutschland unternahmen. Die- 
ser namentlich für die deutsche Literatur- und Bühnengeschichte so wichtige 
und bis dahin so dunkle Punkt empfängt hiermit eine unerwartete Aufklärung. 
Es steht zu hoffen, dafs der Verf. diesen Gegenstand, welchem er schon frü- 
her erfolgreiche Studien zuwandte (s. Athenaeum 1850, July 13; 1851, Jan. 4 
und March 15) in einem gröfsern Aufsatze ausführlich und abschliefsend be- 
handeln wird. | 

136. The Life and Theatrical Times of Charles Kean, inclu- 
ding a summary of the English stage for the last fifty years, 
and a detailed account of the management of the Princess’s 
Theatre from 1850 to 1859; by John W. Cole. 2 Vol. 8°. 766 p. 


21 s. 
Der Verf., von Jugend auf mit Ch. K. befreundet, ja ihm zu vielem Danke 


456 Bibliographie, 


verpflichtet, fliefst in seiner Biographie von Lob über: ein objectives Urtheil 
läfst sich da also allerdings nicht erwarten, wohl aber Reichthum des Mate- 
rials; macht doch das Athenaeum (August) es wahrscheinlich genug, dafs Kean 
selbst directen Antheil an dieser Arbeit habe. „Als Geschichte des Dramas 
bilden diese Bünde — nach demselben Journal — einigermafsen ein Supple- 
ment zu den 10 Volumes of play-bills, comments and anecdotes by Geneste“. 
Vgl. auch Liter. Gazette (Sept.) und namentlich die anziehende, auf Grund 
dieses Buchs verfafste Abhandlung von Forgues: Les deux Kean, cinquante 
ans de la vie dramatique en Angleterre, in der Rev. des deux Mondes, Nov. 
welche Arbeit in Betreff des ältern Kean auf Garret’s Erinnerungen vornehm- 
lich sich stützt. 


137. British Novelists and their Styles; being a critical sketch 
of the history of British prose fiction. By David Masson. 8°. 
316p. 78. 6 d. 

Eine Reihe von Vorlesungen, gehalten in dem Philosophical Institute iu 
Edinburg: in der 1. wird eine ästhetische Charakteristik der Novel gegeben, 
und die Anfänge dieser Dichtungsart in England kurz skizzirt; die 2. ist den 
Novellisten des 18. Jahrh. von Swift und De Foe an gewidmet, die 8. Walter 
Scott, die 4. dessen Nachfolgern in der Gegenwart bis auf Kingsley und den 
Verf. von Tom Brown. Die ästhetische Charakteristik der einzelnen Roman- 
schriftsteller, und etwas anders wird ja laut dem Titel gar nicht angestrebt, 
scheint eine recht treffende zu sein: worin auch Athenaeum (July), Liter. Ga- 
zette (July) etc. übereinstimmen. 

138. Essays, Biographical, Critical and Miscellaneous; by P. 
Bayne. 8°. 464p. 7s. 6 d. 

Unter den literarischen sind am interessantesten die über Tennyson und 
die Brontë family, das letztere Essay hier zuerst publicirt. Bookseller, March. 


139. Burns. — Chronicle of the Hundredth Birthday of Ro- 
bert Burns; edit. by J. Ballantyne. 8°. 128. 

Der Verf. hat hier die Berichte über die Burns-Feier, aus den verschie- 
denen Journalen gesammelt, abgedruckt; natürlich sind die dabei gehaltenen 
Reden, die zum Theil auch an und für sich von Werth sind, mit inbegriffen. 

140. Burns. — The Burns Centenary Poems. A Collection 
of fifty of the best out of many hundreds written on occasion 
of the centenary celebration, including the six recommended for 
publication by the judges at the Crystal palace competition, many 
of the highly commended and several price poems. Selected and 
edited 27 G. Anderson and J. Finlay. Glasgow. 8°. 274 p. 

». 6 d. 

Das im Krystallpalast gekrönte Gedicht, als- dessen Verfasserin sich Isa 
Craig nannte, findet sich abgedruckt auch in der Allgemeinen Zeitung p. 491. 

141. Caodmon. — De carminibus Anglo-saxonicis Caedmoni 
adjudicatis disquisitio. Has theses Parisiensi litterar. facultati 
proponebat E. G. Sandras. Paris. 8°. 88p. 2 Fr. 

142. Campbell. — Literary Reminiscences and Memoirs of 
Thomas Campbell; by Cyrus Redding. 2 Vol. 8°. 640p. 21. 

Der Verfasser war mit Campbell nahe befreundet und stand namentlich 
während der letztere das Monthly Magazine herausgab (1820-80), als dessen 
Unterredacteur, in stetem täglichen Verkehr mit ihm. So war er zu dieser 
Biographie besonders ausgerüstet, die er mit dem Streben nach voller Unpar- 


- MM - —-- -— oo 


nn ii a a 


II. Zur englischen Literaturgeschichte. 457 


thellichkeit, die Fehler nicht minder als die Tugenden seines Helden aufzeich- 
nend, ausgeführt hat. 9. Athenaeum, Oct. und Liter. Gazette, Nov. 


143. Carlyle. — Ueber die History of Friedrich U, by Th. 
Carlyle ausführliche und bedeutende Artikel in: 
Quarterly Rev., April und North British Rev., Jan. 


144. Chaucer, — Etude sur G. Chaucer, considéré comme 
imitateur des Trouveres; par E. G. Sandras. Paris. 8°. 298 p. 
4 Fr. 

Diesem interessanten Buch denken wir eine ausführliche Anzeige später 
zu widmen. 


145. Cynevulf. — Kynewulfi poetae aetas, aenigmatum frag- 
mento e codice Lugdunensi edito illustrata. Auct. Fr. Dietrich. 
4°. 26 p. 

In: Indices Lectionum (habend. per sem. hibern.) Marburgi. 
Auch selbständig erschienen 1860, Marburg. 12 Sgr. 

Durch Vergleichung des Sprachgebrauchs führt der Verf. zunächst den 
überzeugenden Beweis, dafs Cynevulf nicht blofs den Christ, die Elene und 
die Juliana, in denen er selbst seinen Namen eingerückt hat, und nach H. 
Leo’s Entdeckung die Räthsel des Exeterbuchs, sondern auch zum wenigsten 
noch den Andreas, Guthlak, Phönix und die übrigen kleineren allegorischen 
Stücke des Exeterbuchs gedichtet hat. Nachdem so der Kreis der Dichtun- 
gen, welche dem Cynevulf zuzuschreiben sind, bedeutend erweitert worden, 
wird nun nach ausführlicher Widerlegung derjenigen, welche den Dichter an 
das Ende des 10. oder in den Anfang des 11. Jahrh. setzen wollen, nament- 
lich aus mehreren Anspielungen im Guthlak bewiesen, dafs dies letztere Ge- 
dicht zwischen 760 und 780 entstanden, und also die Blüthezeit unsres Dich- 
ters in die zweite Hälfte des 8. Jahrh. zu setzen ist, woraus zugleich weiter 
geschlossen wird, dafs er nach 714 geboren sei und somit kein Schüler Ald- 
helms (} 709) gewesen sein könne: dieser letztere Schlufs scheint jedoch nicht 
ganz begründet, wie Referent demnächst in dieser Zeitschrift zu zeigen ge- 
denkt. Zuletzt wird dann noch das 86. Räthsel des Exeterbuchs in einer ab- 
weichenden Form nebst Facsimile aus einem Leydener Codex mitgetheilt und 
ausführlich besprochen; die Sprache dieses Leydener Fragments, das im 9. 
Jahrh, niedergeschrieben sei, wird als ein, dem Nordhumbrischen verwandter, 
nordanglischer Dialect bezeichnet und dabei unentschieden gelassen, ob die 
Werke Cynevulf’s überhaupt ursprünglich in diesem Dialect gedichtet und sp&- 
ter erst ins gemeine Westsächsische übersetzt worden seien, oder ob umge- 
kehrt das Leydener Fragment eine Uebersetzung aus dieser letzteren Spra- 
che sei, — yQ. — 


Cynevulf. — S. oben N° 127. 

146. De Foe. — The Life and Times of Daniel De Foe, with 
remarks digressive and discursive; by W. Chadwick. 8°. 472 p. 
(Mit Porträt). 108. 6 d. 

„Ihe book is rather a long, shambling chat on De Foe’s works, with 
very copious extracts and disquisitions upon every possible subject that the 
author can snatch at and connect with his mass of ill-arranged materials. For 
one line about De Foe there are a hundred that have no direct reference 
whatever even to the immediate subject in hand, and the writer is for ever 
making extracts or entering on digressions which lead one from Dan to Bur- 
sheba, barrenness most certainly marking the entire way.“ Mit diesem 50 
ungünstigen Urtheil des Athenaeum (Apr.) stimmt das der Liter. Gazette ( Apr.) 
im Wesentlichen überein, 


147. Dryden. — Kurze Artikel über Ausgaben seiner Werke, 


458 Bibliographie. 


sowie über die Schreibung seiner Namens, in: Notes & Queries 
VII, p. 233, 301, 501. 

148. Hunt. — Autobiography of Leigh Hunt. New ed. revi- 
sed by the author with two additional chapters, edit. by his el- 
dest son. 8°. 460p. 7s. 6 d. 

Das Athenaeum (Febr. 1860) urtheilt von dieser neuen vermehrten Aus- 
gabe der zuerst im J. 1850 in 8 Bänden erschienenen Selbstbiographie des 
kürzlich gestorbenen Dichters: „it is now as perfect a book as care and love 
can make it. The picture of a father painted by a son, in Mr. Thornton Hunts 
Introduction, is one of the mest beautiful and tender things in literature“. 


149. Jerrold. — D. W. Jerrold, par Forgues. 
In: Revue d. deux Mondes, Mai. 

Eine hübsch geschriebene Uebersicht der Lebensgeschichte und poetischen 
Thätigkeit Jerrold’s, hauptsächlich auf Grund der von seinem Sohne verfals- 
ten Biographie, sowie der Ausgabe seiner gesammelten Werke. 

150. Johnson. — The Life and Writings of Johnson. 

In: Quarterly Review, Jan. 

Ein vortrefflicher Artikel, durch eine neue Ausgabe von Boswell’s Life 
of J. veranlafst — welcher Ausgabe übrigens alsbald noch zwei andre neue 
folgten (Routledge, Bohn, Murray). 

151. Johnson. — Johnsoniana: a Collection of miscellaneous 
Anecdotes and Sayings of Dr. Sam. Johnson, gathered from 
nearly a hundred publications. 2 Vol. 48. 

Diese beiden Bände bilden eine Folge zu der bei Bohn erschienenen neuen 
Ausgabe von Boswell’s Werk, welchem sie sich als 9. u. 10. Bd. anschliefsen. 

152. Locke. — Locke, sa vie et ses oeuvres, par Ch. de Re- 
musal. 

In: Rev. d. deux Mondes, Sept. 

*153. Longfellow. — Henry Wadsworth Longfellow, von G. 
Büchmann. (Progr. der Berliner Gewerbschule.) 1858. 4°. 17 p. 

Eine kurze geistreiche Charakteristik Longfellow's und seiner Werke. 


154. Milton, — An Account of the Life, Opinions and Wri- 
tings of John Milton, with an introduction to Paradise lost; by 
T. Keightley. New ed. 8°. 490 p. 108. 6 d. 

Die Biographie, sehr concis, enthält auch einzelne neue Beobachtungen. 
Ihr folgen Nachrichten über die Familie und Freunde; Urkunden, sowie Er- 
örterungen über streitige Punkte der Lebensgeschichte. Hieran reihen sich 
Excerpte, die Milton’s Meinungen über Religion und Staat beleuchten. Un- 
tersuchungen über seinen Vers und eine historische Einleitung in das verlorne 
Paradies bilden den Schlufs des sehr sorgfältig verf. Buches. Athenaeum, Sept. — 
Die erste Ausgabe erschien im J. 1866. 

155. Milton. — Milton’s Genealogy, by Hyde Clarke. 

In: Notes et Queries, VII p. 232; und p. 489. 

Der Verf. weist nach, dafs der Grofsvater Milton’s Richard Milton, of 
Stanton St. John's war, aus der Urkunde über die Aufnahme seines Sohnes 
in die Company der Scriveners Londons, welche Urkunde dem Verf. zuerst 
zu entdecken gelang. 

156. Morgan. — The Friends, Foes and Adventures of Lady 
Morgan. Dublin. 8°. 142p. 48. 

Abdruck aus: The Irish Quarterly Review, July. Der Verf. ist Hr. W. 
J. Fitzpatrick. Nach dem Urtheil von Notes & Q. VIII, 240, wirft die geist 
reiche Schrift viel neues Licht auf das frühere Leben und die Arbeiten der 


I. Zur englischen Literaturgeschichte. 459 


Lady, von der übrigens eine englische Dame eine ausführliche Biographie 
vorbereitet. 

157. Prescott. — W. Prescott, par A. de Circourt. 

In: Bibl. univ. de Genève, Avril. _ 

158. Shakespeare. — Vorlesungen über Shakespeare, von 
F. Kreyssig [s. J. 58, N° 174]. Bd. II und III (1860). VII, 451; 
V1,512p. Jeder Band 2 Thir. 

159. Shakespeare. — New Catalogue of Shakspeariana (by 
Wylie, Reid, u. A.). oo 

In: Notes et Queries, VII p. 438 f. und p. 490 ff.; VIII p. 4f. 

Diese bibliographischen Mittheilungen geben eine Fortsetzung von Halli- 
well’s Shakespeariana, welche bekanntlich nur bis 1841 reichen. 

160. Shakespeare. — Shakspeare’s Legal Acquirements con- 
sidered by Lord J. Campbell, in a letter to J. Payne Collier. 8°. 
120p. 58. 6 d. 

Die allem Anschein nach von Collier dem gegenwärtigen Lord Chief 
Justice vorgelegte Frage, ob Shakespeare in seiner Jugend der Jurisprudenz 
sich gewidmet habe, namentlich Schreiber bei einem Advokaten gewesen sei, 
wird hier erörtert, aber, wie kaum anders zu erwarten, nicht entschieden; ob- 
schon die mannichfachen hier zusammengebrachten Zeugnisse eine solche An- 
nahme nicht unwahrscheinlich machen. Jene bestehen vorzugsweise in Stellen 
von Shakespeare’s Werken, die juristische Kenntnisse offenbaren. Die Erklä- 
rung dieser Stellen, wozu Niemand als der Verf. befähigter sein konnte, geben 
dem Schriftchen einen dauernden und nicht geringen Werth. 

161. Shakespeare. — Was Shakespeare ever a Soldier? By 
W. J. Thoms. 

In: Notes & Queries, VII p. 330—33, 351—55. 

Es läfst sich schon denken, dafs der Verf. die Frage affırmativ beant- 
wortet, da sie sonst eine ganz müfsige wäre. Die Sammlung von Stellen aus 
Shakespeare, die militärische Kenntnisse bezeugen sollen, ist an sich nicht 
uninteressant; so wenig auch an der Thesis, die sie beweisen sollen, liegen mag. - 

162. Shakespeare. — The Philosophy of W. Shakspeare; by 
the Editors of „Trutbs Illustrated“. 8°. 68. | 

163. Shakespeare. — The Psychology of Shakespeare; by 
J. C. Bucknill, M. D. 8°. 274p. 78. 6 d. 

Nach dem Athen. Sept. eine Schrift von beträchtlichem Interesse. Der 
Verf., Oberarzt des Irrenhauses der Grafsch. Devon, untersucht die Charak- 
tere Shakespeare’s vom medicinisch-psychol. Standpunkt. 

164. Shakespeare. — New Exegesis of Shakespeare, Inter- 
pretation of his principal characters and plays on the principle 
of races. Edinburgh. 8°. 390 p. 7s. 6 d. 

„Shakespeare was a Celt! Here is the prime and comical result of a new 
study of the Plays.“ Athenaeum, Dec. - 

165. Shakespeare. — A critical Examination of the Text of 
Shakespeare; with remarks on his language and that of his con- 
temporaries, together with notes on his plays and poems. By 
W. Sidney Walker. Edit. by W. N. Lettsom. 3 Vol. 8°. 1136p. 188. 

Nach dem Athenaeum (Nov.) zeichnet sich dies Werk, .welches in eine 
minutiöse Textkritik eingehe, durch Scharfsinn wie durch Gelehrsamkeit aus. 
Die Liter. Gazette (Dec.), welche ebenso günstig darüber urtheilt, setzt den 
Hauptwerth des Buchs in die Bemerkungen über die zeitgenossische Literatur 

und in die Fülle von Wissen, womit die Bedeutung eines Wortes festgestellt 
werde. 


400 Bibliographie. 


166. Shakespeare. — The Shakespeare Fabrications, or the 
MS. Notes of the Perkins folio shown to be of recent orign: 
with an Appendix of the Ireland forgeries. By €. M. Ingley. 
(Mit Facsimile). 8°. 156p. 3e. 

167. Shakespeare. — Shakspeare. 

In: Quartely Review, Jan. 

Ueber Dyce's Ausgabe, die viel Anerkennung findet. 

168. Shakespeare. — Strictures on Mr. Colliers new Bdition 
of Shakespeare, published in 1858; by Alex. Dyce. 8°. 26p 
7». 6 d. 

Die Art, wie Hr. Collier in seiner neuen Ausg. die Emendationen Dyci 
behandelt, hat diese Schrift bervorgerufen, welcher, trotz der Persönlichkeit 
und der geringen Urbanität der Polemik, schon die Bedeutung der beiden 
Gegner Wichtigkeit verleiht. 

169. Shakespeare. — Shakespeare’s Hamlet und seine Be 
sichungen zu den geschichtlichen Ereignissen und Persönlichke- 
ten des Shakespearischen Zeitalters, von K. Silberschlag. 

In: Prutz’ Deutsches Museum, Mai. 

Das Resultat seiner Betrachtung fafst der Verf. am Schlufs in die smi 
Behauptungen zusammen: 1) „dafs viele, in der alten Amlethsage nicht vorkmm- 
menden, Einzelheiten der Tragödie „Hamlet“ eine Analogie mit Ereignissen # 
der Geschichte der Maria Stuart zeigen, welche vom Dichter nicht unbemerkt 
geblieben sein kann; sowie 2) dafs auch der Charakter Hamlet’s mit dem des 
Königs Jacob in vielen Beziehungen eine nicht blofs zufällige, sondern offer 
ber vom Dichter beabsichtigte Aehnlichkeit zeigt“. 


170. Shakespeare. — Shaksperiana. 

In: Notes & Queries, Vol. VII & VII. 

Aufser den bereits oben unter No. 169 und 161 hervorgehobenen gt 
fsern Artikeln, welche diese Zeitschrift im verflossenen Jahre über Sh. bracht, 
verweisen wir hier noch auf einzelne der kleineren Notes, die uns VOB nn, 
dern Belang erschienen: V. VII, p. 41: Sh's Strange Fish (s. The Winter! 
Tale A.IV, sc. 8; The Tempest A. II, sc. 2); p. 329: Sh. and the old his. 
play „Edward III“ (by J. P. Collier); p. 384: Ss French; p. 613: Are der 
any Sh. Ms. in Sussex?. — V. VIIL., p. 141: Autobiographical Panne ® 
She Tempest (A.IV, sc. 1); und p. 527. 

171. Shelley. — Shelley Memorials from authentic sou% 
edit. by Lady Shelley. To which is added an Essay ON m 
stianity by Perey Bysshe Shelley, now first printed. 8°. à na 
78. 6 d. (Eine zweite Ausgabe erschien im December. 290 p. 
78. 6d.). ge 

Gegen die im vorigen Jahre von Hogg herausgegebene Biographie u 
ley’s (8. J. 58, N° 178) reclamirt hier die Schwiegertochter des letztern 
Interesse der Familie, die Hogg vieler Indiscretionen, resp. Ueber 
und Unrichtigkeiten beschuldigt. Leider ist nur das Werk der Lady sel 
fragmentarisch und unvollständig, dafs es öfters den Eindruck einer * ist 
lichen Zurückhaltung macht. Uebrigens wird manches neue Ma Me 
geboten, namentlich Auszüge aus Mrs. Shelley’s Tagebuch. Liter. Gas: 
Bookseller, July. 


172. Sheridan. — Sheridan and his Times. By au QUE, 
narian, who stood by his knee in youth, and sat at his t80° 


manhood. 2 Vol. 8°. 642p. 213. ges 
Der Verf., 26 Jahre in innigem Freundschaftsverhältnisse 30 


I. Zur englischen Literaturgeschichte. 461 


bis zu dessen Tode, hat alle Seiten dieser bedeutenden Persönlichkeit und ih- 
rer mannichfaltigen Thätigkeit gewürdigt. 
173. Swift. — Biographie de Jonathan Swift, par H. Rey- 


nauld, Paris. 8°. 213p. 2 Fr. 
174. Tennyson. — Tennyson’s Poems. 
In: Quart. Review, October. 

Dieser Artikel ist vornehmlich den Jdylls of the king gewidmet, die als 
ein sehr bedeutendes Werk gerühmt werden; doch fehlt auch nicht ein Rück- 
blick auf die frühern Schöpfungen des Dichters. 

175. Tennyson, — Portraits poétiques. — Alfred Tennyson. 


Par E. Montegut. 
In: Revue d. deux Mondes, Nov. 


*176. Screadunga. Anglosaxonica maximam partem inedita 
publicavit €. G. Bouterwek. Elberfeld 1858. gr.4°. IV, 84 p. 
14 Thir. 

Als Brocken oder Abschnitzel (dies ist die Bedeutung des vom Herausg. 
gemachten Titels Screadunga) werden hier verschiedenartige angelsächsische 
Texte mitgetheilt; nämlich: 1) S. 1—17 und 8. 65-66 als Ergänzung zu 
der früher von B. aus Cod. Cott. Nero D. IV des British Museum herausge- 
gebenen nordhumbrischen Interlinearversion der vier Evangelien die dort noch 
fehlenden Vorreden zu den einzelnen Evangelien aus demselben Codex und 
zwar der lateinische Text selbst mit den über den Zeilen stehenden Glossen, 
and nicht in der den wissenschaftlichen Werth jener Ausgabe leider allzusehr 
beeinträchtigenden Manier, nach Weglassung des lateinischen Textes durch 
gänzliche Umgestaltung der Wortfolge einen neuen nordhumbrischen Text zu 
construiren. — 2) 8. 17—28 die angelsächsische Uebersetzung der Quaestio- 
nes Alcuini (Albini) in Genesin vel interrogationes Sigwulfi presbyteri aus dem 
Cod. Cott. Jul. E. VII fol. 228. — 8) S. 28— 81 ein angelsächsischer Auf- 
satz De temporibus (ein Excerpt aus Beda) aus einem Codex biblioth. pubL 
Cantabr., welchen schon früher Th. Wright in seinem Buche „Popular Trea- 
tises on science etc. London 1841“ unter dem Titel: Anglo-Saxon Manual of 
Astronomy, aus dem Cod. Cott, Tib.V herausgegeben hatte und der sich auch 
noch in anderen Handschriften findet; die Varianten der Ausgabe Wright’s _ 
gibt B. unter dem Text. — 4) 8. 8165 die vollständige nordhumbrische 
Interlinearversion des Evangelium Marcus aus dem Codex Rushworthianus zu 
Oxford. — Den Schlufs des Buches bildet ein Glossar zu sämmtlichen obi- 
gen Stücken. — yo. — 

177. Dichtungen der Angelsachsen stabreimend übersetzt von 
C. W. M. Grein. Bd. II. Göttingen. 8°. IH, 258 p. 1 Thir. 20 Sgr. 

Auch in diesem zweiten Bande, welcher die Legenden Andreas, Juliana, 
Guthlak und Elene, das Traumgesicht vom heil. Kreuz, die Reden der Seelen 
an den Leichnam, das jüngste Gericht, vom Gemüth und von den Schicksa- 
len der Menschen, König Alfreds Metra des Boethius, die Räthsel des Exeter- 
buchs, den Seefahrer, den Wanderer, die Klage der verlassenen Frau und die 
Botschaft des Gemahls enthält, war der Uebers. bemüht, die in seiner Biblio- 
thek der angelsächsischen Poesie (5. J. 58, N° 182) mitgetheilten Originale 
möglichst treu nach Inhalt und Form wiederzugeben, zugleich mit der Absicht, 
das Verständnifs der Originale selbst dadurch zu erleichtern. Der 1857 er- 

schienene erste Band der Uebersetzung umfafst Cädmons Genesis, Exodus, 
Daniel und Christ und Satan, die Judith, Cynevulfs Christ, Höllenfahrt 
Christi, Phönix, Panther, Walfisch und Beowulf. — yo. — 


462 Bibliographie. 


178. Beowulf, das älteste deutsche Epos, übersetzt und erläu- 
tert von K, Simrock. Stuttgart. 8°. IV,203p. 1 Thir. 

Diese neue Uebersetzung des Beowulfliedes wendet sich, laut der Vorrede, 
gegentiber der Uebersetzung von Ettmüller und der in Grein Dichtungen der 
Angelsachsen Band I enthaltenen, an ein grôfseres Publicum und geht, ohne 
mit jenen in wörtlicher Uebertragung wetteifern zu wollen, mehr auf eine poe- 
tische Wiedergeburt des alten Gedichtes aus. In Bezug auf die Alliterations- 
form hat dieselbe grofse Vorzüge vor Simrock’s Heliandübersetzung, wenn gleich 
noch immer die für diese Form der Poesie besonders wesentliche Stellung der 
Stäbe nicht tiberall streng gewahrt ist; im allgemeinen liest sich die Ueber- 
setzung ganz gut. Die Treue der Uebersetzung jedoch ist oft mehr geopfert, 
als es gut scheinen möchte. Am Ende des Buches folgt eine Reihe sachlicher 
Erläuterungen über den Inhalt des Epos. — yo. — 


179. King Alfred’s Anglo-saxon version of the compendious 
history of the world by Orosius; ed. by J. Bosworth. Oxford. 8°. 


16 8. (Anglo-saxon text only 88.). 
Wir werden später eine ausführlichere Anzeige davon bringen. 


180. English and Scottish Ballads, selected and edited by 
F. J. Child. Boston 1857—59. 8 Vol. 12°. 318.6d. 
8. die Anzeige der vier ersten Bände von A. Wolf, oben p. 105 ff. 


181. Scottish Ballads and Songs, edited by J. Maidment. Edin- 
burgh. 12°. 108.6 d. 

Nur in 240 Exemplaren, — Notes & Q. VII, p. 80 urtheilen: „We have 
here, besides a very valuable Introduction, upwards of sixty ballads, selected 
from a very large collection: all of which, it is believed, although of more 
or less interest, at present exist only in the humble guise of broadsides or 
chap copies. Every one of these ballads is prefaced by a carefully literary 
notice“. 

182. The Ballads of Scotland, edited by W. E. Aytoun. 2% ed. 
revised and augmented. ? Vol. 8°. XCV, 296; VIII, 403 p. 128. 


Vermehrt mit 6 neuen Balladen, zum Theil dem Volksmunde entnommen. 


183. Popular Music of the Olden Time; a Collection of ar- 
cient songs, ballads and dance tunes, illustrative of the national 
music of England, with short Introductions to the different 
reigns, and Notices of the airs from writers of the sixteenth 
and seventeenth centuries; also a short account of the minstrels. 
By W. Chappell. The whole of the airs harmonized by @. A. 
Macfarren. 8°. 820p. 488. 

Diesem bedeutenden Werk, einer Frucht zwanzigjähriger Studien, hat das 
Quart. Review, July, einen umfänglichen Artikel gewidmet, an dessen Schlufs 
es u. a. heifst: „Mr. Chappell has produced not an essay, not a history, not 
a music-book, but something that combines the nature of all these at once. 
The order of the work is chronological; every time is printed with a bass 
accompaniment by the accomplished musician, Mr. Macfarren ; its vicissitudes 
are described, the words that belong to it are given entire or in part, and 
everything that can be found in the way of historical fact or contemporary 
allusion is brought to bear upon its illustration“. Der Bookseller, Sept. 
sagt: „it is the best collection we have, not only of music, but of songs 
also — from the earliest song in the language, that of the Cuckoo, down to 
the era of Catnach.“ Das Werk enthielte Notizen von fast 2000 Songs. Wir 
hoffen auf diese wichtige Publication in dem Jahrbuche zurückzukommen. 


IT. Zur englischen Literaturgeschichte. 463 


184 The Skryvener’s Play: The Incredulity of St. Thomas; 
om a Ms. in the possession of John Sykes, ed. by Collier. 

In: The Camden Miscellany, Vol. IV. (Camd. Society). 

*185. The Buik of the Croniclis of Scotland, or a Metrical 
arsion of the History of Hector Boece, by W. Stewart; edit. by 
. B.Turnbull. 1858. 3 Vol. 8°. 

Bildet einen Tbeil der Rerum britann. (& J. 58, N° 189, Anm.). — 
ine poetische Uebertragung der einst zu Anfang des 16. Jahrhunderts in 
hottland sehr geschätzten Nationalgeschichte des Hector Boecius, die im 
1527 kaum erschienen war, als schon verschiedene Uebersetzungen in dem 
ottischen Dialect unternommen wurden. Die prosaische war längst ge- 
ıckt, die dichterische schreibt der Herausg. mit vielem kritischen Geschick 
em William Stewart zu, über dessen Leben und Wirken er das Nôthigste 
ammenstellte. Er hat wahrscheinlich auf den Wunsch der Königin Marga- 
he Tudor zur Belehrung ihres jungen Sohnes Jacob V. geschrieben. Hält 
ı die Erzählung auch vorzüglich an den Faden der Historien des Boecius, 
fliefst doch auch viel Eigenthümliches unter. Der Werth aber ist vielmehr 
lologisch als historisch, indem er hauptsächlich in der eigenthümlichen 
ache, einem nationalen Humor und dem Reichthum kräftiger, volksthüm- 
er Redensarten beruht, zu deren passender Bearbeitung Niemand geeig- 
> war, als ein durch ähnliche Leistungen längst bekannter Schotte.“ Pauli 
Sybels histor. Zeitschrift, Heft 2. Wir erinnern noch daran, dafs Hector 
cius eine Hauptquelle Holinshed’s, der bekannten Quelle Shakespeare’s, ist. 


186. Bacon. — The Works [s. J. 58, N° 188]. Vol. VII. 
Theil der Literary and professional works). 830 p. 188. 
187. Burns. — The life and works of Robert Burns. Edited 
Robert Chambers. 4 Vol. in 2. Edinburgh. 8°. 20. 

188. Butler. — Hudibras, by Samuel Butler; Variorum No- 
selected principally from Gray and Nash; a Biography and 

eneral Index. Edit. by H. G. Bohn. (Bohn’s Illustrated Library). 
5 8. (Mit 30 Holzschnitten). 

Die Ausgabe wird sowohl in Betreff der Textkritik, als namentlich auch 

sn des Reichthums der erklärenden Noten, die so sehr das Verständnifs 

13 Werks erfordert, gerühmt. 

189. De Quincey. — Works of Thomas De Quincey. Vol. 

-13. 8°. 320, 340, 330, 310p. Jeder Band 7s. 6 d. (Band 

9 erschienen in den J. 1853— 1858). 

190. Herrick. — The Poetical Works of Robert Herrick, con- 

ing his Hesperides and Noble Numbers. With a biographical 

noir by E. Walford. 8°. 620p. 68. 

Von den beiden im Titel verzeichneten Sammlungen seiner Gedichte gab 

ick die erstere 1647, die zweite 1648 heraus. Nur einzelne Lieder, auf 

he sich, und mit Recht, der Ruhm dieses Lyrikers gründet, waren stets 
Neuem abgedruckt worden. Erst 1828 erschien eine Gesammtausgabe, 
Bänden, in Edinburg. An sie reiht sich die vorliegende an, die, wenn 

ach, wie die Liter. Gaz., July behauptet, nicht viel ästhetisches, doch desto 
literar-historisches Interesse hat. 

(91. Hood. — Thomas Hood. Von H. Harrys. Hannover. 

"XI und 251p. 1 Thir. 

Eine treffliche Üebersetzung sämmtlicher Gedichte Hood’s, begleitet von 


kurzen Biographie. 
92. Lydgate. — The Childe of Bristow, a Poem by John 


464 | Bibliographie. 


Lydgate; edited from the original Ms. in the British Museam, by 
Hopper. 
An: The Camden Miscellany, Vol. IV. (Camd. Soc.). 

193. Lydgate. — The Booke of the Pylgremage of the Soule. 
Translated from the French of Guillaume de Guileville, and prin- 
ted by William Caxton anno 1483. With Illuminations taken 
from the Ms. Copy in the British Museum. Edited by Katherine 
Isabelle Cust. 4°. 158. 

Wir führen diese Uebersetzung unter Lydgate’s Namen auf, weil sie ihm, 
und mit grofser Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird — schon von Warten 
(Hist. of Engl. P. 2. Ausg. I, p. CCXLII). — Dieses Werk schliefst sich an 
das andre desselben französischen Dichters, welches Bunyan zum Vorbild diente 
[s. J. 59, No. 159] unmittelbar an: hier wird nämlich die Pilgerfahrt der Seele 
nach der Trennung vom Körper geschildert, wie sie zuerst vor dem „Gericht“ 
erscheint, dann das Fegefeuer durchwandern mufs, um sich endlich in den Him- 
mel zu erheben. Das Werk zerfällt in 5 Bücher. Durchaus englisch, nichts 
destoweniger aber bedauernswerth im wissenschaftlichen Interesse, den Werth der 
Ausgabe sehr vermindernd, ist, dafs die Herausg. die auf die Marienanbetung 
bezüglichen Partien weggelassen hat! Vgl. Athenaeum, Dec. 

194. Milton. — The Poems of John Milton; with Notes by 
T. Keightley. 2 Vol. 8°. 900p. 21 =. 

Diese Ausgabe wird von der englischen Kritik gerühmt; besondere Be- 
achtung verdient, nach dem Athenaeum, Sept., die chronologische Ordnung 
der Gedichte, die Interpunction und die Orthograhie, welche letztere im All 
gemeinen modernisirt worden ist. 

195. Milton. — Original Papers illustrative of the Life and 
Writings of John Milton, including sixteen letters of state writ- 
ten by him, now first published from Mess. in the State Paper 
Office; with an Appendix of Documents relating to his connec- 
tion with the Powell Family. Collected and edited by W. Dow- 
glas Hamilton. 4°. 

Gedruckt für die Camden Society. — Die Letters, von denen die inte- 
ressantesten die Verfolgungen der Waldenser betreffen, sind übrigens sdmmt- 
lich lateinisch. 

196. Shakespeare. — Shakespeare’s Werke. Herausgeg. von 
Delius [s. J. 58, N° 202]. Bd. 5 u. 6 (Stück 1—2). 641, 192 p. 

197. Shakespeare. — The Works of W. Shakespeare. Edit. 
by R. Grant White [s. J. 58, N° 203]. Vol. VI—VII. 564, 468, 
453 p. 

Diese Bände enthalten die historischen Dramen von König Johann bis 
Heinrich VIII. | 

198. Shakespeare. — The complete Works of Shakespeare, 
revised from the original editions; with a Memoir and Essay on 
his genius. By Barry Cornwall; also Annotations by R. Horne 
and others. Illustrated with engravings on wood and steel from 
designs by Kenny Meadows. 3 Vol. 8°. 425, 

199. Shakespeare. — Shakespeare’s Romeo und Julia. Eine 
kritische Ausgabe des überlieferten Doppeltextes, mit vallständi- 
ger Varia Lectio bis auf Rowe. Nebst einer Einleitung über den 
Werth der Textquellen und den Versbau Shakespeare’s. Von 
Tycho Mommsen. Oldenburg. 8°. XI, 371 p. 34 Thir, 


II. Zur englischen Literaturgeschichte. 465 


Usber diese bedeutende Publication bringen wir im nächsten Heft eine 
führliche Anzeige. 

200. Shakespeare. — The Devonshire Hamlets. Hamlet 1603, 
ımlet 1604. Being exact Reprints of the first and second edi- 
ns of Shakespeare’s great drama, from the very rare originals 
the possession of the Duke of Devonshire; with a bibliogra- 
cal preface by Samuel Timmins. 8°. 216p. 128. 

201. Shakespeare. — The Sonnets of W. Shakspere, rear- 
iged and divided in four parts; with an Introduction and ex- 
natory Notes. 8°. 120p. 38. 6 d. 

Nach der Liter. Gaz., July — die aber über die Unklarheit der Einleitung 
st — erachte der Verf. die ersten 126 Sonette als an Southampton gerichtet, 
theile diese in 8 Theile, während der 4. Theil alle übrigen umfasse. Die 
en 24 8., welche den 1. Theil bilden, würden als Ein Ganzes betrachtet, 
8. der 2 folgenden Theile aber als poetische Episteln. 


202. Shakespeare. — Oeuvres complètes de W. Shakespeare, 
luites par François Victor Hugo. Paris. 8°. Vol. I—IV. Der 
dk. 
Band I „Les deux Hamlet“ (von 1608 und von 1604); Band II „Les 
ies“ (Sturm und Sommernachtstraum) ; Band HI „Les Tyrans“ (Macbeth 
König Johann); Band IV „Les Jaloux“ (Troilus, Viel Lärmen, Winter- 
‘hen). Jeder Band ist mit einer längeren ästhet. krit. Einleitung, sowie 
r. und philol. Noten versehen. Von der Rev. des deux Mondes wird die 
k als geistreich und öfters tief, die Uebersetzung aber als sehr sorgfältig 
genau gerühmt: „le veritable Shakespeare avec toutes ses grandeurs et 
8 ses hardiesses.“ — Von dem Sohne Victor Hugo’s liefs sich allerdings 
vornherein keine absichtliche Verstümmelung in usum Delphini erwarten. 
203. Shakespeare. — Oeuvres complètes de Shakespeare, tra- 
ion entierement revue sur le texte anglais, par Fr. Michel, et 
édée de la vie de Shakespeare par Th. Campbell. Paris. 8°. 
L 631p. 10 Fr. 
Wird 8 Bände bilden. 
04. Spenser. — The Poetical Works of Edmund Spenser, 
Memoir and critical Dissertations, by G. Gilfillan. Edin- 
h. 5 Vol. 8°. 172.6d. 
Diese sehr billige und zugleich hübsch ausgestattete Ausgabe wird von 
nglischen Kritik sehr gerühmt. Sie strebt mit vielem Erfolg das Ziel 
den so berühmten und doch so wenig gekannten Nationaldichter einem 
rm Publikum zugänglicher zu machen. Alle obsoleten Worte sind zwar 
»xt erhalten, aber ihre Bedeutung am Rande erklärt, eine sehr zweck- 
ze Einrichtung, die zur Nachahmung sehr zu empfehlen ist. Die Ortho- 
ie ist modernisirt, ausgenommen wo die Veränderung Versmafs und Ryth- 
berührte. Ein jeder der drei ersten Bände wird durch eine interessante 
ıdlung des Herausgebers eröffnet: der erste durch eine die Allegorie des 
hts erklärende Einleitung in die Faery Queene, der zweite durch ein 
des Dichters, der dritte durch eine Abhandlung über den Genius Spen- 
Das letzte Essay namentlich findet sehr viel Beifall. Vergl. Liter. 
Dec. 
)5. Thomson. — James Thomson and David Mallet Com- 
sated by Peter Cunningham. 8°. 
tedruckt für die Philobiblon Society. — Die Mittheilung enthält acht 
3riefe Thomson’s an Mallet, mit welchem er durch’s ganze Leben sehr 
adet war. Die Originale sind im Besitz von Mr. J. Murray. Die grö- 


4. 31 


408 Bibliographie. 


fsere Zahl der Briefe gehört der früheren Lebensperiode Th.’s an, als derselbe 
noch Usher war. „Sie sind von Interesse, obwohl sie nur dazu dienen die 
wohlbekannten Linien des Portraits des Dichters etwas zu vertiefen“: so der 
Ref. des Athenaeun, July, der eben daselbst einige werthvolle Erklärungen 
dunkler Stellen der Briefe gibt. 


II. Zur italienischen Literaturgeschichte. 


A. 


206. Dizionario di opere anonime di scrittori italiani © come 
che sia aventi relazioni all’ Italia, di @. #. (Melzi). 3 Vol. Milano 
1848—59. 8°. XVIII, 1662 p. 

207. Die Bibliothek zu Sandaniele; Die Bibliotheken zu Tre- 
viso; Die Bibliothek der Universität Pavia; Die Bibliothek der 
Stadt Ravenna; Die Bibliotheken in Bologna; Das Archiv und 
die Bibliothek zu Mantua; von Neigebaur. 
yo a peum p. 95, 143, 191, 209, 211, 353 [vergl. J. 58, 

208. La biblioteca del Capitolo metropolitano di Vercelli, del 
cav. G.F. Neigebaur. Torino (Cerutti). 8°. 


209. La poésie et les poëtes contemporains en Italie, par 
P. Brisset. 

In: Revue d. deux Mondes, Mai. 

Der Verf. unterscheidet zunächst die Schule Leopardi’s und die Man- 
zoni’s, indem er die Anhänger jener als Formistes, die dieser als Coloriste 
kennzeichnet. Unter jenen hebt er Marchetti, Poerio, Mamiani und Mad. Fer- 
rucci, unter diesen Berchet, Grossi, Tommaseo und Prati hervor, die er alle 
in ihrer poetischen Individualität geistreich charakterisirt, ihr Leben sowie 
ihre Hauptwerke in Betracht ziehend. Dasselbe ist bei den folgenden Dich- 
tern der Fall, die dem Verf. eine neue Richtung, welche aus einer Fusion je- 
ner beiden Schulen hervorgegangen sei, vertreten: es sind Aleardi, Carcano, 
Scolari, Bellini. 

210. La poesia popolare italiana. 

In: Rivista di Firenze V, p. 22. 

211. Ueber italienische Volkspoesie. Eine Vorlesung von ?. 
Heyse. 

In: Zeitschr. für Völkerpsychologie u. Sprachwissenschaft. Bd.I. 

Dieser anziehende Vortrag (von 82 p.), welchem schöne Uebersetzungen, 
(namentlich von Rispetti, Ritornelle und Voceri) eingewebt sind, betrachtet 
vorzugsweise die toscanischen und corsischen Volkslieder. 

212. Die sicilianischen Volkslieder, von F. Gregorovius. 

In: Morgenblatt, Dec. N° 49 f. 

Dieser interessante Aufsatz knüpft an die Sammlung Vigo’s an [e. J. 58, 
N° 248]. Er enthält auch schöne Uebertragungen. 

213. Delle cause del decadimento del nostro teatro nasionale, 
di G. Sabbatini. 
In: Rivista Enganea, Dec. 1858 — Marzo 1859. 


ill. Zur italienischen Literaturgeschichte. 467 


Der Verf. dieses etwas wortreichen Atifsatzes ist Theatercensor in Turin; 
Aufsatz blieb übrigens unvollendet, da die Rivista im Mai 1869 ein- 


x -0G.— 


& 


214. Campanella. — Thomas Campanella, von E. Weller. 
In: Serapeum p. 59 fl. 

Bibliographische Nachrichten über seine Werke. 

215. Dante. — La Grèce, Rome et Dante. Études littérai- 
d’après nature, par J. J. Ampere. 3° éd. revue et corrigée. 
is. 8°. XII, 464 p. 7 Fr. 

216. Dante. — Einiges über Dante-Bilder und Bildnisse, von 
Paur. 

In: Deutsches Museum, Febr. N° 7. 

Der Verf. bespricht vornehmlich zwei Pergamenthandschriften , vielleicht 
dem Ende des 14. Jahrh., der Rhediger’schen Bibliothek in Breslau, von 
n die eine (in gr. 4°) Miniaturen auf der Anfangsseite eines jeden der 
eile enthält, die andre (von noch gröfserem Format) auf der 2. und 8. 
Bilder unter dem Texte. Auch von den ältesten Portraits Dante’s wird 
adelt. 

Dante. — $. unten N° 237. 
'217. Dante. — De’ presenti studi Danteschi e del valore 
co della Divina Commedia, per Sav. Baldacchini (22 p.). 

In: Museo di scienze e lett. di Napoli, 1858. 

18. Dante. — Il Comento sulla Divina Commedia di Pietro 
'hieri, corretto dietro due codici del secolo XIV, curante 
stino Palesa. Padova (Randi). 8°. 15 p. 

19. Dante. — Intorno ai prolegomeni del nuovo Comento 
»o-morale-estetico della Divina Commedia per Dom. Bongio- 
l, lettera critica (di Filippo Scolari) a Franc. Scipione Fa- 
LL Venezia (Merlo). 8°. 
Die Lettera selbst, welche eine Vertheidigung des genannten Werks ge- 
ie Civilt& cattolica (Agosto 1858) bezweckt, bildet XVI p. Darauf folgt 
Serie cronologica delle edizioni della D. C. raccolte e possedute da F. 
anni“. 
20. Dante. — Sopra alquante varie lezioni del poema di 
>, preferite da moderni editori ed illustratori a quella del 
commune, per M. A. Parents. 

: Opuscoli religiosi, letterari etc. di Modena, Fasc. 8—9, 
6, 18. 

4. Dante. — Dichiarazioni proposte di alcuni luoghi del 
iso di Dante. Con un esame della bellezza e del riso di 
ce. Per T. Landoni. Firenze. 

2. Dante. — The Veltro of Dante, by H. C. Barlow, 

In: Athenaeum, Nov. p. 705 f. 

3. Dante. — Francesca da Rimini, her lament and vindi- 
by H. C. Barlow. London. 

r Verf. vertheidigt hier die in der Ausgabe von M. Ferranti 1848 zu- 
fgestellte Lesart mondo statt modo in Vers 102 Gesang V der Hölle. 
ber Blanc, Versuch einer blofs philologischen Erklärung der göttl. Kom. 


| 31 * 


468 Bibliographie. 


224. Dante. — Intorno alla morte del conte Ugolino d. Gh. 
nel canto XXXIII della Divina Commedia. Lettere critiche (di 
Filippo Scolari). Venezia. 18°. 

225. Dante. — Sulla lettera di frate Ilario del Corvo a Uguc- 
cione della Faggiola, lettera di Eug. Branchi a P. Fraticelli. 

In: Il Poliziano (Florentin. Journal) Mai. 

Der Verf. behauptet die Authenticität des Briefs. 

226. Ficino. — Saggio intorno alla vita e agli scritti di Mar- 
silio Ficino, di L. Galeotti. 

In: Archivio storico ital., Disp. 2 und 3. 

Ein sehr umfänglicher Artikel (122 p.), sorgfältig nach den Quellen ge- 
arbeitet, indem für die Lebensbeschreibung namentlich die hinterlassenen Briefe 
Ficino’s befragt sind. Die Philosophie desselben hat natürlich vorzugsweise 
eine specielle Untersuchung erfahren, doch sind seine andern Studien und 
Schriften, wie die der Theologie und Medicin gewidmeten, nicht minder be- 
rücksichtigt worden. Auch seine Beziehungen zu Deutschland haben beson- 
dere Beachtung gefunden (Disp. 3, p. 8 ff.). 

227. Filelfo. — Di Guglielmo Favre e della vita di Giam- 
mario Filelfo scritta da lui, per C. Monzani. 

In: Archivio storico ital., Disp. 1. 

Ausführliche Besprechung (40 p.) der angezeigten Abhandlung Favre's, 
die sich in dessen Melanges d’histoire litter. Geneve 1856 findet. Vorausgeht 
eine kurze Skizze von Favre’s Leben. 

228. Gozzi. — Ueber Carlo Gozzi und sein Theater, von 
J. F. Schnakenburg. 

In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXVI, 3. u. 4. Heft. 

229. Guidiccioni. — Sulla vita e le opere di monsignor Gio- 
vanni Guidiccioni da Lucca, commentario di C. Minutol. Lucca 
(Giusti). 120 p. 

230. Mirandola, Pico della. — Intorno a Giovanni Pico della 
Mirandola, cenni e documenti inediti, per Dom. Berti. Torino. 
(Abdruck aus der Rivista contemp.). 

231. Petrarca. — I biografi di Petrarca, ragionamento di 
Zeferino Re. Fermo (Ciferri). 18°. 

232. Petrarca. — Les poésies italiennes trouvées à la biblio- 
thèque de Munich et attribuées à Pétrarque. 

In: Revue germanique, Juin. 

233. Petrarca. — Beiträge zum Verständnisse nen aufgefun- 
dener Sonette Petrarca’s, von K. Macht. (Progr. der königl. Stu- 
dienanstalt zu Hof). Hof. 4°. 16p. 

....%234. Tommaseo. — Della poesia del Tommaseo, per Stanis- 
lao Gotti (31 p.). 
In: Museo di scienze e letterat. di Napoli. 
‚ 235. Torlonia. — Vita di D. Giovanni Torlonia, scritta da 
Gius. Cagnoni. Velletri (Celle). 

S. über diesen zu früh gestorbenen jungen römischen Dichter Band I, 

p. 888; und vgl. den Nekrolog in der Beilage der Allgem. Zeitung No. 75. 


236. Poesie italiane del secolo XII, appartenenti a Lanfranco 
da Bolasco genovese, contenute in un foglio cartaceo del secolo 
XV, illustrate per Ignasio Pillito. Cagliari (Timon). gr. 8°. 59 p. 


| 


IL. Zur italienischen Literaturgeschichte. 469 


"237. Due capitoli, l’uno inedito di Francesco d’Arezso a de- 
tazione dell’ invidia, l’altro di maestro Simone da Siena fatto 
‘la morte di Dante, pubblicati per cura di Enrico Narducci. 
In: Giornale arcadico, Luglio e Ag. 1858. 
238. Capitoli della compagnia della Madonna d’Orsammichele 
secoli XII e XIV ora per la prima volta pubblicati da 
me del Preto. Luca (Bened. Guidotti). 4°. XXXVI,53 p. 


Nur in 100 Exemplaren. 


239. Adriani, Marcello. — Le vite parallele di Plutarco, vol- 
izzate da Marcello Adriani il Giovane, tratte da un codice 
grafo inedito della Corsiniana, riscontrate col testo greco ed 
otate da Franc. Cerroti bibliotecario Corsiniano e da Gius. 
nom scrittore della Vaticana. Vol.I. Firenze (Le Monnier), 
XVI, 482 p. 
L. M. Rezzi, Cerroti’s Vorgänger, hatte 1852 in Rom bei Salviucci Pho- 
: Leben als Probe dieser in sprachlicher Rücksicht klassischen Ueberset- 
mit einem Ragionamento über die Codices Riccardiano und Corsiniano 
fentlicht; hier erscheint nun der ganze Text mit Reiske’s Leipziger Ausg. 
Jriginals (1774-82) verglichen, und danach, sowie nach den Noten von 
eïs Uebersetzung (Ausg. Le Monnier 1845 — 1846) angemerkt. — G. — 
. Adriani, ein Sohn des Historikers Giambattista, lebte in der zweiten 
e des 16. Jahrh.; er hat auch die , Opuscoli morali“ Plutarch’s übersetzt, 
uerst 1820—23 in Florenz in 6 Bdn. 8° herausgegeben wurden, darauf 
ailand 1825 ff. 
40. Alamanni. — Versi e prose di Luigi Alamanni. Edi- 
> ordinata e raffrontata sui codici per cura di P. Raffaeli; 
un discorso intorno all’ Alamanni e al suo secolo. 2 Vol. 
ıze (Le Monnier). 8°. XXXVI, 979 p. 


41. Alfieri. — Del Principe e delle lettere, con altre prose, 
ittorio Alfieri. Firenze (Barbèra). 16°. 4 Paoli. 

42. Antonino, Santo. — Lettere di S. Antonino, Arcivescovo 
renze, precedute dalla sua vita scritta da Vespasiano Fio- 
so. Firenze (Barbèra). 204 p. 

is sind 24 Briefe. 

43. Baldi. — Versi e prose scelte di Bernardino Baldi, or- 
e e annotate da F. Ugolini e da F. L. Polidori. Firenze (Le 
er). 8°. XII, 647 p. 7 Paoli. 

jaldi (1558-1617) erwarb sich vorzüglich als didactischer Dichter durch 
Nautica Ruhm; in Prosa als Biograph. 

i4. Bisticci, Vespasiano da. — Vite di uomini illustri del 
>» XV, scritte da Vesp. da Bisticci, stampate la prima volta 
ngelo Mai, e nuovamente da Adolfo Bartoli. Firenze (Bar- 
. 8°. XXXIL, 564 p. 

‘on diesen 105 Biographien waren alle bis auf eine, die im 4. Bande 
chivio stor. erschien, vom Cardin. Mai in seinem Spicilegium Romanum 
‚ mit Anhang) veröffentlicht worden. 20 davon erscheinen hier mit 
ichtigeren Lesarten der Florentiner Codices, eine einzige nach denselben 
sripten in vielfach verschiedener Gestalt; die übrigen dagegen sind der 
hen Ausgabe getreu nachgedruckt. 82 der Biographien betreffen Schrift- 
des 15. Jahrh. — Im Vorwort gibt der Herausg. von andren gedruckten 


470 Bibliographie. 


und ungedruckten Werken desselben Verfassers Nachricht [der bekamntlich 
dem 15. Jahrh. angehört. — G, — 

“245. Buonarroti, Michelagnolo, il Vecchio. — Rime e Let- 
tere di Michelagnolo Buonarroti, precedute dalla Vita dell’ autore 
acritta da A. Condivi. (Mit Bildnifs). Firenze (Barbèra) 1858. 16°, 
À Paoli. 

246. Cennini. — Il libro dell’ arte, o trattato della pittura 
di Cennino Cennini da Colle di Valdelss, di nuovo pubblicato 
con molte correzioni e coll’ aggiunta di più capitoli dai codici 
fiorentini, per cura di Gaetano e Carlo Milanesi. Firenze (Le 
Monnier). 8°. 208 p. 

Die sehr seltene Ausgabe Tambronj’s (Rom 1821) wird hiermit mehr 
ale ersetzt, da die Herausg. zwei florentinische Codices und die Aufsätze der 
Antologia di Firenze II, 867 und III, 271, sowie des Giornale Arcadico 1821, 
IV, 114 benutzen konnten. — G,— Man schätzt dies Werk für das älteste ita- 
lienische über die Malerei; über seine Entstehungszeit machen die Herausg. 
in der Vorrede neue Angaben, ingleichen einige über das Leben des Verf. 

247, Costa. — Lettere inedite di Paolo Costa di Ravenna, 
pubblicate da Gaet. Zaccaria, con aggiunts di altre lettere dal 
medesimo raccolte e inserite nel volume CXXV del giornale Ar- 
cadico. Fermo (Ciferri). 8°. 34p, 

Costa (1771-—1836) berühmt als Aesthetiker und Sprachforscher (ital. 
Lexicogr.), s. über seine Schriften Gamba T. d. I. No. 2575-77. 

248. Dante. — Dante Alighieris lyrische Gedichte und poe- 
tischer Briefwechsel. Text, Uebersetzung und Erklärung von 
C. Krafft, Regensburg. kl. 8°. XVL 521 p. 12 Thir. 

Wir werden von diesem interessanten Buche eine ausführlichere Anzeige 
bringen. 

249. Dante. — The Trilogy or Dante’s three Visions. Inferno 
or the vision of hell, translated into English in the metre and 
triple rhyme of the original, with notes and illustrations by J. 
Wesley Thomas. London. 8°. 73. 6 d. 

Die Uebersetzung wird von der englischen Kritik als sehr treu und der 
Ausdruck als recht poetisch gerühmt; auch der leichte Flufs des Verses her- 
vorgehoben. In den Anmerkungen wie in den Essays über Dante’s Leben und 
Zeitalter hat der Verf. die Resnltate langjähriger Studien niedergelegt. 8. 
Athenaeum, July; Notes $ Q., Aug.; Books. etc, 

250, Dante. — A free Translation, in verse, of the „Inferno 
of Dante“, with a preliminary Discourse and Notes, by Bruce 
Whyte. London, | 

Wie der Titel schon anzeigt, macht die Uebersetzung keinen Anspruch 
auf Treue, büfst aber damit schon ihren Werth in der That ein; weggelassen 
sind sogar ganze Stellen. Eigenthümlich ist, dafs der Uebers. von einer alle- 
gorischen Auffassung des Gedichts überhaupt ganz und gar nichts wissen will; 
ale sei im buchstäblichen Wortsinne zu nehmen. Vgl. Athenaeum, July; Lit. 

az., Jan. 

251. Foscolo. — Opere edite e postume di Ugo Foscolo. Vol. 
X. Saggi di critica storico-letteraria tradotti dall’ Inglese raccolti 
e ordinati da F. $. Orlandini e da E. Mayer. Vol. I. Firenze (Le 
Monnier). 8°. VII, 545 p. | 

Die ersten 9 Bände dieser Opere enthalten: I-— IV. Prose letterarie, V. 
Prose politiche, VI-—VIIL Epistolario, IX. Poesie. 


0 mm eme om 


IL Zur italienischen Literaturgeschichte. 471 


252. Giannone. — Opere inedite di Pietro Giannone, scritte 
Îla sua lunga prigionia, rivedute ed ordinate da P. St, Mancini. 
Vol. Torino. gr. 8°. 

Die Bände enthalten: Discorsi storici e politici sopra gli Annali di Tit 
x0; La Chiesa sotto il pontif. di Gregorio il Grande. — 

253. Gioberti. — Pensieri di Vincenzo Gioberti. Miscellanee. 
1, L Torino (Botta). 

Band V des Nachlasses. 

*254. Giordani. — Seritti editi e post. [s. J.58, N° 271]. 
1 VI. 1858. 419 p. 

255. Giusti. — Epistolario di Giuseppe Giusti, ordinato da 
w. Frassi e preceduto dalla Vita dell’ autore. 2 Vol. Firenze 
> Monnier). 8°. 940 p. (Mit Facsim.) 14 Paoli. 
op Guicciardini. — Opere inedite etc. [s. J. 58, N° 272] 

Enhält: Storia Fiorentina dai tempi di Cosimo de’ Medici a quelli del 
ıfalon. Soderini. 

257. Jacopone da Todi. — Cantici di Fra Jacopone da Todi, 
bl. ed illustrati da B. Sorio. 

In: Opuscoli religiosi, letter. e morali di Modena, T. III— VI. 

Von dieser manches Beachtenswerthe enthaltenden Zeitschrift erschienen 
V—VI 1859; schon im 2. Bande derselben hatte Sorio über den poeti- 
m Werth der Cantici Jacopone’s geschrieben, welchen er weit über Petrarca 
t. Vom 8. Bande an gibt er nun fast in jedem Heft der Zeitschrift das 

oder das andere Gedicht Jacopone’s in verbesserter Gestalt und mit sprach- 

n, sachlichen und historisch-literarischen Anmerkungen heraus, im Ganzen 
'antici, und 2 Laude, unter letztern eine aus der Handschr. publicirt. — G. — 
258. Medici, Lorenzo de. — Poesie di Lorenzo de’ Medici. 
ınze (Barbèra). 
259. Petrarca. — Petrarcae Aretini carmina incognita. Ex 
d. Italicis bibliothecae Monacensis ed. G. M. Thomas. München. 
jo. XLIAI, 136 p. (Mit 2 Tafeln). 5 Thlr. (Erstes Heft der 
umenta saecularia, herausgeg. v. d. bayerischen Akademie der 
senschaften). 

Von diesem Werke wird eine ausführlichere Anzeige gegeben werden. 
260. Petrarca. — Francisci Petrarcae Epistolae de rebus fa- 
aribus et variae, tum quae adhuc tum quae nondum editae, 
liarium scilicet libri XXIV, variarum liber unicus, nunc pri- 
à integri et ad fidem codicam optimorum vulgati studio et 
Jos. Fracassetti. Vol.I. Firenze (Le Monnier). 8°. CLVI, 
p. 18 Paoli. 

Enthält die ersten 8 Bücher familiarium und die Epistola ad posteros. 
orwort sagt der Herausg., er habe die Codices der Bibliotheken von Rom, 
nz, Venedig, Padua, Turin und Paris collationirt, was indefs nicht ganz 
ich zu nehmen ist; und habe die familiares auf 347 gebracht, wovon 
unedirt wären, die variae auf 63, wovon 85 unedirt; die seniles habe 
ıggelassen als allbekannt, die sine titulo aber, weil der Veröffentlichung 
th. — G. — | 

161. Petrarca. — Lettera volgare di Francesco Petrarca a 
1iardo Beccamuggi tratta da un codice della Marciana col 
onto della lezione nel ,Petrarchista“ di Nicold Franco. Ve- 
ı (Merlo). 8°. 17 p. 


472 Bibliographie. 


Ein deutliches Merkmal der Unächtheit dieses Briefes ist in dem Um- 
stande zu finden, dafs er im Ganzen mit einem der vielen übereinstimmt, 
welche Nicolaus Franco im Namen Petrarca’s und Laura’s selbst verfafste. 
— M, — 

262. Petrarca. — The Sonnets, Triumphs and other Poems 
of Petrarch, now first completely translated into English verse 
by various hands. With a Life of the poet, by Th. Campbell. 
London. 8°. (Mit 16 Stahlst.) 5 s. 

263. Pindemonte. — Elogi di letterati Italiani, d’Ippolito.Pin- 
demonte, pubbl. per Aless. Torri. Firenze (Barbèra). 

Aufserdem erschienen 9 unedirte Briefe dieses Dichters, aber von gering- 
fügigem Inhalt, zu Padua (Bianchi) und Venedig (Merlo). 

264. Porzio. — La congiura de’ Baroni del regno di Napoli 
contro il re Ferdinando primo, di Camillo Porzio, ridotta alla 
sua vera lezione, di molte note adornata, ed ora per la prima 
volta da’ famigerati processi contro i segretari del re e contro 
i baroni seguita, per cura di Sfanislao d’Aloe. Napoli. 8°. XIV, 
247, COLXXV p. 

Die erste Ausgabe dieses durch seinen Stil ausgezeichneten Werkes er- 
schien Rom 1565, 4°. 

265. Redi. — Poesie di Francesco Redi. Con le annotazioni 
al Bacco in Toscana. Firenze. 32°. 

266. Sforza, Isabella. — Della vera tranquillita dell’ animo, 
d’Isabella Sforza. Ristampa eseguita sull’unica Aldina del 1544, 
con la giunta d’alcune lettere. Parma (Fiaccadori). 16°. 119 p. 

S. über die „Aldina* Gamba, T. d.!. N° 1646. 

267. Tasso, Torquato. — I dialoghi diTorquato Tasso, a cura 
di Cesare Guasti. 1858—59. Vol.I—II. Firenze (Le Monnier). 8°. 

Eine auf Grund der Handschriften und alten Drucke hergestellte kriti- 
sche Ausgabe. 

268. Tassoni. — Lettere di Alessandro Tassoni. Padova (Se- 
minario). 8°. 24p. 

6 Briefe, die von einigem Interesse sind, da sie Varianten zur Secckia 
rapita enthalten. — M, — 


IV. Zur spanischen Literaturgeschichte. 


A. 


269. Memoria descriptiva de los cödices notables conservados 
en los archivos eclesiästicos de Espana; escrita por D. José 
Maria de Eguren. Obra premiada por la Biblioteca nacional en 
el concurso publico de enero de 1859, & imprensa 4 espensas 
del Gobierno. Madrid. gr. 4°. IV,C,104p. 10rs. 

270. Manual de biografia y de bibliografia de los escritores 
espanoles del siglo XIX; por D. Manuel Ovilo y Otero. Be- 
an 2 Vol. 18°. 540p. (Aus der Enciclopedia popular me- 
jicana. 


IV. Zur spanischen Literaturgeschichte. 473 


271. Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesi- 
ıen Nationalliteratur, von Ferd. Wolf. Berlin. gr. 8. 747p. 
Chir. 20 Sgr. 

Wird demnächst ausführlicher angezeigt werden. 


272. Beiträge zur spanischen Volkspoesie aus den Werken 
rnan Caballero’s, von Ferd. Wolf. Wien. gr. 8°. 90 p. (Aus den 
zungsber. der k. Akad. d. Wiss. in Wien). 14 Sgr. 

Eine von mannichfachen erläuternden Anmerkungen begleitete Zusammen- 
lung der in Fern. Cab.’s Werken gelegentlich angebrachten und zuerst be- 
nt gemachten kostbaren Reste spanischer Volkspoesie; und zwar werden 
Romanzen, Lieder und Singstrophen im Original, die prosaischen Beiträge 
r in treuer Uebersetzung oder Bearbeitung mitgetheilt. Noch sei bemerkt, 
: aufser den gesammelten Werken auch die in dem Seminario pintoresco 
wol abgedruckten Aufsätze Fern. Caballero’s von dem Verf. benutzt sind. 
273. Sephardim. Romanische Poesien der Juden in Spanien. 

Beitrag zur Literatur und Geschichte der spanisch - portugie- 
hen Juden, von M. Kayserling. Leipzig. gr.8°. XII, 371 p. 
‘br. 

274. Das moderne Drama der Spanier [vgl. J. 58, N° 2921. 
In: Magazin der Literatur des Auslands, N° 19. 
Analyse und Kritik des Corte del Buen Retiro von D. Patr. de la Es 
ra, welches dramatische Gedicht aus 2 Theilen besteht, wovon der erste 
', der zweite 1844 verfafst wurde. Das Stück erinnere sowohl im Sujet 
ıaupt, als in gewissen einzelnen Situationen sehr an Schiller’s Don Carlos. 
275. Garcilaso — Luis de Leon — Rioja; discurso por Man. 
ste. 
In: Revista de Sevilla, T. V. 


76. Cervantes. — Notas 4 la vida de Cervantes escrita por 
wrete, por Cayet. Alb. de la Barrera. 

In: Revista de Sevilla, T. III, IV, V. 
77. Leon, Luis de. — Proceso de Fr. Luis de Leon, por D. 
ndro Arango y Escandon (Americano). 
278. Mal-Lara. — Juan de Mal-Lara, estudios biogräficos, 
). Ant. Gomez Aséves. 

In: Revista de Sevilla, T. IV. 
79. Quevedo. — Quevedo, discurso leido ante la real Aca- 
‚, Sevillana, por J. Guill. Busarün. 

In: Revista de Sevilla, T. IV. 


on demselben Verf. finden sich bereits in dem ersten Band dieser Re- 
1855) Æstudios histörico-literarios sobre Quevedo. 
0. Boelas y Cördoba, Juan de las. — Juan de las Roelas 
doba, escritor sevillano, por Cay. Alb. de la Barrera. 

In: Revista de Sevilla, T. V. 
t. Trueba. — Antonio de Trueba. Articulo escrito en fran- 
r Latour, version de Espino. 

In: Revista de Sevilla, T. V. 


474 Bibliographie. 


282. Poetas de las Islas Baleares. Palma (P. J. Gelabert). 
Entregas 1— 14. 

Eine interessante Publication. Bis jetzt umfafst sie, aufser einigen dem 
Bernardo de Moguda und dem 18. Jahrh. zugeschriebenen Pronösticos (welche 
ich indessen für viel neuer halte), nur die Biographie und viele Productionen 
von Raymund Lull. Titel und Einleitung, sowie Namen des Herausg. fehlen 
noch. JM. y. F. (März). 

283. Dramäticos posteriores a Lope de Vega etc. [s. J. 58, 
N° 303]. Tomo II. LI, 655 p. (Bibl. de aut. esp. T. XLIX). 50 rs. 


284. Teatro scelto spagnuolo antico e moderno, raccolta dei 
migliori drammi, commedie et tragedie, versione italiana di Gio- 
oanni la Cecilia; con discorsi preliminari di G. Brofferio, L. Arago 
e Leandro Moratin. Torino 1857—60. 7 VoL 12°. 

285. Jochs florals de Barcelona en 1859. Barcelona (Manero). 

. 4°, 
Br Dieses Werk enthält die Liste der Mantenedoren und ihrer Adjuncten, 
die feierliehen Acte, Reden, gekrönten Poesien. 


286. Jovellanos. — Obras etc. [s. J. 58, N° 307). Tomo Il. 
XXVI, 548 p. (Bibl. de aut. esp. T. L). 50 rs. 

287. Llull. — Obras rimadas de Ramon Llull, escritas en 
idioma catalan provenzal; publicadas por primera vez con un 
articulo biogräfico, ilustraciones y variantes, y seguidas de un 
glosario de voces anticuadas; por Gerönsmo Rossello. Palma (Ge- 
labert). gr. 4°. 772p. 48 rs. 

Ob dieses Buch etwa ein Theil der oben unter N° 282 aufgeführten Samm- 
lung, vermögen wir leider noch nicht zu entscheiden. 

288. Quevedo. — Obras de D. Francisco de Quevedo Ville- 
as. Colleccion completa, corregida, ordenada é illustrada por 
. Aurel. Fernandez Guerra y Orbe. Tomo Il. Madrid. gr. 4°. 

XLI, 687 p. (Bibl. de aut. esp. T. XLVIID). 50 rs. 

Tomo I erschien 1852. 


V. Zur portugiesischen Literaturgeschichte. 


A. 


289. Diccionario bibliographico portuguez. Estudos de J. F. 
da Silva, applicaveis a Portugal e ao Brasil. [s. J. 58, N° 312]. 
Tomo IL 478 p. 

Der erste Band enthielt A__B; der zweite umfafst C — Fr. (Fr. Francisco 
Martins). Dieses Werk, das eine sehr wesentliche Lücke auszufüllen be- 
stimmt ist, um so mehr als die um die Mitte des 18. Jahrh. verfafste und 
schon sehr selten gewordene Bibliotheca Lusitana Machado’s keine die ganze 


nenn nt em 


V. Zur portugiesischen Literaturgeschichte. 475 


Literatur umfassende Fortsetzung gefunden hat — zeichnet sich durch Reich- 
thum des Inhalts, Genauigkeit der Angaben und kritischen Geist aus, durch 
welchen die Berichtigung mancher überlieferten Irrthümer gelingt. Von den 
kltesten Druckwerken an das portugiesische Schriftthum bis auf die neueste 
Zeit umfassend, schliefst das Dicc. nur das ganz Ueberfitissige und Unntitze 
zus (o que parecesse inteiramente reprovavel por superfluo e inutil no estado 
ictual e progressivo dos conhecimentos humanos). Dem Namen der Schrift- 
teller folgt stets eine kurze biograph. Nachricht mit Angabe der Quellen, 
lann in chronolog. Ordnung die Werke, soweit es möglich war, bibliogr. ge- 
su verzeichnet (unter Angabe des Preises bei seltenern Büchern); auch kri- 
ische Urtheile werden öfters hinzugefügt und auf solche verwiesen. So wird 
as Werk zu einer wahren Quellenkunde der portugiesischen Literaturgeschichte, 
ıdem zugleich einzelne ausführlichere Artikel selbst den Werth kleiner lite- 
ıturgeschichtlicher Monographien haben. Zu bedauern ist nur, dafs die al- 
sabetische Ordnung der Schriftsteller, einem alten nationalen Herkommen 
ımäfs, nach dem ersten Vornamen statt nach dem Zunamen erfolgt, ein Ue- 
ılstand der allerdings durch einen Index am Schlusse des Werks gemildert 
ırden wird. Die anonymen Werke sind nach den Anfangsbuchstaben ihrer 
tel eingereiht. 
Studien, von F. Wolf, s. oben N° 271. 


290. Colleegäo de monumentos ineditos para a historia das 
nquistas etc. [s. J. 58, N° 317]. Lendas da India, por G. Cor- 
sr Parte 2. p. 493—1013. 


291. Camoens. — Les Lusiades de Camoens; traduction par 
Albert. Paris. 12°. 4Fr. 


VI. Zur allgemeinen Literaturgeschichte, 


nebst Werken, die mehrere Literaturen zugleich betreffen. 


292. Trésor des livres rares et précieux etc. par J. G. Th. 
sse. [s. J. 59, N° 318]. Livrais. 4 — 7. 


293. Catalogue of the extraordinary Collection of splendid 
uscripts chiefly upon vellum, in various languages of Europe 
the East, formed by M. Guglielmo Libri, which will be sold 
uction by Mrs. S. Leigh Sotheby and John Wilkinson. Lon- 
gr. 8°. L, 260 p. (Mit 37 Tafeln). 
Der Katalog dieser im März 1859 versteigerten Sammlung von Mass. ist 
‘ibri selbst verfafst, und führt nicht weniger als 1190, zum Theil sehr 
ire, Handschriften auf, die zugleich mehr oder weniger ausführlich be- 
ben werden, wie denn auch eine grofse Anzahl Facsimiles auf den Tafeln 
eben sind. Die Mss. datiren vom 8. Jahrh. bis zur neuesten Zeit, und 
n den verschiedensten Literaturen an, namentlich, was uns zunächst 
sirt, auch der altenglischen, altfranzösischen und altitalienischen : so 
4, welches Ms., bald nach Petrarca’s Tode verfafst, dessen Rime sowie 
wnzonen Dante’s enthält, und in letzterer Beziehung auch von Witte in 


476 Bibliographie. 


seinen Nuove corrœæioni früher schon benutzt ist. — S. auch Biblopk. Belge, 
Août. 


294. Catalogue of the choicer portion of the magnificent li- 
brary formed by M. Guglielmo Libri. London. 8°. 

Diese, viele alte und merkwürdige Bücher (auch aus der engl. und den 
roman. Liter.) umfassende Sammlung wurde im August vorigen Jahrs in Lon- 
don, zum Theil zu sehr hohen Preisen, versteigert. Die Titel sind mit zwar 
kurzen, aber stets interessante Einzelheiten über Verfasser, Drucker u. s. w. 
bringenden Noten begleitet. Mancherlei Neues wird da geboten, zumal die 
Bücher nicht blofs durch ihren Inhalt, sondern öfters zugleich durch ihren 
Einband und ihren ursprünglichen Besitzer sehr merkwürdig sind; in der Vor- 
rede wird auch eine sehr schätzbare kurze Uebersicht über die Buchbinder- 
kunst aller Länder und Epochen gegeben. S. Bulletin du biblioph. et du bi 
blioth., Oct., wo auch eine ganze Anzahl Werke mit den Verkaufspreisen und 
den Namen der Käufer aufgeführt sind; Biblioph. belge, Oct.; Serapeun, 
p. 845 ff.; und den Artikel Laboulaye’s: „La Manie des Livres“ in der Ber. 
d. deux Mond., Sept. 


295. Catalogue raisonné des manuscrits éthiopiens apparte- 
nant à Antoine d’Abbadie. Paris. 4°. XV, 235 p. 

Manche der hier aufgeführten Bücher, welche Hr. Abb. selbst in Aethio- 
pien gesammelt und hier beschrieben hat, haben interessante Bezüge zu der 
mittelalterlichen europ&ischen Literatur. So findet sich, aufser mehrern merk- 
würdigen apokryphischen Schriften, sowie Miraclen der heil. Jungfrau, eine Le 
gende von Gregor dem Propheten, welche den visionären Reisen in den Him- 
mel und die Hölle sich zugesellt; ferner eine fabelhafte Geschichte Alexan- 
ders des Grofsen, in der dieser Held sonderbarer Weise wie ein Heiliger ver- 
herrlicht ist; und der aus dem Arabischen übersetzte Baraläm; beide letztge- 
nannte Werke sind durchaus unbekannt bisher gewesen. 9. Biblioph. belge, 
Sept. und Götting. Gel. Anzeigen, Dec. 

296. Lehrbuch einer allgemeinen Literärgeschichte etc., von 
J. G. Th. Grässe [s. J. 58, N° 320). Bd. 4. V,385p. 2 Tir. 

Dieser Band enthält die Register, mit ihm ist das Werk beendet. 

297. De linfluence de la civilisation sur la poésie, ou histoire 
de la poesie chez tous les peuples, mise en rapport avec la ci- 
vilisation; par Ferd. Loise. Tournai. 8°. 34 Fr. 

Erschien unter dem ersten der beiden Titel auch in den Mémoires cou- 
ronnés der Brüsseler Akademie, Coll. in 8°. T. VIII (261 pp.), fafst dort aber 
nur die orientalische Welt und das klassische Altherthum ins Auge. 

*298. Tableau de la littérature dramatique en Europe, depuis 
l’origine jusqu’à nos jours, par A. Ph. Soupe. Grenoble 1858. 16°. 
820 p. 2 Fr. (Aus der Revue des Alpes). 


299. Essais sur le génie de Pindare et sur la poésie lyrique 
dans ses rapports avec l'élévation morale et religieuse des peu- 
ples, par Villemain. Paris. 8°. 618 p. 6 Fr. 


300. De la poésie descriptive, ou Discours en réponse à cette 
uestion proposée par la Société hollandaise des lettres, le 18. 
Sept. 1854: Donner une dissertation sur ce qui constitue lessence 
et le mérite de la poésie descriptive dans les différents genres, 
avec des exemples pris dans les poëtes de l’antiquité, du moyea 
âge et des siècles modernes; par Junius Castelnau; précédé d’une 
introduction par St. René Taillandier. Paris. 8°. 24 Er. 


VI. Zur allgemeinen Literaturgeschichte. 471 


301. Amenities of Literature, by Isaac Disraeli. New. ed. Edi- 
ed by his son, B. Disraeli. 2 Vol. London. 8°. 374, 390 p. 9s. 


302. The Literary Character by Isaac Disraeli. New. ed. 
‚dited by his son, B. Disraeli. London. 8°. As. 6 d. 

Enthält zugleich die Miscellanies. 

303. Die Wiederbelebung des klassischen Alterthums, oder 
as erste Jahrhundert des Humanismus, von G. Voigt. Berlin. 8°. 
IE, 486p. 2 Thir. 74 Ser. 

In dieser geistreichen Schrift sind vorzugsweise die italienischen Huma- 
sten, namentlich ausführlich Petrarca behandelt. 

304. Pantschatantra: Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen 
ıd Erzählungen. Aus dem Sanscrit übersetzt mit Einleitung und 
nmerkungen von Th. Benfey. 2Bde. Leipzig. 8°. LI, 1167 p. 
Thir, 

Diesem auch für die neuere Literatur sehr wichtigen Werke wird ein Ar- 
el des nächsten Heftes des Jahrb. gewidmet sein. 

305. Les Avadänas, contes et apologues indiens inconnus 
qu’à ce jour, suivis de fables, de poésies et de nouvelles chi- 
ises, traduits par Stanislas Julien. 3 Vol. Paris. 18°. XX, 763p. 
Fr. 

Die Avadänas sind einer grofsen, 24 Bände umfassenden, chinesischen 
amlung, „der Wald der Vergleichungen“ betitelt, aus dem Ende des 16. 
rh., entlehnt — welche Sammlung aus andern chinesischen, namentlich 
dhistischen und aus dem Sanscrit übersetzten, Werken compilirt ist. Die 
scrit-Originale der Avadänas, welche also in ihrer chinesischen Ueberset- 
g uns erhalten wurden, sind verloren. Dieselben sind aber nicht blofs 
: bedeutende Quelle der seit den ältesten Zeiten in der asiatischen Welt 
jreiteten Erzählungen und Apologe, sondern indirect auch, durch griechi- 
: Vermittelung, der betreffenden mittelalterlichen Literatur. 8. Journ. d. 
ınts, Mai. 

306. Die Fabeln des Sophos. Syrisches Original der griechi- 

on Fabeln des Syntipas, in berichtigtem vocalisirten Texte 

ı ersten Male vollständig mit einem Glossar herausgegeben, 

3t literarischen Vorbemerkungen und einer einleitenden Un- 

achung über das Vaterland der Fabel, von Jul. Landsberger. 

»n. 8°. CXLIV, 186p. 2 Thir. 

Eine deutsche Uebersetzung begleitet das Original, sowie ein Commen- 
Den Ursprung der Fabel sucht der Verf. bei den Hebräern: welche An- 
sehr wohl begründet wird. S. die sehr eingehende Anzeige von K. L. 
in den Heidelb. Jahrb., Jan. 1860. 

107. Popular Tales from the Norse; by G. Webbe Dasent. 

ı au introductory Essay on the origin and diffusion of po- 

r tales. Second ed. enlarged. Edinburgh. 8°. 108. 6 d. 

3. hierüber oben Seite 185 Anm. 


08. Reynardus Vulpes. Poema ante ann. 1280, a quodam 
wino e lingua teutonica translatum. Ex unico adhuc super- 
exemplo quod circa annum 1473, Ultrajecti per Nic. Kete- 
et Ger. de Leempt impressum, in bibliotheca publica Daven- 
i adservatur, recudi curavit M. F. A. G. Campbell. Haag. 8°. 
60 p. 2; Fr. 


478 Bibliographie. 


Dieses, bisher unbekannte, aus 925 Distichen bestehende lateinische Ge- 
dioht ist kurz vorher erst durch den Herausg. wieder entdeckt worden. Der 
Verfasser, oder vielmehr Uebersetzer, hat sein Poema dem „Joannes Praepo- 
situs Burgensis et Insulensis“ gewidmet, der, wie sich zeigt, Niemand anders 
als Johann von Flandern (Sohn Gui’s von Dampierre), später Bischof von 
Metz, ist, dessen die Hist. littér. de France XX, p. 141 ff. gedenkt. Bibdlioph. 
belge, Févr. | 

309. Zu Reinhard Fuchs, von C. Höfler, und von F. Liebrecht. 

In: Germania, p. 109 ff. und 371 f. 


310. Ueber den Zauberer Virgilius, von K. L. Roth. 
In: Germania, p. 257 — 298, 

Diese ebenso umfassende als gründliche Arbeit weist die Verbreitung wie 
die Entstehung der Sage nach. In derselben Zeitschrift findet sich auch 
(p. 237 ff.), von Bartsch herausgegeben, ein bisher noch nicht edirtes altdeut- 
sches Gedicht auf den Zauberer Virgilius aus dem 14. Jahrh.: „Von einem 
pild ze Röme daz den &precherinnen die vinger abpeiz“. 

311. Alexandri magni iter ad paradisum ex codd. mss. latinis 
primus edidit Jul. Zacher. Königsberg. 8°. 32p. 74 Sgr. 

In der Einleitung verbreitet sich der Herausg. über die Quellen der Ge- 
schichte Alexanders im Mittelalter. Die vorliegende Schrift ist in einem Pa- 
riser und in einem Wolfenbütteler Codex des 13. Jahrh. erhalten; die Sage 
findet sich zuerst bei Albericus, der Herausg. vindicirt ihr aus dem Talmund 
einen hebräischen Ursprung. Liter. Centralbl. 1860, April. 


*312. Hermanni Contracti Conflictus ovis et lini, herausgege- 


ben von M. Haupt. 

In: Haupt’s Zeitschrift für deutsches Alterthum, Bd.XI. Heft?, 

L 2 215. 

P Dieses in mancher Beziehung literaturgeschichtlich interessante Gedicht 
hat zuerst Hr. Du Méril in seinen ,, Poésies popul. lat. antér. au 12° siècle* 
1843 nach einer Brüsseler Handschrift des 12. Jahrh. veröffentlicht, indefs 
nicht vollständig, da seine Ausgabe mit dem Vers 699 abbricht; in der vor- 
liegenden Ausgabe nun ist es vollständig gegeben (das Gedicht hat 770 V.), 
und bei derselben aufser der Brüsseler, auch zuerst die andre, Lambacher 
Handschrift benutzt, indem die Varianten unter dem Texte angeführt sind. 

313. Zehn Gedichte von Walther von Lille, genannt von Ch&- 
tilon. Nach der Pariser Handschrift berichtigt und zum ersten 
Male vollständig herausgegeben von W. Müldener. Hannover. 8°. 
64 p. 15 Sgr. 

Der Verf. hat schon in einer Dissertation 1854 einige handschriftliche 
Notizen über den Dichter mitgetheilt. Nur theilweise waren die vorliegenden 
lateinischen Gedichte von Th. Wright und von Du Méril (Poésies popul. lat. 
p. 144 ff.) schon mitgetheilt; das neunte Gedicht ist stofflich besonders bemer- 
kenswerth, indem es interessantes Detail über das gelehrte Leben des 12. 
Jahrh., sowie auch über das des Dichters selbst enthält. Vergl. Liter. Cen- 
tralbl., Juni. 


314. Zur Räthselliteratur, von A. Bartsch. 
In: Germania, p. 308 ff. 

Dieser kurze Artikel knüpft an die von dem Verf. in seinen „Denkmä- 
lern der provenzalischen Literatur“ herausgegebne Sammlung von Räthselfra- 
gen an, ähnliche Werke des Mittelalters vergleichend. 

315. La legende celtique en Irlande, en Cambrie et en Bre- 
tagne, suivie de textes originaux irlandais, gallois et bretons, 


La 


KL E 


VI. Zur allgemeinen Literaturgeschichte. 479 


rares ou inédits, par le vic. Hersart de la Villemarqué. Saint- 
Brieux. 12°. XXL 333p. 34 Fr. 

Das Buch enthält das Leben der heil. Patrick, Kadok und Hervé, und 
bietet darin zugleich ein Bild der drei im Titel bezeichneten Länder im 6. 
und 6. Jahrh. Aufser den lateinischen Hagiographien bilden die Quellen Do- 
cumente in keltischer Sprache, worunter Fragmente einer gereimten Legende 
des heil. Hervé und seiner Mutter Rivanone, und ein Dialog in Versen zwi- 
schen dem heil. Kadok und Merlin dem Wilden — beide Stücke Inedita, sind 
sammt einigen andern am Ende des Bandes abgedruckt. In eine Kritik der 
erzählten Thatsachen ist der Verf. weiter nicht eingegangen. Journ. d. Sa- 
vants, Août. 

316. The ancient Cornish drama, edited and translated by 
Edwin Norris. 2 Vol. Oxford. 8°. 215. 

Drei alte Mysterien — die Schöpfung, die Passion, und die Auferste- 
hung — werden hier mitgetheilt im cornischen Text mit gegentiberstehender 
englischer Uebersetzung. (Nach einer Bemerkung des Bookseller, April, scheint 
es, dafs die Stücke aus dem 14. Jahrh.) Anmerkungen, ein Wörterbuch, ja 
eine Grammatik folgen, welche letztere auch in einem Separatabdruck erschie- 
nen ist. (A Sketch of Cornish Grammar, by E. N. 8 s.) 

317. Political Poems and Songs relating to english history, 
composed during the period from the accession of Edward III 
to that of Richard III; edited by Th. Wright. Vol. I. London. 8°. 

Es sind 85 Gedichte, davon 2 altfranzös., 9 englische, 22 latein. und 
2 macaronische, gemischt aus engl. und latein. Die altfranz., welche am in- 
teressantesten scheinen, sind: „The Vows of the Heron“, 1838 datirt, doch 
nicht vor 1340 geschrieben; und „On the Truce between England and France“, 
1394 von Eustache Deschamps verfalst. Vgl. Athenaeum, Dec. 

318.. Romänische Volkslieder, metrisch übersetzt und erläu- 
tert von J. K. Schuller. Hermannstadt. 8°. XX,112p. 16 Sgr. 

Aus gedruckten und handschriftlichen Quellen; die Lieder gehören vor- 
zugsweise dem Gebiet der Liebespoesie und der Ballade an. 

319. Proverbs of all Nations compared, explained and illu- 
strated by W. K. Kelly. London. 12°. 240p. 32.6d. 

„Taking british proverbs, for the most part, as his basis, Mr. K. ar- 
ranges them according to their import and affinity, grouping under each trans- 
lations of their equivalents in foreign languages, the original being generally 
appended in foot-notes. Thus we distinguish, as it were, natural families of 
proverbs, the several members of which have their significance enhanced by 
the light they reflect on all. Mr. K. moreover has classified his very interest- 
ing collection, labelling it under a number of different heads.“ Athenaeum, 
Sept. 
320. Le Comte de Permission, suite et fin de l’etude biblio- 
graphique de ses oeuvres, par P. L. Jacob, bibliophile. 

In: Bulletin du biblioph. et du biblioth. p. Techener, Juillet. 

Reiht sich an den in der Bibliographie des vor. Jahrg. unter N° 824 
angezeigten Artikel (vergl. auch ebenda N? 323). Der gegenwärtige handelt 
von den ,Dernières oeuvres du C. d. P. contenant ses interprétations de la 
Vie de Jésus-Christ. Paris 1604—5“, welche die Bücher N° 141— 173 des 
C. d. P. bilden (jedes Buch zu 12 Seiten). Den Lebensjahren Christi entspre- 
chend sind es 38 Bücher, ein jedes einer hohen Person gleichsam als Bettel- 
brief gewidmet. Sie wurden übrigens, wegen ihres ketzerischen Unsinns, zur 
Unterdrückung verurtheilt, indem die Pariser Drucker zugleich angewiesen 
wurden, für die Zukunft dem C. d. P. ihre Pressen zu verweigern. Ein Jahr 
darauf starb dieser indefs an der Pest (1606). 


480 Bibliographie. 


VIL Philologie. 


321. Encyclopädie des philologischen Studiums der neueren 
Sprachen, von B. Schmitz. Greifswald. 8°. XVI, 474p. 2; Thlr. 

Vor Allem ist zu bemerken wichtig, dafs der Verf. unter „den neuere 
Sprachen“, denen sein Buch gewidmet ist, nur das Französische und Englische 
versteht, wenn er auch einleitend gelegentlich einmal die andern berührt. Du 
Werk erscheint seinem allgemeinen Charakter nach als ein Hülfsbuch für Leh- 
rer; wegen seiner bibliographischen Angaben, die in manchen Partien sr 
vollständig sind, verzeichnen wir es hier. 


322. Kritischer Anhang zum Etymologischen Wörterbuche der 
Romanischen Sprachen, von Fr. Diez. Bonn. 8°. 36p. 65g. 

Diese Schrift, welche als kritische Erwiedrung auf eine Anzahl Beurer 
lungen des Etymologischen Wörterbuchs darlegt: „was der Verf. nach reifli- 
cher Erwägung für sich und gegen sich zu bemerken fand“, bietet eine Reihe 
sehr interessanter und bedeutender Beiträge zu dem berühmten Werke. Manche 
der dort aufgestellten Etymologien werden hier im Einzelnen begründet, wos 
das Etym. Wörterb. selbst den Raum nicht geboten hatte. Ein paar davon 
werden auch mehr oder weniger modificirt. Die Beiträge sind um # wich- 
tiger, als sie zum gröfsten Theil, wie sich dies erwarten läfst, schwieng 
Wörter behandeln, von denen nicht wenige zugleich vom häufigsten Gebraucht 
sind. Die Kritiken, mit welchen die Schrift sich beschäftigt, sind die m 
Athen. franç. erschienene, die von Blanc (Allg. Monatsschr.), die von Lit 
(Journ. d. Sav.), von Mahn (Etym. Unters.), und die in Burguy's Gran. dh 
langue d’oil zerstreuten. Die Besprechung der letztgenannten enthält zugleich 
einen Protest gegen das Verfahren des Hrn. B., welcher, wie der Verf. nach- 
weist, Etymologien der Gram. der rom. Spr. (1. Aufl.) allerdings verbesse 
aber auf Grund des Etym. Wörterb., ohne diese Quelle zu nennen. 


323. Antiquité des patois, antériorité de la langue frais 
sur le latin; par A. Granier de Cassagnac. Paris. 8°. 40p. IF 


*324. Etude sur l'origine des prépositions françaises, pi À 
Gessner. (Progr. d. Collège royal franc. Sept. 1858.) Berlin. # 
30 p. u 
Eco Schrift zeichnet sich besonders durch den Reichthum vol Beisp#r 
len, namentlich der aus dem Vulgarlatein geschöpften Belege aus 


325. Etude du chant d’Enlalie et du fragm. de Valencien 

par Littré [s. J.58, N° 337. — Fortsetzung davon]. 
In: Journ. des Savants, Fevr. und Mai. Lo) de 

Im Februarheft beginnt das Studium des Fragm. de Val; der Artik 
Maihefts behandelt die altfranzösische Declination namentlich. 

326. Die altfranzösischen Gesetze Wilhelm’s des Erben 
grammatische Abhandlung von F. Hotzel. (Progr. des Reaigim 
zu Eisenach.) Eisenach. 8°. 28 p. sit 

Die Sprache dieses alten Denkmals wird hier in Bezug auf An die 
tigsten lautlichen Gesetze des Vocalismus “ gründlich untersucht, in em 
übrigen sprachlichen Erscheinungen auf dem Gebiete der Lautlehre © 
tern Fortsetzung vorbehalten bleiben. 

327. La Grammaire française et les grammairiens 80 
cle, par Ch. L. Livet. Paris, 8°. VILI,536p. 74 Fr. 


18% 











VII. Philologie. 481 


Der Verf. gibt ebenso ausführliche als sorgfältige, auch mit zahlreichen 
Auszügen durchwebte, Analysen der grammatischen Arbeiten von Jacques Du- 
bois (Sylvius — 1531), Louis Meigret, Jacques Pelletier (1555), Guillaume 
Des Autels (1545), Pierre Ramus, Jean Garnier, Jean Pillot, Abel Mathieu 
(1558-81), Robert und Henri Estienne, Claude de Saint-Lien (Claudius a 
Sancto-Vinculo) und Théodore de Beze — üie Schriften der beiden letzten 
behandeln speciell die Aussprache, indem die erstere zum Unterricht der Eng- 
länder, die andere zu dem der Dentschen verfafst ist. Die Analysen beglei- 
ten Noten und zahlreiche Commentarien über die Versüche vor Dubois, sowie 
über die im Ausland vorn zeitgenossischen Schriftstellern entwickelten Systeme. 
Aufserdem hat der Verf. durch eine Vergleichung dreier zwischen der Mitte 
des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrh. veröffentlichten Wörterbücher 
die allmäligen Modificationen der Orthographie dargelegt. — Uebrigens hofft 
Hr. Livet die analysirten Schriften selbst noch publiciren zu können. 8. u.a. 
Journ. d. Savants, Juillet. 

*328. Beiträge zur Lexicographie des Altfranzösischen ; von 
CRE (Progr. der Magdeburger Gewerbschule). Magdeburg 1858. 

°. 34p. 

Eine Sammlung von altfranzösischen Wörtern, Wendungen und Redens- 
arten ist aus Floire et Blanceflor geschöpft, indem der Verf. Du Meril’s schätz- 
bares Glossaire (zu seiner Ausgabe dieses Gedichte, Paris 1856) zu ergänzen, 
und theilweise auch zu berichtigen strebt. Subsidiär ist auch der Alexander- 
Roman (Ausg. v. Michelant) benutzt. — Weitere „Beiträge“ werden später 
in Aussicht gestellt. 

329. Glossaire roman des Chroniques rimees de Godefroid 
de Bouillon, du Chevalier an Cygne et de Gilles de Chin, par 


E. Gachet. Bruxelles. gr. 4°. 447p. 15Fr. 
Bildet den 20. Band der Collection de Chroniques belges: Wir werden 


demnächst davon eine Anzeige bringen. 
330. Dictionnaire universel des synonymes de la langue fran- 
aise, par Guizot. 5° éd. revue et considérablement augmentée 
1° partie (A—H). Paris. XLIII, 379 p. gr. 8°. 64 Fr. 
Die erste Ausgabe erschien 1809; die vorliegende ist besorgt von V. Fi- 
garol, 
331. Vocabulaire du Haut-Maine, par C. R. de M. Nouvelle éd. 


augmentée. Le Mans. 8°. 503 p. 

Nach einer Anzeige im Bullet. du biblioph. et du biblioth. ein sehr 
tüchtiges Werk, das in der neuen Ausg. beträchtlich vermehrt ist. Die erste 
Ausg. erschien vor 2 Jahren, und ihre schnelle Vergreifüng zeugt allein schon 
für das Interesse, das dies Buch erregt. 

332. Le langage des Marins. Recherches historiques et cri- 
tiques sur le vocabulaire maritime; expressions figurées en usage 
parmi les marins; recueil de locutions techniques et pittoresques, 
suivi d’un index méthodique; par G. de La Landelle. Paris. 8°. 
A44 p. SFr. 

333. La Bugado prouençalo vonté cadun l’y a panouchon, 
enliassado de prouerbis, sentencis, similitudos et mots per riré, 
en prouençau enfumado é coulado en un tineou de dès soüs per 
la lauar, sabvunar & eyssugar coumo sé deou. Aix (A. Makaire). 

Von dieser neuen Ausgabe einer interessanten provenzalischen Sprich- 
wörtersammlung des 17. Jahrb. bringen wir demnächst eine ausführliche An- 
zeige. 

I. 4 32 


482 Bibliographie. 


334. Le livre des proverbes français, précédé de recherches 


historiques sur les proverbes français et leur emploi dans ls It 
térature du moyen-äge et de la renaissance; par Leroux de Lin, 
2° éd. revue, corrigée et augmentée. 2 Vol. Paris. 12°. 6 Fr. (Bibl 
gaul.). 


335. Beiträge zur Kenntnifs der siciliauischen Mündart, vo 
Wentrup. Zu 
In: Archiv f. d; Stud. d. neuern Spr., XXV.Bd., 1. u. 2. Hett 


In diesem ersten Beitrag wird die Lautlehre behandelt, und in derselbe | 


gründlichen Weise, welche des Verf. Beiträge zur Kenntnifs der nespolitat 
schen Mundart (Wittenberg 1855) auszeichnete. , 

336. Attenenze della lingua friulana date per chiosa ad un 
iscrizione del 1103 (per Jacopo Pirona). Udine (Vendrame) 
8°. 40 p. 


*337. Dizionario di pretesi francesismi e di preiese mode 


forme erronee della lingua italiana, composto da Prospero Von, 
Con una tavola di voci e maniere aliene o guaste. Vol.L Fire 
(Le Monnier) 1858. 590p. 10 Paoli. 


Gegen den übertriebnen Purismus. In der Rivista contemp. T. XIV (1858) | 


mit viel Anerkennung besprochen, doch erscheint dem Refer. fraglich, ob nie 
zuweilen der Verf. auch zu weit ging. . . 

338. Vocabolario bergamasco-italiano per ogni classe di sal 
sone e specialmente per la gioventü, di Stefano Zappelim. 
1—2. Bergamo. 8°. 144 p. | Sp 

339. Dizionario del dialetto veneziano, di Gus. ee 
conda edizione aumentata e corretta, aggiuntovi l'indiee 1 
veneto. 14 Fasc. Venezia 1858—59. 4°. 


340. Del origen y formacion del romance castellano; con I 
contestacion del S’ Hartzenbusch. ion 

In: Discursos leidos ante la real Acad. esp. en In recept 
publ. del il. Sr. D. Pedro Felipe Monlau. Madrid. 8°. 

*341. La lengua catalana considerada histöricamenie, 
Pröspero Bofarull y Mascaro. Barcelona 1858. 8°. 

S. oben p. 248, Anm. | ans ir 

342. Diccionario de voces aragonesas precedido de 
troduccion filolögico-histörica por Geronimo Bordo. 
(Calisto Arino). de lo ie 

Ein Werk von vielem Werth. M. y F. — Auch Hr. Amador 
gedenkt seiner mit Auszeichnung. 


por D. 


. 6 

343. Einfufs des Slavischen auf das Wallachische, von Ÿ 

phan. (Progr. des Gymn. zu Ostrowo). Ostrowo. 4°. a aa 

Eine sehr fleifsige Arbeit, die auf engem Raume viel Mate omas 

Der Verf., mit den neuen Forschungen sowohl auf dem Gebiete ur 

schen als der slavischen Sprachen vertraut, ist der Ansicht, dal: » jt 

fiufs des Slavischen auf das Wallachische sich nicht auf die m sf ds 

nahme und Verwendung slavischer Ausdrücke beschränkt; vielm de Sp 

ganze Lautsystem sich erstreckt, in dem ganzen grammatischen ge 
che sich zeigt“. Wegen der Kargheit des zugemessenen Raumes À 





VI. Philologie. 483 


der Verf. hier nur von dem Einflufs, der im Lautsystem und in der Flexion 
(des Nomen und Verbum) sich geltend macht, obne Berücksichtigung indessen 
des noch nicht zur Schriftsprache gediehenen macedono-romanischen Dialects. 


344. Transactions of the Philological society. 1858. Part I. 
Berlin (A. Asher & Co.). gr. 8°. XII, 178 p. 14 Thlr. 

345. Reste des instrumentalen Accusativs (im Angelsächsi- 
schen), von Dietrich. 

In: Haupt’s Zeitschr. f. deutsches Alterthum XI, 3. Heft. 

Der Gebrauch des instrum. Acc. im Angelsächsischen wird gegen die An- 
fechtungen, die er in letzter Zeit von der Kritik erfahren, durch 110 neue 
Beweisstellen, aus dem Bereiche der Poesie wie der Prosa, für den Acc. nach 
mid — wovon 60 Stellen Masculinformen betreffen — von Neuem erhärtet. 

346. Rettungen, von Dietrich. 

In: Haupt’s Zeitschr. f. deutsches Alterthum XI, 3. Heft. 

In diesem umfänglichen Artikel (48 p.) werden eine Anzahl angelsächsi- 
scher Wörter und Formen, welche in neuerer Zeit, mit den Worten des Verf. 
zu reden, theils dem kritischen Messer erlagen, theils von ihm bedroht Gefahr 
liefen, für den Sprachschatz oder die Grammatik gerettet. 

347. The philological Essays of the late Richard Garnett, edi- 
ted by his son. London. 8°. XX, 342p, 108. 6 d. 

Diese Aufsätze, welche zuerst in dem Quart. Review und in den Trans- 
actions of the phil. soc. erschienen, erwarben dem Verf. viel gelehrten Ruf 
in England; die bedeutendsten sind: On the languages and dialects of the 
british islands; on antiquarian club-books (Kritik van Madden’s Ausg. des 
Layamon); on the verb; on english lexicography. — Es wird bedauert, dafs 
der Herausg. selbst kein Philolog war, um das Verhältnifs der Arbeiten zu 
dem Fortschritt der Wissenschaft darzulegen. Eine kurze Biographie ist bei- 
gefügt. S. Liter. Gaz., March. 

348. Mémoire sur les analogies des langues flamande, alle- 
mande et anglaise, ou étude comparée de ces idiomes, par E. J. 
Delforterie. Louvain. 4°. 7 Fr. (Extrait du Tome XXIX des 
Mém. cour. de l’Acad. royale de Belgique). 

349. A dictionary of english Etymology, by Hensleigh Wedg- 
«wood. Vol. I. (A—D). London. gr. 8°. 530p. 148. 

Wir werden auf dies Werk später zurückkommen. 

350. A glossarial Index to the printed english literature of 
the thirteenth century, by Herbert Coleridge. London. 8°. VII, 
102 p. 

g "oben p. 236 ff. die Anzeige dieses Buches. 

351. A Glossary or Collection of words, phrases, names, and 
allusions to customs, proverbs etc. illustrating the works of eng- 
lish authors, particularly Shakespeare and his contemporaries; 
by Rob. Nares. New. ed., with considerable additions both of 
words and examples, by J. 0. Halliwell and Th. Wright. 2? Vol. 
London. 8°. 1000p. 288. 

352. A select Glossary of english words used formerly in 
senses different from their present, by Rich. Cheneviz Trench. 
London. 12°. 240p. 4s. 

Dies Buch wird von der englischen Kritik sehr gerühmt. Der Verf. weist 

32 * 


484 Bibliographie. 


bei 5— 600 Wörtern den Weg, welchen sie in ihrer Bedeutung durchlaufen 
haben, nach, indem er eine grofse Anzahl selbstgeschöpfter Belege aus alien 
Autoren gibt. Etymologische Untersuchung geht selbstverständlich Hand in 
Hand mit der Nachweisung des Sprachgebrauchs, welcher zugleich viel kul- 
turgeschichtliches Interesse darbietet. Die Darstellung ist sehr anziehend. 
Schon nach einem halben Jahr erschien eine zweite Ausgabe. S. Atkenaeum, 
July und Lit. Gaz., July. 

353. Gleanings from writers of the seventeenth century, illu- 
strative of proverbs, words etc, 

In: Notes & Queries, Vol. VIII, p. 6 ff. und p. 22 f. 

854. A Dictionary of modern slaug, cant and vulgar words 
used at the present day in the streets of London, the universities 
of Oxford and Cambridge, the houses of Parliament, the dens 
of St. Giles and the palaces of St. James, preceded by a History 
of cant and vulgar language, from the time of Henry VIII. show- 
ing its connection with the Gipsy tongue; with Glossaries of 
two secret languages spoken by the wandering tribes of London, 
the costermongers and the patterers. By a London Antiquary. 
London. 12°. 160p. 4s.6d. 

Der lange Titel zeigt den Inhalt des kleinen interessanten Buches voll- 
kommen an. Der Verf. hat die über den Gegenstand vorhandene Literatur 
mit grofser Sorgfalt benutzt, wie er denn fast 100 von ihm befragte Werke 
aufführt; zugleich hat er aber nicht minder aus dem Leben selbst geschöpft 
und so manches neue Material gewonnen; durch Seven dials chanters und 
Borough patterers, mit denen der Verf. im Interesse eines andern, von ihm 
beabsichtigten Werks (einer History of cheap and popular literature) sich in 
Verbindung gesetzt hatte, brachte er 3000 „cant and flash words“ zusammen. 
Athenaeum, July. Zusätze und Berichtigungen enthält ein Art. in Notes $ Q 
Vol. VIO, p. 490 ff. _ 

355. Glossary of the words and phrases of Cumberland, b 
W. Dickinson. London. 12°. 152 p. ?2s. 

356. Glossary of supposed Americanisms, by Alfr. Eloyn. Phi- 
ladelphia. 8°. 122p. 4s.6d. 

Auch von Russel Bartlett's Dictionary of Americanisms ist eine neue ve. 
mebrte Auflage erschienen. London. 8°. | u | 


VII. Kulturgeschichte. 


397. Curiosités de l’histoire des croyances populaires au mo- 
yen-äge. Superstitions et Croyances populaires. Le Juif errant. 
Les blasphémateurs. Les démons de la nuit. Les sorciers et le 
sabbat. Le boeuf gras. Les origines du mal de Naples. Par P. L. 
Jacob, bibliophile. Paris. 12°. 324p. 2 Fr. 

358. Moeurs et coutumes de la vieille France. La Gagote de 
Biaritz. Le Jugemage. La Bête du Gévaudan. Les deux duels 
de l’évêque. Le Racoleur du quai de la Ferraille. Le Chirurgien- 
barbier de Périgueux. Le Soustraitant des fermes et gabelles. 
Le Prébendier. Par Mary-Lafon. Paris. 12°. 303p. 3 Fr. 


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A TON, 


VII. Kulturgeschichte. 485 


359. Blason populaire de la Normandie, comprenant les pro- 
verbes, sobriquets et dictons relatifs à cette ancienne province 
et Ha ses habitants; par A. Cane, 2 Vol. Rouen. 8°. XXV, 467 p. 
64 Fr. 

t In 400 Exemplaren. 

360. Port-Royal; par C. A. Sainte-Beuve. T.IV et V. Paris. 


8°. 1187p. 15 Fr. 
Der erste Band erschien 1840. 


361. Manners and Customs of the English nation from the 
invasion of Julius Caesar to the present time; by J. Brookes. 
London. 12°. 280 p. 

362. Munimenta Gildhallae Londoniensis; edited by AH. T. Ri- 
Zey. In 3 Vol. Vol. I. containing Liber Albus, compiled A. D. 
1419, with two illuminated facsimile pages, a descriptive and 
historical introduction and a summary of the contents. London. 
8°. 82. 6 d. 

In diesem merkwlirdigen Buch finden sich alle möglichen Documente, 
wie sie nicht blofs Verfassung und Öffentliches, sondern auch Privatleben und 
Sitten betreffen, aus einem Zeitraum von mehr als hundert Jahren, von den 
Anfängen der Regierung Edwards I. bis zur Mitte der Richards II., verzeich- 
net. Der Compilator war John Carpenter, wahrscheinlich gegen Ende der Re- 
gierung Edwards III. geboren, Jurist, town-clerk der London Corporation und 
Mitglied des Parlaments, zugleich einer der Testamentsexecutoren Whitting- 
ton's. Die Ausgabe selbst, sowie die Einleitung wird sehr gerühmt, und von 
einem so competenten Richter als Pauli, in Sybel’s histor. Zeitschr., Heft 2. 
Vgl. auch Athenaeum, March und Liter. Gaz., April. 

363. La nationalité roumaine d’après les chants populaires, 
par Mad. la comtesse Dora d’Istria. 

In: Revue d. deux Mondes, Mars. 

Auf Grund von Basile Alexandri’s Rumänischen Balladen, Jassy 1852-— 
1853; ins Französische übersetzt, Paris 1855. (Eine gute deutsche Uebers. 
von W. v. Kotzebue erschien Berlin 1857.) 

364. Nouvelles recherches sur l’origine des cartes à jouer, par 


R. Merlin. 

In: Revue archéol., XVI° Année. 4°, 5°, 12° livr. (1860). 

Nachdem der Verf. die Ansichten zurückgewiesen, welche unsern Spiel- 
karten einen arabischen, indischen oder chinesischen Ursprung beilegen, er- 
klärt er sie für eine italienische Erfindung des 14. Jahrh. Er beweist diesen 
Satz, indem er zunächst die grofse (und allerdings ganz unläugbare) Ueber- 
einstimmung der Karten des Mantegna (1430-1506) mit den venezianischen 
Tarockkarten darlegt; dann zeigt, dafs zu derselben Zeit wenigstens als die 
eigentlichen Spielkarten zuerst in Europa vorkommen (Ende des 14. Jahrh.) 
auch die Existenz ähnlicher Karten als die des Mantegna urkundlich sich 
nachweisen läfst, Karten, welche zum Spiel für Kinder, zugleich mit der pä- 
dagogischen Absicht über das Bereich der Wissenschaften ihnen einen Blick 
zu eröffnen, gebraucht wurden und zu diesem Zwecke erfunden waren. Die 
Karten des Paduaner Mantegna werden hierbei ausführlich beschrieben und 
zum Theil durch Zeichnungen illustrirt; 5 Serien & 10 Karten sind es: von 
welchen Serien die 1te die Gestirne sammt Prima Causa, die 2te die Tugenden 
die 8te die Wissenschaften, die 4te die Musen mit Apollo, die bte die Stände 
darstellt. (Diese Beschreibung bietet auch im speciellen Hinblick auf die mit- 
telalterliche Literatur mannichfaches Interesse.) — Aus dem venezianischen 
Tarock leitet dann der Verf. alle andern europäischen Kartenspiele ab, welche 


486 Bibliographie. VIII. Kulturgeschichte. 


sich sehr bald aus jenem oder vielmehr seiner reducirten Form, dem #rappola, 
entwickelt hätten. Der Schlufs handelt von der ursprünglichen Fabrication 
der Karten. 

865. Curiosités théâtrales anciennes et modernes, françaises 
et étrangères, par V, Fournel.. Paris. 16°, XII, 404 p. 

Handelt namentlich von Decoration, Kostüm, Gebäuden, Privattheatern 
(Theater der Collegien), viele Anekdoten mittheilend. S. Askenaeum, Oct. 

366. Parallèle des principaux théâtres modernes de l’Europe 
et des machines théâtrales françaises, allemandes et anglaises; 
dessins par A. Constant, texte par J. de Filippi. Paris. Fol. 1° et 
2° livr. à 5 Fr. 

367. Dramatic Reminiscences; or, Aectors and Actresses in 
England and America, by G. F’andenkaff. Edited, with a preface, 
by H. Seymour Carleton. London. 8°. 78. 6 d. 


m 


Aldrich, Th. Baily, Lyr. 402. 

Alfons X., Vers seiner Cäntigas 63. 

Alfric 222. 

Allegorische Dichtungen 848 f. 865 f. 

Altfranz. Gedicht: Les 4 complections 
mitgetheilt 354 f. 

Andilla, Fabeldichter 427. 

Angelsächs. Glossen 222 f. 

Ariost, in Span. nachgeahmt 425. 

Arnaut Daniel 282. 

Avadänas, 2 Parabeln daraus 830 f. 

Avellaneda, Gertr. de, Dram. 427. 

Aytoun, The Ballads of Scotland 
angez. 204 ff. 


MBaeza, Pasc. Fern., Fabeld. 427, 

Balladen, engl. und schott. 107 ff, 
schott. 204 ff. Cospatrick 109, The 
nutbrowne maid 118 f., The vision 
216, The Marchionness of Dou- 
glas 217, Fair Annie 218. 

Balladmongers 108 £. 

Ballesta, Alf. Sanchez de la, 78. 

Ballot y Torres, catal. Grammat. 247. 

Barahona de Soto 424. 

Baret, Du poème du Cid angez. 225f.; 
245. 

Barlaam u. Josaphat, geistl. Roman, 
seine Quelle die Biographie des 
Buddha 314, Nachweis durch Ver- 
gleichung beider 815 ff, Abwei- 
chungen 834; andre buddhist. Ue- 
berlieferungen, Sagen und Para- 
beln hineingewebt 328 ff. 

Barros, Alf. de, span. Sprichw. 78. 

Barrowcliffe, J., Rom. 879. 

Baudouin de Condé, Trouvère 88 f. 

Becket, Thomas, Abstammung, Cha- 
rakter 858 f. 

Beecher, H. Ward, 898. 897. 

Benavente, Fern. de, span. Sprichw. 
78. 

Bennett, W. C., Lyr. 888. 

Benoit de Sainte-More, sein Rom. 
d'Eneas Original von Veldeke’s 
Eneit 2, vergl. mit diesem u. mit 
Virgil 2 ff, Resultate der Verglei- 
chung 89 #. ; Verhältnifs zum Rom. 
de Troie 89; Virgil als Quelle 
nicht gen. 40. 

Bernaldez, E., Kriegsgesch. 419. 

Bernart, Troub. 284. 

Bersezio, Rom. 406. 


Register. 


Bestiaires 8344 f. 

Biorci, Dom., 407. 

Boccaccio, Corbaccio 267, 272; De- 
cam. 388. 

Böhl de Faber, Floresta 148. 154 ff. 

Bofarull, catal. Spr. 248. 

Boscan 271 f. 

Breton de los Herreros, Dram. 428. 

Breviari d’Amor, Inedita aus dems. 
mit Uebers. mitgetheilt 335 ff. De 
las preciosas 386 fl., plantas 342, 
auzels, peychos, bestias 845 ff., 
complexios 865 f. 

Brofferio, Aug., 406. 

Browning, Lyr. 886 f. 

Bryant 400 f. 

Bulwer, Edw. Lytton, 878 ff. 877. 
408. 

Bulwer, Bob. Lytton, 388. u. s. Me- 
redith. 

Burns 125. 

Burriel 418. 

Bushnell, Hor., 897. 

Butler, W. Allen, 396. 


Byron, in Span. nachgeahmt 425. 


Calmeiro, Man., 422. 

Cambouliu, Essai sur l'hist. de la 
littér. catal. 246 f., seine Ausg. 
der Comed. de la gloria d’amor 
278. 

Camoens 119, in Span. nachgeahmt 
425. 

Campillo, Narc., Lyr. 424. 

Campillo y Casamor, Tor. del, 429. 

Cangoner d’amor, catal. der Pariser 
Bibl., 280. 

Canestrini, seine Ausg. des Guicciar- 
dini 294. 

Caüete, Man., Lyr. 424 f. 429. 

Capern, Edw., Lyr. 388. 

Capmany 247. 

Carcano, Giul., Lyr. 410. 

Carena, Giac., Philol. 412. 

Caro y Cejudo, span. Sprichw. 78. 

Castelar y Ripoll, Em., Gesch. 415 f. 

Castillo y Alba, Enr. del, Lyr. 424. 

Castillo y Ayensa, Jose, Gesch. 422. 

Castro, Ad. de, Gesch. 418 f. 

Castro, Perez de, Geogr. 419. 

Catalanische Literatur 241 ff., ihre 
Auferstehung 242 f.; Literatur- 
gesch. ders. 248 ff.; " Volkspoesie 


254; Anfänge der eigentl. Natio- 
nallit. 255 ff., I. Periode 258, hi- 
stor. u. didact. Richtung 258 ff., 
Legenden 261, Marienlieder 262; 
II. Periode, Beginn der Kunstlyr. 
in catal. Spr. 268, Ursachen ihrer 
Entwicklung u. ihr Charakter 264 f., 
Einfitisse der franz. u. ital. Poesie 
266 f. der castil. 267, Drama 268; 
III. Periode, kurze Blüthezeit 268 ff., 
Sieg der castil. Literatur, Unter- 
gang der catal. 270 f. Universell- 
literargesch. Bedeutung ders. 272. 
— Lyrik, Vers, Dichtungsarten, 
den Provenz. nachgebildet, einzeln 
aufgeführt 284 f., Geleite 286, 
Kunstausdrücke in Bezug auf Stro- 
phe und Reim 286 f., rims cars 
287, 

Catalanische Sprache frliher identifi- 
cirt mit dem Provenz. 248, als Dia- 
lect dess. betrachtet 244. 248, als 
selbständiges Idiom anerkannt 245, 
die Frage der Selbständigkeit er- 
örtert 247 ff., Alter 248, Eigen- 
thümlichkeit 249, Ursachen der 
Verwandtschaft mit dem Provenz. 
und der Verschiedenheit von ihm 
252; verglichen mit dem Castil, 
271. 

Catalanische Sprichwörter mitgetheilt 
81. 

Cato, Distichen 51. 

Cereseto 411. 

Cesari, Novelle 98. 

Channell, Miss, Rom. 377. 

Chanson de Roland, Beziehungen zu 
dem Poema del Cid 225 f. 

Chartier, Alain, ins Catal. übers. 266. 

Chenier, A., in Span. nachgeahmt 425. 

Child, Engl. and Scott. Ballads angez. 
105 f. 

Ciconi, Teob., Dram. 406. 

Cid, Crönica del C., ihr Vers 61, 
Poema del C. sein Vers 61. 70; 
Verhältnifs zur Chans. de Roland 
225 f. 

Clonard, Graf v., Gesch. 419. 

Coleridge, Gilossarial Index angez. 
236 ff. 

Comedia de la gloria d’amor s. Ro- 
caberti. 

Conde Lucanor 68. 883. 

Constanzo, Salv., Gesch. 415. 

Cooke, J. Eston, Rom. 395. 

Corminas, Juan, 248. 


Register. 


Cortes y Luefia, Luis, Lyr. 424. 
Cozzens, Fred. S., 401. 
Crescentia-Sage im Orient 180 f. 
Crowe, Mrs., Rom. 879. 


Dacarrete, Dram. 427. 

Dana, Rich. H., 401. 

Dante in’s Catal. übers. 267, nach- 
geahmt 274 ff., seine polit. Ansich- 
ten 293. 

Desclot 258. 

Dickens 884. 885. 408. 

Dozy 67. 

Dyce, Ausg. v. Shakesp. angez. 115 ff. 


Mdelsteine, Werke dartiber im Mit- 
telalter 385 f. u. s. Breviari d’am. 

Eguilaz, Dram. 432. 

Eliot, G., Adam Bede875 ff., Auflös. 
des Pseudonyms 876. 

Englische Lexicographie 287 f. — 
Vocabulare 223. f. — Wortschatz, 
Verhältnifs des Deutschen u. Fran- 
zösischen 239. 

Englische Nationalliteratur i. J. 1869, 
369 ff., Ueberblick 370, Epos871f, 
Roman, 873 ff., Politische Litera- 
tur 882 f., Reiseliteratur 8384 f., 
Londoner Skizzen 385 f., Lyrik 
387 f. (Naturdichter 388), Drama 
u. Theater 890 ff. 

Escosura, Patricio de la, Gesch. 422. 

Establimientos de 8. Jacobi 68. 

Evans, Augusta J., Rom. 400. 


Faber, Felix, Evagatorinm 24. 

Falconer, E., Dram. 391. 

Farini, Gesch. 412. 

Farrar, F. W., Lyr. 389. 

Febrer, Andrea, übers. Dante 267. 

Febrer, Jaume, 261. 

Fernan Caballero 438. 

Fernandez y Gonzalez, Man., Lyr. 
424. 426 f., Rom. 481. 

Ferrari, Paolo, Dram. 406. 

Ferrer del Rio, Dram. 427. 

Florez 418. 


Gfalanti, F. V., Lyr. 408. 

Galiano, Alcalé Ant., Gesch. 421. 
426. 

Gallicische Sprichw. mitgetheilt 80. 

Garnier de Pont Sainte - Maxence, 
sein Ged. La vie de St. Thomas 
herausgegeben v. Hippeau, angez. 
358 ff., Beurtheilung Garnier’s 360, 
der Ausg. 861, ein Auszug mitge- 
theilt 362 ff. 


m 


Register. 489 


Garrett, in Span. nachgeahmt 425. 

Geibel, in Span. nachgeahmt 425. 

Gervinus 245. 257. 

Gesta Romanorum 93. 

Giacometti, Paolo, Dram. 405. 

Göthe, in Span. nachgeahmt 425, sein 
Werther übers. ins Ital. 407. 

Gongora 426. 

Gongora, Man. de, Gesch. 421. 

Gonzalez, Fr. Fernandez, 429 f. 

Grundtvig 180 ff. 

Guerrazzi, Rom. 406. 409. 

Guiceiardini, sein Leben u. Charakter 
294 ff.; seine unedirten Werke, 
Considerazioni int. ai disc. di Macch. 
296 Æ, Ricordi 803 ff. (die von 
persönl. Interesse 810 £.) 

Guillamas y Galiano, Gesch. 419. 

Guillem de Cabestanh, Troub., 281. 


Hadloub 124. 

Hartzenbusch 427. 429. 

Hecastus, engl. Moralität, 832. 
Heïfferich, Raymund Lull 246 ff. 
Heine, in Span. nachgeahmt 425. 
Hesiod 187 f. 

Heros, Martin de los, Gesch. 420 f. 
Herrera 424. 

Hippeau s. Garnier. 

Hita, Erzpriester v., 68 f. 

Holland, J. G., 402 u. s. Titcomb. 
Holmes, O. W., 894. 898. 408. 
Honein ben Ishak, Apophtegm. 256. 
Horaz 122. 
Howard, Rom. 881. 

Hugo, Victor, 391. 

Huntington, F. D., 898. 


Jacob der Eroberer, Llibre de la 
Saviesa 256, Chronik 257 f. 

Jafuda, Sprüche 256. 

Jaufre Rudel, Troub., 282. 

Jean de Batery, Trouv., handschr. 
Ged. 82. 

Jean de Condé, casanatens. Handschr. 
von 21 Gedichten desselben 82, 
Leben 83 f., Beschreibung der Ge- 
dichte 85 ff.; sein Dit du Magni- 
cat, verwandte Erzählungen 98, 
das Dit mitgetheilt 93 ff. 

Jewsbury, Ger. E., Rom. 377. 

Iriarte 427. 

Italienische Nationalliteratur im J. 
1859, Drama 404 ff. Roman in 
Prosa und Versen 406 ff, Lyrik 
407 f., Uebersetzungen 410 f., 


Philologie und Geschichte 411 f., 
Nekrologe 412. 
Johannes von Damascus 814. 
Johannes de Garlandia 222. 
Johann von Mailand 51 f. | 
Jordy 267, Los enuiges, ined. Ged., 
mitgetheilt 288 ff. 
Juan Manuel 68. 


Kalila ve Dimna, Parabel daraus 
127. 

Keese, Oline, Rom. 878. 

King, Th. St, 401. 

Klopstock, ins Ital. übers. 412. 

Krause, seine Philosophie in Span. 
428 f. 

Kräuter, Werke darüber im Mittel- 
alter 848. 


Huafuente, Modesto, Gesch. 416 f. 

Lafuente, Vicente, Kirchengesch. 418. 

Lamartine, in Span. nachgeahmt 425. 

Lemene, Franc. de, Sonett mitgeth. 
126. 

Lenient, La Satire en France angez. 
227 fl. 

Leopardi, in Span. nachgeahmt 426. 

Lester, H. J., Rom. 379. 

Leys d’amor 264. 280. 

Longfellow 895 f. 

Lovesy, Rom. 881. 

Lull, Ramon, 258 ff. 

Lutti, Francesca, 407. 


Machiavelli 298, Discorsi 296 f. 

Mackay, Ch., 884, 

Mac Lauchlan, Th., Notices of an- 
cient Gaelic Poems übers. im Aus- 
zug mitgetheilt 189 ff. 

Macpherson 3. Ossian. 

Maddyn, Owen, 383. 

Madrazo, Pedro de, 422. 429. 

Märchen von den zwei Brüdern 186. 

Maffei, Andr., 407. 411. 

Mahabharata, Parabel daraus 127 ff. 
831. 

Mallam, G., Dram. 390. 

Mal-Lara, Juan de, span. Sprichw. 
48 f., 56. 76 ff. 

Malvezzi-Carniani, Teresa, 412. 

Mameli, Goffr., Lyr. 408. 

Manzoni 410. 

March, Ausias, 243. 269. 271. 

Marmol, José, sein histor. Rom. Ama- 
lia 164 ff., geschichtl. Quelle 166, 
literarhistor. Bedeutung 167, In- 
halt 168, Probe in Uebers. 169 fr. 


490 Register. 


Martineau, Harriet, 884 f. 

Martorell 269 f. 

Mata, Pedro, Philos. 428. 

Matfre Ermengau, Troub., 386 ff. 

Meredith, Owen, Lyr. 887 f. 

Michelant 366 ff. 

Milé y Fontanals 244. 

Mill, John, 882. 

Minstrels 212 f. 

Miraflores, Marq. de, Gesch. 420 f. 

Molins, Marq. de, Lyr. 424. 428 f. 

Montaudon, Mönch v., Troub., 291 f. 

Montignani, A., Dram. 405 f. 

Motherwell, über die Herausg. v. Bal- 
laden 207 ff. 220. 

Moore, Th., ins Ital. übers. 407, in 
Span. nachgeahmt 425. 

Muntaner 245. 258. 

Musset, Alfr. de, 251. 


Neal, Rich., Dram. 390. 

Neckam, Alex, 222. 335. 

Niccolini 408 f. 

Niebuhr 138 f. 

Nordamerikanische Literatur im J. 
1858, Vorwiegen der religiösen Li- 
teratur 393 f., Roman 394 f., Ge 
dichte 895 f. — im J. 1859, Re- 
ligiöse Literatur 397, humoristische 
898, linguistische ibid., Roman 
899 f., Reisen 400 f., Gedichte 
401 f., Journalismus 408. 

Nuñez de Arenas, Is., Philos. 423. 

Nuñez, Hern., span. Sprichw. 76. 


Oliver, Man. u. Jose, Gesch. 421. 

Ossian, die Frage der Aechtheit nach 
Talvj 188 ff., Kritik ihres Resul- 
tats und Modification desselben 
187 f.; Benutzung gäl. Mscr. durch 
Macpherson 188, vorhandenes Mscr. 


189, Schrift darüber von Mac ' 


Lauchlan 189 f., Resultate ders. 
für die Frage 198 ff. 
Ovid. 125. 


Pacheco, Franc, 422. 429. 
Palmireno, Lor., span. Sprichw. 77. 
Palou, Dram. 427. 

Partington 898. 

Paton, Bart. Xim., span. Sprichw. 78. 
Percival, J. G., 401 f. 

Peretti, A., Lyr. 407. 

Peter IV. von Aragon. 258. 
Petrarca 267. 

Physiologi des Mittelalters 844. 


Poe, Edg., 401. 

Poliziano 485. 

Portugiesische Sprichwörter mitge- 
theilt 81. 

Power, Miss, Rom. 880. 

Prati, Giov., Lyr. 407. 409 £. 

Prentice, G. W., 898. 

Prescott 395. 

Provenzalische Poesie, ihre Auferste- 
hung 241 f.; ihre innige Beriebung 
zum gesellschaftlichen Leben 258; 
herrscht in Catalonien 258. 262, 
nachgebildet dort 268 f., 284 f.; 
ihr Verfall 264. — Prosa 272. 

Provenzalische Sprache, Verhältniß 
zur catalanischen 248. 247 ff. 252, 
als künstliches Product der Troab. 
betrachtet 248. 


HRabelais 285. 

Racine 406. 

Raynouard 241; Lesarten zu seinem 
Lexique I, p. 520 und Ergänsung 
der Stelle 841 f. 

Reade, Ch., Rom. 878. 408. 

Real, real 119 f. 

Reinmar von Zweter 125. 

Ricciardi, G., Lyr. 408. 

Rioja 424. 427. | 

Rocaberti, Fra, 274; seine Consé 
de la gloria d'amor 266 f., et 
der Abfassung 278, Analyse 274f- 
Vers 275 u.passim, Vorbilder 27 f, 
Wichtigkeit 280. 

Rodriguez, Jose, 242. 

Roig, Jaume, 269. 

Roman d’Eneas s. Benoit. — & ls 
Poire, Handschr. 865, Inhalt 866 
ff., Namenräthsel 368. — de ls 
Rose Handschr. 82; in Catalon. 
266. 278. 

Romanin, Gesch. 411. 

Romanische Sprachen, ihre Ente 
hung 249 ff. 

Ropolo, Lodov., Rom. 407. 

Rosellini-Fantastici 412. 

Rubf 427. 


Sala, Aug., 886 f. 

Samaniego 427. 

Sanchez de las Brozas 485. 

Sancho el Bravo, Libro de cars” 
67 f. 

Santillana, Marq. v., span- Spriebr. 
47, seine Sammlung derselben 81. 
69. 75. 


Register. 491 


Sanz del Rio, Jul., Philos. 428. 

Sarmiento, span. Sprichw. 46. 67. 
71. 79. 

Saxe, J. G., 401. 

Scott, W., 166; über Ossian 188. 
185; 399, 481. 

Seneca, Proverbia 51. 

Shakespeare, Ausg. v. Dyce angez. 
115 ff., Vorwort der Fol. A. 116, 
Werth ders. ib. 

Simms, W. Gilm., Rom. 899. 

Simonet y Baca, Rom. 481. 

Sismondi 243. 

Smith, Car. Mary, Rom. 880. 

Spanische Liedchen mitgeth. 67. 

Spanische Nationalliteratur in den 
J. 1858—59, allgem. Aufschwung 
412 f., histor. Liter. besonders be- 
vorzugt 414, Universalgesch. 415 f., 
Nationalgesch. 416 ff., Localgesch. 
418 f., Kriegsgesch. 419, Biogra- 
phie 420 f., Archäologie 421 f., 
Gesch. des Auslands 422, Bibliogr. 
ibid., Akademie der Gesch. 428; 
philos. Werke 428 f.; Lyrik 424 
ff.; Fabel 427; Drama 427 f.; kri- 
tisch-liter. Arbeiten 428 f.; Aka- 
demien 429; Roman 480 f.; Bi- 
bliotheken u. Bibliogr. 434 f. 

Spanische Sprichwörter, verschiedne 
Namen ders. im Mittelalter 46; 
spiegeln die Formen der Volkspoe- 
sie ab 47 ; Entstehung der Sprichw., 
Ueberlieferung u. Vervollkommnung 
(durch die literar. Kultur) 48 ff., 
Etymol. von refran 50; latein. 
Sprichw. im Mittelalter, aus dem 
Alterthum überliefert u. neugebil- 
det 51 ff.; mit der Bildung der 
Vulgärsprachen erscheinen auch die 
Sprichw. in deren Formen 54; Cha- 
rakter des Sprichw. 55; Metrische 
Form u. Reim, durch den Cha- 
rakter gefordert, entlehnt der Volks- 
poesie oder der latein.-kirchl. Dich- 
tung 55 f.; Wirkung der Sprichw. 
auf die Nation 57; Identität ders. 
auf der ganzen Halbinsel und Ge- 
meinsamkeit des Kunstausdrucks 
58. 80; Bedeutung für die Gesch. 
der Volkspoesie 58 f.; Versmals 
der Sprichw., Reim u. Cäsur 59, 
einzelne Versmafse, vom Siebzehn- 
silbler bis zum Fünfsilbler u. Mo- 
nometren 60 ff.; Einflufs der la- 
tein.-kirchl. Dichtung auf die span. 


_Versmafse 69, Sarmiento’s Ansicht 
über den Ursprung ders. aus den 
Sprichw. zurückgewiesen 71 fl: 
Sammlungen span. Sprichw. 75 ff.; 
Einfiufs ders. auf die Liter. 79 f. 
Spurgeon 898. 
Stefani 407. 
Stowe, Harr. Beecher, 899. 408. 
Strafforello, Gust., Uebers. 411. 
Stricker 98. 
Svanhildsage 183. 


T'alvj 183 ff. 


Tarpeja-Sage 188 ff. 


Taylor, Bayard, 400. 
Taylor, Tom, Dram. 391. 
Tennyson 871 ff., 386. 887. 
Theater, mittelalterl., 268. 
Tibaut de Champagne, Trouv., 868. 
Ticknor 244. 257. 

Titcomb, Tim., 898 f., 397. 
Torres y Amat 243. 
Trollope, Ad., 884. 
Trollope, Ant., Rom. 878. 
Trueba, Lyr. u. Nov. 433 f. 
Tuñon, Elias, Gesch. 421. 
Turmeda 261. 


Uhland 124. 


Waldes, Juan de, span. Sprichw. 46. 
48. 50. 77. 

Valencianische Literaturgesch. 242 f. 

Valera, Juan, Lyr. 424 ff. 

Valles, Pedro, span. Sprichw. 52. 75. 

Valls, Mar. Gonz., Rom. 432. 

Vannucci, Gesch. 412. 

Vega, Lope de, Semiramis 140. 

Velazquez 248. 

Veldeke, seine Eneit verglichen mit 
dem Rom. d'Eneas p. 2 ff., Resul- 
tat der Vergl. 40 f.; Verhältnifs 
zu Virgil 4. 88. 40 f. 

Ventura, Giov., 407. 

Vida, Hieron., 486. 

Vila y Goiri, Franc., Lyr. 424. 

Villarroya 257. 

Villemain 245. 

Virgil, Aeneis vergl. mit dem Rom. 
dEneas p. 2 fl.; ins Ital. übers. 
410; s. auch Veldeke. 

Virués, Crist. de, sein Ruhm 189, 
neue Ausg. seiner Semiramis 139 
ff., ästhet. Bedeutung ders. 141, 
Verbesserungen von Druckfehlern 
der Ausg. 148 f. — Beschreibung 


492 Register. 


der Originalausg. seiner Obras trä- 
gicas y liricas 144 ff., seine Or- 
thographie 146 f.; seine lyr. Ge- 
dichte enthalten reiches biogr. Ma- 
terial 147; sein Leben danach 148 
ff. — Seine Egloga auf die Schlacht 
von Lepanto 148; sein Monserrate 
149. 151 f. 154. 162, seine Epi- 
stel an seinen Bruder Géronimo 
154 fi. 





Walther von Biblesworth 223. 

Warburton, Egerton, Lyr. 889. 

Willis, N. P., 398. 

Wolf, Ferd., 244 f., 256. 257. 280. 

Wright, Th., Vol. of Vocabularies 
angez. 221 ff; 288. 


Ximenes, Patriarch v. Alex., 261. 
Ximeno, Vincente, 242. 


Marzuela, Herrschaft ders. 428. 


— 


Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin, Grünstr. 18. 


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